Warten auf die Hormone

Warten auf die Hormone

Ich möchte meinen heutigen Post mit einem Gedicht beginnen. Es reimt sich nicht, und es hat wohl auch kein Metrum. Ich habe es geschrieben, kurz nachdem ich in der Schule gelernt habe, dass ein Gedicht sich gar nicht immer reimen muss, da war ich wohl etwa 14 Jahre jung. Somit konnte ich zum ersten mal meine Gefühle (die sich nun mal meist nicht reimen) in ein Gedicht fassen. Natürlich finde ich das Blatt mit dem Text jetzt nicht und muss versuchen, es aus dem Kopf aufzuschreiben:

Mein ganzes Leben ist:
Warten.
Ich warte passiv darauf, aktiv zu werden.
Und warte still darauf, dass jemand mit mir spricht.
[füge hier noch 4 oder 6 Zeilen wie die beiden vorherigen ein]
Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten glücklichen Augenblick.
Und erwarte ängstlich sein schnelles Ende.
Mein ganzes Leben lang warte ich darauf,
dass das Warten endlich ein Ende hat.

Gescheiterte Zeitplanung

Damit mein Leben als Frau eine glückliche Zukunft hat, benötige ich medizinische Maßnahmen, allen voran eine Hormontherapie. Ich habe das getan, was man im allgemeinen so tut, um diese Hormontherapie zu bekommen. Zu Beginn meiner Transition hatte ich mir einen ungefähren Zeitplan ausgemalt, laut dem ich jetzt schon längst in dieser Therapie wäre. Dass sich das etwas verzögern würde, war mir zwischendurch schon klar geworden. Schon vor einem Monat erfuhr ich, dass ich wohl noch ein ganzes Jahr auf den Beginn warten soll. Das war schon keine gute Nachricht, aber ich habe dieser Aussage damals keine absolute Bedeutung beigemessen – es würde ja sicher noch Wege geben, das zu beschleunigen.
Heute habe ich mir dann erklären lassen, dass es sich nicht beschleunigen lässt. Ernüchterung macht sich breit. Insbesondere, da dies eine Mindestspanne ist. Es können noch Dinge passieren, die den Beginn beliebig nach hinten verschieben. Das macht mir jetzt erst mal schlechte Laune, aber dass ich jetzt sofort keine Hormone bekommen würde, war ja klar. Für den Moment ändert sich also gar nicht so viel.

Krise im Anflug

Aber ich zweifele daran, ob ich die nötige Kraft und Ausdauer habe, dieses Jahr abzuwarten, bzw. diese undefinierbare Zeitspanne über die man nicht viel weiß, außer dass sie eben mindestens ein Jahr dauern wird. Ich bin schlichtweg nicht in der Lage, meine Fähigkeit dazu einzuschätzen. Nun fürchte ich mich davor, dass mir eine größere Krise bevorstehen könnte. Die bisher größten Krisen meines Lebens kamen stets recht unerwartet, also bin ich mir noch unsicher, was ich jetzt mit dieser Vorwarnung anfangen soll. Ich könnte abwarten, was passiert. Ich könnte mich vielleicht währenddessen irgendwie für die Überwindung der Krise stärken. Das sind die beiden Dinge, die man mir in meiner Lage wohl raten würde.
Das natürlichste beim Aufziehen einer Krise sollte aber doch sein, sie von vorne herein verhindern zu wollen. Das sollte wohl die primäre Strategie aller vernunftbegabgten Wesen sein und schlägt sich im geflügelten Wort wieder: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wenn meine Krise darin besteht, keine Hormone zu bekommen, dann würde die Verhinderung eben bedeuten, sie doch schon zu bekommen. Im Fall von Transsexualutät wird diese Option aber eben nicht als vernünftig angesehen. Es ist absolut nicht „chic“ oder „in“ etwas an den Dingen zu ändern, die einen als Transsexuelle belasten.

Andere schaffen es ja auch – oder eben nicht

Es haben schon andere vor mir diese Wartezeiten überstanden. Zehntausende haben das geschafft. Viele von ihnen hatten längere Zeiten, vielfach längere sogar, zu überstehen. Sie waren stark. Sie haben mit Kraft und Geduld und Ausdauer die Lage gemeistert. Wäre es nicht stark von mir, das gleiche zu tun? Spräche das nicht von wahrer Gelassenheit und innerer Größe?
Man darf aber auch nicht vergessen wie viele sich in diesen Zeiten gequält haben, in Depressionen versunken sind, psychische Folgeschäden davon getragen haben, sich den Lebensmut nehmen ließen und sich kurz vor dem Ziel getötet haben. Mich der Wartezeit zu stellen heißt gleichzeitig auch, mich dem Risiko auszusetzen, dass es auch mit mir so endet. Ich würde gerne von mir behaupten, ich stünde darüber, ich bin stärker, ich lasse mich nicht unterkriegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft das alles sogar zu. Aber will ich das wirklich in der Praxis erproben? Die Alternativen sind auch nicht nur glücklich leben oder sterben. Beides sind unwahrscheinliche Extreme, der Erwartungsfall ist doch eher, mich durch das nächste Jahr hindurch zu quälen. Kann man sich denn gesunden Geistes für etwas entscheiden, das einem erwartungsmäßig Leid bereiten wird?

Ein Vierzigstel Suizid

Glücklich leben, leiden, sich das Leben nehmen. Das sind nicht nur drei Alternativen, zwischen denen man irgendwie abwägen kann, man kann sie in einen direkten logisch-mathematischen Zusammenhang bringen: Wenn die Menge an Leid, die einen noch erwartet, größer ist als die Menge an Glück, dann ist Suizid die richtige Lösung, und ansonsten ist es die falsche. Das ist, zugegebenermaßen, nur eine Meinung bzw. Einstellung, man kann das nicht beweisen oder widerlegen. Von mir kommen daher auch solche Aussagen wir „Ich würde 10 Jahre Leid auf mich nehmen, wenn ich wüsste, dass mir danach noch mindestens 11 Jahre Glück bevorstehen!“ Sowas ist immer schnell gesagt, aber bisher stand mir so eine Zukunft nie direkt bevor. Die Zahlen sprechen hier in sehr beruhigender Weise: 1 bis 2 Jahre, im schlimmsten Fall vielleicht auch 3, die ich warten muss, und dann stehen mir etwa 40 erfüllte Jahre bevor. Da gehe ich doch in jedem Fall mit einem Plus raus.
Wenn es mir mal richtig dreckig ging, dann konnte ich mir damit immer vor Augen führen, wie weit ich noch vom Suizid entfernt bin: „Es müsste noch etwas 40 mal schlimmer kommen, dann kann sollte ich mir mal nähere Gedanken dazu machen.“ So war das immer, und auch jetzt bzw. in den nächsten 1 bis 3 Jahren rechne ich nicht damit, dass es so schlimm wird, dass ich überhaupt an Suizid denken bräuchte. Wäre die Wahl also nur eine zwischen Warten und Suizid – ich würde mir Freude warten. Ich könnte mich damit abfinden.

Alternativen zur Alternativlosigkeit

Nur bin ich schon immer eine gewesen, die hinter die Kulissen schaut. Wenn man mich gefragt hat ob A oder B, wollte ich schon immer erst einen Blick auf C, D und E werfen. Wie zuvor gesagt: Dass andere die Zeit überstanden haben, und das ich sie vermutlich auch überstehen kann, heißt ja nicht dass ich mir das nun auferlegen sollte.
Transsexualität erfordert eine gewisse Rebellion gegen das übliche. Es ist natürlich keine Wahl, transsexuell zu sein. Aber es ist sehr wohl teilweise eine Wahl, wie man damit umgeht. Ich wusste im Prinzip mit 11 dass ich eine Frau bin, andere erkennen ihre Transsexualität noch deutlich eher, aber es gibt Kräfte die einen davon abhalten, sich sofort zu Outen. Manchmal sind diese Kräfte 40 Jahre oder länger stärker als der eigene Drang, man selbst zu sein. Aber je weniger man darauf bedacht ist, was andere denken, was üblich ist, was die Gesellschaft von einem erwartet, desto eher kann man zu seinen Gefühlen und seiner Identität stehen. Die Transition ist eine persönliche Notwendigkeit und nur in zweiter Linie ein politisches Statement – aber insofern ist sie ein kraftvoller Schlag ins Gesicht der konservativen Rollenbilder, Geschlechterstereorypen und Erwartungshaltungen. Das kann andere abstoßen, es kann einen selbst verletzen, aber immer zeigt es: Mein Wohl, meine Chance auf ein erfülltes Leben ist mir wichtiger als die Konventionen unserer Gesellschaft.
Wie passt es denn da, sich beim Bruch dieser Konventionen an Konventionen zu halten? Die Behandlungsrichtlinen und Rahmenvorgaben der Krankenkasse zu erfüllen, ist letztlich eine Konvention. Nicht jede Konvention ist schlecht, und ich möchte niemanden dazu drängen, Konventionen zum Selbstzweck zu brechen, unabhängig davon wie (un-)konventionell der Lebensweg ansonsten schon war. Und ich weiß, dass diese Konvention ausreichend stark in Gesetze, Regelungen und durchsetzungsfähige Institutionen gegossen ist, um es vielen unmöglich zu machen, sich dagegen zu stellen. Und, und, und… aber all das macht diese Konventionen nicht zu Naturgesetzen oder Gottes Geboten.
Wenn ich nicht jede Alternative, um mein Warten – und damit mein Leiden – zu verkürzen ins Auge fassen würde, hätte ich dann noch irgendein Recht, mich zu hinterher zu beklagen? Will ich wirklich passiv darauf warten, dass jemand für mich aktiv wird? Dass jemand mir erlaubt, nun auch körperlich ich zu sein?
Es gibt Alternativen, viele sogar. Sie haben alle ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Aber allen außer dem Standardweg nach Krankenkassenschema ist eines gemeinsam: Ich muss nicht warten. Ich muss nur aktiv werden. Das macht diese Alternativen verdammt interessant.
 
PS: Ich fände es auch verdammt interessant, den Text hier enden zu lassen. Ist ein schöner Schluss-Satz und ein guter Cliff-Hanger. Wenn ich mal einen Roman schreiben sollte, mache ich das so, aber damit niemand sich Sorgen machen muss: Ich plane keinen Suizid, plane auch sonst nichts unglaublich dummes, und werde über die konkreten Alternativen noch nachdenken und mindestens einen Blogpost schreiben, sowie mit mehreren Menschen darüber sprechen, bevor ich irgendwas unerwartetes tu. Versprochen!
Aber im Moment musste ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben und mich dazu motivieren, Alternativen zu suchen und zu bewerten. Mission completed. Diese Alternativen jetzt noch blogreif aus zu formulieren wird noch einige Stunden dauern, die derzeit fürs Schlafen eingeplant sind, und eine Entscheidung liegt noch Tage oder Wochen von mir entfernt.

3 Gedanken zu „Warten auf die Hormone

  1. „Heute habe ich mir dann erklären lassen, dass es sich nicht beschleunigen lässt.“
    Mich würden die Gründe interessieren, warum sich das nicht beschleunigen lässt?

    1. Zu den Gründen kann man viel schreiben – werde ich auch bald, deshalb wollte ich den Post damit nicht überfrachten. Aber ich versuche mal eine Kurzfassung: Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten entscheidet ja zunächst der Arzt, ob er sie verschreibt. Es gibt leider kein einziges Medikament, das für die Behandlung von Transsexualität zugelassen ist – wohl aber Medikamente, die wirken. Etwas entgegen der Zulassung zu verschreiben (sog. Off-Label-Use) erfordert zusätzlich noch die Zustimmung der Krankenkasse und des Medizinischen Dienstes (MDK). Die haben vor einiger Zeit entschieden, dass sie einer Verschreibung nur noch zustimmen, wenn der betreffende Patient ein ganzes Jahr durchgängig beim gleichen Psychologen in Behandlung war.
      Na ja, etwas komplexer ist die Sache halt noch, das erkläre ich dann später mal…

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