Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

Eigentlich weiß doch jedes Kind, was eine Ehe ist. Mir ging das vielleicht ähnlich, auch wenn Ehe eigentlich nie ein Thema für mich war. Meine Eltern waren stets unverheiratet, meine Großeltern geschieden, und in meiner Generation ist es ja fast schon selbstverständlich, die Ehe abzulehnen.
Aber seit etwa einem dreiviertel Jahr versuche ich, die Ehe zu verstehen. Ich mache ich mir seitdem intensive Gedanken, nicht nur über die Ehe im engsten Sinn, sondern auch über  Familie und Elternschaft. Damit meine ich nicht nur die üblichen Gedanken, die viele zwischen 20 und 30 bekommen: „Wann finde ich den Partner für’s Leben? Werden wir heiraten? Werden wir Kinder bekommen und wenn ja, wie viele?“ Ich gehe an das Thema eher im großen Stil und in abstrakter Weise heran.
Ich möchte hiermit einen Überblick über meine Gedanken und deren Entwicklung geben, und darüber, was meine daraus geschlussfolgerte Meinung ist. Spätere Blogeinträge werden Teilaspekte davon im Detail beleuchten.

Warum gerade jetzt?

Ich weiß nicht genau, was der konkrete Auslöser war, denn es gab viele Faktoren, die etwa gleichzeitig einsetzten (oder mir zu dem Zeitpunkt bekannt und bewusst wurden):

  • Meine erste Partnerin hat unsere langjährige Beziehung beendet und somit meine (unsere?) familiären Zukunftspläne durcheinander gebracht.
  • Zwei meiner Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten. Offenbar lieben sie sich, so wird das wohl auch der Grund für die Heirat sein.
  • Zwei andere Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten, obwohl sie sich nicht lieben – zumindest nicht in dem Sinn, der sonst für eine Ehe üblich wäre. Vielmehr wollen sie damit die Absurdität der Ehe in Zeiten wie diesen aufzeigen.
  • Ich habe mich zu meiner Transsexualität und meiner lesbischen Orientierung bekannt und somit auch nach außen hin meine Aussichten auf Ehe und „eigene“ Kinder (also genetische Nachfahren) deutlich verändert.
  • Dadurch setze ich mich auch endlich intensiver mit der Akzeptanz Homosexueller auseinander. (Ja, traurig dass ich damit erst anfange wo es mich selbst offensichtlich betrifft…)
  • Dabei erfahre ich: Mehr und mehr Länder haben die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, was vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.
  • Obwohl die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ in Deutschland ja angeblich fast identisch mit der Ehe ist, werden mir die riesigen Unterschiede im Adoptions- und Zeugungsrecht bewusst, und die teils absurden Begründungen dafür.
  • Die christliche (katholische) Kirche hat die allgegenwärtigen Veränderungen erkannt und sich im steigenden Ausmaß für die Ehe und gegen andere Familienformen ausgesprochen.
  • Ich setzte mich erstmals mit feministischen Theorien und Positionen auseinander und hinterfragte geschlechtliche Rollenmuster mehr als zu vor – was natürlich auch die Rollen in Ehen und Familien betraf.
  • Erneute Unterhaltungen mit meinem Vater über die (Un-)Gerechtigkeit von Sorgerechts- und Unterhaltsverteilungen zwischen Vater, Mutter und Kindern stimmten mich nachdenklich.

Ganz klar also, dass nicht ein einzelner dieser Faktoren mein Interesse genährt hat, sonder die Kombination all dieser.

Wenn nötig, lese ich sogar die Bibel

Normalerweise verstehe ich Zusammenhänge schnell, auch wenn sie neu für mich sind. Ich habe mich auch schon zu sehr daran gewöhnt, das Lesen des betreffenden Wikipedia-Artikels als Garant für das Verstehen des Zusammenhangs zu sehen. Die Ehe ist nun wirklich kein neuartiges Konzept, aber sie zu verstehen war gar nicht leicht für mich. Man kann sie nicht für sich allein betrachtet erfassen. Sie ist eng mit Familie, Elternschaft, Geschlechterrollen, Ansehen, sozialer Absicherung und so ziemlich jedem anderen gesellschaftlichen Thema verbunden. Heutzutage gibt es auch diverse Ausprägungen dieser Phänomene, die ohne Ehe funktionieren, aber meist nur so wirken wie eine geduldete Ausnahme zum Regelfall „Ehe“. Um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, komme ich wohl nicht umhin, die Ehe zu verstehen. Und umgekehrt gilt dies mindestens genau so sehr.
Dass ich zu einem so komplexen Thema, das so zentrale Wichtigkeit hat, kaum vernünftige Einstiegsliteratur gefunden habe, kann wohl nur daran liegen, dass es als bekannt voraus gesetzt wird. In meinem Wissensdurst habe ich sogar begonnen, in den aktuellen Veröffentlichungen der Kirche(n) und in der Bibel selbst zu recherchieren – vielleicht das erste Mal das ich freiwillig einen Blick dort hinein werfe. Es ist nicht so, dass Religiosität mir persönlich etwas bedeuten würde, aber die Ehe ist eben meist auch mit der Kirche verbunden, und wo sie es nicht ist, dort versucht die Kirche dennoch ihren Standpunkt einzubringen. Um die Ehe zu verstehen, werde ich also auch den kirchlichen Glauben und die darauf fußenden Argumente nachvollziehen müssen.

Respekt vor der Ehe heißt nicht, sie nicht zu kritisieren

Während meiner Recherche überkam mich schon bald die Überzeugung, dass unser althergebrachtes Ehe-, Familien- und Elternschaftsverständnis nicht mehr zeitgemäß und somit reformbedürftig ist. Damit meine ich nicht die Abschaffung! Aber zwischenzeitlich nahm mir das die Motivation, mich weiter mit dem Ist-zustand zu beschäftigen, lieber hätte ich gleich Kritikpunkte formuliert, und auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Aber es ist gar nicht so leicht, sich spontan etwas einfallen zu lassen, was besser ist als dieses uralte System, erst recht nicht, wenn man nicht mal jenes System komplett verstanden hat. Auch wenn vieles aus heutiger Sicht unpassend und ärgerlich erscheint, so ist es doch ein System von ausgesprochen durchdachter Perfektion. Daher hat sich auch in mir als angehende Ehekritikerin eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution aufgebaut. Aus informatischer Sicht ist die Ehe und das sie umgebende System quasi ein sehr effizienter, dezentraler Algorithmus, der die Gesellschaft global in eine feine, regelmäßige geordnete Struktur bringt. Das ist schon auf der formalen Ebene faszinierend.

Momente der Erkenntnis

Es hat also Monate gedauert, aber ich denke, ich bin nun so weit und habe es im Großen und Ganzen verstanden. Ich weiß nun, was die Ehe derzeit bedeutet, bzw. wie verschieden heutzutage die Bedeutung sein kann, die jeder einzelne Mensch hat, je nach Staatsangehörtigkeit oder Wohnort, nach Religion, nach Alter, nach sexueller Orientierung, nach politischer Einstellung, nach Erziehung und persönlichem Umfeld, nach Zugehörigkeit zu Interessengruppen, nach der persönlichen Einstellung zu und Erfahrung mit Beziehungen, etc. Jeder Mensch hat seine Sicht davon, und so hat es jede Gruppierung von Menschen und jedes Rechtssystem. Es gibt nicht die eine Definition von Ehe, die faktische Richtigkeit und/oder allgemeine, weltweite rechtliche Gültigkeit hätte. Es gibt vielleicht so was wie eine winzige Schnittmenge, ein quasi-globaler Konsens über die Bedeutung von Ehe.
Ich habe mir außerdem eine Theorie dazu gebildet, wie das Ehekonzept geschichtlich entstanden sein mag, welche Bedeutung es für die Entwicklung der Gesellschaft hatte und was von dieser Bedeutung noch übrig geblieben ist – und was nicht. Sicherlich gibt es dazu fundiertere Theorien als meine, nachlesbare Fakten und wissenschaftliche Analysen, etc. Wenn ich wirklich wissen wollte, wie das Konzept „Ehe“ entstanden ist, hätte ich mich anders informieren müssen. Aber ich merke, wie im aktuellen Diskurs auf die Bedeutung der Ehe in der Vergangenheit Bezug genommen wird und wie oberflächlich dabei das Wissen ist, das die Sprecher haben und welches sie bei ihren Rezipienten voraussetzen. Ich habe das Gefühl, meine persönliche Theorie dazu ist detaillierter und realistischer als diese allgemeine Diskussionsgrundlage, und damit genügt sie mir zunächst.

Die Ehe, Randgruppen und ich

Und ich habe sogar eine gewisse Vorstellung davon, wie ich in dieses Konzept hinein passen könnte und möchte, bzw. wie sehr ich in das aktuelle Konzept eben nicht passe. Präoperative lesbische Transfrauen mit männlichem Personenstand und ausgeprägtem Kinderwunsch bilden eine wenig beachtete Minderheit.  Die derzeitige Gesetzeslage grenzt mich komplett aus dem „Kern unserer Gesellschaft“ aus, was natürlich für mich einer der Hauptmotivatoren ist, um von einem besseren  System zu träumen.
Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich nun also endlich eine eine Meinung dazu gebildet, ob und wie dieses Konzept überarbeitet werden könnte und sollte. Nun, wo es schon jetzt viel zu viele Ausnahmen explizit behandelt, möchte ich natürlich nicht dafür eintreten, auch für Menschen in meiner Lage noch eine weitere Ausnahme einzuführen und dann gleich noch 523 weitere Regelungen für 523 andere Gruppierungen. Stattdessen müsste eine neue Denkweise her, eine die flexibel und allgemeingültig ist, und inklusiv für Menschen und Familien, die derzeit noch explizit excludiert und/oder benachteiligt werden. Diese Überlegungen stelle ich nicht nur aus eigensinnigem Zweck an, ich bin tief davon überzeugt dass ein Überdenken der Strukturen uns allen gut tun würde. Und nicht zuletzt ist es auch eine anspruchsvolle Herausforderung, mal auf dieser großspurigen Ebene kreativ zu gestalten.

Wie es weitergeht

So werde ich also in Zukunft in loser Folge zu Ehe- und Famlienrelevanten Themen bloggen. Ich hoffe, meine abstrakte Einleitung konnte den einen oder die andere neugierig machen auf das, was bald noch kommt, und erlaubt mir dann jeweils gleich zum Punkt zu kommen und für die einleitenden Worte einfach nach hier zu verweisen.

Ein Gedanke zu „Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

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