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Programmänderung

Eigentlich hatte ich ja vor, jetzt einfach nur noch glücklich und zufrieden zu sein. Leider musste ich feststellen, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Es gibt viel dazu zu sagen, ich möchte heute mal einen leichten Einstieg dort hinein versuchen.

Erstmal ein großes „Sorry“ an alle meine Twitter-Follower_innen, insbesondere an die, denen ich am Herzen liege. Ich habe in den letzten Tagen wieder viel rumgejammert, nicht ganz ohne Grund, aber hatte es bisher nicht geschafft, den Grund in Worte zu fassen. Manche waren sicherlich besorgt um mich, noch viel mehr einfach nur noch genervt. Ich denke, ich bin nun soweit, Klartext zu reden, zumindest in der Theorie. Rein emotional hab ich wohl endlich alles verarbeitet, was mir derzeit Angst macht. Das war ein langer, harter Weg, den ich mit Unterbrechungen seit Anfang Dezember beschreite. Seit dem ist in meinem Leben viel passiert, aber die Grundproblematik blieb bestehen – so wie schon seit 13 Jahren.

Zum Punkt kommen

Ich weiß nicht, warum es mir so unendlich schwer fällt, zum Punkt zu kommen und es beim Namen zu nennen, was mich so bedrückt. Also:

Wie vermutlich jeder Mensch habe ich diverse kleine soziale Inkompetenzen, also Bereiche, in denen mein Sozialverhalten von dem abweicht, was für mich und die Menschen um mich herum gut und erfreulich wäre. Vieles davon konnte ich in den letzten Jahren „beheben“, und einiges anderes einfach akzeptieren, denn nobody’s perfect. Eine „Kleinigkeit“ ist allerdings übrig geblieben, und in den letzten Tagen ist mir mal wieder bewusst geworden, dass das eben keine Kleinigkeit ist, sondern ein großer Brocken, der mir Angst macht. Angst, deshalb niemals glücklich werden zu können, bzw. nicht auf Dauer glücklich sein zu können, solange das so ist.

Es geht – stark vereinfacht gesagt – um Situationen, in denen ich Menschen, die ich mag, meine Zuneigung und mein Interesse an gemeinsamer Freizeit nicht zeigen kann. Ich weiß, dass das vielen Menschen nicht leicht fällt und ich da keinen Perfektionismus von mir erwarten darf, aber das Ausmaß dieses Unvermögens hat bei mir absolut krankhafte Züge. Was ich kürzlich über das Bedürfnis zu Kuscheln schrieb, ist ein kleiner, fast schon unbedeutender Teil der Gesamtproblematik, denn es betrifft eigentlich alle meinen sozialen Interaktionen. Und es betrifft fast alle meine Kontakte: von entfernten Bekannten über Freund_innen verschiedenster Art bis hin zu sehr wichtigen Herzensmenschen und potentiellen Partner_innen. Das ist für mich keine Kleinigkeit mehr, das macht mich immer wieder fertig. Ich schaffe es zwar, in Einzelfällen um das Problem herum zu arbeiten, und es immer mal wieder für ein paar Monate oder gar Jahre zu verdrängen und mir einzureden, dass es kein Problem ist. Aber damit ist jetzt Schluss, ich kann und will das nie wieder verdrängen und als gegeben und unabänderbar hinnehmen. Ich möchte dieses (hoffentlich) letzte Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben endlich aus dem Weg räumen.

Komplexitäten

Das Ganze ist eine ziemlich vertrackte Sache, bei der es mir inzwischen sehr wichtig geworden ist, die ganzen damit zusammenhängenden Umstände endlich selbst zu erkennen und zu verstehen (was ich inzwischen wohl geschafft habe) und dann aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit auch ihr eine Chance habt, mich zu verstehen, wenn ihr denn wollt. Denn nach allem, was die letzten 13 Jahre mir gezeigt haben, werde ich Hilfe dabei brauchen, dieses Verhaltesproblem in den Griff zu bekommen. Ich glaube nur sehr eingeschränkt daran, dass eine Psychotheraphie dabei der Weg zum Ziel wäre, und möchte daher nun probieren, das Problem in freier Wildbahn anzugehen, genau dort, wo es auftritt: im Umgang mit euch.

Ich sehe es also als unumgänglich an, darüber zu schreiben, was letztlich deutlich umfangreicher sein wird als dieser kleine Blogpost. Meine aktuellen Notizen und Entwürfe dazu umfassen mehr als das zehnfache eines „gewöhnlichen“ Blogposts, und ihr wisst sicherlich, dass die in aller Regel schon ziemlich lang und anstrengend sein können. Es ist meine Pflicht, das alles noch besser zu strukturieren und verständlich zu machen, ganz rigoros zu kürzen und die einzelnen Teile für sich jeweils verständlich zu machen, damit jede_r von euch die Möglichkeit hat, auch mal nur Bruchstücke davon zu lesen. Denn ich weiß, dass ich für die allermeisten von euch nicht das Zentrum der Welt bin (und nicht sein will und kann) und dass ich von nur sehr wenigen Menschen, wenn überhaupt, eine wirklich intensive Beschäftigung damit erwarten kann.

Wie es (vermutlich) weiter gehen wird

Ich werde dafür noch einiges an Zeit und Kraft brauchen. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr, das Problem unter den Teppich zu kehren, damit es dort in ein paar Jahren wieder hervor quillt und mir Sorgen und Kummer bereitet. Es sind für mich keine einfachen Zeiten, um das anzugehen, schließlich plagen mich seit ein paar Wochen sowieso des öfteren Stimmungstiefs, die vermutlich hormonell bedingt sind. Aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Phasen auch produktiv nutzen kann, um die Dinge anzugehen, die mir Angst bereiten. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die wirklich wichtigen Probleme zu verdrängen und bei aufziehenden Tiefphasen stattdessen wegen wirklichem Kleinkram zu heulen.

Ich habe in letzter Zeit Gesprächsangebote bekommen, um über das zu sprechen, was mich bedrückt. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber bisher habe ich das Gefühl, ich bin noch gar nicht weit genug dafür. Ich mache das derzeit lieber mit mir selbst aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich dann wirklich Redebedarf habe. Ich werde das dann entsprechend ankündigen und dann auch gerne in Anspruch nehmen.

Bis dahin werde ich viel Zeit für mich selbst brauchen, aber zwischendurch auch immer wieder mal Zeit mit anderen, so wie bisher. Falls möglich, behandelt mich einfach so wie immer, und denkt euch nicht allzu viel dabei, wenn ich eine Einladung mittel- oder kurzfristig absagen muss. Das ist dann in dem Moment so, ich brauche dann eben wieder Alone-Time, und am nächsten Tag bin ich vermutlich wieder gut gelaunt und gesellschaftstauglich. Ich denke, in den Zeiten, wo ich mich aus dem Haus traue, brauche ich auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, dann geht’s mir ziemlich normal, sonst wäre ich nicht draußen.

Das mag nicht der übliche Weg sein, mit solchen Problemen umzugehen, aber ich bin mir derzeit ziemlich sicher, dass es *mein* Weg ist. Ich bitte euch, das zu akzeptieren. Ihr müsst ja nicht mitmachen, aber ich würde gerne auf nett gemeinte Hinweise verzichten, die mir sagen, ich solle doch stattdessen lieber in dieser-und-jener-Weise damit umgehen.

Ok, ich hoffe, das hat wenigstens ein bisschen mehr Fragen beantwortet als es neue aufwirft. In nächster Zeit kommen dann also ein paar Blogposts, die das Problem, seine Ursachen und meine Lösungsansätze jedes mal ein Stück weit konkretisieren.

Das musste ja kommen: Mein Coming Out als Poly

Wer mir auf Twitter folgt, hat in den letzten Wochen u.a. mitbekommen, wie die Anzahl meiner Tweets zu Polyamorie schlagartig von „0“ auf „ungewöhnlich viel“ gestiegen ist. Meine einzige Stellungnahme dazu, wie sehr mich das selbst betrifft, war bisher:

Ich habe also, eher unfreiwillig, die letzten Tage dafür genutzt, darüber intensiv nachzudenken. Bin nicht zu viel anderem gekommen. Selbst mein/unser wichtiges Projekt Aufschreistat liegt seit dem auf Eis, was mir sehr (!) Leid tut. 100% meiner Freizeit für die Selbstfindung zu verbraten kommt mir sehr egoistisch vor, aber mein Unterbewusstsein lässt da gerade nicht wirklich mit sich darüber diskutieren, was sonst gerade wichtig ist. Es tut halt, was es glaubt, tun zu müssen.

Also versuche ich jetzt mal, was aufzuschreiben. Auf dass Kopf und Herz für ein paar Tage Ruhe geben, was das Thema angeht, und mir wieder Raum für anderes lassen.

Das wird jetzt so eine Mischung aus Coming Out, Definitionsversuch, Vergangenheitsverarbeitung (nein, die Vergangenheit wurde in einen zukünftigen Blogpost ausgelagert), Zukunftsträumen und einem Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber allem, was konservative Einstellungen uns sonst zu denken und fühlen verbieten.

Und es wird der Versuch, mein Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen positiv zu interpretieren, nachdem ich Jahrzehntelang nur eigene Defizite darin gesehen habe. Fakt ist, ich schreibe seit etwa Weihnachten 2012 an einem langen, schwierigen Blogpost, in dem ich meine Unfähigkeiten im Zwischenmenschlichen miteinander thematisiere. Dieser hier könnte jenen dort überflüssig machen. Achtet mal drauf, wie oft in diesem Blogpost steht „Ich kann“ oder „Ich könnte“ steht. In dem anderen, unveröffentlichten Text steht ähnlich oft, was ich alles nicht kann. Positive Thinking FTW!

Und es wird lang. Auch das tut mir Leid, aber gerade muss ganz viel raus. Ich habe mich aber sehr bemüht, es dennoch in eine verständliche Struktur zu bringen.

Was ist Polyamorie?

Ich bin nicht geeignet, da eine exakte Definition zu geben. Fuck, ich hab bis jetzt nicht mal den gleichnamigen Wikipedia-Artikel gelesen! (Vorsicht, der ist noch länger als mein Blogpost hier.) Was soll ich also dazu sagen? Ich habe natürlich eine eigene Vorstellung davon, was das für mich bedeutet, aber die kann ich schlecht hier vorweg nehmen, die baut sich durch den Artikel hindurch nach und nach auf.

Aber ich probiere es mal so ganz grob mit einer höchst persönlichen Definition ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

Polyamorie umfasst eine Menge von Beziehungsformen, Einstellungen und Handlungsweisen, die darauf abzielen, intime Kontakte zu mehr als einer anderen Person gleichzeitig zu führen. Intimität kann sich hier sowohl sexuell, als auch in nicht-sexuellem Körperkontakt oder gänzlich ohne Körperkontakt ausdrücken, und natürlich vielfältige emotionale Verbindungen enthalten. All diese Kontakte finden im Konsens und Wissen aller beteiligten statt.

Aber prinzipiell schwebt mir gerade etwas anderes vor, als allgemeingültige Definitionen. Ich will zeigen, was das für mich selbst bedeutet.

Die Grenze zwischen Freundschaft und Partnerschaft…

…war für mich immer schon schwierig. Aber ich hatte die Vorstellung, die Grenze wäre nunmal da und müsste von mir auch akzeptiert werden.

Zunächst hat beides für mich die selbe Zielgruppe: Die Charaktereigenschaften, die jemanden für mich als gute Freund_in interessant machen, sind die selben, die ich auch von einer potentiellen Partnerin erwarte. Und aus irgendwelchen Gründen – sorry, Jungs – kann ich mir wirklich enge und erfüllende Freundschaften fast nur mit Frauen vorstellen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Partnerschaften passieren für mich also so: Ich treffe eine Frau, verstehe mich gut mit ihr, wir werden gute Freundinnen. Es folgt einige Zeit, in der wir viel Spaß miteinander haben. Und dann wird plötzlich „mehr“ daraus. Vielleicht auch nie, das ist für mich auch o.k. (Das ist übrigens der Punkt, wo ich mich schon immer von „friendzone-critical nice guys“ unterschieden habe.)

Das war schon immer ein universelles Muster meiner Beziehungs-Anbahnung, und ich denke, vom Ablauf her ändert sich auch jetzt nichts daran.

Und dann wird „mehr“ daraus?

Was aber nun ins Wanken gerät, weil es eigentlich nie auf einem festen Sockel stand: Worin besteht eigentlich dieses „mehr“?

  • Es könnte sexuelle Anziehung sein.
    • Aber die passiert im Kopf, und bei mir bleibt sie u. U. auch da. Ich kann eine Frau sehr sexy finden, aber trotzdem „ganz normal“ mit ihr umgehen, so dass sie sich niemals objektifiziert fühlen muss
    • Und ich kann eine glückliche (auch sexuelle) Beziehung zu einer Frau aufbauen, die gar keine besonders große optische Anziehung auf mich hat.
  • Es könnten sexuelle Handlungen sein.
    • Aber ich kann auch eine sehr innige Beziehung führen, die dauerhaft ohne Sexualität auskommt. Das schaffen asexuelle Personen, und ich als demisexuelle schaffe das ebenso.
    • Genauso gut könnte ich sexuelle Kontakte zu Menschen haben, zu denen ich keine Beziehung führe.
  • Es könnte Zärtlichkeit sein, wie z.B. Umarmen, Küssen, Kuscheln.
    • Aber ich finde, das können teilweise auch wichtige Elemente in einer Freundschaft sein.
    • Und ich kann eine Art Beziehung zu einer Person führen, die nichts von alledem enthält, und auf einer seelischen Ebene dennoch inniger ist als so machne sexuelle Beziehung anderer Menschen.
  • Es könnte die seelische Verbundenheit sein.
    • Aber die kann auch im Rahmen einer Freundschaft beliebig groß sein. Ich bin in der Lage, mit einer anderen Person komplett zu verschmelzen, und kann es dennoch Freundschaft nennen.
    • Ich kann auch in einer Partnerschaft sein, in der die seelische Verbundenheit (zeitweise?) relativ gering ist, aber sie dennoch aufrecht erhalten, weil sie sich für uns beide trotzdem gut anfühlt.
  • Es könnte der gemeinsame Haushalt sein.
    • Aber ich kann auch in einer WG mit Freund_innen wohnen.
    • Oder eine romantische Beziehung führen, bei der alle ihre eigenen Wohnung haben.
  • Es könnte die Exklusivität sein.
    • Aber auch in reinen Freundschaften gibt es ab und zu Eifersucht und Anspruchsdenken, und auch ich kann mich nicht davon freisprechen.
    • Und auch in einer Beziehung, gerade wenn ich die andere Person liebe, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute. Wir könnte ich von einer Person, die ich liebe, verlangen, dass sie sowohl im Geben als auch im Nehmen auf Nähe zu anderen Menschen verzichtet? Wie kann eine Person, die mich liebt, mit das nehmen wollen?

Fazit: Mein Konzept davon, was Freundschaften sind, und was Partnerschaften, ist am Boden zerschellt und in 1000 Teile zersprungen. Und das ist toll!

Denn dieses Konzept hat eh noch nie zu meinen Gefühlen gepasst. Wie meine Partnerschaften entstanden sind, und wie sie wieder geendet haben, kam mir komisch vor, und in einem offeneren Begriffsraster kann ich sowohl das, was war besser erklären, als auch mir alternative Anfänge, Mitten und Enden vorstellen, die besser gewesen wären.

Hab ich gerade „meine Partnerschaften“ geschrieben, im Plural? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gesagt, ich hatte bisher nur eine Partnerschaft gehabt. Aber es gab da eine intensive Freundschaft in meinem Leben, die für mich immer schon ein bisschen wie eine Beziehung war, und nun weiß ich: wenn ich das schon sprachlich entweder als Freundschaft oder als Beziehung/Partnerschaft einordnen muss, dann doch lieber letzteres. Zumindest ein paar intensive Wochen innerhalb dieser vielen Jahre haben diese Bezeichnung verdient und damit fühle ich mich wohler. (Auch wenn meine „erste Partnerin“ das vielleicht ganz anders sehen würde. Das sei ihr unbenommen.) (Nachtrag vom 25.2.2013: Nein, solange ich da einteilen *muss*, fühle ich mich eigentilch gar nicht mehr wohl. Das, was wir zwei damals miteinander hatten, lässt sich einfach nicht mit diesen alten Worten beschreiben.)

Wie zukünftige Beziehungen für mich aussehen könnten

Für die Zukunft gab es immer schon widerstrebende Ziele, zwischen denen ich mich scheinbar entscheiden müsste. Jetzt kommen mehr Möglichkeiten dazu, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf weniger davon verzichten zu müssen.

Ich kann jetzt, ganz plötzlich, Dinge denken, die früher undenkbar waren. Nicht nur das: Ich kann sie träumen. Sie fühlen. Die Vorstellung genießen.

Ich kann mir nun vorstellen…

  • … dass ich zwei nette Frauen kennenlerne, und wir eine absolut gleichberechtigte Dreierbeziehung aufbauen. Vielleicht „ganz klassisch“ einen gemeinsamen Haushalt führen, Kinder bekommen, eine Familie sind, und wir uns dazu entscheiden, dass diese Beziehung nach außen ziemlich geschlossen ist. Wenn das Gesetz das irgendwann erlaubt, heiraten wir drei vielleicht auch.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer einzigen Frau führe, die ein bisschen offener ist, und uns beiden emotional und sexuell mehr Freiheiten lässt.
  • … dass ich viele Freundschaften führe, von denen mehrere auch zärtliche, romantische oder sexuelle Elemente haben, ohne dass diese dadurch einen formellen Beziehungsstatus haben.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer Frau führe, und diese jemand anderes kennenlernt, der ihr_e neue Hauptpartner_in wird. Unsere Beziehung wird zu einer Freundschaft „zurück gebaut“, aber diese Freundschaft bleibt sehr innig und ich bleibe ein wichtiger Teil ihres Alltags, und wenn wir Lust haben, „alte Zeiten“ wieder kurzzeitig aufleben zu lassen, dann ist das für alle o.k.
  • … dass ich zusammen mit einer bisexuellen Frau Teil einer dauerhaften Konstellation mit einem Mann bin. Dabei würde ich wohl nur mit ihr Sexualität teilen, da Männer für mich sexuell sehr uninteressant sind. Aber es könnte zwischen ihm und mir eine enge emotionale Verbindung und gegenseitige Verantwortung bestehen, vermutlich auch Kuscheln.
  • … dass ich eine extrem intensive Beziehung zu einer Frau führe, in der es trotzdem keine Sexualtität gibt. Vielleicht wollen wir beide das nicht, vielleicht nur eine von uns. Und vielleicht lebt die andere von uns ihre Sexualität woanders aus. Vielleicht liegt das daran, dass ich und/oder sie nocht nicht damit klarkommen, wie mein Körper derzeit beschaffen ist, und ändert sich später einmal, wenn sich auch mein Körper geändert hat.
  • … dass ich eine monogame, treue Beziehung zu einer Frau führe, und mein Leben in der Zeit keine polyamoren Elemente hat, und das „besondere“ ist nur, dass wir uns ganz freiwillig und im Bewusstsein aller Alternativen genau dafür entscheiden. Nicht, weil das eben so sein muss.
  • … dass ich über Jahrzehnte Teil einer „durchgehenden“ Beziehung bin, in der alle paar Jahre mal jemand dazu kommt oder jemand ausscheidet, wie in einer WG oder einer Rockband, die ja auch ein Stück weit ihre Identität behält, selbst wenn keines der Gründungsmitglieder mehr dabei ist.
  • … dass für mich die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Beziehung noch weiter zerspringt, so dass ich (anders als bei den Vorherigen Beispielen) gar nicht mehr in der Lage bin, mein Verhältnis zu anderen Menschen mit diesen Begriffen zu umreißen. Oder es kommen viele neue, evtl. scharf abgegrenzte Kategorien hinzu.

Und es könnte, gleichzeitig, zeitlich überschneidend oder auch einfach nacheinander vieles von dem da oben eintreten, nicht nur eines.

Was aber nicht mehr sein kann:

  • … dass ich eine Beziehung führe, bei der von Seiten meiner Partnerin_nen die Erwartung besteht, dass meine Freundschaften emotional sehr oberflächlich bleiben und es keinerlei Körperkontakt gibt. Das ist eine Mindestanforderung an Freieheit, die auch für Mono-Beziehungen gelten sollte, aber das war bei mir leider nicht immer so.
  • 1000 andere legitime Formen der Beziehung, die ebenfalls unter den Begriff „Polyamorie“ fallen, aber für mich nicht interessant oder denkbar sind. Mir fehlt da gerade die Kreativtät, um mir solche Negativbeispiele auszudenken, aber es gibt da sicher einiges.

Was fehlt?

Jeder Mensch ist anders. Ich auch.

Ich kann mich daher nur sehr oberflächlich da hinein versetzen, wie mein Artikel bisher auf Leser_innen wirkt, für die Polyamorie ein eher entferntes Konzept ist. Überraschung? Überforderung? Erkenntnis? Sorge? Ekel? Das Gefühl moralischer Überlegenheit? Ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick fehlt vielleicht vieles, was eine „normale“ Zweier-Beziehung so schön macht. Nähe. Verantwortung. Dauerhaftigkeit. Romantik. Aufopferung. Sicherheit. Liebe. Magie. Ich genieße all diese Dinge, möchte das meiste davon nicht missen. Ich liebe und lebe diese „klassischen Werte“. Meine letzte Partnerin und ich hatten das alles damals sehr zelebriert. Für die meisten waren wir „Das Traumpaar“ oder „Der Beweis, dass die wahre Liebe doch noch existiert“. Kritischere Menschen hätte – wenn ich damals welche gekannt hätte – das als „übelstes Rumheten“ bezeichnet, immerhin waren wir damals noch als Mann und Frau identifiziert. („Rumheten“ kenne ich übrigens aus diesem Blogpost von Khaos.kind, wo ich mich im November 2012 in den Kommentaren auch erstmals zu Poly-Konzepten äußerte) Es ist nicht so, als wenn ich all das bewährte nun wegwerfe und eine Liebe abseits dessen suche. Ich rücke es nur in einen neuen, erweiterten Kontext.

Von den meisten Beispielen, die ich oben kurz angerissen habe, lassen sich „defizitäre“ Ausprägungen bilden. Das heißt, mensch kann sich jeweils vorstellen, dass sowas komplett daneben gehen kann, oder dass es für mindestens eine der Beteiligten sehr unzufriedenstellend verläuft. Aber das gleiche gilt für monogame Beziehungen, auch die verlaufen oft suboptimal oder sogar schädlich. Polyamorie ist sicher nicht das Allheilmittel, aber auch keine per se problematische Sache. Es bieten sich einfach viel mehr Gestaltungsfreiheiten, die sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen lassen.

Auch ist es bei vielen der Beispielen leicht möglich, sich eine egoistische Variante vorzustellen, bei der zwar für mich alles toll läuft, besser als in einer Mono-Beziehung, aber die anderen Partner_innen darunter leiden. Aber nichts läge mir ferner. Ich denke, ich bin sogar recht weit bereit, andersherum meine eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es meinen Herzensmenschen dadurch gut geht. (Allerdings auch nur, solange das freiwillig geschieht, ich stehe gar nicht drauf, unterdrückt zu werden.)

Ich gehe derzeit davon aus, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, mehrere Menschen gleichzeitig von ganzem Herzen zu lieben. Eine Zeit lang dachte ich, damit fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für Polyamorie jeder Art, so dass mich das ganze Konzept nicht sonderlich angesprochen hat. Jetzt weiß ich, dass nicht alle polyamoren Beziehungsformen diese Grundvoraussetzung haben. Durch diese eine Unfähigkeit fallen manche (aber längst nicht alle) der Zukunftsvisionen von oben für mich weg, z.B. die oberste. Das heißt, ich kann mir das als angenehme Vision vorstellen, aber fürchte, das diese Variante in der Praxis nicht für mich funktionieren würde.

Wenn ich in einer Beziehung bin, brauche ich eher viel Zuneigung, nicht alle oben aufgelisteten Alternativen können das bieten. Daher sind nicht alle auf Dauer für mich geeignet, aber zwischendurch für ein paar Monate oder Jahre vielleicht eine schöne Sache und besser, als komplett allein zu sein. Oder parallel zu anderen Konstellationen, die mir die nötige Zuneigung bieten. Aber ich brauche eben nicht alle Zuneigung, vermutlich nicht mal das allergrößte Stück. Ich kann teilen.

Ich suche nach Wegen, bei denen prinzipiell nichts fehlt, sondern mehr drin ist.

Normale Freundschaften

Ich habe oben mehrfach betont, dass auch relativ „gewöhnliche“ Partnerschaften Teil meines weiteren Lebensentwurfs sein können, da mir das erwähnenswert erschien. Im Bereich der Freundschaften ist das für mich so selbstverständlich, dass ich es fast vergaß, auszuschreiben:

Ich respektiere natürlich nach wie vor, dass für viele andere Menschen eine ganz klare Trennung zwischen Freundschaft und Partnerschaft besteht. Wer mit mir befreundet ist, braucht sich keine Sorgen machen. Persönliche Freiheitsräume, Konsens, Respektieren von Grenzen… all das ist mir wichtiger als je zuvor. Für alle, die nicht plötzlich das dringende Bedürfnis entwickelt haben, mit mir zu kuscheln, ändert sich nichts 🙂

Ansonsten hoffe ich durchaus, dass auch meine Freundschaften sich in gewissen Weisen positiv verändern. Das hängt für mich ganz persönlich auch mit dieser ganzen Poly-Sache zusammen, aber jener Zusammenhang wird aus diesem Blogpost nicht ersichtlich, wie ich das meine. Das konkretisiere ich ein andern mal.

Warum so plakativ?

Warum schreibe ich das alles? Posaune es im Netz heraus? Mache mich damit ggf. angreifbar?

Wie gesagt, ganz zu Beginn war das für mich schwer, mich dazu zu positionieren. Aber eigentlich habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit Coming Outs. Das erste, als Transsexuelle, war noch schwierig. Das zweite, als Lesbe, ging gleich damit einher und nichts hätte einfacher sein können als das.

Beides hat mir gezeigt: es tut gut, sich nicht mehr zu verstecken. Es macht keinen Sinn, etwas anderes darzustellen, als eins ist. Durch die Positionierung verliert eins ggf. einige Menschen, die nicht damit klar kommen, aber gewinnt sehr viele neu dazu, die genauso fühlen. Oder die vielleicht ganz anders fühlen, aber Diversity für sich als etwas positives entdeckt haben und einen vielfältigen Freundeskreis schätzen.

Meine Poly-Einstellung ist vermutlich genauso grundlegend für meine Identität wie meine Geschlechtsidentität als Frau oder meine sexuelle Orientierung als Lesbe. Vielleicht noch wichtiger. Jetzt, wo mir das alles bewusst ist, käme es mir unehrlich vor, es zu verschweigen.

Ich schäme mich kein bisschen, weil ich glaube, dass niemand sich dafür schämen muss. Ich halte meine Einstellung für nicht mehr oder weniger ethisch als die allgemein übliche monogame Einstellung. Nur eben etwas anders, und wohl auch etwas anspruchsvoller. Nichts, dass ich jedem uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen würde, wohl aber zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Sicher wird es Menschen geben, die mich dafür kritisieren. Aufgrund meiner abstrakten Erklärung hier halte ich das für unangebracht – ich werde in meinem restlichen Leben noch genug Fehler in solchen Poly-Beziehungen machen, um dann konkrete Kritik anzunehmen.

Ich werde wohl keine große „Ich bin auch Poly“-Outing-Welle nach mir ziehen. Aber wenn ich mit meinem offenen Umgang ein Stück weit Vorbildfunktion für irgendwen habe, ist das toll.

Vielleicht ist das auch alles leicht übertrieben, und nachdem das in meinem Kopf alles etwas runter gekühlt ist, könnte es sein, dass das Thema wieder uninteressanter für mich wird und mein Leben überwiegend monogam verläuft. Wer weiß. Solange ich in einer Welt lebe, in der die große Mehrheit der Menschen monogam geprägt sind, ist das wohl sogar das wahrscheinlichste. Aber selbst dann wird es eine positive Auswirkung darauf haben, wie ich diese Partnerschaften mitgestalte.

Und jetzt für den Moment fühlt es sich großartig an, frei darüber zu denken, zu träumen, zu planen, zu hoffen, zu schreiben und zu sprechen. Der Gedanke an all die Möglichkeiten, zu lieben, macht mich total high. Ich teile das gerne und würde platzen, wenn ich das alles weiter für mich behalten müsste! Freut euch gefälligst alle ein bisschen für mich mit! 🙂

PS:

Der Blogpost ist lang geworden. Alle, die bis hier durchgehalten haben, habe ich besonders lieb! Aber natürlich auch die, denen es zu lang war.

Und dabei ist es nur die Hälfte von dem, was ich sagen wollte. Es gibt eine andere Hälfte, in der es um mein bisheriges Leben geht, und wie mich die Verweigerung von Poly-Gedanken darin behindert hat. Das folgt demnächst als einzelner Blogpost, da dieser ja doch ganz gut allein für sich stehen kann.

Ich hab das Rezept!!! Die Hormontheraphie geht los!!!

Ja, die Überschrift sagt ja eigentlich schon alles. Nach den letzten beiden Blogposts stellt sich natürlich die Frage, wie das jetzt möglich war, immerhin sah ja alles eher düster aus. Bis vor wenigen Minuten habe ich mit nichts gutem gerechnet, hatte Schätzungen angestellt, nach denen es evtl. noch 1,5 weitere Jahre dauern könnte…

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen – genau das hatte ich nämlich in den letzte Tagen selbst mehr als genug – mal ganz unchronologisch zuerst, wie das Gespräch lief, und danach erst, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte, und ein bisschen Analyse dazu, was ich daraus nun lerne, und was nicht. Und ganz zum Schluss dann noch der Grund, warum ich so einen langen Blogpost schreibe, bevor ich irgendwem mal kurz Bescheid gebe, das alles gut ist…

Also: Ich kam ins Sprechzimmer rein, und als ich freundlich gefragt wurde, wie es mir geht, habe ich ganz offen und direkt gesagt, dass die Anspannung und Nervosität mich gerade sehr fertig macht, da ich gerade nichts gutes erwarte. Meine Ärztin war sichtlich verwundert. Ich fasste kurz zusammen, dass ich ja vor zwei Monaten mit einem Indikationsschreiben da war, welches sie jedoch nicht akzepziert hat, und mich bat, heute mit den „richtigen“ Indikationsschreiben wieder zu kommen, das von meinem dauerhaft begleitenden Psych* ausgestellt ist. Und da ich dieses Schreiben nicht dabei habe, und auch später nicht haben werde, weiß ich nun nicht, wie es weitergehen soll.

Sie wollte natürlich schon gerne wissen, warum das so ist, so dass ich ihr erkläre, dass ich die Theraphie damals schon „pausiert“ und inzwischen komplett abgebrochen habe, da ich mit dem Psych* nicht gut klarkam, und ich mit ihm nicht gut über die Thematik allgemein sprechen konnte, und erst recht über das Unwohlsein mit der Theraphie selbst. Dafür hatte sie volles Verständnis, obwohl sie viele andere trans* Menschen kennt, die mit ihm sehr zufrieden sind. Ich stimmte ihr zu, dass auch ich viele kenne die sehr gerne bei ihm sind, und ja auch gerade aus dem Grund ihn gewählt hatte, aber das in meinem Fall offenbar nichts brachte.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie das vorhandene Indikationsschreiben des anderen Psych* beim letzten mal abgelehnt hat oder was da überhaupt drin stand. Das wunderte mich nicht, schließlich hatte sie es ja nichtmal gelesen oder kopiert. Als ich ihr das entgegnete, konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie beim letzten Mal so gehandelt hatte. Ob ich es denn heute nochmal bei mir hätte? Aber klar doch, und so machte sie sich dann auch Augenblicklich ans Lesen.

„Na bitte, da steht doch alles drin, was ich brauche. Da habe ich doch gar keinen Grund, irgendwie auf ein schreiben des anderen Psychologen fixiert zu sein.“ Das sind natürlich diese Momente, wo ich mir denke „Warum denn nicht gleich so?!“, aber Zeit verloren hatte ich ja dadurch nicht. Denn die letzten Laborergebnisse waren ja heute erst zur Besprechung verfügbar, eher hätte es also eh nicht losgehen können – außer natürlich, wenn ich mich schon vor mehr als einem halben Jahr um einen Termin bei der Endokrinologie gekümmert hätte, und ihr dürft dreimal raten – ach Quatsch, einmal muss reichen – wer mir das nicht angeraten hat.

Die Laborergebnisse waren unspektakulär, so dass keinerlei Einschränkungen bei den möglichen Präparaten bestehen und keine ungewöhnlichen Risiken, über die ich nicht schon zuvor aufgeklärt war. So sprachen wir dann noch über Dosierungen, Vor- und Nachteile verschiedener Darreichungsformen, Nebenwirkungen und den weiteren Verlauf. Schwuppdiwupp, Rezept in der Hand.

Und nun? Geht’s mir natürlich gut, unglaublich gut. Ich hatte mich vorher so auf negative Dinge eingestellt, dass ich immer noch nicht so ganz realisiert habe, wie gut doch jetzt alles ist. Das kommt vermutlich in den nächsten Stunden noch. Aber gerade zu der Miesen Stimmung der letzten Tage, die auch vor einigen Stunden noch bestand, ist das schon jetzt ein irrer Kontrast.

Ich war gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Ich hätte viel „wichtigeres“ zu tun gehabt, sowohl beruflich als auch ehrenamtlich, aber sowohl ich als auch eine meiner Freundinnen brauchten gestern dringend Ablenkung. Danach war ich noch bis um 3 Uhr nachts im Stratum 0, unserem lokalen Hackspace, um mich abzulenken.

Ich habe heute nach dann nur 1,5 Stunden geschlafen, beim Erwachen hab ich Verwirrtheitszustände durchlebt, die sich in keiner mir bekanntne Sprache oder Notation wiedergeben lassen. Ein oder zwei Snooze-Durchgänge später war ich dann plötzlich in der Realität angekommen. Habe beim Anziehen noch wilde Pläne geschmiedet, was ich noch alles an Dokumenten auf einen USB-Stick ziehe um sie dann in der Stadt, in der die Arztpraxis ist, im Copyshop auszudrucken und der Ärztin vorzulegen. Völlig unnötige Überlegungen ohne irgendeinen Sinn. Habe dann noch so lange getrödelt, bis ich den RE verpasst habe und auf einen IC umsteigen musste. Habe mich auf der Radfahrt zum Bahnhof ausnahmesweise mal nicht über die blöden Autofahrer und Ampeln und schlecht gebauten Radwege und merkbefreite Fußgänger geärgert, weil die anders als sonst heute mal egal waren.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Wollte eigentlich nochmal verschiedene Szenarien durchgehen, innere Monologe zur Aussprache bereitlegen. Ging nicht. Habe zwar die ganze Zeit an das bevorstehende Arztgespräch gedacht, aber nicht an den Verlauf oder daran, was herauskommt. Sondern nur daran, wie ich mit dem umgehen soll, was wohl herauskommen wird.

Im Wartezimmer war ich äußerlich ruhig. Kein Zittern, kein Herzklopfen, wirkte wohl fast so, als würde ich gleich einschlafen. Innen drin hat mich die Angst zerfressen, ich habe ernsthaft befürchtet, auf diesem Wartestuhl bewusstlos zu werden noch bevor ich aufgerufen werde, oder auch in genau dem Moment. Und wenn ich es doch bis ins Sprechzimmer schaffe, war immernoch fraglich ob ich es schaffen würde, ein Wort heraus zu bekommen, oder ob ich die Ärztin unfreiwillig anschweigen würde.

Na gut, dann kam halt doch alles besser. Aber das wusste ich ja vorher nicht, und auch im Nachinein finde ich meine Befürchtungen angemessen. Ist ja nicht so, dass ich vor jedem Termin oder Gespräch so wäre. Das letzte Mal, dass ich vor einem „Gespräch“ solche Angst hatte war in der 12. oder 13. Klasse. Damals stand ich unter dem Verdacht, Geld aus der Jahrgangskasse veruntreut zu haben, und obwohl es nur um ca. 2% des Kassenstandes ging herrschte generelle Weltuntergangsstimmung, mehrere meiner Schulkolleg_innen hatten sogar deswegen geweint. Einer meiner Freunde, der bei der (in Wirklichkeit legitimierten) „Veruntreuungs“-Aktion geholfen hatte, wurde deswegen sogar von mehreren Schülern auf dem Hof mit Steinen beworfen. Von den 87 Schüler_innen haben etwa 82 eine ganze Woche nicht mehr mit uns gesprochen, bis ich mir anmaßte, eine Stufenvollversammlung einzuberufen, mich ans Specherpult zustellen und vor der gesammten Menge den Fall aufzuklären. Das war damals alles nicht leicht für mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich selbst da deutlich weniger nervös war. (An die Sache musste ich übrigens auch öfter bei den kürzlichen Shitstorms in der Piratenpartei denken, aber ich komme zu sehr vom Thema ab…)

Auf die Unsicherheit und Verzweiflung der letzten Tage hätte ich gut und gerne verzichten können. Klar, die Wut und das Schreiben und Nachdenken haben mir in gewisser Weise geholfen, und zwar dazu, dass ich heute zwar ängstlich und nervös in die Praxis ging, aber für viele mögliche Gesprächsverläufe in etwa gewusst hätte, was ich dazu zu sagen habe. Und es hat mir geholfen, viel Wut umzuverteilen, mehr auf die Psych* und das System im ganzen, und weniger auf die Endokrinologin, so dass ich ihr eine zweite Chance geben konnte. In den letzten Tagen viel rumgebrüllt zu haben(wenn auch überwiegend lautlos, da schriftlich) half, heute in freundlichem Ton zu sprechen. Angesichtsdessen, wie das Gespräch verlaufen ist, wäre es wohl sehr unpassend (wenn auch vielleicht verständlich) gewesen, wenn ich da laut brüllend ins Sprechzimmer gestürmt wäre.

Aber langfristig? Während ich nach der Aktion damals in der Schule deutlich gestärkt aus der Sacher herausgeangen bin, und seit dem viel selbstsicherer vor größeren Mengen meine Position vertreten kann, konnte ich den Höhen und Tiefen meiner medizinischen Trans*geschichte noch kaum einen positiven Aspekt abgewinnen. Klar, ich bin jetzt besser darin „geschult“ meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu definieren und zu erkennen, ob medizinisches Personal dazu gewillt ist, mir dabei zu helfen oder mich zu bremsen. Aber für die Praxis habe ich nichts gelernt, nicht, wie man sowas verhindert, nicht, wie ich meine Rechte einfordern kann. Denn diese Situationen haben ein Machtgefälle, das ich nicht durch eigene Kraft oder Vorbereitung brechen kann. Eine einzelne Frau, die ruhig und freundlich hinter ihrem Schreibtisch sitzt und mir helfen möchte hat mehr Einschüchterungspotential als ein aufgebrachter Mob der evtl. nicht davor zurückschrecken würde, mich zu steinigen.

Auch in Sachen Optimismus / Pessismus kann ich keine Lehre daraus ziehen. Der Termin vor zwei Monaten begann mit großer Hoffnung und endete sehr enttäuschend, hat mich bis heute hin noch stark belastet. Und der Besuch heute war vorweg nur von Verzweiflung und negativen Erwartungen geprägt, und lief durchweg super. Als „Lehre“ zeigt mir das nur, wie unvorhersehbar und unkontrollierbar das Leben ist, eigentlich keine erfreuliche Erkenntnis.

Aber das Ergebnis als solches ist sehr erfreulich. Ich hoffe, ich bekomme das in den nächsten Tagen noch so im Kopf sortiert, dass ich mich auch so richtig drüber freuen kann. Noch hab ich das Gefühl, gleich klingelt der Wecker und ich habe den realen Arztbesuch noch direkt vor mir.

Denn noch etwas, das sehr traumhaft lief: ich kam gerade wieder in Braunschweig an und fuhr direkt zu einer Apotheke um das Rezept einzulösen. Mir war natürlich klar, dass diese Medikamente nicht vorrätig sind und bestellt werden müssen, sowie dass es in den letzten Wochen große Lieferengpässe gab. Nicht klar war mir, dass die Apotheke schon seit 6 Minuten Mittagspause hatte. Da ich aber noch hinein kam und sehr freundlich bedient wurde, kann ich die Tabletten heute abend um 18:15 schon abholen. Wow, wer hätte das gedacht?! Ja, das muss ein Traum sein…

Der einzige Wehrmutstropfen, mit dem ich mich schon abgefunden hatte: ich hatte offenbar unterwegs mein Smartphone verloren, konnte daher niemandem per Telefon oder Mail oder Twitter bescheid geben, sondern „nur“ auf dem Laptop diesen Blogpost vorforumulieren (außer natürlich diese letzten paar Absätze hier). Mit dem Verlust hätte ich an einem Tag wie heute gut umgehen können, aber siehe da: ich hatte ein Loch in der Handtasche, durch welches das Handy doch nur zwischen Innnen- und Außenfutter gerutscht war. (Heißt bestimmt anders, aber ihr wisst was ich meine.)

Letztlich wird eben doch noch alles gut!

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen „genau so“. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu „verbieten“ würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien „Transsexuell“ (TS) und „Intersexuell“ (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen „TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden“, „TS und IS haben nichts miteinander zu tun“ oder „IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS“. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und „ca. 2000“ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher „Abweichungen“. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt „das Geschlecht“ braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach „durchs Raster“ gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur „männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“ sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe „männliche Zuordnung“ mit „männlicher Identität“ gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem „anderen“ Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine „andere“ Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit „?“ gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände („männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage „Wann?“ erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt „zur Frau umoperiert“ wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als „intersexuelle Frau“ zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja „ihr Bestes“ getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als „Frau“ bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als „Lesbe“ und/oder „Mannsweib“ bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als „intersexuellen Mann“ bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern „eine Frau die zum Mann werden will“, oder diplomatischer ausgedrückt ein „Trans-Mann“. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für „Mann-zu-Mann-Transsexuelle“ würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem „Cis-Mann“ sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau „umoperiert“ wurde, und somit eine „Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch“ ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als „Transident“ oder „Transgender“ bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem „Mann mit Scheide“ sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie „andere“ und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als „Mann“ bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar „im Raster“ läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue „Ausnahmeregelungen“ zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der „Fachleute“, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in „männlich, weiblich, andere“ einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung „Gesichtsgeschlecht“ hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, „Identitätsgeschlecht“ oder „Psychisches Geschlecht“ wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über „Geschlechtliche Abweichungen“ spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?

Warten auf die Hormone

Ich möchte meinen heutigen Post mit einem Gedicht beginnen. Es reimt sich nicht, und es hat wohl auch kein Metrum. Ich habe es geschrieben, kurz nachdem ich in der Schule gelernt habe, dass ein Gedicht sich gar nicht immer reimen muss, da war ich wohl etwa 14 Jahre jung. Somit konnte ich zum ersten mal meine Gefühle (die sich nun mal meist nicht reimen) in ein Gedicht fassen. Natürlich finde ich das Blatt mit dem Text jetzt nicht und muss versuchen, es aus dem Kopf aufzuschreiben:

Mein ganzes Leben ist:
Warten.

Ich warte passiv darauf, aktiv zu werden.
Und warte still darauf, dass jemand mit mir spricht.

[füge hier noch 4 oder 6 Zeilen wie die beiden vorherigen ein]

Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten glücklichen Augenblick.
Und erwarte ängstlich sein schnelles Ende.

Mein ganzes Leben lang warte ich darauf,
dass das Warten endlich ein Ende hat.

Gescheiterte Zeitplanung

Damit mein Leben als Frau eine glückliche Zukunft hat, benötige ich medizinische Maßnahmen, allen voran eine Hormontherapie. Ich habe das getan, was man im allgemeinen so tut, um diese Hormontherapie zu bekommen. Zu Beginn meiner Transition hatte ich mir einen ungefähren Zeitplan ausgemalt, laut dem ich jetzt schon längst in dieser Therapie wäre. Dass sich das etwas verzögern würde, war mir zwischendurch schon klar geworden. Schon vor einem Monat erfuhr ich, dass ich wohl noch ein ganzes Jahr auf den Beginn warten soll. Das war schon keine gute Nachricht, aber ich habe dieser Aussage damals keine absolute Bedeutung beigemessen – es würde ja sicher noch Wege geben, das zu beschleunigen.

Heute habe ich mir dann erklären lassen, dass es sich nicht beschleunigen lässt. Ernüchterung macht sich breit. Insbesondere, da dies eine Mindestspanne ist. Es können noch Dinge passieren, die den Beginn beliebig nach hinten verschieben. Das macht mir jetzt erst mal schlechte Laune, aber dass ich jetzt sofort keine Hormone bekommen würde, war ja klar. Für den Moment ändert sich also gar nicht so viel.

Krise im Anflug

Aber ich zweifele daran, ob ich die nötige Kraft und Ausdauer habe, dieses Jahr abzuwarten, bzw. diese undefinierbare Zeitspanne über die man nicht viel weiß, außer dass sie eben mindestens ein Jahr dauern wird. Ich bin schlichtweg nicht in der Lage, meine Fähigkeit dazu einzuschätzen. Nun fürchte ich mich davor, dass mir eine größere Krise bevorstehen könnte. Die bisher größten Krisen meines Lebens kamen stets recht unerwartet, also bin ich mir noch unsicher, was ich jetzt mit dieser Vorwarnung anfangen soll. Ich könnte abwarten, was passiert. Ich könnte mich vielleicht währenddessen irgendwie für die Überwindung der Krise stärken. Das sind die beiden Dinge, die man mir in meiner Lage wohl raten würde.

Das natürlichste beim Aufziehen einer Krise sollte aber doch sein, sie von vorne herein verhindern zu wollen. Das sollte wohl die primäre Strategie aller vernunftbegabgten Wesen sein und schlägt sich im geflügelten Wort wieder: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wenn meine Krise darin besteht, keine Hormone zu bekommen, dann würde die Verhinderung eben bedeuten, sie doch schon zu bekommen. Im Fall von Transsexualutät wird diese Option aber eben nicht als vernünftig angesehen. Es ist absolut nicht „chic“ oder „in“ etwas an den Dingen zu ändern, die einen als Transsexuelle belasten.

Andere schaffen es ja auch – oder eben nicht

Es haben schon andere vor mir diese Wartezeiten überstanden. Zehntausende haben das geschafft. Viele von ihnen hatten längere Zeiten, vielfach längere sogar, zu überstehen. Sie waren stark. Sie haben mit Kraft und Geduld und Ausdauer die Lage gemeistert. Wäre es nicht stark von mir, das gleiche zu tun? Spräche das nicht von wahrer Gelassenheit und innerer Größe?

Man darf aber auch nicht vergessen wie viele sich in diesen Zeiten gequält haben, in Depressionen versunken sind, psychische Folgeschäden davon getragen haben, sich den Lebensmut nehmen ließen und sich kurz vor dem Ziel getötet haben. Mich der Wartezeit zu stellen heißt gleichzeitig auch, mich dem Risiko auszusetzen, dass es auch mit mir so endet. Ich würde gerne von mir behaupten, ich stünde darüber, ich bin stärker, ich lasse mich nicht unterkriegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft das alles sogar zu. Aber will ich das wirklich in der Praxis erproben? Die Alternativen sind auch nicht nur glücklich leben oder sterben. Beides sind unwahrscheinliche Extreme, der Erwartungsfall ist doch eher, mich durch das nächste Jahr hindurch zu quälen. Kann man sich denn gesunden Geistes für etwas entscheiden, das einem erwartungsmäßig Leid bereiten wird?

Ein Vierzigstel Suizid

Glücklich leben, leiden, sich das Leben nehmen. Das sind nicht nur drei Alternativen, zwischen denen man irgendwie abwägen kann, man kann sie in einen direkten logisch-mathematischen Zusammenhang bringen: Wenn die Menge an Leid, die einen noch erwartet, größer ist als die Menge an Glück, dann ist Suizid die richtige Lösung, und ansonsten ist es die falsche. Das ist, zugegebenermaßen, nur eine Meinung bzw. Einstellung, man kann das nicht beweisen oder widerlegen. Von mir kommen daher auch solche Aussagen wir „Ich würde 10 Jahre Leid auf mich nehmen, wenn ich wüsste, dass mir danach noch mindestens 11 Jahre Glück bevorstehen!“ Sowas ist immer schnell gesagt, aber bisher stand mir so eine Zukunft nie direkt bevor. Die Zahlen sprechen hier in sehr beruhigender Weise: 1 bis 2 Jahre, im schlimmsten Fall vielleicht auch 3, die ich warten muss, und dann stehen mir etwa 40 erfüllte Jahre bevor. Da gehe ich doch in jedem Fall mit einem Plus raus.

Wenn es mir mal richtig dreckig ging, dann konnte ich mir damit immer vor Augen führen, wie weit ich noch vom Suizid entfernt bin: „Es müsste noch etwas 40 mal schlimmer kommen, dann kann sollte ich mir mal nähere Gedanken dazu machen.“ So war das immer, und auch jetzt bzw. in den nächsten 1 bis 3 Jahren rechne ich nicht damit, dass es so schlimm wird, dass ich überhaupt an Suizid denken bräuchte. Wäre die Wahl also nur eine zwischen Warten und Suizid – ich würde mir Freude warten. Ich könnte mich damit abfinden.

Alternativen zur Alternativlosigkeit

Nur bin ich schon immer eine gewesen, die hinter die Kulissen schaut. Wenn man mich gefragt hat ob A oder B, wollte ich schon immer erst einen Blick auf C, D und E werfen. Wie zuvor gesagt: Dass andere die Zeit überstanden haben, und das ich sie vermutlich auch überstehen kann, heißt ja nicht dass ich mir das nun auferlegen sollte.

Transsexualität erfordert eine gewisse Rebellion gegen das übliche. Es ist natürlich keine Wahl, transsexuell zu sein. Aber es ist sehr wohl teilweise eine Wahl, wie man damit umgeht. Ich wusste im Prinzip mit 11 dass ich eine Frau bin, andere erkennen ihre Transsexualität noch deutlich eher, aber es gibt Kräfte die einen davon abhalten, sich sofort zu Outen. Manchmal sind diese Kräfte 40 Jahre oder länger stärker als der eigene Drang, man selbst zu sein. Aber je weniger man darauf bedacht ist, was andere denken, was üblich ist, was die Gesellschaft von einem erwartet, desto eher kann man zu seinen Gefühlen und seiner Identität stehen. Die Transition ist eine persönliche Notwendigkeit und nur in zweiter Linie ein politisches Statement – aber insofern ist sie ein kraftvoller Schlag ins Gesicht der konservativen Rollenbilder, Geschlechterstereorypen und Erwartungshaltungen. Das kann andere abstoßen, es kann einen selbst verletzen, aber immer zeigt es: Mein Wohl, meine Chance auf ein erfülltes Leben ist mir wichtiger als die Konventionen unserer Gesellschaft.

Wie passt es denn da, sich beim Bruch dieser Konventionen an Konventionen zu halten? Die Behandlungsrichtlinen und Rahmenvorgaben der Krankenkasse zu erfüllen, ist letztlich eine Konvention. Nicht jede Konvention ist schlecht, und ich möchte niemanden dazu drängen, Konventionen zum Selbstzweck zu brechen, unabhängig davon wie (un-)konventionell der Lebensweg ansonsten schon war. Und ich weiß, dass diese Konvention ausreichend stark in Gesetze, Regelungen und durchsetzungsfähige Institutionen gegossen ist, um es vielen unmöglich zu machen, sich dagegen zu stellen. Und, und, und… aber all das macht diese Konventionen nicht zu Naturgesetzen oder Gottes Geboten.

Wenn ich nicht jede Alternative, um mein Warten – und damit mein Leiden – zu verkürzen ins Auge fassen würde, hätte ich dann noch irgendein Recht, mich zu hinterher zu beklagen? Will ich wirklich passiv darauf warten, dass jemand für mich aktiv wird? Dass jemand mir erlaubt, nun auch körperlich ich zu sein?

Es gibt Alternativen, viele sogar. Sie haben alle ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Aber allen außer dem Standardweg nach Krankenkassenschema ist eines gemeinsam: Ich muss nicht warten. Ich muss nur aktiv werden. Das macht diese Alternativen verdammt interessant.

 

PS: Ich fände es auch verdammt interessant, den Text hier enden zu lassen. Ist ein schöner Schluss-Satz und ein guter Cliff-Hanger. Wenn ich mal einen Roman schreiben sollte, mache ich das so, aber damit niemand sich Sorgen machen muss: Ich plane keinen Suizid, plane auch sonst nichts unglaublich dummes, und werde über die konkreten Alternativen noch nachdenken und mindestens einen Blogpost schreiben, sowie mit mehreren Menschen darüber sprechen, bevor ich irgendwas unerwartetes tu. Versprochen!

Aber im Moment musste ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben und mich dazu motivieren, Alternativen zu suchen und zu bewerten. Mission completed. Diese Alternativen jetzt noch blogreif aus zu formulieren wird noch einige Stunden dauern, die derzeit fürs Schlafen eingeplant sind, und eine Entscheidung liegt noch Tage oder Wochen von mir entfernt.

Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

Eigentlich weiß doch jedes Kind, was eine Ehe ist. Mir ging das vielleicht ähnlich, auch wenn Ehe eigentlich nie ein Thema für mich war. Meine Eltern waren stets unverheiratet, meine Großeltern geschieden, und in meiner Generation ist es ja fast schon selbstverständlich, die Ehe abzulehnen.

Aber seit etwa einem dreiviertel Jahr versuche ich, die Ehe zu verstehen. Ich mache ich mir seitdem intensive Gedanken, nicht nur über die Ehe im engsten Sinn, sondern auch über  Familie und Elternschaft. Damit meine ich nicht nur die üblichen Gedanken, die viele zwischen 20 und 30 bekommen: „Wann finde ich den Partner für’s Leben? Werden wir heiraten? Werden wir Kinder bekommen und wenn ja, wie viele?“ Ich gehe an das Thema eher im großen Stil und in abstrakter Weise heran.

Ich möchte hiermit einen Überblick über meine Gedanken und deren Entwicklung geben, und darüber, was meine daraus geschlussfolgerte Meinung ist. Spätere Blogeinträge werden Teilaspekte davon im Detail beleuchten.

Warum gerade jetzt?

Ich weiß nicht genau, was der konkrete Auslöser war, denn es gab viele Faktoren, die etwa gleichzeitig einsetzten (oder mir zu dem Zeitpunkt bekannt und bewusst wurden):

  • Meine erste Partnerin hat unsere langjährige Beziehung beendet und somit meine (unsere?) familiären Zukunftspläne durcheinander gebracht.
  • Zwei meiner Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten. Offenbar lieben sie sich, so wird das wohl auch der Grund für die Heirat sein.
  • Zwei andere Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten, obwohl sie sich nicht lieben – zumindest nicht in dem Sinn, der sonst für eine Ehe üblich wäre. Vielmehr wollen sie damit die Absurdität der Ehe in Zeiten wie diesen aufzeigen.
  • Ich habe mich zu meiner Transsexualität und meiner lesbischen Orientierung bekannt und somit auch nach außen hin meine Aussichten auf Ehe und „eigene“ Kinder (also genetische Nachfahren) deutlich verändert.
  • Dadurch setze ich mich auch endlich intensiver mit der Akzeptanz Homosexueller auseinander. (Ja, traurig dass ich damit erst anfange wo es mich selbst offensichtlich betrifft…)
  • Dabei erfahre ich: Mehr und mehr Länder haben die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, was vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.
  • Obwohl die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ in Deutschland ja angeblich fast identisch mit der Ehe ist, werden mir die riesigen Unterschiede im Adoptions- und Zeugungsrecht bewusst, und die teils absurden Begründungen dafür.
  • Die christliche (katholische) Kirche hat die allgegenwärtigen Veränderungen erkannt und sich im steigenden Ausmaß für die Ehe und gegen andere Familienformen ausgesprochen.
  • Ich setzte mich erstmals mit feministischen Theorien und Positionen auseinander und hinterfragte geschlechtliche Rollenmuster mehr als zu vor – was natürlich auch die Rollen in Ehen und Familien betraf.
  • Erneute Unterhaltungen mit meinem Vater über die (Un-)Gerechtigkeit von Sorgerechts- und Unterhaltsverteilungen zwischen Vater, Mutter und Kindern stimmten mich nachdenklich.

Ganz klar also, dass nicht ein einzelner dieser Faktoren mein Interesse genährt hat, sonder die Kombination all dieser.

Wenn nötig, lese ich sogar die Bibel

Normalerweise verstehe ich Zusammenhänge schnell, auch wenn sie neu für mich sind. Ich habe mich auch schon zu sehr daran gewöhnt, das Lesen des betreffenden Wikipedia-Artikels als Garant für das Verstehen des Zusammenhangs zu sehen. Die Ehe ist nun wirklich kein neuartiges Konzept, aber sie zu verstehen war gar nicht leicht für mich. Man kann sie nicht für sich allein betrachtet erfassen. Sie ist eng mit Familie, Elternschaft, Geschlechterrollen, Ansehen, sozialer Absicherung und so ziemlich jedem anderen gesellschaftlichen Thema verbunden. Heutzutage gibt es auch diverse Ausprägungen dieser Phänomene, die ohne Ehe funktionieren, aber meist nur so wirken wie eine geduldete Ausnahme zum Regelfall „Ehe“. Um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, komme ich wohl nicht umhin, die Ehe zu verstehen. Und umgekehrt gilt dies mindestens genau so sehr.

Dass ich zu einem so komplexen Thema, das so zentrale Wichtigkeit hat, kaum vernünftige Einstiegsliteratur gefunden habe, kann wohl nur daran liegen, dass es als bekannt voraus gesetzt wird. In meinem Wissensdurst habe ich sogar begonnen, in den aktuellen Veröffentlichungen der Kirche(n) und in der Bibel selbst zu recherchieren – vielleicht das erste Mal das ich freiwillig einen Blick dort hinein werfe. Es ist nicht so, dass Religiosität mir persönlich etwas bedeuten würde, aber die Ehe ist eben meist auch mit der Kirche verbunden, und wo sie es nicht ist, dort versucht die Kirche dennoch ihren Standpunkt einzubringen. Um die Ehe zu verstehen, werde ich also auch den kirchlichen Glauben und die darauf fußenden Argumente nachvollziehen müssen.

Respekt vor der Ehe heißt nicht, sie nicht zu kritisieren

Während meiner Recherche überkam mich schon bald die Überzeugung, dass unser althergebrachtes Ehe-, Familien- und Elternschaftsverständnis nicht mehr zeitgemäß und somit reformbedürftig ist. Damit meine ich nicht die Abschaffung! Aber zwischenzeitlich nahm mir das die Motivation, mich weiter mit dem Ist-zustand zu beschäftigen, lieber hätte ich gleich Kritikpunkte formuliert, und auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Aber es ist gar nicht so leicht, sich spontan etwas einfallen zu lassen, was besser ist als dieses uralte System, erst recht nicht, wenn man nicht mal jenes System komplett verstanden hat. Auch wenn vieles aus heutiger Sicht unpassend und ärgerlich erscheint, so ist es doch ein System von ausgesprochen durchdachter Perfektion. Daher hat sich auch in mir als angehende Ehekritikerin eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution aufgebaut. Aus informatischer Sicht ist die Ehe und das sie umgebende System quasi ein sehr effizienter, dezentraler Algorithmus, der die Gesellschaft global in eine feine, regelmäßige geordnete Struktur bringt. Das ist schon auf der formalen Ebene faszinierend.

Momente der Erkenntnis

Es hat also Monate gedauert, aber ich denke, ich bin nun so weit und habe es im Großen und Ganzen verstanden. Ich weiß nun, was die Ehe derzeit bedeutet, bzw. wie verschieden heutzutage die Bedeutung sein kann, die jeder einzelne Mensch hat, je nach Staatsangehörtigkeit oder Wohnort, nach Religion, nach Alter, nach sexueller Orientierung, nach politischer Einstellung, nach Erziehung und persönlichem Umfeld, nach Zugehörigkeit zu Interessengruppen, nach der persönlichen Einstellung zu und Erfahrung mit Beziehungen, etc. Jeder Mensch hat seine Sicht davon, und so hat es jede Gruppierung von Menschen und jedes Rechtssystem. Es gibt nicht die eine Definition von Ehe, die faktische Richtigkeit und/oder allgemeine, weltweite rechtliche Gültigkeit hätte. Es gibt vielleicht so was wie eine winzige Schnittmenge, ein quasi-globaler Konsens über die Bedeutung von Ehe.

Ich habe mir außerdem eine Theorie dazu gebildet, wie das Ehekonzept geschichtlich entstanden sein mag, welche Bedeutung es für die Entwicklung der Gesellschaft hatte und was von dieser Bedeutung noch übrig geblieben ist – und was nicht. Sicherlich gibt es dazu fundiertere Theorien als meine, nachlesbare Fakten und wissenschaftliche Analysen, etc. Wenn ich wirklich wissen wollte, wie das Konzept „Ehe“ entstanden ist, hätte ich mich anders informieren müssen. Aber ich merke, wie im aktuellen Diskurs auf die Bedeutung der Ehe in der Vergangenheit Bezug genommen wird und wie oberflächlich dabei das Wissen ist, das die Sprecher haben und welches sie bei ihren Rezipienten voraussetzen. Ich habe das Gefühl, meine persönliche Theorie dazu ist detaillierter und realistischer als diese allgemeine Diskussionsgrundlage, und damit genügt sie mir zunächst.

Die Ehe, Randgruppen und ich

Und ich habe sogar eine gewisse Vorstellung davon, wie ich in dieses Konzept hinein passen könnte und möchte, bzw. wie sehr ich in das aktuelle Konzept eben nicht passe. Präoperative lesbische Transfrauen mit männlichem Personenstand und ausgeprägtem Kinderwunsch bilden eine wenig beachtete Minderheit.  Die derzeitige Gesetzeslage grenzt mich komplett aus dem „Kern unserer Gesellschaft“ aus, was natürlich für mich einer der Hauptmotivatoren ist, um von einem besseren  System zu träumen.

Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich nun also endlich eine eine Meinung dazu gebildet, ob und wie dieses Konzept überarbeitet werden könnte und sollte. Nun, wo es schon jetzt viel zu viele Ausnahmen explizit behandelt, möchte ich natürlich nicht dafür eintreten, auch für Menschen in meiner Lage noch eine weitere Ausnahme einzuführen und dann gleich noch 523 weitere Regelungen für 523 andere Gruppierungen. Stattdessen müsste eine neue Denkweise her, eine die flexibel und allgemeingültig ist, und inklusiv für Menschen und Familien, die derzeit noch explizit excludiert und/oder benachteiligt werden. Diese Überlegungen stelle ich nicht nur aus eigensinnigem Zweck an, ich bin tief davon überzeugt dass ein Überdenken der Strukturen uns allen gut tun würde. Und nicht zuletzt ist es auch eine anspruchsvolle Herausforderung, mal auf dieser großspurigen Ebene kreativ zu gestalten.

Wie es weitergeht

So werde ich also in Zukunft in loser Folge zu Ehe- und Famlienrelevanten Themen bloggen. Ich hoffe, meine abstrakte Einleitung konnte den einen oder die andere neugierig machen auf das, was bald noch kommt, und erlaubt mir dann jeweils gleich zum Punkt zu kommen und für die einleitenden Worte einfach nach hier zu verweisen.

Gedanken zum Alter(n)

Ich habe gestern meinen 27. Geburtstag gefeiert, welcher aber eigentlich schon 3 Tage her ist. Und auch wenn der Körper an solchen Tagen nicht mehr altert als an den 364 anderen im Jahr, so macht man sich ja gerade da Gedanken zum Alter. Zum Glück hatte ich in den letzten Tagen stets liebe Leute um mich herum, so dass ich auch mit 1000 anderen Dingen beschäftigt war, aber an einem stillen Sonntag wie heute ist es eben unvermeidlich, die Denkmaschine einzuschalten.

Wann habe ich zum ersten Mal über mein Alter nachgedacht? Es gab in meiner Kindheit eine Phase, wo ich keinen Bock mehr auf’s Kindsein hatte. Da war ich gerade mal 5 oder 6, auf jeden Fall noch nicht eingeschult, und fand es so furchtbar „unproduktiv“ den ganzen Tag nur spielen zu können. Höchstwahrscheinlich habe sogar schon das Wort „unproduktiv“ dafür benutzt, das war damals genau meine Art. Ich wollte gerne einer vernünftigen Erwerbstätigkeit nachgehen. Am liebsten wäre ich Erfinder gewesen. Ich hatte damals sowieso schon ständig irgendwas „erfunden“, aber dass ich meine Zeichnungen von der Kaugummifabrik nicht beim Patentamt einreichen durfte, hat mich ernsthaft frustriert. Aber vermutlich hätte ich auch auf dem Bau gearbeitet wenn ich gedurft hätte. Schuld an allem war natürlich mein Alter, was sonst. Aber wie jede ordentliche Phase hatte auch das irgendwann sein Ende. Meine Kindheit verlief dann eigentlich soweit ganz glücklich und ich glaube, ich hatte mir weder das Ende herbeigesehnt, noch hab ich mich vor dem Ende gefürchtet.

Als ich 11 war, hatte ich kurz zur Kenntnis genommen, dass die Kindheit nun wohl zu Ende geht. Ich war mit ein paar Schulfreunden auf einem Spielplatz, und obwohl es Spaß gemacht hat, habe ich irgendwie das Gefühl gehabt, langsam zu alt für so was zu sein. Das war aber eine recht neutrale Feststellung. Und auch ohne regelmäßige Spielplatzbesuche waren die Jahre danach gar nicht so viel anders als die davor, was die Art der Freizeitgestaltung anging.

Ebenfalls mit 11 wusste ich im Grunde genommen, dass ich transsexuell bin. Das war deutlich erschütternder als das Ende der Kindheit. Ich habe mich damals mit den medizinischen Lösungsmöglichkeiten befasst, die aber damals nur Volljährigen zur Verfügung standen. Selbst heutzutage werden operative Maßnahmen erst bei 18-jährigen durchgeführt, aber Jugendliche bzw. Kinder können immerhin Hormonblocker erhalten, um nicht die für sie unpassende Pubertät erleben zu müssen. Inzwischen kann so schon zehnjährigen geholfen werden, aber als ich in dem Alter war gab es diese Möglichkeit nicht. An manchen Stellen war stattdessen zu lesen, dass man sogar bis zum 21. Lebensjahr warten muss, bis überhaupt irgendwas gemacht wird.

Theoretisch hätte das Alter von 21 Jahren also etwas absolut positives werden können, auf das ich freudig hin fiebere. Aber ich hatte damals eine sehr jugendfixierte Sicht des Lebens: Wenn man erst mal 20 ist, dann ist eh die beste Zeit des Lebens vorüber. Man muss sich bevor man 20 ist so gut amüsieren, dass man von der schönen Erinnerung daran sein restliches Leben lang zehren kann. Ob man dann danach im falschen Körper lebt oder nicht, wäre dann doch völlig egal, denn das Leben nach der Jugend ist eh für alle Menschen gleichermaßen trostlos.

Und selbst wenn ich eine positive Sicht auf die Zeit danach gehabt hätte: sollte bzw. konnte ich die nächsten 10 Jahre so leben, dass ich dabei jeden einzelnen Tag mein Schicksal bedauern würde und die 3652 Tage rückwärts zählen sollte, die ich auf die Erlösung warte? Vorfreude funktioniert für mich nur für kurze Zeitabschnitte. Zu lange auf etwas zu warten zermürbt mich komplett.

Ich habe mich dazu entschlossen, die Thematik zu verdrängen. Gedanken und Gefühle, die man bewusst verdrängt, kann man schlecht mit einem Timer versehen oder mit einem Vermerk zur Wiedervorlage. Ohne Zweifel bestand das Risiko, dass ich mit dem Verdrängen so erfolgreich wäre, dass ich meinen 21. Geburtstag verpennen würde und die Möglichkeiten, die ich dann habe, nicht nutze. Genau so ist es ja dann auch passiert. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob ich mir damals diesem konkreten Risiko bewusst war. Aber selbst wenn ich es wusste, war es mir sicher egal.

In meiner Zeit zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr ist dann nicht sonderlich viel passiert – es hätte eigentlich sogar eine ganz nette Zeit sein können – aber ich hatte immer das Gefühl dass andere da mehr erleben als ich, während meine Zeit abläuft, die ich noch habe um positive Eindrücke vom Leben zu bekommen.

Diese Angst vor der 20, wie ich sie hatte, ist wohl relativ selten – zumindest ist es kein großes Thema unter Jugendlichen und ich weiß auch nicht, ob ich jemals mit jemandem darüber gesprochen habe. Anders ist das mit dem 30. Geburtstag, um den in unsere Kultur ein großer Rummel gemacht wird, als sei da das Leben zu Ende. Und falls man die 30 überlebt, kann man gleich damit weitermachen, sich vor der 40 zu fürchten. So oder so, diese kollektive Angst betrifft auf den ersten Blick zwar viele, aber ich glaube die meisten sind doch nur sehr oberflächlich betroffen. Vielleicht hat auch inzwischen kaum noch jemand Angst vor der 30 und alles was noch davon übrig ist sind die Witze, die man darüber macht. Meine Angst, dass man das Leben mit 20 quasi ausgelebt hat, war hingegen todernst. Wie ich zu dieser abstrusen Sicht gekommen bin, ist nochmal ein Thema für sich.

Natürlich war dieser Jungendwahn totaler Quatsch, aber was weiß man schon als Kind davon, wie es ist, erwachsen zu sein? Überhaupt war das meine Meinung mit 11, die sich schon bald mäßigte, und je näher ich der 20 kam, desto weniger hatte ich Angst davor, dass sich mein Leben grundlegend ändern würde. Vielmehr wurde mir das Leben zu Hause „zu eng“ und ich sehnte mich danach, mit 18 endlich formal in der Lage zu sein, daraus auszubrechen. Auch diese Möglichkeit habe ich dann nicht sofort genutzt, aber nach der Schule fernab der Heimat auf Helgoland Zivildienst  zu leisten hat mir sicher gut getan.

Ich bin jetzt 27, und die „beste Zeit meines Lebens“ ist damit sicher noch nicht zu Ende. Natürlich bin ich nun erwachsen, d.h. führe einen eigenen Haushalt, entscheide selbst über mein Leben, bin berufstätig (wenn auch, zumindest auf dem Papier, neben dem Studium), etc. Aber das Leben hat gleichzeitig auch noch alle Elemente, die ich mit Jugend verbinde: die Art wie ich meine Freizeit verbringe, wie man mit Freunden interagiert… natürlich ist das alles in den Details irgendwie reifer geworden, aber im Grunde ist es doch das gleiche wie vor 12 Jahren. Wahrscheinlich ist man nicht erst Jugendlich und dann plötzlich Erwachsen, sondern es gibt eine lange Phase im Leben, in der man einfach beides ist. Und weil man beides zu mehr als nur 50% ist, ist man irgendwie mehr als 100% Mensch. Gerade das macht diese Zeit so toll. Und eigentlich denke ich auch nicht, dass ein Tag in meinem Leben kommen wird, an dem es heißt: So, ab jetzt bist du nur noch erwachsen und machst nichts mehr von den vielen Dingen, die schon in der Jugend Spaß gemacht haben. Zwischendurch dachte ich auch, das Ende dieses Lebensabschnitts wird nicht durch das Alter eingeleitet, sondern einfach durch das Ende des Studiums. Inzwischen sind viele meiner Freunde mit dem Studium fertig geworden, und soweit ich weiß haben sie alle den Übergang geschafft ohne dabei den jugendlichen Teil ihrer Seele zu begraben. Ich habe keine konkrete Angst vor dem 30. Geburtstag, ich werde ihn mindestens so rauschend feiern wie gestern meinen 27. Vielleicht ist es genauso wie es schon mit der 20 war: Je näher es kommt, desto mehr verliert es seinen Schrecken.

Aber ich muss zugeben, dass ein kleiner Teil dieser Haltung immer noch in mir steckt, dass diese Lebensphase irgendwann endet und ich sie dann vermissen werde. Denn egal was ich denke, tief drin spüre ich doch eine gewisse Angst. Gefühle sprechen leider nicht immer in klaren Sätzen und präzisen Zahlen, aber dieses Gefühl sagt mir doch recht eindeutig, dass der Spaß in ca. 2 bis 5 Jahren vorbei sein könnte, was den 30. Geburtstag als fiktiven Stichtag zumindest nicht ausschließt.

Meine besondere Situation als Transsexuelle macht mir die Sache natürlich auch hier nicht leichter. Ich hätte zu gerne gewusst, wie es sich anfühlt, ein 11-jähriges Mädchen zu sein, habe mich aber auch schon lange damit abgefunden, dass ich das niemals selbst erleben werde. Das gleiche gilt für das Gefühl, ein 12-jähriges Mädchen zu sein, oder ein 13-jähriges… als ich mit 26 die Entschlossenheit hatte, endlich Nägel mit Köpfen zu machen und als Frau zu leben, war ich natürlich gespannt wie sich das Leben für eine 26-jährige Frau anfühlt. Einerseits war klar, dass es nicht vom ersten Tag an genau so wäre, wie es sich für andere Frauen anfühlt, aber trotzdem glaube ich, ich bin schon recht dicht dran an dem, was andere erleben. Ich werde später mal sagen können: „Damals, als ich noch Studentin war…“.

Aber so sehr ich mich auch jetzt schon als Frau fühle, und vor allem als solche akzeptiert fühle, so sehr ist mir doch auch bewusst, dass unzählige „Kleinigkeiten“ noch fehlen. Man mag sagen, auf ein Jahr mehr oder weniger komm es jetzt auch nicht mehr an. Aber als ich vor etwas mehr als einer Woche erfuhr, dass sämtliche medizinischen Maßnahmen nochmal ein Jahr später beginnen werden als ich zunächst dachte, war sofort der Gedanke da: „Ich hab auch nicht mehr ewig Zeit, ich werde nicht jünger! Die 30 steht bald vor der Tür!“ Ich könnte kein einziges rationales Argument dafür anbringen, warum es nun wichtig sein sollte, vor der 30 mit der ganzen Transition fertig zu werden. „Fertig“ ist eh ein schwammiges Konzept bei bis zu 6 Jahren, die das Brustwachstum bis zur endgültigen Größe und Form braucht. Aber dieses blöde Jahr erfordert nun wieder Geduld von mir, was bestimmt nicht meine Stärke ist. In diesem Zwiespalt aus Warten und Altersangst ist es natürlich sowohl positiv als auch negativ, dass die Zeit im Fluge vergeht und ein Jahr schneller vorbei ist als man denkt.

Es wäre natürlich naheliegend, dass ich jetzt auch eine entsprechende Angst vor dem Älter- bzw. Altwerden generell entwickelt hätte. Aber eigentlich sehe ich das alles nun recht gelassen. Ich glaube, ich werde mit 30 ebenso glücklich sein wie mit 40 und 50 und 60. Und vielleicht auch noch länger. Sicher wird mein Leben nicht bis dahin genau so verlaufen wie jetzt, aber das ist natürlich auch gut so. So sehr ich es jetzt noch genieße, dass ich mir mit 27 eine gewisse jugendliche Seite bewahrt habe, so gut kann ich mir auch vorstellen, irgendwann einmal ohne diese aus zu kommen. Das Leben hält doch noch so viel bereit: beruflich, freundschaftlich, partnerschaftlich, familiär, freizeitlich (aus „Hobby“ konnte ich irgendwie kein Adjektiv auf „-lich“ bilden), etc. Und was sollte mich mit 60 davon abhalten, all das zu genießen? Also.

Sicher mag irgendwann der Punkt kommen, an dem es unangenehm wird. Mit hunderten von Gebrechen, gefesselt an Bett, medizinische Geräte und unzählige Medikamente, geistig und körperlich zu nichts mehr fähig… darauf freut sich vermutlich niemand. Aber das ist auch eine extreme Übertreibung des üblichen, ein Worst-Case der ja nicht in der Form eintreten muss oder zumindest kein Dauerzustand sein muss. Ich habe 8 Monate lang Parkinsonpatienten betreut und danach noch 1 Monat lang im Altenheim gearbeitet. Da bekommt man ein gewisses Gefühl dafür, wie gut oder wie schlecht es einen treffen kann. Ich hatte da ja schon eine absolut unrepräsentative Menge von Menschen vor mit, denn jene, die bis zum Schluss fit sind daheim wohnen, bis sie eines morgens nicht mehr aufwachen, habe ich da natürlich nicht zu Gesicht bekommen. Trotzdem macht mir das Alter keine Angst und erscheint mir nicht nach einer Phase, in der man Leiden muss. Und falls es mich doch so treffen sollte? Ich vertraue da auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Bis ich diesen Zustand erreiche gehen noch viele Jahrzehnte ins Land, und bis dahin gibt es dann sicher einer Alternative zur „Lebensverlängerung zu jedem Preis und zum reinen Selbstzweck“. Als die Wurzeln für unser heutiges Moralverständnis gelegt wurden, hatten wir noch keine überalterte Bevölkerung und nicht die medizinischen (Un-)Möglichkeiten die wir nun haben.

Jetzt hätte ich gerne noch einen schönen Abschluss. Als ich mich entschlossen habe, einen Artikel übers Alter(n) zu schreiben, und damit recht chronologisch begonnen habe, hätte mir eigentlich klar sein sollen, dass es mit dem Tod enden würde. Selten etwas erfreuliches, außer eben, wenn das Leben noch unerfreulicher war. Aber kein schöner Abschluss. An der Stelle sollte ich dann wohl neidisch auf gläubige Menschen sein, die können sich immer noch auf den Himmel freuen, da ist das Happy End quasi inklusive. Aber was solls, direkt vor mir liegen ja jetzt erst mal andere Dinge, und ich kann wohl mehr als je zuvor sagen, dass ich mich auf die nächsten Jahrzehnte freue!