Von der Schwierigkeit, über Geschlechtskonzepte zu schreiben

Von der Schwierigkeit, über Geschlechtskonzepte zu schreiben

Ich möchte eigentlich schon lange ein paar Artikel veröffentlichen, die sich kritisch mit „Geschlecht“ auseinander setzen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entschwindet mir die Sprache. Das hat mich in ein unfreiwilliges Schweigen zu dem Thema versetzt, das ich nun brechen möchte.
Die Bedeutung des Begriffs „Geschlecht“ habe ich im vergangenen Jahr gründlich hinterfragt. Noch heute ist es die vorherrschende Meinung, dass ein Mensch Mann oder Frau ist, und dass diese beiden Geschlechtspole in sich klar definiert seien. Das glaubt die Mehrheit der Deutschen, das vermittelt die Gesellschaft auf allen Kanälen und wird auch den jüngsten Generationen durch Erziehung und Schulbildung vorgegeben.

Geschlechtsmodelle – an Vielfalt mangelt es nicht

Kritik an klassischen Geschlechtskonzepten ist nichts neues. So kommen mindestens seit den 1950er Jahren verschiedene Strömungen auf, die eine bipolare Geschlechterordnung und/oder die Reduktion des Geschlechtes auf eine einzelne Dimension in Frage stellen oder komplett ablehnen. Diese Ablehnung eint die verschiedenen Richtungen untereinander und somit auch mich. Aus Sicht der meisten Menschen handelt es sich also um eine einheitliche Menge von Andersdenkenden.
Seit ich mich kritisch mit Geschlecht auseinandersetze – zugegebener Maßen also erst seit einem Jahr – werden mir aber nicht nur die Gegensätze zwischen dem landläufigen Geschlechtsbegriff und jenen neuen Denkweisen klar, sondern vor allem auch die Widersprüche zwischen verschiedenen neuen Ansätzen. Die Mitbegründer und Helden der einen Teilgruppe sind da oft die größten Feinde der anderen.
Sich mit der Thematik auseinander zu setzen ist ein anstrengender Prozess. Zunächst muss man einiges hinter sich lassen, was ein Leben lang als universelle Wahrheit galt. Anstelle dessen treten aber keine neuen Wahrheiten, sondern eine Vielzahl von Theorien von denen jede einzelne vergleichsweise komplex ist und dennoch keine sofort den alten Platz einer unumstößlichen Richtigkeit einnehmen kann. Ich habe bisher in jeder dieser gedanklichen Schulen interessante Ansätze gefunden, aber keine einzige, deren Lehren ich uneingeschränkt vertreten wollen würde. Ich sehe viele Ansätze auch nur als mögliches Modell der Wirklichkeit, und ein realistisches Modell der Wirklichkeit als eine vielschichtige Mischung jener einfachen Modelle, die jeweils zu kurz greifen.

Sagen, was sich nicht sagen lässt

Gerne würde ich also nun auf den Punkt bringen, was denn nun meine Meinung und Schlussfolgerung ist. Doch das ist nicht so leicht. Denn in der Sprache liegt eine besondere Schwierigkeit: neue Geschlechtsbilder brauchen neue Worte und Begrifflichkeiten. Um diese so zu definieren und zu erklären dass auch „Neulinge“ sie verstehen, muss man sie aber „mit alten Worten“ beschreiben und verorten. So kann man z.B. versuchen, Intersexualität zu beschreiben indem man Wörter wie „männliche“ und „weiblich“ benutzt. Ein Mensch mit einem klassischen Geschlechtsbild wird das zumindest gut verstehen. Spricht man aber mit anderen, die für sich schon zum Schluss gekommen sind, dass es Konzepte wie „männlich“ und „weiblich“ gar nicht gibt, kann man diese auch nicht mehr zur Beschreibung des eigenen Begriffsraums benutzen ohne Kritik zu ernten. Bei einer gemischten Leserschaft muss ich mich sprachlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Und klassische, binäre Geschlechterrollen mögen von manchen abgelehnt werden – aber immerhin kennt und versteht sie vermutlich jeder.
Neben dem Risiko, gar nicht verstanden zu werden, besteht auch noch das Problem, falsch verstanden zu werden. Oder aber, allein durch die Benutzung eines Begriffs beschuldigt zu werden, eine bestimmte Ideologie voranzutreiben, selbst wenn man die Begriffe eigentlich nur in den Mund nimmt um sich später von ihnen zu distanzieren oder in einer Weise zu definieren, die anders ist als die Definitionsweise die einem sofort unterstellt wird. Es gibt insbesondere unter Transsexuellen viele, die meinen, die Aussprache oder das Aufschreiben bestimmter einzelner Worte wäre unabhängig vom Kontext eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung – außer vielleicht im Satz „Das Wort Xyz ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung“.

Die Sache mit dem „Gendern“

Es existieren vielfältige Möglichkeiten, Sprache „geschlechtergerecht“ zu machen. Ich finde es begrüßenswert, wenn Menschen sie die Mühe machen, bewusst mit ihren Worten umzugehen und gegen alte Konventionen angehen indem sie selbst Hand an die Sprache anlegen. Ein Text, der mit Sternen und/oder Unterstrichen durchtränkt ist, spricht zwar nicht meinen Sinn für typographische Schönheit an, aber ich gehe zumindest gleich mit der guten Erwartung ans Lesen, dass der Schreibende ein Mensch mit Problembewusstsein für Geschlechterthemen ist.
Ich selbst habe vor kurzem hier und da begonnen, einzelne Gender-Maßnahmen in meine Schriftsprache einzubauen. Und komme nun zum zwischenzeitlichen Ergebnis, dass ich damit erst mal wieder aufhöre oder es zumindest stark einschränke. Ich denke, jeder Mensch kann und soll dort für Gerechtigkeit helfen und kämpfen, wo er es am besten kann. Ich habe gemerkt, dass das Schreiben von gegenderter Sprache mich bremst und ablenkt, und somit von Tätigkeiten abhält, die letztlich dem gleichen guten Ziel dienen sollen.
Wo es sich anbietet und mir leicht fällt, achte ich weiterhin darauf. Aber ansonsten hoffe ich, meinen Texten auf anderem (also inhaltlichem) Wege den Geist der Geschlechtergerechtigkeit einzuhauchen.

Entschuldigung und Rechtfertigung

Warum schreibe ich diesen Artikel? Weil ich mich von all diesen Beschränkungen frei machen muss, bevor ich beginne, zum eigentlichen Thema zu schreiben. Ich weiß, dass meine künftigen Posts Kritik aufgrund bestimmter Formulierungen ernten werden. Und ich möchte hiermit kundtun, dass mir das  zu einem bestimmten Grad Leid tut. Gerne würde ich eine Sprache verwenden, die jedem gefällt und die dennoch jeder versteht. Ich bedaure sehr, wenn das nicht gelingt.
Aber andererseits finde ich es viel schlimmer, zu schweigen, nur weil man etwas falsches sagen könnte. Damit überlässt man das Reden anderen, die sich vermutlich noch weniger Gedanken gemacht haben. Ich habe eine Meinung, die ich inhaltlich wohl überdacht habe und die ich nun äußern möchte. Ich werde nicht länger warten, sie zu formulieren. Denn ob ich jemals den Punkt erreicht, wo ich das tun kann ohne mit sprachlichen Problemen in Konflikt zu geraden, weiß ich nicht. Wenn jemandem meine Formulierungen nicht gefallen, dann bin ich jetzt bereit, das als unvermeidbare Nebenwirkung zu akzeptieren. Gerne lasse ich mir Vorschläge machen, wie ich den gleichen Inhalt besser formulieren kann. Aber den Mund lasse ich mir nicht verbieten.

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