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Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Ich hab das Rezept!!! Die Hormontheraphie geht los!!!

Ja, die Überschrift sagt ja eigentlich schon alles. Nach den letzten beiden Blogposts stellt sich natürlich die Frage, wie das jetzt möglich war, immerhin sah ja alles eher düster aus. Bis vor wenigen Minuten habe ich mit nichts gutem gerechnet, hatte Schätzungen angestellt, nach denen es evtl. noch 1,5 weitere Jahre dauern könnte…

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen – genau das hatte ich nämlich in den letzte Tagen selbst mehr als genug – mal ganz unchronologisch zuerst, wie das Gespräch lief, und danach erst, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte, und ein bisschen Analyse dazu, was ich daraus nun lerne, und was nicht. Und ganz zum Schluss dann noch der Grund, warum ich so einen langen Blogpost schreibe, bevor ich irgendwem mal kurz Bescheid gebe, das alles gut ist…

Also: Ich kam ins Sprechzimmer rein, und als ich freundlich gefragt wurde, wie es mir geht, habe ich ganz offen und direkt gesagt, dass die Anspannung und Nervosität mich gerade sehr fertig macht, da ich gerade nichts gutes erwarte. Meine Ärztin war sichtlich verwundert. Ich fasste kurz zusammen, dass ich ja vor zwei Monaten mit einem Indikationsschreiben da war, welches sie jedoch nicht akzepziert hat, und mich bat, heute mit den „richtigen“ Indikationsschreiben wieder zu kommen, das von meinem dauerhaft begleitenden Psych* ausgestellt ist. Und da ich dieses Schreiben nicht dabei habe, und auch später nicht haben werde, weiß ich nun nicht, wie es weitergehen soll.

Sie wollte natürlich schon gerne wissen, warum das so ist, so dass ich ihr erkläre, dass ich die Theraphie damals schon „pausiert“ und inzwischen komplett abgebrochen habe, da ich mit dem Psych* nicht gut klarkam, und ich mit ihm nicht gut über die Thematik allgemein sprechen konnte, und erst recht über das Unwohlsein mit der Theraphie selbst. Dafür hatte sie volles Verständnis, obwohl sie viele andere trans* Menschen kennt, die mit ihm sehr zufrieden sind. Ich stimmte ihr zu, dass auch ich viele kenne die sehr gerne bei ihm sind, und ja auch gerade aus dem Grund ihn gewählt hatte, aber das in meinem Fall offenbar nichts brachte.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie das vorhandene Indikationsschreiben des anderen Psych* beim letzten mal abgelehnt hat oder was da überhaupt drin stand. Das wunderte mich nicht, schließlich hatte sie es ja nichtmal gelesen oder kopiert. Als ich ihr das entgegnete, konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie beim letzten Mal so gehandelt hatte. Ob ich es denn heute nochmal bei mir hätte? Aber klar doch, und so machte sie sich dann auch Augenblicklich ans Lesen.

„Na bitte, da steht doch alles drin, was ich brauche. Da habe ich doch gar keinen Grund, irgendwie auf ein schreiben des anderen Psychologen fixiert zu sein.“ Das sind natürlich diese Momente, wo ich mir denke „Warum denn nicht gleich so?!“, aber Zeit verloren hatte ich ja dadurch nicht. Denn die letzten Laborergebnisse waren ja heute erst zur Besprechung verfügbar, eher hätte es also eh nicht losgehen können – außer natürlich, wenn ich mich schon vor mehr als einem halben Jahr um einen Termin bei der Endokrinologie gekümmert hätte, und ihr dürft dreimal raten – ach Quatsch, einmal muss reichen – wer mir das nicht angeraten hat.

Die Laborergebnisse waren unspektakulär, so dass keinerlei Einschränkungen bei den möglichen Präparaten bestehen und keine ungewöhnlichen Risiken, über die ich nicht schon zuvor aufgeklärt war. So sprachen wir dann noch über Dosierungen, Vor- und Nachteile verschiedener Darreichungsformen, Nebenwirkungen und den weiteren Verlauf. Schwuppdiwupp, Rezept in der Hand.

Und nun? Geht’s mir natürlich gut, unglaublich gut. Ich hatte mich vorher so auf negative Dinge eingestellt, dass ich immer noch nicht so ganz realisiert habe, wie gut doch jetzt alles ist. Das kommt vermutlich in den nächsten Stunden noch. Aber gerade zu der Miesen Stimmung der letzten Tage, die auch vor einigen Stunden noch bestand, ist das schon jetzt ein irrer Kontrast.

Ich war gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Ich hätte viel „wichtigeres“ zu tun gehabt, sowohl beruflich als auch ehrenamtlich, aber sowohl ich als auch eine meiner Freundinnen brauchten gestern dringend Ablenkung. Danach war ich noch bis um 3 Uhr nachts im Stratum 0, unserem lokalen Hackspace, um mich abzulenken.

Ich habe heute nach dann nur 1,5 Stunden geschlafen, beim Erwachen hab ich Verwirrtheitszustände durchlebt, die sich in keiner mir bekanntne Sprache oder Notation wiedergeben lassen. Ein oder zwei Snooze-Durchgänge später war ich dann plötzlich in der Realität angekommen. Habe beim Anziehen noch wilde Pläne geschmiedet, was ich noch alles an Dokumenten auf einen USB-Stick ziehe um sie dann in der Stadt, in der die Arztpraxis ist, im Copyshop auszudrucken und der Ärztin vorzulegen. Völlig unnötige Überlegungen ohne irgendeinen Sinn. Habe dann noch so lange getrödelt, bis ich den RE verpasst habe und auf einen IC umsteigen musste. Habe mich auf der Radfahrt zum Bahnhof ausnahmesweise mal nicht über die blöden Autofahrer und Ampeln und schlecht gebauten Radwege und merkbefreite Fußgänger geärgert, weil die anders als sonst heute mal egal waren.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Wollte eigentlich nochmal verschiedene Szenarien durchgehen, innere Monologe zur Aussprache bereitlegen. Ging nicht. Habe zwar die ganze Zeit an das bevorstehende Arztgespräch gedacht, aber nicht an den Verlauf oder daran, was herauskommt. Sondern nur daran, wie ich mit dem umgehen soll, was wohl herauskommen wird.

Im Wartezimmer war ich äußerlich ruhig. Kein Zittern, kein Herzklopfen, wirkte wohl fast so, als würde ich gleich einschlafen. Innen drin hat mich die Angst zerfressen, ich habe ernsthaft befürchtet, auf diesem Wartestuhl bewusstlos zu werden noch bevor ich aufgerufen werde, oder auch in genau dem Moment. Und wenn ich es doch bis ins Sprechzimmer schaffe, war immernoch fraglich ob ich es schaffen würde, ein Wort heraus zu bekommen, oder ob ich die Ärztin unfreiwillig anschweigen würde.

Na gut, dann kam halt doch alles besser. Aber das wusste ich ja vorher nicht, und auch im Nachinein finde ich meine Befürchtungen angemessen. Ist ja nicht so, dass ich vor jedem Termin oder Gespräch so wäre. Das letzte Mal, dass ich vor einem „Gespräch“ solche Angst hatte war in der 12. oder 13. Klasse. Damals stand ich unter dem Verdacht, Geld aus der Jahrgangskasse veruntreut zu haben, und obwohl es nur um ca. 2% des Kassenstandes ging herrschte generelle Weltuntergangsstimmung, mehrere meiner Schulkolleg_innen hatten sogar deswegen geweint. Einer meiner Freunde, der bei der (in Wirklichkeit legitimierten) „Veruntreuungs“-Aktion geholfen hatte, wurde deswegen sogar von mehreren Schülern auf dem Hof mit Steinen beworfen. Von den 87 Schüler_innen haben etwa 82 eine ganze Woche nicht mehr mit uns gesprochen, bis ich mir anmaßte, eine Stufenvollversammlung einzuberufen, mich ans Specherpult zustellen und vor der gesammten Menge den Fall aufzuklären. Das war damals alles nicht leicht für mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich selbst da deutlich weniger nervös war. (An die Sache musste ich übrigens auch öfter bei den kürzlichen Shitstorms in der Piratenpartei denken, aber ich komme zu sehr vom Thema ab…)

Auf die Unsicherheit und Verzweiflung der letzten Tage hätte ich gut und gerne verzichten können. Klar, die Wut und das Schreiben und Nachdenken haben mir in gewisser Weise geholfen, und zwar dazu, dass ich heute zwar ängstlich und nervös in die Praxis ging, aber für viele mögliche Gesprächsverläufe in etwa gewusst hätte, was ich dazu zu sagen habe. Und es hat mir geholfen, viel Wut umzuverteilen, mehr auf die Psych* und das System im ganzen, und weniger auf die Endokrinologin, so dass ich ihr eine zweite Chance geben konnte. In den letzten Tagen viel rumgebrüllt zu haben(wenn auch überwiegend lautlos, da schriftlich) half, heute in freundlichem Ton zu sprechen. Angesichtsdessen, wie das Gespräch verlaufen ist, wäre es wohl sehr unpassend (wenn auch vielleicht verständlich) gewesen, wenn ich da laut brüllend ins Sprechzimmer gestürmt wäre.

Aber langfristig? Während ich nach der Aktion damals in der Schule deutlich gestärkt aus der Sacher herausgeangen bin, und seit dem viel selbstsicherer vor größeren Mengen meine Position vertreten kann, konnte ich den Höhen und Tiefen meiner medizinischen Trans*geschichte noch kaum einen positiven Aspekt abgewinnen. Klar, ich bin jetzt besser darin „geschult“ meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu definieren und zu erkennen, ob medizinisches Personal dazu gewillt ist, mir dabei zu helfen oder mich zu bremsen. Aber für die Praxis habe ich nichts gelernt, nicht, wie man sowas verhindert, nicht, wie ich meine Rechte einfordern kann. Denn diese Situationen haben ein Machtgefälle, das ich nicht durch eigene Kraft oder Vorbereitung brechen kann. Eine einzelne Frau, die ruhig und freundlich hinter ihrem Schreibtisch sitzt und mir helfen möchte hat mehr Einschüchterungspotential als ein aufgebrachter Mob der evtl. nicht davor zurückschrecken würde, mich zu steinigen.

Auch in Sachen Optimismus / Pessismus kann ich keine Lehre daraus ziehen. Der Termin vor zwei Monaten begann mit großer Hoffnung und endete sehr enttäuschend, hat mich bis heute hin noch stark belastet. Und der Besuch heute war vorweg nur von Verzweiflung und negativen Erwartungen geprägt, und lief durchweg super. Als „Lehre“ zeigt mir das nur, wie unvorhersehbar und unkontrollierbar das Leben ist, eigentlich keine erfreuliche Erkenntnis.

Aber das Ergebnis als solches ist sehr erfreulich. Ich hoffe, ich bekomme das in den nächsten Tagen noch so im Kopf sortiert, dass ich mich auch so richtig drüber freuen kann. Noch hab ich das Gefühl, gleich klingelt der Wecker und ich habe den realen Arztbesuch noch direkt vor mir.

Denn noch etwas, das sehr traumhaft lief: ich kam gerade wieder in Braunschweig an und fuhr direkt zu einer Apotheke um das Rezept einzulösen. Mir war natürlich klar, dass diese Medikamente nicht vorrätig sind und bestellt werden müssen, sowie dass es in den letzten Wochen große Lieferengpässe gab. Nicht klar war mir, dass die Apotheke schon seit 6 Minuten Mittagspause hatte. Da ich aber noch hinein kam und sehr freundlich bedient wurde, kann ich die Tabletten heute abend um 18:15 schon abholen. Wow, wer hätte das gedacht?! Ja, das muss ein Traum sein…

Der einzige Wehrmutstropfen, mit dem ich mich schon abgefunden hatte: ich hatte offenbar unterwegs mein Smartphone verloren, konnte daher niemandem per Telefon oder Mail oder Twitter bescheid geben, sondern „nur“ auf dem Laptop diesen Blogpost vorforumulieren (außer natürlich diese letzten paar Absätze hier). Mit dem Verlust hätte ich an einem Tag wie heute gut umgehen können, aber siehe da: ich hatte ein Loch in der Handtasche, durch welches das Handy doch nur zwischen Innnen- und Außenfutter gerutscht war. (Heißt bestimmt anders, aber ihr wisst was ich meine.)

Letztlich wird eben doch noch alles gut!

Warten auf die Hormone

Ich möchte meinen heutigen Post mit einem Gedicht beginnen. Es reimt sich nicht, und es hat wohl auch kein Metrum. Ich habe es geschrieben, kurz nachdem ich in der Schule gelernt habe, dass ein Gedicht sich gar nicht immer reimen muss, da war ich wohl etwa 14 Jahre jung. Somit konnte ich zum ersten mal meine Gefühle (die sich nun mal meist nicht reimen) in ein Gedicht fassen. Natürlich finde ich das Blatt mit dem Text jetzt nicht und muss versuchen, es aus dem Kopf aufzuschreiben:

Mein ganzes Leben ist:
Warten.

Ich warte passiv darauf, aktiv zu werden.
Und warte still darauf, dass jemand mit mir spricht.

[füge hier noch 4 oder 6 Zeilen wie die beiden vorherigen ein]

Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten glücklichen Augenblick.
Und erwarte ängstlich sein schnelles Ende.

Mein ganzes Leben lang warte ich darauf,
dass das Warten endlich ein Ende hat.

Gescheiterte Zeitplanung

Damit mein Leben als Frau eine glückliche Zukunft hat, benötige ich medizinische Maßnahmen, allen voran eine Hormontherapie. Ich habe das getan, was man im allgemeinen so tut, um diese Hormontherapie zu bekommen. Zu Beginn meiner Transition hatte ich mir einen ungefähren Zeitplan ausgemalt, laut dem ich jetzt schon längst in dieser Therapie wäre. Dass sich das etwas verzögern würde, war mir zwischendurch schon klar geworden. Schon vor einem Monat erfuhr ich, dass ich wohl noch ein ganzes Jahr auf den Beginn warten soll. Das war schon keine gute Nachricht, aber ich habe dieser Aussage damals keine absolute Bedeutung beigemessen – es würde ja sicher noch Wege geben, das zu beschleunigen.

Heute habe ich mir dann erklären lassen, dass es sich nicht beschleunigen lässt. Ernüchterung macht sich breit. Insbesondere, da dies eine Mindestspanne ist. Es können noch Dinge passieren, die den Beginn beliebig nach hinten verschieben. Das macht mir jetzt erst mal schlechte Laune, aber dass ich jetzt sofort keine Hormone bekommen würde, war ja klar. Für den Moment ändert sich also gar nicht so viel.

Krise im Anflug

Aber ich zweifele daran, ob ich die nötige Kraft und Ausdauer habe, dieses Jahr abzuwarten, bzw. diese undefinierbare Zeitspanne über die man nicht viel weiß, außer dass sie eben mindestens ein Jahr dauern wird. Ich bin schlichtweg nicht in der Lage, meine Fähigkeit dazu einzuschätzen. Nun fürchte ich mich davor, dass mir eine größere Krise bevorstehen könnte. Die bisher größten Krisen meines Lebens kamen stets recht unerwartet, also bin ich mir noch unsicher, was ich jetzt mit dieser Vorwarnung anfangen soll. Ich könnte abwarten, was passiert. Ich könnte mich vielleicht währenddessen irgendwie für die Überwindung der Krise stärken. Das sind die beiden Dinge, die man mir in meiner Lage wohl raten würde.

Das natürlichste beim Aufziehen einer Krise sollte aber doch sein, sie von vorne herein verhindern zu wollen. Das sollte wohl die primäre Strategie aller vernunftbegabgten Wesen sein und schlägt sich im geflügelten Wort wieder: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wenn meine Krise darin besteht, keine Hormone zu bekommen, dann würde die Verhinderung eben bedeuten, sie doch schon zu bekommen. Im Fall von Transsexualutät wird diese Option aber eben nicht als vernünftig angesehen. Es ist absolut nicht „chic“ oder „in“ etwas an den Dingen zu ändern, die einen als Transsexuelle belasten.

Andere schaffen es ja auch – oder eben nicht

Es haben schon andere vor mir diese Wartezeiten überstanden. Zehntausende haben das geschafft. Viele von ihnen hatten längere Zeiten, vielfach längere sogar, zu überstehen. Sie waren stark. Sie haben mit Kraft und Geduld und Ausdauer die Lage gemeistert. Wäre es nicht stark von mir, das gleiche zu tun? Spräche das nicht von wahrer Gelassenheit und innerer Größe?

Man darf aber auch nicht vergessen wie viele sich in diesen Zeiten gequält haben, in Depressionen versunken sind, psychische Folgeschäden davon getragen haben, sich den Lebensmut nehmen ließen und sich kurz vor dem Ziel getötet haben. Mich der Wartezeit zu stellen heißt gleichzeitig auch, mich dem Risiko auszusetzen, dass es auch mit mir so endet. Ich würde gerne von mir behaupten, ich stünde darüber, ich bin stärker, ich lasse mich nicht unterkriegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft das alles sogar zu. Aber will ich das wirklich in der Praxis erproben? Die Alternativen sind auch nicht nur glücklich leben oder sterben. Beides sind unwahrscheinliche Extreme, der Erwartungsfall ist doch eher, mich durch das nächste Jahr hindurch zu quälen. Kann man sich denn gesunden Geistes für etwas entscheiden, das einem erwartungsmäßig Leid bereiten wird?

Ein Vierzigstel Suizid

Glücklich leben, leiden, sich das Leben nehmen. Das sind nicht nur drei Alternativen, zwischen denen man irgendwie abwägen kann, man kann sie in einen direkten logisch-mathematischen Zusammenhang bringen: Wenn die Menge an Leid, die einen noch erwartet, größer ist als die Menge an Glück, dann ist Suizid die richtige Lösung, und ansonsten ist es die falsche. Das ist, zugegebenermaßen, nur eine Meinung bzw. Einstellung, man kann das nicht beweisen oder widerlegen. Von mir kommen daher auch solche Aussagen wir „Ich würde 10 Jahre Leid auf mich nehmen, wenn ich wüsste, dass mir danach noch mindestens 11 Jahre Glück bevorstehen!“ Sowas ist immer schnell gesagt, aber bisher stand mir so eine Zukunft nie direkt bevor. Die Zahlen sprechen hier in sehr beruhigender Weise: 1 bis 2 Jahre, im schlimmsten Fall vielleicht auch 3, die ich warten muss, und dann stehen mir etwa 40 erfüllte Jahre bevor. Da gehe ich doch in jedem Fall mit einem Plus raus.

Wenn es mir mal richtig dreckig ging, dann konnte ich mir damit immer vor Augen führen, wie weit ich noch vom Suizid entfernt bin: „Es müsste noch etwas 40 mal schlimmer kommen, dann kann sollte ich mir mal nähere Gedanken dazu machen.“ So war das immer, und auch jetzt bzw. in den nächsten 1 bis 3 Jahren rechne ich nicht damit, dass es so schlimm wird, dass ich überhaupt an Suizid denken bräuchte. Wäre die Wahl also nur eine zwischen Warten und Suizid – ich würde mir Freude warten. Ich könnte mich damit abfinden.

Alternativen zur Alternativlosigkeit

Nur bin ich schon immer eine gewesen, die hinter die Kulissen schaut. Wenn man mich gefragt hat ob A oder B, wollte ich schon immer erst einen Blick auf C, D und E werfen. Wie zuvor gesagt: Dass andere die Zeit überstanden haben, und das ich sie vermutlich auch überstehen kann, heißt ja nicht dass ich mir das nun auferlegen sollte.

Transsexualität erfordert eine gewisse Rebellion gegen das übliche. Es ist natürlich keine Wahl, transsexuell zu sein. Aber es ist sehr wohl teilweise eine Wahl, wie man damit umgeht. Ich wusste im Prinzip mit 11 dass ich eine Frau bin, andere erkennen ihre Transsexualität noch deutlich eher, aber es gibt Kräfte die einen davon abhalten, sich sofort zu Outen. Manchmal sind diese Kräfte 40 Jahre oder länger stärker als der eigene Drang, man selbst zu sein. Aber je weniger man darauf bedacht ist, was andere denken, was üblich ist, was die Gesellschaft von einem erwartet, desto eher kann man zu seinen Gefühlen und seiner Identität stehen. Die Transition ist eine persönliche Notwendigkeit und nur in zweiter Linie ein politisches Statement – aber insofern ist sie ein kraftvoller Schlag ins Gesicht der konservativen Rollenbilder, Geschlechterstereorypen und Erwartungshaltungen. Das kann andere abstoßen, es kann einen selbst verletzen, aber immer zeigt es: Mein Wohl, meine Chance auf ein erfülltes Leben ist mir wichtiger als die Konventionen unserer Gesellschaft.

Wie passt es denn da, sich beim Bruch dieser Konventionen an Konventionen zu halten? Die Behandlungsrichtlinen und Rahmenvorgaben der Krankenkasse zu erfüllen, ist letztlich eine Konvention. Nicht jede Konvention ist schlecht, und ich möchte niemanden dazu drängen, Konventionen zum Selbstzweck zu brechen, unabhängig davon wie (un-)konventionell der Lebensweg ansonsten schon war. Und ich weiß, dass diese Konvention ausreichend stark in Gesetze, Regelungen und durchsetzungsfähige Institutionen gegossen ist, um es vielen unmöglich zu machen, sich dagegen zu stellen. Und, und, und… aber all das macht diese Konventionen nicht zu Naturgesetzen oder Gottes Geboten.

Wenn ich nicht jede Alternative, um mein Warten – und damit mein Leiden – zu verkürzen ins Auge fassen würde, hätte ich dann noch irgendein Recht, mich zu hinterher zu beklagen? Will ich wirklich passiv darauf warten, dass jemand für mich aktiv wird? Dass jemand mir erlaubt, nun auch körperlich ich zu sein?

Es gibt Alternativen, viele sogar. Sie haben alle ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Aber allen außer dem Standardweg nach Krankenkassenschema ist eines gemeinsam: Ich muss nicht warten. Ich muss nur aktiv werden. Das macht diese Alternativen verdammt interessant.

 

PS: Ich fände es auch verdammt interessant, den Text hier enden zu lassen. Ist ein schöner Schluss-Satz und ein guter Cliff-Hanger. Wenn ich mal einen Roman schreiben sollte, mache ich das so, aber damit niemand sich Sorgen machen muss: Ich plane keinen Suizid, plane auch sonst nichts unglaublich dummes, und werde über die konkreten Alternativen noch nachdenken und mindestens einen Blogpost schreiben, sowie mit mehreren Menschen darüber sprechen, bevor ich irgendwas unerwartetes tu. Versprochen!

Aber im Moment musste ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben und mich dazu motivieren, Alternativen zu suchen und zu bewerten. Mission completed. Diese Alternativen jetzt noch blogreif aus zu formulieren wird noch einige Stunden dauern, die derzeit fürs Schlafen eingeplant sind, und eine Entscheidung liegt noch Tage oder Wochen von mir entfernt.