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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Über das Bedrüfnis, zu Kuscheln

So was träume ich in letzter Zeit oft. Und ich denke viel zu viel darüber nach, um es hier im Blog weiter als Randthema zu behandeln.

Begriffsklärungen

Zunächst mal muss ich sagen: ich mag das Wort „kuscheln“, weil es so schön weich klingt wie es sich anfühlt, und die Aussprache von „kuschelig“ so schön „nuschelig“ ist. Was ich an dem Wort nicht mag, sind die romantischen Konnotationen. Also, nichts gegen romantische Gefühle, aber ich würde gern „Kuscheln“ sowohl für romantische und aromantische, sexuelle und asexuelle Berührungen benutzen, solange sie irgendwie sanft sind. Ich könnte auch „knuddeln“, „zärtlich sein“, „sich berühren“, „sich nahe sein“, etc. sagen. Aber ich bleib jetzt mal bei „kuscheln“.

Im Folgenden Umfasst „Kuscheln“ daher alles von „Eine Hand auf dem Knie der anderen Person ablegen und ganz ruhig da liegen lassen“ bis zu „Eng umschlungen & leidenschaftlich über die Wiese rollen und sich dabei gegenseitig im Rücken fest krallen“. Ja, das ist ein ziemlich weites Bedeutungsspektrum für so ein kleines, kurzes Wort.

Ich würde mich als einen sehr kuscheligen Menschen bezeichnen. „Würde“ signalisiert dabei nicht nur zufälligerweise einen Konjunktiv. Denn alle anderen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich als „kuschelig“ bezeichnen, kuscheln viel, meist mit mehreren anderen Menschen. Ich hingegen kuschle seit Jahren praktisch überhaupt nicht mit Menschen. Kuscheln ist für mich etwa so ein rein theoretisches Thema geworden wie Küssen, Sex und Partnerschaft.

Die Vergangenheit

Als kleines Kind war ich wohl auch schon sehr kuschelig, damals auch noch „in der Praxis“. Das liegt aber vor meinen ersten bewussten Erinnerungen, und im Rest meiner Kindheit war ich gar nicht mehr davon zu begeistern, mit meinen Eltern (oder sonst irgendwem) zu kuscheln. Außer natürlich Katzen (dazu später noch mehr)!

Dann kam dieser ganze vielschichtige Umschwung als ich 11 war. Die Mädchen in meinem Alter begannen mit diesen (stereo-)typischen Mädchenfreundschaften, in denen es eben auch ganz selbstverständlich sanften Körperkontakt gibt. Ich hatte auch ein Bedürfnis danach, das vermutlich nicht anders war als deren Bedürfnis. Der Unterschied war nur, dass ihres ständig erfüllt wurde, während mir das als Junge komplett verwehrt bliebe. Hier und da konnte_durfte ich „Mädchenfreundschaften“ führen, die aber nie so intensiv wurden, dass Körperkontakt dazu gehörte. Einzige Ausnahme, wenn man das so nennen mag:

Kurz nach meinem 15. Geburtstag habe ich mit ein paar Freundinnen Matrix auf VHS-Kasesste geschaut. Da kein Platz mehr auf dem Sofa war, lag ich vor dem Sofa auf dem Boden. Manche von denen stellten/legten ihre Füße auf mir ab, und waren dabei sehr vorsichtig, mir nicht weh zu tun. Das war irgendwie schön, denn die Füße waren warm und weich (und hatten zum Glück auch keinen ekligen Fußgeruch). Das war aber auch schon der Höhepunkt meines freundschaftlichen Körperkontaktes in der Dekade von meinem 11. zum 21. Lebensjahr. Ja, es war eine traurige Zeit.

Dann hatte ich eine Freundin, mit der ich zeitweise sehr oft im gleichen Bett geschlafen habe. Wir haben uns dabei praktisch nicht berührt. Nur, als wir mal nachts zu zweit an einem See übernachtet haben, und die Temperaturen in den frühen Morgenstunden gegen Null sanken, habe ich mich ganz zaghaft an sie heran gekuschelt, um nicht so sehr zu frieren. Sie hatte davon im Schlaf nichts gemerkt. Schlimm genug, dass ich nicht vorher fragte (ich wollte sie dafür aber auch nicht wecken), so muste ich doch wenigstens am nächsten Morgen erfahren, ob sie das o.k. findet oder nicht, und mich ggf. entschuldigen. Also erzählte ihr davon. Sie fand das total o.k., trotzdem verliefen alle weiteren gemeinsamen Übernachtungen wieder berührungslos.

Später gab es eine Phase, wo ich mit ein paar Freund_innen sehr viel Zeit verbrachte. Mehrmals haben wir auch zu viert auf meiner Schlafcouch übernachtet, und dass sich dabei zwangsweise alle benachbarten Körper berührt haben, war anscheinend für alle ok bzw. schön. Soweit ich mich erinnere, gab es dabei keine bewussten Umarmungen oder sonstigen konkreten „Kuschelhandlungen“. Aber auch sonst gab es da – zumindest am Anfang – keine Angst davor, sich beim nebeneinander-sitzen zu berühren, sondern eher eine gewisse Wertschätzung dafür.

Dann kam meine erste „richtige“ Partnerschaft. Neben etwas Sex (der dann auch oft sehr kuschelig und generell toll war) haben wir täglich was-weiß-ich-wie-viele Stunden mit Kuscheln verbracht. Das war vermutlich die bisher einzige Person, mit der ich Körperkontakt hatte, der alle potentiell definierenden Merkmale von „Kuscheln“ erfüllt hat. Alles davor und danach lässt sich vielleicht eher anders bezeichnen. Natürlich war das eine ganz wunderbare Zeit, nicht nur, aber eben auch, wegen des Kuschelns. Dieses Kuscheln begann eigentlich schon zu Zeiten, in denen ich selbst das gar nicht als Partnerschaft gelesen hatte, und überdauerte dann so 3,5 Jahre.

Die Gegenwart

Das ist nun 2,5 Jahre her, und in der Zeit hat sich einiges geändert. In dem Maße, in dem mein Sextrieb von „kaum feststellbar“ auf „gar nicht mehr vorhanden“ gesunken ist, habe ich eine Art „Kuscheltrieb“ entwickelt, d.h. Kuscheln ist nicht nur ein verzichtbares Nice-to-have, sondern dieses kontinuierliche Nicht-Kuscheln gibt mir zum erstem Mal in meinem Leben ein direkt spürbares Unwohlsein. Nicht nur so wie „ich finde es schade, dass mir dieser Genuss verwehrt bleibt“, sondern ein Bisschen wie Durst oder Hunger oder Müdigkeit. Vielleicht auch vergleichbar mit dem Sextrieb anderer Menschen, aber da kann ich nicht mitreden.

Aber die Sache ist seit Kurzem noch viel komplexer geworden. Ich habe inzwischen nicht nur einen Kuscheltrieb, nein, ich habe derer fünf, die sich relativ klar voneinander abgrenzen lassen, obwohl sie natürlich auch noch in Kombination auftreten können:

  • Zunächst wäre da so ein Hautgefühl. In stark schwankender Intensität ist da ein Kuschelbedürfnis direkt auf meiner Hautoberfläche, was mal nur wenige, kleine Regionen umfasst, mal praktisch den ganzen Körper. So wie sich ein Fleckchen Haut warm oder kalt anfühlen kann, oder ich spüre, dass es gerne abgetrocknet, eingecremt, gekratzt oder auch mal geschlagen werden will, so spüre ich: dieses Fleckchen will jetzt gekuschelt werden, damit es sich wieder wohlfühlt. Das lässt sich allein, ggf. unter Zuhilfenahme von Kissen und Decken, ganz gut erfüllen, und spielt sich auf der Oberfläche ab. Somit reichen da auch ganz sanfte Berührungen, komplett ohne Druck. Manchmal ist das thema nach 3 Minuten durch, aber ab und zu ist dieses Bedürfnis so stark, dass ich viele Stunden nicht aus dem Bett komme, weil ich dann ohne dieses Gefühl auf der Haut unglücklich bin. (Hierzu gäbe es noch etwas zu sagen, was aber bei Zeiten einen eigenen Blogpost verdient…)
  • Dann unterliege ich in letzter Zeit krassen Stimmungsschwankungen. Etwa einmal in der Woche liege ich für einige Stunden heulend im Bett und mache mir dabei Sorgen um alles mögliche – oft auch darum, ob ich jemals wieder in meinem Leben mit einem anderen Menschen kuscheln werde. Aber egal ob es darum geht, oder mich ein ganz anderer Weltschmerz ans Bett fesselt: dann möchte ich ganz fest gedrückt werden. Das ist eine Empfindung, die auch auf der Haut stattfindet, aber auch im ganzen restlichen Körper. Das allein zu erfüllen, ist schon etwas schwieriger, aber wenn ich mein Kissen (es ist so ein 1,5m langes Seitenschläferinnenkissen) ganz fest drücke, fühlt es sich ein bisschen so an, als ob es mich auch drückt. Aber eigentlich bräuchte es dann mindestens 3 Menschen, die mich gleichzeitig (er-)drücken.
  • Wenn es einer Person, die mir sehr wichtig ist, schlecht geht, geht mir das sehr nahe. Wenn eine meiner Freundinnen weint – egal, ob direkt vor mir, oder am Telefon oder auch nur im Chat – fange ich auch gleich an zu weinen. So sehr wie ich ihre Traurigkeit auf mich projiziere, so sehr habe ich zumindest die Vermutung, dass sie dann auch gerne fest gedrückt werden würde. Ihr hypothetisches Bedürfnis zu erfüllen wird in dem Moment zu meinem Bedürfnis. Da ich so was nie ohne Einverständnis tun würde, frage ich in solchen Fällen nach (was am Telefon und im Chat eher sinnfrei ist) und bekomme als Antwort stets etwas wie „Nein, du musst mich jetzt nicht unbedingt drücken.“ was für mich also ein „Nein“ ist und als solche respektiert wird. Insbesondere einer Person, der es eh gerade schlecht geht, möchte ich nicht noch durch ungewollte Nähe noch mehr Kummer bereiten.
  • Wenn ich mich mit einer oder mehreren Personen sehr gut unterhalte, und ich nach einigen Stunden das Gefühl habe, dass geistig und emotional keine Distanz mehr zwischen uns ist, dann würde ich am liebsten auch die körperliche Distanz abbauen. Das muss dann kein Streicheln oder Kraulen sein, sondern so nahe zusammen zu rücken, dass man sich einfach nur irgendwo berührt, erfüllt das dann schon. In so einer Situation wäre ich auch zu deutlich mehr Körperkontakt bereit, aber das ist dann völlig optional und fehlt mir dann nicht.
  • Wenn ich verliebt bin – und ja, ich bin derzeit in mehrere Personen verliebt – kann es zu den unmöglichsten Zeiten passieren, dass ich an die Person denke und dann gerne bei mir hätte und berühren möchte. Was ich dann im Kopf habe sind stets sehr „harmlose“ Berührungen, also solche, die ich mir prinzipiell auch mit anderen Personen gut vorstellen könnte, aber dass dieser Wunsch personenbezogen und einfach so zwischendurch am Tag auftritt, ist dann schon irgendwie an Verliebtheit gebunden. (Nachts im Traum hingegen, da kuschel ich auch mit anderen guten Freund_innen, in die ich nicht verliebt bin.)

Und das sind allein die Dimensionen des Wünschens, Begehrens und manchmal auch Brauchens. Dass ich, auch wenn ich gerade keines dieser fünf Bedürfnisse vorliegt, Kuscheln als eine angenehme Bereicherung empfinden würde, kommt ja noch dazu.

Ebenfalls zusätzlich zu all dem ist etwas, das ich mal „Kuschelneid“ nennen möchte. Das ist weder etwas schönes, weil ich denke, Neid ist niemals schön, noch ist es bei mir besonders ausgeprägt. Aber diese Selbstanalyse wäre nicht vollständig, würde ich den Kuschelneid gar nicht erwähnen. Konkret heißt das, wenn andere Menschen in meiner Gegenwart kuscheln, kann das die oben genannten Bedürfnisse hervorrufen und/oder verstärken. Das ist aber gar nicht mal so schlimm, und meine Freude darüber, dass diese Menschen bei mir sind und es ihnen gut geht überwiegt. Ich würde daher niemals wollen, dass Menschen „mir zuliebe“ aufs Kuscheln verzichten.

Exkurs: von Männern, Katzen & männlichen Katzen

Zwei Aspekte, die vielleicht noch zu erwähnen wären, sind Geschlecht und Spezies.

Mein Wunsch oder meine Bereitschaft, mit einer Person zu Kuscheln, hängt sehr direkt damit zusammen, wie sympathisch mit diese Person ist. Es gibt eine Gewisse Korrelation zum Geschlecht, das heißt, unter den Menschen, die mir besonders am Herzen liegen, sind meist fast nur Frauen. Aber eben nicht nur. Kuscheln hat für mich keinen zwingenden Bezug zu Partnerschaft und Liebe, und erst recht keinen zu Sexualität. Der Gedanke, mit einem Mann zu kuscheln, ist für mich trotzdem ein bisschen befremdlich. Aber in dem Maße, in dem meine Androphobie (Abneigung ggü. Männern) über die Jahre sinkt, sinkt auch diese Befremdlichkeit. Eigenlicht kann ich mir inzwischen sogar recht gut vorstellen, mit Männern zu kuscheln, auch wenn da nur sehr wenige Männer in Frage kommen und ich nicht genau sagen könnte, ob es sich dann real doch irgendwie komisch anfühlen würde. Ich denke das wird sich irgendwann in der mittleren Zukunft klären und hat sicher auch was mit Gewöhnung zu tun.

Ich bin ja gerade sowieso dabei, sexuelle Orientierungen zu zerlegen. Vielleicht könnte ich von mir sagen, ich sei homosexuell, homoromantisch und eingeschränkt bikuschelig?

Und dann ist da die Sache mit den Katzen. Wer noch nie eine Katze gesehen hat, würde vermutlich meinen, dass es doch eher schwierig sein müsste, zwischen zwei (oder mehr) Individuen so unterschiedlicher Spezies irgendeine beiderseitig-angenehme Interaktion hin zu bekommen. Ungefähr so, wie mit einem Frosch Schach zu spielen, mit einer Antilope Kuchen zu backen oder mit einem Igel Kanu zu fahren. Aber nein, das klappt ganz wunderbar, und es verwirrt mich, warum das zwischen Menschen nicht genauso einfach und schön sein kann. (Und: warum es auch zwischen zwei Katzen oft nicht klappt…)

Klar, man kann Katzen streicheln und kraulen. Aber es gibt vermutlich genauso viele Varianten, mit einer Katze zu kuscheln, wie mit einem Menschen. Vielleicht auch noch mehr.

Kürzlich habe ich eine Katze auf der Straße getroffen. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, aber in weniger als 2 Sekunden darauf geeinigt, dass wir jetzt kuscheln wollen. Das war für uns beide schön, und nach ein paar Minuten trennten sich unsere Wege wieder, vielleicht für immer. Aber es ist dennoch etwas ganz anderes, als wenn ich z.B. mit dem Kater meiner Schwester kuschel. Da ist eine ganz andere Ebene von Vertrautheit und Zärtlichkeit vorhanden, und auch mehr Ausgewogenheit. Da streichle ich nicht nur den Kater, nein, der streichelt / drückt / leckt / küsst / beißt ganz selbstverständlich auch mich. Und das kann auch mal eine ganze Stunde oder mehr ausfüllen. Leider führe ich zu diesem Kater eine Fernbeziehung, er wohnt in Bochum und ich in Braunschweig.

(Und mit diesem zärtlichen Beißen und Kratzen zeigen Katzen und Kater auch ganz selbstverständlich, dass Kuscheln und SM keine Gegensatzpaare sind, sondern ein Kontinuum von angenehmen Empfindungen. Und dass weder das eine noch das andere mit Sexualität verbunden sein muss. Auch da kann Spezien-übergreifend leicht ein Konsens gefunden werden, was für beide gerade o.k. ist. Und bevor noch jemand fragt: nein, ich beiße den Kater nicht, das wäre mir zu haarig im Mund.)

Die Zukunft

Vielleicht ist das mit Menschen ja wirklich genauso leicht, und alles, was mich noch davon abhält, sind Hemmungen, die die Gesellschaft mir auferlegt hat. Oder ich mir selbst. Die wieder loszuwerden ist für mich leider gar nicht leicht. Zwischen Menschen ist sowohl die verbale, als auch die nonverbale Kommunikation sehr mächtig, und einer der beiden Kanäle müsste bereits reichen, um einen Kuschelkonsens mit anderen zu erreichen. Und dabei lassen sich ja beide sogar kombinieren. Das müsste ich doch lernen können. Einfach so, alleine, im Alltag, oder im Gespräch mit Freund_innen schaffe ich das aber offenbar nicht.

Als ich mich vor über 2 Monaten für die (vermutlich) erste Braunschweiger Kuschelparty angemeldet hatte, hatte das vor allem zwei Motivationen: natürlich, dass das Erlebnis, mal wieder mit Menschen zu kuscheln, als solches schön sein würde, und wohl noch wichtiger: dass ich dabei Hemmungen abbaue und Kommunikationsstrategien erlerne, um danach auch mal außerhalb solcher Events kuschelige Kontakte zu haben. Die Umstände waren dann eindeutig gegen mich, so ich war an dem Abend kurzfristigerweise komplett verhindert. Meine außer-partnerschaftliche Kuschelerfahrung ist damit immer noch fast null. Doch im Laufe der nächsten 20 Tage liegen zwei bis vier Kuschelparties vor mir, vermutlich nehme ich drei davon wahr. (Nackt-Kuscheln geht mir wohl derzeit deutlich zu weit, Im-Dunkeln-Kuscheln sollte hingegen ok sein, wenn ich gewisse Dark-Room-Assoziationen unterdrücke.)

Ich gehe davon aus, dass diese zwei bis vier Events etwas mit mir tun werden, etwas hoffentlich positives und auflockerndes. Es könnte auch alles ganz fürchterlich laufen, wer weiß das schon. So oder so war es mir wichtig, diesen Text vorher aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Für den Fall, dass das irgendeine Form von Wendepunkt in meinem Leben darstellt, kann ich dann einen klaren Vorher-Nachher -Vergleich anstellen.

Ob mein Alltag danach so kuschelig wird, wie ich ihn derzeit bräuchte, um glücklich zu sein, weiß ich natürlich nicht. Das hängt ja nicht nur von mir ab, sondern auch von den Personen, die ich kenne und in näherer Zukunft kennenlernen werde. Es ist für mich sehr ungewohnt, über meine Bedürfnisse zu schreiben und sprechen, und es fühlt sich auch jetzt noch ein Stück weit falsch an. Was daran liegen mag, dass ich es nicht gewohnt bin, so starke Bedürfnisse zu haben. Und keine, die prinzipbedingt von anderen Menschen abhängen. Ich mache das jetzt erst mal auf öffentlicher, und somit unpersönlicher Ebene, was schwer genug ist. Vielleicht kann es als Basis dienen, um das später mit einzelnen Menschen konkreter auszuführen. Vor diesen Gesprächen habe ich immer noch etwas Angst.

Aber andererseits denke ich, hier und da mal in den Arm genommen zu werden, jemandem den Nacken kraulen zu dürfen und mal ohne Sicherheitsabstand nebeneinander zu sitzen ist nicht zu viel verlangt vom Leben, erst recht nicht, solange ich diese Erwartung nicht einer einzelnen konkreten Person aufdrücke. Ich komme ja schon ganz gut damit zurecht, keine Beziehung zu haben, und damit, dass das vielleicht noch Jahrelang so sein wird. Etwas mehr Alltagsnähe scheint mir da die kleinere Baustelle zu sein, und dennoch die, die mich derzeit mehr bedrückt.

Geschlechtliche Normierung von Freund*innenschaften

Ich hab’s ja kürzlich in meinem Poly-Coming-Out schon angekündigt: ich muss mal reflektieren, was Freund*innenschaften und Partner*innenschaften für mich bedeuten und wie weit da überhaupt eine Unterscheidung sinnvoll ist. Und ich merke, das ist nicht nur für mich ein Thema. In meinem Umfeld beschäftigt das viele Menschen, unabhängig davon, ob diese sich als Poly einordnen oder nicht. Daher denke ich, das Thema lässt sich auch ein Stück weit getrennt von Polyamorie betrachten, auch wenn ich – natürlich 🙂 – am Ende der „Serie“ wieder den Bogen dazu schlagen werde.

Fortsetzung einer Serie

Im letzten Post lag der Fokus etwas mehr auf dem, was gemeinhin als Partner*innenschaft angesehen wird, und nun soll’s bei etwas mehr um die freundschaftliche Seite gehen – stets unter der Einschränkung, dass ich da ja eh keine undurchdringliche Grenze sehe. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass daraus noch mindestens drei Blogposts werden:

  • Den eher trocken-theoretischen dazu, welche (geschlechtlichen) Normierungen von Freund*innenschaften ich wahrnehme – das ist also genau dieser Post hier.
  • Der zu meinen konkreten vergangenen Erlebnissen mit Freund*innenschaften und Partner*innenschaften und all dem, was da so dazwischen liegt aber scheinbar nicht liegen durfte – folgt später.
  • Und dann den locker-hoffnungsvollen dazu, was ich mir für meine Freund*innenschaften in Zukunft wünsche, aber auch dazu, was mir da gerade noch alles im Wege steht – folgt auch später.

Kurz vorweg: das mit den Stern*chen

Ich benutze generell kein Sternchen im Zusammenhang mit Frau* oder Männern*, etc. Kürzlich gab’s eine interessante Twitterdebatte dazu, wie dieses Sternchen, das eigentlich nicht-cis- oder nicht-binäre Personen einschließen soll, diese doch eher ausschließt. Keine endgültig geklärte Sache, aber hier erst mal egal, denn:

Bei den Worten „Freund*innenschaft“ und „Partner*innenschaft“ steht das Sternchen – meiner Meinung nach – dafür, sämtliche Kombinationen aus weiblichen, männlichen und ggf. sonstigen Teilnehmer_innen zu bezeichnen. Wo ich ausdrücklich nur solche zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern meine, erübrigt sich damit auch dieser Begriff und „Freundschaft“ oder „Freundinnenschaft“ reicht aus.

Freund*innenschaften unterliegen Normen

Mir wurde bei den Überlegungen der letzten Tage klar, dass nicht nur Partner*innenschaften normiert sind, sondern genauso auch Freund*innenschaften. In aller erster Linie richten sich diese Normierungen nach dem (sozialen) Geschlecht, und so widmet sich ein Großteil dieses Textes den bestehenden Normierungen, so wie ich sie wahrnehme. Das ist jetzt nicht gerade das wichtigste, und spannendste, was mir zu all dem einfallen könnte, aber irgendwie muss es gesagt werden, entstand zumindest als nicht-enden-wollendes Vorwort zu etwas anderem, was ich unbedingt sagen möchte.

Manches davon ist überspitzt, fast nichts davon ist in Beton gegossen. Das heißt, auch bevor irgendwer emanzipatorische Texte darüber schrieb war das immer schon möglich, viele dieser Normen zu ignorieren. Aber dennoch spreche ich ihnen Wirkung zu. Ich hoffe, ich kann das alles jetzt hier benennen, ohne damit selbst total verbohrt und altmodisch zu wirken…

Die (beste) Freundin

Es gibt so ein gesellschaftlich geprägtes Bild davon, wie Mädchen / Frauen mit ihrer jeweils besten Freundin umgehen. Das ist ein tolles Bild, denn es enthält so viel Nähe, Vertrauen, gegenseitige Stärkung und Offenheit, Verlässlichkeit. Viele Sprichworte und Erzählungen legen nahe, dass diese Verbindung sogar noch stärker und bedeutsamer ist als die zwischen (heterosexuellen) Liebespartnern. Gerade für Mädchen und junge Frauen ist das auch empowering: Männer sind nicht zwingend der Mittelpunkt der (weiblichen) Welt. Einer der Gründe, weshalb ich „My Little Pony: Friendship is Magic“ so liebe.

Natürlich ist auch das Bild der besten Freundinnen teilweise problematisch: Es geht oft von Symmetrie aus (wenn A die beste Freundin von B ist, muss B auch die beste Freundin von A sein), und das beschränkt sowohl die Freiheit von A und B untereinander, als auch die möglichen Freund*innenschaften zu dritten. Das heißt, obwohl Sexualität keine Rolle spielt, werden pärchennormative Vorstellungen von Exklusivität und Eifersucht auch auf beste Freundinnen projiziert. Insofern diese Vorstellungen natürlich und angeboren sind, ist es nur richtig, sie auch dort zu thematisieren, aber wer sagt schon, dass sie es immer sind? Ich denke, sowohl in Partner*innenschaften als auch in Freund*innenschaften ist vieles davon anerzogen.

Immerhin können Mädchen ja nicht nur „beste Freundinnen“ sein sondern auch einfach „nur Freundinnen“, und das hebt viele dieser Probleme vielleicht wieder auf, insofern da nicht wieder äußere Umstände eine zwangsweise Zuordnung in eine dieser Kategorien erzwingen.

Kumpels, Bros und Freunde

Die Freundschaften zwischen Jungen / Männern sind generell anders normiert. Soweit ich das überblicke, sind hier (sowohl im gesellschaftlichen Idealbild, als auch in der Lebensrealität) Exklusivität und Symmetrie weniger erzwungen, auf den ersten Blick ist alles viel lockerer. Aber ich glaube auch, es bestehen hier sehr enge Schranken dessen, wie viel Nähe (insbesondere körperlich) „erlaubt“ ist, um nicht als schwul zu gelten – wobei schwul „natürlich“ gleich als schlimmste denkbare Abwertung her hält. Das ist vielleicht in den letzten Jahren auch lockerer geworden, seit so Begriffe wie „Bro-Love“ kursieren. Ähnlich wie bei „besten Freundinnen“ findet hier „empowerment“ (etwas schwieriger Begriff bei einer privilegieren Gruppe) und Abgrenzung statt, z.B. in Form von „Bros before Hoes„. So gerne ich auch Konzepte loben würde, die Freundschaften gegenüber Partner*innenschaften aufwerten… über die Kackscheiße, die dieser plakativen misogynen Abwertung und Sexualisierung von Frauen durch den Begriff anhaftet, brauchen wir ja wohl nicht diskutieren. (Kennt eine_r einen unproblematischen Begriff für das selbe Konzept?)

The radical notion of Cross-Gender-Friendship

Und dann ist da noch das mit den „Cross-Gender-Friendships“, also Freund*innenschaften zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts. Ich muss mich ja fast schon freuen, dass diese inzwischen überhaupt als existent angesehen werden und breite Akzeptanz finden – laut der Wissenschaft ist dies ein extrem junges soziales Phänomen, also erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt so möglich (siehe dazu z.B. diese Studie zu „Attraction in cross-sex friendship“, die interessante Aussagen enthält, die ich aber nicht unbedingt alle unterstützen würde). Für mich ein komischer Gedanke, der Mitleid mit meiner Eltern- bzw. Großeltern-Generation aufkommen lässt. Die haben viel verpasst. Doch was auch heute noch an Normierung in diesen Freund*innenschaften vorherrscht stößt mich ab.

Da ist dieses gesamte Friendzone-Konzept, das darauf abzielt, dass eine Freund*innenschaft zwischen Mann und Frau keinen eigenen Wert hat, außer die Vorstufe eine späteren Partner*innenschaft zu sein – bzw. in dem Fall, dass so eine Partner*innenschaft seitens der Frau unerwünscht ist, sogar einen negativen Wert haben könnte. Für mich ein völlig verquastes Denken, von dem ich nicht weiß, wie viele oder weniger Männer tatsächlich so denken und fühlen. Aber egal wie viele es sind, ich habe die Auswirkungen dieses Mindsets auf meine eigenen Freund*innenschaften gespürt. Sätze wie „Männer und Frauen können nicht einfach nur Freunde sein“ sind außerdem auch im Jahr 2013 noch an der Tagesordnung. Das wertet nicht nur Freund*innenschaften gegenüber Partner*innenschaften ab, es ist außerdem total heterosexistisch. Was sollten ein schwuler Mann und eine Lesbische Frau denn sonst (primär) aneinander finden als  eine Freund*innenschaft?

Dabei ist das – auf einer ganz bestimmten Ebene – gar nicht so weit weg von meiner Herangehensweise daran. Insofern ich denn zwischen Freund*innenschaft und Partner*innenschaft unterschieden habe, war Partner*innenschaft sowieso eine Erweiterung davon, und insofern war es für mich völlig normal, dass sich irgendwann eine Partnerin in der Menge meiner Freundinnen hervortun würde. Aber unabhängig davon hat doch jede Freund*innenschaft ihren ganz eigenen Wert, der doch auch sehr nah am Wert einer Partner*innenschaft liegen kann.

Cross-Gender-Friendships in unfreiwilliger Konkurrenz zu Partner*innenschaften

Hinzu kommt, dass diese Cross-Gender-Friendships auch dahingehend begrenzt sind, wie intensiv sie werden können, ohne zur Partner*innenschaft gelabelt zu werden (haha, wie egal mir das ist!) oder als Gefahr für die RZBs der beteiligten gesehen werden (Ups, doch nicht egal!). Für letzteres liegt die Schwelle doch erstaunlich niedrig, was gerade denn bewusst wird, wenn (mindestens) eine_r von zwei Freund_innen plötzlich in einer RZB mit wemanders ist:

  • Zusammen auf der selben Couch liegen und einen Film schauen? Dürft ihr nicht mehr!
  • Euch regelmäßig zu zwei treffen? Mööp! Sollt ich auch nicht!
  • Über Dinge sprechen, über die nicht auch mit der Partnerin gesprochen wird? Geht natürlich nicht!

Viel bleibt da nicht mehr von der Freund*innenschaft. So unterliegen dann Freund*innenschaften plötzlich ganz konkreten Beschränkungen, die aus Parner*innenschaften entspringen, und damit sogar Menschen betreffen, die selbst Single sind. Und ich habe das Gefühl, dass diese Beschränkungen – zumindest im üblichen heteronormativen Kontext – nur Cross-Gender-Friendships betreffen und somit benachteiligen.

Sind geschlechtlich normierte Freund*innenschaften nun gut oder schlecht?

Für mich war es die meiste Zeit meines Lebens ein großes Problem, wie Freund*innenschaften gegendert sind, weil ich eben falsch gegendert wurde. Wenn ich mich nun mal nach „typischen“ Mädchen-zu-Mädchen-Freundinnenschaften gesehnt habe, war es wenig hilfreich, als Junge gelesen zu werden. Natürlich war das unglaublich frustrierend zu spüren: die Art von Freund*innenschaft, die du suchst, kannst du nicht haben, weil das nur für Mädchen erlaubt ist und du gerade keins bist.

Problematisch daran ist ja auch, dass ich es keiner einzelnen Person übel nehmen kann, wenn sie mit mir nicht befreundet sein will. Das Prinzip ist mir sehr wichtig, aber somit fehlte mir auch irgendwo die Projektionsfläche für daraus resultierende Wut und Frustration.

Interessanterweise hat das mit der „Mädchen-Freundinnenschaft“ zwischendurch trotz aller unerfreulicher Geschlechtszuweisung ab und zu geklappt, aber das ist Thema für einen eigenen – zu Beginn bereits angekündigten – Eintrag.

Und letztlich ist da ja auch ein Unterschied ob ich sage „ich wünsche diese und jene Form von gegenderter Freund*innenschaft, einfach, weil ich so fühle“ oder ob eine ganze Gesellschaft diese Normen quasi-verbindlich mit der Gießkanne über alle ausschüttet, ob sie nun wollen oder nicht.

Ob wir nun insgesamt die Defintionen der Geschlechter lockern (so dass Jungen sich auch mal mädchenhaft verhalten, und Mädchen auch mal jungenhaft, um es mal ganz „vorsichtig“ zu formulieren) oder die Defintionen der Freund*innenschaften (so dass z.B. die enge Verbindung, die derzeit nur zwischen besten Freundinnen geduldet wird, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten akzeptiert wird) sind wohl letztlich nur verschiedene Sichtweisen des gleichen Lösungsansatz. Denn ich glaube ja (auch wenn ich das wohl nie zuvor so konkret geäußert hatte) dass bestimmte „Geschlechterunterschiede“ eine nicht-konstruierte Basis haben, deren Auslöschung ich weder für möglich noch erstrebenswert halte. Vielmehr würde es wohl reichen, auf Fremdzuschreibungen und (scheinbar) harte Regeln zu verzichten und jeden Menschen primär entsprechend seinen Gefühlen und Wünschen handeln zu lassen.

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.

Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von „Alex“ aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall „Alex“ aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.

Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz „geteilt“ und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.

Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.

Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.

Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie „das Kind“, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer „das Mädchen“ schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.

Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.

Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.

So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.

Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.

Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.

In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.

Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.

Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst „nur“ aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?

Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.

Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.

Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine „Diagnose“ generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

Geschlechtsneutrale Sprache als Chance betrachten statt als Zwang

Es ist ja nicht unüblich, einen Blogpost über einen Zeitungsartikel zu schreiben. In der Süddeutschen gab es kürzlich einen, der sich thematisch dazu anböte. Wirklich gut finde ich den Artikel nicht. Eigentlich reicht der erste Absatz, den ich mir hier zu zitieren erlaube:

Ende Januar ist in Schweden das erste Kinderbuch in geschlechtsneutraler Sprache erschienen. „Kivi“ heißt das Kind, um das es in diesem kleinen Werk von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson geht (Olika Verlag, Stockholm 2012), und weil „Kivi“ sich einen Hund wünscht, aber nicht sofort bekommt, entsteht eine kleine Geschichte in Reimen. Das alles ist sehr heiter und angemessen skurril, hätte aber nie die große Aufmerksamkeit erreicht, die es jetzt erhielt, wäre in diesem Buch nicht konsequent das neue Personalpronomen „hen“ verwendet worden. In ihm sollen „hon“ („sie“) und „han“ („er“) zusammenfallen, wobei selbstverständlich auch die konjungierten Formen „hens“ für den Genitiv und „henom“ für die Objektform dazugehören. Seitdem geht eine öffentliche Auseinandersetzung um die Sprache als Medium sexistischer Vorurteile durch das Land.

Weitere Beispiele

Übrigens gibt es noch mehr solcher schönen Kinderbücher. Eine gute Freundin zeigte mir vor kurzem „No Matter What“ von Debi Gliori. Nicht nur ist es wunderschön gezeichnet und überbringt eine ebenso schöne Botschaft, es verzichtet auch sowohl sprachlich als auch grafisch komplett darauf, dem Elternteil und dem Kind ein Geschlecht zuzuordnen. Damit kann sich dann jeder Junge, jedes Mädchen und jedes andere Kind identifizieren, egal ob es bei Mutter, Vater, beiden oder was auch immer für Elternteilen aufwächst. Da man hier ohne Wortneuschöpfungen ausgekommen ist, gab es auch keinen großen Aufschrei. (Es gibt übrigens auch eine deutsche Übersetzung „So wie du bist“, welche angeblich ein wenig sprachlichen Charme verloren hat und dafür auch mehr als doppelt so viel kostet – aber vermutlich wurde auch hier kein Geschlecht festgesetzt.)

Diskussion um das Buch

Aber zurück nach Schweden und zum SZ-Artikel – oder auch nicht, denn der restliche Text ergeht sich dann in Hintergrundinfos auf die ich auch hätte verzichten können. Und die Anschließende Diskussion auf der Seite der Süddeutschen ist auch nicht weiter lesenswert (Anzeichen für die Ignoranz und Denkfaulheit des durchschnittlichen Internetnutzers, wenn man sie denn wirklich braucht, lassen sich anderswo auch noch kompakter finden).

Durchaus lesenswert fand ich aber diese Diskussion im Forum des Onlinewörterbuchs LEO. Dort geht u.A. darum, ob man sprachliche Veränderungen denn erzwingen sollte bzw. ob das überhaupt möglich ist und ob man denn durch anderen Sprachgebrauch eine reale Gleichstellung erreichen könnte. Ob man es denn verbieten müsste, das Geschlecht einer Person zu nennen, und ob man nicht genauso auch verbieten müsste, irgendein anderes Merkmal einer Person zu erwähnen (Rasse, Hautfarbe, Nationalität, Name, Größe, Haarfarbe und -länge…). Auch gibt es ein bisschen unbedacht eingesetzte Heteronormativität die ruhig als solche Aufgedeckt und in ihrer gewünschten Argumentationswirkung ausgehebelt wird.

Doch auch wenn die Unterhaltung dort lesenswert sein mag, all diese Fragestellungen gehen letztlich an der Problematik vorbei. Das in Schweden zu debattierende „hen“ ist ja kein Zwang, sondern eine Möglichkeit.

Was ohne „hen“ nicht möglich ist

Bei all den anderen Attributen einer Person (siehe vorletzter Absatz) habe ich die sprachliche Freiheit, sie zu spezifizieren oder offen zu lassen. Das Geschlecht einer Person anzugeben kann man jedoch kaum vermeiden. Natürlich kann ich darauf verzichten, „Mann“ oder „Frau“ als Hauptbezeichner zu wählen. Hebe ich ein anderes Attribut auf den ersten Platz, indem ich etwa von „dem Schweden“ oder „der Schwarzen“ spreche, stellt sich einerseits gleich die Frage, warum ich denn nun gerade diese Eigenschaft so wichtig finde, und außerdem hab ich da auch gleich wieder ein grammatisches Geschlecht welches eindeutig das soziale Geschlecht angibt. Ich selbst erwische mich dabei, „der Mensch“ zu schreiben, wenn es sich um einen Mann handelt und „die Person“ wenn es eine Frau ist. Dabei sind ja beide Begriffe geschlechtsneutral verwendbar.

Das Geschlecht außen vor zu lassen ist schwierig. Oft will und soll man das ja auch gar nicht, denn wenn eine Person eindeutig und gerne Frau ist und sich als solche versteht, und auch sonst keine besonderen Umstände es erfordern, sehe ich keinen Grund, das Geschlecht zu verschweigen.

Aber es gibt Momente, da halte ich es für angebracht, geschlechtsneutral zu schreiben oder gar zu sprechen:

  • Wenn ich potentiell jeden Menschen meine, egal welches Geschlecht.
  • Wenn ich das konkrete Geschlecht einer Person kenne, aber es in dem Moment für ungünstig halte, es zu erwähnen.
  • Wenn die Person kein männliches oder weibliches Geschlecht hat.
  • Wenn die Person sich mir mal als Mann und mal als Frau gezeigt hat und ich nicht sicher bin, mit welchem Geschlecht ich mich auf sie beziehen soll (also insbesondere, wenn ich nicht weiß, wie die Person sich selbst bezeichnet).
  • Wenn ich über eine Person spreche, über deren Geschlecht im Kreis der Zuhörer und Diskutierenden Uneinigkeit herrscht und ich mich nicht voreilig festlegen möchte.
  • Wenn es sich um eine Person handelt, die vermutlich eindeutig männlich oder eindeutig weiblich ist, aber ich es nicht weiß (ich z.B. einen Bericht nacherzählen möchte, der in einer geschlechsneutralen Sprache geschrieben war, oder weil ich es einfach vergessen habe)
  • Wenn ich Zuhörer bewusst im Unklaren über das Geschlecht einer Person lassen möchte, um die Vermutung zu prüfen, dass sie aufgrund anderer Informationen ein bestimmtes Geschlecht annehmen, und dann zu schauen wie verdutzt sie sind wenn ich plötzlich das (von ihnen nicht erwartete) Geschlecht nenne.
  • Wenn ich auch mal ein Kinderbuch schreiben wollte bei dem es dem Leser bzw. Zuhörer überlassen ist, ob er sich einen Mann, eine Frau oder sonst irgendwen vorstellt.

Klingt konstruiert? Bis auf den letzten Punkt sind das alles Situationen, in denen ich auch wirklich schon einmal war.

Lösungen im Deutschen, die mich nicht befriedigen

Möglichkeiten, geschlechtsneutral zu schreiben, gibt es an sich viele:

  • Immer beides Nennen („der Gärtner bzw. die Gärtnerin mit seiner bzw. ihrer Heckenschere „)
  • Binnen-I (GärtnerIn)
  • Gender-Gap (Gärtner_in)
  • Sternchen (Gärtner*in oder einfach Gärtner*)

Ersteres macht lange, unschöne Sätze und lässt keinen Platz für Menschen außer Mann und Frau. Die drei anderen Varianten sehen typographisch furchtbar aus und lassen sich kaum angemessen vorlesen. All das kann man trotz dieser Probleme praktisch anwenden, und ich werde bestimmt nie jemanden dafür kritisieren dass er es tut. Aber ich selbst möchte zwar gerne hier und da geschlechtsneutral sprechen, aber bitte mit Sahne, also so, dass es geschmeidig klingt. Nicht mit künstlichen Zusatzstoffen die beim Sprechen zwischen den Zähnen knirschen.

Und das Hauptproblem sind so oder so nicht die Substantive selbst, sondern die vielen anderen Worte im Satz, die entsprechend dekliniert werden müssen. Da helfen die vier Varianten von oben auch nicht weiter.

Wohl aber das „hen“, welches die Schweden wohl noch nicht so recht ins Herz geschlossen haben, bzw. dessen Vorbild „hän“ welches im Finnischen seit jeher geschlechtsneutrales Sprechen ermöglicht. In einigen wenigen deutschen Blogs wird auch schon „hän“ verwendet, und ich finde, es macht Texte nicht länger, strukturell nicht komplexer, ist typographisch völlig akzeptabel… was will man mehr? Ich finde, auch wir können ein hän gebrauchen.

Das böse Neutrum

Es gibt zwar im Deutschen schon das grammatische Neutrum, aber mit dessen Verwendung richtet man auch mehr Schaden an als es hilft. Eine Person als „es“ bzw. „das“ zu bezeichnen gilt als tiefe Beleidigung, das Neutrum positiv neu zu besetzen halte ich für ausgesprochen schwierig.

Aber warum ist „es“ eigentlich so abwertend? Ich denke, wenn man eine Person als „es“ bezeichnet, löst das beim Hörer nicht primär das Verständnis hervor, es würde ich um einen Menschen ohne männliches oder weibliches Geschlecht handeln, sondern viel mehr, dass es sich um gar keinen Menschen handelt, sondern ein seelenloses Ding. Oder ein grausames Monster. Dinge können auch männlich oder weiblich sein, Menschen aber nie „sachlich“. Diese Konnotation des Genus ist meiner Meinung nach in erster Linie keine Abscheu vor Menschen ohne Geschlecht, sondern „nur“ die Ignoranz dessen, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Aber letztens führt da auch das eine zum anderen.

Und gleich noch ein fünftes

Reicht denn ein „hän“ aus? Nicht unbedingt. Nein, denn es gibt Menschen, die weder weiblich noch männlich sind und die (völlig zu recht) ihr Geschlecht dennoch als etwas eigenständiges ansehen. Wie dieses „dritte“ Geschlecht zu nennen wäre ist noch völlig unklar, und da diese weiteren Geschlechter untereinander auch alles andere als gleich sind, muss man wohl von mehreren „anderen“ Geschlechtern sprechen. Ich vermute aber mal (auch wenn ich mich damit weit aus dem Fenster lehne), dass diese Menschen dennoch gut mit einer Zusammenfassung in einem weiteren Genus leben könnten. Eine Unterordnung ins männliche oder weibliche würde die Eigenständigkeit des Geschlechts nicht anerkennen. Wenn diese Menschen das Bedürfnis haben, ihr „anderes“ Geschlecht explizit zu nennen, ist auch ein generisches „Hän“-Geschlecht keine Lösung, da es doch gerade der Nichtnennung von Geschlechtern dient. Und das Neutrum wird vermutlich immer mit dem nicht-Menschsein assoziiert bleiben.

Somit sehe ich dann Bedarf für folgende fünf grammatikalischen Geschlechter:

  • Maskulinum für Männer und Sachen
  • Feminunum für Frauen und Sachen
  • „Anderum“ (ich kann kein Latein… ginge vielleicht „Alium“?) für Menschen mit „anderen“ Geschlechtern
  • „Generikum“ für Menschen deren Geschlecht nicht explizit genannt werden soll oder kann
  • Neutrum für Sachen

Und wenn man schon mal dabei ist, könnte man auch gleich alle Gegenstände zum Neutrum machen: das Messer, das Gabel und das Löffel. Ich könnte mich auch daran gewöhnen. In diesem Sinne: Gutes Nacht!

Jetzt neu und nur hier: Online-Geschlechtsumwandlung mit nur einem Mausklick

Der folgende Kommentar in einem feministischen Blog hat mich dazu inspiriert, etwas zu programmieren:

(…) wenn man in Ihrem Artikel mal die worte Mann und Frau vertauscht, liest sich das etwas mittelalterlich (…)

Auf dem männlichen Auge blind?

Dabei geht es wohl um diese Thesen, die ich mal etwas überzogen darstelle:

Feminist_innen sind sehr geübt darin, Frauenfeindlichkeit aufzuspüren aber blind für Männerfeindlichkeit. Wenn man in feministischen Texten alle Geschlechter tauscht, wird Männerfeindlichkeit im Ausgangstext zu Frauenfeindlichkeit und dadurch auch für Feminist_innen sichtbar.

Ich könnte mich nun darüber ergießen ob diese Thesen zutreffen, oder ob unsere patriarchale Gesellschaft die Geschlechter zu unsymmetrisch behandelt um basierend auf solchen Symmetrien zu argumentieren…

Probieren geht über Studieren. Und Programmieren geht sowieso über alles.

Aber das lasse ich und erprobe es dafür im Experiment, indem ich demnächst alle feministischen Texte mit getauschten Geschlechtern lese. Das spontan im Kopf zu tun ist mir zu anstrengend, und eine einfache Suchen-und-Ersetzen-Funktion hilft auch nicht, abgesehen davon dass Browser so was auch gar nicht haben da sie nicht zur Bearbeitung gedacht sind.

Ich habe mir daher ein Bookmarklet gebastelt, das in der aktuellen Webseite (fast) alle Geschlechterzuschreibungen ändert. Das Bookmarklet stelle ich hier bereit, damit jeder es nutzen kann. Dazu einfach diesen Link bookmarken bzw. per Drag & Drop in die Lesezeichenleiste ziehen. Dann auf eine andere (z.B. feministischte) Webseite surfen und den Button/Link in der Lesezeichenleiste ankliken. Tadaa! (Wer noch nie ein Bookmarklet gesehen hat hält das jetzt vermutlich für Hexerei…)

Online-Geschlechtsumwandlung

Oder für einen schnellen Test einfach mal direkt hier anklicken, um es auf dieser Seite auszuprobieren.

Known issues

Das ganze ist natürlich nicht allumfassend. Zum einen wäre es extrem anspruchsvoll, die Ersetzungen grammatisch korrekt durchzuführen. Das versuche ich erst gar nicht. Aber wenn man schnell über die Texte drüber liest, fallen die sprachlichen Fehler kaum noch auf.

Zum anderen basiert das ganze auf einer Wortliste, die natürlich nie vollständig sein kann, und in manchen Fällen Begriffe als Gegensatzpaar verwendet, die nicht wirklich zusammen passen. Das ganze ist also nur eine kleine Spielerei oder ein Proof of Concept und nicht zu ernst zu nehmen.

Im Übrigen erlaube ich mir ganz bewusst, hier mal das böse Wort „Geschlechtsumwandlung“ zu benutzen. Denn was bei Menschen nicht geht bzw. keine adäquate Beschreibung des tatsächlichen Vorgangs ist, ist in diesem Fall genau das, was mit den Wörtern einer Webseite gemacht wird: ihr Geschlecht wird umgewandelt. Und es erlaubt einen extrem reißerischen Titel für diesen Blogpost, das war es mir heute einfach mal wert.

Was ist unter der Haube?

Der darin enthaltene Code ist folgender (kann man sicher noch schöner machen, aber Perfektion war hier kein Maßstab):

function symmetrize(dict)
{
    var dictSym = {};
    for(key in dict)
    {
        dictSym[dict[key]] = key;
        dictSym[key] = dict[key];
        var keyLc = key.toLowerCase();
        if(keyLc != key)
        {
            var valLc = dict[key].toLowerCase();
            dictSym[valLc] = keyLc;
            dictSym[keyLc] = valLc;
        }
    }
    return dictSym;
}

// Hier Wörter eintragen, die nur im ganzen ersetzt werden
// sollen und nicht als Wortbestandteil.
var dictWhole = symmetrize({
"Er" : "Sie",
"Ihm" : "Ihr",
"Ihn" : "Sie",
"Sein" : "Ihr",
"Seine" : "Ihre",

// Diese Regeln stehen hier und in den Wortteilen, um darum herum
// zu arbeiten, dass "Frau" ein Teil von "Frauen" ist und somit
// sonst "Frauen" zu "Mannen" ersetzt wird.

"Frauen" : "Männern",
"Frauen" : "Männer"
});

// alle wörter / Wortteile groß schreiben, daraus wird
//automatisch auch die kleine variante erzeugt, umgekehrt nicht

var dictPart = symmetrize({
"Männer" : "Frauen",
"Mann" : "Frau",
"Männlich" : "Weiblich",
"Kerl" : "Weib",
"Kerle" : "Weiber",
"Macho" : "Emanze",
"Machos" : "Emanzen",
"Maskulin" : "Feminin",
"Maskulinis" : "Feminis",
"Jungs" : "Mädchen",
"Jungen" : "Mädchen",
"Junge" : "Mädchen",
"Damen" : "Herren",
"Dame" : "Herr",
"Vater" : "Mutter",
"Väter" : "Mütter",
"Sohn" : "Tocher",
"Söhne" : "Töchter",
"Schwuler" : "Lesbe",
"Schwul" : "Lesbisch"
});

function ersetzung(matchedSubstring, Index, OriginalString)
{
   if(dictWhole[matchedSubstring])
        return dictWhole[matchedSubstring];
   for(key in dictPart)
       if(matchedSubstring.indexOf(key) != -1)
           return matchedSubstring.replace(key, dictPart[key]);
   return matchedSubstring;
}

// Erkennt einzelne Worte
var word = new RegExp("\b\S+\b","gi");

function htmlreplace(element) {    
    if (!element) element = document.body;    
    var nodes = element.childNodes;
    for (var n=0; n<nodes.length; n++) {
        if (nodes[n].nodeType == Node.TEXT_NODE) {
            var oldText = nodes[n].textContent;
            // komplizierte, aber nachweislich effizienteste
            // Weise, um Strings zu erkennen, die nur aus
            // Whitespace bestehen (was ca. 50% aller Strings
            // einer Website ausmacht)
            if(oldText.replace(/^ss*/, '')
                           .replace(/ss*$/, '').length > 0)
                nodes[n].textContent =
                             oldText.replace(word,ersetzung);
        } else {
            htmlreplace(nodes[n]);
        }
    }
}

htmlreplace();

Es gibt gar keine Männer und Frauen, aber ich bin eine Frau. (K)ein Widerspruch?

Ich selbst kann sehr gut mit der klaren Einordnung in die Kategorie „Frau“ leben, ja ich erwarte von meinen Mitmenschen quasi diese Einordnung. Gleichzeitig kämpfe ich gegen Geschlechter-Binarismen, also dafür, die strenge Kategorisierung zwischen Mann und Frau aufzuheben. Das scheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht unbedingt.

Mehrdimensionalität

Diesen Aspekt kann ich am besten an mir selbst illustrieren. Wenn ich mein Geschlecht mal genau betrachte: Genital bin ich sehr eindeutig männlich. Meine Identität sehe ich an sich wieder als vielschichtiges Gebilde an, aber wenn ich es denn vereinfacht ausdrücken müsste, dann würde ich meine Identität am ehesten als eindeutig weiblich bezeichnen.

Dieser Gegensatz zwischen Genitalien und Identität macht mich zur Transfrau. Er beweist quasi per Fallbeispiel, dass Geschlecht mehrdimensional ist, also Genital- und Identitätsgeschlecht nicht identisch ausgeprägt sein müssen.

Ich habe, wie jeder Mensch, sogar noch mehr Geschlechter, z.B. mein chromosomales und mein hormonelles Geschlecht, die bisher beide unbekannt sind und über die auch ich selbst nur Mutmaßungen anstellen könnte. Aber auch die sind nicht fest an die Genitalien oder die Identität oder gegenseitig aneinander gebunden.

Nicht-Binarität

Aber mit der Mehrdimensionalität sagt mein Einzelfall noch nichts über die Binarität oder Kontinuität dieser Dimensionen aus. Da muss ich also von anderen Menschen sprechen – spezifisch oder allgemein.

Es ist ein trivialer Fakt, dass genitales, chromosomales und hormonelles Geschlecht nicht binär sind, also dass es Zwischenformen zwischen männlich und weiblich gibt, bzw. weitere Formen neben diesen beiden. Darüber braucht man mit mir nicht zu diskutieren.

Was die Identität von Menschen angeht, so kann man durchaus verschiedener Meinung sein, ob und wie sich diese einem Geschlecht zuordnen lassen. Ganz klar ausschließen kann ich jedoch, dass eine Identität nur komplett männlich oder komplett weiblich sein kann. Ich selbst sehe mich nicht als gutes Gegenbeispiel, aber ich kenne gute Gegenbeispiele.

Variabilität

Bei all diesen Dimensionen kommt noch hinzu, dass sie nicht unbedingt über die Zeit konstant sind.

Zugegeben: im gesamten Körper die Chromosomen auszutauschen wir schwierig, aber im Rahmen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten eben theoretisch nicht unmöglich.

Hormone und Genitalien lassen sich anpassen. Dafür werde ich z.B. in Zukunft auch als lebendes Beispiel fungieren.

Und die Identität? Das ist wieder ein schwieriges Thema. Ich bin mir nicht zu 100% sicher ob die geschlechtliche Identität jedes Menschen komplett konstant ist. Ich vertraue in erster Linie auf das, was ein Mensch selbst dazu äußert. Käme nun jemand, der von sich behauptet, einen Wechsel der Geschlechtsidentität durchlebt zu haben, würde ich es ihm glauben. Bis zu jenem Zeitpunkt gehe ich aber erst mal von einer relativen Unveränderbarkeit aus. Ich habe auch das Gefühl, davon auszugehen reduziert die Chance, durch Äußerungen und Handlungen die Selbstbestimmung anderer zu verletzen, da mir viele Verletzungen bekannt sind, die darauf basieren, eine vermeintliche Veränderbarkeit auszunutzen.

Fazit

Ich würde also nie ernsthaft behaupten „Es gibt gar keine Männer und Frauen“ – es gibt eben Menschen, die sich gerne so ein Label aufdrücken (wozu auch ich mich zähle) und welche, die das nicht wollen. Viel mehr würde ich also daher sagen „Es gibt nicht nur Männer und Frauen“.

Mit meiner „Aufklärungsarbeit“ arbeite ich also an zwei oder drei verschiedenen Ecken, da ich glaube, dass man Mehrdimensionalität, Nicht-Binarität und Variabilität der Geschlechter zwar auch einzeln betrachten kann, aber man sie zusammen besser versteht. Und mit einem Grundverständnis für diese Konzepte erschließen sich dann viele weitere Themenkomplexe fast von selbst.

Ich muss nur aufpassen, dass ich allesamt nicht in unklarer Weise vermische – wogegen dieser Blogpost aber Abhilfe schaffen sollte.

Mehr Infos

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch der Artikel „Billions of Sexes (Part 1)“ interessant. Er vertieft manche meiner Aussagen von oben, stellt noch viele weitere auf, und ist generell besser als alles was ich bisher zu dem Thema geschrieben habe. Ich habe den Artikel gestern bei FB geteilt, und meine Gedanken zur Rezeption dieser Aktion brachten mich letztlich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Womit sich der Kreis nun schließt.

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen „genau so“. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu „verbieten“ würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien „Transsexuell“ (TS) und „Intersexuell“ (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen „TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden“, „TS und IS haben nichts miteinander zu tun“ oder „IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS“. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und „ca. 2000“ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher „Abweichungen“. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt „das Geschlecht“ braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach „durchs Raster“ gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur „männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“ sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe „männliche Zuordnung“ mit „männlicher Identität“ gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem „anderen“ Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine „andere“ Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit „?“ gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände („männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage „Wann?“ erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt „zur Frau umoperiert“ wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als „intersexuelle Frau“ zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja „ihr Bestes“ getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als „Frau“ bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als „Lesbe“ und/oder „Mannsweib“ bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als „intersexuellen Mann“ bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern „eine Frau die zum Mann werden will“, oder diplomatischer ausgedrückt ein „Trans-Mann“. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für „Mann-zu-Mann-Transsexuelle“ würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem „Cis-Mann“ sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau „umoperiert“ wurde, und somit eine „Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch“ ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als „Transident“ oder „Transgender“ bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem „Mann mit Scheide“ sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie „andere“ und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als „Mann“ bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar „im Raster“ läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue „Ausnahmeregelungen“ zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der „Fachleute“, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in „männlich, weiblich, andere“ einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung „Gesichtsgeschlecht“ hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, „Identitätsgeschlecht“ oder „Psychisches Geschlecht“ wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über „Geschlechtliche Abweichungen“ spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?

Von der Schwierigkeit, über Geschlechtskonzepte zu schreiben

Ich möchte eigentlich schon lange ein paar Artikel veröffentlichen, die sich kritisch mit „Geschlecht“ auseinander setzen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entschwindet mir die Sprache. Das hat mich in ein unfreiwilliges Schweigen zu dem Thema versetzt, das ich nun brechen möchte.

Die Bedeutung des Begriffs „Geschlecht“ habe ich im vergangenen Jahr gründlich hinterfragt. Noch heute ist es die vorherrschende Meinung, dass ein Mensch Mann oder Frau ist, und dass diese beiden Geschlechtspole in sich klar definiert seien. Das glaubt die Mehrheit der Deutschen, das vermittelt die Gesellschaft auf allen Kanälen und wird auch den jüngsten Generationen durch Erziehung und Schulbildung vorgegeben.

Geschlechtsmodelle – an Vielfalt mangelt es nicht

Kritik an klassischen Geschlechtskonzepten ist nichts neues. So kommen mindestens seit den 1950er Jahren verschiedene Strömungen auf, die eine bipolare Geschlechterordnung und/oder die Reduktion des Geschlechtes auf eine einzelne Dimension in Frage stellen oder komplett ablehnen. Diese Ablehnung eint die verschiedenen Richtungen untereinander und somit auch mich. Aus Sicht der meisten Menschen handelt es sich also um eine einheitliche Menge von Andersdenkenden.

Seit ich mich kritisch mit Geschlecht auseinandersetze – zugegebener Maßen also erst seit einem Jahr – werden mir aber nicht nur die Gegensätze zwischen dem landläufigen Geschlechtsbegriff und jenen neuen Denkweisen klar, sondern vor allem auch die Widersprüche zwischen verschiedenen neuen Ansätzen. Die Mitbegründer und Helden der einen Teilgruppe sind da oft die größten Feinde der anderen.

Sich mit der Thematik auseinander zu setzen ist ein anstrengender Prozess. Zunächst muss man einiges hinter sich lassen, was ein Leben lang als universelle Wahrheit galt. Anstelle dessen treten aber keine neuen Wahrheiten, sondern eine Vielzahl von Theorien von denen jede einzelne vergleichsweise komplex ist und dennoch keine sofort den alten Platz einer unumstößlichen Richtigkeit einnehmen kann. Ich habe bisher in jeder dieser gedanklichen Schulen interessante Ansätze gefunden, aber keine einzige, deren Lehren ich uneingeschränkt vertreten wollen würde. Ich sehe viele Ansätze auch nur als mögliches Modell der Wirklichkeit, und ein realistisches Modell der Wirklichkeit als eine vielschichtige Mischung jener einfachen Modelle, die jeweils zu kurz greifen.

Sagen, was sich nicht sagen lässt

Gerne würde ich also nun auf den Punkt bringen, was denn nun meine Meinung und Schlussfolgerung ist. Doch das ist nicht so leicht. Denn in der Sprache liegt eine besondere Schwierigkeit: neue Geschlechtsbilder brauchen neue Worte und Begrifflichkeiten. Um diese so zu definieren und zu erklären dass auch „Neulinge“ sie verstehen, muss man sie aber „mit alten Worten“ beschreiben und verorten. So kann man z.B. versuchen, Intersexualität zu beschreiben indem man Wörter wie „männliche“ und „weiblich“ benutzt. Ein Mensch mit einem klassischen Geschlechtsbild wird das zumindest gut verstehen. Spricht man aber mit anderen, die für sich schon zum Schluss gekommen sind, dass es Konzepte wie „männlich“ und „weiblich“ gar nicht gibt, kann man diese auch nicht mehr zur Beschreibung des eigenen Begriffsraums benutzen ohne Kritik zu ernten. Bei einer gemischten Leserschaft muss ich mich sprachlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Und klassische, binäre Geschlechterrollen mögen von manchen abgelehnt werden – aber immerhin kennt und versteht sie vermutlich jeder.

Neben dem Risiko, gar nicht verstanden zu werden, besteht auch noch das Problem, falsch verstanden zu werden. Oder aber, allein durch die Benutzung eines Begriffs beschuldigt zu werden, eine bestimmte Ideologie voranzutreiben, selbst wenn man die Begriffe eigentlich nur in den Mund nimmt um sich später von ihnen zu distanzieren oder in einer Weise zu definieren, die anders ist als die Definitionsweise die einem sofort unterstellt wird. Es gibt insbesondere unter Transsexuellen viele, die meinen, die Aussprache oder das Aufschreiben bestimmter einzelner Worte wäre unabhängig vom Kontext eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung – außer vielleicht im Satz „Das Wort Xyz ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung“.

Die Sache mit dem „Gendern“

Es existieren vielfältige Möglichkeiten, Sprache „geschlechtergerecht“ zu machen. Ich finde es begrüßenswert, wenn Menschen sie die Mühe machen, bewusst mit ihren Worten umzugehen und gegen alte Konventionen angehen indem sie selbst Hand an die Sprache anlegen. Ein Text, der mit Sternen und/oder Unterstrichen durchtränkt ist, spricht zwar nicht meinen Sinn für typographische Schönheit an, aber ich gehe zumindest gleich mit der guten Erwartung ans Lesen, dass der Schreibende ein Mensch mit Problembewusstsein für Geschlechterthemen ist.

Ich selbst habe vor kurzem hier und da begonnen, einzelne Gender-Maßnahmen in meine Schriftsprache einzubauen. Und komme nun zum zwischenzeitlichen Ergebnis, dass ich damit erst mal wieder aufhöre oder es zumindest stark einschränke. Ich denke, jeder Mensch kann und soll dort für Gerechtigkeit helfen und kämpfen, wo er es am besten kann. Ich habe gemerkt, dass das Schreiben von gegenderter Sprache mich bremst und ablenkt, und somit von Tätigkeiten abhält, die letztlich dem gleichen guten Ziel dienen sollen.

Wo es sich anbietet und mir leicht fällt, achte ich weiterhin darauf. Aber ansonsten hoffe ich, meinen Texten auf anderem (also inhaltlichem) Wege den Geist der Geschlechtergerechtigkeit einzuhauchen.

Entschuldigung und Rechtfertigung

Warum schreibe ich diesen Artikel? Weil ich mich von all diesen Beschränkungen frei machen muss, bevor ich beginne, zum eigentlichen Thema zu schreiben. Ich weiß, dass meine künftigen Posts Kritik aufgrund bestimmter Formulierungen ernten werden. Und ich möchte hiermit kundtun, dass mir das  zu einem bestimmten Grad Leid tut. Gerne würde ich eine Sprache verwenden, die jedem gefällt und die dennoch jeder versteht. Ich bedaure sehr, wenn das nicht gelingt.

Aber andererseits finde ich es viel schlimmer, zu schweigen, nur weil man etwas falsches sagen könnte. Damit überlässt man das Reden anderen, die sich vermutlich noch weniger Gedanken gemacht haben. Ich habe eine Meinung, die ich inhaltlich wohl überdacht habe und die ich nun äußern möchte. Ich werde nicht länger warten, sie zu formulieren. Denn ob ich jemals den Punkt erreicht, wo ich das tun kann ohne mit sprachlichen Problemen in Konflikt zu geraden, weiß ich nicht. Wenn jemandem meine Formulierungen nicht gefallen, dann bin ich jetzt bereit, das als unvermeidbare Nebenwirkung zu akzeptieren. Gerne lasse ich mir Vorschläge machen, wie ich den gleichen Inhalt besser formulieren kann. Aber den Mund lasse ich mir nicht verbieten.