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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Programmänderung

Eigentlich hatte ich ja vor, jetzt einfach nur noch glücklich und zufrieden zu sein. Leider musste ich feststellen, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Es gibt viel dazu zu sagen, ich möchte heute mal einen leichten Einstieg dort hinein versuchen.

Erstmal ein großes „Sorry“ an alle meine Twitter-Follower_innen, insbesondere an die, denen ich am Herzen liege. Ich habe in den letzten Tagen wieder viel rumgejammert, nicht ganz ohne Grund, aber hatte es bisher nicht geschafft, den Grund in Worte zu fassen. Manche waren sicherlich besorgt um mich, noch viel mehr einfach nur noch genervt. Ich denke, ich bin nun soweit, Klartext zu reden, zumindest in der Theorie. Rein emotional hab ich wohl endlich alles verarbeitet, was mir derzeit Angst macht. Das war ein langer, harter Weg, den ich mit Unterbrechungen seit Anfang Dezember beschreite. Seit dem ist in meinem Leben viel passiert, aber die Grundproblematik blieb bestehen – so wie schon seit 13 Jahren.

Zum Punkt kommen

Ich weiß nicht, warum es mir so unendlich schwer fällt, zum Punkt zu kommen und es beim Namen zu nennen, was mich so bedrückt. Also:

Wie vermutlich jeder Mensch habe ich diverse kleine soziale Inkompetenzen, also Bereiche, in denen mein Sozialverhalten von dem abweicht, was für mich und die Menschen um mich herum gut und erfreulich wäre. Vieles davon konnte ich in den letzten Jahren „beheben“, und einiges anderes einfach akzeptieren, denn nobody’s perfect. Eine „Kleinigkeit“ ist allerdings übrig geblieben, und in den letzten Tagen ist mir mal wieder bewusst geworden, dass das eben keine Kleinigkeit ist, sondern ein großer Brocken, der mir Angst macht. Angst, deshalb niemals glücklich werden zu können, bzw. nicht auf Dauer glücklich sein zu können, solange das so ist.

Es geht – stark vereinfacht gesagt – um Situationen, in denen ich Menschen, die ich mag, meine Zuneigung und mein Interesse an gemeinsamer Freizeit nicht zeigen kann. Ich weiß, dass das vielen Menschen nicht leicht fällt und ich da keinen Perfektionismus von mir erwarten darf, aber das Ausmaß dieses Unvermögens hat bei mir absolut krankhafte Züge. Was ich kürzlich über das Bedürfnis zu Kuscheln schrieb, ist ein kleiner, fast schon unbedeutender Teil der Gesamtproblematik, denn es betrifft eigentlich alle meinen sozialen Interaktionen. Und es betrifft fast alle meine Kontakte: von entfernten Bekannten über Freund_innen verschiedenster Art bis hin zu sehr wichtigen Herzensmenschen und potentiellen Partner_innen. Das ist für mich keine Kleinigkeit mehr, das macht mich immer wieder fertig. Ich schaffe es zwar, in Einzelfällen um das Problem herum zu arbeiten, und es immer mal wieder für ein paar Monate oder gar Jahre zu verdrängen und mir einzureden, dass es kein Problem ist. Aber damit ist jetzt Schluss, ich kann und will das nie wieder verdrängen und als gegeben und unabänderbar hinnehmen. Ich möchte dieses (hoffentlich) letzte Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben endlich aus dem Weg räumen.

Komplexitäten

Das Ganze ist eine ziemlich vertrackte Sache, bei der es mir inzwischen sehr wichtig geworden ist, die ganzen damit zusammenhängenden Umstände endlich selbst zu erkennen und zu verstehen (was ich inzwischen wohl geschafft habe) und dann aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit auch ihr eine Chance habt, mich zu verstehen, wenn ihr denn wollt. Denn nach allem, was die letzten 13 Jahre mir gezeigt haben, werde ich Hilfe dabei brauchen, dieses Verhaltesproblem in den Griff zu bekommen. Ich glaube nur sehr eingeschränkt daran, dass eine Psychotheraphie dabei der Weg zum Ziel wäre, und möchte daher nun probieren, das Problem in freier Wildbahn anzugehen, genau dort, wo es auftritt: im Umgang mit euch.

Ich sehe es also als unumgänglich an, darüber zu schreiben, was letztlich deutlich umfangreicher sein wird als dieser kleine Blogpost. Meine aktuellen Notizen und Entwürfe dazu umfassen mehr als das zehnfache eines „gewöhnlichen“ Blogposts, und ihr wisst sicherlich, dass die in aller Regel schon ziemlich lang und anstrengend sein können. Es ist meine Pflicht, das alles noch besser zu strukturieren und verständlich zu machen, ganz rigoros zu kürzen und die einzelnen Teile für sich jeweils verständlich zu machen, damit jede_r von euch die Möglichkeit hat, auch mal nur Bruchstücke davon zu lesen. Denn ich weiß, dass ich für die allermeisten von euch nicht das Zentrum der Welt bin (und nicht sein will und kann) und dass ich von nur sehr wenigen Menschen, wenn überhaupt, eine wirklich intensive Beschäftigung damit erwarten kann.

Wie es (vermutlich) weiter gehen wird

Ich werde dafür noch einiges an Zeit und Kraft brauchen. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr, das Problem unter den Teppich zu kehren, damit es dort in ein paar Jahren wieder hervor quillt und mir Sorgen und Kummer bereitet. Es sind für mich keine einfachen Zeiten, um das anzugehen, schließlich plagen mich seit ein paar Wochen sowieso des öfteren Stimmungstiefs, die vermutlich hormonell bedingt sind. Aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Phasen auch produktiv nutzen kann, um die Dinge anzugehen, die mir Angst bereiten. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die wirklich wichtigen Probleme zu verdrängen und bei aufziehenden Tiefphasen stattdessen wegen wirklichem Kleinkram zu heulen.

Ich habe in letzter Zeit Gesprächsangebote bekommen, um über das zu sprechen, was mich bedrückt. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber bisher habe ich das Gefühl, ich bin noch gar nicht weit genug dafür. Ich mache das derzeit lieber mit mir selbst aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich dann wirklich Redebedarf habe. Ich werde das dann entsprechend ankündigen und dann auch gerne in Anspruch nehmen.

Bis dahin werde ich viel Zeit für mich selbst brauchen, aber zwischendurch auch immer wieder mal Zeit mit anderen, so wie bisher. Falls möglich, behandelt mich einfach so wie immer, und denkt euch nicht allzu viel dabei, wenn ich eine Einladung mittel- oder kurzfristig absagen muss. Das ist dann in dem Moment so, ich brauche dann eben wieder Alone-Time, und am nächsten Tag bin ich vermutlich wieder gut gelaunt und gesellschaftstauglich. Ich denke, in den Zeiten, wo ich mich aus dem Haus traue, brauche ich auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, dann geht’s mir ziemlich normal, sonst wäre ich nicht draußen.

Das mag nicht der übliche Weg sein, mit solchen Problemen umzugehen, aber ich bin mir derzeit ziemlich sicher, dass es *mein* Weg ist. Ich bitte euch, das zu akzeptieren. Ihr müsst ja nicht mitmachen, aber ich würde gerne auf nett gemeinte Hinweise verzichten, die mir sagen, ich solle doch stattdessen lieber in dieser-und-jener-Weise damit umgehen.

Ok, ich hoffe, das hat wenigstens ein bisschen mehr Fragen beantwortet als es neue aufwirft. In nächster Zeit kommen dann also ein paar Blogposts, die das Problem, seine Ursachen und meine Lösungsansätze jedes mal ein Stück weit konkretisieren.

Über das Bedrüfnis, zu Kuscheln

So was träume ich in letzter Zeit oft. Und ich denke viel zu viel darüber nach, um es hier im Blog weiter als Randthema zu behandeln.

Begriffsklärungen

Zunächst mal muss ich sagen: ich mag das Wort „kuscheln“, weil es so schön weich klingt wie es sich anfühlt, und die Aussprache von „kuschelig“ so schön „nuschelig“ ist. Was ich an dem Wort nicht mag, sind die romantischen Konnotationen. Also, nichts gegen romantische Gefühle, aber ich würde gern „Kuscheln“ sowohl für romantische und aromantische, sexuelle und asexuelle Berührungen benutzen, solange sie irgendwie sanft sind. Ich könnte auch „knuddeln“, „zärtlich sein“, „sich berühren“, „sich nahe sein“, etc. sagen. Aber ich bleib jetzt mal bei „kuscheln“.

Im Folgenden Umfasst „Kuscheln“ daher alles von „Eine Hand auf dem Knie der anderen Person ablegen und ganz ruhig da liegen lassen“ bis zu „Eng umschlungen & leidenschaftlich über die Wiese rollen und sich dabei gegenseitig im Rücken fest krallen“. Ja, das ist ein ziemlich weites Bedeutungsspektrum für so ein kleines, kurzes Wort.

Ich würde mich als einen sehr kuscheligen Menschen bezeichnen. „Würde“ signalisiert dabei nicht nur zufälligerweise einen Konjunktiv. Denn alle anderen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich als „kuschelig“ bezeichnen, kuscheln viel, meist mit mehreren anderen Menschen. Ich hingegen kuschle seit Jahren praktisch überhaupt nicht mit Menschen. Kuscheln ist für mich etwa so ein rein theoretisches Thema geworden wie Küssen, Sex und Partnerschaft.

Die Vergangenheit

Als kleines Kind war ich wohl auch schon sehr kuschelig, damals auch noch „in der Praxis“. Das liegt aber vor meinen ersten bewussten Erinnerungen, und im Rest meiner Kindheit war ich gar nicht mehr davon zu begeistern, mit meinen Eltern (oder sonst irgendwem) zu kuscheln. Außer natürlich Katzen (dazu später noch mehr)!

Dann kam dieser ganze vielschichtige Umschwung als ich 11 war. Die Mädchen in meinem Alter begannen mit diesen (stereo-)typischen Mädchenfreundschaften, in denen es eben auch ganz selbstverständlich sanften Körperkontakt gibt. Ich hatte auch ein Bedürfnis danach, das vermutlich nicht anders war als deren Bedürfnis. Der Unterschied war nur, dass ihres ständig erfüllt wurde, während mir das als Junge komplett verwehrt bliebe. Hier und da konnte_durfte ich „Mädchenfreundschaften“ führen, die aber nie so intensiv wurden, dass Körperkontakt dazu gehörte. Einzige Ausnahme, wenn man das so nennen mag:

Kurz nach meinem 15. Geburtstag habe ich mit ein paar Freundinnen Matrix auf VHS-Kasesste geschaut. Da kein Platz mehr auf dem Sofa war, lag ich vor dem Sofa auf dem Boden. Manche von denen stellten/legten ihre Füße auf mir ab, und waren dabei sehr vorsichtig, mir nicht weh zu tun. Das war irgendwie schön, denn die Füße waren warm und weich (und hatten zum Glück auch keinen ekligen Fußgeruch). Das war aber auch schon der Höhepunkt meines freundschaftlichen Körperkontaktes in der Dekade von meinem 11. zum 21. Lebensjahr. Ja, es war eine traurige Zeit.

Dann hatte ich eine Freundin, mit der ich zeitweise sehr oft im gleichen Bett geschlafen habe. Wir haben uns dabei praktisch nicht berührt. Nur, als wir mal nachts zu zweit an einem See übernachtet haben, und die Temperaturen in den frühen Morgenstunden gegen Null sanken, habe ich mich ganz zaghaft an sie heran gekuschelt, um nicht so sehr zu frieren. Sie hatte davon im Schlaf nichts gemerkt. Schlimm genug, dass ich nicht vorher fragte (ich wollte sie dafür aber auch nicht wecken), so muste ich doch wenigstens am nächsten Morgen erfahren, ob sie das o.k. findet oder nicht, und mich ggf. entschuldigen. Also erzählte ihr davon. Sie fand das total o.k., trotzdem verliefen alle weiteren gemeinsamen Übernachtungen wieder berührungslos.

Später gab es eine Phase, wo ich mit ein paar Freund_innen sehr viel Zeit verbrachte. Mehrmals haben wir auch zu viert auf meiner Schlafcouch übernachtet, und dass sich dabei zwangsweise alle benachbarten Körper berührt haben, war anscheinend für alle ok bzw. schön. Soweit ich mich erinnere, gab es dabei keine bewussten Umarmungen oder sonstigen konkreten „Kuschelhandlungen“. Aber auch sonst gab es da – zumindest am Anfang – keine Angst davor, sich beim nebeneinander-sitzen zu berühren, sondern eher eine gewisse Wertschätzung dafür.

Dann kam meine erste „richtige“ Partnerschaft. Neben etwas Sex (der dann auch oft sehr kuschelig und generell toll war) haben wir täglich was-weiß-ich-wie-viele Stunden mit Kuscheln verbracht. Das war vermutlich die bisher einzige Person, mit der ich Körperkontakt hatte, der alle potentiell definierenden Merkmale von „Kuscheln“ erfüllt hat. Alles davor und danach lässt sich vielleicht eher anders bezeichnen. Natürlich war das eine ganz wunderbare Zeit, nicht nur, aber eben auch, wegen des Kuschelns. Dieses Kuscheln begann eigentlich schon zu Zeiten, in denen ich selbst das gar nicht als Partnerschaft gelesen hatte, und überdauerte dann so 3,5 Jahre.

Die Gegenwart

Das ist nun 2,5 Jahre her, und in der Zeit hat sich einiges geändert. In dem Maße, in dem mein Sextrieb von „kaum feststellbar“ auf „gar nicht mehr vorhanden“ gesunken ist, habe ich eine Art „Kuscheltrieb“ entwickelt, d.h. Kuscheln ist nicht nur ein verzichtbares Nice-to-have, sondern dieses kontinuierliche Nicht-Kuscheln gibt mir zum erstem Mal in meinem Leben ein direkt spürbares Unwohlsein. Nicht nur so wie „ich finde es schade, dass mir dieser Genuss verwehrt bleibt“, sondern ein Bisschen wie Durst oder Hunger oder Müdigkeit. Vielleicht auch vergleichbar mit dem Sextrieb anderer Menschen, aber da kann ich nicht mitreden.

Aber die Sache ist seit Kurzem noch viel komplexer geworden. Ich habe inzwischen nicht nur einen Kuscheltrieb, nein, ich habe derer fünf, die sich relativ klar voneinander abgrenzen lassen, obwohl sie natürlich auch noch in Kombination auftreten können:

  • Zunächst wäre da so ein Hautgefühl. In stark schwankender Intensität ist da ein Kuschelbedürfnis direkt auf meiner Hautoberfläche, was mal nur wenige, kleine Regionen umfasst, mal praktisch den ganzen Körper. So wie sich ein Fleckchen Haut warm oder kalt anfühlen kann, oder ich spüre, dass es gerne abgetrocknet, eingecremt, gekratzt oder auch mal geschlagen werden will, so spüre ich: dieses Fleckchen will jetzt gekuschelt werden, damit es sich wieder wohlfühlt. Das lässt sich allein, ggf. unter Zuhilfenahme von Kissen und Decken, ganz gut erfüllen, und spielt sich auf der Oberfläche ab. Somit reichen da auch ganz sanfte Berührungen, komplett ohne Druck. Manchmal ist das thema nach 3 Minuten durch, aber ab und zu ist dieses Bedürfnis so stark, dass ich viele Stunden nicht aus dem Bett komme, weil ich dann ohne dieses Gefühl auf der Haut unglücklich bin. (Hierzu gäbe es noch etwas zu sagen, was aber bei Zeiten einen eigenen Blogpost verdient…)
  • Dann unterliege ich in letzter Zeit krassen Stimmungsschwankungen. Etwa einmal in der Woche liege ich für einige Stunden heulend im Bett und mache mir dabei Sorgen um alles mögliche – oft auch darum, ob ich jemals wieder in meinem Leben mit einem anderen Menschen kuscheln werde. Aber egal ob es darum geht, oder mich ein ganz anderer Weltschmerz ans Bett fesselt: dann möchte ich ganz fest gedrückt werden. Das ist eine Empfindung, die auch auf der Haut stattfindet, aber auch im ganzen restlichen Körper. Das allein zu erfüllen, ist schon etwas schwieriger, aber wenn ich mein Kissen (es ist so ein 1,5m langes Seitenschläferinnenkissen) ganz fest drücke, fühlt es sich ein bisschen so an, als ob es mich auch drückt. Aber eigentlich bräuchte es dann mindestens 3 Menschen, die mich gleichzeitig (er-)drücken.
  • Wenn es einer Person, die mir sehr wichtig ist, schlecht geht, geht mir das sehr nahe. Wenn eine meiner Freundinnen weint – egal, ob direkt vor mir, oder am Telefon oder auch nur im Chat – fange ich auch gleich an zu weinen. So sehr wie ich ihre Traurigkeit auf mich projiziere, so sehr habe ich zumindest die Vermutung, dass sie dann auch gerne fest gedrückt werden würde. Ihr hypothetisches Bedürfnis zu erfüllen wird in dem Moment zu meinem Bedürfnis. Da ich so was nie ohne Einverständnis tun würde, frage ich in solchen Fällen nach (was am Telefon und im Chat eher sinnfrei ist) und bekomme als Antwort stets etwas wie „Nein, du musst mich jetzt nicht unbedingt drücken.“ was für mich also ein „Nein“ ist und als solche respektiert wird. Insbesondere einer Person, der es eh gerade schlecht geht, möchte ich nicht noch durch ungewollte Nähe noch mehr Kummer bereiten.
  • Wenn ich mich mit einer oder mehreren Personen sehr gut unterhalte, und ich nach einigen Stunden das Gefühl habe, dass geistig und emotional keine Distanz mehr zwischen uns ist, dann würde ich am liebsten auch die körperliche Distanz abbauen. Das muss dann kein Streicheln oder Kraulen sein, sondern so nahe zusammen zu rücken, dass man sich einfach nur irgendwo berührt, erfüllt das dann schon. In so einer Situation wäre ich auch zu deutlich mehr Körperkontakt bereit, aber das ist dann völlig optional und fehlt mir dann nicht.
  • Wenn ich verliebt bin – und ja, ich bin derzeit in mehrere Personen verliebt – kann es zu den unmöglichsten Zeiten passieren, dass ich an die Person denke und dann gerne bei mir hätte und berühren möchte. Was ich dann im Kopf habe sind stets sehr „harmlose“ Berührungen, also solche, die ich mir prinzipiell auch mit anderen Personen gut vorstellen könnte, aber dass dieser Wunsch personenbezogen und einfach so zwischendurch am Tag auftritt, ist dann schon irgendwie an Verliebtheit gebunden. (Nachts im Traum hingegen, da kuschel ich auch mit anderen guten Freund_innen, in die ich nicht verliebt bin.)

Und das sind allein die Dimensionen des Wünschens, Begehrens und manchmal auch Brauchens. Dass ich, auch wenn ich gerade keines dieser fünf Bedürfnisse vorliegt, Kuscheln als eine angenehme Bereicherung empfinden würde, kommt ja noch dazu.

Ebenfalls zusätzlich zu all dem ist etwas, das ich mal „Kuschelneid“ nennen möchte. Das ist weder etwas schönes, weil ich denke, Neid ist niemals schön, noch ist es bei mir besonders ausgeprägt. Aber diese Selbstanalyse wäre nicht vollständig, würde ich den Kuschelneid gar nicht erwähnen. Konkret heißt das, wenn andere Menschen in meiner Gegenwart kuscheln, kann das die oben genannten Bedürfnisse hervorrufen und/oder verstärken. Das ist aber gar nicht mal so schlimm, und meine Freude darüber, dass diese Menschen bei mir sind und es ihnen gut geht überwiegt. Ich würde daher niemals wollen, dass Menschen „mir zuliebe“ aufs Kuscheln verzichten.

Exkurs: von Männern, Katzen & männlichen Katzen

Zwei Aspekte, die vielleicht noch zu erwähnen wären, sind Geschlecht und Spezies.

Mein Wunsch oder meine Bereitschaft, mit einer Person zu Kuscheln, hängt sehr direkt damit zusammen, wie sympathisch mit diese Person ist. Es gibt eine Gewisse Korrelation zum Geschlecht, das heißt, unter den Menschen, die mir besonders am Herzen liegen, sind meist fast nur Frauen. Aber eben nicht nur. Kuscheln hat für mich keinen zwingenden Bezug zu Partnerschaft und Liebe, und erst recht keinen zu Sexualität. Der Gedanke, mit einem Mann zu kuscheln, ist für mich trotzdem ein bisschen befremdlich. Aber in dem Maße, in dem meine Androphobie (Abneigung ggü. Männern) über die Jahre sinkt, sinkt auch diese Befremdlichkeit. Eigenlicht kann ich mir inzwischen sogar recht gut vorstellen, mit Männern zu kuscheln, auch wenn da nur sehr wenige Männer in Frage kommen und ich nicht genau sagen könnte, ob es sich dann real doch irgendwie komisch anfühlen würde. Ich denke das wird sich irgendwann in der mittleren Zukunft klären und hat sicher auch was mit Gewöhnung zu tun.

Ich bin ja gerade sowieso dabei, sexuelle Orientierungen zu zerlegen. Vielleicht könnte ich von mir sagen, ich sei homosexuell, homoromantisch und eingeschränkt bikuschelig?

Und dann ist da die Sache mit den Katzen. Wer noch nie eine Katze gesehen hat, würde vermutlich meinen, dass es doch eher schwierig sein müsste, zwischen zwei (oder mehr) Individuen so unterschiedlicher Spezies irgendeine beiderseitig-angenehme Interaktion hin zu bekommen. Ungefähr so, wie mit einem Frosch Schach zu spielen, mit einer Antilope Kuchen zu backen oder mit einem Igel Kanu zu fahren. Aber nein, das klappt ganz wunderbar, und es verwirrt mich, warum das zwischen Menschen nicht genauso einfach und schön sein kann. (Und: warum es auch zwischen zwei Katzen oft nicht klappt…)

Klar, man kann Katzen streicheln und kraulen. Aber es gibt vermutlich genauso viele Varianten, mit einer Katze zu kuscheln, wie mit einem Menschen. Vielleicht auch noch mehr.

Kürzlich habe ich eine Katze auf der Straße getroffen. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, aber in weniger als 2 Sekunden darauf geeinigt, dass wir jetzt kuscheln wollen. Das war für uns beide schön, und nach ein paar Minuten trennten sich unsere Wege wieder, vielleicht für immer. Aber es ist dennoch etwas ganz anderes, als wenn ich z.B. mit dem Kater meiner Schwester kuschel. Da ist eine ganz andere Ebene von Vertrautheit und Zärtlichkeit vorhanden, und auch mehr Ausgewogenheit. Da streichle ich nicht nur den Kater, nein, der streichelt / drückt / leckt / küsst / beißt ganz selbstverständlich auch mich. Und das kann auch mal eine ganze Stunde oder mehr ausfüllen. Leider führe ich zu diesem Kater eine Fernbeziehung, er wohnt in Bochum und ich in Braunschweig.

(Und mit diesem zärtlichen Beißen und Kratzen zeigen Katzen und Kater auch ganz selbstverständlich, dass Kuscheln und SM keine Gegensatzpaare sind, sondern ein Kontinuum von angenehmen Empfindungen. Und dass weder das eine noch das andere mit Sexualität verbunden sein muss. Auch da kann Spezien-übergreifend leicht ein Konsens gefunden werden, was für beide gerade o.k. ist. Und bevor noch jemand fragt: nein, ich beiße den Kater nicht, das wäre mir zu haarig im Mund.)

Die Zukunft

Vielleicht ist das mit Menschen ja wirklich genauso leicht, und alles, was mich noch davon abhält, sind Hemmungen, die die Gesellschaft mir auferlegt hat. Oder ich mir selbst. Die wieder loszuwerden ist für mich leider gar nicht leicht. Zwischen Menschen ist sowohl die verbale, als auch die nonverbale Kommunikation sehr mächtig, und einer der beiden Kanäle müsste bereits reichen, um einen Kuschelkonsens mit anderen zu erreichen. Und dabei lassen sich ja beide sogar kombinieren. Das müsste ich doch lernen können. Einfach so, alleine, im Alltag, oder im Gespräch mit Freund_innen schaffe ich das aber offenbar nicht.

Als ich mich vor über 2 Monaten für die (vermutlich) erste Braunschweiger Kuschelparty angemeldet hatte, hatte das vor allem zwei Motivationen: natürlich, dass das Erlebnis, mal wieder mit Menschen zu kuscheln, als solches schön sein würde, und wohl noch wichtiger: dass ich dabei Hemmungen abbaue und Kommunikationsstrategien erlerne, um danach auch mal außerhalb solcher Events kuschelige Kontakte zu haben. Die Umstände waren dann eindeutig gegen mich, so ich war an dem Abend kurzfristigerweise komplett verhindert. Meine außer-partnerschaftliche Kuschelerfahrung ist damit immer noch fast null. Doch im Laufe der nächsten 20 Tage liegen zwei bis vier Kuschelparties vor mir, vermutlich nehme ich drei davon wahr. (Nackt-Kuscheln geht mir wohl derzeit deutlich zu weit, Im-Dunkeln-Kuscheln sollte hingegen ok sein, wenn ich gewisse Dark-Room-Assoziationen unterdrücke.)

Ich gehe davon aus, dass diese zwei bis vier Events etwas mit mir tun werden, etwas hoffentlich positives und auflockerndes. Es könnte auch alles ganz fürchterlich laufen, wer weiß das schon. So oder so war es mir wichtig, diesen Text vorher aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Für den Fall, dass das irgendeine Form von Wendepunkt in meinem Leben darstellt, kann ich dann einen klaren Vorher-Nachher -Vergleich anstellen.

Ob mein Alltag danach so kuschelig wird, wie ich ihn derzeit bräuchte, um glücklich zu sein, weiß ich natürlich nicht. Das hängt ja nicht nur von mir ab, sondern auch von den Personen, die ich kenne und in näherer Zukunft kennenlernen werde. Es ist für mich sehr ungewohnt, über meine Bedürfnisse zu schreiben und sprechen, und es fühlt sich auch jetzt noch ein Stück weit falsch an. Was daran liegen mag, dass ich es nicht gewohnt bin, so starke Bedürfnisse zu haben. Und keine, die prinzipbedingt von anderen Menschen abhängen. Ich mache das jetzt erst mal auf öffentlicher, und somit unpersönlicher Ebene, was schwer genug ist. Vielleicht kann es als Basis dienen, um das später mit einzelnen Menschen konkreter auszuführen. Vor diesen Gesprächen habe ich immer noch etwas Angst.

Aber andererseits denke ich, hier und da mal in den Arm genommen zu werden, jemandem den Nacken kraulen zu dürfen und mal ohne Sicherheitsabstand nebeneinander zu sitzen ist nicht zu viel verlangt vom Leben, erst recht nicht, solange ich diese Erwartung nicht einer einzelnen konkreten Person aufdrücke. Ich komme ja schon ganz gut damit zurecht, keine Beziehung zu haben, und damit, dass das vielleicht noch Jahrelang so sein wird. Etwas mehr Alltagsnähe scheint mir da die kleinere Baustelle zu sein, und dennoch die, die mich derzeit mehr bedrückt.

Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? „Nicht nötig!“ heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, „homonormativen“ Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der „Richtung“ nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie „bisexuell und asexuell“ gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als „biromantisch und asexuell“ oder eben „bisexuell und aromantisch“ bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. „Nein, nur demisexuell.“ war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan „Das ist bei mir aber auch so“. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht „In the closet“.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich „Gleichgesinnte“ finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das „Recht“ dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das „Recht“ haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie „normaler“ Sex und „normale“ Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Selbstfürsorge ist für alle gut

Bloggen wird in letzter Zeit immer schwieriger, und das nicht nur *obwohl* so viel spannende Dinge passieren, sondern gerade deswegen. Ich wollte nun eigentlich einen Gesamtüberblick über diese Themen geben und auch 3-4 davon kurz eingehen.

Stattdessen ist ein Text über Selbstfürsorge und persönliche Beziehungen entstanden. Das wird schon seine Gründe haben, auch wenn ich selbst gerade noch nicht weiß, warum gerade das nun dabei raus gekommen ist, schließlich war das ursprünglich nicht mal Teil der langen Themenliste.

Vernetztheit von Themen und Gedanken

Ich habe derzeit 17 Einträge in meiner Blog-Todo-Liste. Das ist gar nicht so viel mehr als sonst. Normalerweise liegen diese Themen da einfach herum, warten darauf, dass ich mir eins aussuche, um es zu bearbeiten, und dann gibt es einen neuen Blogpost.

Derzeit warten diese Themen aber nicht. Sie schwirren in meinem Kopf herum, in meinem Herzen, in meinen Alltagsgesprächen, in meinen Träumen. Die Bereiche sind vernetzt und wollen gar nicht getrennt werden, sondern alle zusammen in irgendeinem größeren Kontext bleiben.

Das Private ist politisch

Dass ich viel Nachdenke und Ist-Zustände kritisch hinterfrage ist nicht ja nun schon seit einiger Zeit so. Manche der aktuell heißen Themen wirken sehr privat und persönlich, andere haben auf den ersten Blick eine eher politische oder gesellschaftliche Dimension. Aber trennen lässt sich das eh nicht. Fast schon zu platt, jetzt „das Private ist politisch“ zu zitieren, oder?

Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen

Es gibt aber bei mir derzeit gewisse egozentrische Tendenzen. Viele Fragen betrachte ich aus einer sehr ich-bezogenen Perspektive. Dabei ist Egozentrik nicht gleich egoistisch. So verschiebt sich mein Denken von „Was kann die Gesellschaft tun, damit es allen Teilen der Gesellschaft gut geht.“ mehr zu „Was kann ich tun, damit es mir und den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.“ Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen. Ich will nicht sagen, dass der eine Ansatz besser ist als der Andere, und letztlich glaube ich, beide müssen Hand in Hand arbeiten für eine bessere Welt.

Ich glaube inzwischen, wir Menschen haben kollektive, soziale und individuelle Verantwortungen, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Das heißt für mich, mein Handeln muss das Ziel haben, dass es allen gut geht, insbesondere aber denen, die mir nahe sind, und mir selbst. Es ist nicht immer leicht, alles drei zu erreichen, und je größer der Fokus, desto kleiner die reale Veränderung, die eins bewirken kann.

Die Unsichtbarkeit globaler Handlungen

Wenn ich mich für ein Thema einsetze, meine Stimme bei einer politischen Wahl oder parteiinternen Abstimmung gebe, mein Konsumverhalten bewusst anpasse, etc. kann ich nicht erwarten, die Konsequenzen direkt zu sehen, messen zu können, einen Dank oder einen Vorteil davon zu erhalten. Ich brauche einiges an Abstraktionsvermögen und Gedankenspielen, um mich davon zu überzeugen, dass das nun notwendig und zweckmäßig fürs Gesamtwohl war. Aber dennoch glaube ich, wenn wir alle in unserem globalen Handeln bewusster vorgehen, hat das globale, sichtbare, weitreichende Konsequenzen.

Ich bewundere Menschen, die rund um die Uhr enthusiastisch und mit voller Power auf diesem Level operieren. Individuell kann das auch mal ganz kur in Vergötterung, Ehrfurcht, und Mindwertigkeitskomplexe eskalieren, aber auch in Sorge und Mitleid, weil ich mich frage, ob diese Altruist_innen wirklich glücklich sein können, ohne sich mal Zeit für sich selbst zu nehmen.

Für mich habe ich herausgefunden, dass mein Altruismus – und vorallem meine Frustrationstoleranz – nicht ausreicht, um vorwiegend auf dem Level zu arbeiten. Vielleicht muss es auch heißen „noch nicht“, denn ich denke ja, dass ich permanent im persönlichen Wachstum bin und nur weil ich etwas jetzt nicht kann, heißt das nicht, dass ich es nicht immer mal wieder probieren sollte.

Die Grenzen der Fremdfürsorge

Von der Erzählweise her müsste jetzt ein Abschnitt folgen, indem ich darüber berichte, ob bzw. wie ich mich stattdessen um Menschen in meinem Umfeld kümmere, wenn schon das gesamtgesellschaftliche Engagement nicht mein Ding ist. Auch das ist aber nicht so einfach.

In den letzten Monaten habe ich eine sehr schwierige, schmerzhafte Erfahrung gemacht. Nämlich, dass das positive Engagement für eine Person im nahen persönlichen Umfeld negative Gesamteffekte haben kann. Wenn’s schief läuft, geht es der anderen Person danach immer noch schlecht, aber zusätzlich auch mir so schlecht, dass ich anderen zur Last falle und es denen aus lauter Sorge um mich auch noch schlecht geht.

Und es lief sehr schief. Ich war in einer Lose-Lose-Situation, in der jede Handlungsoption schlecht war, und ich glaube, ich habe die gewählt, die am wenigsten schlecht war. Konkreter möchte ich hier gar nicht werden, was die eigentliche Situation angeht. (Wer mich persönlich kennt, weiß entweder schon, wovon ich rede, oder wird das beizeiten noch erfahren.)

Aber ich habe daraus die Lehre gezogen: Jede_r ist in aller erster Linie für’s eigene Wohl verantwortlich. Und jede_r ist Spezialist dafür, was er_sie gerade braucht.

Besser, A kümmert sich erfolgreich um A und B kümmert sich erfolgreich um B, als dass A und B sich erfolglos gegenseitig umeinander kümmern.

Zeit für Selbstfürsorge

Sich selbst zu lieben, zu mögen, wertzuschätzen, und eine grundlegende Zufriedenheit mit sich zu haben, ist nicht leicht, aber es ist wichtig. Wenn ihr ihn nicht schon sowieso kennt, muss ich an der Stelle unbedingt auf den Text „Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie“ bei dontdegradedebsdarling verweisen. Los, lesen! 🙂

Es gibt dieses Sprichwort „Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben / kann von anderen geliebt werden.“ sowie diverse Abwandlungen davon. Ich würde das gerne verallgemeinern zu

„Nur wer (mit) sich X, kann anderen Menschen dabei behilflich sein,  X zu tun.“

Und für X lässt sich dann einiges einsetzen, z.B. (die kursiven Einträge habe ich erst nachträglich eingefügt):

  • lieben
  • verstehen
  • zufrieden sein
  • sich entwickeln
  • klarkommen
  • Verantwortung übernehmen
  • ehrlich sein
  • guten Sex haben

Ich beschäftige mich wieder sehr viel mehr mit meinen ganz persönlichen Wünschen, Ängsten, Gefühlen, Grenzen, Gedanken.

Aber die Beschäftigung allein ist nicht alles. Der erste, grundlegende Schritt ist, diese Emotionen überhaupt zuzulassen. Beispielsweise habe ich mir in den letzten Jahren mehr oder weniger verboten, mich zu verlieben, und entsprechend lieblos war mein Leben.

Gefühle wieder zuzulassen, kann zu Beginn ein sehr rationaler Prozess sein. Ab einem gewissen Punkt ist es dann nötig, die Rationalität in den Hintergrund treten zu lassen.

Das Negative ist positiv

Da geht es nicht nur um flauschig-fröhliche Glückseligkeit und unbegrenzte Fröhlichkeit. Ich habe in der letzten Zeit auch (aber nicht nur!):

  • geweint
  • vermisst
  • (mit)gelitten
  • mich für Fehler verurteilt
  • mich verletzt gefühlt
  • Unsicherheiten durchlebt
  • mir Sorgen gemacht

Aber ich habe endlich wieder Wege gefunden, mit diesen (sogenannten) negativen Gefühlen positiv umzugehen. Ich sehe das derzeit als Zeichen dafür, dass ich lebe, dass ich fühle und ein Mensch bin. Das sind Dinge, die ich leider nicht immer in meinem Leben von mir sagen konnte.

Das Persönliche ist inter-persönlich

Und ich kenne tolle Menschen, die das ähnlich sehen, die sich freuen, wenn ich meine Gefühle – egal ob positiv oder negativ (oder beides in einem) – mit ihnen teile. Mit denen ich zusammen Mensch sein darf.

Indem ich mich öffne, zeige ich anderen auch, dass sie sich mir gegenüber öffnen können. Und das wirkt.

Endlich wieder engere Beziehungen zu anderen aufzubauen sehe ich als direkt verknüpft damit, wieder eine enge Beziehung zu mir selbst zu führen. Die Zeit, die ich derzeit darein stecke, mich mit mir selbst zu beschäftigen und an meiner eigenen Zufriedenheit zu „arbeiten“, kommt auf Dauer nicht nur mir zugute.

Gefühle und Gedanken im Einklang

Am besten läuft’s für mich, wenn weder meine Emotionen noch meine Gedanken ein Monopol oder gar eine Diktatur über mein Handeln haben. Ich lege viel Wert darauf, dass beides im Einklang miteinander liegt.

Das hat mehrere positive Auswirkungen:

  • Es hilft mir, meine Gefühle in Worte zu fassen, und mir selbst erklären zu können, wo sie herkommen und wo sie hinführen mögen.
  • Das hilft mir wiederum, tiefgründige Gespräche mit anderen darüber führen zu können.
  • Sowohl Gedanken als auch Gefühle können sich manchmal „verhaken“, das heißt, an einem bestimmten Punkt nicht weiter komme, obwohl eigentlich noch eine bestimmte Entwicklung bevorstehen würde. Der Austausch zwischen beiden kann Bewegung darein bringen.
  • Ich bin anderen Gegenüber verpflichtet, mit meinen Gefühlen verantwortungsvoll umzugehen. Das kann nur klappen, wenn ich meine Gefühle verstehe. Dazu ganz toll: diese Textserie (Teil eins, zwei und drei) von Esme Grünwald.
  • Es trainiert auch, die Gefühle anderer besser zu verstehen.

Nur eine Phase?

Gefühle und Emotionen beschäftigen mich derzeit sehr, und das nimmt Zeit und Raum ein, welche ich vielleicht anderswo einsetzen sollte / wollte. Aber ich sehe das auch als eine befristete Phase der Umgewöhnung. Es ist ja nicht so, dass diese Emotionalität etwas komplett neues, unbekanntes für mich wäre. Es ist nur eine Weile her, dass ich das letzte „so“ war. Diese Meta-Beschäftigung damit wird vorüber gehen. Das heißt nicht, dass ich in naher Zukunft keine Gefühle mehr haben werde oder nicht mehr darüber sprechen werde, aber die Tatsache, dass es so ist, wird mich dann nicht mehr so verwundern.

In meinem Kopf wird wieder etwas mehr Ordnung eintreten. Themen und Gedanken werden sich wieder trennen lassen, so dass ich einzelne Punkte aus meiner Blog-Todo-List abarbeiten kann. Und es wird mehr Zeit bleiben, um mich mit anderen und mit der Gesamtgesellschaft zu beschäftigen.

Fazit: die Fürsorgepyramide

Für mich besteht eine gewisse Fürsorgepyramide. Mich um mich selbst zu kümmern ist Grundvoraussetzung dafür, bedeutungsvolle Bindungen zu den Menschen in meinem Umfeld zu haben. Und diese Bindungen wiederum können eine gute Basis für größere Vorhaben sein.

Jeder Mensch ist anders, und ich möchte nicht sagen, dass diese Pyramide für jeden gültig, richtig und zwingend ist. Aber ich glaube, wer sie gleich als egoistisch und unethisch abtut, läuft Gefahr, die Selbstfürsorge zu vernachlässigen und damit letztlich das Potential zu verlieren, für Freund_innen und den Rest der Welt da zu sein

Das musste ja kommen: Mein Coming Out als Poly

Wer mir auf Twitter folgt, hat in den letzten Wochen u.a. mitbekommen, wie die Anzahl meiner Tweets zu Polyamorie schlagartig von „0“ auf „ungewöhnlich viel“ gestiegen ist. Meine einzige Stellungnahme dazu, wie sehr mich das selbst betrifft, war bisher:

Ich habe also, eher unfreiwillig, die letzten Tage dafür genutzt, darüber intensiv nachzudenken. Bin nicht zu viel anderem gekommen. Selbst mein/unser wichtiges Projekt Aufschreistat liegt seit dem auf Eis, was mir sehr (!) Leid tut. 100% meiner Freizeit für die Selbstfindung zu verbraten kommt mir sehr egoistisch vor, aber mein Unterbewusstsein lässt da gerade nicht wirklich mit sich darüber diskutieren, was sonst gerade wichtig ist. Es tut halt, was es glaubt, tun zu müssen.

Also versuche ich jetzt mal, was aufzuschreiben. Auf dass Kopf und Herz für ein paar Tage Ruhe geben, was das Thema angeht, und mir wieder Raum für anderes lassen.

Das wird jetzt so eine Mischung aus Coming Out, Definitionsversuch, Vergangenheitsverarbeitung (nein, die Vergangenheit wurde in einen zukünftigen Blogpost ausgelagert), Zukunftsträumen und einem Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber allem, was konservative Einstellungen uns sonst zu denken und fühlen verbieten.

Und es wird der Versuch, mein Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen positiv zu interpretieren, nachdem ich Jahrzehntelang nur eigene Defizite darin gesehen habe. Fakt ist, ich schreibe seit etwa Weihnachten 2012 an einem langen, schwierigen Blogpost, in dem ich meine Unfähigkeiten im Zwischenmenschlichen miteinander thematisiere. Dieser hier könnte jenen dort überflüssig machen. Achtet mal drauf, wie oft in diesem Blogpost steht „Ich kann“ oder „Ich könnte“ steht. In dem anderen, unveröffentlichten Text steht ähnlich oft, was ich alles nicht kann. Positive Thinking FTW!

Und es wird lang. Auch das tut mir Leid, aber gerade muss ganz viel raus. Ich habe mich aber sehr bemüht, es dennoch in eine verständliche Struktur zu bringen.

Was ist Polyamorie?

Ich bin nicht geeignet, da eine exakte Definition zu geben. Fuck, ich hab bis jetzt nicht mal den gleichnamigen Wikipedia-Artikel gelesen! (Vorsicht, der ist noch länger als mein Blogpost hier.) Was soll ich also dazu sagen? Ich habe natürlich eine eigene Vorstellung davon, was das für mich bedeutet, aber die kann ich schlecht hier vorweg nehmen, die baut sich durch den Artikel hindurch nach und nach auf.

Aber ich probiere es mal so ganz grob mit einer höchst persönlichen Definition ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

Polyamorie umfasst eine Menge von Beziehungsformen, Einstellungen und Handlungsweisen, die darauf abzielen, intime Kontakte zu mehr als einer anderen Person gleichzeitig zu führen. Intimität kann sich hier sowohl sexuell, als auch in nicht-sexuellem Körperkontakt oder gänzlich ohne Körperkontakt ausdrücken, und natürlich vielfältige emotionale Verbindungen enthalten. All diese Kontakte finden im Konsens und Wissen aller beteiligten statt.

Aber prinzipiell schwebt mir gerade etwas anderes vor, als allgemeingültige Definitionen. Ich will zeigen, was das für mich selbst bedeutet.

Die Grenze zwischen Freundschaft und Partnerschaft…

…war für mich immer schon schwierig. Aber ich hatte die Vorstellung, die Grenze wäre nunmal da und müsste von mir auch akzeptiert werden.

Zunächst hat beides für mich die selbe Zielgruppe: Die Charaktereigenschaften, die jemanden für mich als gute Freund_in interessant machen, sind die selben, die ich auch von einer potentiellen Partnerin erwarte. Und aus irgendwelchen Gründen – sorry, Jungs – kann ich mir wirklich enge und erfüllende Freundschaften fast nur mit Frauen vorstellen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Partnerschaften passieren für mich also so: Ich treffe eine Frau, verstehe mich gut mit ihr, wir werden gute Freundinnen. Es folgt einige Zeit, in der wir viel Spaß miteinander haben. Und dann wird plötzlich „mehr“ daraus. Vielleicht auch nie, das ist für mich auch o.k. (Das ist übrigens der Punkt, wo ich mich schon immer von „friendzone-critical nice guys“ unterschieden habe.)

Das war schon immer ein universelles Muster meiner Beziehungs-Anbahnung, und ich denke, vom Ablauf her ändert sich auch jetzt nichts daran.

Und dann wird „mehr“ daraus?

Was aber nun ins Wanken gerät, weil es eigentlich nie auf einem festen Sockel stand: Worin besteht eigentlich dieses „mehr“?

  • Es könnte sexuelle Anziehung sein.
    • Aber die passiert im Kopf, und bei mir bleibt sie u. U. auch da. Ich kann eine Frau sehr sexy finden, aber trotzdem „ganz normal“ mit ihr umgehen, so dass sie sich niemals objektifiziert fühlen muss
    • Und ich kann eine glückliche (auch sexuelle) Beziehung zu einer Frau aufbauen, die gar keine besonders große optische Anziehung auf mich hat.
  • Es könnten sexuelle Handlungen sein.
    • Aber ich kann auch eine sehr innige Beziehung führen, die dauerhaft ohne Sexualität auskommt. Das schaffen asexuelle Personen, und ich als demisexuelle schaffe das ebenso.
    • Genauso gut könnte ich sexuelle Kontakte zu Menschen haben, zu denen ich keine Beziehung führe.
  • Es könnte Zärtlichkeit sein, wie z.B. Umarmen, Küssen, Kuscheln.
    • Aber ich finde, das können teilweise auch wichtige Elemente in einer Freundschaft sein.
    • Und ich kann eine Art Beziehung zu einer Person führen, die nichts von alledem enthält, und auf einer seelischen Ebene dennoch inniger ist als so machne sexuelle Beziehung anderer Menschen.
  • Es könnte die seelische Verbundenheit sein.
    • Aber die kann auch im Rahmen einer Freundschaft beliebig groß sein. Ich bin in der Lage, mit einer anderen Person komplett zu verschmelzen, und kann es dennoch Freundschaft nennen.
    • Ich kann auch in einer Partnerschaft sein, in der die seelische Verbundenheit (zeitweise?) relativ gering ist, aber sie dennoch aufrecht erhalten, weil sie sich für uns beide trotzdem gut anfühlt.
  • Es könnte der gemeinsame Haushalt sein.
    • Aber ich kann auch in einer WG mit Freund_innen wohnen.
    • Oder eine romantische Beziehung führen, bei der alle ihre eigenen Wohnung haben.
  • Es könnte die Exklusivität sein.
    • Aber auch in reinen Freundschaften gibt es ab und zu Eifersucht und Anspruchsdenken, und auch ich kann mich nicht davon freisprechen.
    • Und auch in einer Beziehung, gerade wenn ich die andere Person liebe, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute. Wir könnte ich von einer Person, die ich liebe, verlangen, dass sie sowohl im Geben als auch im Nehmen auf Nähe zu anderen Menschen verzichtet? Wie kann eine Person, die mich liebt, mit das nehmen wollen?

Fazit: Mein Konzept davon, was Freundschaften sind, und was Partnerschaften, ist am Boden zerschellt und in 1000 Teile zersprungen. Und das ist toll!

Denn dieses Konzept hat eh noch nie zu meinen Gefühlen gepasst. Wie meine Partnerschaften entstanden sind, und wie sie wieder geendet haben, kam mir komisch vor, und in einem offeneren Begriffsraster kann ich sowohl das, was war besser erklären, als auch mir alternative Anfänge, Mitten und Enden vorstellen, die besser gewesen wären.

Hab ich gerade „meine Partnerschaften“ geschrieben, im Plural? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gesagt, ich hatte bisher nur eine Partnerschaft gehabt. Aber es gab da eine intensive Freundschaft in meinem Leben, die für mich immer schon ein bisschen wie eine Beziehung war, und nun weiß ich: wenn ich das schon sprachlich entweder als Freundschaft oder als Beziehung/Partnerschaft einordnen muss, dann doch lieber letzteres. Zumindest ein paar intensive Wochen innerhalb dieser vielen Jahre haben diese Bezeichnung verdient und damit fühle ich mich wohler. (Auch wenn meine „erste Partnerin“ das vielleicht ganz anders sehen würde. Das sei ihr unbenommen.) (Nachtrag vom 25.2.2013: Nein, solange ich da einteilen *muss*, fühle ich mich eigentilch gar nicht mehr wohl. Das, was wir zwei damals miteinander hatten, lässt sich einfach nicht mit diesen alten Worten beschreiben.)

Wie zukünftige Beziehungen für mich aussehen könnten

Für die Zukunft gab es immer schon widerstrebende Ziele, zwischen denen ich mich scheinbar entscheiden müsste. Jetzt kommen mehr Möglichkeiten dazu, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf weniger davon verzichten zu müssen.

Ich kann jetzt, ganz plötzlich, Dinge denken, die früher undenkbar waren. Nicht nur das: Ich kann sie träumen. Sie fühlen. Die Vorstellung genießen.

Ich kann mir nun vorstellen…

  • … dass ich zwei nette Frauen kennenlerne, und wir eine absolut gleichberechtigte Dreierbeziehung aufbauen. Vielleicht „ganz klassisch“ einen gemeinsamen Haushalt führen, Kinder bekommen, eine Familie sind, und wir uns dazu entscheiden, dass diese Beziehung nach außen ziemlich geschlossen ist. Wenn das Gesetz das irgendwann erlaubt, heiraten wir drei vielleicht auch.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer einzigen Frau führe, die ein bisschen offener ist, und uns beiden emotional und sexuell mehr Freiheiten lässt.
  • … dass ich viele Freundschaften führe, von denen mehrere auch zärtliche, romantische oder sexuelle Elemente haben, ohne dass diese dadurch einen formellen Beziehungsstatus haben.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer Frau führe, und diese jemand anderes kennenlernt, der ihr_e neue Hauptpartner_in wird. Unsere Beziehung wird zu einer Freundschaft „zurück gebaut“, aber diese Freundschaft bleibt sehr innig und ich bleibe ein wichtiger Teil ihres Alltags, und wenn wir Lust haben, „alte Zeiten“ wieder kurzzeitig aufleben zu lassen, dann ist das für alle o.k.
  • … dass ich zusammen mit einer bisexuellen Frau Teil einer dauerhaften Konstellation mit einem Mann bin. Dabei würde ich wohl nur mit ihr Sexualität teilen, da Männer für mich sexuell sehr uninteressant sind. Aber es könnte zwischen ihm und mir eine enge emotionale Verbindung und gegenseitige Verantwortung bestehen, vermutlich auch Kuscheln.
  • … dass ich eine extrem intensive Beziehung zu einer Frau führe, in der es trotzdem keine Sexualtität gibt. Vielleicht wollen wir beide das nicht, vielleicht nur eine von uns. Und vielleicht lebt die andere von uns ihre Sexualität woanders aus. Vielleicht liegt das daran, dass ich und/oder sie nocht nicht damit klarkommen, wie mein Körper derzeit beschaffen ist, und ändert sich später einmal, wenn sich auch mein Körper geändert hat.
  • … dass ich eine monogame, treue Beziehung zu einer Frau führe, und mein Leben in der Zeit keine polyamoren Elemente hat, und das „besondere“ ist nur, dass wir uns ganz freiwillig und im Bewusstsein aller Alternativen genau dafür entscheiden. Nicht, weil das eben so sein muss.
  • … dass ich über Jahrzehnte Teil einer „durchgehenden“ Beziehung bin, in der alle paar Jahre mal jemand dazu kommt oder jemand ausscheidet, wie in einer WG oder einer Rockband, die ja auch ein Stück weit ihre Identität behält, selbst wenn keines der Gründungsmitglieder mehr dabei ist.
  • … dass für mich die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Beziehung noch weiter zerspringt, so dass ich (anders als bei den Vorherigen Beispielen) gar nicht mehr in der Lage bin, mein Verhältnis zu anderen Menschen mit diesen Begriffen zu umreißen. Oder es kommen viele neue, evtl. scharf abgegrenzte Kategorien hinzu.

Und es könnte, gleichzeitig, zeitlich überschneidend oder auch einfach nacheinander vieles von dem da oben eintreten, nicht nur eines.

Was aber nicht mehr sein kann:

  • … dass ich eine Beziehung führe, bei der von Seiten meiner Partnerin_nen die Erwartung besteht, dass meine Freundschaften emotional sehr oberflächlich bleiben und es keinerlei Körperkontakt gibt. Das ist eine Mindestanforderung an Freieheit, die auch für Mono-Beziehungen gelten sollte, aber das war bei mir leider nicht immer so.
  • 1000 andere legitime Formen der Beziehung, die ebenfalls unter den Begriff „Polyamorie“ fallen, aber für mich nicht interessant oder denkbar sind. Mir fehlt da gerade die Kreativtät, um mir solche Negativbeispiele auszudenken, aber es gibt da sicher einiges.

Was fehlt?

Jeder Mensch ist anders. Ich auch.

Ich kann mich daher nur sehr oberflächlich da hinein versetzen, wie mein Artikel bisher auf Leser_innen wirkt, für die Polyamorie ein eher entferntes Konzept ist. Überraschung? Überforderung? Erkenntnis? Sorge? Ekel? Das Gefühl moralischer Überlegenheit? Ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick fehlt vielleicht vieles, was eine „normale“ Zweier-Beziehung so schön macht. Nähe. Verantwortung. Dauerhaftigkeit. Romantik. Aufopferung. Sicherheit. Liebe. Magie. Ich genieße all diese Dinge, möchte das meiste davon nicht missen. Ich liebe und lebe diese „klassischen Werte“. Meine letzte Partnerin und ich hatten das alles damals sehr zelebriert. Für die meisten waren wir „Das Traumpaar“ oder „Der Beweis, dass die wahre Liebe doch noch existiert“. Kritischere Menschen hätte – wenn ich damals welche gekannt hätte – das als „übelstes Rumheten“ bezeichnet, immerhin waren wir damals noch als Mann und Frau identifiziert. („Rumheten“ kenne ich übrigens aus diesem Blogpost von Khaos.kind, wo ich mich im November 2012 in den Kommentaren auch erstmals zu Poly-Konzepten äußerte) Es ist nicht so, als wenn ich all das bewährte nun wegwerfe und eine Liebe abseits dessen suche. Ich rücke es nur in einen neuen, erweiterten Kontext.

Von den meisten Beispielen, die ich oben kurz angerissen habe, lassen sich „defizitäre“ Ausprägungen bilden. Das heißt, mensch kann sich jeweils vorstellen, dass sowas komplett daneben gehen kann, oder dass es für mindestens eine der Beteiligten sehr unzufriedenstellend verläuft. Aber das gleiche gilt für monogame Beziehungen, auch die verlaufen oft suboptimal oder sogar schädlich. Polyamorie ist sicher nicht das Allheilmittel, aber auch keine per se problematische Sache. Es bieten sich einfach viel mehr Gestaltungsfreiheiten, die sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen lassen.

Auch ist es bei vielen der Beispielen leicht möglich, sich eine egoistische Variante vorzustellen, bei der zwar für mich alles toll läuft, besser als in einer Mono-Beziehung, aber die anderen Partner_innen darunter leiden. Aber nichts läge mir ferner. Ich denke, ich bin sogar recht weit bereit, andersherum meine eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es meinen Herzensmenschen dadurch gut geht. (Allerdings auch nur, solange das freiwillig geschieht, ich stehe gar nicht drauf, unterdrückt zu werden.)

Ich gehe derzeit davon aus, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, mehrere Menschen gleichzeitig von ganzem Herzen zu lieben. Eine Zeit lang dachte ich, damit fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für Polyamorie jeder Art, so dass mich das ganze Konzept nicht sonderlich angesprochen hat. Jetzt weiß ich, dass nicht alle polyamoren Beziehungsformen diese Grundvoraussetzung haben. Durch diese eine Unfähigkeit fallen manche (aber längst nicht alle) der Zukunftsvisionen von oben für mich weg, z.B. die oberste. Das heißt, ich kann mir das als angenehme Vision vorstellen, aber fürchte, das diese Variante in der Praxis nicht für mich funktionieren würde.

Wenn ich in einer Beziehung bin, brauche ich eher viel Zuneigung, nicht alle oben aufgelisteten Alternativen können das bieten. Daher sind nicht alle auf Dauer für mich geeignet, aber zwischendurch für ein paar Monate oder Jahre vielleicht eine schöne Sache und besser, als komplett allein zu sein. Oder parallel zu anderen Konstellationen, die mir die nötige Zuneigung bieten. Aber ich brauche eben nicht alle Zuneigung, vermutlich nicht mal das allergrößte Stück. Ich kann teilen.

Ich suche nach Wegen, bei denen prinzipiell nichts fehlt, sondern mehr drin ist.

Normale Freundschaften

Ich habe oben mehrfach betont, dass auch relativ „gewöhnliche“ Partnerschaften Teil meines weiteren Lebensentwurfs sein können, da mir das erwähnenswert erschien. Im Bereich der Freundschaften ist das für mich so selbstverständlich, dass ich es fast vergaß, auszuschreiben:

Ich respektiere natürlich nach wie vor, dass für viele andere Menschen eine ganz klare Trennung zwischen Freundschaft und Partnerschaft besteht. Wer mit mir befreundet ist, braucht sich keine Sorgen machen. Persönliche Freiheitsräume, Konsens, Respektieren von Grenzen… all das ist mir wichtiger als je zuvor. Für alle, die nicht plötzlich das dringende Bedürfnis entwickelt haben, mit mir zu kuscheln, ändert sich nichts 🙂

Ansonsten hoffe ich durchaus, dass auch meine Freundschaften sich in gewissen Weisen positiv verändern. Das hängt für mich ganz persönlich auch mit dieser ganzen Poly-Sache zusammen, aber jener Zusammenhang wird aus diesem Blogpost nicht ersichtlich, wie ich das meine. Das konkretisiere ich ein andern mal.

Warum so plakativ?

Warum schreibe ich das alles? Posaune es im Netz heraus? Mache mich damit ggf. angreifbar?

Wie gesagt, ganz zu Beginn war das für mich schwer, mich dazu zu positionieren. Aber eigentlich habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit Coming Outs. Das erste, als Transsexuelle, war noch schwierig. Das zweite, als Lesbe, ging gleich damit einher und nichts hätte einfacher sein können als das.

Beides hat mir gezeigt: es tut gut, sich nicht mehr zu verstecken. Es macht keinen Sinn, etwas anderes darzustellen, als eins ist. Durch die Positionierung verliert eins ggf. einige Menschen, die nicht damit klar kommen, aber gewinnt sehr viele neu dazu, die genauso fühlen. Oder die vielleicht ganz anders fühlen, aber Diversity für sich als etwas positives entdeckt haben und einen vielfältigen Freundeskreis schätzen.

Meine Poly-Einstellung ist vermutlich genauso grundlegend für meine Identität wie meine Geschlechtsidentität als Frau oder meine sexuelle Orientierung als Lesbe. Vielleicht noch wichtiger. Jetzt, wo mir das alles bewusst ist, käme es mir unehrlich vor, es zu verschweigen.

Ich schäme mich kein bisschen, weil ich glaube, dass niemand sich dafür schämen muss. Ich halte meine Einstellung für nicht mehr oder weniger ethisch als die allgemein übliche monogame Einstellung. Nur eben etwas anders, und wohl auch etwas anspruchsvoller. Nichts, dass ich jedem uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen würde, wohl aber zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Sicher wird es Menschen geben, die mich dafür kritisieren. Aufgrund meiner abstrakten Erklärung hier halte ich das für unangebracht – ich werde in meinem restlichen Leben noch genug Fehler in solchen Poly-Beziehungen machen, um dann konkrete Kritik anzunehmen.

Ich werde wohl keine große „Ich bin auch Poly“-Outing-Welle nach mir ziehen. Aber wenn ich mit meinem offenen Umgang ein Stück weit Vorbildfunktion für irgendwen habe, ist das toll.

Vielleicht ist das auch alles leicht übertrieben, und nachdem das in meinem Kopf alles etwas runter gekühlt ist, könnte es sein, dass das Thema wieder uninteressanter für mich wird und mein Leben überwiegend monogam verläuft. Wer weiß. Solange ich in einer Welt lebe, in der die große Mehrheit der Menschen monogam geprägt sind, ist das wohl sogar das wahrscheinlichste. Aber selbst dann wird es eine positive Auswirkung darauf haben, wie ich diese Partnerschaften mitgestalte.

Und jetzt für den Moment fühlt es sich großartig an, frei darüber zu denken, zu träumen, zu planen, zu hoffen, zu schreiben und zu sprechen. Der Gedanke an all die Möglichkeiten, zu lieben, macht mich total high. Ich teile das gerne und würde platzen, wenn ich das alles weiter für mich behalten müsste! Freut euch gefälligst alle ein bisschen für mich mit! 🙂

PS:

Der Blogpost ist lang geworden. Alle, die bis hier durchgehalten haben, habe ich besonders lieb! Aber natürlich auch die, denen es zu lang war.

Und dabei ist es nur die Hälfte von dem, was ich sagen wollte. Es gibt eine andere Hälfte, in der es um mein bisheriges Leben geht, und wie mich die Verweigerung von Poly-Gedanken darin behindert hat. Das folgt demnächst als einzelner Blogpost, da dieser ja doch ganz gut allein für sich stehen kann.

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.

Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Abschied vom eigenen Leben, auch ohne dass man sterben will

Eine Art Trigger(ent?)warnung: Ich denke, von all dem, was man zu Suizid schreiben kann, ist das her wohl eher weniger triggernd, aber genau einschätzen ich es nicht. Im Zweifelsfall vielleicht lieber die Finger von diesem Text lassen. Viel gefährlicher ist da ein unten verlinktes Video, das hat aber vor Ort nochmal seine eigene Warnung.

Kurzzusammenfassung: Suizid ist bei Trans*menschen extrem häufig. Ich bin da quasi eine Ausnahme, denn ich wollte mich noch nie töten. Ich dachte aber damals trotzdem, dass ich mich von meinem Leben verabschieden müsste, um glücklich zu werden. Es kam dann zum Glück anders, jetzt suche ich Zusammenhänge.

Ich habe noch nie ernsthaft erwogen, Suizid zu begehen. Der Gedanke liegt mir so fern, dass ich mir immer völlig bewusst war, dass ich mich in Menschen mit Suizidabsicht absolut nicht hinein versetzen kann. Auch jetzt habe ich absolut keine Suizidabsicht, aber mir wurde heute klar, dass ich mich vor 1,5 Jahren durch mein bevorstehendes Coming Out vielleicht doch in einer grob vergleichbaren Lage befunden habe. Wie kommt die Erkenntnis nun?

Ein Film löst Gedanken aus

Ich habe gestern einen sehr packenden Dokumentarfilm über Jugendliche mit Suizidgedanken gesehen, in erster Linie über eine junge Frau, die nach sieben „missglückten“ Suizidversuchen zurück zur Freude am Leben gefunden hat und nun selbst Beratung für akut gefährdete Jugendliche anbietet. Zu der Doku möchte ich gar nicht viel sagen, außer, dass sie sehr sehenswert ist, aber auch sehr bedrückend sein kann und mit Erzählungen und bildlichen Darstellungen, die triggern können, nicht geizt. Also eine ausdrücklich Triggerwarnung für das folgend verlinkte Video! Und nun der Link zum Video. Jene Sendung hat bei mir gestern und heute Gedanken in Gang gesetzt, also zurück zu mir.

Transition als Risikofaktor

Ich befinde mich nun seit etwa 1,5 Jahren in der Transition, quasi auf dem Weg zum Frausein. Vom ersten Tag an war da dieser Gegensatz: Einerseits lebe ich nun zu 100% als Frau. Was soll da noch groß kommen? So gesehen bin ich fertig. Und doch ist da so unglaublich viel, das noch nicht passt, und wo nur medizinische (genauer: somatische) Maßnahmen helfen. Da ist noch so viel zu tun. Vor 1,5 Jahren ist noch nichts davon geschehen. Und heute? Ist genau so wenig geschehen. Nichts. Nada. Medizinisch betrachtet bin ich immer noch vor meiner Transition. Ich bin in der Wartephase.

Diese Lebensphase ist für viele transsexuelle Menschen die letzte ihres Lebens. Es gibt in dieser Phase die höchste erfasste Suizidrate. Wie man in der rechts stehenden Grafik (Klick vergrößert, hoffentlich) eindrucksvoll sehen kann, geht die Suizidrate nach der Transition quasi auf 0 herunter, oder zumindest auf einen so niedrigen Wert, wie er vermutlich auch im (zumeist cissexuellen) Bevölkerungsdurchschnitt zu erwarten ist. Davor sind die Zahlen aber erschreckend hoch. Oft wird gesagt, eine Transition dauere so um die 6 Jahre bis man sich wirklich komplett angekommen fühlt. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 23% Korrektur: 27% pro Jahr, einen Suizid zu versuchen, beträgt die Chance, nach 6 Jahren mindestens einen Versuch hinter sich zu haben, 85%. (Die Grafik kursierte übrigens ohne genauen Quellenbezug auf Twitter, ich habe da nur ein bisschen Farb- und Perspektivkorrektur für die Leserlichkeit hinzugefügt.)

Und dann ist da noch die Dunkelziffer jener Trans*menschen, die nicht mal die offizielle Phase des Wartens erreichen, da sie ihrem Leben ein Ende setzen, noch bevor jemals jemand anderes von ihrer Transsexualität erfahren hat. Oftmals haben sie vielleicht selbst noch nicht mal die konkrete Einsicht, dass nun genau *das* das Problem ist. So oder so, sie tauchen in Trans*spezifischen Statistiken natürlich nicht auf.

Die genaue Größe von Dunkelziffern ist natürlich nie bekannt, sind ja schließlich Dunkelziffern. Ich denke aber, in diesem Fall gibt es relativ zuverlässige Weisen, das abzuschätzen, und wenn ich das im Kopf mal durchgehe, komme ich zur Vermutung, dass es mehr deutlich mehr tote als lebendige Trans*menschen gibt. Wie ich dazu komme, verblogge ich vielleicht später einmal, aber vorerst soll hier die bloße Vermutung reichen.

Die Zeiten, über die ich bisher nicht viel geschrieben habe

Ich habe nach meinem Coming-Out begonnen, sehr persönliches aus der Zeit vor dem Coming-Out zu bloggen. Kindheit, Jugend, frühes Erwachsen sein… und dann kamen Posts über aktuelles, wie es mir als Frau so geht. Die eigentliche Coming-Out-Phase habe ich ausgespart, insbesondere das innere Coming-Out, also das mir-bewusst-werden. Und darüber möchte ich nun langsam mal beginnen, zu schreiben.

Denn genau dazu ist mir heute etwas bewusst geworden. Ich bin an die Transition mit völlig falschen Vorstellungen heran gegangen. Ich hatte fast mein Leben lang eine so negative Erwartungshaltung dazu, dass ich gar keine Lust hatte, mich mit dem Thema überhaupt auseinander zu setzen. Und selbst, als ich das dann doch tat, war meine Erwartung düster. Ich habe recherchiert, wie es anderen dabei so ergangen ist. Auch das war meist niederschmetternd und bedrückend. Viele haben den Kontakt zu ihre gesamten Familie verloren, zum Großteil des Freundeskreises, zu Bekannten und Arbeitskollegen. Haben Job und Wohnung verloren, mussten in eine andere Stadt ziehen, haben ein komplett neues Leben begonnen. Manchmal war dieses „neue Leben“ ebenso bedrückend und einsam, manchmal ist es alles besser geworden. Aber unabhängig davon, was das neue Leben bringen würde, das alte Leben haben sie zunächst hinter sich gelassen.

Als ich mir also die Frage stellte: „Will ich diesen Weg gehen?“, habe ich mich auch ganz bewusst damit auseinander gesetzt, ob ich all diese Verluste ertragen könnte. Ob ich es dafür riskieren würde, mein „altes Leben“ komplett hinter mir zu lassen.

Statistische Abwägungen

Ich gehe auch an solche emotionalen Sachen sehr nüchtern ran, wenn es mir sinnvoll erscheint. Also habe ich Statistik betrieben. Habe geschaut, welchen Anteil der Familie andere verloren haben. Die Werte haben da bei anderen extrem gestreut. Und ich habe nur einen sehr kleinen Familienkreis, der mir wirklich extrem am Herzen liegt, so etwa 3 bis 5 Menschen. Bei solch kleinen Zahlen kann man keine genauen statistischen Vorhersagen machen. Anders beim Freundeskreis: Da konnte ich ermitteln, dass andere so oft bis zu 85% verloren haben, dass ich das auch bei mir nicht ausschließen könnte. Zu dem Zeitpunkt habe ich praktisch keine extrem engen Freunde gehabt, aber vergleichsweise viele Menschen, die ich zu sehr mochte, um sie nur „Bekannte“ zu nennen. Alles in allem waren da also 20 bis 30 Freunde, die mir damals alle etwa gleich wichtig waren. Davon würden im schlimmsten Fall noch 3 bis 4 übrig bleiben, vermutlich sogar mehr. Ich habe das wirklich mehrere Tage lang durchdacht, ob ich damit leben kann.

Und indem ich zum Schluss gekommen bin „ja, ich kann das und wenn nötig, tu ich das“ habe ich mich eigentlich von all dem, was ich hatte, innerlich verabschiedet. Es gab wirklich einen Tag, da habe ich vorsorglich zu all dem innerlich, aber deutlich „Tschüss, es war schön mit euch!“ gesagt. Und mir wurde auch klar, dass es in meinem Leben andere Zeiten gab, wo mein Freundeskreis deutlich anders strukturiert war, also viel weniger Freunde, und die lagen mir dafür noch mehr am Herzen. Davon 85% zu verlieren – praktisch konnte das also heißen, alle, denn man behält keine 0,4 Freund übrig – hätte ich wohl nicht riskiert. So gesehen waren es schon besondere Umstände, die jetzt den Schritt möglich machten.

Auch sonst stand Wandel bevor: Studium fast fertig, Beziehung im Arsch, ich wollte ein Unternehmen gründen und dafür vielleicht in eine andere Stadt ziehen, vermutlich Berlin… so oder so hätte ich in Kürze vielleicht ein mehr oder weniger neues Leben angefangen und vieles hinter mir gelassen. Auch das hat es mir deutlich leichter gemacht, vielleicht alles zu verlieren.

Ernüchterung im postiven Sinn

Ich habe das damals maßlos überdramatisiert. Nicht von all dem ist passiert. Ich habe meine Freunde behalten, meine Familie, meine Bekannten, meinen Job, meine Wohnung, mein Studium… alles. Und habe so viel neues dazu gewonnen. Doch die Vorbereitung auf den Verlust war sicher nicht so verkehrt, denn in vielerlei Hinsicht lag es nicht in meinem Einfluss, ob ich all das verlieren würde.  Ich habe einfach verdammt viel Glück gehabt. Wenn ich mich daran erinnere, wie meine Coming-Out-Mail formuliert war, so war ich zu dem Zeitpunkt wohl auch schon längst nicht mehr so pessimistisch. Immerhin habe ich darin Tipps gegeben, wie man in Zukunft mit mir umgehen könnte, und nicht dazu, wie man mir in Zukunft aus dem Weg gehen kann.

Die Dinge, über deren Verabschiedung ich in den letzten Absätzen geschrieben habe, sind allesamt wertvolle Aspekte, deren Wichtigkeit ich gar nicht in Worte fassen kann. Aber letztlich sind das alles Äußerlichkeit, im Sinne von „außerhalb von mir selbst“. Habe ich irgendetwas in mir selbst verloren? Nein, hab ich nicht, aber dennoch habe ich mich sogar darauf vorbereitet. Und das war nun wahrlich überflüssig, denn was in mir selbst passiert, war ja nun mal weniger von außen beeinflusst, sondern lag in meiner Hand. Niemand kann mich dazu zwingen, mich selbst zu verlieren, außer vielleicht ich selbst. Aber die Selbstentfremdung war ja nicht mal etwas, was ich als mögliches Risiko gesehen habe, sondern vielmehr als unumgänglichen Preis den ich nun mal zahlen muss. Ich fand mich selbst – mal vom körperlichen abgesehen – ja gar nicht schlecht, aber dennoch dachte ich: diese Identität, dieses „ich“ muss ich jetzt hinter mir lassen.

„Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“

Dieser merkwürdige Satz ging mir tagelang in genau der Weise im Kopf herum. „Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“ Mal hat er mich traurig gemacht, mal habe ich das nüchtern gesehen. Manchmal sehr abstrakt, aber manchmal habe ich da auch einen Sarg gesehen, in dem mein altes Ich liegt, drumherum ein Friedhof, und mein neues Ich steht am Rand des Grabes und lässt den Sarg langsam herab. Außer meinen beiden Ichs ist niemand da, der dem Begräbnis beiwohnt. Ja, ziemlich bescheuert diese Vorstellung, ich weiß.

Dass dieser Gedanke des Sich-Selbst-Abschaffens ebenso unsinnig ist wie dessen malerische Ausgestaltung auf dem Friedhof wurde mir dann auch sehr schnell klar, wohl auch vor dem öffentlichen Coming Out. Ich bin immer noch ich, und wie man so schön sagt: jetzt noch viel mehr als zuvor. Den komischen Spruch hatte ich trotzdem noch ein paar Monate im Ohr.

Gab es vielleicht trotzdem Teile von mir, die ich hinter mir gelassen habe? Vielleicht das Gefühl, ein Mann zu sein? Nein, so sehr ich auch danach gesucht habe, eigentlich war so ein Gefühl nie dar, da gibt’s nichts zu begraben. Mit meinem alten Namen hatte ich mich immer sehr stark identifiziert, hatte z.B. nie den Bedarf gesehen, mir einen „Nickname“ zu geben. Ich hab ja gar nichts gegen den Namen, er passt nur nicht zu mir. Ansonsten ist er ja schön und gut, ich könnte mir auch vorstellen, mein eigenes Kind so zu… nee, das nun nicht gerade, das wäre doch etwas freaky 😉 Den Name habe ich dann also wirklich langsam zu Grabe getragen, denn auch wenn ich ihn seit 1,5 Jahren nicht mehr benutze, ist es doch immer noch mein amtlicher Name und steht auf ca. 50% der Briefe, die mich erreichen. Aber nicht mehr lange, theoretisch wird meine Vornamensänderung morgen endlich rechtskräftig. Bis alle Papiere und Datensätze umgestellt sind wird es sicher noch mehrere Monate dauern.

Was mich von Menschen mit Suizid(gedanken)erfahrung unterscheidet

Aber fasse ich mal zusammen: ich war offenbar schon mal an dem Punkt, an dem ich bereit war, nicht nur die äußerlichen Aspekte meines Lebens, sondern auch mich selbst komplett aufzugeben. Und ich denke, diese Bereitschaft braucht es auch zum Suizid. Es ist natürlich vollkommen klar, dass dazu auch noch vieles andere gehört, dass ich in meinem Leben noch nie erfahren habe und hoffentlich auch nie erfahren werden. So ist z.B. die Sicht auf die Zeit danach eine völlig andere.

Ich habe mein damaliges „Leben“ – nicht im biologischen Sinn – aufs Spiel gesetzt, um die Chance zu erhalten, danach ein besseres leben zu können. Hätte ich über Suizid nachgedacht, dann doch mit der Gewissheit, dass danach absolut nichts mehr kommt. Wobei es ja durchaus Menschen gibt, die an ein nicht-irdisches Leben nach dem Tod glauben, oder an eine irdische Wiedergeburt. Da mag die Hoffnung auf eine zweite Chance vielleicht sogar ganz ähnlich gelagert sein wie bei mir. Womit man aber beim Suizid wohl kaum zu rechnen braucht: dass man sein altes Leben behält und gleichzeitig trotzdem alles besser wird. Und genau das habe ich mir – trotz schlimmerer Befürchtungen – die ganze Zeit erhofft und genau das ist passiert.

Ich kann und will mich also, aus diesem und weiteren Gründen, keinesfalls irgendwie „gleichsetzten“ mit Menschen, die echte Suiziderfahrungen haben, das wäre überheblich und respektlos von mir. Ich kann mir nur eingestehen, dass ich in gewissen Teilen dieser Thematik schon viel näher gekommen bin, als ich bisher bewusst zugegeben habe.

Und jetzt nochmal mit Zusammenhang

Ich habe also geschrieben, dass Trans*menschen sehr oft Suizid begehen oder zumindest ernsthaft darüber nachdenken, und wie ich damals eine kurze Phase der Selbstentfremdung hatte, die irgendwie so ganz entfernt Ähnlichhkeit mit Suizidgedanken hatte. Wo ist jetzt der Zusammenhang, den ich suchte? Nun, ich glaube, dass die Gesellschaft diese schlechten Signale verstärkt, die einem sagen, dass Coming Out und Transition das Leben zerstören können. Das führt dann dazu, dass viele mit diesem Schritt so lange warten, bis sie nichts mehr zu verlieren habe, bis sie also akzeptieren können, alles zu verlieren. Und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele gleich den finalen Schritt zur Selbsttötung gehen. Wäre es bekannter, dass eine Transition gar nicht so eine wilde Sache ist, dann würden vielleicht mehr Menschen den Schritt schon gehen, wenn sie noch weit von Suizidgedanken entfernt sind.

Und dann frage ich mich nochmal:

Warum schreibe ich das nun eigentlich? Es musste irgendwie raus. Ich habe direkt nach dem Coming Out mit den meisten meiner Freunde über die bevorstehende Zeit gesprochen, aber eigentlich nie mit jemandem über die Zeit kurz davor. Der Fakt, dass es seit 1,5 Jahren nicht weiter geht, dass ich immer noch am Anfang stehe, macht es mir aber schwerer,  mich von diesen Anfangszeiten komplett zu lösen und nicht mehr daran zu denken. Der zu Beginn erwähnte Film hat mich dann auch nochmal nachdenklich gemacht.

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen „genau so“. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu „verbieten“ würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien „Transsexuell“ (TS) und „Intersexuell“ (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen „TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden“, „TS und IS haben nichts miteinander zu tun“ oder „IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS“. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und „ca. 2000“ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher „Abweichungen“. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt „das Geschlecht“ braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach „durchs Raster“ gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur „männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“ sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe „männliche Zuordnung“ mit „männlicher Identität“ gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem „anderen“ Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine „andere“ Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit „?“ gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände („männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage „Wann?“ erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt „zur Frau umoperiert“ wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als „intersexuelle Frau“ zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja „ihr Bestes“ getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als „Frau“ bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als „Lesbe“ und/oder „Mannsweib“ bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als „intersexuellen Mann“ bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern „eine Frau die zum Mann werden will“, oder diplomatischer ausgedrückt ein „Trans-Mann“. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für „Mann-zu-Mann-Transsexuelle“ würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem „Cis-Mann“ sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau „umoperiert“ wurde, und somit eine „Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch“ ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als „Transident“ oder „Transgender“ bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem „Mann mit Scheide“ sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie „andere“ und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als „Mann“ bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar „im Raster“ läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue „Ausnahmeregelungen“ zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der „Fachleute“, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in „männlich, weiblich, andere“ einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung „Gesichtsgeschlecht“ hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, „Identitätsgeschlecht“ oder „Psychisches Geschlecht“ wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über „Geschlechtliche Abweichungen“ spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?