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Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Eine genaue Analyse von PeTA’s frauenfeindlicher Fail-Werbung

Ich habe gestern über die Mädchenmannschaft einen deutschen Betrag und auf Feministing einen englsichen zur BWVAKTBOOM-Kampagne der Tierrechts-Organisation PeTA gefunden. Hier erst mal der englisch-sprachige Spot:

Wer Probleme mit dem Verstehen von gesprochenen Englisch hat, findet hier die Transkription von feministing:

This is Jessica and she suffers from BWVAKTBOOM: Boyfriend Went Vegan And Knocked The Bottom Out Of Me. A painful condition when Boyfriends go Vegan and suddenly can bring it like a tantric pornstar. For Jessica it’s to late.

Boyfriend: You’re back. You feeling better?

Zunächst muss ich wohl sagen, dass der Spot technisch gut gemacht ist, eine innovative und interessante Idee umsetzt, also dass hier sicherlich Profis am Werk waren, die sich etwas dabei gedacht haben. Die Geschichte wirkt auf mehreren Ebenen, hält trotz ihrer Kürze mehrere WTF- und Aha-Momente bereit, und präsentiert ihre Kernaussage nicht plump auf dem Servier-Teller sondern mehrfach verkapselt, so dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

Soweit so gut. Aber wo ein kurzer Werbespot mehrere Denkschritte braucht, um seine Botschaft zu entschlüsseln, da können je nach Betrachter verschiedene Ergebnisse herauskommen. Wer das als werbetreibender provoziert, ist auch für sämtliche so entstehenden Botschaften verantwortlich. Insbesondere dann, wenn bewusst ein so großes Risiko eingegangen wird, dass die Werbung missverstanden wird, dass der Fehler des Missverständnisses nicht mehr beim Betrachter zu suchen ist sondern beim Werbenden.

Was genau wird im Spot gezeigt?

Ich möchte daher den Spot mal von Anfang bis Ende durchanalysieren und für die einzelnen Bestandteile aufführen, wie sie jeweils auf mich wirken und ggf. wie sie auf andere wirken könnten. Wer das Video selbst schon mehrfach gesehen hat und sich sicher ist, dass er jedes Detail wahrgenommen hat, kann diesen Langen Abschnitt ggf. auch überspringen, oder nur die fett hervorgehobenen Abschnitte lesen!

Es beginnt mit dem Portrait einer jungen Frau, deren Blick leidvoll ist. Sie geht durch eine menschenleere Straße und trägt eine medizinische Stütze am Hals (gibt sicher auch einen Fachbegriff dafür). Obwohl man nur ihren Oberkörper sieht, merkt man, dass ihr das Gehen schwer fällt. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Schwanken und dem Gesichtsausdruck legt nahe, dass ihr die Gangbewegung starke Schmerzen bereitet. Sie hält sich ihre dicke Jacke zu, eventuell friert sie auch.

Das ganze ist von ruhiger, eher trauriger Musik unterlegt. Der Erzähler bzw. Sprecher gibt ihr als erstes einen Namen – Jessica – und schafft somit eine Grundlage dafür, sie als konkrete Person zu sehen, mit der man sich ggf. identifizieren kann. Als nächstes erläutert er, sie leide unter BWVAKTBBOM leidet. Während eben dieses Leiden weiter bildlich dargestellt wird, ist dem Zuschauer kurzzeitig unklar, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt. Aus dem Kontext kann man sich erschließen, dass es sich hier im eine Krankheit, ein Syndrom oder ähnliches handeln muss. Die Behauptung, dass es dafür eine Bezeichnung gibt, legt außerdem nahe dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt dass mehrere Menschen betrifft.

An dieser Stelle – wir befinden uns in der siebten Sekunde des Spots – kann eigentlich kaum noch Zweifel daran bestehen, dass es sich hier um ein bemitleidenswertes Wesen handelt und dass es sich um eine typische Betroffenheits-Kampagne handelt.

Es folgt ein Umschnitt, man sieht Jessica vor einer heruntergekommenen Mülltonne und einer nicht weniger verschandelten Mauer, sie trägt irgendeine Tüte in der Hand. Aus dieser Perspektive sieht man erstmals, dass sie zwar obenrum eine dicke Jacke trägt, aber an den Beinen nicht viel Kleidung. Man könnte hinter ihrer Tüte z.B. einen Minirock vermuten.

Währenddessen ergänzt der Spreche, dass ihr leidbringendes Kürzel für „Boyfriend went vegan an knocked the bottom out of me“ steht. Zu deutsch wäre das, würde man es wörtlich übersetzen, also etwa „Mein Freund wurde vegan und hat mir den Boden raus geschlagen.“ Es handelt sich im Englischen um eine relativ feststehende Formulierung für heterosexuellen vaginalen Geschlechtsverkehr. Es war mir in der kürze nicht möglich, von hier aus herauszufinden wie verbreitet der Begriff ist und welche Konnotation er für englischsprachige Menschen hat. Laut dem Collins Englisch Dictionaly bedeutet „knock the bottom out of“ zwar „to destroy or eliminate„, aber Einträge im Urban Dictionary deuten darauf hin, dass dieser (ursprünglich eben gewaltsam besetzte) Begriff ganz generell für Sex verwendet wird, ohne dessen gewaltsame Komponente speziell betonen zu wollen. Wenn es solch eine Bedeutungsverschiebung tatsächlich gegeben hat, dann sagt allein das schon einiges über die Gesellschaft aus…Zudem wird auch ein Zusammenhang zu „to beat it up“ hergestellt, dessen beiden Hauptbedeutungen laut ebendiesem Urban Dictionary sind: „1) To injure physically in a fist fight.
2) To have sex with (a woman)„.  Da soll noch irgendwer sagen, die Verbindung zwischen Sex und Gewalt würde fern liegen.

Der Sprecher lässt zunächst keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Problematik, bezeichnet er doch die Angelegenheit als „painfull condition“, also als scherzhaften Zustand. Währenddessen sehen wir, wie sich die Betroffene mühsam eine Treffe herauf quält. Nach einem Umschnitt fallen drei Dinge auf, in absteigender Reihenfolge der Offensichtlichkeit:

  • Jessica trägt untenrum nur eine ausgeleierte rosa-farbene Unterhose
  • In ihrer transparenten Einkaufstüte befindet sich roter Paprika, etwas Grünes und außerhalb der Tüte noch irgendein blätteriges Gemüse
  • Die Sonne kommt nun von Vorne und hat damit ihre Position seit dem Umschnitt um ziemlich genau 90° verändert. In Wirklichkeit würde das 6 Stunden dauern.

Der Erzähler fährt fort, indem er erklärt, dass der nun vegane Freund es plötzlich wie ein tantrischer Porno-Star bringt. Moment, was ist das? Der Porno-Star bedarf wohl keiner Erklärung. Tantra ist eine alte religiöse und philosophische Strömung aus Indien, die zahlreiche spirituelle Rituale enthält. Sexuelle Praktiken sind nur ein winziger Bestandteil darin, werden aber durch unsere westliche „Kultur“ (wie auch schon beim kāmasūtra) auf den sexuellen Aspekt reduziert. Wenn hier schon vom tantrischen Porno-Star die Rede ist, wird wohl genau dieser Sexuelle Aspekt gemeint sein. Auch dieser ist natürlich vielschichtig, enthält z.B. rituelle Übertragungen von Körperflüssigkeiten der Sexualpartner aber auch des Gurus, die sexuelle Balance zwischen Mann und Frau aber auch der verschiedengeschlechtlichen Anteile in jedem einzelnen Menschen, die sprituelle Vereinigung, das Zurückstellen des eigenen Egos, etc. Was sich davon in unserer Mainstreamkultur festgesetzt hat sind aber eher der (stunden-)lange Geschlechtsverkehr und ggf. sehr langsame Bewegungen oder sogar statische Positionen, in denen die Partner ineinander verweilen. Von Schmerzen, Rücksichtslosigkeit und körperlichen Schäden kann ich aber weder im klassichen Tantra noch in der westlich-reduzierten Sicht etwas finden. Ich habe aber auch noch keine Pornos angeschaut, die als tantrisch beworben wurden. Sollte ich vielleicht mal nachholen.

Damit der Zuschauer sich all diese Gedanken nicht machen muss wird nun ein Sekundenbruchteil des Geschlechtsverkehrs in den Spot geschnitten. Jessica, hier ohne ihre dicke Jacke und medizinisches Equipment, liegt auf dem Bauch oder kniet im Bett, wird von hinten genommen und stützt sich mit ihren Händen gegen die dunkelrote Wand, vermutlich um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ekstatisch und glücklich, während sie ihren Kopf in Richtung des Partners dreht.

Als nächstes sehen wir Jessica wieder in voller Montur – Halsstüze, Winterjacke, Unterhose und Einkaufstüte – in einer bunt und geschmackvoll gestalteten Wohnung. Die Rote Wand aus der Sex-Szene würde hier gut hinein passen. Auch wäre nicht auszuschließen dass die Bewohner dieser Wohnung sich mit indischen Traditionen auskennen. Ihr nachdenkliches durch-die-Wohnung-Schleichen legt zusammen mit der Schnittfolge außerdem die Vermutung nahe, dass sie beim Betreten der Wohnung an eben jenen Geschlechtsverkehr denken musste.

Der Sprecher fährt fort: „Für Jessica ist es zu spät.“ Sie zieht sich die Jacke aus, blickt dabei müde und enttäuscht. Darunter kommt außer ihrem medizinischen Accessoir nur ein gemusterter BH zum Vorschein.

Umschnitt. Jemand schmiert weiße Pampe – Quark, Kuchenteig, oder vielleicht Gips? – auf ein Loch in der rot gestrichenen Wand. Das Loch hat etwa 25cm Durchmesser. Hier muss irgendwas massiven Schaden angerichtet haben.

Nun betritt Jessica, in Unterwäsche und mit dem Einkauf, das Schlafzimmer. Ein Mann, ebenfalls in Unterwäsche, hört auf die Wand zu verputzen, wendet sich ihr zu und meint „Hey, du bist zurück. Geht es dir besser?“ Sie wirft ihm trotzig den Einkauf zu.

Erneuter Umschnitt, man sieht ihr Gesicht. Aus einem anfangs kritischen Ausdruck wird ein Lächeln, das vielleicht auch etwas freches und herausforderndes in sich trägt. Gleichzeitig wird das Bild in Richtung Schwarz ausgeblendet.

Abschließend bittet der Sprecher den Zuschauer, sich auf der angegebenen Internetseite darüber zu informieren, wie man vegan wird – und zwar auf sicherem Weg. Der Spot ist zu Ende.

Die sachliche Aussage zusammengefasst

Fasse ich doch erst nochmal zusammen: Der Spot zeigt eine Frau, die beim Geschlechtsverkehr körperlich verletzt wurde, weil sie mit dem Kopf gegen die Wand gevögelt wurde. Sehr fest, sehr oft, oder beides. Sie hat sich eine Verletzung der Halswirbelsäule und vermutlich auch des Gehapparates (Bein, Fuß, Hüfte) zugezogen. Sie leidet unter Schmerzen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Dennoch ist sie, mangelhaft bekleidet, unterwegs um Gemüse für ihren Freund zu kaufen. Vordergründig baut der Spot, insbesondere durch den Sprecher, Mitleid und Betroffenheit auf. Die Schuld wird dem Freund gegeben, der beim Sex zu hart ran gegangen ist, auch wenn die Schuld gleich auf seine Ernährung weiter verlagert wird. Der Freund macht sich auch Sorgen um ihr Befinden. Sie scheint ihm aufgrund der Vorfälle noch etwas böse zu sein, andererseits kann man in ihr Lächeln vielleicht hinein interpretieren, dass sie ihm gegenüber dennoch freundlich gesinnt ist. Man könnte sogar so weit gehen, dass sie damit erneute Lust an Sex ausdrückt.

Frage nach der Botschaft

Nun stellen sich Fragen. Wo ist hier eine ernst gemeinte Botschaft, wo wird mit Ironie gespielt? Wo sind stellen, die sowohl bei ernster als auch ironischer Betrachtung grenzwertig sind?

Diverse Menschen haben sich nun darüber beschwert, dass der Spot sexuelle Gewalt positiv darstellen würde. Zum einen werden die Konsequenzen ja negativ dargestellt und nirgendwo ausdrücklich schön geredet. Zum anderen kann man durchaus sagen, dass es sich hier um einen unbeabsichtigten Unfall beim Sex handelt, der ohne böse Absicht geschehen ist und somit keine Gewalt darstellt. Beide Argumente wurden schon mehrfach angebracht.

Dennoch bin auch ich einer dieser Menschen, die hier Gewaltverherrlichung sehen und anprangern. Die Kampagne muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass PeTA natürlich dafür ist, dass Menschen sich vegan ernähren sollten. Die Behauptung, dass Männer durch vegane Ernährung kräftiger, sexuell potenter, oder sonst wie aktiver werden, war mir neu. Aber wie ich aus den Kommentaren anderer lesen konnte, ist diese Idee wohl schon recht weit verbreitet.

Wenn man von Ironie ausgeht – wird die Aussage nicht besser

Eine Argumentationslinie sagt nun, dass der Spot eigentlich folgende Aussage machen wolle: „Wer vegan isst, hat heftigeren Sex, und heftiger Sex ist gut. Daher sollte man sich vegan ernähren. Heftiger Sex kann zu Verletzungen führen, und eben dass stellen wir nun ganz übertrieben dar, heucheln eine übermäßige Betroffenheit vor und ziehen die Sache somit ins Lächerliche. Denn eigentlich ist ja allen klar, dass die Frau sich freuen sollte dass ihr Freund jetzt abgeht wie eine Rakete.“

Ob man das nun darein interpretieren kann, möchte oder soll, ist schwer zu sagen. Ich kann keinen logischen „Beweis“ dafür erbringen, dass PeTA genau das sagen wollte, oder dass sie es wissentlich provozieren dass man es so interpretieren könnte. Aber mein Gefühl gibt mir da trotzdem 100%ige Sicherheit. Genau so sicher bin ich jedenfalls, dass sie „nette“ Kernaussage („Bitte Jungs, seid vorsichtig wie ihr mit euren Freundinnen umgeht!“) auf gar keinen Fall ernst gemeint ist. Und eine dritte Interpretationsweise erschließt sich mir auch nach längerer Beschäftigung nicht.

Etwas zwischen Ironie und Ernst?

Das Hauptgestaltungselement ist hier eine auf Maximum überspitzte Darstellung des Leidens. Solche Extreme können nur in zwei Richtungen wirken: Entweder man meint es todernst und will auf ein massives reales Problem ansprechen. Oder man meint das Gegenteil, möchte das Problem komplett ins Lächerliche ziehen und aufzeigen dass es kein Problem ist. Sondern nur ein Witz. Man kann diese Extreme Darstellung einfach nicht für eine ausgewogene Botschaft nutzen. „Es gibt da wirklich gewisse Vorfälle von sehr intensivem Sex durch Veganismus, das in den meisten Fällen gut so und macht beiden einfach nur Spaß, aber in manchen Fällen führt es zu Schäden die man dann sehr ernst nehmen muss“ ist keine Interpretationsmöglichkeit für einen derart überzogenen Spot.

Und wenn es doch ernst gemeint ist?

Wenn ich mal ganz kurz versuche mir vorzustellen, dass PeTA hier wirkliche, echte Betroffenheit für ein reales Problem erzeugen wollen würde: Würden sie dann der gewaltverherrlichenden Begriff „to knock the Bottom out of someone“ benutzen? Zumal in einem Zusammenhang, in dem sowohl die sexuelle als auch die zerstörerische Bedeutung offen sichtbar sind? Würde man das Oper eines Sexunfalls oder gar sexueller Gewalt beim Einkaufen in Unterwäsche zeigen, wenn man hier über ein ernstes Problem berichten wollen würde? Würde man es unkritisch zeigen, wie die Geschädigte die (angebliche) Ursache des Vorfalls berkräftigt indem sie mehr Gemüse kauft? Würde man es ernsthaft riskieren, es so wirken zu lassen als würde sich das Opfer freiwillig einem erneuten Vorfall hingeben? Nein, nein und noch ein paar Mal nein.

Warum die Erklärung mittels einer Unfall-Theorie schlimmer ist als der Spot selbst

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die Unfall-Theorie eingehen. Immerhin lässt der Spot ja an keiner Stelle erahnen, dass der junge Mann seine Freundin absichtlich verletzt hätte. Egal ob man den Spot todernst oder sehr ironisch interpretiert, es scheint doch absolut offensichtlich, dass es sich hier um einen harmlosen Unfall handelt. Oder?

Gerade in dieser Annahme liegt eine grundlegende Fehleinschätzung. Dass man so geneigt ist, die Situation so zu interpretieren, sagt eigentlich nichts über den Spot oder über PeTA aus, sondern um das generelle Problem unserer Gesellschaft um Umgang mit sexueller Gewalt. Die Dissonanz dazwischen wie Sexualität eigentlich ablaufen sollte und wie massive Abweichungen davon gesellschaftlich schön geredet werden ist einfach nur erschütternd und abstoßend.

Rekonstruktion des Ungezeigten

Rekonstuieren wir doch mal den Ablauf dieses „Unfalls“. Die beiden Partner haben sich einvernehmlich zum Sex eingefunden. Irgendwann im Verlauf des Aktes wechseln sie in eine Position bei der sie auf dem Baum oder den Knien von hinten penetriert wird. Auch das geschieht unter Konsens und bereitet beiden Partnern freude. Für den Verlauf bis hier haben wir einen einsekündigen „Beweis“ im Video. Nach dem Verkehr befindet sich ein großes Loch im Putz der Wand, die Frau hat eine Halsverletzung. Auch das ist „belegt“. Was muss dazwischen abgelaufen sein?

Klar: der Mann hat seinen Körper mit so viel Wucht gegen bzw. in die Frau geschleudert, dass sie trotz Abstüzen an der Wand nicht mehr gegenhalten konnte und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen ist. Dabei hat sie sich verletzt und die Wand wurde beschädigt. Das Ausmaß der Beschädigung der Wand lässt nun aber Rückschlüsse darauf zu, wie stark bzw. wie oft es zu diesem Zusammenstoß gekommen sein muss. Und es ist so groß, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Wucht sehr stark in dem Bereich gelegen haben muss, bei dem ihm bewusst sein musste dass er seiner Freundin akut Schmerzen zufügt, und dass er eine Verletzung ihres Körpers ermöglicht oder sogar erzwingt. Alternativ war es nicht die einmalige Wucht, sondern ein leichteres aber dafür vielfach wiederholtes Stoßen ihres Kopfes gegen die Wand. In dem Fall hat er in gleicher Weise ihren Schmerz und ihre körperliche Schädigung in Kauf genommen. Man weiß nicht, wie sie sich dabei verhalten hat. Sie mag „Jaaaa, mehr, weiter, jaaaaaaaaaa!“ geschrien haben, zumindet bis zum Moment der Verletzung. Sie mag schon vorher „Stopp, nicht so feste, au, hör auf!“ gerufen haben. Vielleicht war sie auch eher still und das dominierende Geräusch war das wiederholte Aufschlagen ihres Kopfes an der Wand. Egal was es ist, der Mann wäre dafür verantwortlich, diesen „Unfall“ zu verhindern. Und wenn er das nicht kann, sollte er die nötige Reue zeigen, dazu weiter unten noch mehr.

Ich vermute also, dass hier eine Situation passiert sein müsste, die zwar allgemein von der Gesellschaft als Unfall bezeichnet werden würde, die aber bei genauerer Betrachtung kein Unfall ist, sondern eals Unfall getarnte Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Ich kann aus den Informationen, die mir vorliegen, nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob dort ein Unfall oder eine innerpartnerschaftliche Vergewaltigung stattgefunden hat (Muss ich eingentlich an der Stelle explizit erwähnen, dass einvernehmlicher Sex, der fortgeführt wird wenn einer der Partner es nicht mehr möchte, eine Vergewaltigung darstellt?). Es ist nicht sicher, aber zumindest sehr wahrscheinlich dass hier mehr als nur ein Unfall vorlag. Wäre dies ein realer Fall, dann würde ich auf Basis dieser Informationen nicht verlangen, dass der Mann für seine Handlung bestraft wird. Aber ich würde hoffen, dass man von den beiden Beteiligten mehr Informationen herausbekommen könnte. Würde natürlich auch hoffen, dass es sich wirklich nur um einen einmaligen Unfall handelte. Aber wenn es anzeichen dafür gäbe, dass der Mann bewusst Verletzungen seiner Partnerin in Kauf nimmt, doer dass er sich und seinen Körper so wenig unter Kontrolle hat, dass er erneute Unfälle nicht verhindern kann, dann würde ich die Frau ermuntern aus dieser schädlichen Beziehung ausbrechen, ggf. Anzeige zu erstatten. Auch würde ich mir Sorgen machen dass künftige Freundinnen dieses Mannes Opfer von Gewalt werden. Und sollte es wirklich die vegane Ernährung sein die ihn zum gefährlichen Sexmonster macht, dann würde ich im etwas tierisches Eiweiß verordnen.

Aber das hier ist kein realer Fall. Es ist ein von PeTA konstuierter Werbespot. Und bei dessen Konstruktion hätte man vorsichtiger vorgehen können – nein, müssen. Es wäre sicher möglich gewesen, klarer darzustellen, dass es sich wirklich ein richtiger Unfall war. Dazu hätten vielleicht Kleinigkeiten gerreicht, z.B. ein weniger extremes Loch an der Wand, eine nicht ganz so starke Verletzung der Frau. Oder ein Mann, der mehr Reue zeigt.

Und überhaupt, was geschah danach?

Denn was ist nach dem Sex passiert? Die Frau war vermutlich bei einem Arzt. Denn so ein Hals-Dings hat sie sicher nicht einfach so daheim rum liegen – außer wenn dieser „Unfall“ regelmäßig passiert, aber das stützt dann wieder eine andere These. Und sie war einkaufen. Wenn es ihr doch solche Schmerzen bereitet, zu Laufen, warum muss sie dann das Gemüse für ihren Freund kaufen? Und er, was hat er nach dem Sex getan? Er hat Putz angerührt um die Wand zu reparieren. Hier wäre es vielleicht sogar glaubwürdig, dass er den Putz bereits daheim vorrätig hatte.

Und die Freundin geht in Unterwäsche einkaufen. Obwohl es kalt draußen ist und obwohl es in unserer Kultur eine zweifelhafte Aussage hat, in Unterwäsche vor die Tür zu treten. Was wollte man uns damit sagen? Dass das gezeigt direkt nach dem Sex passiert ist, und sie keine Zeit hatte, sich vorher anzuziehen? Weil der Freund sie sofort zum Einkaufen schickt, bevor er sich um sie kümmert? Oder hat man einen Weg gesucht, die Frau schon sexualisiert darzustellen während sie doch eigentlich noch auf der Außentreppe still vor sich hin leidet? Oder wollte man einfach ein Element einbauen das dem ernsten Thema jeden Ernst nimmt und damit zeigen wie lächerlich man das eigentlich machen möchte? Egal, an dieser Stelle setzt jede Logik aus. Es ist nicht so, dass mir erst jetzt beim Schreiben auffallen würde wie sinnfrei das alles ist. Aber hätte ich diesen Punkt schon eher erwähnt, wäre vermutlich jede weitere ernsthafte Betrachtung in sich zusammen gebrochen.

Ja, ich kann diesen Spot so interpretieren dass er lustig und humorvoll und gut gemacht ist. Ich müsste lügen wenn ich nicht zugeben würde, dass er sogar mir selbst kurz ein Lächeln über die Lippen gejagt hat.

Aber ich kann ihn nicht so interpretieren, dass sich nicht nicht gleich auch eine ganze Reihe von alternativen Interpretationen aufzwingen, die sexuelle Gewalt verharmlosen oder soger befürworten. Und das macht diesen Spot zu einem No-Go.