Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

In den letzten 20 Stunden habe ich mich in einer Weise mit #aufschrei beschäftigt, die mir nun mit etwas Distanz merkwürdig vorkommt. Ich möchte gerne etwas richtig bzw. klar stellen.
Wer mir oder dem Hashtag #aufschreistat folgt, oder auf der Mailingliste mit liest, hat sowohl von mir als auch von anderen in dem Zusammenhang Worte wie cool, geil, juhu, Spaß, ect. gelesen. Wir waren damit beschäftigt, die Tweets geordnet zu sammeln, und jeder Tweet, der unsere Sammlung vervollständigt hat, war somit ein Erfolg.
Doch bei #aufschrei geht es in jeder Hinsicht um Negatives. Entweder erzählen Menschen von Ungerechtigkeit, Leid, Demütigung und Gewalt, die sie erfahren haben.  Oder Menschen teilen ihre Empathie, ihre Schuldgefühle, ihre Scham oder ihre Hilflosigkeit demgegenüber mit. Noch andere ignorieren dies, rechtfertigen es, machen sich darüber Lustig oder üben ganz direkte verbale Gewalt aus. Was auch immer davon der Inhalt sein mag, ein #aufschrei-Tweet ist per Definition niemals erfreulich.
Die Arbeitsweise hat es bedingt, dass wir hier mit Programmcode arbeiten, mit Datenbankschemata, API-Aufrufen, Objekten, etc. Die Inhalte der Tweets waren zwar sichtbar, aber liefen zu hunderten pro Sekunden über meinen Bildschirm. Da gab es für mich – ausnahmsweise – mal keine Inhalte, keine Emotionen, keine Menschen und Schicksale.
Wenn es so weitergeht wie es uns derzeit vorschwebt, kommen am Ende viele Ergebnisse heraus. Zuallererst fallen da Zahlen ein, nicht nur die Gesamtzahl der Tweets, sondern auch, dass in über 620 davon das Wort „Lehrer“ vorkommt, aber nur in 23 das Wort „Pfarrer“ oder „Priester“. Prozentsätze, Durchschnittswerte, Alterscluster, was weiß ich..?
Dann kommen Kategorien heraus. Alle Berichte über nicht-einvernehmliches Küssen auf einmal. Alle über das Absprechen von Fähigkeiten. Alle über Missbrauch innerhalb der Familie. Diese Kategorien lassen sich zählen und stellen somit wiederum harte, numerische Fakten dar. Aber die zugehörigen Berichte lassen sich dann auch einsehen, die Inhalt wird dann in ganz besonderer Wucht wahrnehmbar werden. Ohne die umgebenden „eher harmlosen“ Tweets, ohne die Diskussions- und Dabattiertweets, ohne die Meta-Aussagen, ohne Trollerei und Verneinung können diese Mengen an Texten eine Intensität erreichen, die für viele Leser_innen vermutlich nicht mehr erträglich ist. Aber gleichzeitig können Sie evtl. einige Menschen erweichen, die #aufschrei jetzt noch für einen Witz oder Hysterie halten.
Letztlich erhoffe ich mir von diesem Projekt also, zwei entgegengesetzte Auswirkungen: mehr geballte Fakten und mehr geballtes Gefühl. Für jeden Rezipienten, für jede Situation, für jede Verwendung in den Medien jeweils das, was gebraucht wird.
Ich denke, es wird daraus klar, dass die Distanzierte, ja geradezu euphemistische Betrachtung der Tweets als bloße Datenpakete nicht darauf hindeutet, dass ich oder sonst jemand die Lage nicht ernst genug nimmt. In den nächsten Tagen werde ich mich wieder sehr vermehrt den Inhalten, den dahinter stehenden Erfahrungen und Empfindungen beschäftigen. Mein Sprachgebrauch wird dabei sicher weniger euphorisch sein.
Erstaunlicherweise hat auch noch niemand diese potentielle Problematik beanstandet, aber es war mich wichtig, das am besten schon zuvorkommend klarzustellen. Damit ich jetzt endlich auch beruhigt zu Bett gehen kann.

Ein Gedanke zu „Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

  1. Also so spannend ich das hier finde, und so gerne ich mitgemacht hätte: Dieses Geheule darüber wie schlimm doch alles ist verdirbt mir gehörig das Interesse. Entweder man ist Wissenschaftler, und dann sollte man auch wie einer schreiben, oder man ist es nicht, dann ist das Projekt eh egal.
    Die Aufschrei-Sache war weder „schlimm“ noch besonders groß, selbst wenn man davon ausgeht dass jeder #aufschrei-Tweet eine Beschwerde war. Da muss man doch nicht den Internet-Feministen nach dem Maul reden und im Vorfeld schonmal klar stellen wie traurig doch alles ist. Wäre ja frauenfeindlich wenn die Ergebnisse anders ausfielen, oder wie?
    Na ja. Ich bin gespannt was hinten rauskommt, aber die Interpretation sollten echt andere Leute machen; nicht du, und auch nicht Leute von deinem Schlag. Ich hoffe das ist jetzt nicht zu unhöflich, aber das Letzte was der ganze Feminismus-Kram braucht ist *noch* mehr Emotion und Hass.

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