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Geschlechtliche Normierung von Freund*innenschaften

Ich hab’s ja kürzlich in meinem Poly-Coming-Out schon angekündigt: ich muss mal reflektieren, was Freund*innenschaften und Partner*innenschaften für mich bedeuten und wie weit da überhaupt eine Unterscheidung sinnvoll ist. Und ich merke, das ist nicht nur für mich ein Thema. In meinem Umfeld beschäftigt das viele Menschen, unabhängig davon, ob diese sich als Poly einordnen oder nicht. Daher denke ich, das Thema lässt sich auch ein Stück weit getrennt von Polyamorie betrachten, auch wenn ich – natürlich 🙂 – am Ende der „Serie“ wieder den Bogen dazu schlagen werde.

Fortsetzung einer Serie

Im letzten Post lag der Fokus etwas mehr auf dem, was gemeinhin als Partner*innenschaft angesehen wird, und nun soll’s bei etwas mehr um die freundschaftliche Seite gehen – stets unter der Einschränkung, dass ich da ja eh keine undurchdringliche Grenze sehe. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass daraus noch mindestens drei Blogposts werden:

  • Den eher trocken-theoretischen dazu, welche (geschlechtlichen) Normierungen von Freund*innenschaften ich wahrnehme – das ist also genau dieser Post hier.
  • Der zu meinen konkreten vergangenen Erlebnissen mit Freund*innenschaften und Partner*innenschaften und all dem, was da so dazwischen liegt aber scheinbar nicht liegen durfte – folgt später.
  • Und dann den locker-hoffnungsvollen dazu, was ich mir für meine Freund*innenschaften in Zukunft wünsche, aber auch dazu, was mir da gerade noch alles im Wege steht – folgt auch später.

Kurz vorweg: das mit den Stern*chen

Ich benutze generell kein Sternchen im Zusammenhang mit Frau* oder Männern*, etc. Kürzlich gab’s eine interessante Twitterdebatte dazu, wie dieses Sternchen, das eigentlich nicht-cis- oder nicht-binäre Personen einschließen soll, diese doch eher ausschließt. Keine endgültig geklärte Sache, aber hier erst mal egal, denn:

Bei den Worten „Freund*innenschaft“ und „Partner*innenschaft“ steht das Sternchen – meiner Meinung nach – dafür, sämtliche Kombinationen aus weiblichen, männlichen und ggf. sonstigen Teilnehmer_innen zu bezeichnen. Wo ich ausdrücklich nur solche zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern meine, erübrigt sich damit auch dieser Begriff und „Freundschaft“ oder „Freundinnenschaft“ reicht aus.

Freund*innenschaften unterliegen Normen

Mir wurde bei den Überlegungen der letzten Tage klar, dass nicht nur Partner*innenschaften normiert sind, sondern genauso auch Freund*innenschaften. In aller erster Linie richten sich diese Normierungen nach dem (sozialen) Geschlecht, und so widmet sich ein Großteil dieses Textes den bestehenden Normierungen, so wie ich sie wahrnehme. Das ist jetzt nicht gerade das wichtigste, und spannendste, was mir zu all dem einfallen könnte, aber irgendwie muss es gesagt werden, entstand zumindest als nicht-enden-wollendes Vorwort zu etwas anderem, was ich unbedingt sagen möchte.

Manches davon ist überspitzt, fast nichts davon ist in Beton gegossen. Das heißt, auch bevor irgendwer emanzipatorische Texte darüber schrieb war das immer schon möglich, viele dieser Normen zu ignorieren. Aber dennoch spreche ich ihnen Wirkung zu. Ich hoffe, ich kann das alles jetzt hier benennen, ohne damit selbst total verbohrt und altmodisch zu wirken…

Die (beste) Freundin

Es gibt so ein gesellschaftlich geprägtes Bild davon, wie Mädchen / Frauen mit ihrer jeweils besten Freundin umgehen. Das ist ein tolles Bild, denn es enthält so viel Nähe, Vertrauen, gegenseitige Stärkung und Offenheit, Verlässlichkeit. Viele Sprichworte und Erzählungen legen nahe, dass diese Verbindung sogar noch stärker und bedeutsamer ist als die zwischen (heterosexuellen) Liebespartnern. Gerade für Mädchen und junge Frauen ist das auch empowering: Männer sind nicht zwingend der Mittelpunkt der (weiblichen) Welt. Einer der Gründe, weshalb ich „My Little Pony: Friendship is Magic“ so liebe.

Natürlich ist auch das Bild der besten Freundinnen teilweise problematisch: Es geht oft von Symmetrie aus (wenn A die beste Freundin von B ist, muss B auch die beste Freundin von A sein), und das beschränkt sowohl die Freiheit von A und B untereinander, als auch die möglichen Freund*innenschaften zu dritten. Das heißt, obwohl Sexualität keine Rolle spielt, werden pärchennormative Vorstellungen von Exklusivität und Eifersucht auch auf beste Freundinnen projiziert. Insofern diese Vorstellungen natürlich und angeboren sind, ist es nur richtig, sie auch dort zu thematisieren, aber wer sagt schon, dass sie es immer sind? Ich denke, sowohl in Partner*innenschaften als auch in Freund*innenschaften ist vieles davon anerzogen.

Immerhin können Mädchen ja nicht nur „beste Freundinnen“ sein sondern auch einfach „nur Freundinnen“, und das hebt viele dieser Probleme vielleicht wieder auf, insofern da nicht wieder äußere Umstände eine zwangsweise Zuordnung in eine dieser Kategorien erzwingen.

Kumpels, Bros und Freunde

Die Freundschaften zwischen Jungen / Männern sind generell anders normiert. Soweit ich das überblicke, sind hier (sowohl im gesellschaftlichen Idealbild, als auch in der Lebensrealität) Exklusivität und Symmetrie weniger erzwungen, auf den ersten Blick ist alles viel lockerer. Aber ich glaube auch, es bestehen hier sehr enge Schranken dessen, wie viel Nähe (insbesondere körperlich) „erlaubt“ ist, um nicht als schwul zu gelten – wobei schwul „natürlich“ gleich als schlimmste denkbare Abwertung her hält. Das ist vielleicht in den letzten Jahren auch lockerer geworden, seit so Begriffe wie „Bro-Love“ kursieren. Ähnlich wie bei „besten Freundinnen“ findet hier „empowerment“ (etwas schwieriger Begriff bei einer privilegieren Gruppe) und Abgrenzung statt, z.B. in Form von „Bros before Hoes„. So gerne ich auch Konzepte loben würde, die Freundschaften gegenüber Partner*innenschaften aufwerten… über die Kackscheiße, die dieser plakativen misogynen Abwertung und Sexualisierung von Frauen durch den Begriff anhaftet, brauchen wir ja wohl nicht diskutieren. (Kennt eine_r einen unproblematischen Begriff für das selbe Konzept?)

The radical notion of Cross-Gender-Friendship

Und dann ist da noch das mit den „Cross-Gender-Friendships“, also Freund*innenschaften zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts. Ich muss mich ja fast schon freuen, dass diese inzwischen überhaupt als existent angesehen werden und breite Akzeptanz finden – laut der Wissenschaft ist dies ein extrem junges soziales Phänomen, also erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt so möglich (siehe dazu z.B. diese Studie zu „Attraction in cross-sex friendship“, die interessante Aussagen enthält, die ich aber nicht unbedingt alle unterstützen würde). Für mich ein komischer Gedanke, der Mitleid mit meiner Eltern- bzw. Großeltern-Generation aufkommen lässt. Die haben viel verpasst. Doch was auch heute noch an Normierung in diesen Freund*innenschaften vorherrscht stößt mich ab.

Da ist dieses gesamte Friendzone-Konzept, das darauf abzielt, dass eine Freund*innenschaft zwischen Mann und Frau keinen eigenen Wert hat, außer die Vorstufe eine späteren Partner*innenschaft zu sein – bzw. in dem Fall, dass so eine Partner*innenschaft seitens der Frau unerwünscht ist, sogar einen negativen Wert haben könnte. Für mich ein völlig verquastes Denken, von dem ich nicht weiß, wie viele oder weniger Männer tatsächlich so denken und fühlen. Aber egal wie viele es sind, ich habe die Auswirkungen dieses Mindsets auf meine eigenen Freund*innenschaften gespürt. Sätze wie „Männer und Frauen können nicht einfach nur Freunde sein“ sind außerdem auch im Jahr 2013 noch an der Tagesordnung. Das wertet nicht nur Freund*innenschaften gegenüber Partner*innenschaften ab, es ist außerdem total heterosexistisch. Was sollten ein schwuler Mann und eine Lesbische Frau denn sonst (primär) aneinander finden als  eine Freund*innenschaft?

Dabei ist das – auf einer ganz bestimmten Ebene – gar nicht so weit weg von meiner Herangehensweise daran. Insofern ich denn zwischen Freund*innenschaft und Partner*innenschaft unterschieden habe, war Partner*innenschaft sowieso eine Erweiterung davon, und insofern war es für mich völlig normal, dass sich irgendwann eine Partnerin in der Menge meiner Freundinnen hervortun würde. Aber unabhängig davon hat doch jede Freund*innenschaft ihren ganz eigenen Wert, der doch auch sehr nah am Wert einer Partner*innenschaft liegen kann.

Cross-Gender-Friendships in unfreiwilliger Konkurrenz zu Partner*innenschaften

Hinzu kommt, dass diese Cross-Gender-Friendships auch dahingehend begrenzt sind, wie intensiv sie werden können, ohne zur Partner*innenschaft gelabelt zu werden (haha, wie egal mir das ist!) oder als Gefahr für die RZBs der beteiligten gesehen werden (Ups, doch nicht egal!). Für letzteres liegt die Schwelle doch erstaunlich niedrig, was gerade denn bewusst wird, wenn (mindestens) eine_r von zwei Freund_innen plötzlich in einer RZB mit wemanders ist:

  • Zusammen auf der selben Couch liegen und einen Film schauen? Dürft ihr nicht mehr!
  • Euch regelmäßig zu zwei treffen? Mööp! Sollt ich auch nicht!
  • Über Dinge sprechen, über die nicht auch mit der Partnerin gesprochen wird? Geht natürlich nicht!

Viel bleibt da nicht mehr von der Freund*innenschaft. So unterliegen dann Freund*innenschaften plötzlich ganz konkreten Beschränkungen, die aus Parner*innenschaften entspringen, und damit sogar Menschen betreffen, die selbst Single sind. Und ich habe das Gefühl, dass diese Beschränkungen – zumindest im üblichen heteronormativen Kontext – nur Cross-Gender-Friendships betreffen und somit benachteiligen.

Sind geschlechtlich normierte Freund*innenschaften nun gut oder schlecht?

Für mich war es die meiste Zeit meines Lebens ein großes Problem, wie Freund*innenschaften gegendert sind, weil ich eben falsch gegendert wurde. Wenn ich mich nun mal nach „typischen“ Mädchen-zu-Mädchen-Freundinnenschaften gesehnt habe, war es wenig hilfreich, als Junge gelesen zu werden. Natürlich war das unglaublich frustrierend zu spüren: die Art von Freund*innenschaft, die du suchst, kannst du nicht haben, weil das nur für Mädchen erlaubt ist und du gerade keins bist.

Problematisch daran ist ja auch, dass ich es keiner einzelnen Person übel nehmen kann, wenn sie mit mir nicht befreundet sein will. Das Prinzip ist mir sehr wichtig, aber somit fehlte mir auch irgendwo die Projektionsfläche für daraus resultierende Wut und Frustration.

Interessanterweise hat das mit der „Mädchen-Freundinnenschaft“ zwischendurch trotz aller unerfreulicher Geschlechtszuweisung ab und zu geklappt, aber das ist Thema für einen eigenen – zu Beginn bereits angekündigten – Eintrag.

Und letztlich ist da ja auch ein Unterschied ob ich sage „ich wünsche diese und jene Form von gegenderter Freund*innenschaft, einfach, weil ich so fühle“ oder ob eine ganze Gesellschaft diese Normen quasi-verbindlich mit der Gießkanne über alle ausschüttet, ob sie nun wollen oder nicht.

Ob wir nun insgesamt die Defintionen der Geschlechter lockern (so dass Jungen sich auch mal mädchenhaft verhalten, und Mädchen auch mal jungenhaft, um es mal ganz „vorsichtig“ zu formulieren) oder die Defintionen der Freund*innenschaften (so dass z.B. die enge Verbindung, die derzeit nur zwischen besten Freundinnen geduldet wird, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten akzeptiert wird) sind wohl letztlich nur verschiedene Sichtweisen des gleichen Lösungsansatz. Denn ich glaube ja (auch wenn ich das wohl nie zuvor so konkret geäußert hatte) dass bestimmte „Geschlechterunterschiede“ eine nicht-konstruierte Basis haben, deren Auslöschung ich weder für möglich noch erstrebenswert halte. Vielmehr würde es wohl reichen, auf Fremdzuschreibungen und (scheinbar) harte Regeln zu verzichten und jeden Menschen primär entsprechend seinen Gefühlen und Wünschen handeln zu lassen.