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Rückblick nach 1,5 Jahren

Puh. Es ist einiges an Zeit vergangen, seit ich das letzt mal gebloggt habe. Und seitdem hat sich viel geändert.

Für die Blog-Pause gab es verschiedene Gründe.

  • Mal ging’s mir einfach zu schlecht. Immer nur rum jammern macht ja weder mir Spaß, noch denen, die’s dann lesen.
  • Mal ging’s mir gut, aber alles interessante, über das ich hätte schreiben können, war sehr eng mit bestimmten anderen Menschen verbunden, und ich war überfordert davon, wie ich darüber schreiben könnte, ohne deren Privatsphäre zu gefährden.
  • Und oft war ich einfach zu beschäftigt.

Eigentlich bin ich immer zu beschäftigt. Auch bzw. gerade jetzt sind es bewegte Zeiten für mich. Wie könnte ich da Zeit zum Bloggen finden? Aber ich glaube, ich muss das einfach mal wieder machen. Ich brauche gerade Selbstreflektion, und dazu am besten auch ein bisschen Distanz. Und die bekomme ich am ehesten, wenn ich für ein Publikum schreibe, das nicht ich selbst bin.

Bin ich noch dieselbe?

Ich habe soeben nochmal meine letzten 2 Blogposts von 2014 gelesen, um mich zu vergewissern, ob ich immernoch der selbe Mensch bin, der das damals geschrieben hat. Ich denke, ja, das bin ich. Aber meine Gedanken sind seit einiger Zeit gänzlich andere.

Seit diesem Blogpost mit der Unfickbarkeit, der nun zwei Jahre lang quasi das wenig rühmliche Aushängeschild meiner Online-Identität bildete, hatte ich ein paar schöne sexuelle Erlebnisse. Das hat zeitweise auch dazu geführt, dass ich die Unfickbarkeit als besiegt oder widerlegt angesehen habe, aber eben auch nur zeitweise.

Was ist eine Beziehung, und wenn ja, wie viele?

Aber ich schrieb ja auch dort schon: „Aus meinem Innersten heraus, frei von äußerer Beeinflussung, ist mir diese Verbindlichkeit sogar wichtiger als Sexualität.“ Somit ist es zwar ganz gut, offenbar nicht „unfickbar“ zu sein, aber viel prägender war für mich die Erkenntnis, dass das, was ich mir an „Beziehung“ oder „Verbindlichkeit“ wünsche, auch völlig unabhängig von sexueller Attraktivität für mich erreichbar ist.

Jene Erkenntnis kam langsam und auf holprigem Wege, da der Begriff „Beziehung“ eben allgemein ziemlich aufgeladen ist, und von jedem Menschen unterschiedlich mit Inhalt gefüllt wird. In den letzten Jahren gab es viele Menschen, die mir so viel Nähe geschenkt haben, dass es sich für mich eben als „Beziehung“ anfühlte, aber so gut wie nie hat jemand von diesen Menschen genau diesen Begriff dafür gewählt. Für mich fühlte sich das noch lange Zeit wie eine direkte Ablehnung an, hat mich verunsichert und manchmal sogar verletzt. Dass Menschen im Allgemeinen keine Beziehung mit mir führen wollen, ist das nicht genauso ausschließend (im Sinne von: mich von den allermeisten anderen Menschen separierend) wie die sexuelle Ablehnung, über die ich damals schrieb?

Später kam ich zur Einsicht, dass ich es auch als „Beziehung“ wertschätzen kann, wenn mein Gegenüber für die selbe Form der Nähe einen anderen Begriff bevorzugt, und inzwischen hänge ich selbst nicht mehr so sehr an diesem Wort. Je nach Kontext und Zielgruppe kann ich nun komplett auf den Begriff verzichten, oder aber sagen, ich habe 0, 2 oder 6 Beziehungen, und mein Gegenüber wird unter „Beziehung“ eine sehr konkrete Form oder romantischen Partnerschaft verstehen, oder eine sehr allgemeines Konzept. Ich bin nun Beziehungsanarchistin und damit in meinem Umfeld bei weitem nicht die einzige.

Zu viel des Guten

Ob man es also nun Beziehung nennt, oder nicht, das was ich da mit manchen Menschen habe, bedeutet Nähe, Stabilität, sich-kümmern, emotionale und wirtschaftliche Verflechtungen und somit auch Verantwortungen und Abhängigkeiten. Und von vielen dieser Dinge, die üblicherweise mit Beziehungen assoziiert werden, habe ich eher zu viel als zu wenig. Ja, es ist schon etwas grotesk: ich kann nicht mal mit völliger Überzeugung sagen, mehr als 0 Beziehungen zu führen, aber zeige dennoch so ziemlich alle Symptome einer Person, die durch das Führen von zu vielen Beziehungen überlastet ist.

Darüber möchte ich in Zukunft schreiben, und dies hier ist der Versuch einer Überleitung dazu.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? „Nicht nötig!“ heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, „homonormativen“ Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der „Richtung“ nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie „bisexuell und asexuell“ gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als „biromantisch und asexuell“ oder eben „bisexuell und aromantisch“ bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. „Nein, nur demisexuell.“ war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan „Das ist bei mir aber auch so“. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht „In the closet“.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich „Gleichgesinnte“ finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das „Recht“ dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das „Recht“ haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie „normaler“ Sex und „normale“ Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Das musste ja kommen: Mein Coming Out als Poly

Wer mir auf Twitter folgt, hat in den letzten Wochen u.a. mitbekommen, wie die Anzahl meiner Tweets zu Polyamorie schlagartig von „0“ auf „ungewöhnlich viel“ gestiegen ist. Meine einzige Stellungnahme dazu, wie sehr mich das selbst betrifft, war bisher:

Ich habe also, eher unfreiwillig, die letzten Tage dafür genutzt, darüber intensiv nachzudenken. Bin nicht zu viel anderem gekommen. Selbst mein/unser wichtiges Projekt Aufschreistat liegt seit dem auf Eis, was mir sehr (!) Leid tut. 100% meiner Freizeit für die Selbstfindung zu verbraten kommt mir sehr egoistisch vor, aber mein Unterbewusstsein lässt da gerade nicht wirklich mit sich darüber diskutieren, was sonst gerade wichtig ist. Es tut halt, was es glaubt, tun zu müssen.

Also versuche ich jetzt mal, was aufzuschreiben. Auf dass Kopf und Herz für ein paar Tage Ruhe geben, was das Thema angeht, und mir wieder Raum für anderes lassen.

Das wird jetzt so eine Mischung aus Coming Out, Definitionsversuch, Vergangenheitsverarbeitung (nein, die Vergangenheit wurde in einen zukünftigen Blogpost ausgelagert), Zukunftsträumen und einem Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber allem, was konservative Einstellungen uns sonst zu denken und fühlen verbieten.

Und es wird der Versuch, mein Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen positiv zu interpretieren, nachdem ich Jahrzehntelang nur eigene Defizite darin gesehen habe. Fakt ist, ich schreibe seit etwa Weihnachten 2012 an einem langen, schwierigen Blogpost, in dem ich meine Unfähigkeiten im Zwischenmenschlichen miteinander thematisiere. Dieser hier könnte jenen dort überflüssig machen. Achtet mal drauf, wie oft in diesem Blogpost steht „Ich kann“ oder „Ich könnte“ steht. In dem anderen, unveröffentlichten Text steht ähnlich oft, was ich alles nicht kann. Positive Thinking FTW!

Und es wird lang. Auch das tut mir Leid, aber gerade muss ganz viel raus. Ich habe mich aber sehr bemüht, es dennoch in eine verständliche Struktur zu bringen.

Was ist Polyamorie?

Ich bin nicht geeignet, da eine exakte Definition zu geben. Fuck, ich hab bis jetzt nicht mal den gleichnamigen Wikipedia-Artikel gelesen! (Vorsicht, der ist noch länger als mein Blogpost hier.) Was soll ich also dazu sagen? Ich habe natürlich eine eigene Vorstellung davon, was das für mich bedeutet, aber die kann ich schlecht hier vorweg nehmen, die baut sich durch den Artikel hindurch nach und nach auf.

Aber ich probiere es mal so ganz grob mit einer höchst persönlichen Definition ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

Polyamorie umfasst eine Menge von Beziehungsformen, Einstellungen und Handlungsweisen, die darauf abzielen, intime Kontakte zu mehr als einer anderen Person gleichzeitig zu führen. Intimität kann sich hier sowohl sexuell, als auch in nicht-sexuellem Körperkontakt oder gänzlich ohne Körperkontakt ausdrücken, und natürlich vielfältige emotionale Verbindungen enthalten. All diese Kontakte finden im Konsens und Wissen aller beteiligten statt.

Aber prinzipiell schwebt mir gerade etwas anderes vor, als allgemeingültige Definitionen. Ich will zeigen, was das für mich selbst bedeutet.

Die Grenze zwischen Freundschaft und Partnerschaft…

…war für mich immer schon schwierig. Aber ich hatte die Vorstellung, die Grenze wäre nunmal da und müsste von mir auch akzeptiert werden.

Zunächst hat beides für mich die selbe Zielgruppe: Die Charaktereigenschaften, die jemanden für mich als gute Freund_in interessant machen, sind die selben, die ich auch von einer potentiellen Partnerin erwarte. Und aus irgendwelchen Gründen – sorry, Jungs – kann ich mir wirklich enge und erfüllende Freundschaften fast nur mit Frauen vorstellen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Partnerschaften passieren für mich also so: Ich treffe eine Frau, verstehe mich gut mit ihr, wir werden gute Freundinnen. Es folgt einige Zeit, in der wir viel Spaß miteinander haben. Und dann wird plötzlich „mehr“ daraus. Vielleicht auch nie, das ist für mich auch o.k. (Das ist übrigens der Punkt, wo ich mich schon immer von „friendzone-critical nice guys“ unterschieden habe.)

Das war schon immer ein universelles Muster meiner Beziehungs-Anbahnung, und ich denke, vom Ablauf her ändert sich auch jetzt nichts daran.

Und dann wird „mehr“ daraus?

Was aber nun ins Wanken gerät, weil es eigentlich nie auf einem festen Sockel stand: Worin besteht eigentlich dieses „mehr“?

  • Es könnte sexuelle Anziehung sein.
    • Aber die passiert im Kopf, und bei mir bleibt sie u. U. auch da. Ich kann eine Frau sehr sexy finden, aber trotzdem „ganz normal“ mit ihr umgehen, so dass sie sich niemals objektifiziert fühlen muss
    • Und ich kann eine glückliche (auch sexuelle) Beziehung zu einer Frau aufbauen, die gar keine besonders große optische Anziehung auf mich hat.
  • Es könnten sexuelle Handlungen sein.
    • Aber ich kann auch eine sehr innige Beziehung führen, die dauerhaft ohne Sexualität auskommt. Das schaffen asexuelle Personen, und ich als demisexuelle schaffe das ebenso.
    • Genauso gut könnte ich sexuelle Kontakte zu Menschen haben, zu denen ich keine Beziehung führe.
  • Es könnte Zärtlichkeit sein, wie z.B. Umarmen, Küssen, Kuscheln.
    • Aber ich finde, das können teilweise auch wichtige Elemente in einer Freundschaft sein.
    • Und ich kann eine Art Beziehung zu einer Person führen, die nichts von alledem enthält, und auf einer seelischen Ebene dennoch inniger ist als so machne sexuelle Beziehung anderer Menschen.
  • Es könnte die seelische Verbundenheit sein.
    • Aber die kann auch im Rahmen einer Freundschaft beliebig groß sein. Ich bin in der Lage, mit einer anderen Person komplett zu verschmelzen, und kann es dennoch Freundschaft nennen.
    • Ich kann auch in einer Partnerschaft sein, in der die seelische Verbundenheit (zeitweise?) relativ gering ist, aber sie dennoch aufrecht erhalten, weil sie sich für uns beide trotzdem gut anfühlt.
  • Es könnte der gemeinsame Haushalt sein.
    • Aber ich kann auch in einer WG mit Freund_innen wohnen.
    • Oder eine romantische Beziehung führen, bei der alle ihre eigenen Wohnung haben.
  • Es könnte die Exklusivität sein.
    • Aber auch in reinen Freundschaften gibt es ab und zu Eifersucht und Anspruchsdenken, und auch ich kann mich nicht davon freisprechen.
    • Und auch in einer Beziehung, gerade wenn ich die andere Person liebe, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute. Wir könnte ich von einer Person, die ich liebe, verlangen, dass sie sowohl im Geben als auch im Nehmen auf Nähe zu anderen Menschen verzichtet? Wie kann eine Person, die mich liebt, mit das nehmen wollen?

Fazit: Mein Konzept davon, was Freundschaften sind, und was Partnerschaften, ist am Boden zerschellt und in 1000 Teile zersprungen. Und das ist toll!

Denn dieses Konzept hat eh noch nie zu meinen Gefühlen gepasst. Wie meine Partnerschaften entstanden sind, und wie sie wieder geendet haben, kam mir komisch vor, und in einem offeneren Begriffsraster kann ich sowohl das, was war besser erklären, als auch mir alternative Anfänge, Mitten und Enden vorstellen, die besser gewesen wären.

Hab ich gerade „meine Partnerschaften“ geschrieben, im Plural? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gesagt, ich hatte bisher nur eine Partnerschaft gehabt. Aber es gab da eine intensive Freundschaft in meinem Leben, die für mich immer schon ein bisschen wie eine Beziehung war, und nun weiß ich: wenn ich das schon sprachlich entweder als Freundschaft oder als Beziehung/Partnerschaft einordnen muss, dann doch lieber letzteres. Zumindest ein paar intensive Wochen innerhalb dieser vielen Jahre haben diese Bezeichnung verdient und damit fühle ich mich wohler. (Auch wenn meine „erste Partnerin“ das vielleicht ganz anders sehen würde. Das sei ihr unbenommen.) (Nachtrag vom 25.2.2013: Nein, solange ich da einteilen *muss*, fühle ich mich eigentilch gar nicht mehr wohl. Das, was wir zwei damals miteinander hatten, lässt sich einfach nicht mit diesen alten Worten beschreiben.)

Wie zukünftige Beziehungen für mich aussehen könnten

Für die Zukunft gab es immer schon widerstrebende Ziele, zwischen denen ich mich scheinbar entscheiden müsste. Jetzt kommen mehr Möglichkeiten dazu, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf weniger davon verzichten zu müssen.

Ich kann jetzt, ganz plötzlich, Dinge denken, die früher undenkbar waren. Nicht nur das: Ich kann sie träumen. Sie fühlen. Die Vorstellung genießen.

Ich kann mir nun vorstellen…

  • … dass ich zwei nette Frauen kennenlerne, und wir eine absolut gleichberechtigte Dreierbeziehung aufbauen. Vielleicht „ganz klassisch“ einen gemeinsamen Haushalt führen, Kinder bekommen, eine Familie sind, und wir uns dazu entscheiden, dass diese Beziehung nach außen ziemlich geschlossen ist. Wenn das Gesetz das irgendwann erlaubt, heiraten wir drei vielleicht auch.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer einzigen Frau führe, die ein bisschen offener ist, und uns beiden emotional und sexuell mehr Freiheiten lässt.
  • … dass ich viele Freundschaften führe, von denen mehrere auch zärtliche, romantische oder sexuelle Elemente haben, ohne dass diese dadurch einen formellen Beziehungsstatus haben.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer Frau führe, und diese jemand anderes kennenlernt, der ihr_e neue Hauptpartner_in wird. Unsere Beziehung wird zu einer Freundschaft „zurück gebaut“, aber diese Freundschaft bleibt sehr innig und ich bleibe ein wichtiger Teil ihres Alltags, und wenn wir Lust haben, „alte Zeiten“ wieder kurzzeitig aufleben zu lassen, dann ist das für alle o.k.
  • … dass ich zusammen mit einer bisexuellen Frau Teil einer dauerhaften Konstellation mit einem Mann bin. Dabei würde ich wohl nur mit ihr Sexualität teilen, da Männer für mich sexuell sehr uninteressant sind. Aber es könnte zwischen ihm und mir eine enge emotionale Verbindung und gegenseitige Verantwortung bestehen, vermutlich auch Kuscheln.
  • … dass ich eine extrem intensive Beziehung zu einer Frau führe, in der es trotzdem keine Sexualtität gibt. Vielleicht wollen wir beide das nicht, vielleicht nur eine von uns. Und vielleicht lebt die andere von uns ihre Sexualität woanders aus. Vielleicht liegt das daran, dass ich und/oder sie nocht nicht damit klarkommen, wie mein Körper derzeit beschaffen ist, und ändert sich später einmal, wenn sich auch mein Körper geändert hat.
  • … dass ich eine monogame, treue Beziehung zu einer Frau führe, und mein Leben in der Zeit keine polyamoren Elemente hat, und das „besondere“ ist nur, dass wir uns ganz freiwillig und im Bewusstsein aller Alternativen genau dafür entscheiden. Nicht, weil das eben so sein muss.
  • … dass ich über Jahrzehnte Teil einer „durchgehenden“ Beziehung bin, in der alle paar Jahre mal jemand dazu kommt oder jemand ausscheidet, wie in einer WG oder einer Rockband, die ja auch ein Stück weit ihre Identität behält, selbst wenn keines der Gründungsmitglieder mehr dabei ist.
  • … dass für mich die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Beziehung noch weiter zerspringt, so dass ich (anders als bei den Vorherigen Beispielen) gar nicht mehr in der Lage bin, mein Verhältnis zu anderen Menschen mit diesen Begriffen zu umreißen. Oder es kommen viele neue, evtl. scharf abgegrenzte Kategorien hinzu.

Und es könnte, gleichzeitig, zeitlich überschneidend oder auch einfach nacheinander vieles von dem da oben eintreten, nicht nur eines.

Was aber nicht mehr sein kann:

  • … dass ich eine Beziehung führe, bei der von Seiten meiner Partnerin_nen die Erwartung besteht, dass meine Freundschaften emotional sehr oberflächlich bleiben und es keinerlei Körperkontakt gibt. Das ist eine Mindestanforderung an Freieheit, die auch für Mono-Beziehungen gelten sollte, aber das war bei mir leider nicht immer so.
  • 1000 andere legitime Formen der Beziehung, die ebenfalls unter den Begriff „Polyamorie“ fallen, aber für mich nicht interessant oder denkbar sind. Mir fehlt da gerade die Kreativtät, um mir solche Negativbeispiele auszudenken, aber es gibt da sicher einiges.

Was fehlt?

Jeder Mensch ist anders. Ich auch.

Ich kann mich daher nur sehr oberflächlich da hinein versetzen, wie mein Artikel bisher auf Leser_innen wirkt, für die Polyamorie ein eher entferntes Konzept ist. Überraschung? Überforderung? Erkenntnis? Sorge? Ekel? Das Gefühl moralischer Überlegenheit? Ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick fehlt vielleicht vieles, was eine „normale“ Zweier-Beziehung so schön macht. Nähe. Verantwortung. Dauerhaftigkeit. Romantik. Aufopferung. Sicherheit. Liebe. Magie. Ich genieße all diese Dinge, möchte das meiste davon nicht missen. Ich liebe und lebe diese „klassischen Werte“. Meine letzte Partnerin und ich hatten das alles damals sehr zelebriert. Für die meisten waren wir „Das Traumpaar“ oder „Der Beweis, dass die wahre Liebe doch noch existiert“. Kritischere Menschen hätte – wenn ich damals welche gekannt hätte – das als „übelstes Rumheten“ bezeichnet, immerhin waren wir damals noch als Mann und Frau identifiziert. („Rumheten“ kenne ich übrigens aus diesem Blogpost von Khaos.kind, wo ich mich im November 2012 in den Kommentaren auch erstmals zu Poly-Konzepten äußerte) Es ist nicht so, als wenn ich all das bewährte nun wegwerfe und eine Liebe abseits dessen suche. Ich rücke es nur in einen neuen, erweiterten Kontext.

Von den meisten Beispielen, die ich oben kurz angerissen habe, lassen sich „defizitäre“ Ausprägungen bilden. Das heißt, mensch kann sich jeweils vorstellen, dass sowas komplett daneben gehen kann, oder dass es für mindestens eine der Beteiligten sehr unzufriedenstellend verläuft. Aber das gleiche gilt für monogame Beziehungen, auch die verlaufen oft suboptimal oder sogar schädlich. Polyamorie ist sicher nicht das Allheilmittel, aber auch keine per se problematische Sache. Es bieten sich einfach viel mehr Gestaltungsfreiheiten, die sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen lassen.

Auch ist es bei vielen der Beispielen leicht möglich, sich eine egoistische Variante vorzustellen, bei der zwar für mich alles toll läuft, besser als in einer Mono-Beziehung, aber die anderen Partner_innen darunter leiden. Aber nichts läge mir ferner. Ich denke, ich bin sogar recht weit bereit, andersherum meine eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es meinen Herzensmenschen dadurch gut geht. (Allerdings auch nur, solange das freiwillig geschieht, ich stehe gar nicht drauf, unterdrückt zu werden.)

Ich gehe derzeit davon aus, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, mehrere Menschen gleichzeitig von ganzem Herzen zu lieben. Eine Zeit lang dachte ich, damit fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für Polyamorie jeder Art, so dass mich das ganze Konzept nicht sonderlich angesprochen hat. Jetzt weiß ich, dass nicht alle polyamoren Beziehungsformen diese Grundvoraussetzung haben. Durch diese eine Unfähigkeit fallen manche (aber längst nicht alle) der Zukunftsvisionen von oben für mich weg, z.B. die oberste. Das heißt, ich kann mir das als angenehme Vision vorstellen, aber fürchte, das diese Variante in der Praxis nicht für mich funktionieren würde.

Wenn ich in einer Beziehung bin, brauche ich eher viel Zuneigung, nicht alle oben aufgelisteten Alternativen können das bieten. Daher sind nicht alle auf Dauer für mich geeignet, aber zwischendurch für ein paar Monate oder Jahre vielleicht eine schöne Sache und besser, als komplett allein zu sein. Oder parallel zu anderen Konstellationen, die mir die nötige Zuneigung bieten. Aber ich brauche eben nicht alle Zuneigung, vermutlich nicht mal das allergrößte Stück. Ich kann teilen.

Ich suche nach Wegen, bei denen prinzipiell nichts fehlt, sondern mehr drin ist.

Normale Freundschaften

Ich habe oben mehrfach betont, dass auch relativ „gewöhnliche“ Partnerschaften Teil meines weiteren Lebensentwurfs sein können, da mir das erwähnenswert erschien. Im Bereich der Freundschaften ist das für mich so selbstverständlich, dass ich es fast vergaß, auszuschreiben:

Ich respektiere natürlich nach wie vor, dass für viele andere Menschen eine ganz klare Trennung zwischen Freundschaft und Partnerschaft besteht. Wer mit mir befreundet ist, braucht sich keine Sorgen machen. Persönliche Freiheitsräume, Konsens, Respektieren von Grenzen… all das ist mir wichtiger als je zuvor. Für alle, die nicht plötzlich das dringende Bedürfnis entwickelt haben, mit mir zu kuscheln, ändert sich nichts 🙂

Ansonsten hoffe ich durchaus, dass auch meine Freundschaften sich in gewissen Weisen positiv verändern. Das hängt für mich ganz persönlich auch mit dieser ganzen Poly-Sache zusammen, aber jener Zusammenhang wird aus diesem Blogpost nicht ersichtlich, wie ich das meine. Das konkretisiere ich ein andern mal.

Warum so plakativ?

Warum schreibe ich das alles? Posaune es im Netz heraus? Mache mich damit ggf. angreifbar?

Wie gesagt, ganz zu Beginn war das für mich schwer, mich dazu zu positionieren. Aber eigentlich habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit Coming Outs. Das erste, als Transsexuelle, war noch schwierig. Das zweite, als Lesbe, ging gleich damit einher und nichts hätte einfacher sein können als das.

Beides hat mir gezeigt: es tut gut, sich nicht mehr zu verstecken. Es macht keinen Sinn, etwas anderes darzustellen, als eins ist. Durch die Positionierung verliert eins ggf. einige Menschen, die nicht damit klar kommen, aber gewinnt sehr viele neu dazu, die genauso fühlen. Oder die vielleicht ganz anders fühlen, aber Diversity für sich als etwas positives entdeckt haben und einen vielfältigen Freundeskreis schätzen.

Meine Poly-Einstellung ist vermutlich genauso grundlegend für meine Identität wie meine Geschlechtsidentität als Frau oder meine sexuelle Orientierung als Lesbe. Vielleicht noch wichtiger. Jetzt, wo mir das alles bewusst ist, käme es mir unehrlich vor, es zu verschweigen.

Ich schäme mich kein bisschen, weil ich glaube, dass niemand sich dafür schämen muss. Ich halte meine Einstellung für nicht mehr oder weniger ethisch als die allgemein übliche monogame Einstellung. Nur eben etwas anders, und wohl auch etwas anspruchsvoller. Nichts, dass ich jedem uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen würde, wohl aber zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Sicher wird es Menschen geben, die mich dafür kritisieren. Aufgrund meiner abstrakten Erklärung hier halte ich das für unangebracht – ich werde in meinem restlichen Leben noch genug Fehler in solchen Poly-Beziehungen machen, um dann konkrete Kritik anzunehmen.

Ich werde wohl keine große „Ich bin auch Poly“-Outing-Welle nach mir ziehen. Aber wenn ich mit meinem offenen Umgang ein Stück weit Vorbildfunktion für irgendwen habe, ist das toll.

Vielleicht ist das auch alles leicht übertrieben, und nachdem das in meinem Kopf alles etwas runter gekühlt ist, könnte es sein, dass das Thema wieder uninteressanter für mich wird und mein Leben überwiegend monogam verläuft. Wer weiß. Solange ich in einer Welt lebe, in der die große Mehrheit der Menschen monogam geprägt sind, ist das wohl sogar das wahrscheinlichste. Aber selbst dann wird es eine positive Auswirkung darauf haben, wie ich diese Partnerschaften mitgestalte.

Und jetzt für den Moment fühlt es sich großartig an, frei darüber zu denken, zu träumen, zu planen, zu hoffen, zu schreiben und zu sprechen. Der Gedanke an all die Möglichkeiten, zu lieben, macht mich total high. Ich teile das gerne und würde platzen, wenn ich das alles weiter für mich behalten müsste! Freut euch gefälligst alle ein bisschen für mich mit! 🙂

PS:

Der Blogpost ist lang geworden. Alle, die bis hier durchgehalten haben, habe ich besonders lieb! Aber natürlich auch die, denen es zu lang war.

Und dabei ist es nur die Hälfte von dem, was ich sagen wollte. Es gibt eine andere Hälfte, in der es um mein bisheriges Leben geht, und wie mich die Verweigerung von Poly-Gedanken darin behindert hat. Das folgt demnächst als einzelner Blogpost, da dieser ja doch ganz gut allein für sich stehen kann.

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Es gibt gar keine Männer und Frauen, aber ich bin eine Frau. (K)ein Widerspruch?

Ich selbst kann sehr gut mit der klaren Einordnung in die Kategorie „Frau“ leben, ja ich erwarte von meinen Mitmenschen quasi diese Einordnung. Gleichzeitig kämpfe ich gegen Geschlechter-Binarismen, also dafür, die strenge Kategorisierung zwischen Mann und Frau aufzuheben. Das scheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht unbedingt.

Mehrdimensionalität

Diesen Aspekt kann ich am besten an mir selbst illustrieren. Wenn ich mein Geschlecht mal genau betrachte: Genital bin ich sehr eindeutig männlich. Meine Identität sehe ich an sich wieder als vielschichtiges Gebilde an, aber wenn ich es denn vereinfacht ausdrücken müsste, dann würde ich meine Identität am ehesten als eindeutig weiblich bezeichnen.

Dieser Gegensatz zwischen Genitalien und Identität macht mich zur Transfrau. Er beweist quasi per Fallbeispiel, dass Geschlecht mehrdimensional ist, also Genital- und Identitätsgeschlecht nicht identisch ausgeprägt sein müssen.

Ich habe, wie jeder Mensch, sogar noch mehr Geschlechter, z.B. mein chromosomales und mein hormonelles Geschlecht, die bisher beide unbekannt sind und über die auch ich selbst nur Mutmaßungen anstellen könnte. Aber auch die sind nicht fest an die Genitalien oder die Identität oder gegenseitig aneinander gebunden.

Nicht-Binarität

Aber mit der Mehrdimensionalität sagt mein Einzelfall noch nichts über die Binarität oder Kontinuität dieser Dimensionen aus. Da muss ich also von anderen Menschen sprechen – spezifisch oder allgemein.

Es ist ein trivialer Fakt, dass genitales, chromosomales und hormonelles Geschlecht nicht binär sind, also dass es Zwischenformen zwischen männlich und weiblich gibt, bzw. weitere Formen neben diesen beiden. Darüber braucht man mit mir nicht zu diskutieren.

Was die Identität von Menschen angeht, so kann man durchaus verschiedener Meinung sein, ob und wie sich diese einem Geschlecht zuordnen lassen. Ganz klar ausschließen kann ich jedoch, dass eine Identität nur komplett männlich oder komplett weiblich sein kann. Ich selbst sehe mich nicht als gutes Gegenbeispiel, aber ich kenne gute Gegenbeispiele.

Variabilität

Bei all diesen Dimensionen kommt noch hinzu, dass sie nicht unbedingt über die Zeit konstant sind.

Zugegeben: im gesamten Körper die Chromosomen auszutauschen wir schwierig, aber im Rahmen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten eben theoretisch nicht unmöglich.

Hormone und Genitalien lassen sich anpassen. Dafür werde ich z.B. in Zukunft auch als lebendes Beispiel fungieren.

Und die Identität? Das ist wieder ein schwieriges Thema. Ich bin mir nicht zu 100% sicher ob die geschlechtliche Identität jedes Menschen komplett konstant ist. Ich vertraue in erster Linie auf das, was ein Mensch selbst dazu äußert. Käme nun jemand, der von sich behauptet, einen Wechsel der Geschlechtsidentität durchlebt zu haben, würde ich es ihm glauben. Bis zu jenem Zeitpunkt gehe ich aber erst mal von einer relativen Unveränderbarkeit aus. Ich habe auch das Gefühl, davon auszugehen reduziert die Chance, durch Äußerungen und Handlungen die Selbstbestimmung anderer zu verletzen, da mir viele Verletzungen bekannt sind, die darauf basieren, eine vermeintliche Veränderbarkeit auszunutzen.

Fazit

Ich würde also nie ernsthaft behaupten „Es gibt gar keine Männer und Frauen“ – es gibt eben Menschen, die sich gerne so ein Label aufdrücken (wozu auch ich mich zähle) und welche, die das nicht wollen. Viel mehr würde ich also daher sagen „Es gibt nicht nur Männer und Frauen“.

Mit meiner „Aufklärungsarbeit“ arbeite ich also an zwei oder drei verschiedenen Ecken, da ich glaube, dass man Mehrdimensionalität, Nicht-Binarität und Variabilität der Geschlechter zwar auch einzeln betrachten kann, aber man sie zusammen besser versteht. Und mit einem Grundverständnis für diese Konzepte erschließen sich dann viele weitere Themenkomplexe fast von selbst.

Ich muss nur aufpassen, dass ich allesamt nicht in unklarer Weise vermische – wogegen dieser Blogpost aber Abhilfe schaffen sollte.

Mehr Infos

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch der Artikel „Billions of Sexes (Part 1)“ interessant. Er vertieft manche meiner Aussagen von oben, stellt noch viele weitere auf, und ist generell besser als alles was ich bisher zu dem Thema geschrieben habe. Ich habe den Artikel gestern bei FB geteilt, und meine Gedanken zur Rezeption dieser Aktion brachten mich letztlich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Womit sich der Kreis nun schließt.

Von der Schwierigkeit, über Geschlechtskonzepte zu schreiben

Ich möchte eigentlich schon lange ein paar Artikel veröffentlichen, die sich kritisch mit „Geschlecht“ auseinander setzen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entschwindet mir die Sprache. Das hat mich in ein unfreiwilliges Schweigen zu dem Thema versetzt, das ich nun brechen möchte.

Die Bedeutung des Begriffs „Geschlecht“ habe ich im vergangenen Jahr gründlich hinterfragt. Noch heute ist es die vorherrschende Meinung, dass ein Mensch Mann oder Frau ist, und dass diese beiden Geschlechtspole in sich klar definiert seien. Das glaubt die Mehrheit der Deutschen, das vermittelt die Gesellschaft auf allen Kanälen und wird auch den jüngsten Generationen durch Erziehung und Schulbildung vorgegeben.

Geschlechtsmodelle – an Vielfalt mangelt es nicht

Kritik an klassischen Geschlechtskonzepten ist nichts neues. So kommen mindestens seit den 1950er Jahren verschiedene Strömungen auf, die eine bipolare Geschlechterordnung und/oder die Reduktion des Geschlechtes auf eine einzelne Dimension in Frage stellen oder komplett ablehnen. Diese Ablehnung eint die verschiedenen Richtungen untereinander und somit auch mich. Aus Sicht der meisten Menschen handelt es sich also um eine einheitliche Menge von Andersdenkenden.

Seit ich mich kritisch mit Geschlecht auseinandersetze – zugegebener Maßen also erst seit einem Jahr – werden mir aber nicht nur die Gegensätze zwischen dem landläufigen Geschlechtsbegriff und jenen neuen Denkweisen klar, sondern vor allem auch die Widersprüche zwischen verschiedenen neuen Ansätzen. Die Mitbegründer und Helden der einen Teilgruppe sind da oft die größten Feinde der anderen.

Sich mit der Thematik auseinander zu setzen ist ein anstrengender Prozess. Zunächst muss man einiges hinter sich lassen, was ein Leben lang als universelle Wahrheit galt. Anstelle dessen treten aber keine neuen Wahrheiten, sondern eine Vielzahl von Theorien von denen jede einzelne vergleichsweise komplex ist und dennoch keine sofort den alten Platz einer unumstößlichen Richtigkeit einnehmen kann. Ich habe bisher in jeder dieser gedanklichen Schulen interessante Ansätze gefunden, aber keine einzige, deren Lehren ich uneingeschränkt vertreten wollen würde. Ich sehe viele Ansätze auch nur als mögliches Modell der Wirklichkeit, und ein realistisches Modell der Wirklichkeit als eine vielschichtige Mischung jener einfachen Modelle, die jeweils zu kurz greifen.

Sagen, was sich nicht sagen lässt

Gerne würde ich also nun auf den Punkt bringen, was denn nun meine Meinung und Schlussfolgerung ist. Doch das ist nicht so leicht. Denn in der Sprache liegt eine besondere Schwierigkeit: neue Geschlechtsbilder brauchen neue Worte und Begrifflichkeiten. Um diese so zu definieren und zu erklären dass auch „Neulinge“ sie verstehen, muss man sie aber „mit alten Worten“ beschreiben und verorten. So kann man z.B. versuchen, Intersexualität zu beschreiben indem man Wörter wie „männliche“ und „weiblich“ benutzt. Ein Mensch mit einem klassischen Geschlechtsbild wird das zumindest gut verstehen. Spricht man aber mit anderen, die für sich schon zum Schluss gekommen sind, dass es Konzepte wie „männlich“ und „weiblich“ gar nicht gibt, kann man diese auch nicht mehr zur Beschreibung des eigenen Begriffsraums benutzen ohne Kritik zu ernten. Bei einer gemischten Leserschaft muss ich mich sprachlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Und klassische, binäre Geschlechterrollen mögen von manchen abgelehnt werden – aber immerhin kennt und versteht sie vermutlich jeder.

Neben dem Risiko, gar nicht verstanden zu werden, besteht auch noch das Problem, falsch verstanden zu werden. Oder aber, allein durch die Benutzung eines Begriffs beschuldigt zu werden, eine bestimmte Ideologie voranzutreiben, selbst wenn man die Begriffe eigentlich nur in den Mund nimmt um sich später von ihnen zu distanzieren oder in einer Weise zu definieren, die anders ist als die Definitionsweise die einem sofort unterstellt wird. Es gibt insbesondere unter Transsexuellen viele, die meinen, die Aussprache oder das Aufschreiben bestimmter einzelner Worte wäre unabhängig vom Kontext eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung – außer vielleicht im Satz „Das Wort Xyz ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung“.

Die Sache mit dem „Gendern“

Es existieren vielfältige Möglichkeiten, Sprache „geschlechtergerecht“ zu machen. Ich finde es begrüßenswert, wenn Menschen sie die Mühe machen, bewusst mit ihren Worten umzugehen und gegen alte Konventionen angehen indem sie selbst Hand an die Sprache anlegen. Ein Text, der mit Sternen und/oder Unterstrichen durchtränkt ist, spricht zwar nicht meinen Sinn für typographische Schönheit an, aber ich gehe zumindest gleich mit der guten Erwartung ans Lesen, dass der Schreibende ein Mensch mit Problembewusstsein für Geschlechterthemen ist.

Ich selbst habe vor kurzem hier und da begonnen, einzelne Gender-Maßnahmen in meine Schriftsprache einzubauen. Und komme nun zum zwischenzeitlichen Ergebnis, dass ich damit erst mal wieder aufhöre oder es zumindest stark einschränke. Ich denke, jeder Mensch kann und soll dort für Gerechtigkeit helfen und kämpfen, wo er es am besten kann. Ich habe gemerkt, dass das Schreiben von gegenderter Sprache mich bremst und ablenkt, und somit von Tätigkeiten abhält, die letztlich dem gleichen guten Ziel dienen sollen.

Wo es sich anbietet und mir leicht fällt, achte ich weiterhin darauf. Aber ansonsten hoffe ich, meinen Texten auf anderem (also inhaltlichem) Wege den Geist der Geschlechtergerechtigkeit einzuhauchen.

Entschuldigung und Rechtfertigung

Warum schreibe ich diesen Artikel? Weil ich mich von all diesen Beschränkungen frei machen muss, bevor ich beginne, zum eigentlichen Thema zu schreiben. Ich weiß, dass meine künftigen Posts Kritik aufgrund bestimmter Formulierungen ernten werden. Und ich möchte hiermit kundtun, dass mir das  zu einem bestimmten Grad Leid tut. Gerne würde ich eine Sprache verwenden, die jedem gefällt und die dennoch jeder versteht. Ich bedaure sehr, wenn das nicht gelingt.

Aber andererseits finde ich es viel schlimmer, zu schweigen, nur weil man etwas falsches sagen könnte. Damit überlässt man das Reden anderen, die sich vermutlich noch weniger Gedanken gemacht haben. Ich habe eine Meinung, die ich inhaltlich wohl überdacht habe und die ich nun äußern möchte. Ich werde nicht länger warten, sie zu formulieren. Denn ob ich jemals den Punkt erreicht, wo ich das tun kann ohne mit sprachlichen Problemen in Konflikt zu geraden, weiß ich nicht. Wenn jemandem meine Formulierungen nicht gefallen, dann bin ich jetzt bereit, das als unvermeidbare Nebenwirkung zu akzeptieren. Gerne lasse ich mir Vorschläge machen, wie ich den gleichen Inhalt besser formulieren kann. Aber den Mund lasse ich mir nicht verbieten.