Kategorie-Archiv: University and Education

Everything about my university (currently TU-Braunschweig, recently HS-Harz) and education in general. This category will mostly contain German posts, but English ones might also come.

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Ein Plädoyer für das entspanntere Studieren

Auch wenn es in allen Forderungskatalogen vorkommt, die in den letzten Tagen erarbeitet wurden, so wurde der Themenkomplex „Leistungsdruck, Creditpoints und Studiendauer“ bisher nur Oberflächlich behandelt, und leider kam auch keine Arbeitsgruppe dazu zu stande.

Ich teile daher meine persönlichen Ansichten und Ideen dazu mit, in der Hoffnung, dass möglichst viele es ähnlich sehen. Dabei drehen sich meine Betachtungen einzig und allein um das „länger Studieren“. Es mag auch gänzlich andere Wege geben, aber ich betrachte nur einen, dafür aber auch recht detailliert.

Zunächst aber noch etwas „Vorgeplänkel“ zu den Typen der Studierenden und den Problemen derer, die länger Studieren. Am Schluss kommen noch ein paar konkrete Lösungsansätze.

Typen der Studierenden

Jeder Student ist anders, aber trotzdem lassen sich gewisse Grundtypen ausmachen. Da sind zum einen die „Vorbildlichen„, die ohne zu Murren ihr Studium in der Regelstudienzeit durchziehen und dabei noch ganz ordentliche Noten hinlegen. Dann gibt es die „Faulen„, die sich kaum an der Uni sehen lassen, wenn sie mal bestehen, dann mit 4,0 und in zehn Jahren studieren sie wahrscheinlich immernoch.

Für viele hört die Betrachtung da schon auf. Entweder wird hart zwischen den beiden Typen unterteilt, oder man sieht sie als lineare Skala an – irgendwo dazwischen wird sich schon jeder Student einordnen lassen. Meiner Meinung nach ist das Quatsch.

Eine ganze Menge Studenten – dazu zähle auch ich mich – hat klare Ziele, möchte auch bald mit dem Studium fertig werden, ist wissbegierig und fleißig, lernt sogar gerne über das geforderte hinaus… und möchte dennoch in Ruhe, in Würde und Selbstbestimmung lernen, und dabei noch ein bisschen Privatleben genießen. Natürlich liegen die irgendwo zwischen den „Vorbildlichen“ und den „Faulen“, aber nicht nur das, sie haben auch eigene Merkmale, die man in den anderen Extremen selten findet. Nennen wir sie daher einfach mal die „Individuellen„.

Darüber hinaus gibt es sicher noch andere Grundtypen, aber ich will es hier nicht ausarten lassen. Die zuvor genannte Dreiteilung deckt immerhin 90% der Studenten ab, behaupte ich einfach mal.

Das Paradoxon, gelöst

Manchmal wirken die Individuellen hochgradig paradox: Sie beschweren sich einerseits, dass sie zu wenig Zeit haben, zu viel Stoff durchpauken müssen, überlastet sind… und andererseits möchten sie ihr Wissen verbreitern und vertiefen, sich intensiver mit Themen beschäftigen, ihr Wissen und ihren Charakter stärken. Sie wollen nicht den ganzen Druck der Benotung, aber fordern von sich selbst ab, alles gut und richtig zu können und zu machen. Vielleicht wollen die sogar mehr Theorie und mehr Praxis. Wissen die denn gar nicht, was sie wollen!?

Klar wissen sie es: Sie wollen mehr lernen (insgesamt) und weniger lernen (pro Zeiteinheit). Daran ist nichts paradox, und man kann mathematisch leicht herleiten: Sie wollen mehr Zeit. Da muss es doch eine Lösung geben.

Und viele haben auch eine Lösung parat: Na dann studier doch einfach länger! Das hört man von den „individuellen“ Artgenossen ebenso wie von den „Faulen“, manchmal sogar von den „Vorbildlichen“… auch wenn deren Standartantwort eher ist „Na mach dir nicht ins Hemd du Weich-Ei! Ich beschwer mich doch auch nicht“.

Stigmatisierung der Langzeitstudierenden

Das Länger-Studieren ist in der Tat eine mögliche Lösung – die ich auch im Bachelor ganz bewusst gewählt habe. Mir einer Überziehung von 2,2 Semestern sehe ich mich nun nicht als „ewiger Student“ und ich denke, auch meine Noten können sich sehen lassen. Vorallem habe ich aber das gute Gefühl, mich mit dem Stoff und darüber hinaus angemessen befasst zu haben.

Leider kann nicht jeder diese Lösung wählen. Es sind (mindestens) drei Faktoren, und alle laufen darauf hinaus, dass „länger studieren“ als schlecht, abnormal und unerwünscht eingestuft wird.

Zum einen ist das das BAföG. Man erhält es einerseits nur für die Dauer der Regelstudienzeit. Andererseits gibt es eine Leistungsüberprüfung ab dem 5. Semester. Wer zu dem Zeitpunkt erwarten lässt, dass er länger als Regelstudienzeit studieren wird, bekommt ab diesem Moment gar kein Bafög mehr – also nur 4 Semester lang, selbst wenn die Regelstudienzeit z.B. 7 Semester beträgt. Viele Studenten brauchen das BAföG zum Leben.

Wer sowieso kein BAföG bekommt, steht genauso unter Druck: Die Eltern zahlen den Unterhalt, und erwarten von ihren „lieben kleinen“, dass sie gefälligst in Regelstudienzeit fertig werden. Und das unpassende Wort „Regelstudienzeit“ gibt ihnen ja sogar recht dabei. Egal wie das Verhältnis zu den Eltern ist: Wenn man sie mag, will man sie ja auch nicht über das nötige hinaus belasten, und wenn man sich mit ihnen nicht gut versteht, dann sind sie auch nicht sonderlich gewillt, länger zu zahlen.

Ein drittes und subtileres Problem, weil weder gesetzlich festgelegt noch finanziell nachprüfbar, ist das schlechte Ansehen von Länger-Studierenden. Viele haben Angst, dass andere schlecht über sie denken werden: Die Eltern, die Profs, die Komilitonen, die potentiellen Arbeitgeber… jeder könnte einen für faul, schwach, dumm, langsam oder ziellos halten. Man hat (leider begründete) Angst, nicht mehr ins gesellschaftliche Ideal zu passen. Der Gesellschaftliche Druck ist so hoch, dass man diese Denkweise irgendwann selbst annimmt: Man hält sich letzlich selbst für faul, schwach, dumm, langsam und ziellos.

Respekt und Solidarisierung statt Abfindung und Resignation

Kaum ein Student hat es heutzutage leicht, und selbst wenn es einer leicht hätte, könnte man ihm das doch sicher auch einfach gönnen. Die Studenten protestieren gegen die Uni, das Land, die Politik, evtl. auch gegen die Profs. Dabei ziehen theoretisch alle an einem Strang. Erschreckenderweise scheitern viele Versuche, etwas zu verbessern, aber schon an der ersten Hürde: Mangelnde Solidarität der anderen Studenten. Ich konnte in den letzten Tagen verschiedene Gründe erleben, warum Studenten sich nicht an den Protesten beteiligt haben:

Sie finden die Form des Protestes falsch – haben aber auch keine bessere Alternative. Sie sagen, sie haben keine Zeit zum Protest – was ja eigentlich schon genug Grund zum Protest sein sollte. Oder es interessiert sie einfach nicht. Alles keine perfekten Gründe, aber durchaus akzeptabel und nachvollziehbar. Wirklich schockiert haben mich aber die zahlreichen Diffamierungen der Streikenden als „Vollidioten, die es verdient haben, rausgeext zu werden“, „Weicheier, die nur rumjammern können“, „Nervensägen, die sich selbst inszenieren und damit echte Studenten vom studieren abhalten“ etc. Viele Studenten haben nicht den geringsten Hauch von Respekt und Mitgefühl für ihre Mitmenschen – und das einfach deshalb, weil sie glauben, jeder müsse die Sitation genauso empfinden wie sie selbst.

Es mag sie ja wirklich geben, die hochintelligenten, die ohne Probleme alles durchziehen können und dabei noch genug Freizeit haben. Und auch wenn ich es nicht gut finde, wie diese sich äußern, so muss man doch sagen: Sie haben auf ihre Weise recht. Außer bloßer Solidarität könnte sie nichts dazu bringen, mit zu streiken. Mein Verdacht ist aber, dass unter den abschätzigen Gesellen viele sind, die in gewisser Weise auch Opfer des Leistungsdrucks sind. Natürlich sind das alles wage Vermutungen…

Entweder, sie sind noch so früh im Studium, dass sie noch in der (angenehmen) Illusion leben, dass alles easy und locker ist. In meinem Bachlor gab es viele davon: Im 3. Semester war ich der einzige von 35 Studenten, der es für sinnvoll und nötig befang, länger zu studieren. Letztlich sind nur 3 davon in Regelstudienzeit fertig geworden.

Oder aber, sie sind schon so lange dem Stress und Druck ausgesetzt, dass sie es als normal empfinden, sich damit abgefunden haben. Vielleicht glauben sie, sie brauchen keine Freizeit, oder meinen, sie hätten es als Student nicht verdient. Oder aber, sie reden sich ein, dass sie es so sehen müssten, weil sie sonst selbst zu den faulen Jammerlappen gehören, den „Minderleistern“.

Vielleicht hat jemand schonmal von dem Phänomän gehört, dass Schwule, die sich nicht trauen, sich zu outen, sich oft besonders schwulenfeindlich zeigen, damit sie bloß niemand für schwul hält. Ob es diese Art von Schwulen wirklich (noch) gibt, weiß ich nicht, aber ich glaube schon, dass viele von den „Fleißigen“ nur deshalb so abwertend über die „überlasteten“ reden, weil sie sich nicht eingestehen wollen, selbst überlastet zu sein.

Ok, soweit die Vermutungen und Spekulationen. Selbst wenn diese nicht zutreffen – also wenn alle unsolidarischen wirklich zum Typus „hyperintelligenter Vorbildstudent“ gehören, ändert das nicht viel an den meisten meiner Grundaussagen. Wir brauchen mehr Anerkennung, Akzeptanz und Unterstützung von Studenten, die „länger machen“. Das sollte doch umso einsichtiger sein, da es sich ja nichtmal um eine Minderheit handelt, sondern um den Regelfall.

Von daher fordere ich zu allererst die Abschaffung des Unwortes „Regelstudienzeit“. Den Namen hätte es nur verdient, wenn es „die Regel“ wäre, so lange zu studieren. Und das ist dann der Fall, wenn der Mittelwert (oder geg. Falls der Median) der Studienzeiten dem entspräche. Man könnte es z.B. „Mindeststudienzeit“ nennen. Das ist zwar auch falsch, weil ein kleiner Prozentsatz wirklich eher fertig wird, aber längst nicht so falsch wie die „Regelstudienzeit“.

Das Problem auf den Punkt bringen

Nun besteht das Problem für viele also darin, dass sie in einer gegeben Zeit mehr studieren „sollen“, als es ihnen in der Zeit gut täte. Ob das „Sollen“ nun Zwang, Empfehlung, finanzieller oder psychologischer Druck ist, sei mal dahingestellt. Würde es sich nur um die typischen „faulen“ Studenten handeln, so könnte man da diverse Lösungen finden, die ihnen gefallen, aber dafür eindeutig (und berechtigt) von den anderen abgelehnt würden. Wenn wir aber davon ausgehen, dass darunter auch einige von den lustigen Leuten sind, die ich oben als die „individuellen“ betitelt habe, wird die Sache schwieriger, denn für die muss noch das scheinbare Paradoxon eingehalten werden: Sie wollen mehr lernen (insgesamt) und weniger lernen (pro Zeiteinheit).

Die Bürokraten unter uns (und die sitzen meist eher in der Hochschulveraltung als unter den Studenten) haben eine ganz einfache Lösung, die sich sogar schon selbst erfüllt hat: Auf dem Papier steht, dass ein Student pro Woche X (X=40 oder X=60) Stunden arbeiten muss, um sein Studium in Regelstudienzeit zu bestehen. X Stunden pro Woche sind machbar und akzeptabel, also ist das Studium akzeptabel. q.e.d., Protest abgelehnt.

Lösungsansätze

Regelstudienzeit erhöhen bei gleicher Stoffmenge

Das könnte vielleicht das Optimum sein. Die schnellen Studenten können dann halt unter Regelstudienzeit fertig werden, die etwas langsameren liegen dann genau in der Zeit, und jeder lernt das, was er jetzt auch lernt. Nachteile? Nun ja, irgendwelche (blöden) Regelungen schreiben nunmal vor, dass ein längeres Studium auch mehr Creditpoints bringen muss, und somit mehr Inhalte. Das bringt uns dann zur folgenden Alternative…

Regelstudienzeit erhöhen bei proportinal erhöhter Stoffmenge

Nun, sicher wäre das machbar, aber hat es irgendwelche Vorteile? Es wäre genauso viel Stress, nur mehr davon 😉 Außerdem müssten die Professoren sich neue Inhalte einfallen lassen, was vielen sicher auch nicht passt. Ich denke, diese Alternative kann gestrichen werden.

Regelstudienzeit beibehalten bei verringerter Stoffmenge

Auch gegen diesen Vorschlag würde es begründete Proteste geben. All jenen, die wissbegierig sind – sei es aus persönlichen oder beruflichen gründen – wird damit in keiner Weise geholfen. Das Studium würde damit an Wert verlieren, und in vielen Fachrichtungen gilt der Bachelor ja schon jetzt als „zu oberflächlich“ und somit wertlos.

Regelstudienzeit und Stoffmenge behalten, aber Niveau und Anforderungen senken

Das ließe sich auf verschiedene Weisen umsetzen. Viele davon würden dazu führen, dass die Qualität des Abschlusses für alle gesenkt werden würde, also auch für die fleißigen, wissbegiereigen, etc. Auch wenn das nicht akzeptabel ist, fällt damit nicht die gesamte Alternative weg. Man kann sich durchaus Umsetzungen vorstellen, bei denen nur jene Anforderungen gesenkt werden, die keinen echten Zusammenhang zur Qualität des Wissens haben. So könnten Fächer mit mangelnder Praxisrelevanz vereinfacht werden, oder formale Regelungen aufgeweicht werden, die einem nur das Leben schwer machen, ohne Wissenszuwachs zu bringen.

Nachdem die vier Vorschläge alle nicht sonderlich erfolgversprechend waren, möchte ich noch zwei weitere näher im Detail vorstellen:

Regelstudienzeit erhöhen bei gleicher Stoffmenge

Moment mal – das hatten wir doch schonmal (erste Alternative), und als unmöglich abgestemptelt!? Ja, allerdings wurde da ein Lösungsweg übersehen, der nun ausführlich dargestellt werden soll. Wie gesagt: Wenn die Regelstudienzeit steigt, muss es auch mehr Creditpoints geben. Und das heißt in der Regel, dass auch mehr Inhalt her muss – es sei denn, der Mehr-Inhalt ist schon lange da und wird nur nicht erkannt. Viele der Module könnten einfach mehr Credit-Points bringen. Natürlich lassen sich auch diese nicht beliebig hochstufen, denn irgendwo ist noch ein Verhältnis definiert, das angibt, wie viele Arbeitsstunden zu einem Creditpoint gehören. Und wenn man die CreditPoints erhöht, muss man die Arbeitsstunden erhöhen. Wollen das unsere überarbeiteten Studenten? Ja, auf dem Papier durchaus. Man stelle sich eine Vorlesung vor, die 4 SWS hat und 3 CP einbringt. Der Tatsächliche Arbeitsaufwand ist aber viel höher als auf dem Papier steht. Wenn man diese Realität nun auf’s Papier überträgt, und somit die SWS und die CP erhöht, dann können die Studenten mit dem gleichen Inhalt, den sie nun auf mehr Semster verteilen, genügend Creditpoints sammeln, um die zusätzlichen Semester zu rechtfertigen. Meiner Meinung nach ist das die perfekte (und somit beste) Lösung, denn sei basiert nur darauf, die Realität als solche anzuerkennen – was könnte daran falsch sein? Trotzdem, an der FH, an der ich bisher studiert habe, wurde diese absolut naheliegende Lösung komplett blockiert, und ich fürchte, das könnte hier auch passieren. Daher noch eine Alternativlösung…

Alles lassen wie es ist, aber die Rahmenbedingungen für das Länger-Studieren verbessern

Es klappt ja auch jetzt schon: Manche studieren länger, bekommen die gleiche Anzahl Credits wie andere, sind dabei aber entspannter und können vertiefter Lernen. Diese Studenten sind glücklich, und zwar deshlab, weil sie es sich finanziell, gesellschaftlich und gegenüber dem eigenen Stolz leisten können. Nur leider gilt das nicht für alle. Damit alle ihr Recht zum Länger-Studieren bekommen, müssten sich aber folgende Dinge ändern: BAföG auch über die Regelstudienzeit hinaus, weg mit der Leistungsüberprüfung nach dem 4. Semester, Langzeitstudiengebühren erst später… das lässt sich alles gesetzlich und per Verordnung klären. Aber damit nicht genug, es bedarf auch einem Umdenken auf allen Seiten: Bei den anderen Studenten, den Arbeitgebern, den Eltern, und letzlich den betroffenen selbst. Wie man diese Änderungen „erzwingen“ will, ist mir ein Rätsel. Aber Respekt und Solidarität könnten schon ausreichen.

Links, Karten und Videos zum Bildungsstreik

Hier schnell das wichtigste um ins Thema einzusteigen:

Die Themen

Das hier sind die Themen im Groben, vielleicht ist ja was für dich dabei:

  • Abschaffung der Studiengebühren
  • Freie und kostenlose Bildung für alle
  • Mehr Geld für Bildung
  • keine Hürden für den Wechsel vom Bachelor- zum Masterstudiengang
  • paritätische Mitbestimmung in allen Gremien
  • Anpassung des Arbeitsaufwandes an die Realität
  • Abschaffung studierendenfeindlicher Regelungen der Prüfungsordnungen

Eine genauere und aktuellere Liste der Forderungen findet sich hier im Forum.

Weitere Links

Abschließen möchte ich erstmal mit einer kleinen thematischen Linkliste:

Besetzte Hochschulen


Unsere Unis (by zurPolitik.com) auf einer größeren Karte anzeigen

Motivationsvideo

Wahlweise auf Youtube oder gleich hier:
[pro-player width=’425′ height=’384′ type=’video‘]http://www.youtube.com/watch?v=7v61hwDDakI[/pro-player]

Was geht mich der Bildungsstreik an der TU-Braunschweig an?

Tja, noch vor einigen Stunden war das eine durchaus unbeantwortete Frage. Ich studiere ja hier erst seit ein paar Wochen, und auch wenn es hier und da etwas stressig oder langweilig ist, ist doch eigentlich alles in Butter. Und überhaupt, sich nach so kurzer Zeit schon lautstark zu beschweren…

Ohne mich…

So wie ich dachten (leider) viele, und somit ware dann „nur“ ca. 300 Studenten an der Besetzung des Audimax und den Demos in der Stadt beteiligt. Ich habe mich jedenfalls – mit dem Antrieb der Fachgruppe Informatik, zu der ich auch mehr oder weniger gehöre – aufgerafft und mich in die abendliche Plenumssitzung im besetzten AM begeben. Hinter dem vielen Gepfeife und Getrommel, der Partystimmung und den Sprechchören steht noch mehr, nämlich sachliche Diskussionen über die aktuellen Misstände. Und die Probleme sind vielschichtig. Neben viel Analyse und ein wenig Gejammer und Gemecker kommen dabei aber auch viele konkrete Vorschläge und Forderungen heraus.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die Maschinenbauer, und das sind echt arme Schweine. Offenbar sind ihre Studienbedingungen so unhaltbar, dass man sich als nicht-Maschinenbauer fragt, ob man sich denn überhaupt beschweren darf.

Darf man meckern?

Ja, muss man sogar. Zum einen aus Solidarität, denn auch wenn ich keinen einzigen der MBs persönlich kenne, geht einem das nunmal nicht am Arsch vorbei. Und die MBs werden sicherlich eher Gehör finden, wenn alle sich dem Protest anschließen. Andererseits kitzelt der so angezettelte Streik auch bei jenen das Beschwerdepotential hervor, die sonst eher still sind. Und letzlich kommen auch die vielen Kleinigkeiten zur Sprache, die man sonst einfach als gegeben hinnimmt. Eine Win-Win-Situation für alle Studenten.

Ich möchte daher an alle und jeden appellieren, sich auch mal kurz Gedanken zum Streik und zu den Misständen zu machen. Ich weiß, nicht jedem liegt das laute protestieren, aber daran schließt sich nun vermutlich auch einiges an leiser, kommunikationsintensiver Zusammenarbeit an, falls sich denn die angekündigten Arbeitsgruppen für spezielle Themen zusammenfinden.

Mehr Infos

Ich hatte hier erst noch passende Links, Videos, ect. eingefügt, aber das ganze nun ausgelagert.