Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.
Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.
Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.
Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.
Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.
Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.
Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.
Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.
Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.
Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.
Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.
Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.
Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.
Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.
In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?
Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.
Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:
Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.
Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.
Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.
Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.
Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“
Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.
Klopfer sagt…

5 Gedanken zu „Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

  1. So eine fucking scheiß Situation.
    Der Psych* (bei dem du die 12 Monate machen sollst) –wollte ich vorhin schon sagen, als ich mir aufm Handy den ersten Post durchlas– ist so ein unerträgliches Arschloch. Er zwingt dich, die Zeit abzusitzen. Er ist so „nett“, dich „nicht von deiner Transsexualität abbringen zu wollen“. (Was an sich tatsächlich vorteilhaft wäre, wäre da nicht der REST.) Aus irgendwelchen Ego- oder Geldproblemen lässt er dich trotzdem antanzen. Und verweigert dir dann das, wofür ein Psych* da ist: emotionale Unterstützung. Oder überhaupt mal antworten! Wenn der diesen Job ausübt, muss er doch verdammt noch eins wissen, was der ganze Scheiß soll.
    Er will nichts von dir hören, was mit Transsexualität oder Hormontherapie zu tun hat? THE ACTUAL FUCK? Was denn sonst?!? Ist doch logisch, dass dich das fertig macht. Boar ey.
    Diese Gatekeeperin: ableistische Psych*, könnte kotzen.
    Sorry, jetzt zum aktuellen Artikel: Ich kann völlig nachvollziehen, warum dich diese 6-12-Monate-Sache (und dieses ganze verdammte medizinische Personal, das seinen Kopf nicht ausm Arsch kriegt) ankotzt. Wie du es sagst: Selbstidentifikation, was bestehen da für Zweifel?? Was gibt es zu diskutieren, wenn eine Person sagt, sie ist trans*? Und die Psych*s haben dir wiederholt bestätigt, dass du es bist, also … hä?
    Okay, anscheinend ist die „Therapie“ dazu gedacht, Leute zu „heilen“. Nun kann eine Person, die ernsthaft was auf sich hält im Jahre 2012 nicht behaupten, es gebe einen „gesunden“ Zustand, der Cis-Sein bedeutet und den „kranken“ der Transsexualität. Das ist einfach mal fachlicher Bullshit. Und wie du schon sagst: selbst wenn man sich in sein Unglück stürzen würde, na und? Also … man sieht es ja kommen. Es ist doch offensichtlich, welchen Weg man einschlägt.
    Das Vorenthalten der Hormontherapie ist doch nur bigotte Scheiße, mit der Leute mit aller Kraft ihr kack Weltbild aufrecht erhalten wollen, in dem es „Frauen“ (NUR mit Uterus und dem Kram) und „Männer“ (NUR mit Penis und dem Rest) gibt. Arr, arrrgh, aah.
    Also ich hab nicht viel beizutragen, außer: was für eine Kacke. Und ich hoffe, du überstehst das alles heil, denn ich weiß, dass ich an deiner Stelle (auch) schon arg mit Depressionen zu kämpfen hätte. Diese völlige Auslieferung an ein sinnloses System und „Expert/innen“. *würg* Alles Gute.

    1. Hey, vielen Dank für deine Rage-Antwort 🙂 Es hilft auf jeden Fall, zu lesen, dass ich nicht die einzige bin, die das alles scheiße findet! Also vielen, vielen Dank für dein Mitgefühl!
      Es ist auch für mich interessant zu sehen, wie du es zulassen kannst, darüber so unglaublich wütend zu sein. Das ist vermutlich die einzig „richtige“ Reaktion darauf, und ich versuche gerade noch, zu verstehen, warum ich selbst als Betroffene mir zwar vornehme, jetzt mal einen Rage-Artikel zu schreiben und trotzdem mit so wenigen Beschimpfungen „auskomme“. Ganz tolle Selbstzensur, die ich da an mir durchführe.
      Und wundert mich eigentlich auch gar nicht. Ich hab mir ja lang genug selbst eingeredet, dass diese Menschen da sind, um mir zu helfen, und um bei den widrigen Umständen das bestmöglich draus zu machen. Wenn sie wollten, könnten sie ja noch viel schlimmer, also haben sie wohl gute Absichten und so… Solange wie ich vorhatte, diese Therapie durchzuziehen, war es für mich auch die einzige Option, mir die Sache möglichst schön zu reden, sonst stünde ich das ja gar nicht durch.
      Jetzt mit etwas Abstand weiß ich zwar, dass es Müll war, aber dieses selbstauferlegt nett sein und mitspielen und vielleicht wirklich hier und da nochmal was gutes daran sehen ist halt noch recht fest in mir Verwurzelt.
      Weißt du, ich war gerade ganz kurz davor, den Psych* in Schutz zu nehmen und zu sagen: „So schlimm, wie du das jetzt auffasst, war’s aber auch nicht, weil…“ Und dann hab ich nochmal kurz nachgedacht, und musste feststellen: Doch, war es verdammt nochmal.
      Zu sehen, dass ich da nicht zu viel wütend bin, sondern eher noch zu wenig, ist gut.
      Es hilft mir zwar auch nicht weiter, am Dienstag mit der Endokrinologin klar zu kommen, aber das kann ich dir natürlich jetzt nicht vorwerfen. Was sie persönlich angeht: sie glaubt halt, dass diese 12-Monats-Sache ein unabänderbares Gesetz ist. Ich kann ja nicht mal mit 100%iger Wahrscheinlichkeit sagen, dass sie damit unrecht hat. Ich weiß gar nicht, wie sehr ich ihr das übel nehmen kann oder soll. Aber vermutlich sollte ich auch das.
      Ganz liebe Grüße,
      Lena

      1. Hey <3
        Also es freut mich erst mal, dass dir die Wut hilft, weil … ach Bedenken hat man ja immer.
        Ich denke, du weißt selbst super gut, warum du dich nicht auf die Art aufregst. Du bist halt noch nicht durch durch diesen nervigen Prozess. Und wie du sagst dient es auch als Selbstschutz nicht zu wütend zu werden, denn wenn du mit solchen verbohrten Leute mit dieser Menge an Wut reden müsstest, das wäre kaum zu schaffen.
        Also irgendwie: mach, was sich am besten anfühlt.^^ Ich denke, zu der Wut wirst du eh auf natürliche Art kommen. Die Psyche entscheidet halt, wann es sicher ist welche Emotionen anzugehen und vielleicht ist Wut für dich gerade eben nicht sicher.
        Für die Endokrinologin wär ne Beratungsstelle toll, die dir sagen kann, welche Optionen du hast usw. :/ Leute, die im Thema drin sind.
        Muss sagen, dass ich selbst sehr eingeschüchtert davon wäre, mich mit medizinischem Personal rumzustreiten, was die jetzt leisten müssen und was nicht.
        Ist halt lächerlich, wenn sie drauf pochen, dass diese und jene Richtlinie eingehalten werden muss … und dann wissen sie nicht mal recht warum oder welche und jede*r Ärzt*in hat 'ne andere Meinung m(

  2. Ich glaube nicht, dass es „eine richtige“ Reaktion gibt. Wenn Du nicht weiter ragen willst, ist das auch ok. Viel Ärgern kann ja ganz andere (negative) gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen. Und irgendwann ist das eigene Ragepotential auch mal aufgebraucht. Dann ist da soviel Scheiße über und keine Kraft zum Ragen. Vielleicht kommt das irgendwann. Vielleicht auch nicht. Das Wichtigste ist dabei eh, einen Weg zu finden, der eine_n am Ende nicht kaputt macht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.