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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

In den letzten 20 Stunden habe ich mich in einer Weise mit #aufschrei beschäftigt, die mir nun mit etwas Distanz merkwürdig vorkommt. Ich möchte gerne etwas richtig bzw. klar stellen.

Wer mir oder dem Hashtag #aufschreistat folgt, oder auf der Mailingliste mit liest, hat sowohl von mir als auch von anderen in dem Zusammenhang Worte wie cool, geil, juhu, Spaß, ect. gelesen. Wir waren damit beschäftigt, die Tweets geordnet zu sammeln, und jeder Tweet, der unsere Sammlung vervollständigt hat, war somit ein Erfolg.

Doch bei #aufschrei geht es in jeder Hinsicht um Negatives. Entweder erzählen Menschen von Ungerechtigkeit, Leid, Demütigung und Gewalt, die sie erfahren haben.  Oder Menschen teilen ihre Empathie, ihre Schuldgefühle, ihre Scham oder ihre Hilflosigkeit demgegenüber mit. Noch andere ignorieren dies, rechtfertigen es, machen sich darüber Lustig oder üben ganz direkte verbale Gewalt aus. Was auch immer davon der Inhalt sein mag, ein #aufschrei-Tweet ist per Definition niemals erfreulich.

Die Arbeitsweise hat es bedingt, dass wir hier mit Programmcode arbeiten, mit Datenbankschemata, API-Aufrufen, Objekten, etc. Die Inhalte der Tweets waren zwar sichtbar, aber liefen zu hunderten pro Sekunden über meinen Bildschirm. Da gab es für mich – ausnahmsweise – mal keine Inhalte, keine Emotionen, keine Menschen und Schicksale.

Wenn es so weitergeht wie es uns derzeit vorschwebt, kommen am Ende viele Ergebnisse heraus. Zuallererst fallen da Zahlen ein, nicht nur die Gesamtzahl der Tweets, sondern auch, dass in über 620 davon das Wort „Lehrer“ vorkommt, aber nur in 23 das Wort „Pfarrer“ oder „Priester“. Prozentsätze, Durchschnittswerte, Alterscluster, was weiß ich..?

Dann kommen Kategorien heraus. Alle Berichte über nicht-einvernehmliches Küssen auf einmal. Alle über das Absprechen von Fähigkeiten. Alle über Missbrauch innerhalb der Familie. Diese Kategorien lassen sich zählen und stellen somit wiederum harte, numerische Fakten dar. Aber die zugehörigen Berichte lassen sich dann auch einsehen, die Inhalt wird dann in ganz besonderer Wucht wahrnehmbar werden. Ohne die umgebenden „eher harmlosen“ Tweets, ohne die Diskussions- und Dabattiertweets, ohne die Meta-Aussagen, ohne Trollerei und Verneinung können diese Mengen an Texten eine Intensität erreichen, die für viele Leser_innen vermutlich nicht mehr erträglich ist. Aber gleichzeitig können Sie evtl. einige Menschen erweichen, die #aufschrei jetzt noch für einen Witz oder Hysterie halten.

Letztlich erhoffe ich mir von diesem Projekt also, zwei entgegengesetzte Auswirkungen: mehr geballte Fakten und mehr geballtes Gefühl. Für jeden Rezipienten, für jede Situation, für jede Verwendung in den Medien jeweils das, was gebraucht wird.

Ich denke, es wird daraus klar, dass die Distanzierte, ja geradezu euphemistische Betrachtung der Tweets als bloße Datenpakete nicht darauf hindeutet, dass ich oder sonst jemand die Lage nicht ernst genug nimmt. In den nächsten Tagen werde ich mich wieder sehr vermehrt den Inhalten, den dahinter stehenden Erfahrungen und Empfindungen beschäftigen. Mein Sprachgebrauch wird dabei sicher weniger euphorisch sein.

Erstaunlicherweise hat auch noch niemand diese potentielle Problematik beanstandet, aber es war mich wichtig, das am besten schon zuvorkommend klarzustellen. Damit ich jetzt endlich auch beruhigt zu Bett gehen kann.

#aufschreistat – Statistische Analyse des Aufschreis

Wichtig: Projektkoordination

Trotz der frühen Phase gab es jetzt schon mehr Hilfsangebote, als ich im Kopf behalten kann, und die Kommunikation über Twitter ist, nunja, schwierig. Hier ein paar Links:

Ich selbst komme vor 20 Uhr (Dienstag) nicht dazu, weiter zu koordinieren, etc. – habt bitte etwas Geduld, oder – noch besser – organisiert euch ein wenig untereinander. Danke!

Warum überhaupt auswerten?

Zur Hashtag-Aktion #aufschrei ist viel wahres, kluges und vor allem emotionales geschrieben worden – siehe dazu z.B. die Blogposts, deren Verlinkungen ich in den letzten Tagen retweetet habe (für eine ordentliche Linksammlung hier fehlt mir gerade Zeit und Kraft). Ich stimme all dem nicht nur sachlich zu, sondern kann auch die darin beschriebenen Gefühle nachvollzielen, habe vieles davon in den letzten Tagen selbst so gespürt. Emotion gehört dazu und ist wichtig. Auch Emotionen stoßen Debatten an.

Aber diese Debatten kommen dadurch nicht unbedingt weiter. Dies ist keine Kritik an Emotionen, es ist der Versuch, diese durch sachliche Fakten und Analysen zu ergänzen, zu stützen und rational begreifbar zu machen.

Ich habe in den ersten 70 Stunden seit dem Beginn von #aufschrei mehr als die Hälfte jener Zeit mit dem Lesen der #aufschrei-Tweets verbracht und nur sehr viel weniger mit Schlafen. Soweit ich das abschätzen kann, habe ich fast alle #aufschrei-Tweets, die seit dem direkt in meiner TL landeten, gelesen. Das dürften etwa 1000 solcher Tweets gewesen sein, somit aber deutlich weniger als 2% aller #aufschrei-Tweets überhaupt. Damit habe ich keinen repräsentativen Überblick über alles, was aufgeschie(b)en wurde. Vermutlich hat kein Mensch auf der Welt das in diesem Moment.

Diverse klassische Medien haben #aufschrei-Tweets zitiert, und die jeweilige Auswahl schien zufällig (was ja immerhin repräsentativ ist) oder aus einem sehr kleinen Sample bewusst ausgewählt. Die Medien haben es damit nicht geschafft, die Menge, Vielfalt und Intensität des #aufschrei zu vermitteln.

Neben der Ursprungs-Aussageform – des Kurzberichtes über ein konkretes sexistisches Erlebnis – entstanden schon bald Meta-Aussagen, die versuchten, Verallgemeinerungen zu treffen. Auch ich habe mich darin versucht, erhielt Zustimmung durch Retweets und Kritik in Form von Antworten durch Menschen, die meine Aussage (wohl meist absichtlich) missverstanden. Aber letztlich waren das sowieso immer Aussagen über Momentaufnahmen meiner Filterbubble und somit ohne globale Bedeutung.

Nun möchte ich dazu beitragen, die Debatte auf das nächste Level zu erheben: den Blick auf die Gesamtproblematik, das Abwägen verschiedener Teildimensionen des Problems oder auch der Teilprobleme, und auf die neuartigen Erkenntnisse die nur durch eine solche Gesamtbetrachtung gewonnen werden können.

Ich denke nicht, dass der Erfolg der Aktion nach der folgenden Formel funktioniert: Tweeten -> sammeln -> statistisch anlysieren -> Erkenntnisse -> bessere Welt. Aber ich bin überzeugt, statistisch fundierte Erkenntnisse helfen dazu, dass die Aktion insgesamt erster genommen wird, dass die Debatte intensiver geführt wird, und letztlich, dass sie konstruktiver abläuft und konkretere Ergebnisse hat.

Technisches

Eine bedeutungsvolle Analyse geht nur mit technischen Hilfsmitteln, aber die allein reichen nicht. Vorausgesetzt, die mehr als 60.000 #aufschrei-Tweets lägen mir gebündelt vor – und das wird vermutlich bald der Fall sein – wären vollautomatische Auswertungen nur auf Wortebene praktikabel, z.B.: Wie oft kommt das Wort „Sportlehrer“ vor? (Vermutung auf Basis des bisher manuell gelesenen: extrem oft.) Allein die Einteilung in zustimmende Tweets vs. Versuche, die Aktion zu kritisieren, relativieren, ins Lächerliche zu ziehen oder einfach nur zu trollen, halte ich für so gut wie gar nicht automatisierbar. Und selbst damit würden wir nur an der Oberfläche der darin verborgenen Erkenntnisse kratzen.

Ich halte es für nötig, die Informationen aus den Tweets in eine „maschinenlesbare“ Form zu bringen. Das kann prinzipbedingt nicht von Maschinen erledigt werden. Mir schwebt dabei vor, den Tweets per Hand Tags zuzuordnen, welche sich danach auswerten lassen. Tags sind dabei semi-strukturierte Informationen, die einem losen Schema folgen. Dieses legt nahe, dass bereits vorhanden Tags identisch weiter benutzt werden, aber erzwingt dies nicht. Das ist wichtig, damit einerseits ähnliche Tweets mit gleichem Tag versehen werden, aber andererseits neu- bzw. andersartige Tweets, die neue Aspekte betreffen, nicht in ein starres, vorgefertigtes Raster gepresst werden.

Dazu braucht es Menschen, die das tun. Menschen, die all diese (teils schmerzvollen) Tweets nochmal aufmerksam lesen und kategorisieren. Das klappt nur, wenn viele Mitmachen. Und es brauch die Software, um diesen verteilten Aufwand zu koordinieren. Ich werde diese Software schreiben.

Ich möchte hier nicht zu technisch werden. Dies geschieht stattdessen auf der Projekthomepage „aufschreistat“ bei GitHub. Viel gibt es dort noch nicht zu sehen, die aktuelle Version kann nichts, außer Tweets in die Datenbank schreiben. Updates zur Aktuellen Entwicklung twittere ich außerdem unter dem Hashtag #aufschreistat.

Die eigentliche Auswertung gilt es dann noch zu klären. Vieles lässt sich direlt als SQL-Abfrage schreiben, vorallem da in der Datenbank fast alle Spalten indiziert sind, incl. Volltext-Index auf den Tweet-Inhalten. Für manche Auswertungen wird spezieller Java-Code nötig sein. Und dann könnte es auch noch Exporte der angereicherten Daten geben, die dann in professionelle Statistik-Software einfließen könnte.

Datenquellen

Die Daten direkt von Twitter zu erhalten ist nicht einfach. Derzeit sieht der Datenbestand wie folgt aus:

  • Freitag 00:00 bis Freitag 11:00 – fehlt
  • Freitag 11:00 bis Montag 11:00 – vollständig durch den Datensatz von Soviet.tv
  • Montag 11:00 bis Dienstag 01:26 – fehlt
  • Dienstag 01:26 bis Dienstag 03:27 – teilweise vorhanden
  • Dienstag 3:27 und danach – vollständig dank eigener Sammlung

Es gibt technisch die Möglichkeit, von Twitter bis zu 150.000 vergangene Tweets zu einem Suchkriterium zu erhalten, was allerdings eine spezielle Genehmigung durch einen hochrangigen Twitter-Mitarbeiter erfordert. Diese habe ich bereits per Mail angefordert, wobei ich versucht habe, die gesellschaftliche Bedeutung von #aufschrei zu erläutern. Hoffen wir mal, dass ein positiver Bescheid kommt, noch bevor die Anzahl der #aufschrei-Tweets 150.000 überschreitet.

Mitmachen

Im Moment ist mir bei der Software-Entwicklung kaum zu helfen – die Software ist noch in einem so embryonalen Zustand, dass eine kooperative Arbeit am Code praktisch nicht möglich ist. Aber das wird sich hoffentlich in 1 bis 2 Tagen ändern. Wie das dann genau aufläuft, wird sich zeigen – dies ist zugegebenermaßen das erste Mal, dass ich ein Open-Source-Projekt auf github leite.

Nachtrag 6:41: Wozu aber jetzt schon jede_r herzlich eingeladen ist: Vorschläge machen, welche Fragestellungen wichtig und interessant sind, die sich evtl. aus den Daten herausziehen lassen. Konkrete Vorschläge, welche Arten von Inhalten getaggt werden könnten. Weitere Wünsche, welche Funktionen die Software erfüllen sollte oder könnte. Alles, was dabei hilft, das grobe Konzept was mir derzeit vorschwebt so zu erweitern, dass nicht nur mein Wissensdurst durch die Ergebnisse befriedigt wird, sondern alle den Erkenntnisgewinn bekommen, den sie sich davon erhoffen.

Sobald die Software Form angenommen hat und nutzbar ist, braucht es viele viele fleißige, mutige Helferlein, die sich durch die Tweets durcharbeiten, sie lesen und mit Tags versehen. Um alle Tweets zu zu verarbeiten, bräuchten wir etwa 1000 Stunden an gespendeter Zeit, des entspricht 125 vollen Arbeitstagen. Ich weiß, so viel werden wir nicht bekommen. Aber damit die Ergebnisse repräsentativ werden, reicht es, wenn wir einen signifikanten Anteil davon verarbeiten – das Programm wird die Tweets in zufälliger Reihenfolge anzeigen, um einen repräsentativen Querschnitt abzubilden. Und das können wir schaffen.

Damit das möglich wird, muss das Projekt bekannt werden. Jetzt wäre es zu früh dafür, noch ist es ein Luftschloss. Aber in 1 bis 2 Tagen hoffe ich auch eine Menge Retweets und ähnliches.

Abschließendes

Mich hat die ganze Sache in den letzten Tagen sehr mitgenommen. Ich musste mich zwar nicht erbrechen und habe auch nicht im nennenswerten Maß geweint, aber das war’s auch schon, was ich positives über meinen Zustand sagen kann. Prinzipiell könnte ich viel anderes, nicht-technisches zu diesem Thema schreiben. Aber momentan versuche ich, meine Energie dahin zu kanalisieren, wo es nützlich ist und wo der Aktivismus derzeit unterrepräsentiert ist. Und das ist nun mal gerade #aufschreistat.

Ich hoffe, dass diese Aktion, zusammen mit all dem was andere im Rahmen von #aufschrei leisten, dazu beiträgt, dass die Debatte nicht vorschnell wieder abebbt. Ich wünsche mir einen Protest, der um ein vielfaches größer ist als das, was wir jetzt haben. Das mediale Echo der letzten Tage hat gezeigt, wer die Massengesellschaft repräsentiert und was diese angeblich denkt. Für mich war das schockierender als die durch #aufschrei aufgedeckten Übergriffe selbst, denn bis dahin konnte ich noch glauben, dass nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland offen sexistisch ist. Nun scheint es mir, als ob entweder eine absolute Mehrheit sexistisch motiviert ist – das schließt ausdrücklich auch Frauen mit ein – oder als wenn eine sexistische Minderheit es erfolgreich schafft, sich als Mehrheit zu präsentieren. So oder so ist das ein Zustand, den ich nicht kampflos hinnehmen werde.

Kämpfen, hieß in den letzten Tagen: lesen, hören und fernsehen schauen. Gelegentlich twittern. Kämpfen, das heißt jetzt gerade, Code schreiben und technische Blogposts verfassen. Kämpfen, das wird in den nächsten Tagen heißen, statistische Analysen durchzuführen und Aussagen abzuleiten, um damit viele zu überzeugen, die den #aufschrei noch für einen unnötigen und nervigen Kurzzeittrend halten.

Und dann wird Kämpfen hoffentlich für mich und tausende andere heißen: raus auf die Straßen, einen lauten und sichtbaren Protest veranstalten, der sich mit den monatelangen Studierendenprotesten von 2009 messen kann.