Von der grauen Maus zur sportlichmusikalischen Linuxnutzerin mit feministischen Politikambitionen

Von der grauen Maus zur sportlichmusikalischen Linuxnutzerin mit feministischen Politikambitionen

Das hier ist ein sehr gemischter Beitrag, denn es geht um (fast) alles, was mich interessiert. Einen Zusammenhang gibt es dennoch, nämlich dass ich mich für das meiste davon eben lange Zeit nicht interessiert habe. Deshalb frage ich mich manchmal, ob ich die letzten Jahrzehnte unter einem Stein gelebt habe. Da draußen gab es all die Jahre unzählige andere spaßbringende, nützliche oder interessante Dinge und Themen, die ich ignoriert habe:

  • Ich singe so gerne, aber hab erst 2006 damit angefangen – und mache das nach wie vor heimlich wenn mich (vermutlich) niemand hört.
  • Ich klettere so gerne, weiß das aber erst seit ein paar Monaten.
  • Ich liebe inzwischen Linux, aber benutze es erst seit 2009 auf meinen Desktops und Laptops.
  • Ich engagiere mich gerne in der Hochschulpolitik, aber bin da auch erst seit 2009 aktiv.
  • Ich finde fast sämtliche Bereiche des Feminismus extrem spannend, aber beschäftige mich auch damit erst seit einigen Monaten.
  • Und von den unzähligen schönen Aspekten des Frauseins brauche ich gar nicht erst anzufangen (und schreibe daher unten auch nichts dazu)…

Jeder Mensch entwickelt sich sein Leben lang weiter und findet neue Interessen und Betätigungen. Wer mit 70 ein neues Hobby findet fragt sich vielleicht auch warum er/sie das nicht schon 60 Jahre eher entdeckt hat. Aber wenn ich mir die Zeit von 1995 bis 2006 betrachte, dann frage ich mich, wo meine kreative Selbstgestaltungs-Leistung in der Zeit wohl gewesen ist. Was sagt das über einen Menschen aus, sich fast 12 Jahre lang nicht zu entwickeln? Oder gab es da Entwicklungen die sich nicht in Hobbys und Interessen abgezeichnet haben, sondern anderswo? Und was habe ich überhaupt in der ganzen Zeit gemacht? Das ist, wie so oft, ein eigenes Thema für sich das den Rahmen sprengen würde, ich aber teilweise auch schon anderswo thematisiert habe. Sagen wir mal, ich war lange Zeit sehr in mich gekehrt und habe viel nachgedacht.
Aber ich kann kurz für die oben genannten Themen erklären, was mich jeweils solange zurück gehalten hat:

Die Gemeinsamkeit von Singen und Sport

Meine Mutter hat mir recht früh klar gemacht, dass ich im Singen und im Sport eine Null bin. Ich muss gleich hinterher schieben dass sie für mich generell ermunternd und ermutigend war und mir sehr geholfen hat meine Stärken zu erkennen und zu mögen – nur in den beiden Bereichen war sie da anderer Meinung. Ich weiß auch gar nicht, wie sie überhaupt dazu kam, ich glaube sie hat mir meine sportlichen und musikalischen Fähigkeiten schon abgesprochen bevor ich das jemals ernsthaft ausprobiert habe.
Unsere Wohnung war hellhörig, es gab keinen Raum in dem ich hätte Singen können ohne dass man es in jedem anderen Raum hört. Und es war praktisch immer irgendwer zuhause. Irgendwie hatte ich mich damals generell nicht so für Musik interessiert, also auch nicht fürs hören, und Musik zu kennen wäre ja schon mal eine Grundvoraussetzung um zu Singen. Die einzige Musik die ich damals mochte hatte zwar insgesamt ihren Reiz, aber zeichnete sich prinzipiell nicht durch den Wohlklang ihres Gesangs aus.
Sportlich war von zuhause keine Anregung zu erwarten. Die Einstellung meiner Mutter ist ja nun bekannt, und auch wenn mein Vater damals (wie auch noch heute) täglich abwechelnd joggte und Krafttraining betrieb, hat er nie versucht mich da heranzuführen. Als Jugendlicher wird man ja zwangsweise durch die Schule an den Sport herangeführt. Das hat teilweise sehr viel Spaß gemacht, konnte aber auch niederschmetternd demotivieren. Meine Leistungen waren in fast allen Disziplinen, die sich auf einer Skala messen lassen, schlecht. Im 800m-Lauf war ich im vorderen Viertel der Frauen – und hätte als solche die Note 2+ erhalten. Aber ich hätte ja die männer-typischen Leistungen erbringen müssen, und an der Skala gemessen ging ich mit einer 4 aus dem Rennen. Außerdem hatte ich damals Angst davor, durch zu viel Sport Muskeln aufzubauen und eine generell breitere Statur zu bekommen und mir dadurch dauerhaft die Figur zu versauen. Einmal hat mich sogar meine Mutter zum Sport antreiben wollen: „Mach doch mal etwas Krafttraining, dann bekommst du vielleicht mal ein breites männliches Kreuz davon!“ – spätestens da war das Thema für mich gegessen.

Linux, das verkannte Wunder

Was Linux angeht, kann ich vorallem meiner Mutter nicht den geringsten Vorwurf machen. Sie hatte mir damals mal eine Box mit Lanthan-Linux geschenkt. Laut Tecchannel.de wurde die Entwicklung 2001 eingestellt, ich denke, etwa zu der Zeit mag das auch gewesen sein. Irgendwie wollte das ganze nicht so recht laufen – ist beim booten hängen geblieben – und da ich absolut niemanden kannte der davon Ahnung hat war das Thema für mich dann gegessen. Meine Freundin hat mich dann ca. 2007 davon überzeugt, wie toll Ubuntu Linux ist, aber wirklich darauf umzusteigen habe ich mich dann trotzdem erst getraut, als 2009 der Peer Preasure von den anderen Informatikstudenten in Braunschweig überhand nahm.

Hochschulpolitik, wo sie denn überhaupt möglich ist

Dass ich mich erst seit dem Zeitpunkt mit Hochschulpolitik befasse ist auch kein Wunder. In meinem Bachelor an der Hochschule Harz gab es nur ein politisches Gremium, den StuRa, und das zeigte sich nach außen gänzlich unpolitisch. Dort wo es nötig gewesen wäre – bei der Verbesserung der Studierbarkeit – gab es keinerlei Möglichkeit studentischer Mitbestimmung. Ich habe mein möglichstes versucht und dann enttäuscht aufgegeben. Als ich dann an die TU-Braunschweig kam waren die Zeiten denkbar günstig: Der Bildungsstreik 2009 lief gerade an und hat ein großes Potential gehabt Politikmuffel wie ich inzwischen einer war aufzurütteln – was zwar auch nur bei erschreckend wenigen Wirkung zeigte, aber immerhin. Ich war damals überwiegend auf dem Bilderungsstreik-Blog tätig, der inzwischen nicht mehr existiert. Aber auch in meinem Blog hat das Spuren hinterlassen.

Von der kleinen zur großen Politik

Die Hochschulpolitk ist, zumindest bei uns in der Informatik in Braunschweig, kaum Parteipolitisch geprägt. Es fehlen einige Eigenschaften die man sonst von der Bundes- und Landespolitik kennt, und das ist vermutlich auch gut so. Ich wäre eigentlich nie auf die Idee gekommen mich jemals in die „große“ Politik zu stürzen, aber Unipolitische Erfahrungen sind eine wunderbare Vorbereitung, die ich sicher irgendwann einmal für den Einstieg in andere Bereiche nutzen werde. Aber auch wenn ich derzeit in keiner Partei Mitglied bin und mich auch sonst nicht aktiv politisch einsetze, bin ich immerhin seit einiger Zeit politisch interessiert. Das ist mehr als ich noch vor einigen Jahren von mir behaupten konnte. Und ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass daraus auch bald noch mehr wird.
Dabei waren meine Voraussetzungen eigentlich auch hier gut, um mich eher damit zu beschäftigen: Meine Eltern sind zwar insofern Politikverdrossen dass sie wohl kaum erwarten, dass irgendeine der etablierten Parteien auch nur halbwegs das Richtige tun könnte oder würde. Aber beide haben durchaus ein Interesse und eine Einstellung, über die sie auch mit mir gesprochen haben. Insbesondere mit meinem Vater hatte ich schon seit der Grundschulzeit intensive Debatten über Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Mir ist eigentlich seit damals bewusst, dass in diesen Bereichen massive Änderungen nötig und möglich wären, wenn man gewisse Konventionen über Bord wirft – was natürlich keine der großen Parteien tun würde.
Insofern kommt auch der massive Aufstieg der Piratenpartei zeitlich günstig für meine persönliche Entwicklung. Wenn es inden letzten Jahren jemals Grund zur Hoffnung gab, dass frischer Wind in die Politik kommt und dass Bürger einen direkten Einfluss darauf nehmen können, dann jetzt. Dass ich ein durch-und-durch Technik- und Netzaffiner Mensch bin erleichtert mir natürlich noch weiter die Identifikation mit den Piraten. Computer, Software und Internet waren bis vor kurzem in der Politik weitestehend unbeachtete Themen, und so wundert es mich nicht, dass ich mich all die Jahre mit all diesen Themen aber eben nicht mit deren politischer Dimension befasst habe. Als ich begann, mein Cubenet zu entwerfen, sind mir dann aber (etwa um 2006 herum) schlagartig die Gesellschaftlichen Auswirkungen von vernetzter Technologie bewusst geworden. Die Gedanken dazu lassen mich natürlich auch heutzutage nicht los.

Netze, Frauen, und Frauen im Netz

Aber Netzpolitik ist natürlich nicht alles – das wissen auch die Menschen bei der Piratenpartei – und ich finde bestimmte Bereiche auch noch deutlich wichtiger und/oder interessanter als eben die Netzpolitik. Allen voran wären da vermutlich Familien-, Frauen- und Antidiskiminierungspolitik zu nennen – allesamt Themen mit denen ich im feministischen Kontext in Kontakt gekommen bin. Und nebenbei Themen, für die eben genannte Partei nicht gerade berühmt ist, sondern sogar etwa jede Woche dafür in den Medien zerrissen wird, dass sie diese Themen ignoriert oder sogar den Fortschritt in diesen Bereichen sabotieren würde. Auch das muss man differenzierter sehen, und auch das hat nicht jetzt und hier seien Platz. Aber ich sehe mit Freude, wie in letzter Zeit Feminismus und Nerdkultur näher zusammen wachsen und mir damit einen optimalen Entfaltungsraum geben.
Bleibt zum Schluss die Frage, warum ich mich nicht schon eher mit Feminismus auseinander gesetzt habe. Die Antwort darauf fällt definitiv länger aus – und ist vermutlich auch interessanter als die Hindernisgründe bei den oben genannten Themen – also schließe ich mal wieder mit einem Cliffhanger und vertröste auf einen der nächsten Blogbeiträge…

Positive Wendungen

Alles in allem bin ich nun glücklich, dass in meinem Kopf keine Monokultur mehr herrscht. Ich bin mehr denn je offen für neue Einflüsse und Anregungen, und der begrenzende Faktor ist nur die Zeit. Viele Aspekte habe ich noch gar nicht erwähnt, sei es das Stricken oder Rollenspiele…
Je mehr ich darüber nachdenke, desto gruseliger finde ich den Gedanken, dass ich in meiner Jugend so ein beschränktes Interessenfeld hatte. Andererseits bin ich mir dennoch sicher, dass ich auch damals ein vielseitig interessierter und interessanter Mensch war. Aber im Nachhinein fällt es mir unglaublich schwer, diese Vielseitigkeit zu konkretisieren.

Ein Gedanke zu „Von der grauen Maus zur sportlichmusikalischen Linuxnutzerin mit feministischen Politikambitionen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.