Ich bin gar nicht so negativ und einseitig wie mein Blog! Oder?

Ich bin gar nicht so negativ und einseitig wie mein Blog! Oder?

Es gibt so unglaublich viel zu sagen. Leider findet immer nur ein Bruchteil seinen Weg in den Blog. Und ab und zu zweifel ich sogar, ob’s der richtige Bruchteil ist.
Ein Grund ist auf jeden Fall übertriebener Perfektionismus. Jana vertritt im Wolkenkuckucksblog, welcher sich um das (Nicht-)Bloggen von bloginteressierten Frauen dreht, die These, dass Frauen von einem besonders hochen Anspruch an ihr Geschriebenes gehindert werden. Und in der Tat, da scheint etwas dran zu sein. Ich habe diverse Entwürfe für Posts, die nur deshalb noch nicht online sind, weil sie noch nicht perfekt sind.
Dann ist da die thematische Ausrichtung: Mein Blog ist derzeit extrem Trans-spezifisch, und wenn ich mir anschaue, was alles noch in der Pipeline steckt und darauf wartet, veröffentlicht zu werden, dann wird das eher noch mehr als weniger. Wirklich verwunderlich ist das natürlich nicht. Ich könnte über 1000 andere Dinge schreiben, die mich ausmachen und interssieren, aber das tun auch schon 100.000 andere Blogger. Transsexualität ist nach wie vor ein massiv unterrepräsentiertes Thema im Netz und in der Gesellschaft – und wird damit bei mir zwangsweise überrepräsentiert.
Das ergibt natürlich das falsche Bild, dass ich eben in erster Linie transsexuell (TS) wäre und mich das als Mensch ausmacht. Ich glaube, es ist so: Betrachtet man mich allein betrachtet und schaut, was mich ausmacht, ist TS nur eine kleine Facette. Aber wenn man die Gewichtung der Themen, die mich ausmachen nimmt und sie normiert, indem man sie teilt durch die Gewichtung der Themen, die alle anderen ausmachen – dann bleibt nicht viel übrig außer die TS.
Früher habe ich nur über Computerkram geschrieben. Dabei war ich damals doch sicher mehr als nur ein Computernerd. Aber es hat mich am meisten vom Durchschnittsbürger und seinen Tätigkeiten unterschieden. Also war das meine ökologische Nische in der ich mich eingenistet hatte.
Dann ist mir kürzlich noch aufgefallen, dass mein Blog eine negative Grundstimmung hat. Ich schreibe über das, was mich bedrückt. Das macht den Eindruck, dass es mir schlecht ginge, und das stimmt so nicht. Die meiste Zeit geht es mir gut, und in den letzten Monaten ging es mir so gut dass ich mich schon fast dafür schämen musste. Aber Fröhlichkeit hinterfrage ich nicht. Ich nehme sie hin, freue mich drüber, und lebe weiter. Dinge, die mich runter ziehen, durchdenke ich bis ins letzte Eckchen. Das macht ja auch Sinn, denn hier besteht Verbesserungspotential, und Verbesserung beginnt mit Analyse. Das Schreiben in meinem Blog ist eine Verlängerung meiner Gedanken, also landet all das dort, was verbesserungswürdig ist.
Ich weiß, dass das auch anders geht. Man kann über seine schönen Momente schreiben, und zwar nicht nur so abstrakt wie ich es hier tu, sondern ganz konkret. So detailliert, das sich die Leser_innen hinein fühlen können und sich beim Lesen selbst ein wenig freuen. Eigentlich will ich ja, dass andere sich wohl fühlen, und gönnen allen die hier lesen, dass sie dabei nicht nur meine Tiefen und Rückschläge mit durchleben, sondern auch an meinem ganzen Glück teilhaben. Meinen Blog zu lesen soll eigentlich auch Spaß machen.
Aber schaffe ich das wirklich? Kann ich mich morgen vielleicht mal hinsetzen und in schöne Worte fassen, wie glücklich mich das Klettern macht? Wie genial es sich anfühlt, mal wieder was cooles programmiert zu haben? Wie lecker die selbstgemachte Champignon-Käse-Pfanne war? Wie sehr ich beim Performen der Gitarrenriffs auf meiner Tastatur mit den aufgeklebten Blasenpflastern zu diesen Songs von Tool und Metallica gerockt habe?
Vielleicht sollte ich das. Bestimmt sogar. Aber solange noch so viel Scheiß in der Welt geschieht, egal ob er ich persönlich betrifft oder ich mich freuen kann, dass er an mir vorbei gezogen ist, ist das schwierig. Sich trotz all dieses Scheißes am Leben zu erfreuen ist schon eine hohe Kunst, und ich kann es manchmal selbst kaum glauben, dass ich die beherrsche. Aber die Zeit, die ich mir zum Bloggen nehme… da kann ich mich irgendwie mehr daran erfreuen, über die unerfreulichen Dinge zu schreiben. Da kann ich einfach mal kompliziert und nervig und negativ sein, ohne damit irgendwem konkreten auf den Wecker zu gehen.
Übrigens ist dies der erste Post, den ich hier jemals freigeschaltet habe, ohne ihn vorher noch mehrmals probe zu lesen und stundenlang umzuformulieren. Und wohl auch der erste, den ich überhaupt angefangen habe zu schreiben, ohne vorher darüber nachzudenken und mir eine Struktur zu überlegen. Was hat mich dazu ermuntert? Waren es die ermutigenden Worte  im Wolkenkuckucksblog und dessen Kommentaren? Oder ist es der Alkohol aus dem großen Glas mit heißem Eierpunsch, das ich gerade in Rekordzeit geleert habe?
Was auch immer, nehmt euch demnächst beim Lesen meines Blogs einfach auch was super-leckeres zu Trinken (kann ja auch alkoholfrei sein), und vielleicht machen damit auch alle meine Schlechte-Laune-Themen ein wenig mehr Spaß 🙂

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