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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Programmänderung

Eigentlich hatte ich ja vor, jetzt einfach nur noch glücklich und zufrieden zu sein. Leider musste ich feststellen, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Es gibt viel dazu zu sagen, ich möchte heute mal einen leichten Einstieg dort hinein versuchen.

Erstmal ein großes „Sorry“ an alle meine Twitter-Follower_innen, insbesondere an die, denen ich am Herzen liege. Ich habe in den letzten Tagen wieder viel rumgejammert, nicht ganz ohne Grund, aber hatte es bisher nicht geschafft, den Grund in Worte zu fassen. Manche waren sicherlich besorgt um mich, noch viel mehr einfach nur noch genervt. Ich denke, ich bin nun soweit, Klartext zu reden, zumindest in der Theorie. Rein emotional hab ich wohl endlich alles verarbeitet, was mir derzeit Angst macht. Das war ein langer, harter Weg, den ich mit Unterbrechungen seit Anfang Dezember beschreite. Seit dem ist in meinem Leben viel passiert, aber die Grundproblematik blieb bestehen – so wie schon seit 13 Jahren.

Zum Punkt kommen

Ich weiß nicht, warum es mir so unendlich schwer fällt, zum Punkt zu kommen und es beim Namen zu nennen, was mich so bedrückt. Also:

Wie vermutlich jeder Mensch habe ich diverse kleine soziale Inkompetenzen, also Bereiche, in denen mein Sozialverhalten von dem abweicht, was für mich und die Menschen um mich herum gut und erfreulich wäre. Vieles davon konnte ich in den letzten Jahren „beheben“, und einiges anderes einfach akzeptieren, denn nobody’s perfect. Eine „Kleinigkeit“ ist allerdings übrig geblieben, und in den letzten Tagen ist mir mal wieder bewusst geworden, dass das eben keine Kleinigkeit ist, sondern ein großer Brocken, der mir Angst macht. Angst, deshalb niemals glücklich werden zu können, bzw. nicht auf Dauer glücklich sein zu können, solange das so ist.

Es geht – stark vereinfacht gesagt – um Situationen, in denen ich Menschen, die ich mag, meine Zuneigung und mein Interesse an gemeinsamer Freizeit nicht zeigen kann. Ich weiß, dass das vielen Menschen nicht leicht fällt und ich da keinen Perfektionismus von mir erwarten darf, aber das Ausmaß dieses Unvermögens hat bei mir absolut krankhafte Züge. Was ich kürzlich über das Bedürfnis zu Kuscheln schrieb, ist ein kleiner, fast schon unbedeutender Teil der Gesamtproblematik, denn es betrifft eigentlich alle meinen sozialen Interaktionen. Und es betrifft fast alle meine Kontakte: von entfernten Bekannten über Freund_innen verschiedenster Art bis hin zu sehr wichtigen Herzensmenschen und potentiellen Partner_innen. Das ist für mich keine Kleinigkeit mehr, das macht mich immer wieder fertig. Ich schaffe es zwar, in Einzelfällen um das Problem herum zu arbeiten, und es immer mal wieder für ein paar Monate oder gar Jahre zu verdrängen und mir einzureden, dass es kein Problem ist. Aber damit ist jetzt Schluss, ich kann und will das nie wieder verdrängen und als gegeben und unabänderbar hinnehmen. Ich möchte dieses (hoffentlich) letzte Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben endlich aus dem Weg räumen.

Komplexitäten

Das Ganze ist eine ziemlich vertrackte Sache, bei der es mir inzwischen sehr wichtig geworden ist, die ganzen damit zusammenhängenden Umstände endlich selbst zu erkennen und zu verstehen (was ich inzwischen wohl geschafft habe) und dann aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit auch ihr eine Chance habt, mich zu verstehen, wenn ihr denn wollt. Denn nach allem, was die letzten 13 Jahre mir gezeigt haben, werde ich Hilfe dabei brauchen, dieses Verhaltesproblem in den Griff zu bekommen. Ich glaube nur sehr eingeschränkt daran, dass eine Psychotheraphie dabei der Weg zum Ziel wäre, und möchte daher nun probieren, das Problem in freier Wildbahn anzugehen, genau dort, wo es auftritt: im Umgang mit euch.

Ich sehe es also als unumgänglich an, darüber zu schreiben, was letztlich deutlich umfangreicher sein wird als dieser kleine Blogpost. Meine aktuellen Notizen und Entwürfe dazu umfassen mehr als das zehnfache eines „gewöhnlichen“ Blogposts, und ihr wisst sicherlich, dass die in aller Regel schon ziemlich lang und anstrengend sein können. Es ist meine Pflicht, das alles noch besser zu strukturieren und verständlich zu machen, ganz rigoros zu kürzen und die einzelnen Teile für sich jeweils verständlich zu machen, damit jede_r von euch die Möglichkeit hat, auch mal nur Bruchstücke davon zu lesen. Denn ich weiß, dass ich für die allermeisten von euch nicht das Zentrum der Welt bin (und nicht sein will und kann) und dass ich von nur sehr wenigen Menschen, wenn überhaupt, eine wirklich intensive Beschäftigung damit erwarten kann.

Wie es (vermutlich) weiter gehen wird

Ich werde dafür noch einiges an Zeit und Kraft brauchen. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr, das Problem unter den Teppich zu kehren, damit es dort in ein paar Jahren wieder hervor quillt und mir Sorgen und Kummer bereitet. Es sind für mich keine einfachen Zeiten, um das anzugehen, schließlich plagen mich seit ein paar Wochen sowieso des öfteren Stimmungstiefs, die vermutlich hormonell bedingt sind. Aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Phasen auch produktiv nutzen kann, um die Dinge anzugehen, die mir Angst bereiten. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die wirklich wichtigen Probleme zu verdrängen und bei aufziehenden Tiefphasen stattdessen wegen wirklichem Kleinkram zu heulen.

Ich habe in letzter Zeit Gesprächsangebote bekommen, um über das zu sprechen, was mich bedrückt. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber bisher habe ich das Gefühl, ich bin noch gar nicht weit genug dafür. Ich mache das derzeit lieber mit mir selbst aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich dann wirklich Redebedarf habe. Ich werde das dann entsprechend ankündigen und dann auch gerne in Anspruch nehmen.

Bis dahin werde ich viel Zeit für mich selbst brauchen, aber zwischendurch auch immer wieder mal Zeit mit anderen, so wie bisher. Falls möglich, behandelt mich einfach so wie immer, und denkt euch nicht allzu viel dabei, wenn ich eine Einladung mittel- oder kurzfristig absagen muss. Das ist dann in dem Moment so, ich brauche dann eben wieder Alone-Time, und am nächsten Tag bin ich vermutlich wieder gut gelaunt und gesellschaftstauglich. Ich denke, in den Zeiten, wo ich mich aus dem Haus traue, brauche ich auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, dann geht’s mir ziemlich normal, sonst wäre ich nicht draußen.

Das mag nicht der übliche Weg sein, mit solchen Problemen umzugehen, aber ich bin mir derzeit ziemlich sicher, dass es *mein* Weg ist. Ich bitte euch, das zu akzeptieren. Ihr müsst ja nicht mitmachen, aber ich würde gerne auf nett gemeinte Hinweise verzichten, die mir sagen, ich solle doch stattdessen lieber in dieser-und-jener-Weise damit umgehen.

Ok, ich hoffe, das hat wenigstens ein bisschen mehr Fragen beantwortet als es neue aufwirft. In nächster Zeit kommen dann also ein paar Blogposts, die das Problem, seine Ursachen und meine Lösungsansätze jedes mal ein Stück weit konkretisieren.

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.

Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Die letzten 1,5 Jahre meiner „Krankheitsgeschichte“

Ich bin mal wieder gezwungen, mich sehr ausführlich mit dem „transsexuellen System“ zu beschäftigen. Deshalb entstand heute ein sehr langer, konfuser Text, den ich nun in mehreren Einzelteilen nach und nach veröffentliche. Dieser erste Teil fasst zusammen, was ich in den letzten Jahren durchlaufen habe.

Inneres Coming-Out

Zuallererst waren da diese Wochen und Monate, in denen ich im stillen Kämmerchen in mich selbst hinein gehorcht habe bis ich mir absolut sicher war: Ich bin eine Frau und es gibt keinen anderen Ausweg als in Zukunft auch genau so zu handeln. Zu dieser Phase findet ihr in einigen meiner älteren Blogposts Erzählungen, auch wenn viele wichtige Teile des Erkenntnisprozesses noch nicht verschriftlicht sind. (Eigentlich ist dieser Post aus dem August der einzige, der sich direkt darum dreht.) Diese Wochen waren teilweise „harte Kost“, weil da einfach sehr intensive Gedanken und Gefühle sehr viel Raum eingenommen haben.

Die Suche nach einem Psych*

Aber es ging mir inzwischen sehr gut, ich hatte nicht das Gefühl, psychische Probleme zu haben. Trotzdem würde ich mich nach einem Psych* umsehen müssen.

(Ich benutze in all meinen Texten „Psych*“ als Oberbegriff für Psycholog_innen, Psychiater_innen und Psychotherpeut_innen. Es mag wichtige Unterschiede zwischen diesen  dreien geben, aber all die, mit denen ich zu tun hatte, haben sich so verhalten, dass diese Unterschiede nicht relevant waren. Gelegentlich steht psych* auch für Mengen von Adjektiven wie z.B. „psychologisch/psychiatrisch“)

Denn es gibt Behandlungsrichtlinien, die sagen, ein transsexueller Patient muss erst zu einem Psych* bevor eine Hormontherapie stattfinden kann. Manche Richtlinien sehen eine 6- bis 12-montagie Begleitung/Betreuung/Begutachtung vor, die sehr ergebnisoffen sein soll. Andere Richtlinien machen keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um eine Therapie handeln soll, deren Ziel es ist, „den Transsexuellen Wunsch“ zu heilen.

Als ich zu meiner Krankenkasse ging um dort zu fragen, was ich nun tun kann, gab es also keine Frage nach dem „ob“ sondern nur noch eine Frage nach dem „wie“ für mich. Ich hatte da ja schon die Entscheidung, das Coming-Out und den öffentlichen „Rollenwechseln“ hinter mir, habe schon mit vielen Bekannten über einiges gesprochen, aber nun mussten konkrete Handlungen folgen. Die Sachbearbeiterin dort sagte mir, ich müsste 1 Jahr Psych*Theraphie machen und könnte dann Hormone verordnet bekommen. Konkret hat sie mich zu einer bestimmten Psych* geschickt, da sie mir ansonsten keine Psych* dafür empfehlen könnte. Anschließend habe ich gut 4 Monate auf einen Termin bei besagter Psych* gewartet.

Kurze Psych*-Begleitung beim Studentenwerk

Zwischendurch habe ich auch eine andere Psych* aufgesucht, die über das Studentenwerk angestellt ist, um Studierende zu betreuen. Hier hatte ich nur zwei Wochen Wartezeit. Mit ihr sprach ich sehr offen über meine Transsexualität und meine Erfahrungen. Denn trotz der vielen tollen Gespräche im Bekanntenkreis wollte gerne mal mit einer außenstehenden und psych* fachkundigen Person sprechen. Ich war 3 oder 4 Mal zu einer Sitzung dort, und ich bin sehr gerne dorthin gegangen. Beim letzten Mal hatten wir aber beide das Gefühl, dass alles wichtige gesagt ist und ich eigentlich keine „Hilfe“ mehr brauchen kann. Eine langjährige Betreuung und Indikationsstellung kam bei der Art ihrer Anstellung und (Nicht-)Zulassung sowieso nicht in Frage. Also beließen wir es dabei.

Meta-Gatekeeping

Jene von der Kasse empfohlene Psych* hat mich 1 Stunde befragt. All das, um mir dann sinngemäß zu sagen: „Sie sind transsexuell, sie brauchen Behandlung, aber nicht von mir. Hier haben sie eine Liste von Psych* die sich damit auskennen. Holen sie sich einen Termin bei einem davon.“ Als ich fragte, wozu diese Stunde Gespräch war, sagte sie mir in etwa: „Ich habe geprüft, ob sie verrückt sind. Hätte ich dabei festgestellt, dass sie verrückt sind, hätte ich sie ohne die Liste nach Hause geschickt. Ich beschütze meine Psych*-Kollegen vor einer Flut von Verrückten.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie „verrückt“ oder „bescheuert“ oder „durchgeknallt“ sagte, aber es war definitiv ein Begriff aus dieser abwertenden Kategorie.

(Zur Überschrift: Als „Gattekeeper“, also „Türsteher“ werden gelegentlich Psych* bezeichnet, die den Zugang zu Hormonen und OPs beschränken. Diese Psych* hat den Zugang zu jenen Gatekeepern beschränkt.)

Die „Therapie“

Ich habe dann bei einem Psych* eine „Therapie“ (Das Wort muss in in Anführungszeichen setzen, da ja hoch mehrdeutig ist, ob das eigentlich eine Therapie sein soll, und wenn ja, was da therapiert wird) begonnen, um letztlich die Indikation für Hormone und OP zu bekommen. Das war natürlich wieder einige Monate später, da Psych* ja lange Wartelisten haben. Es war übrigens niemand von der tollen Liste, da mir vier andere Transfrauen einheitlich einen bestimmten Psych* empfahlen, der eben nicht darauf stand.

Er erklärte mir zu Beginn, welche Regeln da bestünden, also im Wesentlichen mindestens 12 Monate Behandlung. Er machte von Anfang an klar, dass er diese Regeln selbst unmenschlich findet, es ihm Leid tut, dass er mich diesen Regeln unterwerfen muss, und dass er versuchen wird, das ganze so wenig nervig wie nötig zu machen, z.B. indem ich in diesem Jahr nur recht selten und kurz dorthin muss. Das klingt ja alles in allen sehr positiv, ganz so als täte dieser tolle Mensch alles ihm Mögliche, um es mir recht zu machen.

Diesen Glauben konnte ich aber leider kein ganzes Jahr aufrecht erhalten. Wenn er mich zu Beginn einer Sitzung fragte, warum ich heute hier sei, und ich in meiner Antwort irgendetwas von Hormonen erwähnte, wurde er wütend. Aber warum sollte ich auch sonst hier sein? Wenn ich genaueres zu dieser Richtlinie wissen wollte, die mich zu einem ganzen Jahr Therapie verpflichtet, wich er aus oder speiste mich mit unklaren Halbwahrheiten ab. Die meiste Zeit ging es mir generell gut, aber zwischenzeitlich hat mich das Warten auf die Hormone ziemlich zermürbt. Auf die Frage „Wie geht es ihnen?“ antwortete ich zuvor immer ehrlich mit „Sehr gut.“ Als ich einmal mit „Nicht so gut.“ antwortete, sagte ich auf weitere Nachfrage nach den Gründen: „Mich beschäftigt es sehr, auf den Beginn der Hormontherapie warten zu müssen. Und der Gedanke, dass es noch so lange bis dahin dauert, und es keinen Weg gibt, es zu verkürzen, bedrückt micht.“ Darauf hin meinte er nur „Darüber brauchen wir hier gar nicht reden.“ und beendete kurz später unsere Sitzung. Dabei ist diese Unzufriedenheit mit dem Warten schon lange da, wie dieser Text von Januar 2012 belegt. Die „Therapie“ fing ja erst im Dezember davor an.

Viele würden nun sagen: „Nu lass den guten Mann doch mal in Ruhe seine Diagnose machen, und dränge ihn nicht voreilig dazu, eine Stellung zu beziehen oder sogar schon Hormone zu verschreiben.“ Das Problem ist: nach der zweiten Sitzung war die Sache für ihn schon geklärt: Transsexualität, keine weiteren psychischen Auffälligkeiten. Er hat noch ein paar biografische Standard-Daten abgefragt, aber ist nie sonderlich in die Tiefe gegangen. Hätte ich schwerwiegende Psychische Krankheiten, so würde er es nicht wissen. Er hat sich weder bemüht, diese aus mir heraus zu fragen, noch hat er mir einen Rahmen gegeben, in dem ich von mir aus etwas hätte äußern können, was darauf hindeutet. Gleiches auch für die Transsexualität: ich hatte zwar kein extrem ausgeprägtes Bedürfnis danach, über intimste Details zu sprechen, aber immerhin eine große Bereitschaft. Aber er wollte alles nur ganz oberflächlich wissen, nichts im Vergleich zu den Gesprächen mit der Psych* des Studentenwerks. Aber bei meinem „betreuenden“ Psych* haben nach ein paar Sitzungen eigentlich über gar nichts mehr gesprochen.  Ob das alles Teil dessen war, es mir so angenehm wir möglich zu machen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mir diese ganze Therapie, die ich von Beginn an für nicht sehr sinnvoll hielt, immer sinnloser erschien. Für diese 10 Minuten unpersönlichen Smalltalk, bei dem es das ungeschriebene Gesetz gab, bloß nicht über Transsexualität zu sprechen, war ich oft 4 bis 5 Stunden außer Haus, was auch noch so im Tageslauf lag, dass ich weder davor noch danach viel geschafft habe. Es war einfach nur nervig und hat mich wütend gemacht. Aber was tut man nicht alles für einen blöden Zettel, der einen bescheinigt, transsexuell aber nicht verrückt zu sein?

Vornamensänderung

Vornamensänderung als Graph

Zwischendurch habe ich die Vornamensänderung beantragt. Auch davon hatte mir mein betreuender Psych* abgeraten, auch wenn ich nicht verstanden habe, warum. Aber zum Glück sind die Vorgänge voneinander unabhängig und ich brauchte sein o.k. nicht. Der ganze Prozess war zwar auch langwierig, wie die nebenstehende Grafik zeigt. Und wie ich hier schonmal schrieb, hatte ich auch genug Gründe, Angst davor zu haben. Aber es lief alles weniger schlimm als erwartet, und vor allem nach klaren Regeln, die ich nachlesen konnte, und die ich als gültiges Gesetzt auch irgendwie akzeptieren konnte, selbst wenn ich sie ungerecht fand. Womit ich natürlich gar nicht gerechnet hatte: einer der beiden Psych*, welche die beiden psychologische Gutachten für die Namensänderung angefertigt haben, bot mir gleich noch eine weiteres Gutachten bzw. Indikationsschreiben für eine Hormontherapie. Er selbst hält nichts von dem 6- bzw. 12-Monatszwand und hat keinerlei Verständnis für Psych*, die das ohne Ausnahme strikt durchziehen.

Für mich fehlte von da an jede Motivation, diese „Therapie“ weiter aufrecht zu erhalten. Da ich eh keine ausstehenden Termine mehr hatte und mich um neue Termine hätte kümmern müssen, war das Thema für mich erledigt.

Vorbereitung der Hormontherapie

Inzwischen bin ich bei einer Endokrinologin, die auch schon sämtliche körperlichen Voruntersuchungen bei mir durchgeführt hat: diverse Blutwerte inkl. Hormonspiegel, Chromosomenanalyse zur Geschlechtsbestimmung, Genetische Untersuchung auf Faktor 5 Leiden, Hodenabtastung und -Größenbestimmung. Die letzten Ergebnisse erfahre ich in 4 Tagen, und bekäme dann wohl auch endlich eine Hormontherapie verschrieben. Ja, das Leben könnte so schön sein.

Aber daraus wird nichts, zumindest nicht ohne Probleme. Denn mein Indikationsschreiben, das ich letztes Mal schon bei mir hatte, akzeptiert sie nicht. Ohne auch nur einmal einen Blick hinein geworfen zu haben, ohne sich eine Kopie angefertigt zu haben. Allein meine Aussage, dass ich bei diesem Arzt nicht in einer 12-Monatigen Behandlung war reicht ihr aus, es als komplett irrelevant abzubügeln. Als ich sie auf die Richtlinie Ansprach, meinte sie nur „Das ist keine Richtlinie, das ist ein Gesetz.“ Sie geht davon aus, dass ich in 4 Tagen ein weiteres Indikationsschreiben von meinem anderen Psych* mitbringe, bei dem ich dann schon über 12 Monate gewesen wäre. Dass ich dort schon seit Monaten nicht mehr bin, und somit auch kein Schreiben erhalten werde, weiß sie noch nicht. Das ist eigentlich der einzige Fakt, den ich ihr verschwiegen habe, da ich Angst hatte, dass sie sonst sofort die Untersuchung abbrechen würde. Und das würde mich wieder um 3 weitere Monate zurückwerfen, da es in etwa so lange dauern kann, woanders einen Termin für eine Untersuchung zu erhalten. Kurzfristig war es also sicher richtig, so zu tun, als wäre ich noch in „Therapie“, aber das lässt sich nun nicht mehr aufrecht erhalten.

Damit ist die Basis meines Problems umrissen. Aber eigentlich ist da noch so viel mehr, weshalb hier schon bald der nächste Blogeintrag folgen wird…

Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von „Alex“ aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall „Alex“ aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.

Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz „geteilt“ und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.

Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.

Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.

Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie „das Kind“, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer „das Mädchen“ schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.

Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.

Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.

So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.

Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.

Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.

In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.

Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.

Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst „nur“ aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?

Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.

Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.

Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine „Diagnose“ generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

Der gefühlte Unterschied zwischen „Mir geht’s gerade nicht so gut“ und „Ich bin psychisch krank“

Man kann manche Krisen nicht abwenden

Im Januar wurde mir bewusst, dass das nun beginnende Jahr für mich nicht leicht wird, und dass ich mich auf einige seelische Schwankungen und Tiefpunkte gefasst machen muss. Ich habe seitdem versucht, mich für aufkommende Krisen zu wappnen. Ich habe mir bewusst viel Gutes getan und Ablenkung gesucht, um eine Notreserve an guter Laune aufzubauen. Ich habe danach ein paar glückliche Woche gehabt, dann ein paar zwanghaft-nachdenkliche, dann war wieder etwas Ruhe in meinem Kopf eingekehrt.

In den letzten 1 bis 2 Wochen ging es mir dann mal wieder reichlich beschissen. Es fiel mir diesmal schwer, Ursachen und Wirkungen zu erkennen und voneinander zu trennen. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich unglücklich bin, weil ich einen konkreten Grund habe, oder ob sich meine Verfassung nur noch durch Depressivität erklären lässt.

(Depression ist übrigens einer dieser Begriffe, bei denen jeder unsicher ist wie er zu verwenden ist und den dennoch jeder irgendwie benutzt. Wobei jeder etwas leicht unterschiedliches meint. Ich meine damit weder die Schwere noch die Dauer einer Verstimmung, sondern die Ursächlichkeit.)

Überlastung bei geringer Last

Ein Zusammenhang zwischen meinen Verpflichtungen und meiner schlechten Laune war festzustellen, wenn auch unklar. Es fühlte sich in etwa wie ein Burn-Out an. Bei rationaler und objektiver Betrachtung meiner Arbeitsbelastung war aber schnell klar, dass ich ganz klar unterhalb von dem liege, was ein Mensch normalerweise locker ertragen kann. Meine Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es normalerweise mindestens doppelt so viel Stress braucht, um mich durch Überlastung zum Zusammenbruch zu treiben.

So oder so war klar, dass ich vielen meiner (meist freiwillig auferlegten) Verpflichtungen derzeit nicht mehr nach kommen kann. Ich habe mich aus der Arbeit für die Fachgruppe Informatik und für die Studierendengruppe der Gesellschaft für Informatik erst mal heraus gezogen. Ich habe die Zeit, die ich in der Firma arbeite, zeitweise noch mehr gesenkt.

Letztlich musste sogar eines meiner Hobbys zeitweise dran glauben: Ich spielte bisher einmal je Woche zu einem festen Termin das Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ und allein schon durch diese Regelmäßigkeit hat sich das für mich mehr und mehr auch wie eine Verpflichtung angefühlt. Also so leid es mir tut: Weg damit!

All diese Schritte sind mir nicht leicht gefallen. Denn ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, was all diese Aufgaben bisher so angenehm gemacht hat. Mir machen die Tätigkeiten an sich Spaß, und wo sie ein Ziel haben, ist mir die Erreichung genau dieser Ziele extrem wichtig. Manche Menschen (und ein paar Elfen und Zwerge) haben sich ein Stück weit darauf verlassen, dass ich gewisse Aufgaben erfülle und ich musste meine Zusage dazu zurück ziehen. Das tut ein Stück weit weh. Und jede akute Maßnahme, die ich zur Verbesserung meiner Laune getroffen habe, drohte auch gleichzeitig, meine Laune zu verschlechtern. Das machte es mir teils sehr schwer, diese Schritte zu gehen.

Psychisch krank?

Ich musste zu meinen Schwächen stehen. Außerdem musste ich aber nach außen hin zugeben – und es mir dazu zuallererst selbst eingestehen: Ich bin psychisch krank. Wow. Wenn man diesen Satz so konkret geschrieben sieht, hat er etwas extrem schwergewichtiges. „Ich bin psychisch krank.“, wie das schon klingt…

Zum einen haben wir in unserer Gesellschaft eine unglaubliche Stigmatisierung von Menschen mir schweren psychischen Problemen. Ich glaube, die Gesellschaft sieht einen Menschen mit psychischen Krankheiten nicht als einen Menschen, der zeitweise ein gesundheitliches Problem hat, sondern nur noch als wandelnde Verkörperung einer Störung. Die Krankheit wird in der Außensicht zum bestimmenden Merkmal der Person. Es mag gewisse Krankheiten geben, die so schwer wiegen, dass die eigentliche Persönlichkeit ein Stück weit zurück tritt, aber auch diese Menschen haben Würde und Achtung verdient. Und ich fürchte, die Gesellschaft differenziert da nicht viel, denn „verrückt ist verrückt“. Das Buch „Irre! Wir behandeln die falschen“ von Manfred Lütz ist eine gute, massentauglich-unterhaltsame Einführung in ein differenzierteres Denken über psychisch (schwer-)kranke Menschen.

Kleine Wehwehchen

Aber damit habe ich eh nur einen kleinen Exkurs zu schweren psychischen Leiden gemacht, der mit mir und meiner Lage wenig zu tun hat. Wenn ich selbst sage: „Ich bin psychisch krank.“ meine ich das in einem Ausmaß, wie ein Mensch mit einer durchschnittlichen Erkältung von sich sagt „Ich bin krank.“ Bei dem Satz denkt man ja auch nicht sofort an unheilbare Gebrechen und tödliche Seuchen.

Aber laufende Nase, Hustenreiz, Gelenkschmerzen und leichtes Fieber kann einen für ein paar Tage oder sogar Wochen völlig aus der Bahn werfen. Ich finde übrigens, jedem Mensch mit Schnupfen steht das volle Recht zu, zu quengeln und sich bemitleiden zu lassen.

Wenn ich also eine Über-Dramatisierung meines aktuellen Zustandes vermeiden möchte, sollte ich vielleicht eher sagen „Ich hab nen ziemlich bösen Schnupfen. Also, seelisch, meine ich, nicht körperlich.“ Das trifft es eigenlich ganz gut. Wie auch beim Schnupfen tun verschiedene Sachen gut: Im Bett liegen, lange schlafen, sich nicht allzu sehr anstrengen, aber ab und zu auch mal frische Luft und Bewegung. Und wie bei einem Schnupfen kann es passieren, dass ich mich zu früh wieder fit fühle und ins Büro fahre.

Und dann da mit ’nem Taschentuch vor dem Monitor sitze, mir verschiedene Sekrete aus Nase und Auge wegwischen muss und daher meinen Programmcode nicht mehr lesen kann. Also fahre ich nach Hause und kuriere mich noch etwas im Bett aus. So läuft das eben.

Ich glaube Psychische Verstimmungen werden allgemein entweder unterbewertet („Soll sich mal nicht so haben, ist doch kerngesund und kann arbeiten!“) oder überbewertet („Oh mein Gott! Psychisch krank! Ob er/sie wohl je wieder aus der Klapse heraus darf?“). Ein bisschen Mittelmaß tut manchmal ganz gut, auch in der Bewertung von Problemen.

Ich möchte damit übrigens weder Depressionen noch Erkältungen in absoluter Weise verharmlosen: Beides kann unter bestimmten Umständen tödlich enden. Muss aber eben nicht.

Antrainierte Abwehreflexe

Jetzt, wo ich mir das alles klar gemacht habe, ist es ein leichtes, zu sagen „Ich bin psychisch krank“. Es sagt nicht mehr oder weniger über mich als Person aus als „Ich hab Schnupfen“. So einfach ist das. Aber vor einer Woche, wo es für mich akut war, mir meines Zustandes bewusst zu werden, war ich noch nicht an der Stelle. Da fiel mir das noch schwer, was auch absolut kein Wunder ist.

Denn meine eigene Abwehr gegen die Formulierung „psychisch krank“ wird dadurch genährt, dass man als transsexueller Mensch ständig mit der (Zwangs-)Einordnung als „psychisch krank“ konfrontiert wird. Vor einigen Jahrzehnten waren sich praktisch alle einig, dass Transsexuelle psychisch krank sind – also durchaus auch in den „Bedeutungen“: verrückt, bescheuert, pervers. Heutzutage ist die Gesellschaft – zumindest die westlich-aufgeklärte – viel weiter. Die Medizin hingegen verstrickt sich auch jetzt noch in Widersprüche: Transsexualität ist als psychische Krankheit einkategoriesiert, die Diagnose und Indikation von Behandlungen obliegt demnach ganz klar Psychiatern, und obwohl man weiß dass eine psychiartische Heilung praktisch unmöglich ist, ist es in Deutschland nach wie vor vorgeschrieben, eine solche zu versuchen bevor eines somatische (auf den Körper gerichtete) Behandlung erfolgen kann.

Gleichzeitig wird jede „richtige“ psychische Erkrankung genutzt, um einer Person ihre Transsexualität – oder zumindest das Recht auf deren Behandlung – abzustreiten. „Wer depressiv ist, kann nicht transsexuell sein – oder kann zumindest keine Aussage darüber treffen, ob er transsexuell ist.“ Das klingt für mich ähnlich sinnvoll wie „Wer Schnupfen hat, kann kein gebrochenes Bein haben, oder kann zumindest nicht wissen, ob er ein gebrochenes Bein hat.“ Und deshalb bekommen verschnupfte Leute am besten auch keine Verbände, Krücken oder Beinschienen.

Ursachenforschung

Und auch wenn ein Schnupfen nichts schlimmes ist, so sollte er einem doch zu denken geben: Hab ich zu dünne Socken angehabt? War zu lange draußen im Kalten? Hab den nassen Pulli nach dem Regen zu spät ausgezogen? Oder esse ich einfach zu wenig frisches Obst?

Meine seelische Verstimmung war kurz und relativ unspektakulär. Wie nach einer Erkältung fühle ich mich nun nach 1-2 Wochen wieder fast fit, nur noch leicht geschwächt. Dass ich es überhaupt als psychisches Problem einstufe liegt daran, dass ich es keiner konkreten Ursache genau zuordnen konnte. Aber das heißt für mich nicht, dass ich die Augen komplett vor möglichen Ursachen oder Begünstigern verschließen möchte. Ich möchte etwas dafür tun, dass sich solche Probleme in Zukunft nicht häufen. Und dazu heißt es: Ursachen suchen und beseitigen.

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen „genau so“. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu „verbieten“ würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien „Transsexuell“ (TS) und „Intersexuell“ (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen „TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden“, „TS und IS haben nichts miteinander zu tun“ oder „IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS“. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und „ca. 2000“ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher „Abweichungen“. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt „das Geschlecht“ braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach „durchs Raster“ gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur „männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“ sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe „männliche Zuordnung“ mit „männlicher Identität“ gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem „anderen“ Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine „andere“ Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit „?“ gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände („männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage „Wann?“ erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt „zur Frau umoperiert“ wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als „intersexuelle Frau“ zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja „ihr Bestes“ getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als „Frau“ bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als „Lesbe“ und/oder „Mannsweib“ bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als „intersexuellen Mann“ bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern „eine Frau die zum Mann werden will“, oder diplomatischer ausgedrückt ein „Trans-Mann“. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für „Mann-zu-Mann-Transsexuelle“ würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem „Cis-Mann“ sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau „umoperiert“ wurde, und somit eine „Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch“ ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als „Transident“ oder „Transgender“ bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem „Mann mit Scheide“ sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie „andere“ und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als „Mann“ bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar „im Raster“ läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue „Ausnahmeregelungen“ zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der „Fachleute“, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in „männlich, weiblich, andere“ einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung „Gesichtsgeschlecht“ hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, „Identitätsgeschlecht“ oder „Psychisches Geschlecht“ wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über „Geschlechtliche Abweichungen“ spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?

Wie das alles vielleicht einmal begonnen haben könnte…

In Zukunft kommen vielleicht auch mal Menschen auf meine Seite, die mich nicht persönlich kennen und dennoch meine Geschichte nachvollziehen möchte. Blogs von transsexuellen Menschen können natürlich so verschieden sein wie die Menschen selbst. Aber wenn es sowas wie den archetypischen Transblog gäbe, dann wäre das wohl eine chronologische Dokumentation der Transition. Mein Blog ist da ja eher mittendrin eingestiegen, und daher möchte ich nun wirklich mal ganz am Anfang ansetzen. Vom ersten Tag an – wenn es denn einen solchen „ersten Tag“ überhaupt gibt…

Es war einmal im Jahr 1963…

Das Leben beginnt ja bekanntlich mit – ja womit eigentlich? Geburt? Befruchtung der Eizelle? Eine bestimmte Schwangerschaftswoche? Die Frage ist wohl nach wie vor ungeklärt, und Abtreibungsgegner und -Befürworter sind da offensichtlich noch zu keiner Einigung gekommen. Das Thema „Abtreibung“ werde ich zwar sicher auch irgendwann einmal bearbeiten, aber ist für meinen Lebensbeginn nicht weiter relevant. Denn ich war zwar kein Wunschkind, aber eine Abtreibung wurde bei mir wohl nie erwogen.

Aber zurück zum Thema: Wann begann meine Transsexualität? Die Ursachen sind generell noch ungeklärt. Es könnte genetische Ursachen geben, dann wäre der Beginn meiner Transsexualität quasi bei der Befruchtung der Eizelle anzusetzen, also im Frühjahr 1984. Oder sogar noch davor, wenn man davon ausgeht dass der Chromosomensatz der Keimzellen bei deren Meiose festgelegt wird. Für die Eizelle, aus der ich entstanden bin, war das irgendwann im Frühjahr 1963, denn Frauen bilden alle ihre Primärfollikel in den ersten Wochen nach ihrer Geburt. Ob vielleicht schon hier die Ursache zu finden ist, wird sich ggf. sogar noch zeigen. Im Rahmen meiner Diagnosestellung wird auch mein Chromosomensatz bestimmt werden, was aber bisher bei mir noch nie durchgeführt wurde. Gewisse genetische Abweichungen, die sich auf die Geschlechtsentwicklung auswirken können, sind dabei bereits bestimmbar. Ich bin ein wenig gespannt.

Andere Theorien gehen von einer hormonellen Schwankung während der Schwangerschaft aus, welche eine spätere Transsexualität gegünstigt oder auslöst. Das wird sich nun im Nachhinein kaum mehr prüfen lassen, deshalb überspringe ich den Punkt gleich mal – was nicht heißen soll, dass ich diese Möglichkeit ausschließe.

…oder doch in den späten 80ern?

Noch andere Ansätze erwarten eine Auslöser durch die frühkindliche Erziehung und das soziale Umfeld. Manche davon sind sehr konkret und gehen so weit, dass bestimmte Konstellationen quasi zwingend zu bestimmten transsexuellen Entwicklungen führen würden. All jene Ansätze, die ich bisher gelesen habe, trafen entweder nicht auf meine Kindheit zu oder waren so allgemein, dass sie auf gut 20% der Kinder zutreffen dürften. Warum dann nur jeder tausendste, zehntausendste oder gar hunderttausendste Mensch transsexuell ist (Die Angaben variieren dort extrem), bleibt dann aber unklar. Was die erziehungsbasierten Erklärungsversuche angeht, so geht es bei manchen direkt um die geschlechtsspezifische Erziehung. Also z.B. darum, dass Eltern ihr Kind bewusst zum „falschen“ Geschlecht hin erziehen. Oder aber auch, dass sie nicht vehement genug einschreiten wenn das Kind von sich aus zum „falschen“ Geschlecht tendiert. Dann sind da noch Erklärungen über traumatische Erlebnisse in der Kindheit – welche es aber bei mir nie gab. Wieder andere Ansätze gehen von abwesenden Vätern oder übermäßig dominanten Müttern aus, was sich ja immer gut als Vorwand für alles und nichts macht.

Wie sah das also bei mir und meinen Eltern aus? Mein Vater hatte sich vermutlich erst mal gar kein Kind gewünscht, aber als dann schon eins unterwegs war, hat er doch sehr auf ein Mädchen gehofft. Ich glaube, meiner Mutter war das egal. Beide hielten wohl nicht viel von übermäßig geschlechtsbetonter Babykleidung und -Zubehör, das heißt, meine frühe Kindheit war nicht rosa oder blau sondern einfach bunt.

Als ich fünf war kam „Arielle die Meerjungfrau“ in die Kinos. Ich fand den Film und insbesondere Arielle total toll. Ich habe vor einem Jahr gehört, dass alle transsexuellen Kinder Meerjungfrauen toll finden, aber ich glaube, das ist bei mir nur ein Zufall und ich mochte Arielle „einfach nur so“. Ich hatte mir dann eine Jacke mit Arielle-Motiv gewünscht. Meine Mutter, die gerne Kleidung für mich nähte, hat mich wohl auch darauf hingewiesen dass andere das vielleicht bei einem Jungen komisch finden. Das war mir aber egal, ich wollte meine Ariellejacke und bekam sie. Das war, soweit ich weiß, das einzige Mal in meiner Kindheit, dass ich auf eine Abweichung von geschlechtlichen Konventionen hingewiesen wurde.

Mein Denken und Fühlen als Kind

Ich wurde also insgesamt sehr geschlechtsneutral erzogen, und habe mich eigentlich auch immer genau so gefühlt. Mir war schon ab einem gewissen Alter bewusst, dass ich ein Junge war, aber das war in erster Linie so ein Begriff ohne viel Inhalt. Ich habe mich dadurch nicht verpflichtet gefühlt, irgendwelche vorgegebenen Anforderungen zu erfüllen. Äußerlich war nicht allen immer klar „was“ ich denn nun bin, und auf Nachfrage, oder wenn mich jemand als Mädchen angesprochen hat, habe ich dann sachlich erwähnt, dass ich ein Junge bin. Dabei war ich weder stolz noch beschämt, ein Junge zu sein, und die Bezeichnung als Mädchen fand ich auch nicht schlimm sondern einfach nur faktisch falsch. (Ich habe gerade eine Erzählung im Ohr, laut der ich auch mal etwas beleidigt auf so eine „Falschzuordnung“ reagiert hätte. Keine Ahnung, ob da was dran ist.)

Was meine kindlichen Ideen von der Zukunft angeht, so hatte ich eigentlich immer schon großes vor, aber ich kann mich nicht erinnern dass ich mich in diesen Vorstellungen als Mann, als Frau oder sonst irgendwas geschlechtlich konkretes gesehen habe. Ich hatte einfach nur ein gesundes Selbstvertrauen darin dass ich nun mal ich bin und dass ich voll o.k. bin. Das war also diese Zeit vor der Einschulung.

Ich weiß bis heute nicht, ob dieses neutrale empfinden „normal“ ist, also in wie fern Kinder unter 6 Jahren üblicherweise ein Geschlechtsempfinden haben. Irgendwo wird es vermutlich schon ein Grund geben dass das Wort „Kind“ geschlechtsneutral ist und so oft benutzt wird. Zwar ist „Erwachsener“ auch recht neutral, aber einzelne Erwachsene bezeichnet man ja selten so sondern eher als Mann oder als Frau. Bei einer „typischen“ Erziehung, welche stereotype Geschlechterrollen vorlebt und forciert wäre das sicher nicht so verlaufen. Entweder hätte man mir dann männliches Verhalten und männliche Selbstidentifikation anerzogen, oder ich hätte diese nicht angenommen und wäre dafür irgendwie negativ sanktioniert worden. Keine Ahnung, wie sich das auf mein restliches Leben ausgewirkt hätte. Ich denke, viele andere Kinder in dem Alter haben einen deutlich stärkeren Bezug zu ihrem Geschlecht, sei er nun aus sich selbst heraus gefühlt oder anerzogen. Aber das ist auch wieder ein Thema für sich.

Eltern sind ja auch Vorbilder und Rollenmuster

Sind meine Eltern denn gute Vorbilder als Mann und Frau gewesen? Zunächst muss man sagen, dass ich eher ein Papa-Kind war, aber eben nicht nur. Meine Eltern hatten gemeinsame Hobbys (Handwerken, Gartenpflege) – vielleicht müsste man eher sagen „gleiche Hobbys“, denn wirklich gemeinsam haben sie das trotzdem nicht getan. Aber beide hatten auch ihre jeweils eigenen, die dann ziemlich geschlechtstypisch waren: Mein Vater hat mit Elektronik und Computer herum gespielt und meine Mutter hat Schmuck und Deko-Objekte gebastelt. Ich hab das alles mal ausprobiert, alles hat irgendwie Spaß gemacht, und mir wurde auch nicht vorgelebt dass diese Beschäftigungen nur für Männer oder nur für Frauen geeignet wären.  Trotzdem haben mich die technischen Interessen mehr gepackt. Was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau angeht, gab es da nicht viel Verteilung bei den beiden. Obwohl wir alle in der selben Wohnung gelebt haben, haben beide quasi ihren eigenen Parallelhaushalt darin geführt, d.h. alle Haushaltstätigkeiten waren beidgeschlechtlich belegt. Phasen der Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit haben sich auch bei beiden irgendwie abgewechselt, auch hier haben sich bei mir keine Geschlechterrollen eingeprägt.

Charakterliche Unterschiede gab es zwischen den beiden trotzdem viele, vor allem was den Umgang mit anderen Menschen angeht. In diesem Bereich habe ich dann wohl einige Verallgemeinerungen gebildet und mir ein Bild davon gemacht, wie Männer bzw. wie Frauen generell so sind. Das wurde sicher auch dadurch verstärkt, dass die beiden viel miteinander stritten und dabei oft auch selbst solche Verallgemeinerungen genutzt haben. Nicht alles davon habe ich einfach so geglaubt, schließlich widersprachen sich die Geschlechtsbilder die meine Eltern jeweils konstruierten. Soweit ich mich erinnere habe ich mich davon all die Jahre nicht angesprochen gefühlt. Egal ob etwas über „die Männer“ oder „die Frauen“ gesagt wurde, ich war nicht in der Lage oder gewillt, das irgendwie auf mich zu beziehen. Ich war schließlich ein Kind. War mir denn überhaupt bewusst dass ich in wenigen Jahren selbst ein Mann – oder eben eine Frau – sein würde?

Kommt meine Kindheit dann noch als Auslöser in Frage?

Alles in allem glaube ich nicht, dass die Haltung meiner Eltern meine Transsexualität „ausgelöst“ hat. Sie hat allenfalls dazu geführt, dass gewisse Konflikte erst sehr spät aufgetreten sind. Somit bin ich jetzt eigentlich mit der Kindheit durch, und glaube nicht, dass es dort einen direkten Auslöser gab. Und selbst wenn der Grund meiner Transsexualität schon vor der Kindheit gelegen hat, so gab es auch in all den Jahren keinen deutlichen Hinweis auf diese Entwicklung. Wenn ein Kind zunächst keine deutliche Geschlechtszugehörigkeit hat, dann könnte man ja vermuten dass es das in der Pubertät nachholt, und dann natürlich zu dem Geschlecht tendiert, das körperlich und hormonell vorliegt. Oder die Person fühlt sich weiterhin „neutral“. Aber wer würde schon damit rechnen, dass sich eine Identität zeigt, die im Gegensatz zum Körper steht?

Man spricht bei Kindern in medizinischen Kreisen meist nicht von Transsexualität, sondern von Geschlechtsidentitätsstörungen (Gender Identity Disorder = GID). Und es heißt, dass nur ein kleiner Bruchteil der Kinder mit GID im Erwachsenenalter transsexuell sind. Ich frage mich manchmal, ob meine geschlechtsneutrale Kindheit schon das ist, was diese sogenannten Spezialisten unter GID verstehen. Falls ja, dann wundert es mich nicht, dass die meisten davon später mal eine „normale“ Geschlechtsentwicklung durchleben. Die Diagnosekriterien für GID im Kindesalter entsprechen aber schon weitestgehend dem, was man sich gemeinhin unter Transsexualität vorstellt. Demnach hatte ich als Kind nichtmal diese Kriterien erfüllt.

Damit stellt sich die Frage, ob ich erst in der Jugend transsexuell geworden bin. Bis vor wenigen Monaten habe ich mir das genau so erklärt. Wenn ich meine Jugend genauer betrachte, dann komme ich aber zum Schluss, dass zu Beginn meiner Pubertät die Transsexualität eigentlich schon voll ausgebildet war. Und dennoch war mir das bis ins hohe Alter von *hust* 26 Jahren so richtig nicht bewusst. Aber das ist eine komplexe Geschichte für sich, die in einem oder mehreren der nächsten Blogbeiträge erzählt wird…

Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

Ich befinde mich in einer Denkschleife. Das ist so eine Sache, für die ich immer schon anfällig war. Wenn mich ein Gedanke gepackt hat, dann kann es passieren, dass er mich längere Zeit nicht loslässt und mich rund um die Uhr an jeden Ort verfolgt. Es gibt dann Tageszeiten, zu denen ist denken nicht angebracht, da habe ich dann auch meine Ruhe vor dem jeweiligen Thema. Aber zu jedem Zeitpunkt, zu dem ich denken kann, denke ich dann an diese eine Sache, und habe keine Kapazitäten mehr, um über etwas anderes nachzudenken.

Beispiele aus der fernen Vergangenheit

Meine Denkschleifen können verschiedenste Themen haben, aber nur selten etwas angenehmes. Es kann um andere Menschen gehen, oder um mich, oder um die Beziehung zwischen mir und anderen Menschen, oder um technisches… einige Beispiele:

Eine meiner ersten langandauernden Denkschleifen handelte von einer Schulkollegin. Sie war mir schon längere Zeit recht sympathisch, aber eigentlich kannten wir uns kaum und hatten privat nichts miteinander zu tun. Einige Zufälle (darunter auch Alkohol) führten dazu, dass sie mir eine Reihe von schwerwiegenden Sorgen und Problemen anvertraute, über die sie zuvor noch nie mit jemandem gesprochen hatte, und vielleicht auch nie wieder von sich aus ansprechen würde. Von da an hätte ich ihr gerne dauerhaft mit einem offenen Ohr und mit Hilfe und Unterstützung zur Seite gestanden, aber leider gab es noch am Abend unseres Gespräches ein paar Vorfälle, die uns beiden später peinlich waren. So war es danach schwierig, wieder miteinander in den Dialog zu kommen. Ich dachte lange darüber nach, wie es ihr wohl geht, wie ich am besten das Vertrauen wieder aufbauen sollte und was ich danach für ihr Wohlergehen beitragen könnte. Ich hatte auch Angst, dass es ihr unangenehm ist, wenn ich sie darauf anspreche. Diese Fragen waren alles, was mir durch den Kopf ging. Ich versuchte, die Sache aus ihrer Perspektive zu verstehen und versetzte mich nach und nach so umfassend in ihre Lage hinein, dass mein eigenes Leben für mich sekundär wurde. Und zwar mehr als ein ganzes Jahr lang! Dabei fiel mir auch nicht auf, dass ihre jämmerlichen Lebensumstände sich inzwischen gebessert hatten und es ihr nun bestens ging. Kein Wunder, schließlich hatte ich in diesem Jahr nur nachgedacht und nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Was solls, dachte ich, Hauptsache ich lerne aus diesem Fehler und beiße mich nie wieder so an einem Gedanken fest.

Aber weit gefehlt. Zwei weitere Male hatte eine gute Freundin (nicht beides mal die gleiche) recht plötzlich die Freundschaft beendet, ohne dass sie einen Grund genannt hätte oder ein Grund offensichtlich gewesen wäre. Also genau genommen ist sowas ziemlich oft passiert, aber zwei mal hat es mich in der Weise erwischt, dass ich mit meinen Tagen nichts anderes mehr anfangen konnte, als darüber nachzudenken, warum das passiert ist. Vielleicht hätte mir die Kenntnis der Gründe geholfen, die Freundschaft wieder aufzubauen. Vielleicht hätte es auch dazu geführt, dass ich es einfach verstehe und mich damit abfinden kann, dass es wohl so kommen musste. Und die größte Hoffnung, nachdem sowas schon unzählige Male passiert war, bestand darin, es in Zukunft zu verhindern. Das könnte bedeuten, Freundschaften zu Mädchedn bzw. Frauen über mehrere Jahre stabil halten zu können. Oder einfach Personen zu erkennen, mit denen Freundschaften instabil wären, und sich gleich von ihnen fernzuhalten. Zwei mal hat mich dieser Gedankenstrom für mehrere Jahre gepackt, hat mich blind für alle anderen Vorgänge um mich herum gemacht. In diesen Fällen war es sogar durchaus angebracht, mich so auf das Thema zu fixieren. Denn intensive Kontakte zu gleichaltrigen Mädchen bzw. Frauen waren bzw. sind in meinem Leben das einzige, was mich wirklich bis in mein innerstes hinein mit Glück und Zufriedenheit erfüllen kann. Die Instabilität dieser Freunschaften hat meine Chance, ein erfülltes Leben zu führen, massiv gefährtet. Was liegt näher, als sich mit den Ursachen und Möglichen Lösungen zu befassen? Das Problem war nun aber, dass mir recht bald die Grundlagen ausgingen, auf denen ich diese Gedanken aufbauen konnte. Jede Idee, jeder Zusammenhang, jeder Erklärungsversuch war bereits mehrfach gedacht, und ich konnte dennoch nicht aufhören. Ich weiß nicht, wie viele Jahre meines Lebens von diesen Gedanken erfüllt waren. Vielleicht waren es zwei, vielleicht fünf…

Sowas passiert mir nun nicht mehr…

Die vorherigen Beispiele finde ich jeweils recht schockierend. Ich muss offen zugeben, dass ich sie krankhaft abnormal finde. Aber selbst wenn, sie sind ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit, und ich schäme mich für meine früheren Verhaltensweisen nicht. Ich weiß auch, dass sich mein Geist und meine Psyche seit dem weiter entwickelt haben, und dass ich seit einigen Jahren genug Kontrolle über mein Denken und Fühlen habe, um mich nicht derart sinnlos in endlosen Gedanken zu verlieren. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Gedanken mehr gäbe, die mich längere Zeit beschäftigen.

Eine angenehmere und weniger krankhafte Denkschleife ergab sich im Jahr 2005. Diesmal war es eine technische Idee, die recht bald zu meinem Hirngespinnst „Cubenet“ wurde. Über diese Software nachzudenken war nicht zwanghaft, vielmehr habe ich freiwillig jede verfügbare Minute genutzt, das Konzept weiter auszuarbeiten. Inzwischen bin ich von der Nützlichkeit dieser Idee so überzeugt, dass sich dennoch eine zwanghafte Komponente eingestellt hat: Bei jeder nicht-trivialen Aufgabe, eine bestimmte Anwendung zu programmieren oder auch nur zu spezifizieren ist der erste Gedanke: „Wäre Cubenet schon fertig und könnte ich darauf aufbauen, dann wäre die Lösung ganz einfach.“ Seit nun 7 Jahren ist Cubenet eine bestimmende Komponente in meinen Denkweise und sogar für meine Lebensplanung: Mein Masterstudium habe ich danach ausgewählt, meine Entscheidung gegen den Mainstream-Arbeitsmarkt und für die Gründung eines Startups kam aus dem Wunsch, günstige Rahmenbedingungen für „Cubenet“ zu schaffen, und auch wenn ich letzlich in einem Startup gelandet bin, das nicht mit dem Zweck gegründet wurde, Cubenet zu verwirklichen, prägt diese Idee meinen täglichen Arbeitsablauf und teilweise auch die gesamtge Unternehmensausrichtung. Ich finde, das ist eine Denkschleife im positivsten Sinne, auch wenn ich mir ab und zu mal wünschen würde, unvoreingenommen an Softwareentwicklung gehen zu können, so wie „normale Programmierer“ es tun.

…oder doch?

Aber meine aktuellste Denkschleife bezieht sich – und damit überrasche ich vermutlich niemanden – auf meine Transsexualität. Etwa vom Februar bis August des letzten Jahres war es schon so, dass sich in meinem Hirn kaum andere Themen tummelten. Das war völlig verständlich und ok, schließlich hatte ich eine Menge verdrängter Gedanken aufzuarbeiten und musste Entscheidungen treffen, die mein gesamtes Leben in allen Bereichen und vorallem bis an dessen Ende beeinflussen würden. Es handelt sich um ein unglaublich komplexes Thema, allein schon die nötigen Infos zu finden, zu lesen und sich zu merken hat was-weiß-ich-wie-viele hunderte oder tausende Stunden gedauert. Dass nochmal soviel für nachdenken und hinterfragen hinzukommt, ist auch klar. Aber etwa im August war dann eigentlich alles geklärt und ich habe mich darauf gefreut, einfach nur noch zu leben und glücklich zu sein. Und das hat geklappt.

Zumindest bis vor kurzem. Seit Ende Dezember spüre ich, wie sich das Thema bei mir wieder in den Vordergrund drängt. Während es im letzten Jahr offensichtlich angebracht war, meinen Kopf darüber zu zerbrechen, bin ich mir momentan mit mir selbst uneins, ob das den nun sein müsse. Lebenszeit, die ich in so einer Denkschleife verbringe, ist relativ vergäudete Lebenszeit. Somit wäre es wünschenswert, diese Gedanken jetzt sofort abzustellen und sich auf das eigentliche Leben zu konzentrieren. Das ist erstens leicher gesagt als getan, und zweitens vielleicht sogar diesmal der falsche Weg. Diese Schleife hat vielleich eine Daseinsberechtigung. Denn ihr thematischer Inhalt ist nicht bloß „die Transsexualität an sich“ sondern vielmehr die konkrete Frage:

„Ob es angebracht ist, dass ich noch ein Jahr auf die Hormongabe warte, und falls es nicht richtig ist, wie ich diese Zeit verkürzen kann.“

Es ist nun so, dass ich auch über vieles andere nachdenke – aber in den letzten Wochen gab es keinen Abend, wo ich nicht auch mindestens eine Stunde diese Frage beackert hätte. Muss denn sowas sein?

Sein oder Denken, das ist hier die Frage

Mein Leben ist doch wunderbar, so wie es nun ist. Ich….

  • habe seit meiner Transition viele neue Freunde gefunden, kaum alte verloren, und viele dieser Freundschafen haben eine ganz neue Intensität bekommen
  • habe diverse neue Hobbys entdeckt
  • bin mit meinem Charakter und meinem Äußeren zufriedener als je zuvor
  • insbesondere damit, dass beide nun im inneren Gefühl und in der äußeren Präsentation übereinstimmen
  • kann endlich durch die Straßen gehen ohne neidisch auf andere Frauen zu sein
  • und habe nebenbei den Übergang vom Studium in einen erfüllenden Beruf geschafft

Es ist alles so gut geworden, dass es schade wäre, diese Zeit durch Nachdenklichkeit zu vergäuden. Stattdessen sollte ich einfach leben!

Aber so gut es mir auch jetzt gehen mag, ich bin mir sicher, ab dem Beginn der Hormontherapie wird es mir noch viel besser gehen. Es gibt jeden Tag noch unzählige Details, die mich nerven, stören, bedrücken, verunsichern… und die meisten davon werden sich früher oder später durch die Einnahme auflösen. Vieles davon sind Kleinigkeiten, die nur in der Summe groß sind. Aber auch bedeutende Dinge werden sich ändern. So sehne ich mich sehr nach Liebe, Zärtlichkeit und Partnerschaft, was aber für mich mit meinem aktuellen Körperzustand absolut undenkbar ist. Jeder Tag, den ich länger auf den Beginn der Hormongabe warte, warte ich auch länger auf die Grundvorauassetzung für ein Beziehungsleben.

Aus der Perspektive betrachtet sind meine jetzigen Tage suboptimal, sie einfach nur zu leben, ist Vergäudung. Sie mit Nachdenken zu verbringen wäre hingegen keine Vergäudung sondern eine sinnvolle Investition in meine Zukunft.

Ein Fazit? Als ob mein Hirn sich an ein Fazit halten würde!

Ich habe jetzt rationale Gründe für und wieder das unbeschwerte dahinleben bzw. das angestrengte Nachdenken geliefert. Und die sind alle vollkommen egal, weil mein Kopf sowieso nachdenkt, ob es nun aus rationaler Sichtweise angebracht sein mag oder nicht. Es ändert nicht, ob ich denke, es ändert allenfalls, ob dieses Denken krankhaft-zwanghaft zu bewerten ist oder eben eine selbstvertändliche Notwendigkeit darstellt. Und all das ändert nichts daran, dass ich in näherer Zukunft eben über dieses eine Thema bloggen werden.

Und egal ob krankhaft oder sinnvoll, der Gedankenstrom wird spätestens dann sein Ende haben, wenn die Hormone verordnet werden, was in ca. 1 Jahr der Fall sein sollte. Mehr als ein Jahr kann ich also nicht damit verplämpern. Da kann man sich nun fast schon fragen, ob Denkschleifen von weniger als einem Jahr Dauer es überhaupt Wert sind, erwähnt zu werden…