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Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Programmänderung

Eigentlich hatte ich ja vor, jetzt einfach nur noch glücklich und zufrieden zu sein. Leider musste ich feststellen, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Es gibt viel dazu zu sagen, ich möchte heute mal einen leichten Einstieg dort hinein versuchen.

Erstmal ein großes „Sorry“ an alle meine Twitter-Follower_innen, insbesondere an die, denen ich am Herzen liege. Ich habe in den letzten Tagen wieder viel rumgejammert, nicht ganz ohne Grund, aber hatte es bisher nicht geschafft, den Grund in Worte zu fassen. Manche waren sicherlich besorgt um mich, noch viel mehr einfach nur noch genervt. Ich denke, ich bin nun soweit, Klartext zu reden, zumindest in der Theorie. Rein emotional hab ich wohl endlich alles verarbeitet, was mir derzeit Angst macht. Das war ein langer, harter Weg, den ich mit Unterbrechungen seit Anfang Dezember beschreite. Seit dem ist in meinem Leben viel passiert, aber die Grundproblematik blieb bestehen – so wie schon seit 13 Jahren.

Zum Punkt kommen

Ich weiß nicht, warum es mir so unendlich schwer fällt, zum Punkt zu kommen und es beim Namen zu nennen, was mich so bedrückt. Also:

Wie vermutlich jeder Mensch habe ich diverse kleine soziale Inkompetenzen, also Bereiche, in denen mein Sozialverhalten von dem abweicht, was für mich und die Menschen um mich herum gut und erfreulich wäre. Vieles davon konnte ich in den letzten Jahren „beheben“, und einiges anderes einfach akzeptieren, denn nobody’s perfect. Eine „Kleinigkeit“ ist allerdings übrig geblieben, und in den letzten Tagen ist mir mal wieder bewusst geworden, dass das eben keine Kleinigkeit ist, sondern ein großer Brocken, der mir Angst macht. Angst, deshalb niemals glücklich werden zu können, bzw. nicht auf Dauer glücklich sein zu können, solange das so ist.

Es geht – stark vereinfacht gesagt – um Situationen, in denen ich Menschen, die ich mag, meine Zuneigung und mein Interesse an gemeinsamer Freizeit nicht zeigen kann. Ich weiß, dass das vielen Menschen nicht leicht fällt und ich da keinen Perfektionismus von mir erwarten darf, aber das Ausmaß dieses Unvermögens hat bei mir absolut krankhafte Züge. Was ich kürzlich über das Bedürfnis zu Kuscheln schrieb, ist ein kleiner, fast schon unbedeutender Teil der Gesamtproblematik, denn es betrifft eigentlich alle meinen sozialen Interaktionen. Und es betrifft fast alle meine Kontakte: von entfernten Bekannten über Freund_innen verschiedenster Art bis hin zu sehr wichtigen Herzensmenschen und potentiellen Partner_innen. Das ist für mich keine Kleinigkeit mehr, das macht mich immer wieder fertig. Ich schaffe es zwar, in Einzelfällen um das Problem herum zu arbeiten, und es immer mal wieder für ein paar Monate oder gar Jahre zu verdrängen und mir einzureden, dass es kein Problem ist. Aber damit ist jetzt Schluss, ich kann und will das nie wieder verdrängen und als gegeben und unabänderbar hinnehmen. Ich möchte dieses (hoffentlich) letzte Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben endlich aus dem Weg räumen.

Komplexitäten

Das Ganze ist eine ziemlich vertrackte Sache, bei der es mir inzwischen sehr wichtig geworden ist, die ganzen damit zusammenhängenden Umstände endlich selbst zu erkennen und zu verstehen (was ich inzwischen wohl geschafft habe) und dann aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit auch ihr eine Chance habt, mich zu verstehen, wenn ihr denn wollt. Denn nach allem, was die letzten 13 Jahre mir gezeigt haben, werde ich Hilfe dabei brauchen, dieses Verhaltesproblem in den Griff zu bekommen. Ich glaube nur sehr eingeschränkt daran, dass eine Psychotheraphie dabei der Weg zum Ziel wäre, und möchte daher nun probieren, das Problem in freier Wildbahn anzugehen, genau dort, wo es auftritt: im Umgang mit euch.

Ich sehe es also als unumgänglich an, darüber zu schreiben, was letztlich deutlich umfangreicher sein wird als dieser kleine Blogpost. Meine aktuellen Notizen und Entwürfe dazu umfassen mehr als das zehnfache eines „gewöhnlichen“ Blogposts, und ihr wisst sicherlich, dass die in aller Regel schon ziemlich lang und anstrengend sein können. Es ist meine Pflicht, das alles noch besser zu strukturieren und verständlich zu machen, ganz rigoros zu kürzen und die einzelnen Teile für sich jeweils verständlich zu machen, damit jede_r von euch die Möglichkeit hat, auch mal nur Bruchstücke davon zu lesen. Denn ich weiß, dass ich für die allermeisten von euch nicht das Zentrum der Welt bin (und nicht sein will und kann) und dass ich von nur sehr wenigen Menschen, wenn überhaupt, eine wirklich intensive Beschäftigung damit erwarten kann.

Wie es (vermutlich) weiter gehen wird

Ich werde dafür noch einiges an Zeit und Kraft brauchen. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr, das Problem unter den Teppich zu kehren, damit es dort in ein paar Jahren wieder hervor quillt und mir Sorgen und Kummer bereitet. Es sind für mich keine einfachen Zeiten, um das anzugehen, schließlich plagen mich seit ein paar Wochen sowieso des öfteren Stimmungstiefs, die vermutlich hormonell bedingt sind. Aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Phasen auch produktiv nutzen kann, um die Dinge anzugehen, die mir Angst bereiten. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die wirklich wichtigen Probleme zu verdrängen und bei aufziehenden Tiefphasen stattdessen wegen wirklichem Kleinkram zu heulen.

Ich habe in letzter Zeit Gesprächsangebote bekommen, um über das zu sprechen, was mich bedrückt. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber bisher habe ich das Gefühl, ich bin noch gar nicht weit genug dafür. Ich mache das derzeit lieber mit mir selbst aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich dann wirklich Redebedarf habe. Ich werde das dann entsprechend ankündigen und dann auch gerne in Anspruch nehmen.

Bis dahin werde ich viel Zeit für mich selbst brauchen, aber zwischendurch auch immer wieder mal Zeit mit anderen, so wie bisher. Falls möglich, behandelt mich einfach so wie immer, und denkt euch nicht allzu viel dabei, wenn ich eine Einladung mittel- oder kurzfristig absagen muss. Das ist dann in dem Moment so, ich brauche dann eben wieder Alone-Time, und am nächsten Tag bin ich vermutlich wieder gut gelaunt und gesellschaftstauglich. Ich denke, in den Zeiten, wo ich mich aus dem Haus traue, brauche ich auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, dann geht’s mir ziemlich normal, sonst wäre ich nicht draußen.

Das mag nicht der übliche Weg sein, mit solchen Problemen umzugehen, aber ich bin mir derzeit ziemlich sicher, dass es *mein* Weg ist. Ich bitte euch, das zu akzeptieren. Ihr müsst ja nicht mitmachen, aber ich würde gerne auf nett gemeinte Hinweise verzichten, die mir sagen, ich solle doch stattdessen lieber in dieser-und-jener-Weise damit umgehen.

Ok, ich hoffe, das hat wenigstens ein bisschen mehr Fragen beantwortet als es neue aufwirft. In nächster Zeit kommen dann also ein paar Blogposts, die das Problem, seine Ursachen und meine Lösungsansätze jedes mal ein Stück weit konkretisieren.

Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

In den letzten 20 Stunden habe ich mich in einer Weise mit #aufschrei beschäftigt, die mir nun mit etwas Distanz merkwürdig vorkommt. Ich möchte gerne etwas richtig bzw. klar stellen.

Wer mir oder dem Hashtag #aufschreistat folgt, oder auf der Mailingliste mit liest, hat sowohl von mir als auch von anderen in dem Zusammenhang Worte wie cool, geil, juhu, Spaß, ect. gelesen. Wir waren damit beschäftigt, die Tweets geordnet zu sammeln, und jeder Tweet, der unsere Sammlung vervollständigt hat, war somit ein Erfolg.

Doch bei #aufschrei geht es in jeder Hinsicht um Negatives. Entweder erzählen Menschen von Ungerechtigkeit, Leid, Demütigung und Gewalt, die sie erfahren haben.  Oder Menschen teilen ihre Empathie, ihre Schuldgefühle, ihre Scham oder ihre Hilflosigkeit demgegenüber mit. Noch andere ignorieren dies, rechtfertigen es, machen sich darüber Lustig oder üben ganz direkte verbale Gewalt aus. Was auch immer davon der Inhalt sein mag, ein #aufschrei-Tweet ist per Definition niemals erfreulich.

Die Arbeitsweise hat es bedingt, dass wir hier mit Programmcode arbeiten, mit Datenbankschemata, API-Aufrufen, Objekten, etc. Die Inhalte der Tweets waren zwar sichtbar, aber liefen zu hunderten pro Sekunden über meinen Bildschirm. Da gab es für mich – ausnahmsweise – mal keine Inhalte, keine Emotionen, keine Menschen und Schicksale.

Wenn es so weitergeht wie es uns derzeit vorschwebt, kommen am Ende viele Ergebnisse heraus. Zuallererst fallen da Zahlen ein, nicht nur die Gesamtzahl der Tweets, sondern auch, dass in über 620 davon das Wort „Lehrer“ vorkommt, aber nur in 23 das Wort „Pfarrer“ oder „Priester“. Prozentsätze, Durchschnittswerte, Alterscluster, was weiß ich..?

Dann kommen Kategorien heraus. Alle Berichte über nicht-einvernehmliches Küssen auf einmal. Alle über das Absprechen von Fähigkeiten. Alle über Missbrauch innerhalb der Familie. Diese Kategorien lassen sich zählen und stellen somit wiederum harte, numerische Fakten dar. Aber die zugehörigen Berichte lassen sich dann auch einsehen, die Inhalt wird dann in ganz besonderer Wucht wahrnehmbar werden. Ohne die umgebenden „eher harmlosen“ Tweets, ohne die Diskussions- und Dabattiertweets, ohne die Meta-Aussagen, ohne Trollerei und Verneinung können diese Mengen an Texten eine Intensität erreichen, die für viele Leser_innen vermutlich nicht mehr erträglich ist. Aber gleichzeitig können Sie evtl. einige Menschen erweichen, die #aufschrei jetzt noch für einen Witz oder Hysterie halten.

Letztlich erhoffe ich mir von diesem Projekt also, zwei entgegengesetzte Auswirkungen: mehr geballte Fakten und mehr geballtes Gefühl. Für jeden Rezipienten, für jede Situation, für jede Verwendung in den Medien jeweils das, was gebraucht wird.

Ich denke, es wird daraus klar, dass die Distanzierte, ja geradezu euphemistische Betrachtung der Tweets als bloße Datenpakete nicht darauf hindeutet, dass ich oder sonst jemand die Lage nicht ernst genug nimmt. In den nächsten Tagen werde ich mich wieder sehr vermehrt den Inhalten, den dahinter stehenden Erfahrungen und Empfindungen beschäftigen. Mein Sprachgebrauch wird dabei sicher weniger euphorisch sein.

Erstaunlicherweise hat auch noch niemand diese potentielle Problematik beanstandet, aber es war mich wichtig, das am besten schon zuvorkommend klarzustellen. Damit ich jetzt endlich auch beruhigt zu Bett gehen kann.

#aufschreistat – Statistische Analyse des Aufschreis

Wichtig: Projektkoordination

Trotz der frühen Phase gab es jetzt schon mehr Hilfsangebote, als ich im Kopf behalten kann, und die Kommunikation über Twitter ist, nunja, schwierig. Hier ein paar Links:

Ich selbst komme vor 20 Uhr (Dienstag) nicht dazu, weiter zu koordinieren, etc. – habt bitte etwas Geduld, oder – noch besser – organisiert euch ein wenig untereinander. Danke!

Warum überhaupt auswerten?

Zur Hashtag-Aktion #aufschrei ist viel wahres, kluges und vor allem emotionales geschrieben worden – siehe dazu z.B. die Blogposts, deren Verlinkungen ich in den letzten Tagen retweetet habe (für eine ordentliche Linksammlung hier fehlt mir gerade Zeit und Kraft). Ich stimme all dem nicht nur sachlich zu, sondern kann auch die darin beschriebenen Gefühle nachvollzielen, habe vieles davon in den letzten Tagen selbst so gespürt. Emotion gehört dazu und ist wichtig. Auch Emotionen stoßen Debatten an.

Aber diese Debatten kommen dadurch nicht unbedingt weiter. Dies ist keine Kritik an Emotionen, es ist der Versuch, diese durch sachliche Fakten und Analysen zu ergänzen, zu stützen und rational begreifbar zu machen.

Ich habe in den ersten 70 Stunden seit dem Beginn von #aufschrei mehr als die Hälfte jener Zeit mit dem Lesen der #aufschrei-Tweets verbracht und nur sehr viel weniger mit Schlafen. Soweit ich das abschätzen kann, habe ich fast alle #aufschrei-Tweets, die seit dem direkt in meiner TL landeten, gelesen. Das dürften etwa 1000 solcher Tweets gewesen sein, somit aber deutlich weniger als 2% aller #aufschrei-Tweets überhaupt. Damit habe ich keinen repräsentativen Überblick über alles, was aufgeschie(b)en wurde. Vermutlich hat kein Mensch auf der Welt das in diesem Moment.

Diverse klassische Medien haben #aufschrei-Tweets zitiert, und die jeweilige Auswahl schien zufällig (was ja immerhin repräsentativ ist) oder aus einem sehr kleinen Sample bewusst ausgewählt. Die Medien haben es damit nicht geschafft, die Menge, Vielfalt und Intensität des #aufschrei zu vermitteln.

Neben der Ursprungs-Aussageform – des Kurzberichtes über ein konkretes sexistisches Erlebnis – entstanden schon bald Meta-Aussagen, die versuchten, Verallgemeinerungen zu treffen. Auch ich habe mich darin versucht, erhielt Zustimmung durch Retweets und Kritik in Form von Antworten durch Menschen, die meine Aussage (wohl meist absichtlich) missverstanden. Aber letztlich waren das sowieso immer Aussagen über Momentaufnahmen meiner Filterbubble und somit ohne globale Bedeutung.

Nun möchte ich dazu beitragen, die Debatte auf das nächste Level zu erheben: den Blick auf die Gesamtproblematik, das Abwägen verschiedener Teildimensionen des Problems oder auch der Teilprobleme, und auf die neuartigen Erkenntnisse die nur durch eine solche Gesamtbetrachtung gewonnen werden können.

Ich denke nicht, dass der Erfolg der Aktion nach der folgenden Formel funktioniert: Tweeten -> sammeln -> statistisch anlysieren -> Erkenntnisse -> bessere Welt. Aber ich bin überzeugt, statistisch fundierte Erkenntnisse helfen dazu, dass die Aktion insgesamt erster genommen wird, dass die Debatte intensiver geführt wird, und letztlich, dass sie konstruktiver abläuft und konkretere Ergebnisse hat.

Technisches

Eine bedeutungsvolle Analyse geht nur mit technischen Hilfsmitteln, aber die allein reichen nicht. Vorausgesetzt, die mehr als 60.000 #aufschrei-Tweets lägen mir gebündelt vor – und das wird vermutlich bald der Fall sein – wären vollautomatische Auswertungen nur auf Wortebene praktikabel, z.B.: Wie oft kommt das Wort „Sportlehrer“ vor? (Vermutung auf Basis des bisher manuell gelesenen: extrem oft.) Allein die Einteilung in zustimmende Tweets vs. Versuche, die Aktion zu kritisieren, relativieren, ins Lächerliche zu ziehen oder einfach nur zu trollen, halte ich für so gut wie gar nicht automatisierbar. Und selbst damit würden wir nur an der Oberfläche der darin verborgenen Erkenntnisse kratzen.

Ich halte es für nötig, die Informationen aus den Tweets in eine „maschinenlesbare“ Form zu bringen. Das kann prinzipbedingt nicht von Maschinen erledigt werden. Mir schwebt dabei vor, den Tweets per Hand Tags zuzuordnen, welche sich danach auswerten lassen. Tags sind dabei semi-strukturierte Informationen, die einem losen Schema folgen. Dieses legt nahe, dass bereits vorhanden Tags identisch weiter benutzt werden, aber erzwingt dies nicht. Das ist wichtig, damit einerseits ähnliche Tweets mit gleichem Tag versehen werden, aber andererseits neu- bzw. andersartige Tweets, die neue Aspekte betreffen, nicht in ein starres, vorgefertigtes Raster gepresst werden.

Dazu braucht es Menschen, die das tun. Menschen, die all diese (teils schmerzvollen) Tweets nochmal aufmerksam lesen und kategorisieren. Das klappt nur, wenn viele Mitmachen. Und es brauch die Software, um diesen verteilten Aufwand zu koordinieren. Ich werde diese Software schreiben.

Ich möchte hier nicht zu technisch werden. Dies geschieht stattdessen auf der Projekthomepage „aufschreistat“ bei GitHub. Viel gibt es dort noch nicht zu sehen, die aktuelle Version kann nichts, außer Tweets in die Datenbank schreiben. Updates zur Aktuellen Entwicklung twittere ich außerdem unter dem Hashtag #aufschreistat.

Die eigentliche Auswertung gilt es dann noch zu klären. Vieles lässt sich direlt als SQL-Abfrage schreiben, vorallem da in der Datenbank fast alle Spalten indiziert sind, incl. Volltext-Index auf den Tweet-Inhalten. Für manche Auswertungen wird spezieller Java-Code nötig sein. Und dann könnte es auch noch Exporte der angereicherten Daten geben, die dann in professionelle Statistik-Software einfließen könnte.

Datenquellen

Die Daten direkt von Twitter zu erhalten ist nicht einfach. Derzeit sieht der Datenbestand wie folgt aus:

  • Freitag 00:00 bis Freitag 11:00 – fehlt
  • Freitag 11:00 bis Montag 11:00 – vollständig durch den Datensatz von Soviet.tv
  • Montag 11:00 bis Dienstag 01:26 – fehlt
  • Dienstag 01:26 bis Dienstag 03:27 – teilweise vorhanden
  • Dienstag 3:27 und danach – vollständig dank eigener Sammlung

Es gibt technisch die Möglichkeit, von Twitter bis zu 150.000 vergangene Tweets zu einem Suchkriterium zu erhalten, was allerdings eine spezielle Genehmigung durch einen hochrangigen Twitter-Mitarbeiter erfordert. Diese habe ich bereits per Mail angefordert, wobei ich versucht habe, die gesellschaftliche Bedeutung von #aufschrei zu erläutern. Hoffen wir mal, dass ein positiver Bescheid kommt, noch bevor die Anzahl der #aufschrei-Tweets 150.000 überschreitet.

Mitmachen

Im Moment ist mir bei der Software-Entwicklung kaum zu helfen – die Software ist noch in einem so embryonalen Zustand, dass eine kooperative Arbeit am Code praktisch nicht möglich ist. Aber das wird sich hoffentlich in 1 bis 2 Tagen ändern. Wie das dann genau aufläuft, wird sich zeigen – dies ist zugegebenermaßen das erste Mal, dass ich ein Open-Source-Projekt auf github leite.

Nachtrag 6:41: Wozu aber jetzt schon jede_r herzlich eingeladen ist: Vorschläge machen, welche Fragestellungen wichtig und interessant sind, die sich evtl. aus den Daten herausziehen lassen. Konkrete Vorschläge, welche Arten von Inhalten getaggt werden könnten. Weitere Wünsche, welche Funktionen die Software erfüllen sollte oder könnte. Alles, was dabei hilft, das grobe Konzept was mir derzeit vorschwebt so zu erweitern, dass nicht nur mein Wissensdurst durch die Ergebnisse befriedigt wird, sondern alle den Erkenntnisgewinn bekommen, den sie sich davon erhoffen.

Sobald die Software Form angenommen hat und nutzbar ist, braucht es viele viele fleißige, mutige Helferlein, die sich durch die Tweets durcharbeiten, sie lesen und mit Tags versehen. Um alle Tweets zu zu verarbeiten, bräuchten wir etwa 1000 Stunden an gespendeter Zeit, des entspricht 125 vollen Arbeitstagen. Ich weiß, so viel werden wir nicht bekommen. Aber damit die Ergebnisse repräsentativ werden, reicht es, wenn wir einen signifikanten Anteil davon verarbeiten – das Programm wird die Tweets in zufälliger Reihenfolge anzeigen, um einen repräsentativen Querschnitt abzubilden. Und das können wir schaffen.

Damit das möglich wird, muss das Projekt bekannt werden. Jetzt wäre es zu früh dafür, noch ist es ein Luftschloss. Aber in 1 bis 2 Tagen hoffe ich auch eine Menge Retweets und ähnliches.

Abschließendes

Mich hat die ganze Sache in den letzten Tagen sehr mitgenommen. Ich musste mich zwar nicht erbrechen und habe auch nicht im nennenswerten Maß geweint, aber das war’s auch schon, was ich positives über meinen Zustand sagen kann. Prinzipiell könnte ich viel anderes, nicht-technisches zu diesem Thema schreiben. Aber momentan versuche ich, meine Energie dahin zu kanalisieren, wo es nützlich ist und wo der Aktivismus derzeit unterrepräsentiert ist. Und das ist nun mal gerade #aufschreistat.

Ich hoffe, dass diese Aktion, zusammen mit all dem was andere im Rahmen von #aufschrei leisten, dazu beiträgt, dass die Debatte nicht vorschnell wieder abebbt. Ich wünsche mir einen Protest, der um ein vielfaches größer ist als das, was wir jetzt haben. Das mediale Echo der letzten Tage hat gezeigt, wer die Massengesellschaft repräsentiert und was diese angeblich denkt. Für mich war das schockierender als die durch #aufschrei aufgedeckten Übergriffe selbst, denn bis dahin konnte ich noch glauben, dass nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland offen sexistisch ist. Nun scheint es mir, als ob entweder eine absolute Mehrheit sexistisch motiviert ist – das schließt ausdrücklich auch Frauen mit ein – oder als wenn eine sexistische Minderheit es erfolgreich schafft, sich als Mehrheit zu präsentieren. So oder so ist das ein Zustand, den ich nicht kampflos hinnehmen werde.

Kämpfen, hieß in den letzten Tagen: lesen, hören und fernsehen schauen. Gelegentlich twittern. Kämpfen, das heißt jetzt gerade, Code schreiben und technische Blogposts verfassen. Kämpfen, das wird in den nächsten Tagen heißen, statistische Analysen durchzuführen und Aussagen abzuleiten, um damit viele zu überzeugen, die den #aufschrei noch für einen unnötigen und nervigen Kurzzeittrend halten.

Und dann wird Kämpfen hoffentlich für mich und tausende andere heißen: raus auf die Straßen, einen lauten und sichtbaren Protest veranstalten, der sich mit den monatelangen Studierendenprotesten von 2009 messen kann.

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.

Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Die letzten 1,5 Jahre meiner „Krankheitsgeschichte“

Ich bin mal wieder gezwungen, mich sehr ausführlich mit dem „transsexuellen System“ zu beschäftigen. Deshalb entstand heute ein sehr langer, konfuser Text, den ich nun in mehreren Einzelteilen nach und nach veröffentliche. Dieser erste Teil fasst zusammen, was ich in den letzten Jahren durchlaufen habe.

Inneres Coming-Out

Zuallererst waren da diese Wochen und Monate, in denen ich im stillen Kämmerchen in mich selbst hinein gehorcht habe bis ich mir absolut sicher war: Ich bin eine Frau und es gibt keinen anderen Ausweg als in Zukunft auch genau so zu handeln. Zu dieser Phase findet ihr in einigen meiner älteren Blogposts Erzählungen, auch wenn viele wichtige Teile des Erkenntnisprozesses noch nicht verschriftlicht sind. (Eigentlich ist dieser Post aus dem August der einzige, der sich direkt darum dreht.) Diese Wochen waren teilweise „harte Kost“, weil da einfach sehr intensive Gedanken und Gefühle sehr viel Raum eingenommen haben.

Die Suche nach einem Psych*

Aber es ging mir inzwischen sehr gut, ich hatte nicht das Gefühl, psychische Probleme zu haben. Trotzdem würde ich mich nach einem Psych* umsehen müssen.

(Ich benutze in all meinen Texten „Psych*“ als Oberbegriff für Psycholog_innen, Psychiater_innen und Psychotherpeut_innen. Es mag wichtige Unterschiede zwischen diesen  dreien geben, aber all die, mit denen ich zu tun hatte, haben sich so verhalten, dass diese Unterschiede nicht relevant waren. Gelegentlich steht psych* auch für Mengen von Adjektiven wie z.B. „psychologisch/psychiatrisch“)

Denn es gibt Behandlungsrichtlinien, die sagen, ein transsexueller Patient muss erst zu einem Psych* bevor eine Hormontherapie stattfinden kann. Manche Richtlinien sehen eine 6- bis 12-montagie Begleitung/Betreuung/Begutachtung vor, die sehr ergebnisoffen sein soll. Andere Richtlinien machen keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um eine Therapie handeln soll, deren Ziel es ist, „den Transsexuellen Wunsch“ zu heilen.

Als ich zu meiner Krankenkasse ging um dort zu fragen, was ich nun tun kann, gab es also keine Frage nach dem „ob“ sondern nur noch eine Frage nach dem „wie“ für mich. Ich hatte da ja schon die Entscheidung, das Coming-Out und den öffentlichen „Rollenwechseln“ hinter mir, habe schon mit vielen Bekannten über einiges gesprochen, aber nun mussten konkrete Handlungen folgen. Die Sachbearbeiterin dort sagte mir, ich müsste 1 Jahr Psych*Theraphie machen und könnte dann Hormone verordnet bekommen. Konkret hat sie mich zu einer bestimmten Psych* geschickt, da sie mir ansonsten keine Psych* dafür empfehlen könnte. Anschließend habe ich gut 4 Monate auf einen Termin bei besagter Psych* gewartet.

Kurze Psych*-Begleitung beim Studentenwerk

Zwischendurch habe ich auch eine andere Psych* aufgesucht, die über das Studentenwerk angestellt ist, um Studierende zu betreuen. Hier hatte ich nur zwei Wochen Wartezeit. Mit ihr sprach ich sehr offen über meine Transsexualität und meine Erfahrungen. Denn trotz der vielen tollen Gespräche im Bekanntenkreis wollte gerne mal mit einer außenstehenden und psych* fachkundigen Person sprechen. Ich war 3 oder 4 Mal zu einer Sitzung dort, und ich bin sehr gerne dorthin gegangen. Beim letzten Mal hatten wir aber beide das Gefühl, dass alles wichtige gesagt ist und ich eigentlich keine „Hilfe“ mehr brauchen kann. Eine langjährige Betreuung und Indikationsstellung kam bei der Art ihrer Anstellung und (Nicht-)Zulassung sowieso nicht in Frage. Also beließen wir es dabei.

Meta-Gatekeeping

Jene von der Kasse empfohlene Psych* hat mich 1 Stunde befragt. All das, um mir dann sinngemäß zu sagen: „Sie sind transsexuell, sie brauchen Behandlung, aber nicht von mir. Hier haben sie eine Liste von Psych* die sich damit auskennen. Holen sie sich einen Termin bei einem davon.“ Als ich fragte, wozu diese Stunde Gespräch war, sagte sie mir in etwa: „Ich habe geprüft, ob sie verrückt sind. Hätte ich dabei festgestellt, dass sie verrückt sind, hätte ich sie ohne die Liste nach Hause geschickt. Ich beschütze meine Psych*-Kollegen vor einer Flut von Verrückten.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie „verrückt“ oder „bescheuert“ oder „durchgeknallt“ sagte, aber es war definitiv ein Begriff aus dieser abwertenden Kategorie.

(Zur Überschrift: Als „Gattekeeper“, also „Türsteher“ werden gelegentlich Psych* bezeichnet, die den Zugang zu Hormonen und OPs beschränken. Diese Psych* hat den Zugang zu jenen Gatekeepern beschränkt.)

Die „Therapie“

Ich habe dann bei einem Psych* eine „Therapie“ (Das Wort muss in in Anführungszeichen setzen, da ja hoch mehrdeutig ist, ob das eigentlich eine Therapie sein soll, und wenn ja, was da therapiert wird) begonnen, um letztlich die Indikation für Hormone und OP zu bekommen. Das war natürlich wieder einige Monate später, da Psych* ja lange Wartelisten haben. Es war übrigens niemand von der tollen Liste, da mir vier andere Transfrauen einheitlich einen bestimmten Psych* empfahlen, der eben nicht darauf stand.

Er erklärte mir zu Beginn, welche Regeln da bestünden, also im Wesentlichen mindestens 12 Monate Behandlung. Er machte von Anfang an klar, dass er diese Regeln selbst unmenschlich findet, es ihm Leid tut, dass er mich diesen Regeln unterwerfen muss, und dass er versuchen wird, das ganze so wenig nervig wie nötig zu machen, z.B. indem ich in diesem Jahr nur recht selten und kurz dorthin muss. Das klingt ja alles in allen sehr positiv, ganz so als täte dieser tolle Mensch alles ihm Mögliche, um es mir recht zu machen.

Diesen Glauben konnte ich aber leider kein ganzes Jahr aufrecht erhalten. Wenn er mich zu Beginn einer Sitzung fragte, warum ich heute hier sei, und ich in meiner Antwort irgendetwas von Hormonen erwähnte, wurde er wütend. Aber warum sollte ich auch sonst hier sein? Wenn ich genaueres zu dieser Richtlinie wissen wollte, die mich zu einem ganzen Jahr Therapie verpflichtet, wich er aus oder speiste mich mit unklaren Halbwahrheiten ab. Die meiste Zeit ging es mir generell gut, aber zwischenzeitlich hat mich das Warten auf die Hormone ziemlich zermürbt. Auf die Frage „Wie geht es ihnen?“ antwortete ich zuvor immer ehrlich mit „Sehr gut.“ Als ich einmal mit „Nicht so gut.“ antwortete, sagte ich auf weitere Nachfrage nach den Gründen: „Mich beschäftigt es sehr, auf den Beginn der Hormontherapie warten zu müssen. Und der Gedanke, dass es noch so lange bis dahin dauert, und es keinen Weg gibt, es zu verkürzen, bedrückt micht.“ Darauf hin meinte er nur „Darüber brauchen wir hier gar nicht reden.“ und beendete kurz später unsere Sitzung. Dabei ist diese Unzufriedenheit mit dem Warten schon lange da, wie dieser Text von Januar 2012 belegt. Die „Therapie“ fing ja erst im Dezember davor an.

Viele würden nun sagen: „Nu lass den guten Mann doch mal in Ruhe seine Diagnose machen, und dränge ihn nicht voreilig dazu, eine Stellung zu beziehen oder sogar schon Hormone zu verschreiben.“ Das Problem ist: nach der zweiten Sitzung war die Sache für ihn schon geklärt: Transsexualität, keine weiteren psychischen Auffälligkeiten. Er hat noch ein paar biografische Standard-Daten abgefragt, aber ist nie sonderlich in die Tiefe gegangen. Hätte ich schwerwiegende Psychische Krankheiten, so würde er es nicht wissen. Er hat sich weder bemüht, diese aus mir heraus zu fragen, noch hat er mir einen Rahmen gegeben, in dem ich von mir aus etwas hätte äußern können, was darauf hindeutet. Gleiches auch für die Transsexualität: ich hatte zwar kein extrem ausgeprägtes Bedürfnis danach, über intimste Details zu sprechen, aber immerhin eine große Bereitschaft. Aber er wollte alles nur ganz oberflächlich wissen, nichts im Vergleich zu den Gesprächen mit der Psych* des Studentenwerks. Aber bei meinem „betreuenden“ Psych* haben nach ein paar Sitzungen eigentlich über gar nichts mehr gesprochen.  Ob das alles Teil dessen war, es mir so angenehm wir möglich zu machen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mir diese ganze Therapie, die ich von Beginn an für nicht sehr sinnvoll hielt, immer sinnloser erschien. Für diese 10 Minuten unpersönlichen Smalltalk, bei dem es das ungeschriebene Gesetz gab, bloß nicht über Transsexualität zu sprechen, war ich oft 4 bis 5 Stunden außer Haus, was auch noch so im Tageslauf lag, dass ich weder davor noch danach viel geschafft habe. Es war einfach nur nervig und hat mich wütend gemacht. Aber was tut man nicht alles für einen blöden Zettel, der einen bescheinigt, transsexuell aber nicht verrückt zu sein?

Vornamensänderung

Vornamensänderung als Graph

Zwischendurch habe ich die Vornamensänderung beantragt. Auch davon hatte mir mein betreuender Psych* abgeraten, auch wenn ich nicht verstanden habe, warum. Aber zum Glück sind die Vorgänge voneinander unabhängig und ich brauchte sein o.k. nicht. Der ganze Prozess war zwar auch langwierig, wie die nebenstehende Grafik zeigt. Und wie ich hier schonmal schrieb, hatte ich auch genug Gründe, Angst davor zu haben. Aber es lief alles weniger schlimm als erwartet, und vor allem nach klaren Regeln, die ich nachlesen konnte, und die ich als gültiges Gesetzt auch irgendwie akzeptieren konnte, selbst wenn ich sie ungerecht fand. Womit ich natürlich gar nicht gerechnet hatte: einer der beiden Psych*, welche die beiden psychologische Gutachten für die Namensänderung angefertigt haben, bot mir gleich noch eine weiteres Gutachten bzw. Indikationsschreiben für eine Hormontherapie. Er selbst hält nichts von dem 6- bzw. 12-Monatszwand und hat keinerlei Verständnis für Psych*, die das ohne Ausnahme strikt durchziehen.

Für mich fehlte von da an jede Motivation, diese „Therapie“ weiter aufrecht zu erhalten. Da ich eh keine ausstehenden Termine mehr hatte und mich um neue Termine hätte kümmern müssen, war das Thema für mich erledigt.

Vorbereitung der Hormontherapie

Inzwischen bin ich bei einer Endokrinologin, die auch schon sämtliche körperlichen Voruntersuchungen bei mir durchgeführt hat: diverse Blutwerte inkl. Hormonspiegel, Chromosomenanalyse zur Geschlechtsbestimmung, Genetische Untersuchung auf Faktor 5 Leiden, Hodenabtastung und -Größenbestimmung. Die letzten Ergebnisse erfahre ich in 4 Tagen, und bekäme dann wohl auch endlich eine Hormontherapie verschrieben. Ja, das Leben könnte so schön sein.

Aber daraus wird nichts, zumindest nicht ohne Probleme. Denn mein Indikationsschreiben, das ich letztes Mal schon bei mir hatte, akzeptiert sie nicht. Ohne auch nur einmal einen Blick hinein geworfen zu haben, ohne sich eine Kopie angefertigt zu haben. Allein meine Aussage, dass ich bei diesem Arzt nicht in einer 12-Monatigen Behandlung war reicht ihr aus, es als komplett irrelevant abzubügeln. Als ich sie auf die Richtlinie Ansprach, meinte sie nur „Das ist keine Richtlinie, das ist ein Gesetz.“ Sie geht davon aus, dass ich in 4 Tagen ein weiteres Indikationsschreiben von meinem anderen Psych* mitbringe, bei dem ich dann schon über 12 Monate gewesen wäre. Dass ich dort schon seit Monaten nicht mehr bin, und somit auch kein Schreiben erhalten werde, weiß sie noch nicht. Das ist eigentlich der einzige Fakt, den ich ihr verschwiegen habe, da ich Angst hatte, dass sie sonst sofort die Untersuchung abbrechen würde. Und das würde mich wieder um 3 weitere Monate zurückwerfen, da es in etwa so lange dauern kann, woanders einen Termin für eine Untersuchung zu erhalten. Kurzfristig war es also sicher richtig, so zu tun, als wäre ich noch in „Therapie“, aber das lässt sich nun nicht mehr aufrecht erhalten.

Damit ist die Basis meines Problems umrissen. Aber eigentlich ist da noch so viel mehr, weshalb hier schon bald der nächste Blogeintrag folgen wird…

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von „Alex“ aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall „Alex“ aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.

Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz „geteilt“ und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.

Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.

Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.

Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie „das Kind“, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer „das Mädchen“ schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.

Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.

Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.

So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.

Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.

Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.

In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.

Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.

Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst „nur“ aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?

Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.

Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.

Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine „Diagnose“ generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

Der gefühlte Unterschied zwischen „Mir geht’s gerade nicht so gut“ und „Ich bin psychisch krank“

Man kann manche Krisen nicht abwenden

Im Januar wurde mir bewusst, dass das nun beginnende Jahr für mich nicht leicht wird, und dass ich mich auf einige seelische Schwankungen und Tiefpunkte gefasst machen muss. Ich habe seitdem versucht, mich für aufkommende Krisen zu wappnen. Ich habe mir bewusst viel Gutes getan und Ablenkung gesucht, um eine Notreserve an guter Laune aufzubauen. Ich habe danach ein paar glückliche Woche gehabt, dann ein paar zwanghaft-nachdenkliche, dann war wieder etwas Ruhe in meinem Kopf eingekehrt.

In den letzten 1 bis 2 Wochen ging es mir dann mal wieder reichlich beschissen. Es fiel mir diesmal schwer, Ursachen und Wirkungen zu erkennen und voneinander zu trennen. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich unglücklich bin, weil ich einen konkreten Grund habe, oder ob sich meine Verfassung nur noch durch Depressivität erklären lässt.

(Depression ist übrigens einer dieser Begriffe, bei denen jeder unsicher ist wie er zu verwenden ist und den dennoch jeder irgendwie benutzt. Wobei jeder etwas leicht unterschiedliches meint. Ich meine damit weder die Schwere noch die Dauer einer Verstimmung, sondern die Ursächlichkeit.)

Überlastung bei geringer Last

Ein Zusammenhang zwischen meinen Verpflichtungen und meiner schlechten Laune war festzustellen, wenn auch unklar. Es fühlte sich in etwa wie ein Burn-Out an. Bei rationaler und objektiver Betrachtung meiner Arbeitsbelastung war aber schnell klar, dass ich ganz klar unterhalb von dem liege, was ein Mensch normalerweise locker ertragen kann. Meine Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es normalerweise mindestens doppelt so viel Stress braucht, um mich durch Überlastung zum Zusammenbruch zu treiben.

So oder so war klar, dass ich vielen meiner (meist freiwillig auferlegten) Verpflichtungen derzeit nicht mehr nach kommen kann. Ich habe mich aus der Arbeit für die Fachgruppe Informatik und für die Studierendengruppe der Gesellschaft für Informatik erst mal heraus gezogen. Ich habe die Zeit, die ich in der Firma arbeite, zeitweise noch mehr gesenkt.

Letztlich musste sogar eines meiner Hobbys zeitweise dran glauben: Ich spielte bisher einmal je Woche zu einem festen Termin das Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ und allein schon durch diese Regelmäßigkeit hat sich das für mich mehr und mehr auch wie eine Verpflichtung angefühlt. Also so leid es mir tut: Weg damit!

All diese Schritte sind mir nicht leicht gefallen. Denn ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, was all diese Aufgaben bisher so angenehm gemacht hat. Mir machen die Tätigkeiten an sich Spaß, und wo sie ein Ziel haben, ist mir die Erreichung genau dieser Ziele extrem wichtig. Manche Menschen (und ein paar Elfen und Zwerge) haben sich ein Stück weit darauf verlassen, dass ich gewisse Aufgaben erfülle und ich musste meine Zusage dazu zurück ziehen. Das tut ein Stück weit weh. Und jede akute Maßnahme, die ich zur Verbesserung meiner Laune getroffen habe, drohte auch gleichzeitig, meine Laune zu verschlechtern. Das machte es mir teils sehr schwer, diese Schritte zu gehen.

Psychisch krank?

Ich musste zu meinen Schwächen stehen. Außerdem musste ich aber nach außen hin zugeben – und es mir dazu zuallererst selbst eingestehen: Ich bin psychisch krank. Wow. Wenn man diesen Satz so konkret geschrieben sieht, hat er etwas extrem schwergewichtiges. „Ich bin psychisch krank.“, wie das schon klingt…

Zum einen haben wir in unserer Gesellschaft eine unglaubliche Stigmatisierung von Menschen mir schweren psychischen Problemen. Ich glaube, die Gesellschaft sieht einen Menschen mit psychischen Krankheiten nicht als einen Menschen, der zeitweise ein gesundheitliches Problem hat, sondern nur noch als wandelnde Verkörperung einer Störung. Die Krankheit wird in der Außensicht zum bestimmenden Merkmal der Person. Es mag gewisse Krankheiten geben, die so schwer wiegen, dass die eigentliche Persönlichkeit ein Stück weit zurück tritt, aber auch diese Menschen haben Würde und Achtung verdient. Und ich fürchte, die Gesellschaft differenziert da nicht viel, denn „verrückt ist verrückt“. Das Buch „Irre! Wir behandeln die falschen“ von Manfred Lütz ist eine gute, massentauglich-unterhaltsame Einführung in ein differenzierteres Denken über psychisch (schwer-)kranke Menschen.

Kleine Wehwehchen

Aber damit habe ich eh nur einen kleinen Exkurs zu schweren psychischen Leiden gemacht, der mit mir und meiner Lage wenig zu tun hat. Wenn ich selbst sage: „Ich bin psychisch krank.“ meine ich das in einem Ausmaß, wie ein Mensch mit einer durchschnittlichen Erkältung von sich sagt „Ich bin krank.“ Bei dem Satz denkt man ja auch nicht sofort an unheilbare Gebrechen und tödliche Seuchen.

Aber laufende Nase, Hustenreiz, Gelenkschmerzen und leichtes Fieber kann einen für ein paar Tage oder sogar Wochen völlig aus der Bahn werfen. Ich finde übrigens, jedem Mensch mit Schnupfen steht das volle Recht zu, zu quengeln und sich bemitleiden zu lassen.

Wenn ich also eine Über-Dramatisierung meines aktuellen Zustandes vermeiden möchte, sollte ich vielleicht eher sagen „Ich hab nen ziemlich bösen Schnupfen. Also, seelisch, meine ich, nicht körperlich.“ Das trifft es eigenlich ganz gut. Wie auch beim Schnupfen tun verschiedene Sachen gut: Im Bett liegen, lange schlafen, sich nicht allzu sehr anstrengen, aber ab und zu auch mal frische Luft und Bewegung. Und wie bei einem Schnupfen kann es passieren, dass ich mich zu früh wieder fit fühle und ins Büro fahre.

Und dann da mit ’nem Taschentuch vor dem Monitor sitze, mir verschiedene Sekrete aus Nase und Auge wegwischen muss und daher meinen Programmcode nicht mehr lesen kann. Also fahre ich nach Hause und kuriere mich noch etwas im Bett aus. So läuft das eben.

Ich glaube Psychische Verstimmungen werden allgemein entweder unterbewertet („Soll sich mal nicht so haben, ist doch kerngesund und kann arbeiten!“) oder überbewertet („Oh mein Gott! Psychisch krank! Ob er/sie wohl je wieder aus der Klapse heraus darf?“). Ein bisschen Mittelmaß tut manchmal ganz gut, auch in der Bewertung von Problemen.

Ich möchte damit übrigens weder Depressionen noch Erkältungen in absoluter Weise verharmlosen: Beides kann unter bestimmten Umständen tödlich enden. Muss aber eben nicht.

Antrainierte Abwehreflexe

Jetzt, wo ich mir das alles klar gemacht habe, ist es ein leichtes, zu sagen „Ich bin psychisch krank“. Es sagt nicht mehr oder weniger über mich als Person aus als „Ich hab Schnupfen“. So einfach ist das. Aber vor einer Woche, wo es für mich akut war, mir meines Zustandes bewusst zu werden, war ich noch nicht an der Stelle. Da fiel mir das noch schwer, was auch absolut kein Wunder ist.

Denn meine eigene Abwehr gegen die Formulierung „psychisch krank“ wird dadurch genährt, dass man als transsexueller Mensch ständig mit der (Zwangs-)Einordnung als „psychisch krank“ konfrontiert wird. Vor einigen Jahrzehnten waren sich praktisch alle einig, dass Transsexuelle psychisch krank sind – also durchaus auch in den „Bedeutungen“: verrückt, bescheuert, pervers. Heutzutage ist die Gesellschaft – zumindest die westlich-aufgeklärte – viel weiter. Die Medizin hingegen verstrickt sich auch jetzt noch in Widersprüche: Transsexualität ist als psychische Krankheit einkategoriesiert, die Diagnose und Indikation von Behandlungen obliegt demnach ganz klar Psychiatern, und obwohl man weiß dass eine psychiartische Heilung praktisch unmöglich ist, ist es in Deutschland nach wie vor vorgeschrieben, eine solche zu versuchen bevor eines somatische (auf den Körper gerichtete) Behandlung erfolgen kann.

Gleichzeitig wird jede „richtige“ psychische Erkrankung genutzt, um einer Person ihre Transsexualität – oder zumindest das Recht auf deren Behandlung – abzustreiten. „Wer depressiv ist, kann nicht transsexuell sein – oder kann zumindest keine Aussage darüber treffen, ob er transsexuell ist.“ Das klingt für mich ähnlich sinnvoll wie „Wer Schnupfen hat, kann kein gebrochenes Bein haben, oder kann zumindest nicht wissen, ob er ein gebrochenes Bein hat.“ Und deshalb bekommen verschnupfte Leute am besten auch keine Verbände, Krücken oder Beinschienen.

Ursachenforschung

Und auch wenn ein Schnupfen nichts schlimmes ist, so sollte er einem doch zu denken geben: Hab ich zu dünne Socken angehabt? War zu lange draußen im Kalten? Hab den nassen Pulli nach dem Regen zu spät ausgezogen? Oder esse ich einfach zu wenig frisches Obst?

Meine seelische Verstimmung war kurz und relativ unspektakulär. Wie nach einer Erkältung fühle ich mich nun nach 1-2 Wochen wieder fast fit, nur noch leicht geschwächt. Dass ich es überhaupt als psychisches Problem einstufe liegt daran, dass ich es keiner konkreten Ursache genau zuordnen konnte. Aber das heißt für mich nicht, dass ich die Augen komplett vor möglichen Ursachen oder Begünstigern verschließen möchte. Ich möchte etwas dafür tun, dass sich solche Probleme in Zukunft nicht häufen. Und dazu heißt es: Ursachen suchen und beseitigen.

Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

Ich befinde mich in einer Denkschleife. Das ist so eine Sache, für die ich immer schon anfällig war. Wenn mich ein Gedanke gepackt hat, dann kann es passieren, dass er mich längere Zeit nicht loslässt und mich rund um die Uhr an jeden Ort verfolgt. Es gibt dann Tageszeiten, zu denen ist denken nicht angebracht, da habe ich dann auch meine Ruhe vor dem jeweiligen Thema. Aber zu jedem Zeitpunkt, zu dem ich denken kann, denke ich dann an diese eine Sache, und habe keine Kapazitäten mehr, um über etwas anderes nachzudenken.

Beispiele aus der fernen Vergangenheit

Meine Denkschleifen können verschiedenste Themen haben, aber nur selten etwas angenehmes. Es kann um andere Menschen gehen, oder um mich, oder um die Beziehung zwischen mir und anderen Menschen, oder um technisches… einige Beispiele:

Eine meiner ersten langandauernden Denkschleifen handelte von einer Schulkollegin. Sie war mir schon längere Zeit recht sympathisch, aber eigentlich kannten wir uns kaum und hatten privat nichts miteinander zu tun. Einige Zufälle (darunter auch Alkohol) führten dazu, dass sie mir eine Reihe von schwerwiegenden Sorgen und Problemen anvertraute, über die sie zuvor noch nie mit jemandem gesprochen hatte, und vielleicht auch nie wieder von sich aus ansprechen würde. Von da an hätte ich ihr gerne dauerhaft mit einem offenen Ohr und mit Hilfe und Unterstützung zur Seite gestanden, aber leider gab es noch am Abend unseres Gespräches ein paar Vorfälle, die uns beiden später peinlich waren. So war es danach schwierig, wieder miteinander in den Dialog zu kommen. Ich dachte lange darüber nach, wie es ihr wohl geht, wie ich am besten das Vertrauen wieder aufbauen sollte und was ich danach für ihr Wohlergehen beitragen könnte. Ich hatte auch Angst, dass es ihr unangenehm ist, wenn ich sie darauf anspreche. Diese Fragen waren alles, was mir durch den Kopf ging. Ich versuchte, die Sache aus ihrer Perspektive zu verstehen und versetzte mich nach und nach so umfassend in ihre Lage hinein, dass mein eigenes Leben für mich sekundär wurde. Und zwar mehr als ein ganzes Jahr lang! Dabei fiel mir auch nicht auf, dass ihre jämmerlichen Lebensumstände sich inzwischen gebessert hatten und es ihr nun bestens ging. Kein Wunder, schließlich hatte ich in diesem Jahr nur nachgedacht und nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Was solls, dachte ich, Hauptsache ich lerne aus diesem Fehler und beiße mich nie wieder so an einem Gedanken fest.

Aber weit gefehlt. Zwei weitere Male hatte eine gute Freundin (nicht beides mal die gleiche) recht plötzlich die Freundschaft beendet, ohne dass sie einen Grund genannt hätte oder ein Grund offensichtlich gewesen wäre. Also genau genommen ist sowas ziemlich oft passiert, aber zwei mal hat es mich in der Weise erwischt, dass ich mit meinen Tagen nichts anderes mehr anfangen konnte, als darüber nachzudenken, warum das passiert ist. Vielleicht hätte mir die Kenntnis der Gründe geholfen, die Freundschaft wieder aufzubauen. Vielleicht hätte es auch dazu geführt, dass ich es einfach verstehe und mich damit abfinden kann, dass es wohl so kommen musste. Und die größte Hoffnung, nachdem sowas schon unzählige Male passiert war, bestand darin, es in Zukunft zu verhindern. Das könnte bedeuten, Freundschaften zu Mädchedn bzw. Frauen über mehrere Jahre stabil halten zu können. Oder einfach Personen zu erkennen, mit denen Freundschaften instabil wären, und sich gleich von ihnen fernzuhalten. Zwei mal hat mich dieser Gedankenstrom für mehrere Jahre gepackt, hat mich blind für alle anderen Vorgänge um mich herum gemacht. In diesen Fällen war es sogar durchaus angebracht, mich so auf das Thema zu fixieren. Denn intensive Kontakte zu gleichaltrigen Mädchen bzw. Frauen waren bzw. sind in meinem Leben das einzige, was mich wirklich bis in mein innerstes hinein mit Glück und Zufriedenheit erfüllen kann. Die Instabilität dieser Freunschaften hat meine Chance, ein erfülltes Leben zu führen, massiv gefährtet. Was liegt näher, als sich mit den Ursachen und Möglichen Lösungen zu befassen? Das Problem war nun aber, dass mir recht bald die Grundlagen ausgingen, auf denen ich diese Gedanken aufbauen konnte. Jede Idee, jeder Zusammenhang, jeder Erklärungsversuch war bereits mehrfach gedacht, und ich konnte dennoch nicht aufhören. Ich weiß nicht, wie viele Jahre meines Lebens von diesen Gedanken erfüllt waren. Vielleicht waren es zwei, vielleicht fünf…

Sowas passiert mir nun nicht mehr…

Die vorherigen Beispiele finde ich jeweils recht schockierend. Ich muss offen zugeben, dass ich sie krankhaft abnormal finde. Aber selbst wenn, sie sind ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit, und ich schäme mich für meine früheren Verhaltensweisen nicht. Ich weiß auch, dass sich mein Geist und meine Psyche seit dem weiter entwickelt haben, und dass ich seit einigen Jahren genug Kontrolle über mein Denken und Fühlen habe, um mich nicht derart sinnlos in endlosen Gedanken zu verlieren. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Gedanken mehr gäbe, die mich längere Zeit beschäftigen.

Eine angenehmere und weniger krankhafte Denkschleife ergab sich im Jahr 2005. Diesmal war es eine technische Idee, die recht bald zu meinem Hirngespinnst „Cubenet“ wurde. Über diese Software nachzudenken war nicht zwanghaft, vielmehr habe ich freiwillig jede verfügbare Minute genutzt, das Konzept weiter auszuarbeiten. Inzwischen bin ich von der Nützlichkeit dieser Idee so überzeugt, dass sich dennoch eine zwanghafte Komponente eingestellt hat: Bei jeder nicht-trivialen Aufgabe, eine bestimmte Anwendung zu programmieren oder auch nur zu spezifizieren ist der erste Gedanke: „Wäre Cubenet schon fertig und könnte ich darauf aufbauen, dann wäre die Lösung ganz einfach.“ Seit nun 7 Jahren ist Cubenet eine bestimmende Komponente in meinen Denkweise und sogar für meine Lebensplanung: Mein Masterstudium habe ich danach ausgewählt, meine Entscheidung gegen den Mainstream-Arbeitsmarkt und für die Gründung eines Startups kam aus dem Wunsch, günstige Rahmenbedingungen für „Cubenet“ zu schaffen, und auch wenn ich letzlich in einem Startup gelandet bin, das nicht mit dem Zweck gegründet wurde, Cubenet zu verwirklichen, prägt diese Idee meinen täglichen Arbeitsablauf und teilweise auch die gesamtge Unternehmensausrichtung. Ich finde, das ist eine Denkschleife im positivsten Sinne, auch wenn ich mir ab und zu mal wünschen würde, unvoreingenommen an Softwareentwicklung gehen zu können, so wie „normale Programmierer“ es tun.

…oder doch?

Aber meine aktuellste Denkschleife bezieht sich – und damit überrasche ich vermutlich niemanden – auf meine Transsexualität. Etwa vom Februar bis August des letzten Jahres war es schon so, dass sich in meinem Hirn kaum andere Themen tummelten. Das war völlig verständlich und ok, schließlich hatte ich eine Menge verdrängter Gedanken aufzuarbeiten und musste Entscheidungen treffen, die mein gesamtes Leben in allen Bereichen und vorallem bis an dessen Ende beeinflussen würden. Es handelt sich um ein unglaublich komplexes Thema, allein schon die nötigen Infos zu finden, zu lesen und sich zu merken hat was-weiß-ich-wie-viele hunderte oder tausende Stunden gedauert. Dass nochmal soviel für nachdenken und hinterfragen hinzukommt, ist auch klar. Aber etwa im August war dann eigentlich alles geklärt und ich habe mich darauf gefreut, einfach nur noch zu leben und glücklich zu sein. Und das hat geklappt.

Zumindest bis vor kurzem. Seit Ende Dezember spüre ich, wie sich das Thema bei mir wieder in den Vordergrund drängt. Während es im letzten Jahr offensichtlich angebracht war, meinen Kopf darüber zu zerbrechen, bin ich mir momentan mit mir selbst uneins, ob das den nun sein müsse. Lebenszeit, die ich in so einer Denkschleife verbringe, ist relativ vergäudete Lebenszeit. Somit wäre es wünschenswert, diese Gedanken jetzt sofort abzustellen und sich auf das eigentliche Leben zu konzentrieren. Das ist erstens leicher gesagt als getan, und zweitens vielleicht sogar diesmal der falsche Weg. Diese Schleife hat vielleich eine Daseinsberechtigung. Denn ihr thematischer Inhalt ist nicht bloß „die Transsexualität an sich“ sondern vielmehr die konkrete Frage:

„Ob es angebracht ist, dass ich noch ein Jahr auf die Hormongabe warte, und falls es nicht richtig ist, wie ich diese Zeit verkürzen kann.“

Es ist nun so, dass ich auch über vieles andere nachdenke – aber in den letzten Wochen gab es keinen Abend, wo ich nicht auch mindestens eine Stunde diese Frage beackert hätte. Muss denn sowas sein?

Sein oder Denken, das ist hier die Frage

Mein Leben ist doch wunderbar, so wie es nun ist. Ich….

  • habe seit meiner Transition viele neue Freunde gefunden, kaum alte verloren, und viele dieser Freundschafen haben eine ganz neue Intensität bekommen
  • habe diverse neue Hobbys entdeckt
  • bin mit meinem Charakter und meinem Äußeren zufriedener als je zuvor
  • insbesondere damit, dass beide nun im inneren Gefühl und in der äußeren Präsentation übereinstimmen
  • kann endlich durch die Straßen gehen ohne neidisch auf andere Frauen zu sein
  • und habe nebenbei den Übergang vom Studium in einen erfüllenden Beruf geschafft

Es ist alles so gut geworden, dass es schade wäre, diese Zeit durch Nachdenklichkeit zu vergäuden. Stattdessen sollte ich einfach leben!

Aber so gut es mir auch jetzt gehen mag, ich bin mir sicher, ab dem Beginn der Hormontherapie wird es mir noch viel besser gehen. Es gibt jeden Tag noch unzählige Details, die mich nerven, stören, bedrücken, verunsichern… und die meisten davon werden sich früher oder später durch die Einnahme auflösen. Vieles davon sind Kleinigkeiten, die nur in der Summe groß sind. Aber auch bedeutende Dinge werden sich ändern. So sehne ich mich sehr nach Liebe, Zärtlichkeit und Partnerschaft, was aber für mich mit meinem aktuellen Körperzustand absolut undenkbar ist. Jeder Tag, den ich länger auf den Beginn der Hormongabe warte, warte ich auch länger auf die Grundvorauassetzung für ein Beziehungsleben.

Aus der Perspektive betrachtet sind meine jetzigen Tage suboptimal, sie einfach nur zu leben, ist Vergäudung. Sie mit Nachdenken zu verbringen wäre hingegen keine Vergäudung sondern eine sinnvolle Investition in meine Zukunft.

Ein Fazit? Als ob mein Hirn sich an ein Fazit halten würde!

Ich habe jetzt rationale Gründe für und wieder das unbeschwerte dahinleben bzw. das angestrengte Nachdenken geliefert. Und die sind alle vollkommen egal, weil mein Kopf sowieso nachdenkt, ob es nun aus rationaler Sichtweise angebracht sein mag oder nicht. Es ändert nicht, ob ich denke, es ändert allenfalls, ob dieses Denken krankhaft-zwanghaft zu bewerten ist oder eben eine selbstvertändliche Notwendigkeit darstellt. Und all das ändert nichts daran, dass ich in näherer Zukunft eben über dieses eine Thema bloggen werden.

Und egal ob krankhaft oder sinnvoll, der Gedankenstrom wird spätestens dann sein Ende haben, wenn die Hormone verordnet werden, was in ca. 1 Jahr der Fall sein sollte. Mehr als ein Jahr kann ich also nicht damit verplämpern. Da kann man sich nun fast schon fragen, ob Denkschleifen von weniger als einem Jahr Dauer es überhaupt Wert sind, erwähnt zu werden…