Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

Ich befinde mich in einer Denkschleife. Das ist so eine Sache, für die ich immer schon anfällig war. Wenn mich ein Gedanke gepackt hat, dann kann es passieren, dass er mich längere Zeit nicht loslässt und mich rund um die Uhr an jeden Ort verfolgt. Es gibt dann Tageszeiten, zu denen ist denken nicht angebracht, da habe ich dann auch meine Ruhe vor dem jeweiligen Thema. Aber zu jedem Zeitpunkt, zu dem ich denken kann, denke ich dann an diese eine Sache, und habe keine Kapazitäten mehr, um über etwas anderes nachzudenken.

Beispiele aus der fernen Vergangenheit

Meine Denkschleifen können verschiedenste Themen haben, aber nur selten etwas angenehmes. Es kann um andere Menschen gehen, oder um mich, oder um die Beziehung zwischen mir und anderen Menschen, oder um technisches… einige Beispiele:
Eine meiner ersten langandauernden Denkschleifen handelte von einer Schulkollegin. Sie war mir schon längere Zeit recht sympathisch, aber eigentlich kannten wir uns kaum und hatten privat nichts miteinander zu tun. Einige Zufälle (darunter auch Alkohol) führten dazu, dass sie mir eine Reihe von schwerwiegenden Sorgen und Problemen anvertraute, über die sie zuvor noch nie mit jemandem gesprochen hatte, und vielleicht auch nie wieder von sich aus ansprechen würde. Von da an hätte ich ihr gerne dauerhaft mit einem offenen Ohr und mit Hilfe und Unterstützung zur Seite gestanden, aber leider gab es noch am Abend unseres Gespräches ein paar Vorfälle, die uns beiden später peinlich waren. So war es danach schwierig, wieder miteinander in den Dialog zu kommen. Ich dachte lange darüber nach, wie es ihr wohl geht, wie ich am besten das Vertrauen wieder aufbauen sollte und was ich danach für ihr Wohlergehen beitragen könnte. Ich hatte auch Angst, dass es ihr unangenehm ist, wenn ich sie darauf anspreche. Diese Fragen waren alles, was mir durch den Kopf ging. Ich versuchte, die Sache aus ihrer Perspektive zu verstehen und versetzte mich nach und nach so umfassend in ihre Lage hinein, dass mein eigenes Leben für mich sekundär wurde. Und zwar mehr als ein ganzes Jahr lang! Dabei fiel mir auch nicht auf, dass ihre jämmerlichen Lebensumstände sich inzwischen gebessert hatten und es ihr nun bestens ging. Kein Wunder, schließlich hatte ich in diesem Jahr nur nachgedacht und nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Was solls, dachte ich, Hauptsache ich lerne aus diesem Fehler und beiße mich nie wieder so an einem Gedanken fest.
Aber weit gefehlt. Zwei weitere Male hatte eine gute Freundin (nicht beides mal die gleiche) recht plötzlich die Freundschaft beendet, ohne dass sie einen Grund genannt hätte oder ein Grund offensichtlich gewesen wäre. Also genau genommen ist sowas ziemlich oft passiert, aber zwei mal hat es mich in der Weise erwischt, dass ich mit meinen Tagen nichts anderes mehr anfangen konnte, als darüber nachzudenken, warum das passiert ist. Vielleicht hätte mir die Kenntnis der Gründe geholfen, die Freundschaft wieder aufzubauen. Vielleicht hätte es auch dazu geführt, dass ich es einfach verstehe und mich damit abfinden kann, dass es wohl so kommen musste. Und die größte Hoffnung, nachdem sowas schon unzählige Male passiert war, bestand darin, es in Zukunft zu verhindern. Das könnte bedeuten, Freundschaften zu Mädchedn bzw. Frauen über mehrere Jahre stabil halten zu können. Oder einfach Personen zu erkennen, mit denen Freundschaften instabil wären, und sich gleich von ihnen fernzuhalten. Zwei mal hat mich dieser Gedankenstrom für mehrere Jahre gepackt, hat mich blind für alle anderen Vorgänge um mich herum gemacht. In diesen Fällen war es sogar durchaus angebracht, mich so auf das Thema zu fixieren. Denn intensive Kontakte zu gleichaltrigen Mädchen bzw. Frauen waren bzw. sind in meinem Leben das einzige, was mich wirklich bis in mein innerstes hinein mit Glück und Zufriedenheit erfüllen kann. Die Instabilität dieser Freunschaften hat meine Chance, ein erfülltes Leben zu führen, massiv gefährtet. Was liegt näher, als sich mit den Ursachen und Möglichen Lösungen zu befassen? Das Problem war nun aber, dass mir recht bald die Grundlagen ausgingen, auf denen ich diese Gedanken aufbauen konnte. Jede Idee, jeder Zusammenhang, jeder Erklärungsversuch war bereits mehrfach gedacht, und ich konnte dennoch nicht aufhören. Ich weiß nicht, wie viele Jahre meines Lebens von diesen Gedanken erfüllt waren. Vielleicht waren es zwei, vielleicht fünf…

Sowas passiert mir nun nicht mehr…

Die vorherigen Beispiele finde ich jeweils recht schockierend. Ich muss offen zugeben, dass ich sie krankhaft abnormal finde. Aber selbst wenn, sie sind ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit, und ich schäme mich für meine früheren Verhaltensweisen nicht. Ich weiß auch, dass sich mein Geist und meine Psyche seit dem weiter entwickelt haben, und dass ich seit einigen Jahren genug Kontrolle über mein Denken und Fühlen habe, um mich nicht derart sinnlos in endlosen Gedanken zu verlieren. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Gedanken mehr gäbe, die mich längere Zeit beschäftigen.
Eine angenehmere und weniger krankhafte Denkschleife ergab sich im Jahr 2005. Diesmal war es eine technische Idee, die recht bald zu meinem Hirngespinnst „Cubenet“ wurde. Über diese Software nachzudenken war nicht zwanghaft, vielmehr habe ich freiwillig jede verfügbare Minute genutzt, das Konzept weiter auszuarbeiten. Inzwischen bin ich von der Nützlichkeit dieser Idee so überzeugt, dass sich dennoch eine zwanghafte Komponente eingestellt hat: Bei jeder nicht-trivialen Aufgabe, eine bestimmte Anwendung zu programmieren oder auch nur zu spezifizieren ist der erste Gedanke: „Wäre Cubenet schon fertig und könnte ich darauf aufbauen, dann wäre die Lösung ganz einfach.“ Seit nun 7 Jahren ist Cubenet eine bestimmende Komponente in meinen Denkweise und sogar für meine Lebensplanung: Mein Masterstudium habe ich danach ausgewählt, meine Entscheidung gegen den Mainstream-Arbeitsmarkt und für die Gründung eines Startups kam aus dem Wunsch, günstige Rahmenbedingungen für „Cubenet“ zu schaffen, und auch wenn ich letzlich in einem Startup gelandet bin, das nicht mit dem Zweck gegründet wurde, Cubenet zu verwirklichen, prägt diese Idee meinen täglichen Arbeitsablauf und teilweise auch die gesamtge Unternehmensausrichtung. Ich finde, das ist eine Denkschleife im positivsten Sinne, auch wenn ich mir ab und zu mal wünschen würde, unvoreingenommen an Softwareentwicklung gehen zu können, so wie „normale Programmierer“ es tun.

…oder doch?

Aber meine aktuellste Denkschleife bezieht sich – und damit überrasche ich vermutlich niemanden – auf meine Transsexualität. Etwa vom Februar bis August des letzten Jahres war es schon so, dass sich in meinem Hirn kaum andere Themen tummelten. Das war völlig verständlich und ok, schließlich hatte ich eine Menge verdrängter Gedanken aufzuarbeiten und musste Entscheidungen treffen, die mein gesamtes Leben in allen Bereichen und vorallem bis an dessen Ende beeinflussen würden. Es handelt sich um ein unglaublich komplexes Thema, allein schon die nötigen Infos zu finden, zu lesen und sich zu merken hat was-weiß-ich-wie-viele hunderte oder tausende Stunden gedauert. Dass nochmal soviel für nachdenken und hinterfragen hinzukommt, ist auch klar. Aber etwa im August war dann eigentlich alles geklärt und ich habe mich darauf gefreut, einfach nur noch zu leben und glücklich zu sein. Und das hat geklappt.
Zumindest bis vor kurzem. Seit Ende Dezember spüre ich, wie sich das Thema bei mir wieder in den Vordergrund drängt. Während es im letzten Jahr offensichtlich angebracht war, meinen Kopf darüber zu zerbrechen, bin ich mir momentan mit mir selbst uneins, ob das den nun sein müsse. Lebenszeit, die ich in so einer Denkschleife verbringe, ist relativ vergäudete Lebenszeit. Somit wäre es wünschenswert, diese Gedanken jetzt sofort abzustellen und sich auf das eigentliche Leben zu konzentrieren. Das ist erstens leicher gesagt als getan, und zweitens vielleicht sogar diesmal der falsche Weg. Diese Schleife hat vielleich eine Daseinsberechtigung. Denn ihr thematischer Inhalt ist nicht bloß „die Transsexualität an sich“ sondern vielmehr die konkrete Frage:
„Ob es angebracht ist, dass ich noch ein Jahr auf die Hormongabe warte, und falls es nicht richtig ist, wie ich diese Zeit verkürzen kann.“
Es ist nun so, dass ich auch über vieles andere nachdenke – aber in den letzten Wochen gab es keinen Abend, wo ich nicht auch mindestens eine Stunde diese Frage beackert hätte. Muss denn sowas sein?

Sein oder Denken, das ist hier die Frage

Mein Leben ist doch wunderbar, so wie es nun ist. Ich….

  • habe seit meiner Transition viele neue Freunde gefunden, kaum alte verloren, und viele dieser Freundschafen haben eine ganz neue Intensität bekommen
  • habe diverse neue Hobbys entdeckt
  • bin mit meinem Charakter und meinem Äußeren zufriedener als je zuvor
  • insbesondere damit, dass beide nun im inneren Gefühl und in der äußeren Präsentation übereinstimmen
  • kann endlich durch die Straßen gehen ohne neidisch auf andere Frauen zu sein
  • und habe nebenbei den Übergang vom Studium in einen erfüllenden Beruf geschafft

Es ist alles so gut geworden, dass es schade wäre, diese Zeit durch Nachdenklichkeit zu vergäuden. Stattdessen sollte ich einfach leben!
Aber so gut es mir auch jetzt gehen mag, ich bin mir sicher, ab dem Beginn der Hormontherapie wird es mir noch viel besser gehen. Es gibt jeden Tag noch unzählige Details, die mich nerven, stören, bedrücken, verunsichern… und die meisten davon werden sich früher oder später durch die Einnahme auflösen. Vieles davon sind Kleinigkeiten, die nur in der Summe groß sind. Aber auch bedeutende Dinge werden sich ändern. So sehne ich mich sehr nach Liebe, Zärtlichkeit und Partnerschaft, was aber für mich mit meinem aktuellen Körperzustand absolut undenkbar ist. Jeder Tag, den ich länger auf den Beginn der Hormongabe warte, warte ich auch länger auf die Grundvorauassetzung für ein Beziehungsleben.
Aus der Perspektive betrachtet sind meine jetzigen Tage suboptimal, sie einfach nur zu leben, ist Vergäudung. Sie mit Nachdenken zu verbringen wäre hingegen keine Vergäudung sondern eine sinnvolle Investition in meine Zukunft.

Ein Fazit? Als ob mein Hirn sich an ein Fazit halten würde!

Ich habe jetzt rationale Gründe für und wieder das unbeschwerte dahinleben bzw. das angestrengte Nachdenken geliefert. Und die sind alle vollkommen egal, weil mein Kopf sowieso nachdenkt, ob es nun aus rationaler Sichtweise angebracht sein mag oder nicht. Es ändert nicht, ob ich denke, es ändert allenfalls, ob dieses Denken krankhaft-zwanghaft zu bewerten ist oder eben eine selbstvertändliche Notwendigkeit darstellt. Und all das ändert nichts daran, dass ich in näherer Zukunft eben über dieses eine Thema bloggen werden.
Und egal ob krankhaft oder sinnvoll, der Gedankenstrom wird spätestens dann sein Ende haben, wenn die Hormone verordnet werden, was in ca. 1 Jahr der Fall sein sollte. Mehr als ein Jahr kann ich also nicht damit verplämpern. Da kann man sich nun fast schon fragen, ob Denkschleifen von weniger als einem Jahr Dauer es überhaupt Wert sind, erwähnt zu werden…

Ein Gedanke zu „Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

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