Die Vornamensänderung und ihre kaum zumutbaren Umstände

Die Vornamensänderung und ihre kaum zumutbaren Umstände

Worum es geht – kurz gefasst:

  • Warum ich eine Vornamensänderung dringend brauche.
  • Was dazu zu tun ist, insbesondere das Gutachterverfahren.
  • Was an diesem Verfahren alles dumm, gefährlich, demütigend, überflüssig und skandalös ist.
  • Wie es außerdem die teils dringend nötige psychologische Betreuung von Transsexuellen untergräbt.
  • In welchen Konflikt mich das nun bringt.

Die aktuelle Lage

Ich bin Lena Schimmel. Ich bin Mitglied der Gesellschaft für Informatik und Sprecherin von deren Studierendengruppe Braunschweig, bin Kundin bei Amazon und Ebay, habe Profile bei Facebook, Xing und Last.fm, bin zur Nutzung von Packstationen berechtigt, habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag und mir gehören sogar ein paar Prozente des Unternehmens das mich beschäftigt. Offenbar stehe ich mitten im Leben.
Aber man findet mich in keinem Melderegister, ich habe keinen Personalausweis, es gibt mich nicht in den Unterlagen der Universität an der ich studiere, so dass sie mir auch keinen Studentenausweis mit Semesterticket ausstellt, ich habe kein Girokonto, keine Wohnung, keine Geburtsurkunde, keine Bahncard, und habe keine Zeugnisse. Die gehören alle meinem alten Ich. So ähnlich geht es vielleicht auch „illegalen Einwanderern“ die ebenfalls keine Papiere haben – wobei das ein ungerechter Vergleich ist, denen geht es mit Sicherheit noch um ein Vielfaches schlimmer. Trotzdem.
Zum Glück habe ich den Ergänzungsausweis der DGTI, der mir bescheinigt, dass mein altes und mein neues Ich sich all diese schönen Dinge teilen dürfen, weil wir die selbe Person sind. Dieses Dokument sieht nicht schön aus, es ist kein offizielles Ausweisdokument, es ist relativ unbekannt, und wer es überhaupt akzeptiert tut dies entweder aus gutem Willen oder weil er denkt, er wäre dazu verpflichtet. So oder so ist das Teil unbeschreiblich hilfreich im Alltag, es gibt einem das gute Gefühl, wirklich zu existieren. Von den Errungenschaften, die ich als Lena inzwischen als „mein“ bezeichnen kann, wäre gut die Hälfte ohne dieses Dokument gar nicht möglich gewesen. Aber es hat offensichtlich seine Grenzen. Wenn es jemand nicht akzeptiert, bleibt mir nur zu sagen: „Na dann eben nicht. Ich komm dann in ein paar Jahren nochmal vorbei.“

Der nächste Schritt

Natürlich wäre es schön, von allen Seiten her rechtlich als Lena Schimmel akzeptiert zu werden. In Deutschland besteht diese Möglichkeit durch eine Vornamensänderung. Andere Menschen zahlen für so etwas – abhängig von ihrem Wohnort – ein paar hundert Euro oder weniger, und müssen relativ wenig Aufwand dafür aufbringen. Natürlich fällt ein wenig formaler Papierkram an, aber wo kämen wir denn ohne das auch hin in unserer Bürokratie?
Von Transsexuellen wird jedoch noch mehr verlangt. Da wären zum einen Kosten für die Gutachten, die sich auf mehrere Tausend Euro belaufen können. Die jucken mich derzeit wenig, mein Verdienst ist gering genug um diese Kosten per Prozesskostenhilfe zu decken. Sprich: der Staat bzw. der Steuerzahler kommt dafür auf. Sicherlich eine Steuerverschwendung, für die ich aber kein schlechtes Gewissen haben muss, sondern jene, die sich dieses komplexe Verfahren ausgedacht haben.
Aber selbst wenn ich das selbst zahlen müsse: Was sind schon ein paar Tausend Euro im Vergleich zur Aufgabe der persönlichen Würde? Und die ist durch das Gutachterverfahren ernsthaft gefährdet.

Was ist das Ziel?

Bevor ich nun den Sinn oder Unsinn der Gutachten bespreche, muss man sich doch erst mal fragen: Worum geht es eigentlich?
Es geht hier nur darum, ob eine Person ihren Vornamen ins andere Geschlecht ändern darf und von da an rechtlich in jenem Geschlecht anerkannt ist. Das mag zwar eine große Sache sein, aber immerhin ist dies komplett unabhängig von medizinischen Maßnahmen. Die Frage, ob eine Person eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operation erhalten soll/darf/muss ist nicht Thema dieses Gesetzes. (Bis Januar 2011 bestand allerdings noch ein Sterilisationszwang, der nun zum Glück passé ist.) Die Trennung von rechtlichen und medizinischen Maßnahmen ist ein hohes Gut – wenn auch leider immer noch kein real vorhandenes, wie man später sehen wird.
Das Risiko einer fälschlicherweise zugestandenen Vornamensänderung ist gut kalkulierbar: Wenn der Antragsteller nach einigen Jahren bemerkt, dass ihm der alte Vorname besser gefiel, dann würde er einen erneuten Antrag stellen. Bei diesem Risiko könnte man es wohl vertreten, das Begutachtungsverfahren entfallen zu lassen – und damit würden im Worst-Case der zweifachen Änderung jeweils wenige hundert Euro an Kosten entstehen, und somit immer noch weniger als nun zur Verhinderung jenes Worst-Case aufgewendet wird.
Die rechtliche Grundlage für die Begutachtung ist dünn bzw. unkonkret, denn das „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG)“ sagt in §4 Absatz 3 dazu nur:

„Das Gericht darf einem Antrag nach § 1 nur stattgeben, nachdem es die Gutachten von zwei Sachverständigen eingeholt hat, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrung mit den besonderen Problemen des Transsexualismus ausreichend vertraut sind. Die Sachverständigen müssen unabhängig voneinander tätig werden; in ihren Gutachten haben sie auch dazu Stellung zu nehmen, ob sich nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird.“

Es besagt also, was sie auch begutachten sollen. Der Hauptzweck der Begutachtung wird nicht explizit mit der Begutachtung in Verbindung gebracht, aber mit etwas Verstand lässt sich schließen, dass es wohl um die Sicherstellung der Bedingungen in §1 Absatz 1 Punkt 1 und 2 gehen muss:

(1) Die Vornamen einer Person sind auf ihren Antrag vom Gericht zu ändern, wenn
1.    sie sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben,
2.    mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird [, und]

Was passiert im Begutachtungsverfahren?

Was die Gutachter nun genau tun, um dies sicherzustellen, lässt das Gesetz offen. Ich habe das ja alles noch vor mir, kann daher nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber man hat ja so seine Quellen. Ich muss zugeben, dass ich mich hier sehr selektiv auf Negativbeispiele stütze, die nicht ganz repräsentativ sind. Andererseits handelt es sich auch nicht um seltene Einzelfälle, sondern durchaus um einen Teil des Üblichen.
In der Praxis üblich ist dabei mehr als nur ein Seelen-Striptease (und auch das wäre ja schon viel verlangt):

  • Der Gutachter prüft und notiert was der Antragsteller für Kleidung trägt und ob diese seinem persönlichen (Klischee-)Bild eines Mannes oder einer Frau entspricht.
  • Der Antragsteller soll den Gutachtern Auskunft über sein gesamtes Leben geben, und dabei jedes Detail erwähnen, das irgendetwas mit (Trans-)Sexualität zu tun hat. Dass man „Sexualität“ und „Transsexualität“ überhaupt in einen Topf werfen kann, ist dabei rein sprachlicher Natur, da die sexuelle Identität bekanntlich nichts mit der sexuellen Orientierung oder sexuellen Vorlieben zu tun hat. Dennoch sind sehr detaillierte Fragen zur Selbstbefriedigung, zum Geschlechtsverkehr mit anderen, zu sexuellen Phantasien und Abweichungen von der sexuellen Norm sehr üblich. Für die meisten Menschen dürfte dies der privateste Teil ihres ganzen Leben sein, den sie nun offenlegen müssen.
  • Es muss eine schriftliche Antragsbegründung vom Antragsteller abgegeben werden. Obwohl das Gesetz nur eine Rechenschaft über die letzten drei Jahre verlangt (oben zitierte §1 Absatz 1 Punkte 1 und 2), fordern die Gerichte ebenfalls einen kompletten Bericht inklusive der Kindheit, in dem auf die psychosexuelle Entwicklung eingegangen wird. Es wird vom Gericht explizit auch nach der Bedeutung von Eltern und Geschwistern gefragt.
  • Der Antragsteller wird bei der Begutachtung gebeten, sich zu entkleiden und körperlich begutachtet. Dabei sind die bestellten Sachverständigen praktisch immer psychogisch ausgebildete Personen, deren Fähigkeit zur körperlichen Überprüfung zweifelhaft ist. Was die Beschaffenheit des nackten Körpers darüber aussagt, ob der Antragsteller sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, ist auch schleierhaft.
  •  Während es für viele Menschen relativ normal ist, sich bei einem Arzt zu entkleiden, muss man bedenken, dass die meisten Transsexuellen ihren Körper in seiner falschen Geschlechtsform hassen. Und die Begutachtung findet in vielen Fällen noch vor medizinischen Maßnahmen statt, die dem Abhilfe schaffen. Die Abneigung geht häufig so weit, dass seit vielen Jahren kein anderer Mensch mehr einen Blick auf die nackte Haut bekommen hat, sogar die Betroffenen selbst können oft nicht mehr in den Spiegel schauen oder duschen z.B. im Dunkeln. Sich nun nackt zu präsentieren ist extremer Stress, kurz davor, kurz danach oder sogar gleichzeitig über Details des Sexuallebens sprechen zu müssen verschärft die Lage.
  • Die oben geschilderte Situation stellt also für den Antragsteller evtl. schon ein missbrauchsähnliches Erlebnis dar. Doch damit nicht genug, tätlicher sexueller Missbrauch, mal mehr und mal weniger gut als „notwendiger Schritt zur Diagnose“ getarnt, ist angeblich in dieser Situation nicht selten. Wer einen starken Magen hat, kann sich hier Berichte über solchen Missbrauch durchlesen.
  • Die beiden Psych* (von hier an verwende ich die Abkürzung „Psych*“ als Oberbegriff für Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater und für die daraus zu bildenden Adjektive), welche die Gutachten erstellen, dürfen ausdrücklich nicht jene sein, welche den Antragsteller dauerhaft psych* betreuen. Und auch wenn das „Gesetz über die Änderung der Vornamen…“ nichts über eine dauerhafte Betreuung sagt, gibt es andere Regeln die jeden Transsexuellen zur Dauerbetreuung zwingen, ob er diese nun will bzw. braucht oder nicht. Die Trennung zwischen Betreuern und Gutachtern ist extrem sinnvoll – wird aber dadurch zunichte gemacht, dass die Gerichte verlangen, dass der Antragsteller alle betreuenden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbindet. Auch das wird durch das Gesetz nicht gerechtfertigt. (Mehr dazu im nächsten Textabschnitt)
  • Es sind auch Fälle bekannt, in denen die Gutachter (teilweise auch erfolgreich) versucht haben, den Antragsteller zu unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen zu zwingen, welcher dieser nicht wollte. (Ich glaube, darum geht es in diesem langen Text, den ich aber wegen der Länger, Formulierungsweise und unübersichtlichen Formatierung nicht in seiner Gänze gelesen und verstanden habe.)
  • Gesetzt den Fall, dass dem Antrag zugestimmt wird und der Vorname geändert wird, erhält der Antragsteller einen Gerichtsbeschluss, den er von da an bei unzähligen weiteren Ämtern, Firmen und ggf. Privatpersonen vorlegen muss, um seine Namensänderung zu belegen. Doch auf genau diesem Beschluss werden oft sehr private Details aus dem Begutachtungsverfahren aufgeführt. Wer also z.B. den Name auf seinem Führerschein aktualisieren lassen möchte, muss dann der Fahrerlaubnisbehörde ein Dokument übermitteln, welches über seine sexuelle Vorlieben und (sexuell) einschneidende Erlebnisse in der Kindheit berichtet.

Meine Meinung zur Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht

Ich konnte mir es an vielen stellen nicht verkneifen, schon während der Aufzählung auszudrücken, wie wenig ich von den gängigen Methoden halte. Manche Punkt stehen schon ohne Kommentar als abschreckendes Beispiel da. Aber einen Punkt möchte ich nochmal gesondert hervorheben, da er auf den ersten Blick harmloser erscheint, als er ist: die Entbindung der betreuenden Psych* von der ärztlichen Schweigepflicht.
Transsexualität ist kein psychisches Leiden, insbesondere kann sie niemals auf psych* Wege geheilt werden. Die beste Näherung an eine Heilung ist durch medizinische Maßnahmen möglich, die den Körper an das Identitätsgeschlecht angleichen. Dennoch gibt es viele Gründe für Transsexuelle, um sich einem Psych* anzuvertrauen, denen man sich bewusst sein muss, um die Problematik zu verstehen:

  • Theoretisch können andere psychische Leiden sich ähnlich wie eine Transsexualität bemerkbar machen. Diese sind dann aber psychisch und nicht körperverändernd zu beheben.
  • Durch die lange Zeit im falschen Körper und die Probleme, die erwartete Geschlechterrolle zu erfüllen, kann über die Jahre viel Leid auf die Betroffenen einwirken und somit psychische Probleme verursachen.
  • Die Umstellung des gelebten Geschlechtes im Alltag führt oft zu Ablehnung durch Familie, Bekannte und das Arbeitsumfeld. Dadurch entstehen besondere psychische Belastungen, bei denen ein Psych* hilfreich sein kann.
  • Im Rahmen der Hormonumstellung kommt es oft zu Veränderungen des Gefühlshaushaltes, die mit professioneller Begleitung besser überstanden werden können.
  • Auch kann der Erfolg der körperlichen Maßnahmen schlechter ausfallen als man sich das zunächst erhofft hatte, was wiederum zu Krisen führen kann.
  • Um die Hormontherapie und/oder angleichenden Operationen zu erhalten ist eine Diagnose eines Psych* notwendig. Behandlungsrichtlinien erzwingen hier eine längerfristige Betreuung mit Hinweis auf die eben genannten Vorteile – allerdings auch für die Patienten, welche auch gut ohne diese auskommen würden.
  • Der oben erläuterte Prozess der Vornamensänderung erfordert Zwingend die Gutachten zweiter Psych*.

Der Bedarf von transsexuellen Menschen an psych* Hilfe wird einem vielleicht klar, wenn man sich bewusst macht, dass bis zu 70% jener, die angleichende Maßnahmen erhalten, zuvor mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Wer weiß, wie hoch die Anzhal jener ist, die sich wegen ihrer Transsexualität umgebracht haben, noch bevor diese Ursache diagnostiziert wurde? Man kann es nur erahnen… aber all das macht klar, dass mit dem tatsächlichen Hilfebedarf dieser Menschen nicht zu scherzen ist und dass man nichts unternehmen sollte, was die Erfolgschancen dieser Hilfen mindert.
Hier also endlich die Kernaussage dieses Posts:
Ein Patient, der sich vom Psych* seines Vertrauens ernsthafte Hilfe bei der Bewältigung seiner Probleme erhofft, sollte die volle Freiheit darüber haben, was er diesem anvertraut und was nicht. Normalerweise wäre das auch erfüllt. Durch die Begutachtungspraxis der Vornamensänderung weiß der Patient aber: jedes Problem, von dem er seinem betreuenden Psych* berichtet, wird später einmal den Gutachtern und dem Gericht bekannt, und wird über das Gerichtsurteil vielleicht noch weiter in die Welt gestreut. Das ist schon unangenehm genug, aber vor allem muss der Patient damit rechnen, dass mit Bekanntwerden der Thematik der Gutachter einen Grund findet, um der Vornamensänderung zu widersprechen.
Oft kommt es dann zur Umkehr von Ursache und Wirkung: Ein Patient ist transsexuell, wird deswegen vom Umfeld abgelehnt, leidet psychisch darunter, und letztlich wird ihm seine Transsexualität abgesprochen, weil sie angeblich nur ein Ergebnis seiner psychischen Probleme wäre. Auch wenn der Gutachter, der einem später vielleicht einmal zugeteilt wird, diesen Fehlschluss nicht tun wird: schon bei Beginn des  Gesprächs mit dem betreuenden Psych* muss der Patient Angst davor haben. Somit werden nur noch Symptome preisgegeben, die eindeutig auf die Transsexualität hinweisen. Alles, was mit viel Phantasie dagegen sprechen könnte, wird verschwiegen und bleibt unbehandelt.

Was soll ich nun ganz konkret tun?

Für mich ist diese Frage hochgradig akut. Ich werde in wenigen Tagen den Antrag auf Vornamensänderung stellen.
Wenn ich das tu, und dabei die Anforderungen einhalten muss, muss auch ich drei Psych* von ihrer Schweigepflicht entbinden. Ich weiß noch in etwa, was ich diesen bisher über mich erzählt habe. An jedes Detail kann ich mich natürlich nicht erinnern. Da ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass diese Schweigepflichtentbindung auf mich zukommen würde, habe ich vermutlich Dinge gesagt, die zwar Wahrheitsgemäß sind, aber eigentlich nichts in der Entscheidung über meine Vornamensänderung verloren haben. Und vor allem weiß ich nicht, was ich in zukünftigen Sitzungen noch bereden werde. Ich fühle mich derzeit psychisch absolut gesund, den „Behandlungserfolg“ meiner Sitzungen zu gefährden ist leichtes Spiel für mich, da es nichts zu behandeln gibt. Aber ich kann nicht wissen, welche psychischen Probleme sich in den nächsten Monaten noch ergeben. Wenn ich jetzt die Entbindung unterzeichne, setze ich die Freiheit und Qualität meiner Behandlung in Zukunft aufs Spiel.
Ihr wisst ja, was ich von meiner Privatsphäre allgemein halte, und wie sehr ich mich davon verabschiedet habe, seit ich transsexuell bin und mich dazu berufen sehe, eine öffentliche Referenz für andere zu sein. Aber unabhängig davon, was dieses irsinnige Gutachterverfahren für mich konkret bedeutet, unterwerfe ich mich einer Regelung, die in keinem Gesetz steht, und stimme ihr somit zu. Ich sage „Ist o.k., ihr könnt meine gesamte psychische Krankengeschichte lesen, denn ich bin ja gar nicht psychisch krank.“ und bedeute damit ein Stück weit auch, dass es generell o.k. wäre, so zu verfahren.

  • Ich könnte die Schweigepflicht aufrecht erhalten. Wenn ich keine Entbindung davon beilege, würde sie wohl nach gefordert werden, so als hätte ich sie ganz versehentlich vergessen. Ich könnte auch explizit hineinschreiben, dass ich keine derartige Freistellung wünsche, und abwarten, was passiert. Schlimmstenfalls wird mir wegen mangelnder Mitwirkung der Antrag abgelehnt und Lena Schimmel bleibt nach wie vor eine Phantombürgerin. Das will ich natürlich nicht.
  • Ich könnte dem Gericht schreiben „Ich entbinde die Ärzte X, Y und Z von ihrer Schweigepflicht“ und nebenbei mit denen private Nebenabreden vertraglich schließen, die besagen „Die Fakten A,B und C bleiben geheim, auch wenn eine generelle Entbindung von der Schweigepflicht stattgefunden hat.“ Ob die sich auf so ein Heckmeck einlassen, ist natürlich eine andere Frage. Keine realistische Alternative.
  • Ich könnte Klage erheben um zu erwirken, dass das Gericht nie wieder solche Entbindungen von der ärztlichen Schweigepflicht für Vornamensänderungen verlangt. Das würde Jahre dauern, vielleicht würde mein Antrag die ganze Zeit ruhen und ich verbaue mir selbst das Ziel, möglichst schnell rechtlich anerkannt zu werden.
  • Vielleicht könnte ich auch gute Miene zum bösen Spiel machen, mein recht auf informationelle Selbstbestimmung zum Teufel schicken weil es mir selbst eigentlich gar nicht so viel ausmacht und der Vorteil überwiegt, und mich nachher immer noch gegen diesen Mist einsetzen. Aber mal ehrlich, habe ich dann wirklich noch den nötigen Antrieb dazu?

Wie ich es auch mache, ich mache es falsch. Aber das ist eine der Erkenntnisse der letzten Jahre, mit denen ich mich abgefunden habe. Es wird mich nie wieder davon abhalten, das zu machen, was gemacht werden muss. Und ansonsten weiß ich ja auch, dass es im Schnitt alles nicht ganz so schlimm läuft, ich bin ja nach wie vor Optimistin. Aber vor jedem Schritt muss man ja wissen, was alles passieren kann und sich fragen, ob man mit den Konzigwensen umgehen kann. Ich kann.

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