Ein Traum: Vicis letzte Stunden

Ein Traum: Vicis letzte Stunden

TRIGGER WARNUNG: Suizid und Sterbehilfe.
Das hier ist ein Traum, den ich eben hatte. Ich versuche mal, ihn in Worte zu fassen…

Vici’s Leben ist scheiße. Ist es immer schon gewesen, wird es immer sein. Das einzig sinnvolle, das Vici damit noch anfangen kann: so schnell wie möglich ein sauberes Ende herbeiführen. Kein Bock mehr auf Leute, die versuchen, sie davon abzuhalten und ihr letztlich nur zeigen: sie hätte es schon längst tun sollen.
Diesmal wird Vici es durchziehen, denn sie hat alles gut geplant. Sie hat ihr Ticket ins Jenseits schon dabei. Alles was fehlt: jemand, der sie zu ihrem abgelegenen Todesort begleitet, dabei bleibt, bis sie die tödliche Kapsel geschluckt hat, und einige Stunden später die Polizei verständigt – wenn garantiert nichts mehr zu ändern ist. Sie will nur nicht, dass irgendjemand sie dort unvorbereitet finden muss. Glück im Unglück für Vici, dass Lena sie versteht. „Ich helf dir, ich zieh das mit dir durch.“ Die beiden haben sich vor ein paar Minuten erst kennengelernt, wahrscheinlich fällt es Lena deshalb so leicht, für sie ist Vici nur eine fremde.
In 11 Stunden wird es soweit sein. Noch einmal schlafen. „Klar kannst du bei mir und meiner Famlie übernachten. Bei uns ist immer ein Bett frei. Und morgen früh fahren wir dann mit dem Bus dahin.“, sagt Lena. Für diesen einen Abend spielen die beiden jungen Frauen Normalität vor. Sind sie in dieser Normalität gute Freundinnen, oder sind die zwei ein Päärchen? Egal, für Lenas Mutter ist Vicci schon nach wenigen Minuten ein Teil der Familie. „Ich hab euch Kakao mit Sahne gemacht, mögt ihr sonst noch was?“ sagt Lenas Mutter am Abend. Am nächsten morgen verlassen die beiden Hand in Hand das Haus. „Bis heute Abend dann!“ ruft die Mutter ihnen noch hinterher.
So schön könnte das Leben sein. Ist es aber nicht, und gleich ist es eh vorbei. Lena hat geschworen, Vici nicht mehr in ihre Entscheidung hinein zu reden. Aber merkt Vici nicht von selbst, dass das Leben doch schön sein kann? Ist das für sie nach wie vor alles nur gespielte Normalität, oder in den letzten 10 Stunden wirklich real geworden? Für Lena ist es inzwischen sehr real, denn sie hat sich in Vici verliebt und will sich ein Leben ohne Vici nicht mehr vorstellen.

…und damit endet der Traum und liege Wach im Bett mit 1000 Gedanken im Kopf.
Die meisten dieser Gedanken hatte ich nicht nur im Nachhinein, sondern auch schon während des Traums, aber die passten irgendwie nicht flüssig in der Erzählung hinein, die ich komischerweise nicht in der Ichform geschrieben habe, obwohl der Traum definitiv in der Ichform geträumt war.
Zu Beginn, als ich von Vici noch sehr distanziert war, waren das vorallem so ganz praktische Fragen: ist das legal, wede ich wegen Tötung oder unterlassener Hilfeleistung belangt werden? Wird meine Familie und mein Bekanntenkreis mich dafür kritisieren, dass ich Vici nicht „gerettet“ habe? Werde ich mir irgendwann selbst Vorwürfe deswegen machen?
Dann kommt dieses Bedürfnis, nochmal mit ihr darüber zu sprechen, was aber nicht geht, weil wir nicht allein sind und die anderen ja nichts von dem Plan erfahren sollen. Und dann diese plötzliche Verliebtheit. Ist sie auch verliebt, oder spielt sie das nur? Ist Liebe ein guter Grund, den Schwur zu brechen? Welchen Wert haben Versprechen und Schwüre, wenn es um ein Leben geht? Wie sicher kann ich schon sein, dass es für Vici keine andere Alternative geben kann, wenn ich doch nur ein paar Minuten mit ihr über die Gründe geredet hatte. (Ich erinnere mich übriens an keinen einzigen Grund, der Traum ging quasi mit der Prämisse los, dass es „aus Gründen“ so ist.) Wie würde ich das verkraften, den Tod meiner liebsten mit anzusehen? Würde mir in dem Moment nicht auch jeglicher Sinn meins Lebens fehlen, und ich mir nur noch wünschen, dass ich in ihrer Tasche noch eine zweite Dosis Gift finde? Ganz so wie bei Romeo und Julia:

Was ist das hier? Ein Becher, festgeklemmt
In meines Trauten Hand? – Gift, seh ich, war
Sein Ende vor der Zeit. – O Böser! Alles
Zu trinken, keinen gütgen Tropfen mir
Zu gönnen, der mich zu dir brächt? – Ich will
Dir deine Lippen küssen. Ach, vielleicht
Hängt noch ein wenig Gift daran und läßt mich
An einer Labung sterben.

Zugegebenermaßen, die Verszeilen hab ich weder im Traum noch jetzt nach dem Erwarachen aus dem Kopf aufsagen können, sondern musste sie mir ergooglen. Dass ich Shakespeare gelesen habe ist auch so lange her, dass ich sogar dachte, dass wäre Romeos Text gewesen, wo doch Julia diejenige ist.
Ich hätte gerne gewusst, wie dieser Traum ausgegangen wäre. Üblicherweise hat mein Unterbewusstsein zu Beginn eines Traums schon einen Plan, wie das Ende sein soll, verrät ihn mir aber auch erst am Ende. Ich trau meinem Unterbewusstsein aber auch zu, dass das der Plan war: mich an genau der Stelle in Ungewissheit aufwachen zu lassen.
Und dann nochmal eine ernsthafte Bemerkung zum Schluss:
Würde mich im realen Leben jemand darum bitten, ihm/ihr beim Suizid beizustehen oder zu helfen, würde ich nicht nach ein paar Minuten sagen: Ok, los geht’s! Das würde ich nur dann in Betracht ziehen, wenn ich absolut davon überzeut bin, dass es keine bessere Alterntative für die Person gibt, und da ich Optimistin bin, wäre es alles andere als leicht, mich davon zu überzeugen, und würde in jedem Fall ein mehrtägier Prozess sein. Und dann käme noch dazu, dass ich vermutlich gar nicht die Stärke hätte, das einfach so mitzuerleben.
Und dass ich mich in 10 Stunden in jemanden verliebe… machen wir mal 10 Wochen daraus, das ist realistischer 🙂

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