Der gefühlte Unterschied zwischen "Mir geht's gerade nicht so gut" und "Ich bin psychisch krank"

Der gefühlte Unterschied zwischen "Mir geht's gerade nicht so gut" und "Ich bin psychisch krank"

Man kann manche Krisen nicht abwenden

Im Januar wurde mir bewusst, dass das nun beginnende Jahr für mich nicht leicht wird, und dass ich mich auf einige seelische Schwankungen und Tiefpunkte gefasst machen muss. Ich habe seitdem versucht, mich für aufkommende Krisen zu wappnen. Ich habe mir bewusst viel Gutes getan und Ablenkung gesucht, um eine Notreserve an guter Laune aufzubauen. Ich habe danach ein paar glückliche Woche gehabt, dann ein paar zwanghaft-nachdenkliche, dann war wieder etwas Ruhe in meinem Kopf eingekehrt.
In den letzten 1 bis 2 Wochen ging es mir dann mal wieder reichlich beschissen. Es fiel mir diesmal schwer, Ursachen und Wirkungen zu erkennen und voneinander zu trennen. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich unglücklich bin, weil ich einen konkreten Grund habe, oder ob sich meine Verfassung nur noch durch Depressivität erklären lässt.
(Depression ist übrigens einer dieser Begriffe, bei denen jeder unsicher ist wie er zu verwenden ist und den dennoch jeder irgendwie benutzt. Wobei jeder etwas leicht unterschiedliches meint. Ich meine damit weder die Schwere noch die Dauer einer Verstimmung, sondern die Ursächlichkeit.)

Überlastung bei geringer Last

Ein Zusammenhang zwischen meinen Verpflichtungen und meiner schlechten Laune war festzustellen, wenn auch unklar. Es fühlte sich in etwa wie ein Burn-Out an. Bei rationaler und objektiver Betrachtung meiner Arbeitsbelastung war aber schnell klar, dass ich ganz klar unterhalb von dem liege, was ein Mensch normalerweise locker ertragen kann. Meine Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es normalerweise mindestens doppelt so viel Stress braucht, um mich durch Überlastung zum Zusammenbruch zu treiben.
So oder so war klar, dass ich vielen meiner (meist freiwillig auferlegten) Verpflichtungen derzeit nicht mehr nach kommen kann. Ich habe mich aus der Arbeit für die Fachgruppe Informatik und für die Studierendengruppe der Gesellschaft für Informatik erst mal heraus gezogen. Ich habe die Zeit, die ich in der Firma arbeite, zeitweise noch mehr gesenkt.
Letztlich musste sogar eines meiner Hobbys zeitweise dran glauben: Ich spielte bisher einmal je Woche zu einem festen Termin das Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ und allein schon durch diese Regelmäßigkeit hat sich das für mich mehr und mehr auch wie eine Verpflichtung angefühlt. Also so leid es mir tut: Weg damit!
All diese Schritte sind mir nicht leicht gefallen. Denn ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, was all diese Aufgaben bisher so angenehm gemacht hat. Mir machen die Tätigkeiten an sich Spaß, und wo sie ein Ziel haben, ist mir die Erreichung genau dieser Ziele extrem wichtig. Manche Menschen (und ein paar Elfen und Zwerge) haben sich ein Stück weit darauf verlassen, dass ich gewisse Aufgaben erfülle und ich musste meine Zusage dazu zurück ziehen. Das tut ein Stück weit weh. Und jede akute Maßnahme, die ich zur Verbesserung meiner Laune getroffen habe, drohte auch gleichzeitig, meine Laune zu verschlechtern. Das machte es mir teils sehr schwer, diese Schritte zu gehen.

Psychisch krank?

Ich musste zu meinen Schwächen stehen. Außerdem musste ich aber nach außen hin zugeben – und es mir dazu zuallererst selbst eingestehen: Ich bin psychisch krank. Wow. Wenn man diesen Satz so konkret geschrieben sieht, hat er etwas extrem schwergewichtiges. „Ich bin psychisch krank.“, wie das schon klingt…
Zum einen haben wir in unserer Gesellschaft eine unglaubliche Stigmatisierung von Menschen mir schweren psychischen Problemen. Ich glaube, die Gesellschaft sieht einen Menschen mit psychischen Krankheiten nicht als einen Menschen, der zeitweise ein gesundheitliches Problem hat, sondern nur noch als wandelnde Verkörperung einer Störung. Die Krankheit wird in der Außensicht zum bestimmenden Merkmal der Person. Es mag gewisse Krankheiten geben, die so schwer wiegen, dass die eigentliche Persönlichkeit ein Stück weit zurück tritt, aber auch diese Menschen haben Würde und Achtung verdient. Und ich fürchte, die Gesellschaft differenziert da nicht viel, denn „verrückt ist verrückt“. Das Buch „Irre! Wir behandeln die falschen“ von Manfred Lütz ist eine gute, massentauglich-unterhaltsame Einführung in ein differenzierteres Denken über psychisch (schwer-)kranke Menschen.

Kleine Wehwehchen

Aber damit habe ich eh nur einen kleinen Exkurs zu schweren psychischen Leiden gemacht, der mit mir und meiner Lage wenig zu tun hat. Wenn ich selbst sage: „Ich bin psychisch krank.“ meine ich das in einem Ausmaß, wie ein Mensch mit einer durchschnittlichen Erkältung von sich sagt „Ich bin krank.“ Bei dem Satz denkt man ja auch nicht sofort an unheilbare Gebrechen und tödliche Seuchen.
Aber laufende Nase, Hustenreiz, Gelenkschmerzen und leichtes Fieber kann einen für ein paar Tage oder sogar Wochen völlig aus der Bahn werfen. Ich finde übrigens, jedem Mensch mit Schnupfen steht das volle Recht zu, zu quengeln und sich bemitleiden zu lassen.
Wenn ich also eine Über-Dramatisierung meines aktuellen Zustandes vermeiden möchte, sollte ich vielleicht eher sagen „Ich hab nen ziemlich bösen Schnupfen. Also, seelisch, meine ich, nicht körperlich.“ Das trifft es eigenlich ganz gut. Wie auch beim Schnupfen tun verschiedene Sachen gut: Im Bett liegen, lange schlafen, sich nicht allzu sehr anstrengen, aber ab und zu auch mal frische Luft und Bewegung. Und wie bei einem Schnupfen kann es passieren, dass ich mich zu früh wieder fit fühle und ins Büro fahre.
Und dann da mit ’nem Taschentuch vor dem Monitor sitze, mir verschiedene Sekrete aus Nase und Auge wegwischen muss und daher meinen Programmcode nicht mehr lesen kann. Also fahre ich nach Hause und kuriere mich noch etwas im Bett aus. So läuft das eben.
Ich glaube Psychische Verstimmungen werden allgemein entweder unterbewertet („Soll sich mal nicht so haben, ist doch kerngesund und kann arbeiten!“) oder überbewertet („Oh mein Gott! Psychisch krank! Ob er/sie wohl je wieder aus der Klapse heraus darf?“). Ein bisschen Mittelmaß tut manchmal ganz gut, auch in der Bewertung von Problemen.
Ich möchte damit übrigens weder Depressionen noch Erkältungen in absoluter Weise verharmlosen: Beides kann unter bestimmten Umständen tödlich enden. Muss aber eben nicht.

Antrainierte Abwehreflexe

Jetzt, wo ich mir das alles klar gemacht habe, ist es ein leichtes, zu sagen „Ich bin psychisch krank“. Es sagt nicht mehr oder weniger über mich als Person aus als „Ich hab Schnupfen“. So einfach ist das. Aber vor einer Woche, wo es für mich akut war, mir meines Zustandes bewusst zu werden, war ich noch nicht an der Stelle. Da fiel mir das noch schwer, was auch absolut kein Wunder ist.
Denn meine eigene Abwehr gegen die Formulierung „psychisch krank“ wird dadurch genährt, dass man als transsexueller Mensch ständig mit der (Zwangs-)Einordnung als „psychisch krank“ konfrontiert wird. Vor einigen Jahrzehnten waren sich praktisch alle einig, dass Transsexuelle psychisch krank sind – also durchaus auch in den „Bedeutungen“: verrückt, bescheuert, pervers. Heutzutage ist die Gesellschaft – zumindest die westlich-aufgeklärte – viel weiter. Die Medizin hingegen verstrickt sich auch jetzt noch in Widersprüche: Transsexualität ist als psychische Krankheit einkategoriesiert, die Diagnose und Indikation von Behandlungen obliegt demnach ganz klar Psychiatern, und obwohl man weiß dass eine psychiartische Heilung praktisch unmöglich ist, ist es in Deutschland nach wie vor vorgeschrieben, eine solche zu versuchen bevor eines somatische (auf den Körper gerichtete) Behandlung erfolgen kann.
Gleichzeitig wird jede „richtige“ psychische Erkrankung genutzt, um einer Person ihre Transsexualität – oder zumindest das Recht auf deren Behandlung – abzustreiten. „Wer depressiv ist, kann nicht transsexuell sein – oder kann zumindest keine Aussage darüber treffen, ob er transsexuell ist.“ Das klingt für mich ähnlich sinnvoll wie „Wer Schnupfen hat, kann kein gebrochenes Bein haben, oder kann zumindest nicht wissen, ob er ein gebrochenes Bein hat.“ Und deshalb bekommen verschnupfte Leute am besten auch keine Verbände, Krücken oder Beinschienen.

Ursachenforschung

Und auch wenn ein Schnupfen nichts schlimmes ist, so sollte er einem doch zu denken geben: Hab ich zu dünne Socken angehabt? War zu lange draußen im Kalten? Hab den nassen Pulli nach dem Regen zu spät ausgezogen? Oder esse ich einfach zu wenig frisches Obst?
Meine seelische Verstimmung war kurz und relativ unspektakulär. Wie nach einer Erkältung fühle ich mich nun nach 1-2 Wochen wieder fast fit, nur noch leicht geschwächt. Dass ich es überhaupt als psychisches Problem einstufe liegt daran, dass ich es keiner konkreten Ursache genau zuordnen konnte. Aber das heißt für mich nicht, dass ich die Augen komplett vor möglichen Ursachen oder Begünstigern verschließen möchte. Ich möchte etwas dafür tun, dass sich solche Probleme in Zukunft nicht häufen. Und dazu heißt es: Ursachen suchen und beseitigen.

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