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Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? „Nicht nötig!“ heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, „homonormativen“ Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der „Richtung“ nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie „bisexuell und asexuell“ gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als „biromantisch und asexuell“ oder eben „bisexuell und aromantisch“ bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. „Nein, nur demisexuell.“ war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan „Das ist bei mir aber auch so“. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht „In the closet“.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich „Gleichgesinnte“ finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das „Recht“ dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das „Recht“ haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie „normaler“ Sex und „normale“ Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Selbstfürsorge ist für alle gut

Bloggen wird in letzter Zeit immer schwieriger, und das nicht nur *obwohl* so viel spannende Dinge passieren, sondern gerade deswegen. Ich wollte nun eigentlich einen Gesamtüberblick über diese Themen geben und auch 3-4 davon kurz eingehen.

Stattdessen ist ein Text über Selbstfürsorge und persönliche Beziehungen entstanden. Das wird schon seine Gründe haben, auch wenn ich selbst gerade noch nicht weiß, warum gerade das nun dabei raus gekommen ist, schließlich war das ursprünglich nicht mal Teil der langen Themenliste.

Vernetztheit von Themen und Gedanken

Ich habe derzeit 17 Einträge in meiner Blog-Todo-Liste. Das ist gar nicht so viel mehr als sonst. Normalerweise liegen diese Themen da einfach herum, warten darauf, dass ich mir eins aussuche, um es zu bearbeiten, und dann gibt es einen neuen Blogpost.

Derzeit warten diese Themen aber nicht. Sie schwirren in meinem Kopf herum, in meinem Herzen, in meinen Alltagsgesprächen, in meinen Träumen. Die Bereiche sind vernetzt und wollen gar nicht getrennt werden, sondern alle zusammen in irgendeinem größeren Kontext bleiben.

Das Private ist politisch

Dass ich viel Nachdenke und Ist-Zustände kritisch hinterfrage ist nicht ja nun schon seit einiger Zeit so. Manche der aktuell heißen Themen wirken sehr privat und persönlich, andere haben auf den ersten Blick eine eher politische oder gesellschaftliche Dimension. Aber trennen lässt sich das eh nicht. Fast schon zu platt, jetzt „das Private ist politisch“ zu zitieren, oder?

Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen

Es gibt aber bei mir derzeit gewisse egozentrische Tendenzen. Viele Fragen betrachte ich aus einer sehr ich-bezogenen Perspektive. Dabei ist Egozentrik nicht gleich egoistisch. So verschiebt sich mein Denken von „Was kann die Gesellschaft tun, damit es allen Teilen der Gesellschaft gut geht.“ mehr zu „Was kann ich tun, damit es mir und den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.“ Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen. Ich will nicht sagen, dass der eine Ansatz besser ist als der Andere, und letztlich glaube ich, beide müssen Hand in Hand arbeiten für eine bessere Welt.

Ich glaube inzwischen, wir Menschen haben kollektive, soziale und individuelle Verantwortungen, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Das heißt für mich, mein Handeln muss das Ziel haben, dass es allen gut geht, insbesondere aber denen, die mir nahe sind, und mir selbst. Es ist nicht immer leicht, alles drei zu erreichen, und je größer der Fokus, desto kleiner die reale Veränderung, die eins bewirken kann.

Die Unsichtbarkeit globaler Handlungen

Wenn ich mich für ein Thema einsetze, meine Stimme bei einer politischen Wahl oder parteiinternen Abstimmung gebe, mein Konsumverhalten bewusst anpasse, etc. kann ich nicht erwarten, die Konsequenzen direkt zu sehen, messen zu können, einen Dank oder einen Vorteil davon zu erhalten. Ich brauche einiges an Abstraktionsvermögen und Gedankenspielen, um mich davon zu überzeugen, dass das nun notwendig und zweckmäßig fürs Gesamtwohl war. Aber dennoch glaube ich, wenn wir alle in unserem globalen Handeln bewusster vorgehen, hat das globale, sichtbare, weitreichende Konsequenzen.

Ich bewundere Menschen, die rund um die Uhr enthusiastisch und mit voller Power auf diesem Level operieren. Individuell kann das auch mal ganz kur in Vergötterung, Ehrfurcht, und Mindwertigkeitskomplexe eskalieren, aber auch in Sorge und Mitleid, weil ich mich frage, ob diese Altruist_innen wirklich glücklich sein können, ohne sich mal Zeit für sich selbst zu nehmen.

Für mich habe ich herausgefunden, dass mein Altruismus – und vorallem meine Frustrationstoleranz – nicht ausreicht, um vorwiegend auf dem Level zu arbeiten. Vielleicht muss es auch heißen „noch nicht“, denn ich denke ja, dass ich permanent im persönlichen Wachstum bin und nur weil ich etwas jetzt nicht kann, heißt das nicht, dass ich es nicht immer mal wieder probieren sollte.

Die Grenzen der Fremdfürsorge

Von der Erzählweise her müsste jetzt ein Abschnitt folgen, indem ich darüber berichte, ob bzw. wie ich mich stattdessen um Menschen in meinem Umfeld kümmere, wenn schon das gesamtgesellschaftliche Engagement nicht mein Ding ist. Auch das ist aber nicht so einfach.

In den letzten Monaten habe ich eine sehr schwierige, schmerzhafte Erfahrung gemacht. Nämlich, dass das positive Engagement für eine Person im nahen persönlichen Umfeld negative Gesamteffekte haben kann. Wenn’s schief läuft, geht es der anderen Person danach immer noch schlecht, aber zusätzlich auch mir so schlecht, dass ich anderen zur Last falle und es denen aus lauter Sorge um mich auch noch schlecht geht.

Und es lief sehr schief. Ich war in einer Lose-Lose-Situation, in der jede Handlungsoption schlecht war, und ich glaube, ich habe die gewählt, die am wenigsten schlecht war. Konkreter möchte ich hier gar nicht werden, was die eigentliche Situation angeht. (Wer mich persönlich kennt, weiß entweder schon, wovon ich rede, oder wird das beizeiten noch erfahren.)

Aber ich habe daraus die Lehre gezogen: Jede_r ist in aller erster Linie für’s eigene Wohl verantwortlich. Und jede_r ist Spezialist dafür, was er_sie gerade braucht.

Besser, A kümmert sich erfolgreich um A und B kümmert sich erfolgreich um B, als dass A und B sich erfolglos gegenseitig umeinander kümmern.

Zeit für Selbstfürsorge

Sich selbst zu lieben, zu mögen, wertzuschätzen, und eine grundlegende Zufriedenheit mit sich zu haben, ist nicht leicht, aber es ist wichtig. Wenn ihr ihn nicht schon sowieso kennt, muss ich an der Stelle unbedingt auf den Text „Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie“ bei dontdegradedebsdarling verweisen. Los, lesen! 🙂

Es gibt dieses Sprichwort „Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben / kann von anderen geliebt werden.“ sowie diverse Abwandlungen davon. Ich würde das gerne verallgemeinern zu

„Nur wer (mit) sich X, kann anderen Menschen dabei behilflich sein,  X zu tun.“

Und für X lässt sich dann einiges einsetzen, z.B. (die kursiven Einträge habe ich erst nachträglich eingefügt):

  • lieben
  • verstehen
  • zufrieden sein
  • sich entwickeln
  • klarkommen
  • Verantwortung übernehmen
  • ehrlich sein
  • guten Sex haben

Ich beschäftige mich wieder sehr viel mehr mit meinen ganz persönlichen Wünschen, Ängsten, Gefühlen, Grenzen, Gedanken.

Aber die Beschäftigung allein ist nicht alles. Der erste, grundlegende Schritt ist, diese Emotionen überhaupt zuzulassen. Beispielsweise habe ich mir in den letzten Jahren mehr oder weniger verboten, mich zu verlieben, und entsprechend lieblos war mein Leben.

Gefühle wieder zuzulassen, kann zu Beginn ein sehr rationaler Prozess sein. Ab einem gewissen Punkt ist es dann nötig, die Rationalität in den Hintergrund treten zu lassen.

Das Negative ist positiv

Da geht es nicht nur um flauschig-fröhliche Glückseligkeit und unbegrenzte Fröhlichkeit. Ich habe in der letzten Zeit auch (aber nicht nur!):

  • geweint
  • vermisst
  • (mit)gelitten
  • mich für Fehler verurteilt
  • mich verletzt gefühlt
  • Unsicherheiten durchlebt
  • mir Sorgen gemacht

Aber ich habe endlich wieder Wege gefunden, mit diesen (sogenannten) negativen Gefühlen positiv umzugehen. Ich sehe das derzeit als Zeichen dafür, dass ich lebe, dass ich fühle und ein Mensch bin. Das sind Dinge, die ich leider nicht immer in meinem Leben von mir sagen konnte.

Das Persönliche ist inter-persönlich

Und ich kenne tolle Menschen, die das ähnlich sehen, die sich freuen, wenn ich meine Gefühle – egal ob positiv oder negativ (oder beides in einem) – mit ihnen teile. Mit denen ich zusammen Mensch sein darf.

Indem ich mich öffne, zeige ich anderen auch, dass sie sich mir gegenüber öffnen können. Und das wirkt.

Endlich wieder engere Beziehungen zu anderen aufzubauen sehe ich als direkt verknüpft damit, wieder eine enge Beziehung zu mir selbst zu führen. Die Zeit, die ich derzeit darein stecke, mich mit mir selbst zu beschäftigen und an meiner eigenen Zufriedenheit zu „arbeiten“, kommt auf Dauer nicht nur mir zugute.

Gefühle und Gedanken im Einklang

Am besten läuft’s für mich, wenn weder meine Emotionen noch meine Gedanken ein Monopol oder gar eine Diktatur über mein Handeln haben. Ich lege viel Wert darauf, dass beides im Einklang miteinander liegt.

Das hat mehrere positive Auswirkungen:

  • Es hilft mir, meine Gefühle in Worte zu fassen, und mir selbst erklären zu können, wo sie herkommen und wo sie hinführen mögen.
  • Das hilft mir wiederum, tiefgründige Gespräche mit anderen darüber führen zu können.
  • Sowohl Gedanken als auch Gefühle können sich manchmal „verhaken“, das heißt, an einem bestimmten Punkt nicht weiter komme, obwohl eigentlich noch eine bestimmte Entwicklung bevorstehen würde. Der Austausch zwischen beiden kann Bewegung darein bringen.
  • Ich bin anderen Gegenüber verpflichtet, mit meinen Gefühlen verantwortungsvoll umzugehen. Das kann nur klappen, wenn ich meine Gefühle verstehe. Dazu ganz toll: diese Textserie (Teil eins, zwei und drei) von Esme Grünwald.
  • Es trainiert auch, die Gefühle anderer besser zu verstehen.

Nur eine Phase?

Gefühle und Emotionen beschäftigen mich derzeit sehr, und das nimmt Zeit und Raum ein, welche ich vielleicht anderswo einsetzen sollte / wollte. Aber ich sehe das auch als eine befristete Phase der Umgewöhnung. Es ist ja nicht so, dass diese Emotionalität etwas komplett neues, unbekanntes für mich wäre. Es ist nur eine Weile her, dass ich das letzte „so“ war. Diese Meta-Beschäftigung damit wird vorüber gehen. Das heißt nicht, dass ich in naher Zukunft keine Gefühle mehr haben werde oder nicht mehr darüber sprechen werde, aber die Tatsache, dass es so ist, wird mich dann nicht mehr so verwundern.

In meinem Kopf wird wieder etwas mehr Ordnung eintreten. Themen und Gedanken werden sich wieder trennen lassen, so dass ich einzelne Punkte aus meiner Blog-Todo-List abarbeiten kann. Und es wird mehr Zeit bleiben, um mich mit anderen und mit der Gesamtgesellschaft zu beschäftigen.

Fazit: die Fürsorgepyramide

Für mich besteht eine gewisse Fürsorgepyramide. Mich um mich selbst zu kümmern ist Grundvoraussetzung dafür, bedeutungsvolle Bindungen zu den Menschen in meinem Umfeld zu haben. Und diese Bindungen wiederum können eine gute Basis für größere Vorhaben sein.

Jeder Mensch ist anders, und ich möchte nicht sagen, dass diese Pyramide für jeden gültig, richtig und zwingend ist. Aber ich glaube, wer sie gleich als egoistisch und unethisch abtut, läuft Gefahr, die Selbstfürsorge zu vernachlässigen und damit letztlich das Potential zu verlieren, für Freund_innen und den Rest der Welt da zu sein

Geschlechtliche Normierung von Freund*innenschaften

Ich hab’s ja kürzlich in meinem Poly-Coming-Out schon angekündigt: ich muss mal reflektieren, was Freund*innenschaften und Partner*innenschaften für mich bedeuten und wie weit da überhaupt eine Unterscheidung sinnvoll ist. Und ich merke, das ist nicht nur für mich ein Thema. In meinem Umfeld beschäftigt das viele Menschen, unabhängig davon, ob diese sich als Poly einordnen oder nicht. Daher denke ich, das Thema lässt sich auch ein Stück weit getrennt von Polyamorie betrachten, auch wenn ich – natürlich 🙂 – am Ende der „Serie“ wieder den Bogen dazu schlagen werde.

Fortsetzung einer Serie

Im letzten Post lag der Fokus etwas mehr auf dem, was gemeinhin als Partner*innenschaft angesehen wird, und nun soll’s bei etwas mehr um die freundschaftliche Seite gehen – stets unter der Einschränkung, dass ich da ja eh keine undurchdringliche Grenze sehe. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass daraus noch mindestens drei Blogposts werden:

  • Den eher trocken-theoretischen dazu, welche (geschlechtlichen) Normierungen von Freund*innenschaften ich wahrnehme – das ist also genau dieser Post hier.
  • Der zu meinen konkreten vergangenen Erlebnissen mit Freund*innenschaften und Partner*innenschaften und all dem, was da so dazwischen liegt aber scheinbar nicht liegen durfte – folgt später.
  • Und dann den locker-hoffnungsvollen dazu, was ich mir für meine Freund*innenschaften in Zukunft wünsche, aber auch dazu, was mir da gerade noch alles im Wege steht – folgt auch später.

Kurz vorweg: das mit den Stern*chen

Ich benutze generell kein Sternchen im Zusammenhang mit Frau* oder Männern*, etc. Kürzlich gab’s eine interessante Twitterdebatte dazu, wie dieses Sternchen, das eigentlich nicht-cis- oder nicht-binäre Personen einschließen soll, diese doch eher ausschließt. Keine endgültig geklärte Sache, aber hier erst mal egal, denn:

Bei den Worten „Freund*innenschaft“ und „Partner*innenschaft“ steht das Sternchen – meiner Meinung nach – dafür, sämtliche Kombinationen aus weiblichen, männlichen und ggf. sonstigen Teilnehmer_innen zu bezeichnen. Wo ich ausdrücklich nur solche zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern meine, erübrigt sich damit auch dieser Begriff und „Freundschaft“ oder „Freundinnenschaft“ reicht aus.

Freund*innenschaften unterliegen Normen

Mir wurde bei den Überlegungen der letzten Tage klar, dass nicht nur Partner*innenschaften normiert sind, sondern genauso auch Freund*innenschaften. In aller erster Linie richten sich diese Normierungen nach dem (sozialen) Geschlecht, und so widmet sich ein Großteil dieses Textes den bestehenden Normierungen, so wie ich sie wahrnehme. Das ist jetzt nicht gerade das wichtigste, und spannendste, was mir zu all dem einfallen könnte, aber irgendwie muss es gesagt werden, entstand zumindest als nicht-enden-wollendes Vorwort zu etwas anderem, was ich unbedingt sagen möchte.

Manches davon ist überspitzt, fast nichts davon ist in Beton gegossen. Das heißt, auch bevor irgendwer emanzipatorische Texte darüber schrieb war das immer schon möglich, viele dieser Normen zu ignorieren. Aber dennoch spreche ich ihnen Wirkung zu. Ich hoffe, ich kann das alles jetzt hier benennen, ohne damit selbst total verbohrt und altmodisch zu wirken…

Die (beste) Freundin

Es gibt so ein gesellschaftlich geprägtes Bild davon, wie Mädchen / Frauen mit ihrer jeweils besten Freundin umgehen. Das ist ein tolles Bild, denn es enthält so viel Nähe, Vertrauen, gegenseitige Stärkung und Offenheit, Verlässlichkeit. Viele Sprichworte und Erzählungen legen nahe, dass diese Verbindung sogar noch stärker und bedeutsamer ist als die zwischen (heterosexuellen) Liebespartnern. Gerade für Mädchen und junge Frauen ist das auch empowering: Männer sind nicht zwingend der Mittelpunkt der (weiblichen) Welt. Einer der Gründe, weshalb ich „My Little Pony: Friendship is Magic“ so liebe.

Natürlich ist auch das Bild der besten Freundinnen teilweise problematisch: Es geht oft von Symmetrie aus (wenn A die beste Freundin von B ist, muss B auch die beste Freundin von A sein), und das beschränkt sowohl die Freiheit von A und B untereinander, als auch die möglichen Freund*innenschaften zu dritten. Das heißt, obwohl Sexualität keine Rolle spielt, werden pärchennormative Vorstellungen von Exklusivität und Eifersucht auch auf beste Freundinnen projiziert. Insofern diese Vorstellungen natürlich und angeboren sind, ist es nur richtig, sie auch dort zu thematisieren, aber wer sagt schon, dass sie es immer sind? Ich denke, sowohl in Partner*innenschaften als auch in Freund*innenschaften ist vieles davon anerzogen.

Immerhin können Mädchen ja nicht nur „beste Freundinnen“ sein sondern auch einfach „nur Freundinnen“, und das hebt viele dieser Probleme vielleicht wieder auf, insofern da nicht wieder äußere Umstände eine zwangsweise Zuordnung in eine dieser Kategorien erzwingen.

Kumpels, Bros und Freunde

Die Freundschaften zwischen Jungen / Männern sind generell anders normiert. Soweit ich das überblicke, sind hier (sowohl im gesellschaftlichen Idealbild, als auch in der Lebensrealität) Exklusivität und Symmetrie weniger erzwungen, auf den ersten Blick ist alles viel lockerer. Aber ich glaube auch, es bestehen hier sehr enge Schranken dessen, wie viel Nähe (insbesondere körperlich) „erlaubt“ ist, um nicht als schwul zu gelten – wobei schwul „natürlich“ gleich als schlimmste denkbare Abwertung her hält. Das ist vielleicht in den letzten Jahren auch lockerer geworden, seit so Begriffe wie „Bro-Love“ kursieren. Ähnlich wie bei „besten Freundinnen“ findet hier „empowerment“ (etwas schwieriger Begriff bei einer privilegieren Gruppe) und Abgrenzung statt, z.B. in Form von „Bros before Hoes„. So gerne ich auch Konzepte loben würde, die Freundschaften gegenüber Partner*innenschaften aufwerten… über die Kackscheiße, die dieser plakativen misogynen Abwertung und Sexualisierung von Frauen durch den Begriff anhaftet, brauchen wir ja wohl nicht diskutieren. (Kennt eine_r einen unproblematischen Begriff für das selbe Konzept?)

The radical notion of Cross-Gender-Friendship

Und dann ist da noch das mit den „Cross-Gender-Friendships“, also Freund*innenschaften zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts. Ich muss mich ja fast schon freuen, dass diese inzwischen überhaupt als existent angesehen werden und breite Akzeptanz finden – laut der Wissenschaft ist dies ein extrem junges soziales Phänomen, also erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt so möglich (siehe dazu z.B. diese Studie zu „Attraction in cross-sex friendship“, die interessante Aussagen enthält, die ich aber nicht unbedingt alle unterstützen würde). Für mich ein komischer Gedanke, der Mitleid mit meiner Eltern- bzw. Großeltern-Generation aufkommen lässt. Die haben viel verpasst. Doch was auch heute noch an Normierung in diesen Freund*innenschaften vorherrscht stößt mich ab.

Da ist dieses gesamte Friendzone-Konzept, das darauf abzielt, dass eine Freund*innenschaft zwischen Mann und Frau keinen eigenen Wert hat, außer die Vorstufe eine späteren Partner*innenschaft zu sein – bzw. in dem Fall, dass so eine Partner*innenschaft seitens der Frau unerwünscht ist, sogar einen negativen Wert haben könnte. Für mich ein völlig verquastes Denken, von dem ich nicht weiß, wie viele oder weniger Männer tatsächlich so denken und fühlen. Aber egal wie viele es sind, ich habe die Auswirkungen dieses Mindsets auf meine eigenen Freund*innenschaften gespürt. Sätze wie „Männer und Frauen können nicht einfach nur Freunde sein“ sind außerdem auch im Jahr 2013 noch an der Tagesordnung. Das wertet nicht nur Freund*innenschaften gegenüber Partner*innenschaften ab, es ist außerdem total heterosexistisch. Was sollten ein schwuler Mann und eine Lesbische Frau denn sonst (primär) aneinander finden als  eine Freund*innenschaft?

Dabei ist das – auf einer ganz bestimmten Ebene – gar nicht so weit weg von meiner Herangehensweise daran. Insofern ich denn zwischen Freund*innenschaft und Partner*innenschaft unterschieden habe, war Partner*innenschaft sowieso eine Erweiterung davon, und insofern war es für mich völlig normal, dass sich irgendwann eine Partnerin in der Menge meiner Freundinnen hervortun würde. Aber unabhängig davon hat doch jede Freund*innenschaft ihren ganz eigenen Wert, der doch auch sehr nah am Wert einer Partner*innenschaft liegen kann.

Cross-Gender-Friendships in unfreiwilliger Konkurrenz zu Partner*innenschaften

Hinzu kommt, dass diese Cross-Gender-Friendships auch dahingehend begrenzt sind, wie intensiv sie werden können, ohne zur Partner*innenschaft gelabelt zu werden (haha, wie egal mir das ist!) oder als Gefahr für die RZBs der beteiligten gesehen werden (Ups, doch nicht egal!). Für letzteres liegt die Schwelle doch erstaunlich niedrig, was gerade denn bewusst wird, wenn (mindestens) eine_r von zwei Freund_innen plötzlich in einer RZB mit wemanders ist:

  • Zusammen auf der selben Couch liegen und einen Film schauen? Dürft ihr nicht mehr!
  • Euch regelmäßig zu zwei treffen? Mööp! Sollt ich auch nicht!
  • Über Dinge sprechen, über die nicht auch mit der Partnerin gesprochen wird? Geht natürlich nicht!

Viel bleibt da nicht mehr von der Freund*innenschaft. So unterliegen dann Freund*innenschaften plötzlich ganz konkreten Beschränkungen, die aus Parner*innenschaften entspringen, und damit sogar Menschen betreffen, die selbst Single sind. Und ich habe das Gefühl, dass diese Beschränkungen – zumindest im üblichen heteronormativen Kontext – nur Cross-Gender-Friendships betreffen und somit benachteiligen.

Sind geschlechtlich normierte Freund*innenschaften nun gut oder schlecht?

Für mich war es die meiste Zeit meines Lebens ein großes Problem, wie Freund*innenschaften gegendert sind, weil ich eben falsch gegendert wurde. Wenn ich mich nun mal nach „typischen“ Mädchen-zu-Mädchen-Freundinnenschaften gesehnt habe, war es wenig hilfreich, als Junge gelesen zu werden. Natürlich war das unglaublich frustrierend zu spüren: die Art von Freund*innenschaft, die du suchst, kannst du nicht haben, weil das nur für Mädchen erlaubt ist und du gerade keins bist.

Problematisch daran ist ja auch, dass ich es keiner einzelnen Person übel nehmen kann, wenn sie mit mir nicht befreundet sein will. Das Prinzip ist mir sehr wichtig, aber somit fehlte mir auch irgendwo die Projektionsfläche für daraus resultierende Wut und Frustration.

Interessanterweise hat das mit der „Mädchen-Freundinnenschaft“ zwischendurch trotz aller unerfreulicher Geschlechtszuweisung ab und zu geklappt, aber das ist Thema für einen eigenen – zu Beginn bereits angekündigten – Eintrag.

Und letztlich ist da ja auch ein Unterschied ob ich sage „ich wünsche diese und jene Form von gegenderter Freund*innenschaft, einfach, weil ich so fühle“ oder ob eine ganze Gesellschaft diese Normen quasi-verbindlich mit der Gießkanne über alle ausschüttet, ob sie nun wollen oder nicht.

Ob wir nun insgesamt die Defintionen der Geschlechter lockern (so dass Jungen sich auch mal mädchenhaft verhalten, und Mädchen auch mal jungenhaft, um es mal ganz „vorsichtig“ zu formulieren) oder die Defintionen der Freund*innenschaften (so dass z.B. die enge Verbindung, die derzeit nur zwischen besten Freundinnen geduldet wird, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten akzeptiert wird) sind wohl letztlich nur verschiedene Sichtweisen des gleichen Lösungsansatz. Denn ich glaube ja (auch wenn ich das wohl nie zuvor so konkret geäußert hatte) dass bestimmte „Geschlechterunterschiede“ eine nicht-konstruierte Basis haben, deren Auslöschung ich weder für möglich noch erstrebenswert halte. Vielmehr würde es wohl reichen, auf Fremdzuschreibungen und (scheinbar) harte Regeln zu verzichten und jeden Menschen primär entsprechend seinen Gefühlen und Wünschen handeln zu lassen.

#aufschreistat – Statistische Analyse des Aufschreis

Wichtig: Projektkoordination

Trotz der frühen Phase gab es jetzt schon mehr Hilfsangebote, als ich im Kopf behalten kann, und die Kommunikation über Twitter ist, nunja, schwierig. Hier ein paar Links:

Ich selbst komme vor 20 Uhr (Dienstag) nicht dazu, weiter zu koordinieren, etc. – habt bitte etwas Geduld, oder – noch besser – organisiert euch ein wenig untereinander. Danke!

Warum überhaupt auswerten?

Zur Hashtag-Aktion #aufschrei ist viel wahres, kluges und vor allem emotionales geschrieben worden – siehe dazu z.B. die Blogposts, deren Verlinkungen ich in den letzten Tagen retweetet habe (für eine ordentliche Linksammlung hier fehlt mir gerade Zeit und Kraft). Ich stimme all dem nicht nur sachlich zu, sondern kann auch die darin beschriebenen Gefühle nachvollzielen, habe vieles davon in den letzten Tagen selbst so gespürt. Emotion gehört dazu und ist wichtig. Auch Emotionen stoßen Debatten an.

Aber diese Debatten kommen dadurch nicht unbedingt weiter. Dies ist keine Kritik an Emotionen, es ist der Versuch, diese durch sachliche Fakten und Analysen zu ergänzen, zu stützen und rational begreifbar zu machen.

Ich habe in den ersten 70 Stunden seit dem Beginn von #aufschrei mehr als die Hälfte jener Zeit mit dem Lesen der #aufschrei-Tweets verbracht und nur sehr viel weniger mit Schlafen. Soweit ich das abschätzen kann, habe ich fast alle #aufschrei-Tweets, die seit dem direkt in meiner TL landeten, gelesen. Das dürften etwa 1000 solcher Tweets gewesen sein, somit aber deutlich weniger als 2% aller #aufschrei-Tweets überhaupt. Damit habe ich keinen repräsentativen Überblick über alles, was aufgeschie(b)en wurde. Vermutlich hat kein Mensch auf der Welt das in diesem Moment.

Diverse klassische Medien haben #aufschrei-Tweets zitiert, und die jeweilige Auswahl schien zufällig (was ja immerhin repräsentativ ist) oder aus einem sehr kleinen Sample bewusst ausgewählt. Die Medien haben es damit nicht geschafft, die Menge, Vielfalt und Intensität des #aufschrei zu vermitteln.

Neben der Ursprungs-Aussageform – des Kurzberichtes über ein konkretes sexistisches Erlebnis – entstanden schon bald Meta-Aussagen, die versuchten, Verallgemeinerungen zu treffen. Auch ich habe mich darin versucht, erhielt Zustimmung durch Retweets und Kritik in Form von Antworten durch Menschen, die meine Aussage (wohl meist absichtlich) missverstanden. Aber letztlich waren das sowieso immer Aussagen über Momentaufnahmen meiner Filterbubble und somit ohne globale Bedeutung.

Nun möchte ich dazu beitragen, die Debatte auf das nächste Level zu erheben: den Blick auf die Gesamtproblematik, das Abwägen verschiedener Teildimensionen des Problems oder auch der Teilprobleme, und auf die neuartigen Erkenntnisse die nur durch eine solche Gesamtbetrachtung gewonnen werden können.

Ich denke nicht, dass der Erfolg der Aktion nach der folgenden Formel funktioniert: Tweeten -> sammeln -> statistisch anlysieren -> Erkenntnisse -> bessere Welt. Aber ich bin überzeugt, statistisch fundierte Erkenntnisse helfen dazu, dass die Aktion insgesamt erster genommen wird, dass die Debatte intensiver geführt wird, und letztlich, dass sie konstruktiver abläuft und konkretere Ergebnisse hat.

Technisches

Eine bedeutungsvolle Analyse geht nur mit technischen Hilfsmitteln, aber die allein reichen nicht. Vorausgesetzt, die mehr als 60.000 #aufschrei-Tweets lägen mir gebündelt vor – und das wird vermutlich bald der Fall sein – wären vollautomatische Auswertungen nur auf Wortebene praktikabel, z.B.: Wie oft kommt das Wort „Sportlehrer“ vor? (Vermutung auf Basis des bisher manuell gelesenen: extrem oft.) Allein die Einteilung in zustimmende Tweets vs. Versuche, die Aktion zu kritisieren, relativieren, ins Lächerliche zu ziehen oder einfach nur zu trollen, halte ich für so gut wie gar nicht automatisierbar. Und selbst damit würden wir nur an der Oberfläche der darin verborgenen Erkenntnisse kratzen.

Ich halte es für nötig, die Informationen aus den Tweets in eine „maschinenlesbare“ Form zu bringen. Das kann prinzipbedingt nicht von Maschinen erledigt werden. Mir schwebt dabei vor, den Tweets per Hand Tags zuzuordnen, welche sich danach auswerten lassen. Tags sind dabei semi-strukturierte Informationen, die einem losen Schema folgen. Dieses legt nahe, dass bereits vorhanden Tags identisch weiter benutzt werden, aber erzwingt dies nicht. Das ist wichtig, damit einerseits ähnliche Tweets mit gleichem Tag versehen werden, aber andererseits neu- bzw. andersartige Tweets, die neue Aspekte betreffen, nicht in ein starres, vorgefertigtes Raster gepresst werden.

Dazu braucht es Menschen, die das tun. Menschen, die all diese (teils schmerzvollen) Tweets nochmal aufmerksam lesen und kategorisieren. Das klappt nur, wenn viele Mitmachen. Und es brauch die Software, um diesen verteilten Aufwand zu koordinieren. Ich werde diese Software schreiben.

Ich möchte hier nicht zu technisch werden. Dies geschieht stattdessen auf der Projekthomepage „aufschreistat“ bei GitHub. Viel gibt es dort noch nicht zu sehen, die aktuelle Version kann nichts, außer Tweets in die Datenbank schreiben. Updates zur Aktuellen Entwicklung twittere ich außerdem unter dem Hashtag #aufschreistat.

Die eigentliche Auswertung gilt es dann noch zu klären. Vieles lässt sich direlt als SQL-Abfrage schreiben, vorallem da in der Datenbank fast alle Spalten indiziert sind, incl. Volltext-Index auf den Tweet-Inhalten. Für manche Auswertungen wird spezieller Java-Code nötig sein. Und dann könnte es auch noch Exporte der angereicherten Daten geben, die dann in professionelle Statistik-Software einfließen könnte.

Datenquellen

Die Daten direkt von Twitter zu erhalten ist nicht einfach. Derzeit sieht der Datenbestand wie folgt aus:

  • Freitag 00:00 bis Freitag 11:00 – fehlt
  • Freitag 11:00 bis Montag 11:00 – vollständig durch den Datensatz von Soviet.tv
  • Montag 11:00 bis Dienstag 01:26 – fehlt
  • Dienstag 01:26 bis Dienstag 03:27 – teilweise vorhanden
  • Dienstag 3:27 und danach – vollständig dank eigener Sammlung

Es gibt technisch die Möglichkeit, von Twitter bis zu 150.000 vergangene Tweets zu einem Suchkriterium zu erhalten, was allerdings eine spezielle Genehmigung durch einen hochrangigen Twitter-Mitarbeiter erfordert. Diese habe ich bereits per Mail angefordert, wobei ich versucht habe, die gesellschaftliche Bedeutung von #aufschrei zu erläutern. Hoffen wir mal, dass ein positiver Bescheid kommt, noch bevor die Anzahl der #aufschrei-Tweets 150.000 überschreitet.

Mitmachen

Im Moment ist mir bei der Software-Entwicklung kaum zu helfen – die Software ist noch in einem so embryonalen Zustand, dass eine kooperative Arbeit am Code praktisch nicht möglich ist. Aber das wird sich hoffentlich in 1 bis 2 Tagen ändern. Wie das dann genau aufläuft, wird sich zeigen – dies ist zugegebenermaßen das erste Mal, dass ich ein Open-Source-Projekt auf github leite.

Nachtrag 6:41: Wozu aber jetzt schon jede_r herzlich eingeladen ist: Vorschläge machen, welche Fragestellungen wichtig und interessant sind, die sich evtl. aus den Daten herausziehen lassen. Konkrete Vorschläge, welche Arten von Inhalten getaggt werden könnten. Weitere Wünsche, welche Funktionen die Software erfüllen sollte oder könnte. Alles, was dabei hilft, das grobe Konzept was mir derzeit vorschwebt so zu erweitern, dass nicht nur mein Wissensdurst durch die Ergebnisse befriedigt wird, sondern alle den Erkenntnisgewinn bekommen, den sie sich davon erhoffen.

Sobald die Software Form angenommen hat und nutzbar ist, braucht es viele viele fleißige, mutige Helferlein, die sich durch die Tweets durcharbeiten, sie lesen und mit Tags versehen. Um alle Tweets zu zu verarbeiten, bräuchten wir etwa 1000 Stunden an gespendeter Zeit, des entspricht 125 vollen Arbeitstagen. Ich weiß, so viel werden wir nicht bekommen. Aber damit die Ergebnisse repräsentativ werden, reicht es, wenn wir einen signifikanten Anteil davon verarbeiten – das Programm wird die Tweets in zufälliger Reihenfolge anzeigen, um einen repräsentativen Querschnitt abzubilden. Und das können wir schaffen.

Damit das möglich wird, muss das Projekt bekannt werden. Jetzt wäre es zu früh dafür, noch ist es ein Luftschloss. Aber in 1 bis 2 Tagen hoffe ich auch eine Menge Retweets und ähnliches.

Abschließendes

Mich hat die ganze Sache in den letzten Tagen sehr mitgenommen. Ich musste mich zwar nicht erbrechen und habe auch nicht im nennenswerten Maß geweint, aber das war’s auch schon, was ich positives über meinen Zustand sagen kann. Prinzipiell könnte ich viel anderes, nicht-technisches zu diesem Thema schreiben. Aber momentan versuche ich, meine Energie dahin zu kanalisieren, wo es nützlich ist und wo der Aktivismus derzeit unterrepräsentiert ist. Und das ist nun mal gerade #aufschreistat.

Ich hoffe, dass diese Aktion, zusammen mit all dem was andere im Rahmen von #aufschrei leisten, dazu beiträgt, dass die Debatte nicht vorschnell wieder abebbt. Ich wünsche mir einen Protest, der um ein vielfaches größer ist als das, was wir jetzt haben. Das mediale Echo der letzten Tage hat gezeigt, wer die Massengesellschaft repräsentiert und was diese angeblich denkt. Für mich war das schockierender als die durch #aufschrei aufgedeckten Übergriffe selbst, denn bis dahin konnte ich noch glauben, dass nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland offen sexistisch ist. Nun scheint es mir, als ob entweder eine absolute Mehrheit sexistisch motiviert ist – das schließt ausdrücklich auch Frauen mit ein – oder als wenn eine sexistische Minderheit es erfolgreich schafft, sich als Mehrheit zu präsentieren. So oder so ist das ein Zustand, den ich nicht kampflos hinnehmen werde.

Kämpfen, hieß in den letzten Tagen: lesen, hören und fernsehen schauen. Gelegentlich twittern. Kämpfen, das heißt jetzt gerade, Code schreiben und technische Blogposts verfassen. Kämpfen, das wird in den nächsten Tagen heißen, statistische Analysen durchzuführen und Aussagen abzuleiten, um damit viele zu überzeugen, die den #aufschrei noch für einen unnötigen und nervigen Kurzzeittrend halten.

Und dann wird Kämpfen hoffentlich für mich und tausende andere heißen: raus auf die Straßen, einen lauten und sichtbaren Protest veranstalten, der sich mit den monatelangen Studierendenprotesten von 2009 messen kann.

Meine Haltung zur Religion

Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz halten: Ich bin Atheistin.

Oder etwas ausführlicher: Ich bin nicht getauft, glaube an keine Form von Göttlichkeit, stehe der Kirche kritisch gegenüber und konnte kürzlich endlich feststellen lassen, dass ich nie Kirchenmitglied war und anders lautende Angaben lediglich Verwaltungsfehler waren. Ansonsten kann jede_r glauben, was er_sie will.

Aber so einfach ist das alles nicht. In Deutschland besteht Religionsfreiheit im positiven und negativen Sinne: ich kann frei wählen, welcher Religion ich angehöre, und ebenso, keiner Religion anzugehören. Was ich aber nicht kann: mein Leben führen, ohne ständig von Religion beeinflusst zu werden.

Ich finde den ganzen Themenkomplex schwierig. Auf einer politischen Ebene kann ich sagen: wir brauchen eine noch klarere Trennung zwischen Staat und Kirche. Vom Staat kann ich erwarten, nicht religiös zu sein.

Aber wie ist das mit einzelnen Personen? Ich kann mich absolut nicht darin hinein versetzen, wie es ist, religiös zu sein. Ich habe ein Stück weit verstanden, dass es für religiöse Menschen verletzend sein kann, in bestimmten Weisen über ihre Religion, ihren Gott oder ihre Glaubensgrundsätze zu schreiben, und es liegt mir eigentlich fern, Menschen zu verletzen.

Aber die beiden Themenbereiche (institutionelle und persönliche Religion) gehören zusammen. Der Staat ist religiös beeinflusst, da er von Menschen regiert wird, die ihre Politik durch religiöse Überzeugungen beeinflussen lassen. Auf der Ebene dazwischen gibt es auch noch Parteien, die einen direkten Religionsbezug sogar im Namen tragen. Da wird die Sache für mich problematisch.

Nüchtern betrachtet sind religiöse Überzeugungen genauso Überzeugungen wie jede andere auch. Ich werde in meinem Handeln – politisch wie unpolitisch – durch Überzeugungen beeinflusst. Überzeugungen können aus einer selbst heraus entstehen, oder angelernt sein, und meist gibt es da ziemlich viel Kontext der komplex auf eine einwirkt.

Mangels eigener Religiosität muss ich zur Veranschaulichung auf einen anderen Bereich ausweichen. Ich bin z.B. vom Feminismus beeinflusst, und obwohl es „den“ Feminismus als komplett einheitliche Bewegung nicht gibt, gibt es doch so ein gewisses Standardmodell dessen, was da alles mit drin steckt. Manche Überzeugungen hatte ich schon früher, und habe erst später im Feminismus wieder entdeckt. An anderen Stellen ist meine Überzeugung auch konträr zur gängigen feministischen Meinung. Teilweise wird es schwer abzugrenzen, ob ich eine bestimmte These vertrete weil ich Feministin bin, oder ob ich Feministin bin weil ich diese These vertrete. Aber viele „Glaubensgrundsätze“ habe ich auch einfach übernommen. Manches davon hätte ich auch kritischer hinterfragen können/sollen, teilweise bin ich gerade dabei. Kritik innerhalb der feministischen Szene und von außen wirkt indirekt auch auf mich ein. Somit vertrete ich meine ganz persönliche Variation des Feminismus, und das tut jede_r andere Feminist_in für sich genommen auch.

Und ich glaube, das ist in der Religion nicht viel anders. Da gibt es nicht „die Religion“, „das Christentum“ oder „die evangelische Kirche“ als homogene Glaubensgemeinschaft die in jeder Hinsicht gleich denkt, fühlt und entscheidet. Jeder gläubige Mensch hat seinen ganz eigenen Glauben.

Ich wüsste nicht, wie ich eine Politik betreiben könnte, bei der ich meine feministischen Überzeugungen komplett außen vor lasse, denn wie gesagt, kann ich die nicht klar von meinen „restlichen“ Überzeugungen abtrennen. Und letztlich sind ja alles „meine“ Überzeugungen, wenn ich mal das Label weglasse. Von einem Politiker, der außerdem auch religiös ist, eine Trennung seiner Politik von seiner Religion zu verlangen ist vermutlich ähnlich schwierig.

Letztlich erwarte ich von jedem Mensch aber, die ihm gegebenen Kräfte des Verstandes und der Empathie einzusetzen und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Grundsätze sind nach Möglichkeit zu hinterfragen und zu prüfen und nötigenfalls abzulegen. Ich kann nicht herum laufen und mir-nichts-dir-nichts Menschen schaden und hinterher sagen „Ich bin unschuldig! Der Feminismus hat mich dazu gebracht, ich musste es tun!“ Und gleiches gilt für religiöse Menschen. Wer aus religiösen Gründen Schlechtes tut, ist dafür verantwortlich.

Der Vergleich zwischen Religion und Femismus trägt ein Stück weit, aber hat sicher auch seine Grenzen. In keinem Fall möchte ich hier eine Gleich(wertig)heit oder Austauschbarkeit behaupten. (Nicht zu vergessen sind auch die vielen religiösen Feminist_innen, die beides miteinander vereinbaren können, noch ein spannendes Thema…)

Religion besitzt aber in unserem Staat eine besonderen Schutz, den keine andere Überzeugung für sich beanspruchen kann. Ich kann Dinge tun, die objektiv gesehen falsch sind, und das Argument bringen, dass sie aus religiöser Sicht richtig waren, ohne mich durch diese Argumentation sofort lächerlich zu machen. Dieses Privileg genieße ich bei nicht-religiösen Anschauungen nicht. Auch die negative Religionsfreiheit kann ich so nicht anbringen. Das Gebimmel der Kirchenglocken verletzt meine nicht-religiösen Gefühle? Die Argumentation bringt mich nicht weit. Ich möchte etwas tun, das nach allgemeiner Rechtslage illegal wäre, und dafür straffrei bleiben, da ich nach meinen nicht-religiösen Gefühlen gehandelt habe? Auch das wird nicht funktionieren. Die Anerkennung von explizit nicht-religiösen Gefühlen gibt es nicht.

Den letzten Absatz könnte ich gut benutzen, um weiteres Feuer in die Beschneidungsdebatte zu gießen. Oh, diese Redewendung gibt es gar nicht? Aber ihr wisst, was ich meine, und darum geht es mir gerade sowieso nicht.

Es geht mir jetzt gerade einzig und allein darum, dass mir als nicht-religiösem Menschen ein Leben lang eingeimpft wurde, dass ich Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer haben müsste. Ich betreibe daher eine ganze Menge Selbstzensur. Als ich gestern twitterte:

hatte ich ein leicht ungutes Gefühl. Nicht, weil ich den Zorn des Papstes oder gar Gottes fürchtete. Auch negative Antworten von anderen, fremden Twitter-Nutzer_innen waren mir in dem Moment egal. Ich hatte Angst, die Gefühle von (katholisch-)gläubigen Menschen in meiner Timeline zu verletzen und somit letztlich Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten innerlich daran gearbeitet hatte, diese Sorgen hinter mir zu lassen.

Der Sonderstatus, den religiöse Menschen und Überzeugungen in diesem Staat erfahren, werde ich auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht abschaffen können. Aber in meinem Kopf, meinem Denken, Schreiben, Sprechen und Handeln, da kann ich das. Es geht mir nicht darum, Menschen wegen ihrem Glauben zu diffamieren. Aber ich will endlich sagen können, was ich denke, ohne mir selbst im Weg zu stehen.

Ich denke zum Beispiel, dass der Papst eine tatsächliche Gefahr für den Weltfrieden und die Menschheit ist. Es hat sich nicht nur angeboten, das nach seiner Steilvorlage aus weniger als 140 Zeichen so zu twittern. Nein, das ist meine Überzeugung. Der Papst vertritt Standpunkte, die nicht nur überholt und realitätsfern sind, sondern gefährlich und menschenfeindlich. Der Papst hat die Macht, Grundsätze zu postulieren, die viele Millionen von Menschen relativ ungefragt übernehmen. Er nutzt diese Macht nicht nur, um bösartiges Gedankengut zu verbreiten, sondern tarnt es auch noch mehr oder weniger geschickt als (positiven!) Beitrag zum Weltfrieden. Ich kenne kaum Personen, die für ihr Handeln schärfer zu verurteilen und zu hassen sind als er. Als „Tarnung“ reicht dabei oft schon, dass die Worte von ihm kommen, denn für viele Menschen gelten er und seine Worte als Inbegriff des Guten, welches nicht hinterfragt werden braucht. Er besitzt zu viel Vertrauen bei zu vielen Menschen, um ihn einfach zu ignorieren. Zu postulieren „Not my Pope“ reicht eben nicht, damit seine Aussagen für mein Leben irrelevant werden.

(Und ja, der Tweet wäre noch viel cooler gewesen, wenn ich das „stellt“ nicht selbst davor geschrieben hätte, sondern einfach mitzitiert hätte, immerhin stand das Wort ja schon genau da im Originaltext.)

Wie kann ich aber nun mit den gläubigen Menschen in meinem Umfeld umgehen? Zunächst mal weiß ich von den allerwenigsten Menschen in meinem Umfeld, ob sie gläubig sind. Und auch wenn, ich versuche einfach, diesen Fakt möglichst weit zu ignorieren. Ich habe extreme Formen des Christenhasses gelesen, besonders oft ist mir das auf schwul-lesbischen Webseiten und in der inoffiziellen Online-Kommunikation der Piratenpartei aufgefallen. Ich sehe keinen Grund dazu, Menschen generell wegen ihres Glaubens zu beleidigen und distanziere mich davon. Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit abzuwerten oder sogar direkt anzugreifen halte ich immer für falsch, aber gleichzeitig halte ich es für möglich und sogar nötig, einzelne Aspekte einer Religion kritisch bewerten zu können.

Ich werde daher von nun an viel offener damit umgehen, dass gewisse Glaubensgrundsätze gefährliche Kackscheiße sind. Ich werde nicht weiter zusehen, wie mir und anderen Menschenrechte vorenthalten werden mit der Berufung auf religiöse Begründungen oder das „Menschenrecht“ der Religionsfreiheit. Ich halte es einfach genauso wie mit anderen „Gruppierungen“, die sich Kritik gefallen lassen müssen. Wenn die Kritik sachlich gerechtfertigt ist, aber ein Mensch sich davon persönlich angegriffen fühlt, fällt das in die Kategorie „persönliches Pech“.

Ich verlange von niemandem, sich zwischen mir und seinem kompletten Glauben zu entscheiden. Um das an einem Beispiel festzumachen: Ich finde, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist zwingend geboten und religiöse Gegenargumente dürfen kein besonderes Gewicht in der Debatte haben, nur weil sie religiös sind. Somit sehe ich den wiederholten Versuch, hier religiös dagegen zu argumentieren, als absolut lächerlich an. Jede gläubige Person kann für sich ausmachen, ob sie für oder gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist. Sollte sie dagegen sein, so kann sie meine Haltung und Argumentationsweise ggf. als verletzend ansehen. Das nehme ich dann gerne und mit gutem Gewissen im Kauf, schließlich hat ihre Haltung mich zuerst verletzt.

Vermutlich ist es sogar ein Stück weit vereinfachend und sogar diskriminierend von mir, bei gläubigen Personen eher von einer kackscheißigen Einstellung auszugehen als bei nichtgläubigen. An dieser Stelle bin ich noch unsicher, ob das mein Fehler ist, oder ob es im Aufgabenbereich der Gläubigen selbst liegt, sich von kackscheißigen Positionen ihrer Religionsgemeinschaft aktiv zu distanzieren. Ich denke, solange das unterschwellige Strömungen in einer Gemeinschaft sind, darf ich daraus nicht verallgemeinern. Aber die Homonegativtät des Papstes ist komplett öffentlich, und soweit ich die katholische Religion verstehe, vertritt jeder ihrer Anhänger_innen diese Positionen erst mal, soweit nichts anderes bekannt gegeben wird. Damit ist der Ball nicht in meinem Spielfeld.

Ich habe sicherlich in meinem Umfeld Menschen, die keine menschenfeindlichen Positionen vertreten, und trotzdem Anhänger_innen einer Religion sind, die das tut. Und sich nie davon distanziert haben. (Oder ich habe diese Distanzierung nicht mitbekommen.) Manche dieser Menschen habe ich vielleicht mit diesem Text verwirrt oder vor den Kopf gestoßen. Ich habe nichts gegen euch, wenn ihr nichts gegen mich habt. Aber ich habe da ggf. gerade auf ein Problem hingewiesen, und das ist zum Glück nicht mein Problem. Macht daraus, was ihr für richtig haltet.

Es ist jetzt nicht so, dass in meinem Kopf noch 157 weitere Entwürfe für religionskritische Blogposts schlummern oder ich jetzt jeden Tag etwas derartiges sagen oder twittern werde. Ohne genauere Betrachtung werden meine Äußerungen gar nicht deutlich anders sein als zuvor. Aber ich fühle mich ein bisschen freier als zuvor, da ich eine (selbst?) auferlegte Tabuisierung hinter mir gelassen habe. Ich über nun die negative Religionsfreiheit voll aus. Die Menge der Menschenrechte, die ich bisher nicht genossen habe, sinkt damit wieder ein Stück weiter Richtung Null.

Die Frage, die jetzt noch bleibt, muss daher nicht sein „warum jetzt plötzlich dieser Text“ sondern nur „warum all die 10228 Tage zuvor nicht?“

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Von der Kostenloskultur zur Freiwilligkeitskultur – und was dazu noch fehlt

Nachtrag

Ups, das kommt davon wenn ich mit leichtem Fieber Texte schreibe: Die werden noch unstrukturierter als sonst 🙁

Laut Überschrift sollte es ja darum gehen, was zur Realisierung noch fehlt, aber das worauf ich damit hinaus wollte, fehlt auch hier. Es ging mir eigentlich um nötigen sämtliche Strukturen zur freiwilligen Bezahlung von Kultur (technische, gesellschaftliche, gesetzliche, kommerzielle), darum, warum die aktell verfügbaren Strukturen mir nicht genug sind. Ein späterer Blogpost wird’s richten…

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Der gefühlte Unterschied zwischen „Mir geht’s gerade nicht so gut“ und „Ich bin psychisch krank“

Man kann manche Krisen nicht abwenden

Im Januar wurde mir bewusst, dass das nun beginnende Jahr für mich nicht leicht wird, und dass ich mich auf einige seelische Schwankungen und Tiefpunkte gefasst machen muss. Ich habe seitdem versucht, mich für aufkommende Krisen zu wappnen. Ich habe mir bewusst viel Gutes getan und Ablenkung gesucht, um eine Notreserve an guter Laune aufzubauen. Ich habe danach ein paar glückliche Woche gehabt, dann ein paar zwanghaft-nachdenkliche, dann war wieder etwas Ruhe in meinem Kopf eingekehrt.

In den letzten 1 bis 2 Wochen ging es mir dann mal wieder reichlich beschissen. Es fiel mir diesmal schwer, Ursachen und Wirkungen zu erkennen und voneinander zu trennen. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich unglücklich bin, weil ich einen konkreten Grund habe, oder ob sich meine Verfassung nur noch durch Depressivität erklären lässt.

(Depression ist übrigens einer dieser Begriffe, bei denen jeder unsicher ist wie er zu verwenden ist und den dennoch jeder irgendwie benutzt. Wobei jeder etwas leicht unterschiedliches meint. Ich meine damit weder die Schwere noch die Dauer einer Verstimmung, sondern die Ursächlichkeit.)

Überlastung bei geringer Last

Ein Zusammenhang zwischen meinen Verpflichtungen und meiner schlechten Laune war festzustellen, wenn auch unklar. Es fühlte sich in etwa wie ein Burn-Out an. Bei rationaler und objektiver Betrachtung meiner Arbeitsbelastung war aber schnell klar, dass ich ganz klar unterhalb von dem liege, was ein Mensch normalerweise locker ertragen kann. Meine Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es normalerweise mindestens doppelt so viel Stress braucht, um mich durch Überlastung zum Zusammenbruch zu treiben.

So oder so war klar, dass ich vielen meiner (meist freiwillig auferlegten) Verpflichtungen derzeit nicht mehr nach kommen kann. Ich habe mich aus der Arbeit für die Fachgruppe Informatik und für die Studierendengruppe der Gesellschaft für Informatik erst mal heraus gezogen. Ich habe die Zeit, die ich in der Firma arbeite, zeitweise noch mehr gesenkt.

Letztlich musste sogar eines meiner Hobbys zeitweise dran glauben: Ich spielte bisher einmal je Woche zu einem festen Termin das Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ und allein schon durch diese Regelmäßigkeit hat sich das für mich mehr und mehr auch wie eine Verpflichtung angefühlt. Also so leid es mir tut: Weg damit!

All diese Schritte sind mir nicht leicht gefallen. Denn ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, was all diese Aufgaben bisher so angenehm gemacht hat. Mir machen die Tätigkeiten an sich Spaß, und wo sie ein Ziel haben, ist mir die Erreichung genau dieser Ziele extrem wichtig. Manche Menschen (und ein paar Elfen und Zwerge) haben sich ein Stück weit darauf verlassen, dass ich gewisse Aufgaben erfülle und ich musste meine Zusage dazu zurück ziehen. Das tut ein Stück weit weh. Und jede akute Maßnahme, die ich zur Verbesserung meiner Laune getroffen habe, drohte auch gleichzeitig, meine Laune zu verschlechtern. Das machte es mir teils sehr schwer, diese Schritte zu gehen.

Psychisch krank?

Ich musste zu meinen Schwächen stehen. Außerdem musste ich aber nach außen hin zugeben – und es mir dazu zuallererst selbst eingestehen: Ich bin psychisch krank. Wow. Wenn man diesen Satz so konkret geschrieben sieht, hat er etwas extrem schwergewichtiges. „Ich bin psychisch krank.“, wie das schon klingt…

Zum einen haben wir in unserer Gesellschaft eine unglaubliche Stigmatisierung von Menschen mir schweren psychischen Problemen. Ich glaube, die Gesellschaft sieht einen Menschen mit psychischen Krankheiten nicht als einen Menschen, der zeitweise ein gesundheitliches Problem hat, sondern nur noch als wandelnde Verkörperung einer Störung. Die Krankheit wird in der Außensicht zum bestimmenden Merkmal der Person. Es mag gewisse Krankheiten geben, die so schwer wiegen, dass die eigentliche Persönlichkeit ein Stück weit zurück tritt, aber auch diese Menschen haben Würde und Achtung verdient. Und ich fürchte, die Gesellschaft differenziert da nicht viel, denn „verrückt ist verrückt“. Das Buch „Irre! Wir behandeln die falschen“ von Manfred Lütz ist eine gute, massentauglich-unterhaltsame Einführung in ein differenzierteres Denken über psychisch (schwer-)kranke Menschen.

Kleine Wehwehchen

Aber damit habe ich eh nur einen kleinen Exkurs zu schweren psychischen Leiden gemacht, der mit mir und meiner Lage wenig zu tun hat. Wenn ich selbst sage: „Ich bin psychisch krank.“ meine ich das in einem Ausmaß, wie ein Mensch mit einer durchschnittlichen Erkältung von sich sagt „Ich bin krank.“ Bei dem Satz denkt man ja auch nicht sofort an unheilbare Gebrechen und tödliche Seuchen.

Aber laufende Nase, Hustenreiz, Gelenkschmerzen und leichtes Fieber kann einen für ein paar Tage oder sogar Wochen völlig aus der Bahn werfen. Ich finde übrigens, jedem Mensch mit Schnupfen steht das volle Recht zu, zu quengeln und sich bemitleiden zu lassen.

Wenn ich also eine Über-Dramatisierung meines aktuellen Zustandes vermeiden möchte, sollte ich vielleicht eher sagen „Ich hab nen ziemlich bösen Schnupfen. Also, seelisch, meine ich, nicht körperlich.“ Das trifft es eigenlich ganz gut. Wie auch beim Schnupfen tun verschiedene Sachen gut: Im Bett liegen, lange schlafen, sich nicht allzu sehr anstrengen, aber ab und zu auch mal frische Luft und Bewegung. Und wie bei einem Schnupfen kann es passieren, dass ich mich zu früh wieder fit fühle und ins Büro fahre.

Und dann da mit ’nem Taschentuch vor dem Monitor sitze, mir verschiedene Sekrete aus Nase und Auge wegwischen muss und daher meinen Programmcode nicht mehr lesen kann. Also fahre ich nach Hause und kuriere mich noch etwas im Bett aus. So läuft das eben.

Ich glaube Psychische Verstimmungen werden allgemein entweder unterbewertet („Soll sich mal nicht so haben, ist doch kerngesund und kann arbeiten!“) oder überbewertet („Oh mein Gott! Psychisch krank! Ob er/sie wohl je wieder aus der Klapse heraus darf?“). Ein bisschen Mittelmaß tut manchmal ganz gut, auch in der Bewertung von Problemen.

Ich möchte damit übrigens weder Depressionen noch Erkältungen in absoluter Weise verharmlosen: Beides kann unter bestimmten Umständen tödlich enden. Muss aber eben nicht.

Antrainierte Abwehreflexe

Jetzt, wo ich mir das alles klar gemacht habe, ist es ein leichtes, zu sagen „Ich bin psychisch krank“. Es sagt nicht mehr oder weniger über mich als Person aus als „Ich hab Schnupfen“. So einfach ist das. Aber vor einer Woche, wo es für mich akut war, mir meines Zustandes bewusst zu werden, war ich noch nicht an der Stelle. Da fiel mir das noch schwer, was auch absolut kein Wunder ist.

Denn meine eigene Abwehr gegen die Formulierung „psychisch krank“ wird dadurch genährt, dass man als transsexueller Mensch ständig mit der (Zwangs-)Einordnung als „psychisch krank“ konfrontiert wird. Vor einigen Jahrzehnten waren sich praktisch alle einig, dass Transsexuelle psychisch krank sind – also durchaus auch in den „Bedeutungen“: verrückt, bescheuert, pervers. Heutzutage ist die Gesellschaft – zumindest die westlich-aufgeklärte – viel weiter. Die Medizin hingegen verstrickt sich auch jetzt noch in Widersprüche: Transsexualität ist als psychische Krankheit einkategoriesiert, die Diagnose und Indikation von Behandlungen obliegt demnach ganz klar Psychiatern, und obwohl man weiß dass eine psychiartische Heilung praktisch unmöglich ist, ist es in Deutschland nach wie vor vorgeschrieben, eine solche zu versuchen bevor eines somatische (auf den Körper gerichtete) Behandlung erfolgen kann.

Gleichzeitig wird jede „richtige“ psychische Erkrankung genutzt, um einer Person ihre Transsexualität – oder zumindest das Recht auf deren Behandlung – abzustreiten. „Wer depressiv ist, kann nicht transsexuell sein – oder kann zumindest keine Aussage darüber treffen, ob er transsexuell ist.“ Das klingt für mich ähnlich sinnvoll wie „Wer Schnupfen hat, kann kein gebrochenes Bein haben, oder kann zumindest nicht wissen, ob er ein gebrochenes Bein hat.“ Und deshalb bekommen verschnupfte Leute am besten auch keine Verbände, Krücken oder Beinschienen.

Ursachenforschung

Und auch wenn ein Schnupfen nichts schlimmes ist, so sollte er einem doch zu denken geben: Hab ich zu dünne Socken angehabt? War zu lange draußen im Kalten? Hab den nassen Pulli nach dem Regen zu spät ausgezogen? Oder esse ich einfach zu wenig frisches Obst?

Meine seelische Verstimmung war kurz und relativ unspektakulär. Wie nach einer Erkältung fühle ich mich nun nach 1-2 Wochen wieder fast fit, nur noch leicht geschwächt. Dass ich es überhaupt als psychisches Problem einstufe liegt daran, dass ich es keiner konkreten Ursache genau zuordnen konnte. Aber das heißt für mich nicht, dass ich die Augen komplett vor möglichen Ursachen oder Begünstigern verschließen möchte. Ich möchte etwas dafür tun, dass sich solche Probleme in Zukunft nicht häufen. Und dazu heißt es: Ursachen suchen und beseitigen.

Eine genaue Analyse von PeTA’s frauenfeindlicher Fail-Werbung

Ich habe gestern über die Mädchenmannschaft einen deutschen Betrag und auf Feministing einen englsichen zur BWVAKTBOOM-Kampagne der Tierrechts-Organisation PeTA gefunden. Hier erst mal der englisch-sprachige Spot:

Wer Probleme mit dem Verstehen von gesprochenen Englisch hat, findet hier die Transkription von feministing:

This is Jessica and she suffers from BWVAKTBOOM: Boyfriend Went Vegan And Knocked The Bottom Out Of Me. A painful condition when Boyfriends go Vegan and suddenly can bring it like a tantric pornstar. For Jessica it’s to late.

Boyfriend: You’re back. You feeling better?

Zunächst muss ich wohl sagen, dass der Spot technisch gut gemacht ist, eine innovative und interessante Idee umsetzt, also dass hier sicherlich Profis am Werk waren, die sich etwas dabei gedacht haben. Die Geschichte wirkt auf mehreren Ebenen, hält trotz ihrer Kürze mehrere WTF- und Aha-Momente bereit, und präsentiert ihre Kernaussage nicht plump auf dem Servier-Teller sondern mehrfach verkapselt, so dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

Soweit so gut. Aber wo ein kurzer Werbespot mehrere Denkschritte braucht, um seine Botschaft zu entschlüsseln, da können je nach Betrachter verschiedene Ergebnisse herauskommen. Wer das als werbetreibender provoziert, ist auch für sämtliche so entstehenden Botschaften verantwortlich. Insbesondere dann, wenn bewusst ein so großes Risiko eingegangen wird, dass die Werbung missverstanden wird, dass der Fehler des Missverständnisses nicht mehr beim Betrachter zu suchen ist sondern beim Werbenden.

Was genau wird im Spot gezeigt?

Ich möchte daher den Spot mal von Anfang bis Ende durchanalysieren und für die einzelnen Bestandteile aufführen, wie sie jeweils auf mich wirken und ggf. wie sie auf andere wirken könnten. Wer das Video selbst schon mehrfach gesehen hat und sich sicher ist, dass er jedes Detail wahrgenommen hat, kann diesen Langen Abschnitt ggf. auch überspringen, oder nur die fett hervorgehobenen Abschnitte lesen!

Es beginnt mit dem Portrait einer jungen Frau, deren Blick leidvoll ist. Sie geht durch eine menschenleere Straße und trägt eine medizinische Stütze am Hals (gibt sicher auch einen Fachbegriff dafür). Obwohl man nur ihren Oberkörper sieht, merkt man, dass ihr das Gehen schwer fällt. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Schwanken und dem Gesichtsausdruck legt nahe, dass ihr die Gangbewegung starke Schmerzen bereitet. Sie hält sich ihre dicke Jacke zu, eventuell friert sie auch.

Das ganze ist von ruhiger, eher trauriger Musik unterlegt. Der Erzähler bzw. Sprecher gibt ihr als erstes einen Namen – Jessica – und schafft somit eine Grundlage dafür, sie als konkrete Person zu sehen, mit der man sich ggf. identifizieren kann. Als nächstes erläutert er, sie leide unter BWVAKTBBOM leidet. Während eben dieses Leiden weiter bildlich dargestellt wird, ist dem Zuschauer kurzzeitig unklar, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt. Aus dem Kontext kann man sich erschließen, dass es sich hier im eine Krankheit, ein Syndrom oder ähnliches handeln muss. Die Behauptung, dass es dafür eine Bezeichnung gibt, legt außerdem nahe dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt dass mehrere Menschen betrifft.

An dieser Stelle – wir befinden uns in der siebten Sekunde des Spots – kann eigentlich kaum noch Zweifel daran bestehen, dass es sich hier um ein bemitleidenswertes Wesen handelt und dass es sich um eine typische Betroffenheits-Kampagne handelt.

Es folgt ein Umschnitt, man sieht Jessica vor einer heruntergekommenen Mülltonne und einer nicht weniger verschandelten Mauer, sie trägt irgendeine Tüte in der Hand. Aus dieser Perspektive sieht man erstmals, dass sie zwar obenrum eine dicke Jacke trägt, aber an den Beinen nicht viel Kleidung. Man könnte hinter ihrer Tüte z.B. einen Minirock vermuten.

Währenddessen ergänzt der Spreche, dass ihr leidbringendes Kürzel für „Boyfriend went vegan an knocked the bottom out of me“ steht. Zu deutsch wäre das, würde man es wörtlich übersetzen, also etwa „Mein Freund wurde vegan und hat mir den Boden raus geschlagen.“ Es handelt sich im Englischen um eine relativ feststehende Formulierung für heterosexuellen vaginalen Geschlechtsverkehr. Es war mir in der kürze nicht möglich, von hier aus herauszufinden wie verbreitet der Begriff ist und welche Konnotation er für englischsprachige Menschen hat. Laut dem Collins Englisch Dictionaly bedeutet „knock the bottom out of“ zwar „to destroy or eliminate„, aber Einträge im Urban Dictionary deuten darauf hin, dass dieser (ursprünglich eben gewaltsam besetzte) Begriff ganz generell für Sex verwendet wird, ohne dessen gewaltsame Komponente speziell betonen zu wollen. Wenn es solch eine Bedeutungsverschiebung tatsächlich gegeben hat, dann sagt allein das schon einiges über die Gesellschaft aus…Zudem wird auch ein Zusammenhang zu „to beat it up“ hergestellt, dessen beiden Hauptbedeutungen laut ebendiesem Urban Dictionary sind: „1) To injure physically in a fist fight.
2) To have sex with (a woman)„.  Da soll noch irgendwer sagen, die Verbindung zwischen Sex und Gewalt würde fern liegen.

Der Sprecher lässt zunächst keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Problematik, bezeichnet er doch die Angelegenheit als „painfull condition“, also als scherzhaften Zustand. Währenddessen sehen wir, wie sich die Betroffene mühsam eine Treffe herauf quält. Nach einem Umschnitt fallen drei Dinge auf, in absteigender Reihenfolge der Offensichtlichkeit:

  • Jessica trägt untenrum nur eine ausgeleierte rosa-farbene Unterhose
  • In ihrer transparenten Einkaufstüte befindet sich roter Paprika, etwas Grünes und außerhalb der Tüte noch irgendein blätteriges Gemüse
  • Die Sonne kommt nun von Vorne und hat damit ihre Position seit dem Umschnitt um ziemlich genau 90° verändert. In Wirklichkeit würde das 6 Stunden dauern.

Der Erzähler fährt fort, indem er erklärt, dass der nun vegane Freund es plötzlich wie ein tantrischer Porno-Star bringt. Moment, was ist das? Der Porno-Star bedarf wohl keiner Erklärung. Tantra ist eine alte religiöse und philosophische Strömung aus Indien, die zahlreiche spirituelle Rituale enthält. Sexuelle Praktiken sind nur ein winziger Bestandteil darin, werden aber durch unsere westliche „Kultur“ (wie auch schon beim kāmasūtra) auf den sexuellen Aspekt reduziert. Wenn hier schon vom tantrischen Porno-Star die Rede ist, wird wohl genau dieser Sexuelle Aspekt gemeint sein. Auch dieser ist natürlich vielschichtig, enthält z.B. rituelle Übertragungen von Körperflüssigkeiten der Sexualpartner aber auch des Gurus, die sexuelle Balance zwischen Mann und Frau aber auch der verschiedengeschlechtlichen Anteile in jedem einzelnen Menschen, die sprituelle Vereinigung, das Zurückstellen des eigenen Egos, etc. Was sich davon in unserer Mainstreamkultur festgesetzt hat sind aber eher der (stunden-)lange Geschlechtsverkehr und ggf. sehr langsame Bewegungen oder sogar statische Positionen, in denen die Partner ineinander verweilen. Von Schmerzen, Rücksichtslosigkeit und körperlichen Schäden kann ich aber weder im klassichen Tantra noch in der westlich-reduzierten Sicht etwas finden. Ich habe aber auch noch keine Pornos angeschaut, die als tantrisch beworben wurden. Sollte ich vielleicht mal nachholen.

Damit der Zuschauer sich all diese Gedanken nicht machen muss wird nun ein Sekundenbruchteil des Geschlechtsverkehrs in den Spot geschnitten. Jessica, hier ohne ihre dicke Jacke und medizinisches Equipment, liegt auf dem Bauch oder kniet im Bett, wird von hinten genommen und stützt sich mit ihren Händen gegen die dunkelrote Wand, vermutlich um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ekstatisch und glücklich, während sie ihren Kopf in Richtung des Partners dreht.

Als nächstes sehen wir Jessica wieder in voller Montur – Halsstüze, Winterjacke, Unterhose und Einkaufstüte – in einer bunt und geschmackvoll gestalteten Wohnung. Die Rote Wand aus der Sex-Szene würde hier gut hinein passen. Auch wäre nicht auszuschließen dass die Bewohner dieser Wohnung sich mit indischen Traditionen auskennen. Ihr nachdenkliches durch-die-Wohnung-Schleichen legt zusammen mit der Schnittfolge außerdem die Vermutung nahe, dass sie beim Betreten der Wohnung an eben jenen Geschlechtsverkehr denken musste.

Der Sprecher fährt fort: „Für Jessica ist es zu spät.“ Sie zieht sich die Jacke aus, blickt dabei müde und enttäuscht. Darunter kommt außer ihrem medizinischen Accessoir nur ein gemusterter BH zum Vorschein.

Umschnitt. Jemand schmiert weiße Pampe – Quark, Kuchenteig, oder vielleicht Gips? – auf ein Loch in der rot gestrichenen Wand. Das Loch hat etwa 25cm Durchmesser. Hier muss irgendwas massiven Schaden angerichtet haben.

Nun betritt Jessica, in Unterwäsche und mit dem Einkauf, das Schlafzimmer. Ein Mann, ebenfalls in Unterwäsche, hört auf die Wand zu verputzen, wendet sich ihr zu und meint „Hey, du bist zurück. Geht es dir besser?“ Sie wirft ihm trotzig den Einkauf zu.

Erneuter Umschnitt, man sieht ihr Gesicht. Aus einem anfangs kritischen Ausdruck wird ein Lächeln, das vielleicht auch etwas freches und herausforderndes in sich trägt. Gleichzeitig wird das Bild in Richtung Schwarz ausgeblendet.

Abschließend bittet der Sprecher den Zuschauer, sich auf der angegebenen Internetseite darüber zu informieren, wie man vegan wird – und zwar auf sicherem Weg. Der Spot ist zu Ende.

Die sachliche Aussage zusammengefasst

Fasse ich doch erst nochmal zusammen: Der Spot zeigt eine Frau, die beim Geschlechtsverkehr körperlich verletzt wurde, weil sie mit dem Kopf gegen die Wand gevögelt wurde. Sehr fest, sehr oft, oder beides. Sie hat sich eine Verletzung der Halswirbelsäule und vermutlich auch des Gehapparates (Bein, Fuß, Hüfte) zugezogen. Sie leidet unter Schmerzen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Dennoch ist sie, mangelhaft bekleidet, unterwegs um Gemüse für ihren Freund zu kaufen. Vordergründig baut der Spot, insbesondere durch den Sprecher, Mitleid und Betroffenheit auf. Die Schuld wird dem Freund gegeben, der beim Sex zu hart ran gegangen ist, auch wenn die Schuld gleich auf seine Ernährung weiter verlagert wird. Der Freund macht sich auch Sorgen um ihr Befinden. Sie scheint ihm aufgrund der Vorfälle noch etwas böse zu sein, andererseits kann man in ihr Lächeln vielleicht hinein interpretieren, dass sie ihm gegenüber dennoch freundlich gesinnt ist. Man könnte sogar so weit gehen, dass sie damit erneute Lust an Sex ausdrückt.

Frage nach der Botschaft

Nun stellen sich Fragen. Wo ist hier eine ernst gemeinte Botschaft, wo wird mit Ironie gespielt? Wo sind stellen, die sowohl bei ernster als auch ironischer Betrachtung grenzwertig sind?

Diverse Menschen haben sich nun darüber beschwert, dass der Spot sexuelle Gewalt positiv darstellen würde. Zum einen werden die Konsequenzen ja negativ dargestellt und nirgendwo ausdrücklich schön geredet. Zum anderen kann man durchaus sagen, dass es sich hier um einen unbeabsichtigten Unfall beim Sex handelt, der ohne böse Absicht geschehen ist und somit keine Gewalt darstellt. Beide Argumente wurden schon mehrfach angebracht.

Dennoch bin auch ich einer dieser Menschen, die hier Gewaltverherrlichung sehen und anprangern. Die Kampagne muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass PeTA natürlich dafür ist, dass Menschen sich vegan ernähren sollten. Die Behauptung, dass Männer durch vegane Ernährung kräftiger, sexuell potenter, oder sonst wie aktiver werden, war mir neu. Aber wie ich aus den Kommentaren anderer lesen konnte, ist diese Idee wohl schon recht weit verbreitet.

Wenn man von Ironie ausgeht – wird die Aussage nicht besser

Eine Argumentationslinie sagt nun, dass der Spot eigentlich folgende Aussage machen wolle: „Wer vegan isst, hat heftigeren Sex, und heftiger Sex ist gut. Daher sollte man sich vegan ernähren. Heftiger Sex kann zu Verletzungen führen, und eben dass stellen wir nun ganz übertrieben dar, heucheln eine übermäßige Betroffenheit vor und ziehen die Sache somit ins Lächerliche. Denn eigentlich ist ja allen klar, dass die Frau sich freuen sollte dass ihr Freund jetzt abgeht wie eine Rakete.“

Ob man das nun darein interpretieren kann, möchte oder soll, ist schwer zu sagen. Ich kann keinen logischen „Beweis“ dafür erbringen, dass PeTA genau das sagen wollte, oder dass sie es wissentlich provozieren dass man es so interpretieren könnte. Aber mein Gefühl gibt mir da trotzdem 100%ige Sicherheit. Genau so sicher bin ich jedenfalls, dass sie „nette“ Kernaussage („Bitte Jungs, seid vorsichtig wie ihr mit euren Freundinnen umgeht!“) auf gar keinen Fall ernst gemeint ist. Und eine dritte Interpretationsweise erschließt sich mir auch nach längerer Beschäftigung nicht.

Etwas zwischen Ironie und Ernst?

Das Hauptgestaltungselement ist hier eine auf Maximum überspitzte Darstellung des Leidens. Solche Extreme können nur in zwei Richtungen wirken: Entweder man meint es todernst und will auf ein massives reales Problem ansprechen. Oder man meint das Gegenteil, möchte das Problem komplett ins Lächerliche ziehen und aufzeigen dass es kein Problem ist. Sondern nur ein Witz. Man kann diese Extreme Darstellung einfach nicht für eine ausgewogene Botschaft nutzen. „Es gibt da wirklich gewisse Vorfälle von sehr intensivem Sex durch Veganismus, das in den meisten Fällen gut so und macht beiden einfach nur Spaß, aber in manchen Fällen führt es zu Schäden die man dann sehr ernst nehmen muss“ ist keine Interpretationsmöglichkeit für einen derart überzogenen Spot.

Und wenn es doch ernst gemeint ist?

Wenn ich mal ganz kurz versuche mir vorzustellen, dass PeTA hier wirkliche, echte Betroffenheit für ein reales Problem erzeugen wollen würde: Würden sie dann der gewaltverherrlichenden Begriff „to knock the Bottom out of someone“ benutzen? Zumal in einem Zusammenhang, in dem sowohl die sexuelle als auch die zerstörerische Bedeutung offen sichtbar sind? Würde man das Oper eines Sexunfalls oder gar sexueller Gewalt beim Einkaufen in Unterwäsche zeigen, wenn man hier über ein ernstes Problem berichten wollen würde? Würde man es unkritisch zeigen, wie die Geschädigte die (angebliche) Ursache des Vorfalls berkräftigt indem sie mehr Gemüse kauft? Würde man es ernsthaft riskieren, es so wirken zu lassen als würde sich das Opfer freiwillig einem erneuten Vorfall hingeben? Nein, nein und noch ein paar Mal nein.

Warum die Erklärung mittels einer Unfall-Theorie schlimmer ist als der Spot selbst

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die Unfall-Theorie eingehen. Immerhin lässt der Spot ja an keiner Stelle erahnen, dass der junge Mann seine Freundin absichtlich verletzt hätte. Egal ob man den Spot todernst oder sehr ironisch interpretiert, es scheint doch absolut offensichtlich, dass es sich hier um einen harmlosen Unfall handelt. Oder?

Gerade in dieser Annahme liegt eine grundlegende Fehleinschätzung. Dass man so geneigt ist, die Situation so zu interpretieren, sagt eigentlich nichts über den Spot oder über PeTA aus, sondern um das generelle Problem unserer Gesellschaft um Umgang mit sexueller Gewalt. Die Dissonanz dazwischen wie Sexualität eigentlich ablaufen sollte und wie massive Abweichungen davon gesellschaftlich schön geredet werden ist einfach nur erschütternd und abstoßend.

Rekonstruktion des Ungezeigten

Rekonstuieren wir doch mal den Ablauf dieses „Unfalls“. Die beiden Partner haben sich einvernehmlich zum Sex eingefunden. Irgendwann im Verlauf des Aktes wechseln sie in eine Position bei der sie auf dem Baum oder den Knien von hinten penetriert wird. Auch das geschieht unter Konsens und bereitet beiden Partnern freude. Für den Verlauf bis hier haben wir einen einsekündigen „Beweis“ im Video. Nach dem Verkehr befindet sich ein großes Loch im Putz der Wand, die Frau hat eine Halsverletzung. Auch das ist „belegt“. Was muss dazwischen abgelaufen sein?

Klar: der Mann hat seinen Körper mit so viel Wucht gegen bzw. in die Frau geschleudert, dass sie trotz Abstüzen an der Wand nicht mehr gegenhalten konnte und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen ist. Dabei hat sie sich verletzt und die Wand wurde beschädigt. Das Ausmaß der Beschädigung der Wand lässt nun aber Rückschlüsse darauf zu, wie stark bzw. wie oft es zu diesem Zusammenstoß gekommen sein muss. Und es ist so groß, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Wucht sehr stark in dem Bereich gelegen haben muss, bei dem ihm bewusst sein musste dass er seiner Freundin akut Schmerzen zufügt, und dass er eine Verletzung ihres Körpers ermöglicht oder sogar erzwingt. Alternativ war es nicht die einmalige Wucht, sondern ein leichteres aber dafür vielfach wiederholtes Stoßen ihres Kopfes gegen die Wand. In dem Fall hat er in gleicher Weise ihren Schmerz und ihre körperliche Schädigung in Kauf genommen. Man weiß nicht, wie sie sich dabei verhalten hat. Sie mag „Jaaaa, mehr, weiter, jaaaaaaaaaa!“ geschrien haben, zumindet bis zum Moment der Verletzung. Sie mag schon vorher „Stopp, nicht so feste, au, hör auf!“ gerufen haben. Vielleicht war sie auch eher still und das dominierende Geräusch war das wiederholte Aufschlagen ihres Kopfes an der Wand. Egal was es ist, der Mann wäre dafür verantwortlich, diesen „Unfall“ zu verhindern. Und wenn er das nicht kann, sollte er die nötige Reue zeigen, dazu weiter unten noch mehr.

Ich vermute also, dass hier eine Situation passiert sein müsste, die zwar allgemein von der Gesellschaft als Unfall bezeichnet werden würde, die aber bei genauerer Betrachtung kein Unfall ist, sondern eals Unfall getarnte Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Ich kann aus den Informationen, die mir vorliegen, nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob dort ein Unfall oder eine innerpartnerschaftliche Vergewaltigung stattgefunden hat (Muss ich eingentlich an der Stelle explizit erwähnen, dass einvernehmlicher Sex, der fortgeführt wird wenn einer der Partner es nicht mehr möchte, eine Vergewaltigung darstellt?). Es ist nicht sicher, aber zumindest sehr wahrscheinlich dass hier mehr als nur ein Unfall vorlag. Wäre dies ein realer Fall, dann würde ich auf Basis dieser Informationen nicht verlangen, dass der Mann für seine Handlung bestraft wird. Aber ich würde hoffen, dass man von den beiden Beteiligten mehr Informationen herausbekommen könnte. Würde natürlich auch hoffen, dass es sich wirklich nur um einen einmaligen Unfall handelte. Aber wenn es anzeichen dafür gäbe, dass der Mann bewusst Verletzungen seiner Partnerin in Kauf nimmt, doer dass er sich und seinen Körper so wenig unter Kontrolle hat, dass er erneute Unfälle nicht verhindern kann, dann würde ich die Frau ermuntern aus dieser schädlichen Beziehung ausbrechen, ggf. Anzeige zu erstatten. Auch würde ich mir Sorgen machen dass künftige Freundinnen dieses Mannes Opfer von Gewalt werden. Und sollte es wirklich die vegane Ernährung sein die ihn zum gefährlichen Sexmonster macht, dann würde ich im etwas tierisches Eiweiß verordnen.

Aber das hier ist kein realer Fall. Es ist ein von PeTA konstuierter Werbespot. Und bei dessen Konstruktion hätte man vorsichtiger vorgehen können – nein, müssen. Es wäre sicher möglich gewesen, klarer darzustellen, dass es sich wirklich ein richtiger Unfall war. Dazu hätten vielleicht Kleinigkeiten gerreicht, z.B. ein weniger extremes Loch an der Wand, eine nicht ganz so starke Verletzung der Frau. Oder ein Mann, der mehr Reue zeigt.

Und überhaupt, was geschah danach?

Denn was ist nach dem Sex passiert? Die Frau war vermutlich bei einem Arzt. Denn so ein Hals-Dings hat sie sicher nicht einfach so daheim rum liegen – außer wenn dieser „Unfall“ regelmäßig passiert, aber das stützt dann wieder eine andere These. Und sie war einkaufen. Wenn es ihr doch solche Schmerzen bereitet, zu Laufen, warum muss sie dann das Gemüse für ihren Freund kaufen? Und er, was hat er nach dem Sex getan? Er hat Putz angerührt um die Wand zu reparieren. Hier wäre es vielleicht sogar glaubwürdig, dass er den Putz bereits daheim vorrätig hatte.

Und die Freundin geht in Unterwäsche einkaufen. Obwohl es kalt draußen ist und obwohl es in unserer Kultur eine zweifelhafte Aussage hat, in Unterwäsche vor die Tür zu treten. Was wollte man uns damit sagen? Dass das gezeigt direkt nach dem Sex passiert ist, und sie keine Zeit hatte, sich vorher anzuziehen? Weil der Freund sie sofort zum Einkaufen schickt, bevor er sich um sie kümmert? Oder hat man einen Weg gesucht, die Frau schon sexualisiert darzustellen während sie doch eigentlich noch auf der Außentreppe still vor sich hin leidet? Oder wollte man einfach ein Element einbauen das dem ernsten Thema jeden Ernst nimmt und damit zeigen wie lächerlich man das eigentlich machen möchte? Egal, an dieser Stelle setzt jede Logik aus. Es ist nicht so, dass mir erst jetzt beim Schreiben auffallen würde wie sinnfrei das alles ist. Aber hätte ich diesen Punkt schon eher erwähnt, wäre vermutlich jede weitere ernsthafte Betrachtung in sich zusammen gebrochen.

Ja, ich kann diesen Spot so interpretieren dass er lustig und humorvoll und gut gemacht ist. Ich müsste lügen wenn ich nicht zugeben würde, dass er sogar mir selbst kurz ein Lächeln über die Lippen gejagt hat.

Aber ich kann ihn nicht so interpretieren, dass sich nicht nicht gleich auch eine ganze Reihe von alternativen Interpretationen aufzwingen, die sexuelle Gewalt verharmlosen oder soger befürworten. Und das macht diesen Spot zu einem No-Go.

Reproduktive Rechte – eine Einführung und viele Fragen

Ich will mich heute mal langsam an ein großes Thema heran machen: Reproduktive Rechte und Familienplanung. Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema „Ehe“ hatte ich sowieso schon angekündigt, und auch der Infoabend „Lesben und Kinderwunsch“ vor einer Woche  hat mir gezeigt wie viel da gesellschaftlich und politisch noch zu tun ist.

Was für  Rechte sind das?

In den USA sorgen anhaltende Debatten zur Abtreibung dafür, dass „reproduktive Rechte“ mitunter gleichbedeutend mit „Recht auf Abtreibung“ verstanden wird. Aber natürlich gibt es eine Vielzahl anderer reproduktiver Rechte:

  • auf freie Wahl der Anzahl der Kinder, inkl. der Wahl keine Kinder zu bekommen
  • auf freie Wahl des Zeitpunktes der Zeugung
  • auf Zugang zu (Empfängnis- und Infektions-)Verhütungsmitteln
  • auf freiwillige Abtreibung
  • auf freiwillige Maßnahmen zur assistierten bzw. künstlichen Befruchtung bzw. auf Erhalt von Samenspenden
  • auf medizinische Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt
  • auf Sexualität unabhängig von einer Zeugungsabsicht
  • auf sexuelle Aufklärung
  • auf Unversehrtheit der Zeugungsorgane
  • auf freiwillige zeitweise oder dauerhafte Sterisilisierung und medizinische Maßnahmen, die selbiges prinzipiell beinhalten (nachgetragen am 22.01.2013)
  • auf Entnahme und Konservierung von Keimzellen (Eizellen, Spermien, befruchteten Eizellen) und Geweben (Hoden, Eierstöcken), sowie den späteren Zugriff auf selbige (nachgetragen am 22.01.2013)

Dabei steht der Zusatz „freiwillig“ jeweils dafür dass zwar die Möglichkeit dieser Maßnahmen bestehen soll, aber niemals der Zwang diese über sich ergehen zu lassen.

Und natürlich gibt es fließende Übergänge zu allgemeinen Menschenrechten, Gesundheitsrechten, sozialen und wirtschaftlichen Rechten, sexuellen Rechten, Identitätsrechten, etc. Diese habe ich aber hier ausgelassen damit die Liste nicht länger als breit wird.

Es geht nicht nur um die Menge der Rechte, sondern…

Verschiedene internationale Organisationen haben diverse Definitionen ausgearbeitet die mal mehr und mal weniger der oben erwähnten Rechte umfassen. Der Artikel „Reproductive rights“ in der englischen Wikipedia gibt eine gute Übersicht darüber.

Aber nicht nur die Zusammenstellung der Rechte ist unterschiedlich, sondern vor allem auch, wem diese Rechte zugesprochen werden. Mal stehen sie allen (Ehe-)paaren zu, mal allen Menschen, und manchmal allen Frauen. Manchmal wird dieses „allen“ sogar noch dadurch konkretisiert, dass keine Diskriminierung stattfinden soll, indem manchen diese Rechte dennoch vorenthalten werden. Formulierungen wie „allen Frauen“ führen natürlich direkt zur Frage wie hier das Frau-sein definiert ist, und wenn ein Recht allen Frauen und allen Männern zusteht, was ist dann mit jenen Menschen die weder Frau noch Mann sind? Steht das, was allen Paaren zusteht, auch solchen „Paaren“ zu, die nur lose zusammen leben? Die aus mehr als zwei Menschen bestehen? Auch gleichgeschlechtlichen Paaren? Auch zwei Menschen, die mal ein Paar waren? Und auch gesellschaftlich geächteten Paaren wie z.B. einem Paar aus Bruder und Schwester?

Egal wie man es nun definiert, es handelt sich dabei nicht direkt um geltendes Recht sondern allenfalls um Richtlinien, welchen den Staaten nahe gelegt werden und zu deren Umsetzung sich manche Staaten verpflichtet haben. Wie viel von diesem Recht dann auch wirklich Recht im rechtlichen Sinn ist, weicht natürlich von Staat zu Staat stark ab.

Was ist schon ein Recht, wenn man kein Recht darauf hat? Fragen über Fragen…

Und letztlich ist auch relativ unklar, was es nun heißt, ein Recht zu haben, oder welche hindernden Umstände hingenommen werden müssen oder als unerlaubte Verletzung dieser Rechte gelten. Hier einige beispielhafte Fragen:

  • Wenn jemand Recht auf eine Maßnahme hat, steht sie ihm dann kostenfrei zu? Oder müssen die Kosten zumindest von der Krankenversicherung getragen werden? Oder ist ein Eigenanteil gerechtfertigt? Darf oder muss dieser einkommensabhängig sein?
  • Gibt es für solche Maßnahmen ein Gebot der vernünftigen Preise oder dürfen die Anbieter beliebige Phantasie-Preise verlangen? Dürfen diese Preise auch noch extrem variieren, je nachdem wer diese Leistung wahrnehmen will?
  • Dürfen die Anbieter dieser Leistungen selbst entscheiden, welchen Personen sie diese vorenthalten? Dürfen sich die Anbieter dieser Maßnahmen untereinander so absprechen, dass gewissen Menschengruppen von allen Anbietern einheitlich die Leistung verweigert wird?
  • Schränkt es die Wahlfreiheit ein, wenn die Nutzung oder der Verzicht gewisser Maßnahmen mit wirtschaftlichen oder sozialen Vor- bzw. Nachteilen verknüpft wird?
  • Wie stark darf ein solches Recht an Bedingungen geknüpft werden? Was, wenn diese Bedingungen nicht im Ermessen der Person selbst liegen und für sie unerfüllbar sind? Darf für die Inanspruchnahme eines solchen Rechtes die Bedingung gestellt werden, auf ein anderes dieser Rechte zu verzichten?
  • Kann von einem freien Recht die Rede sein wenn zuvor eine Beratung, Untersuchung oder Begutachtung durch Fachleute stattfinden muss?
  • Wie kritisch dürfen oder müssen solche Beratungen sein?
  • Dürfen Einzelpersonen oder die Gesellschaft insgesamt Menschen dafür kritisieren, dass sie ihre Rechte nutzen oder nutzen möchten?
  • Wenn es Paare sind, welche diese Rechte haben, wie verhält es sich dann mit den Rechten wenn sich die beiden Personen uneins sind?
  • Gelten diese Rechte auch für Minderjährige und wie weit dürfen ihre Erziehungsberechtigten ihnen die Wahrnehmung dieser Rechte untersagen? Kann die Wahrnehmung solcher Rechte für Minderjährige gesetzlich generell untersagt werden, selbst wenn alle Erziehungsberechtigen zustimmen würden?

Wo sind die Antworten?

Die vorstehenden Fragen mögen konstruiert und rhetorisch wirken. Bei vielen stellt sich (hoffentlich) beim Lesen spontan eine Antwort im Sinne von „Natürlich!“ oder „Natürlich nicht!“ ein. Ich bin mir aber sicher, zu praktisch jeder solchen Frage kann ich ein Beispiel dafür liefern, dass die rechtliche Situation in Deutschland vom wünschenswerten Zustand abweicht. Aber das würde jeweils zu einem längeren Text ausarten.

Und dann sind bei obiger Auflistung freilich auch solche Fragen vorhanden, bei denen die „richtige“ Antwort nicht offensichtlich ist, was umso mehr erfordert, sich im Detail damit auseinander zu setzen.

Ich möchte es also auch hier erst mal dabei bewenden lassen, viele Fragen zu stellen und keine Antworten zu geben. Damit wollte ich zumindest ein bisschen konkretisieren, was ich damit meine, wenn ich sage „ich denke in letzter Zeit viel über die reproduktiven Rechte nach.“ Und einen thematischen Rahmen geben, indem ich in naher Zukunft über spezielle Rechte oder über Verletzungen dieser Rechte schreiben kann. Wenn ich dann erwähne, dass „das natürlich auch im Zusammenhang mit anderen reproduktiven Rechten gesehen werden muss“, dürfte dann klar sein, was ich meine.