Die Öffentlichkeit des Privaten: Mein Projekt "Cubenet" in der gesellschaftlichen Perspektive

Die Öffentlichkeit des Privaten: Mein Projekt "Cubenet" in der gesellschaftlichen Perspektive

Wer online sein will, muss sich gut überlegen, wie er online sein will. Denn offline ist er nie wieder.
Zu diesem Thema könnte ich nun technisches, politisches oder persönliches Schreiben. Dies ist der erste von zwei Beiträgen dazu, und er erfasst eher den gesellschaftspolitischen und den gesellschaftlichen und technischen Aspekt. Und irgendwie kommt auch ein lange vergessenes Projekt wieder zum Vorschein…

Neue Ausmaße von Offenheit und Verschlossenheit im Netz

Die einen posten bei Facebook und anderen social networks quasi sekundenaktuell jede private Befindlichkeit, egal ob banal oder weltbewegend, und schaffen damit ein detailliertes digitales Abbild ihres Lebens, das für jeden Abrufbar ist und bleibt. Die anderen haben so viel Angst vor den Datenkraken, dass sie entweder gar nicht erst beitreten (obwohl sie ja teilweise irgendwie gerne würden…) oder aber beitreten und dann mit völlig sinnbefreiten Pseudonymen, ohne Profilfoto und ohne Inhalte einen unpersönlichen, leeren Datensatz schaffen. Natürlich gibt es löbliche Zwischenabstufungen, aber die Extreme überwiegen. Und das Thema der digitalen Privatsphäre wird thematisiert wie nie zuvor.

Ein scheinbares Paradoxon am Beispiel der Piratenpartei

Dieses digitale Dilemma hat in den letzten Jahren der Piratenpartei viel Beachtung eingebracht. Dass sich die Partei und ihre Mitglieder einerseits für politische Transparenz aber andererseits für privaten Datenschutz einsetzen, erscheint der breiten Masse nach wie vor unverständlich oder gar widersprüchlich. Wenn sich dann dennoch einzelne Mitglieder freiwillig dazu entscheiden, große Teile ihres Privatlebens im Netz zu dokumentieren, ist die Verwirrung komplett. Die politische Geschäftsführerin Marina Weisband ist ein gutes Beispiel dafür: sie bloggt, sie twittert, sie postet bei Facebook auf zwei Accounts und lässt auch in gedruckten Berichten und Fernsehtalkshows viel privates durchblicken. Dennoch traue ich ihr voll und ganz zu, Privatsphäre anderer zu verstehen und zu respektieren und sich in der Politik für eben deren Aufrechterhaltung einzusetzen. Dabei sind die letzten beiden Links jeweils sehr gute Beispiele dafür, dass die klassischen Medien genau diesen Unterschied nicht verstehen.

Ich benutze Google Mail – na und?

Ich selbst werde ja schon öfters komisch dafür angeguckt, dass ich Google Mail verwende und somit einem großen US-Konzern zugriff auf alle meine Emails gebe. Eine Form der Auswertung ist dabei allen bekannt, für die Nutzer wie mich klar sichtbar und nachweislich dazu geeignet, das Google damit seine kostenlosen Dienstleistungen monetarisiert: Passend zu Wörtern, die in der Mail vorkommen, wird mir neben der Mail textuelle Werbung angezeigt. Natürlich könnten sie in der Theorie mehr mit diesen Daten machen. Ob bzw. was genau noch damit geschieht, ist aber bloße Spekulation. Dennoch gibt es Menschen, die es nicht mit sich vereinbaren könnten, ihre Privatsphäre soweit aus der Hand zu geben. Das ist völlig o.k. und verständlich, nur eben nicht das, was ich für mich persönlich entschieden habe. Man muss stets technische Vorteile und praktischem Komfort abwägen gegen die Einbußen die man im Datenschutz macht, und ich habe in dem Fall so entschieden und kann zu einem anderen Zeitpunkt anders entscheiden.
Aber Daten, auf die Google eventuell Zugreift, vielleicht sogar an irgendwelche Firmen verkauft, sind damit ja immer noch nicht für viele oder gar jeden direkt öffentlich. Sich also über soziale Netzwerke, eigene Blogs und Webseiten oder über klassische Medien zu öffnen, geht noch einen ganzen Schritt weiter als nur einen Google-Dienst zu nutzen. Darüber schreibe ich aber ein andern mal und möchte mich jetzt eher auf etwas technisches konzentieren…

Ist Cubenet der Anfang oder das Ende des Datenschutzes…?

Ich habe mich in den letzten 7 Jahren mit nichts so intensiv befasst wie mit meiner Netzwerktechnologie „Cubenet“. Zur Erinnerung: das ist (bzw. wird vielleicht einmal) eine Programmkomponente, auf deren Basis sich vernetzte Software entwickeln lässt, vom Musikplayer über soziale Netze bis hin zu Warenwirtschaftssystemen.
(Cubenet wäre eigentlich unter http://cubenet.lenaschimmel.de ausführlich dokumentiert, diese Subdomain ist aber aus [mir bekannten] technischen Gründen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags gerade offline.)
Je nach dem, wie man diese Technologie einsetzen würde, wäre sie geeignet um die digitale Privatsphäre in nie dagewesenem Ausmaß zu zerstören, oder um sie wieder komplett herzustellen. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, was dieser (scheinbare) Widerspruch bedeutet. Zeitweise hat mich die Aussicht auf eine Technologie, die endlich jedem die Herrschaft über seine Daten zurück gibt, massiv angespornt. Dann gab es Phasen in denen der Gedanke, dass ich damit das Gegenteil bewirken könnte, so sehr bedrängt dass ich mich nicht traute, weiter zu machen. Zu groß waren meine ethischen Bedenken. Und selbst wenn ich es mit mir selbst verantworten könnte, so liegt doch darin das Potential zu einem der meistgehassten Menschen der Welt zu avancieren.
Es sind nicht nur diese Unstimmigkeiten, die dazu geführt haben, dass mein Projekt Cubenet seit längerem wieder mal pausiert ist. Es sind auch private Umstände (z.B. meine Transsexualität) und wirtschaftliche (ich stecke derzeit viel Zeit in unser Unternehmen „Greenmobile Innovations UG„), die mich derzeit davon ablenken. Aber Cubenet lebt in meinem Kopf weiter und profitiert von dem, was ich im Alltag dazu lerne.

…oder ist es beides?

Denn inzwischen fügt sich in meinem Kopf ein stimmiges Gesamtbild des Widerspruchs zusammen: Jeder Mensch wählt frei, welche Technologien er nutzt und wie er das tut. So bietet jeder noch so datenhungrige Dienst jedem Menschen die Möglichkeit, ihn nicht oder nur sehr eingeschränkt zu nutzen und so eine Daten zu schützen, bzw. sich selbst vor seinen Daten zu schützen. Wer das tut, kommt natürlich auch nicht in den Genuss aller Vorzüge dieser Dienste. Somit ermöglicht jede Technologie maximalen Datenschutz durch Nichtnutzung. Egal wie gut oder schlecht nun der Datenschutz innerhalb von Cubenet wäre: Solange dessen Ausmaß für die (potentiellen) Nutzer realistisch abschätzbar ist, hat er die zuvor genannte Wahlfreiheit.
Nur ist es immer eine unschöne Wahl, ein Kompromiss, entweder auf Komfort und Leistung oder auf Datenhoheit zu verzichten. Wie man es macht, man macht es auch immer ein bisschen falsch. Und das wäre es, was Cubenet anders machen würde, wenn ich es denn so verwirklichen kann wie ich es plane. Cubenet ließe sich theoretisch so einsetzen, dass man die volle Funktionalität genießen könnte, und gleichzeitig die Herrschaft über die eigenen Daten behielte. Das wäre ein absolutes Novum. Aber diese Möglichkeit löst nicht die derzeit vorhanden Kompromisse zwischen Funktion und Datenschutz ab. Sie wäre nur eine Ergänzung, eine zusätzliche Option. Nutzer könnten sich bei der Nutzung immer noch so zurückhalten, dass ihnen die Vorteile nicht zu gute kämen. Oder sie könnten es so unkritisch und ungeschickt nutzen, dass sie all ihre Daten unwiderruflich an alle preisgeben und eventuell nicht mal einen Vorteil davon haben.

Medienkompetenz wird zum Pflichtprogramm

Die Medienkompetenz, die man heutzutage im Internet braucht, man wird sie vermutlich immer brauchen, in jedem Fall auch für die Nutzung von Software, welche auf Cubenet basiert. Aber es kommt quasi von selbst, dass die Menschen diese Kompetenz aufbauen. Niemand kann dazu gezwungen werden, sich damit zu befassen. Aber inzwischen dürfte wohl jeder von der Problematik gehört haben. In ein paar Jahren werde ich guten Gewissens sagen können: „Wer sich nicht anstrengt, einen Dienst verantwortungsvoll zu nutzen, darf sich hinterher nicht beschweren wenn seine Daten sonst wo landen.“ Vorausgesetzt natürlich, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um diese verantwortungsvolle Nutzung möglich zu machen.
Und unter diesen Voraussetzungen habe ich keinerlei Zweifel mehr daran, dass ich Cubenet weiter entwickeln und Veröffentlichen sollte.
(Ich entschuldige mich schonmal, falls dieser Beitrag – insbesondere der Teil zu Cubenet – für viele Leser zu abstrakt war. Das wird später hoffentlich alles mal klar, was ich meine…)

2 Gedanken zu „Die Öffentlichkeit des Privaten: Mein Projekt "Cubenet" in der gesellschaftlichen Perspektive

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.