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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Ein Traum: Vicis letzte Stunden

TRIGGER WARNUNG: Suizid und Sterbehilfe.

Das hier ist ein Traum, den ich eben hatte. Ich versuche mal, ihn in Worte zu fassen…

Vici’s Leben ist scheiße. Ist es immer schon gewesen, wird es immer sein. Das einzig sinnvolle, das Vici damit noch anfangen kann: so schnell wie möglich ein sauberes Ende herbeiführen. Kein Bock mehr auf Leute, die versuchen, sie davon abzuhalten und ihr letztlich nur zeigen: sie hätte es schon längst tun sollen.

Diesmal wird Vici es durchziehen, denn sie hat alles gut geplant. Sie hat ihr Ticket ins Jenseits schon dabei. Alles was fehlt: jemand, der sie zu ihrem abgelegenen Todesort begleitet, dabei bleibt, bis sie die tödliche Kapsel geschluckt hat, und einige Stunden später die Polizei verständigt – wenn garantiert nichts mehr zu ändern ist. Sie will nur nicht, dass irgendjemand sie dort unvorbereitet finden muss. Glück im Unglück für Vici, dass Lena sie versteht. „Ich helf dir, ich zieh das mit dir durch.“ Die beiden haben sich vor ein paar Minuten erst kennengelernt, wahrscheinlich fällt es Lena deshalb so leicht, für sie ist Vici nur eine fremde.

In 11 Stunden wird es soweit sein. Noch einmal schlafen. „Klar kannst du bei mir und meiner Famlie übernachten. Bei uns ist immer ein Bett frei. Und morgen früh fahren wir dann mit dem Bus dahin.“, sagt Lena. Für diesen einen Abend spielen die beiden jungen Frauen Normalität vor. Sind sie in dieser Normalität gute Freundinnen, oder sind die zwei ein Päärchen? Egal, für Lenas Mutter ist Vicci schon nach wenigen Minuten ein Teil der Familie. „Ich hab euch Kakao mit Sahne gemacht, mögt ihr sonst noch was?“ sagt Lenas Mutter am Abend. Am nächsten morgen verlassen die beiden Hand in Hand das Haus. „Bis heute Abend dann!“ ruft die Mutter ihnen noch hinterher.

So schön könnte das Leben sein. Ist es aber nicht, und gleich ist es eh vorbei. Lena hat geschworen, Vici nicht mehr in ihre Entscheidung hinein zu reden. Aber merkt Vici nicht von selbst, dass das Leben doch schön sein kann? Ist das für sie nach wie vor alles nur gespielte Normalität, oder in den letzten 10 Stunden wirklich real geworden? Für Lena ist es inzwischen sehr real, denn sie hat sich in Vici verliebt und will sich ein Leben ohne Vici nicht mehr vorstellen.

…und damit endet der Traum und liege Wach im Bett mit 1000 Gedanken im Kopf.

Die meisten dieser Gedanken hatte ich nicht nur im Nachhinein, sondern auch schon während des Traums, aber die passten irgendwie nicht flüssig in der Erzählung hinein, die ich komischerweise nicht in der Ichform geschrieben habe, obwohl der Traum definitiv in der Ichform geträumt war.

Zu Beginn, als ich von Vici noch sehr distanziert war, waren das vorallem so ganz praktische Fragen: ist das legal, wede ich wegen Tötung oder unterlassener Hilfeleistung belangt werden? Wird meine Familie und mein Bekanntenkreis mich dafür kritisieren, dass ich Vici nicht „gerettet“ habe? Werde ich mir irgendwann selbst Vorwürfe deswegen machen?

Dann kommt dieses Bedürfnis, nochmal mit ihr darüber zu sprechen, was aber nicht geht, weil wir nicht allein sind und die anderen ja nichts von dem Plan erfahren sollen. Und dann diese plötzliche Verliebtheit. Ist sie auch verliebt, oder spielt sie das nur? Ist Liebe ein guter Grund, den Schwur zu brechen? Welchen Wert haben Versprechen und Schwüre, wenn es um ein Leben geht? Wie sicher kann ich schon sein, dass es für Vici keine andere Alternative geben kann, wenn ich doch nur ein paar Minuten mit ihr über die Gründe geredet hatte. (Ich erinnere mich übriens an keinen einzigen Grund, der Traum ging quasi mit der Prämisse los, dass es „aus Gründen“ so ist.) Wie würde ich das verkraften, den Tod meiner liebsten mit anzusehen? Würde mir in dem Moment nicht auch jeglicher Sinn meins Lebens fehlen, und ich mir nur noch wünschen, dass ich in ihrer Tasche noch eine zweite Dosis Gift finde? Ganz so wie bei Romeo und Julia:

Was ist das hier? Ein Becher, festgeklemmt
In meines Trauten Hand? – Gift, seh ich, war
Sein Ende vor der Zeit. – O Böser! Alles
Zu trinken, keinen gütgen Tropfen mir
Zu gönnen, der mich zu dir brächt? – Ich will
Dir deine Lippen küssen. Ach, vielleicht
Hängt noch ein wenig Gift daran und läßt mich
An einer Labung sterben.

Zugegebenermaßen, die Verszeilen hab ich weder im Traum noch jetzt nach dem Erwarachen aus dem Kopf aufsagen können, sondern musste sie mir ergooglen. Dass ich Shakespeare gelesen habe ist auch so lange her, dass ich sogar dachte, dass wäre Romeos Text gewesen, wo doch Julia diejenige ist.

Ich hätte gerne gewusst, wie dieser Traum ausgegangen wäre. Üblicherweise hat mein Unterbewusstsein zu Beginn eines Traums schon einen Plan, wie das Ende sein soll, verrät ihn mir aber auch erst am Ende. Ich trau meinem Unterbewusstsein aber auch zu, dass das der Plan war: mich an genau der Stelle in Ungewissheit aufwachen zu lassen.

Und dann nochmal eine ernsthafte Bemerkung zum Schluss:

Würde mich im realen Leben jemand darum bitten, ihm/ihr beim Suizid beizustehen oder zu helfen, würde ich nicht nach ein paar Minuten sagen: Ok, los geht’s! Das würde ich nur dann in Betracht ziehen, wenn ich absolut davon überzeut bin, dass es keine bessere Alterntative für die Person gibt, und da ich Optimistin bin, wäre es alles andere als leicht, mich davon zu überzeugen, und würde in jedem Fall ein mehrtägier Prozess sein. Und dann käme noch dazu, dass ich vermutlich gar nicht die Stärke hätte, das einfach so mitzuerleben.

Und dass ich mich in 10 Stunden in jemanden verliebe… machen wir mal 10 Wochen daraus, das ist realistischer 🙂

Abschied vom eigenen Leben, auch ohne dass man sterben will

Eine Art Trigger(ent?)warnung: Ich denke, von all dem, was man zu Suizid schreiben kann, ist das her wohl eher weniger triggernd, aber genau einschätzen ich es nicht. Im Zweifelsfall vielleicht lieber die Finger von diesem Text lassen. Viel gefährlicher ist da ein unten verlinktes Video, das hat aber vor Ort nochmal seine eigene Warnung.

Kurzzusammenfassung: Suizid ist bei Trans*menschen extrem häufig. Ich bin da quasi eine Ausnahme, denn ich wollte mich noch nie töten. Ich dachte aber damals trotzdem, dass ich mich von meinem Leben verabschieden müsste, um glücklich zu werden. Es kam dann zum Glück anders, jetzt suche ich Zusammenhänge.

Ich habe noch nie ernsthaft erwogen, Suizid zu begehen. Der Gedanke liegt mir so fern, dass ich mir immer völlig bewusst war, dass ich mich in Menschen mit Suizidabsicht absolut nicht hinein versetzen kann. Auch jetzt habe ich absolut keine Suizidabsicht, aber mir wurde heute klar, dass ich mich vor 1,5 Jahren durch mein bevorstehendes Coming Out vielleicht doch in einer grob vergleichbaren Lage befunden habe. Wie kommt die Erkenntnis nun?

Ein Film löst Gedanken aus

Ich habe gestern einen sehr packenden Dokumentarfilm über Jugendliche mit Suizidgedanken gesehen, in erster Linie über eine junge Frau, die nach sieben „missglückten“ Suizidversuchen zurück zur Freude am Leben gefunden hat und nun selbst Beratung für akut gefährdete Jugendliche anbietet. Zu der Doku möchte ich gar nicht viel sagen, außer, dass sie sehr sehenswert ist, aber auch sehr bedrückend sein kann und mit Erzählungen und bildlichen Darstellungen, die triggern können, nicht geizt. Also eine ausdrücklich Triggerwarnung für das folgend verlinkte Video! Und nun der Link zum Video. Jene Sendung hat bei mir gestern und heute Gedanken in Gang gesetzt, also zurück zu mir.

Transition als Risikofaktor

Ich befinde mich nun seit etwa 1,5 Jahren in der Transition, quasi auf dem Weg zum Frausein. Vom ersten Tag an war da dieser Gegensatz: Einerseits lebe ich nun zu 100% als Frau. Was soll da noch groß kommen? So gesehen bin ich fertig. Und doch ist da so unglaublich viel, das noch nicht passt, und wo nur medizinische (genauer: somatische) Maßnahmen helfen. Da ist noch so viel zu tun. Vor 1,5 Jahren ist noch nichts davon geschehen. Und heute? Ist genau so wenig geschehen. Nichts. Nada. Medizinisch betrachtet bin ich immer noch vor meiner Transition. Ich bin in der Wartephase.

Diese Lebensphase ist für viele transsexuelle Menschen die letzte ihres Lebens. Es gibt in dieser Phase die höchste erfasste Suizidrate. Wie man in der rechts stehenden Grafik (Klick vergrößert, hoffentlich) eindrucksvoll sehen kann, geht die Suizidrate nach der Transition quasi auf 0 herunter, oder zumindest auf einen so niedrigen Wert, wie er vermutlich auch im (zumeist cissexuellen) Bevölkerungsdurchschnitt zu erwarten ist. Davor sind die Zahlen aber erschreckend hoch. Oft wird gesagt, eine Transition dauere so um die 6 Jahre bis man sich wirklich komplett angekommen fühlt. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 23% Korrektur: 27% pro Jahr, einen Suizid zu versuchen, beträgt die Chance, nach 6 Jahren mindestens einen Versuch hinter sich zu haben, 85%. (Die Grafik kursierte übrigens ohne genauen Quellenbezug auf Twitter, ich habe da nur ein bisschen Farb- und Perspektivkorrektur für die Leserlichkeit hinzugefügt.)

Und dann ist da noch die Dunkelziffer jener Trans*menschen, die nicht mal die offizielle Phase des Wartens erreichen, da sie ihrem Leben ein Ende setzen, noch bevor jemals jemand anderes von ihrer Transsexualität erfahren hat. Oftmals haben sie vielleicht selbst noch nicht mal die konkrete Einsicht, dass nun genau *das* das Problem ist. So oder so, sie tauchen in Trans*spezifischen Statistiken natürlich nicht auf.

Die genaue Größe von Dunkelziffern ist natürlich nie bekannt, sind ja schließlich Dunkelziffern. Ich denke aber, in diesem Fall gibt es relativ zuverlässige Weisen, das abzuschätzen, und wenn ich das im Kopf mal durchgehe, komme ich zur Vermutung, dass es mehr deutlich mehr tote als lebendige Trans*menschen gibt. Wie ich dazu komme, verblogge ich vielleicht später einmal, aber vorerst soll hier die bloße Vermutung reichen.

Die Zeiten, über die ich bisher nicht viel geschrieben habe

Ich habe nach meinem Coming-Out begonnen, sehr persönliches aus der Zeit vor dem Coming-Out zu bloggen. Kindheit, Jugend, frühes Erwachsen sein… und dann kamen Posts über aktuelles, wie es mir als Frau so geht. Die eigentliche Coming-Out-Phase habe ich ausgespart, insbesondere das innere Coming-Out, also das mir-bewusst-werden. Und darüber möchte ich nun langsam mal beginnen, zu schreiben.

Denn genau dazu ist mir heute etwas bewusst geworden. Ich bin an die Transition mit völlig falschen Vorstellungen heran gegangen. Ich hatte fast mein Leben lang eine so negative Erwartungshaltung dazu, dass ich gar keine Lust hatte, mich mit dem Thema überhaupt auseinander zu setzen. Und selbst, als ich das dann doch tat, war meine Erwartung düster. Ich habe recherchiert, wie es anderen dabei so ergangen ist. Auch das war meist niederschmetternd und bedrückend. Viele haben den Kontakt zu ihre gesamten Familie verloren, zum Großteil des Freundeskreises, zu Bekannten und Arbeitskollegen. Haben Job und Wohnung verloren, mussten in eine andere Stadt ziehen, haben ein komplett neues Leben begonnen. Manchmal war dieses „neue Leben“ ebenso bedrückend und einsam, manchmal ist es alles besser geworden. Aber unabhängig davon, was das neue Leben bringen würde, das alte Leben haben sie zunächst hinter sich gelassen.

Als ich mir also die Frage stellte: „Will ich diesen Weg gehen?“, habe ich mich auch ganz bewusst damit auseinander gesetzt, ob ich all diese Verluste ertragen könnte. Ob ich es dafür riskieren würde, mein „altes Leben“ komplett hinter mir zu lassen.

Statistische Abwägungen

Ich gehe auch an solche emotionalen Sachen sehr nüchtern ran, wenn es mir sinnvoll erscheint. Also habe ich Statistik betrieben. Habe geschaut, welchen Anteil der Familie andere verloren haben. Die Werte haben da bei anderen extrem gestreut. Und ich habe nur einen sehr kleinen Familienkreis, der mir wirklich extrem am Herzen liegt, so etwa 3 bis 5 Menschen. Bei solch kleinen Zahlen kann man keine genauen statistischen Vorhersagen machen. Anders beim Freundeskreis: Da konnte ich ermitteln, dass andere so oft bis zu 85% verloren haben, dass ich das auch bei mir nicht ausschließen könnte. Zu dem Zeitpunkt habe ich praktisch keine extrem engen Freunde gehabt, aber vergleichsweise viele Menschen, die ich zu sehr mochte, um sie nur „Bekannte“ zu nennen. Alles in allem waren da also 20 bis 30 Freunde, die mir damals alle etwa gleich wichtig waren. Davon würden im schlimmsten Fall noch 3 bis 4 übrig bleiben, vermutlich sogar mehr. Ich habe das wirklich mehrere Tage lang durchdacht, ob ich damit leben kann.

Und indem ich zum Schluss gekommen bin „ja, ich kann das und wenn nötig, tu ich das“ habe ich mich eigentlich von all dem, was ich hatte, innerlich verabschiedet. Es gab wirklich einen Tag, da habe ich vorsorglich zu all dem innerlich, aber deutlich „Tschüss, es war schön mit euch!“ gesagt. Und mir wurde auch klar, dass es in meinem Leben andere Zeiten gab, wo mein Freundeskreis deutlich anders strukturiert war, also viel weniger Freunde, und die lagen mir dafür noch mehr am Herzen. Davon 85% zu verlieren – praktisch konnte das also heißen, alle, denn man behält keine 0,4 Freund übrig – hätte ich wohl nicht riskiert. So gesehen waren es schon besondere Umstände, die jetzt den Schritt möglich machten.

Auch sonst stand Wandel bevor: Studium fast fertig, Beziehung im Arsch, ich wollte ein Unternehmen gründen und dafür vielleicht in eine andere Stadt ziehen, vermutlich Berlin… so oder so hätte ich in Kürze vielleicht ein mehr oder weniger neues Leben angefangen und vieles hinter mir gelassen. Auch das hat es mir deutlich leichter gemacht, vielleicht alles zu verlieren.

Ernüchterung im postiven Sinn

Ich habe das damals maßlos überdramatisiert. Nicht von all dem ist passiert. Ich habe meine Freunde behalten, meine Familie, meine Bekannten, meinen Job, meine Wohnung, mein Studium… alles. Und habe so viel neues dazu gewonnen. Doch die Vorbereitung auf den Verlust war sicher nicht so verkehrt, denn in vielerlei Hinsicht lag es nicht in meinem Einfluss, ob ich all das verlieren würde.  Ich habe einfach verdammt viel Glück gehabt. Wenn ich mich daran erinnere, wie meine Coming-Out-Mail formuliert war, so war ich zu dem Zeitpunkt wohl auch schon längst nicht mehr so pessimistisch. Immerhin habe ich darin Tipps gegeben, wie man in Zukunft mit mir umgehen könnte, und nicht dazu, wie man mir in Zukunft aus dem Weg gehen kann.

Die Dinge, über deren Verabschiedung ich in den letzten Absätzen geschrieben habe, sind allesamt wertvolle Aspekte, deren Wichtigkeit ich gar nicht in Worte fassen kann. Aber letztlich sind das alles Äußerlichkeit, im Sinne von „außerhalb von mir selbst“. Habe ich irgendetwas in mir selbst verloren? Nein, hab ich nicht, aber dennoch habe ich mich sogar darauf vorbereitet. Und das war nun wahrlich überflüssig, denn was in mir selbst passiert, war ja nun mal weniger von außen beeinflusst, sondern lag in meiner Hand. Niemand kann mich dazu zwingen, mich selbst zu verlieren, außer vielleicht ich selbst. Aber die Selbstentfremdung war ja nicht mal etwas, was ich als mögliches Risiko gesehen habe, sondern vielmehr als unumgänglichen Preis den ich nun mal zahlen muss. Ich fand mich selbst – mal vom körperlichen abgesehen – ja gar nicht schlecht, aber dennoch dachte ich: diese Identität, dieses „ich“ muss ich jetzt hinter mir lassen.

„Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“

Dieser merkwürdige Satz ging mir tagelang in genau der Weise im Kopf herum. „Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“ Mal hat er mich traurig gemacht, mal habe ich das nüchtern gesehen. Manchmal sehr abstrakt, aber manchmal habe ich da auch einen Sarg gesehen, in dem mein altes Ich liegt, drumherum ein Friedhof, und mein neues Ich steht am Rand des Grabes und lässt den Sarg langsam herab. Außer meinen beiden Ichs ist niemand da, der dem Begräbnis beiwohnt. Ja, ziemlich bescheuert diese Vorstellung, ich weiß.

Dass dieser Gedanke des Sich-Selbst-Abschaffens ebenso unsinnig ist wie dessen malerische Ausgestaltung auf dem Friedhof wurde mir dann auch sehr schnell klar, wohl auch vor dem öffentlichen Coming Out. Ich bin immer noch ich, und wie man so schön sagt: jetzt noch viel mehr als zuvor. Den komischen Spruch hatte ich trotzdem noch ein paar Monate im Ohr.

Gab es vielleicht trotzdem Teile von mir, die ich hinter mir gelassen habe? Vielleicht das Gefühl, ein Mann zu sein? Nein, so sehr ich auch danach gesucht habe, eigentlich war so ein Gefühl nie dar, da gibt’s nichts zu begraben. Mit meinem alten Namen hatte ich mich immer sehr stark identifiziert, hatte z.B. nie den Bedarf gesehen, mir einen „Nickname“ zu geben. Ich hab ja gar nichts gegen den Namen, er passt nur nicht zu mir. Ansonsten ist er ja schön und gut, ich könnte mir auch vorstellen, mein eigenes Kind so zu… nee, das nun nicht gerade, das wäre doch etwas freaky 😉 Den Name habe ich dann also wirklich langsam zu Grabe getragen, denn auch wenn ich ihn seit 1,5 Jahren nicht mehr benutze, ist es doch immer noch mein amtlicher Name und steht auf ca. 50% der Briefe, die mich erreichen. Aber nicht mehr lange, theoretisch wird meine Vornamensänderung morgen endlich rechtskräftig. Bis alle Papiere und Datensätze umgestellt sind wird es sicher noch mehrere Monate dauern.

Was mich von Menschen mit Suizid(gedanken)erfahrung unterscheidet

Aber fasse ich mal zusammen: ich war offenbar schon mal an dem Punkt, an dem ich bereit war, nicht nur die äußerlichen Aspekte meines Lebens, sondern auch mich selbst komplett aufzugeben. Und ich denke, diese Bereitschaft braucht es auch zum Suizid. Es ist natürlich vollkommen klar, dass dazu auch noch vieles andere gehört, dass ich in meinem Leben noch nie erfahren habe und hoffentlich auch nie erfahren werden. So ist z.B. die Sicht auf die Zeit danach eine völlig andere.

Ich habe mein damaliges „Leben“ – nicht im biologischen Sinn – aufs Spiel gesetzt, um die Chance zu erhalten, danach ein besseres leben zu können. Hätte ich über Suizid nachgedacht, dann doch mit der Gewissheit, dass danach absolut nichts mehr kommt. Wobei es ja durchaus Menschen gibt, die an ein nicht-irdisches Leben nach dem Tod glauben, oder an eine irdische Wiedergeburt. Da mag die Hoffnung auf eine zweite Chance vielleicht sogar ganz ähnlich gelagert sein wie bei mir. Womit man aber beim Suizid wohl kaum zu rechnen braucht: dass man sein altes Leben behält und gleichzeitig trotzdem alles besser wird. Und genau das habe ich mir – trotz schlimmerer Befürchtungen – die ganze Zeit erhofft und genau das ist passiert.

Ich kann und will mich also, aus diesem und weiteren Gründen, keinesfalls irgendwie „gleichsetzten“ mit Menschen, die echte Suiziderfahrungen haben, das wäre überheblich und respektlos von mir. Ich kann mir nur eingestehen, dass ich in gewissen Teilen dieser Thematik schon viel näher gekommen bin, als ich bisher bewusst zugegeben habe.

Und jetzt nochmal mit Zusammenhang

Ich habe also geschrieben, dass Trans*menschen sehr oft Suizid begehen oder zumindest ernsthaft darüber nachdenken, und wie ich damals eine kurze Phase der Selbstentfremdung hatte, die irgendwie so ganz entfernt Ähnlichhkeit mit Suizidgedanken hatte. Wo ist jetzt der Zusammenhang, den ich suchte? Nun, ich glaube, dass die Gesellschaft diese schlechten Signale verstärkt, die einem sagen, dass Coming Out und Transition das Leben zerstören können. Das führt dann dazu, dass viele mit diesem Schritt so lange warten, bis sie nichts mehr zu verlieren habe, bis sie also akzeptieren können, alles zu verlieren. Und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele gleich den finalen Schritt zur Selbsttötung gehen. Wäre es bekannter, dass eine Transition gar nicht so eine wilde Sache ist, dann würden vielleicht mehr Menschen den Schritt schon gehen, wenn sie noch weit von Suizidgedanken entfernt sind.

Und dann frage ich mich nochmal:

Warum schreibe ich das nun eigentlich? Es musste irgendwie raus. Ich habe direkt nach dem Coming Out mit den meisten meiner Freunde über die bevorstehende Zeit gesprochen, aber eigentlich nie mit jemandem über die Zeit kurz davor. Der Fakt, dass es seit 1,5 Jahren nicht weiter geht, dass ich immer noch am Anfang stehe, macht es mir aber schwerer,  mich von diesen Anfangszeiten komplett zu lösen und nicht mehr daran zu denken. Der zu Beginn erwähnte Film hat mich dann auch nochmal nachdenklich gemacht.