Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von "Alex" aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von "Alex" aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall „Alex“ aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.
Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz „geteilt“ und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.
Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.
Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.
Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie „das Kind“, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer „das Mädchen“ schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.
Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.
Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.
So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.
Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.
Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.
In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.
Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.
Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst „nur“ aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?
Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.
Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.
Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine „Diagnose“ generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

10 Gedanken zu „Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von "Alex" aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

  1. Sehr gut ausgearbeitet und ich kann dem auch voll und ganz zustimmen.
    Was wirklich deutlich auffällt ist immer wieder das Wohl des Kindes, das man hervorgehoben vertritt aber gar nicht respektiert. Den Kindern werden in unserer Gesellschaft immer mehr Rechte per Gesetze zugesprochen aber im gleichen Atemzuge sind die nicht mündig.
    Kinder können so ab dem 4. Lebensjahr ihr Geschlecht als ihr eigenes unabänderlich zuordnen. Wenn es diese Differenzierung zweifelsfrei vornehmen kann, ist es darüber auch mündig zu entscheiden.
    Diese Einordnung der Geschlechtidentität verliert sich auch mir der Pubertät nicht. Bestätigt wird das durch den Begriff der primären Transsexualität.
    Die Ansicht des Vaters, dem Kind die Entscheidung erst bei der Volljährigkeit zu zusagen, ist zweifelhaft. Zumal auch angefügt werden muss, dass selbst volljährige Transsexuelle nicht die völlige Entscheidungsgewalt über sich besitzen.
    Was irreversible Schäden sind wird gar nicht geklärt bzw. nur einseitig gesehen. Ein erschütterndes Urteil, dass mehr Fragen aufwirft als es zu klären bereit ist.
    Welche unerbittliches Regime Teile einer verschworenen Männerkaste führen, kann man zur Zeit – und nicht nur dort – in den Kommentaren zu dem Fall bei der TAZ nachlesen.

  2. Ich bin ja bekanntlich keine Rechtsexpertin. Ich habe aber gerade einen Beitrag von Prof. Dr. Henning Ernst Müller gefunden, der eben das von sich behaupten kann. Dabei wird meine Einschätzung in weiten Teilen gestützt: http://blog.beck.de/2012/03/24/kammergericht-pressemeldung-zwangseinweisung-eines-11jaehrigen-kindes-zur-therapie-seiner-geschlechtsorientie
    Wer sehr viel Geduld hat, sollte dort auch dort mal durch die Kommentare schauen, da dort – bezogen auf das was man sonst aus dem Netz kennt – auf recht hohem Niveau diskutiert wird.

  3. Lena,
    ich möchte Ihnen ganz herzlich für diesen Beitrag danken. Er beleuchtet den Fall neutral und dennoch mit Herzblut, ist bestens recherchiert und klar dargestellt.
    Bis jetzt habe ich zum „Fall Alex“ keinerlei Kommentar veröffentlicht, aber nach Ihren Zeilen, war es mir ein Bedürfnis, Ihnen meine Achtung auszusprechen.
    Anna Kaminski*

    1. Liebe Anna,
      es freut mich, dass Sie meinen Beitrag kommentiert haben, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Sie sich bisher mit Kommentaren im Web zurück gehalten haben.
      Ich muss zugeben, dass ich vor, während und nach der Veröffentlichung gewisse Zweifel hatte, ob ich mir als komplett Außenstehende überhaupt eine Bewertung der Situation erlauben kann. Gerade der Versuch, dabei „neutral“ zu bleiben ist eine ziemliche Gratwanderung mit dem Risiko, dabei Aussagen zu treffen, die als ignorant, empathielos oder verletzend empfunden werden können. Ich bin daher überaus glücklich, dass diese Gratwanderung offenbar geklappt hat und Ihnen zusagt.
      Aber letztlich ist mein „Job“ hier ein sehr leichter: Ich lese etwas, denke darüber nach, schreibe ein paar Seiten dazu und klicke auf „Veröffentlichen“. Dass bisschen Zeit, Durchhaltevermögen und Mut, dass ich dazu brauche, und die Anerkennung, die mir dafür gebührt, ist verschwindend gering im Vergleich dazu, was Sie und „Alex“ derzeit leisten (müssen). Schön, wenn ich damit trotzdem ein winziges bisschen dazu beitragen kann, Sie zu bekräftigen.
      Ich wünsche weiterhin alles Gute und hoffe, ich kann an dieser Stelle demnächst erfreulicheres berichten!

  4. Kann mir jemand erklären, worum es hier eigentlich geht?
    Ich habe soweit verstanden, dass die Mutter und das Kind sich einig sind, dass es ein Mädchen ist. Das Gericht sieht das Kind als Jungen. Das Kind scheint anscheinend intersexuell zu sein, will heißen, es hat einen Körper, der irgendwo dazwischen ist. Hat das Kind nun einen XX-Chromosomensatz mit Gebärmutter und Penis oder hat es einen XY-Chromosomensatz ohne Gebärmutter und mit Vagina?
    Bitte verzeiht mir, dass ich so direkt nach dem Frage, was Alex zwischen den Beinen hat, aber ich sehe hier einfach nicht klar.
    Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Fall Bruce/Brena verweisen: Bruce wurde als Junge geboren und von seinen Eltern nach einer Verletzung am Penis noch als Säugling kastriert und dann als Mädchen aufgezogen. Er wurde auch mit Hormonen behandelt und niemand (auch er selbst nciht) wusste, dass Brena eigentlich ein Junge war. Aber irgendwie war er von seinem Charakter her nicht wirklich mädchenhaft, er war (obwohl er vom Psychologen als normales unauffälliges Mädchen beschrieben wurde) doch irgendwie anders als die anderen Mädchen. Als er 14 war, kam es zum Eklat – seine Eltern wollten, dass ihm eine künstliche Vagina eingesetzt wurde, was er verweigerte. Seine Eltern offenbarten ihm, dass er eigentlich ein Junge war. Darüber, dass er wider Willen transsexuell war, war Brena stinksauer. Er zündete seinen Kleiderschrank an und nannte sich von da an David. Er heiratete später eine Frau und beging im Alter von 30 Jahren – zwei Jahre nach seinem Zwillingsbruder – Selbstmord.
    Jetzt frage ich mich: Ist Alex transsexuell oder nicht und will er/sie das oder will er/sie das eigentlich nicht? Haben wir es hier mit der gleichen Geschichte wie im Fall Brena zu tun (d.h. ein Junge, der wider Willen transsexuell ist) oder haben wir es hier mit einem Mädchen zu tun, dass besser zu den Mädchen gezählt werden sollte?
    Oder ist dieses Kind einfach intersexuell, und wir stecken es besser in garkeine der beiden Schubladen?

    1. Ich kann diese Fragen nicht beantworten, da ich selbst keinen Zugang zu den Details habe. Ich weiß nur, dass die Piratenpartei in einem ihrer Beiträge so formuliert hat, dass es nach Intersexualtiät klang, sich aber später von der Aussage ein bisschen distanziert haben weil auch sie es nicht genau wussten.
      In gewisser Weise finde ich es auch gut, dass hier Unklarheit herrscht. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Menschen mit männlichen, weiblichen oder intersexuellen Körpermerkmalen eine weibliche Identität haben können und das selbe Recht auf Anerkennung dessen haben. (Gleiches gilt natürlich auch für männliche Identität oder eine intersexuelle Identität.) Nicht zu wissen „was Alex in der Hose hat“ ermöglicht somit eine schwammige, aber immerhin unvoreingenommene Diskussion der Lage. So kann man sich kein Urteil darüber machen, ob Alex trans-, inter- oder sonstwie-sexuell ist, aber ggf. ein Urteil darüber, ob Alex eine weibliche Identität besitzt. Darum sollte es m.M.n. letztlich zuerst gehen. (Nachtrag: Wenn das klar ist, dann stellt sich natürlich abhängig von den körperlichen Voraussetzungen die Frage nach der nötigen Behandlung.)
      Andererseits ist es natürlich so, dass es aus medizinischer Sicht schon als sehr bedeutend eingeschätzt wird, ob ein Mensch trans- oder intersexuell ist. Juristisch gibt es keine Intersexualität, d.h. kein einziges Gesetz erkennt diese an, aber natürlich wird praktisch jedes Gericht bei Entscheidungen wie der oben genannten sich an irgendwelche medizinischen Richtlinien halten. Nur sind diese auch nicht eindeutig. In den meisten Richtlinien zur Transsexualität steht, dass diese keine Anwendung bei Intersexualität finden. Was aber genau eine Intersexualität ist und was nicht, darüber besteht auch in der Medizin kein Konsens. Somit gibt es Menschen, denen weder die Rechte von Transsexuellen noch die Rechte von Intersexuellen zugesprochen werden, da man jeweils behauptet, sie gehören zur anderen Kategorie. Ich sehe das beides nicht als einander ausschließende Dinge, aber dazu habe ich ja hier schon geschrieben:
      http://lenaschimmel.de/wordpress/index.php/2012/transsexualitat-und-intersexualtiat-in-einem-gemeinsamen-bezugsraster/
      Und noch andere meinen, Transsexualität sei nur ein Spezialfall von Intersexualität, und haben dafür durchaus bedenkenswerte Argumente. Allgemein anerkannt ist das aber nicht.
      Eine Anmerkung zum Fall „Bruce/Bre(d)na“, bei dem ich übrigens auch finde, er lässt sich wirklich gut zur Erläuterung heranziehen: Der Fall ist bekannter unter dem Namen „David Reimer“ und außerdem noch als „John/Joan“. Aber das nur als Tipp für alle, die sich weiter darüber informieren möchte.

  5. … ansonsten gibt es derzeit eine (wie ich finde) sehr gute Diskussion mit vielen links und Dokumenten hier:
    http://blog.beck.de/2012/03/24/kammergericht-pressemeldung-zwangseinweisung-eines-11jaehrigen-kindes-zur-therapie-seiner-geschlechtsorientie#comment-38489
    Das ist auch dem freundlichen und großzügigen Gastgeber, Herrn Professor Dr. Müller, zu verdanken.
    Lena: Respekt und Hochachtung – good job!
    Anna Kaminski: tausend Rosen!
    *Knicks*
    Heidrun

    1. Ja, die Diskussion bei beck.de ist wirklich gut – deshalb hatte ich sie ja weiter oben schon in einem Kommentar verlinkt 🙂
      Aber dass du den Link nochmal anbringst schadet natürlich nicht, und hat mich eigentlich dazu motiviert, selbst nochmal rein zu schauen und diesmal *alle* Kommentare dort zu lesen. Habe trotz dieses Vorsatzes bisher „nur die ersten 195 geschafft, aber das meiste war bis dahin durchaus lesenswert. Mal sehen, wann ich mir den Rest zu Gemüte führe…
      Tipp an alle, die keine 255 Beiträge durchlesen möchten: Die Beiträge, die dort am meisten neue Fakten einbringen (also über die bisher bekannten Presse-Quellen hinaus), sind übrigens die von „Gast“, welche sich ja über die Suchfunktion des Browsers schnell aus der Masse herausfinden lassen.

  6. Unter dem Titel And the winner is IMUREK habe ich seboen meine eigenen leidvollen Erfahrungen notiert und stodfe seboen bei meiner Recherche auf diesen Artikel.Ich bin auch ein Opfer dieser Rabattvertre4ge geworden. Allein fehlt mir der Glaube, dass Appelle des Bundesrates an der zur Zeit verwendeten Praxis etwas e4ndern.Patientenrechte? nach dem heutigen Gespre4ch mit meiner KK mit Ffcdfen getreten.- Leider –

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