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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Wie Unfickbarkeit ein ansonsten wunderschönes Leben unerträglich machen kann

Ich habe mir vorgenommen, heute etwas Privates zu bloggen. In den Morgenstunden bin ich in ein tiefes emotionales Loch gestiegen (ja, das geschah relativ bewusst), und kam da einige Stunden nicht mehr raus (das war nicht so geplant). Was ich in der Zeit geschrieben habe möchte ich jetzt nicht veröffentlichen. Es liest sich ein wenig wie ein Abschiedsbrief einer suizidalen Person. Ja, manchmal geht es mir so schlecht, und vielleicht wäre es auch richtig, dazu zu stehen und auch mal etwas derartiges zu veröffentlichen, aber jetzt möchte ich es mit einer etwas neutraleren Sicht versuchen. Ein Zwischenfazit über die Entwicklung der letzten Monate und Jahre.

Ich habe mich weiter entwickelt, habe meine Äste ausgestreckt, und zwar in Richtungen, die ich prinzipiell gut finde. Im Wesentlichen habe ich mich für die Bereiche Freundschaft, Liebe, Partnerschaft und Sexualität geöffnet. Das ist eine Entwicklung, die ich in meiner ersten Pubertät verpasst habe, und ich weiß nicht genau, ob es mehr daran lag, dass ich in der falschen Geschlechterrolle gesteckt habe, oder daran, dass ich nicht auf die Widersprüchlichkeit meiner Umwelt klar kam, also auf die (leider) übliche Bigotterie aus Verklemmtheit und Sexualisierung.

Wie auch immer, die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Meine eigenen Hemmungen, Menschen zu berühren, zu streicheln, mich an sie zu drücken und an ihnen zu reiben, waren erstaunlich schnell überwunden. Ebenso überraschend und schön: dass auch andere Menschen mir gegenüber auf dieser Ebene keine Hemmungen hatten. Die Kuscheligkeit in meinem Leben ist im Mai 2013 von 0 auf 100 geschnellt, mit schöneren Empfindungen als ich davon je erwartet habe.

Ebenfalls positiv: Ich habe mir Anfang 2013 „erlaubt“ mich endlich mal wieder zu verlieben, mehr noch, ich gab mir gleich die Erlaubnis, mich in mehrere Menschen zu verlieben. Innerhalb eines halben Jahres habe ich mich in 6 Frauen verliebt, dabei war dieses schöne Gefühl zwischenzeitlich zu vier Seiten hin gleichzeitig spürbar, mit all den kleinen Differenzen in der Art und Intensität des Gefühls. Ich habe mir mehr Gedanken über Beziehungsführung als je zuvor gemacht, und bin inzwischen sicher, dass ich die nötigen Grundsätze habe, die emotionale Stärke, ausreichend viel Liebe in mir, und die kommunikativen Fähigkeiten, um nicht nur eine, sondern sogar mehrere Beziehungen zu führen.

Ich habe in der Zeit innige, stabile, wichtige, schöne Freundschaften geschlossen. Oft zu den Menschen, in die ich mich verliebt habe, sowie zu deren Partnern und Partnerinnen. In gewisser Weise waren auch meine Freundschaften früher mehr „mono“, denn meist hatte ich nur eine (wenn überhaupt eine) Person, mit der ich über wirklich persönliches sprechen konnte, inzwischen sind es mehr als ich an einer Hand abzählen kann. Es ist ein gutes, sicheres Gefühl, dass so viele Schultern mich tragen, wenn ich das mal brauche, aber noch schöner finde ich es eigentlich, dass auch ich für meine Freunde da sein kann und dass meine Nähe und Unterstützung angenommen wird.

Beruflich ist es etwas langweiliger geworden, aber auch stabiler und vor allem effektiver: meine eigene Firma musste mehr oder minder aufgelöst werden – ein paar letzte Aufträge werden natürlich noch zu Ende geführt, aber Neues können wir schon lange nicht mehr annehmen, aber dafür verdiene ich nun anderswo als Angestellte mehr Geld in viel weniger Arbeitszeit und vor allem mit weniger Ausfallrisiko.

Unser Schulaufklärungsprojekt SchLAu-Braunschweig wächst und gedeiht, und während wir vor wenigen Monaten ständig kurz vor der Auflösung wegen Unterbesetzung standen, sind wir inzwischen 10 Ehrenamtliche mit steigender Tendenz, und werden regelmäßig in Schulen eingeladen.

Eigentlich doch alles toll, oder?

Leider hat all das einen Nebeneffekt, dessen Tragweite mir zu Beginn dieser Veränderungen ganz und gar nicht bewusst war: Mein Bedürfnis nach Nähe ist noch viel schneller und stärker gewachsen als die tatsächliche Nähe die ich bekomme. Obwohl ich mit mehr Menschen verbunden bin als je zuvor, bin ich auch so einsam wie nie zuvor. Das ist auf keinen Fall ein allgemeines Problem, das der „Poly-Lebensstil“ so mit sich bringt. Viel mehr ist es eine schwer vermeidliche Folge dessen, zwischen all den glücklichen Polys zu leben und selbst Single zu bleiben.

Zum einen war für mich nicht absehbar, dass das so bleiben würde, zum anderen nicht, wie hart mich das treffen und belasten würde. Und ebenso habe ich nicht geahnt, dass ich auch nach über einem Jahr keine Strategie für mich gefunden habe, um damit gelassener umzugehen.

Ich selbst sehe Partnerschaft als eine sehr vielfältige Mischung aus Gefühlen, Gesprächen, Tätigkeiten, Pflichten, Rechten und Traditionen, und auch wenn es gewisse „Standardpakete“ gibt, bin ich ein großer Fan davon, all das individuell auszuhandeln und sich auf das zu einigen, was alle beteiligten wirklich wollen. Partnerschaften erfüllen viele verschiedene Bedürfnisse, und im Moment weiß ich nicht genau, welche dieser Bedürfnisse ich grundsätzlich, aus mir selbst heraus schon immer hatte, und welche Bedürfnisse ich im Moment nur spüre, weil mein Umfeld mir es so vorlebt und mir damit Appetit macht.

Ich spüre aber ganz genau, dass ich so viele Bedürfnisse wie nie zu vor habe, in bisher ungeahnter Intensität. Meine Freundschaften können diese bei Weitem nicht erfüllen, auch wenn einiges zumindest in Teilen gestillt wird, auf jeden Fall weit mehr als „Freundschaft“ das gewöhnlicherweise. Unterm Strich bleiben aber riesige Lücken, und es ist ein naheliegender Gedanke, dass eine Partnerschaft genau das richtige wäre, um diese zu stillen.

Ich habe inzwischen gelernt, Bedürftigkeit nicht als etwas schlimmes anzusehen, dennoch erscheint es mir komisch, Beziehungspartner quasi als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung darzustellen. Viele dieser Bedürfnisse beruhen ja (im Idealfall) auf Gegenseitigkeit, das heißt etwa, wenn ich mit einer Partnerin knutsche, befriedigt das gleichermaßen in ihr und in mir ein Bedürfnis. Zudem habe ich einige „Gebe-Bedürfnisse“, bei denen also der eigentliche Fluss von von mir weg gerichtet ist, aber es mir dennoch ein inneres Bedürfnis ist, gewisse Dinge für meine Partnerin_nen zu tun.

Bei all meinen akuten Bedürfnissen ist es also wirklich unschön, dass ich keine Partnerin habe. Als Übergangszustand wäre es aber zu verkraften.

Was mich wirklich fertig macht, also bis hin zu dem Zustand der Verzweiflung in dem ich letztlich alles an mir und meinem Leben anzweifle, ist die ständige Angst, dass ich für immer allein bleiben werde. Von der grundlegenden Aussage her ist das für mich nichts neues: von meinem 11. bis zum 23. Lebensjahr und dann nochmal die letzten 3 Jahre lang war ich Single, also über 15 Jahre. (In meinem 1. bis 10. Lebensjahr hatte ich natürlich auch keine Partnerin, aber auch kein Verlangen danach). Und die meiste Zeit davon dachte ich, dass das wohl immer so bleiben würde. Das hat mich mal mehr und mal weniger belastet, aber so schlimm wie im letzten Jahr war es noch nie.

Es ist schon komisch: die Menge der Menschen, die mit mir emotional sehr eng verbunden sind, und die Menge derer, die wirklich gern mit mir kuscheln, sind jeweils groß und haben sogar weite Überschneidungen untereinander und auch mit der Menge jener, in die ich mich verliebt habe. Aber weder dort, noch anderswo, gibt es Menschen für dich ich sexuell oder partnerschaftlich attraktiv bin. Ja, Sexualität ist ein großes, klaffendes Loch in meinem Leben. Aber neben Sex, Kuscheln und Emotionaler Nähe ist Partnerschaft noch mehr, und auch dieses „mehr“ fehlt mir unheimlich. Nennen wir es der Einfachheit halber mal „Verbindlichkeit“, auch wenn es das unzureichend beschreibt. Aus meinem innersten heraus, frei von äußerer Beeinflussung, ist mir diese Verbindlichkeit sogar wichtiger als Sexualität.

Aber andererseits stört es mich weniger, darauf zu verzichten, denn Verbindlichkeit gilt noch als etwas wertvolles, erhabenes, seltenes. Als etwas, das vielen Menschen fehlt, egal ob sie Partnerschaften haben oder nicht.

Sexualität hingegen erscheint allgegenwärtig, selbstverständlich, alltäglich, für jeden zu haben. Wer nicht das Zeug mitbringt, eine Beziehung zu führen (und ja, das ist auch nicht einfach und sicher nicht für jeden das richtige), dem stehen trotzdem alle Wege offen, rumzuvögeln. Singles haben mehr Sex als Menschen in einer Beziehung, haben sie damals gesagt, und ich habe diese Statistik als Kind noch nicht verstanden, sie erschien mir paradox. Inzwischen ist das Teil der Normalität, die ich um mich herum wahrnehme. Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn „Single“ steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik.

Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: „Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!“ Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.

Es hat sich nun schon mehrfach wiederholt gezeigt: am meisten triggert es mich, davon zu erfahren, dass andere Menschen ein ganz spezifisches sexuelles Bedürfnis entwickeln können, und damit die Erfüllung des selbigen gleich einhergeht. „Ich fuhr zu ihr und dachte: wäre schon cool, wenn wir zwei mal Sex hätten. Und ja, es war richtig cool.“ „Ich hatte Lust, Dobule Penetration auszuprobieren, also fragte ich meinen Mann und meinen besten Freund und wir haben es am selben Abend gemacht.“ All diese Erzählungen, die alles zwischen Bedürfnis und Befriedigung auslassen, während bei mir ganze Universen dazwischen liegen, machen mich fertig. Manchmal lese ich sowas und bin für ein paar Stunden zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich nicht mehr aufhören kann zu hinterfragen, warum alle anderen Menschen in einer gänzlich anderen Realität leben als ich.

Aber damit nicht genug, es scheint auch noch einen starken Zusammenhang zu geben: wer wie ich als unfickbar gilt, hat eben nicht nur keinen Sex, sondern auch keine Beziehung und somit auch nicht die damit einhergehende Verbindlichkeit und alles andere, was damit einher geht.

Selbst meine Aufklärungsarbeit wird davon überschattet. Kinder fragen mich in der Schule: „Du bist lesbisch, das heißt, du bist mit einer Frau zusammen?“ oder „Du hast gesagt, du bist po- äh, pulimös? Wie heißt das nochmal? Also das mit den mehreren Beziehungen. Wie viele Freundinnen hast du denn?“ und ich sage immer „im Moment gar keine“. Aber eigentlich will ich manchmal sagen „Gar keine, also ich habe noch nie mehrere Freundinnen gleichzeitig gehabt und ich bin seit drei Jahren allein und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich für immer allein bleiben werde, und eigentlich sage ich am Anfang nur dass ich lesbisch und polyamourös bin, weil ich mir manchmal vorstelle, ich wäre ein ganz normaler Mensch, und wenn ich ein normaler Mensch wäre, der überhaupt jemanden abbekommen kann, dann wäre ich sicher auch lesbisch und polyamourös.“ Nein, das will ich natürlich nicht sagen, weil ich ein positives Beispiel sein will, ein „Role model“ für Kinder die selbst an sich zweifeln. Ich will zeigen: „Auch wenn du transsexuell bist, heißt das nicht, dass dich dann keiner mehr lieb hat“ aber so sehr ich es auch versuche, ich bin kein gutes Beispiel.  Oft denke ich, ich sollte nicht in Schulen gehen und die Aufklärung denen überlassen, die wirklich etwas positives erzählen können.

Und an sich weiß ich auch, dass meine Unattraktivität nichts mit meiner Transsexualität zu tun hat. Ich war als Mann schon scheiße. Ich habe mich äußerlich verändert. Ich kann inzwischen in den Spiegel schauen und gern hinsehen. Ich denke, ich bin hübsch, erfülle sogar eine ganze Reihe von weiblichen Schönheitsstandards. Aber „hübsch“ heißt nicht gleich „attraktiv“. Letzteres nämlich heißt „anziehend“, und ich ziehe Menschen nicht an. In meinem ganzen Leben gab es nur eine kurze Phase, in der sich sexuell attraktiv war: kurz nach dem Coming Out, noch vor der Hormontherapie, als ich durch Kleidung und Styling eindeutig weiblich war, aber meine Gesichtszüge noch deutlich männlicher als jetzt. Zu den Zeitpunkt haben sich eine Menge von Männern für mich interessiert, sie haben mir sehr eindeutige sexuelle Avancen gemacht und gingen grundsätzlich davon aus, dass ich eine Prostituierte „im Dienst“ wäre. Die Zeiten sind vorbei, und ich kann nicht wirklich sagen, dass ich deshalb traurig wäre. Es gibt mir lediglich einen Referenzpunkt zu dem ich jeden den Kontrast sehen kann, den es bedeutet, jetzt für niemanden mehr attraktiv zu sein.

Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht anders als andere Menschen, und dass ich sexuell nicht existent bin, ist einfach ein Zufall und macht keine Aussage über meine Menschlichkeit. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich ja auch offenbar nichts an mir ändern kann. Vielleicht sind es die Pheromone, die über die Anziehung zwischen Menschen entscheiden, und ich habe halt keine, oder meine sind einfach scheiße. Dann erscheint mir alles ausweglos, weil ich kann’s ja nicht beeinflussen.

Ein andern mal denke ich, ich habe tatsächlich Eigenschaften an mir, die mich für Sexualität und Partnerschaft unbrauchbar machen, die ich aber auch ändern könnte. Vermutlich müsste ich vieles an mir ändern, vielleicht alles. Dann geht es mir auch schlecht, und ich bekomme riesige Angst vor den offenbar notwendigen Veränderungen. Denn ich mag mich eigentlich, wie ich bin, und auf den nicht-sexuellen und nicht-partnerschaftlichen Ebenen mögen auch andere mich. Vielleicht kann ich mich auf eine Weise verändern, auf die ich zwar als Sexobjekt tauge, aber bin dann kein Mensch mehr, der sich selbst mag.

Am häufigsten fürchte ich, die einzige Veränderung, die mir mir einen sexuellen Wert geben könnte, wäre, dass ich meine Skrupel ablege und zu einem aufdringlichen, übergriffigen Menschen werde, der die Grenzen anderer nicht wahrnimmt, oder sogar ganz bewusst überschreitet. 90% der sexuellen Anbahnungen die dich sehe, höre oder lese, sei es nun in der Fiktion oder in realen Begebenheiten in meinem Umfeld, kann ich nicht von Grenzüberschreitungen unterscheiden, die restlichen 10% sind romantische Magie, die mir nie widerfährt. Nein, das kann ich so auch nicht sagen. Zweimal dachte ich, es ereignete sich bei mir eben so ein magischer Moment der konsensualen Sexualität. Das eine mal wurde ich kurz später vergewaltigt, das andere mal hatte ich vier Monate lang das Gefühl, ich hätte jemanden vergewaltigt. Und ich darf euch mitteilen: beides fühlt sich beschissen an, aber letzteres war 100 mal schlimmer. (Inzwischen weiß ich, dass ich wohl nichts falsch gemacht habe, und es der anderen Person damit nicht schlecht ging, aber der Schrecken bleibt.) Zumindest kann man sich nun vorstellen, warum es für mich ganz und gar nicht in die Tüte kommt, mich charakterlich so zu verändern, dass ich aggressiv und grenzüberschreitend auf andere Frauen zugehe und emotionalen Widerstand körperlich breche.

Der andere Ausweg wäre also, mich mit meiner Situation als ewiger Single abzufinden, und dafür zum Selbstschutz alle Einflüsse zu meiden, die mir vor Augen führen, dass ein normaler Mensch mehr verdient hat. Das hieße z.B., keine BDSM-Playparties mehr zu besuchen, mein Konto bei FetLife zu löschen, am besten auch das bei Lesarion und OkCupid, mir keine Serien und Filme mit sexuellen Inhalten mehr anzuschauen, die ganzen spannenden Bücher aus der Frauenbibliothek nicht mehr zu lesen, nicht mehr zum Polystammtisch zu gehen und in letzter Konsequenz, meinen gesamten Freundeskreis zu verlassen. Absolut indiskutabel.

Die am ehesten erst gemeinte Alternative, über die ich manchmal nachdenke: ich denke, ich werde irgendwann bald einmal eine Psychotherapie beginnen, die mich hoffentlich lehrt, wie ich auch als ewiger Single halbwegs glücklich sein kann, selbst wenn um mich herum Pärchen und Mehrchen sind.

Abschließend möchte ich sagen: ja, das verfolgt mich schon länger und ich habe mich bisher nie getraut, das so direkt im Blog anzusprechen, denn „Unzufriedenheit mit dem Single-Sein“ ist eines der letzten großen Tabu-Themen. Die, die darüber berichten, sind oft ganz besonderem Spott und Hohn ausgesetzt, insbesondere, wenn es Männer sind. Würde ich zu diesem Zeitpunkt noch als Mann leben, dann würde ich mich auch nicht trauen, das hier zu veröffentlichen, auch wenn mir nicht wirklich klar ist, wie meine weibliche Geschlechtsrolle das jetzt irgendwie besser macht.

Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? „Nicht nötig!“ heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, „homonormativen“ Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der „Richtung“ nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie „bisexuell und asexuell“ gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als „biromantisch und asexuell“ oder eben „bisexuell und aromantisch“ bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. „Nein, nur demisexuell.“ war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan „Das ist bei mir aber auch so“. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht „In the closet“.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich „Gleichgesinnte“ finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das „Recht“ dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das „Recht“ haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie „normaler“ Sex und „normale“ Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Selbstfürsorge ist für alle gut

Bloggen wird in letzter Zeit immer schwieriger, und das nicht nur *obwohl* so viel spannende Dinge passieren, sondern gerade deswegen. Ich wollte nun eigentlich einen Gesamtüberblick über diese Themen geben und auch 3-4 davon kurz eingehen.

Stattdessen ist ein Text über Selbstfürsorge und persönliche Beziehungen entstanden. Das wird schon seine Gründe haben, auch wenn ich selbst gerade noch nicht weiß, warum gerade das nun dabei raus gekommen ist, schließlich war das ursprünglich nicht mal Teil der langen Themenliste.

Vernetztheit von Themen und Gedanken

Ich habe derzeit 17 Einträge in meiner Blog-Todo-Liste. Das ist gar nicht so viel mehr als sonst. Normalerweise liegen diese Themen da einfach herum, warten darauf, dass ich mir eins aussuche, um es zu bearbeiten, und dann gibt es einen neuen Blogpost.

Derzeit warten diese Themen aber nicht. Sie schwirren in meinem Kopf herum, in meinem Herzen, in meinen Alltagsgesprächen, in meinen Träumen. Die Bereiche sind vernetzt und wollen gar nicht getrennt werden, sondern alle zusammen in irgendeinem größeren Kontext bleiben.

Das Private ist politisch

Dass ich viel Nachdenke und Ist-Zustände kritisch hinterfrage ist nicht ja nun schon seit einiger Zeit so. Manche der aktuell heißen Themen wirken sehr privat und persönlich, andere haben auf den ersten Blick eine eher politische oder gesellschaftliche Dimension. Aber trennen lässt sich das eh nicht. Fast schon zu platt, jetzt „das Private ist politisch“ zu zitieren, oder?

Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen

Es gibt aber bei mir derzeit gewisse egozentrische Tendenzen. Viele Fragen betrachte ich aus einer sehr ich-bezogenen Perspektive. Dabei ist Egozentrik nicht gleich egoistisch. So verschiebt sich mein Denken von „Was kann die Gesellschaft tun, damit es allen Teilen der Gesellschaft gut geht.“ mehr zu „Was kann ich tun, damit es mir und den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.“ Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen. Ich will nicht sagen, dass der eine Ansatz besser ist als der Andere, und letztlich glaube ich, beide müssen Hand in Hand arbeiten für eine bessere Welt.

Ich glaube inzwischen, wir Menschen haben kollektive, soziale und individuelle Verantwortungen, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Das heißt für mich, mein Handeln muss das Ziel haben, dass es allen gut geht, insbesondere aber denen, die mir nahe sind, und mir selbst. Es ist nicht immer leicht, alles drei zu erreichen, und je größer der Fokus, desto kleiner die reale Veränderung, die eins bewirken kann.

Die Unsichtbarkeit globaler Handlungen

Wenn ich mich für ein Thema einsetze, meine Stimme bei einer politischen Wahl oder parteiinternen Abstimmung gebe, mein Konsumverhalten bewusst anpasse, etc. kann ich nicht erwarten, die Konsequenzen direkt zu sehen, messen zu können, einen Dank oder einen Vorteil davon zu erhalten. Ich brauche einiges an Abstraktionsvermögen und Gedankenspielen, um mich davon zu überzeugen, dass das nun notwendig und zweckmäßig fürs Gesamtwohl war. Aber dennoch glaube ich, wenn wir alle in unserem globalen Handeln bewusster vorgehen, hat das globale, sichtbare, weitreichende Konsequenzen.

Ich bewundere Menschen, die rund um die Uhr enthusiastisch und mit voller Power auf diesem Level operieren. Individuell kann das auch mal ganz kur in Vergötterung, Ehrfurcht, und Mindwertigkeitskomplexe eskalieren, aber auch in Sorge und Mitleid, weil ich mich frage, ob diese Altruist_innen wirklich glücklich sein können, ohne sich mal Zeit für sich selbst zu nehmen.

Für mich habe ich herausgefunden, dass mein Altruismus – und vorallem meine Frustrationstoleranz – nicht ausreicht, um vorwiegend auf dem Level zu arbeiten. Vielleicht muss es auch heißen „noch nicht“, denn ich denke ja, dass ich permanent im persönlichen Wachstum bin und nur weil ich etwas jetzt nicht kann, heißt das nicht, dass ich es nicht immer mal wieder probieren sollte.

Die Grenzen der Fremdfürsorge

Von der Erzählweise her müsste jetzt ein Abschnitt folgen, indem ich darüber berichte, ob bzw. wie ich mich stattdessen um Menschen in meinem Umfeld kümmere, wenn schon das gesamtgesellschaftliche Engagement nicht mein Ding ist. Auch das ist aber nicht so einfach.

In den letzten Monaten habe ich eine sehr schwierige, schmerzhafte Erfahrung gemacht. Nämlich, dass das positive Engagement für eine Person im nahen persönlichen Umfeld negative Gesamteffekte haben kann. Wenn’s schief läuft, geht es der anderen Person danach immer noch schlecht, aber zusätzlich auch mir so schlecht, dass ich anderen zur Last falle und es denen aus lauter Sorge um mich auch noch schlecht geht.

Und es lief sehr schief. Ich war in einer Lose-Lose-Situation, in der jede Handlungsoption schlecht war, und ich glaube, ich habe die gewählt, die am wenigsten schlecht war. Konkreter möchte ich hier gar nicht werden, was die eigentliche Situation angeht. (Wer mich persönlich kennt, weiß entweder schon, wovon ich rede, oder wird das beizeiten noch erfahren.)

Aber ich habe daraus die Lehre gezogen: Jede_r ist in aller erster Linie für’s eigene Wohl verantwortlich. Und jede_r ist Spezialist dafür, was er_sie gerade braucht.

Besser, A kümmert sich erfolgreich um A und B kümmert sich erfolgreich um B, als dass A und B sich erfolglos gegenseitig umeinander kümmern.

Zeit für Selbstfürsorge

Sich selbst zu lieben, zu mögen, wertzuschätzen, und eine grundlegende Zufriedenheit mit sich zu haben, ist nicht leicht, aber es ist wichtig. Wenn ihr ihn nicht schon sowieso kennt, muss ich an der Stelle unbedingt auf den Text „Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie“ bei dontdegradedebsdarling verweisen. Los, lesen! 🙂

Es gibt dieses Sprichwort „Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben / kann von anderen geliebt werden.“ sowie diverse Abwandlungen davon. Ich würde das gerne verallgemeinern zu

„Nur wer (mit) sich X, kann anderen Menschen dabei behilflich sein,  X zu tun.“

Und für X lässt sich dann einiges einsetzen, z.B. (die kursiven Einträge habe ich erst nachträglich eingefügt):

  • lieben
  • verstehen
  • zufrieden sein
  • sich entwickeln
  • klarkommen
  • Verantwortung übernehmen
  • ehrlich sein
  • guten Sex haben

Ich beschäftige mich wieder sehr viel mehr mit meinen ganz persönlichen Wünschen, Ängsten, Gefühlen, Grenzen, Gedanken.

Aber die Beschäftigung allein ist nicht alles. Der erste, grundlegende Schritt ist, diese Emotionen überhaupt zuzulassen. Beispielsweise habe ich mir in den letzten Jahren mehr oder weniger verboten, mich zu verlieben, und entsprechend lieblos war mein Leben.

Gefühle wieder zuzulassen, kann zu Beginn ein sehr rationaler Prozess sein. Ab einem gewissen Punkt ist es dann nötig, die Rationalität in den Hintergrund treten zu lassen.

Das Negative ist positiv

Da geht es nicht nur um flauschig-fröhliche Glückseligkeit und unbegrenzte Fröhlichkeit. Ich habe in der letzten Zeit auch (aber nicht nur!):

  • geweint
  • vermisst
  • (mit)gelitten
  • mich für Fehler verurteilt
  • mich verletzt gefühlt
  • Unsicherheiten durchlebt
  • mir Sorgen gemacht

Aber ich habe endlich wieder Wege gefunden, mit diesen (sogenannten) negativen Gefühlen positiv umzugehen. Ich sehe das derzeit als Zeichen dafür, dass ich lebe, dass ich fühle und ein Mensch bin. Das sind Dinge, die ich leider nicht immer in meinem Leben von mir sagen konnte.

Das Persönliche ist inter-persönlich

Und ich kenne tolle Menschen, die das ähnlich sehen, die sich freuen, wenn ich meine Gefühle – egal ob positiv oder negativ (oder beides in einem) – mit ihnen teile. Mit denen ich zusammen Mensch sein darf.

Indem ich mich öffne, zeige ich anderen auch, dass sie sich mir gegenüber öffnen können. Und das wirkt.

Endlich wieder engere Beziehungen zu anderen aufzubauen sehe ich als direkt verknüpft damit, wieder eine enge Beziehung zu mir selbst zu führen. Die Zeit, die ich derzeit darein stecke, mich mit mir selbst zu beschäftigen und an meiner eigenen Zufriedenheit zu „arbeiten“, kommt auf Dauer nicht nur mir zugute.

Gefühle und Gedanken im Einklang

Am besten läuft’s für mich, wenn weder meine Emotionen noch meine Gedanken ein Monopol oder gar eine Diktatur über mein Handeln haben. Ich lege viel Wert darauf, dass beides im Einklang miteinander liegt.

Das hat mehrere positive Auswirkungen:

  • Es hilft mir, meine Gefühle in Worte zu fassen, und mir selbst erklären zu können, wo sie herkommen und wo sie hinführen mögen.
  • Das hilft mir wiederum, tiefgründige Gespräche mit anderen darüber führen zu können.
  • Sowohl Gedanken als auch Gefühle können sich manchmal „verhaken“, das heißt, an einem bestimmten Punkt nicht weiter komme, obwohl eigentlich noch eine bestimmte Entwicklung bevorstehen würde. Der Austausch zwischen beiden kann Bewegung darein bringen.
  • Ich bin anderen Gegenüber verpflichtet, mit meinen Gefühlen verantwortungsvoll umzugehen. Das kann nur klappen, wenn ich meine Gefühle verstehe. Dazu ganz toll: diese Textserie (Teil eins, zwei und drei) von Esme Grünwald.
  • Es trainiert auch, die Gefühle anderer besser zu verstehen.

Nur eine Phase?

Gefühle und Emotionen beschäftigen mich derzeit sehr, und das nimmt Zeit und Raum ein, welche ich vielleicht anderswo einsetzen sollte / wollte. Aber ich sehe das auch als eine befristete Phase der Umgewöhnung. Es ist ja nicht so, dass diese Emotionalität etwas komplett neues, unbekanntes für mich wäre. Es ist nur eine Weile her, dass ich das letzte „so“ war. Diese Meta-Beschäftigung damit wird vorüber gehen. Das heißt nicht, dass ich in naher Zukunft keine Gefühle mehr haben werde oder nicht mehr darüber sprechen werde, aber die Tatsache, dass es so ist, wird mich dann nicht mehr so verwundern.

In meinem Kopf wird wieder etwas mehr Ordnung eintreten. Themen und Gedanken werden sich wieder trennen lassen, so dass ich einzelne Punkte aus meiner Blog-Todo-List abarbeiten kann. Und es wird mehr Zeit bleiben, um mich mit anderen und mit der Gesamtgesellschaft zu beschäftigen.

Fazit: die Fürsorgepyramide

Für mich besteht eine gewisse Fürsorgepyramide. Mich um mich selbst zu kümmern ist Grundvoraussetzung dafür, bedeutungsvolle Bindungen zu den Menschen in meinem Umfeld zu haben. Und diese Bindungen wiederum können eine gute Basis für größere Vorhaben sein.

Jeder Mensch ist anders, und ich möchte nicht sagen, dass diese Pyramide für jeden gültig, richtig und zwingend ist. Aber ich glaube, wer sie gleich als egoistisch und unethisch abtut, läuft Gefahr, die Selbstfürsorge zu vernachlässigen und damit letztlich das Potential zu verlieren, für Freund_innen und den Rest der Welt da zu sein

Geschlechtliche Normierung von Freund*innenschaften

Ich hab’s ja kürzlich in meinem Poly-Coming-Out schon angekündigt: ich muss mal reflektieren, was Freund*innenschaften und Partner*innenschaften für mich bedeuten und wie weit da überhaupt eine Unterscheidung sinnvoll ist. Und ich merke, das ist nicht nur für mich ein Thema. In meinem Umfeld beschäftigt das viele Menschen, unabhängig davon, ob diese sich als Poly einordnen oder nicht. Daher denke ich, das Thema lässt sich auch ein Stück weit getrennt von Polyamorie betrachten, auch wenn ich – natürlich 🙂 – am Ende der „Serie“ wieder den Bogen dazu schlagen werde.

Fortsetzung einer Serie

Im letzten Post lag der Fokus etwas mehr auf dem, was gemeinhin als Partner*innenschaft angesehen wird, und nun soll’s bei etwas mehr um die freundschaftliche Seite gehen – stets unter der Einschränkung, dass ich da ja eh keine undurchdringliche Grenze sehe. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass daraus noch mindestens drei Blogposts werden:

  • Den eher trocken-theoretischen dazu, welche (geschlechtlichen) Normierungen von Freund*innenschaften ich wahrnehme – das ist also genau dieser Post hier.
  • Der zu meinen konkreten vergangenen Erlebnissen mit Freund*innenschaften und Partner*innenschaften und all dem, was da so dazwischen liegt aber scheinbar nicht liegen durfte – folgt später.
  • Und dann den locker-hoffnungsvollen dazu, was ich mir für meine Freund*innenschaften in Zukunft wünsche, aber auch dazu, was mir da gerade noch alles im Wege steht – folgt auch später.

Kurz vorweg: das mit den Stern*chen

Ich benutze generell kein Sternchen im Zusammenhang mit Frau* oder Männern*, etc. Kürzlich gab’s eine interessante Twitterdebatte dazu, wie dieses Sternchen, das eigentlich nicht-cis- oder nicht-binäre Personen einschließen soll, diese doch eher ausschließt. Keine endgültig geklärte Sache, aber hier erst mal egal, denn:

Bei den Worten „Freund*innenschaft“ und „Partner*innenschaft“ steht das Sternchen – meiner Meinung nach – dafür, sämtliche Kombinationen aus weiblichen, männlichen und ggf. sonstigen Teilnehmer_innen zu bezeichnen. Wo ich ausdrücklich nur solche zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern meine, erübrigt sich damit auch dieser Begriff und „Freundschaft“ oder „Freundinnenschaft“ reicht aus.

Freund*innenschaften unterliegen Normen

Mir wurde bei den Überlegungen der letzten Tage klar, dass nicht nur Partner*innenschaften normiert sind, sondern genauso auch Freund*innenschaften. In aller erster Linie richten sich diese Normierungen nach dem (sozialen) Geschlecht, und so widmet sich ein Großteil dieses Textes den bestehenden Normierungen, so wie ich sie wahrnehme. Das ist jetzt nicht gerade das wichtigste, und spannendste, was mir zu all dem einfallen könnte, aber irgendwie muss es gesagt werden, entstand zumindest als nicht-enden-wollendes Vorwort zu etwas anderem, was ich unbedingt sagen möchte.

Manches davon ist überspitzt, fast nichts davon ist in Beton gegossen. Das heißt, auch bevor irgendwer emanzipatorische Texte darüber schrieb war das immer schon möglich, viele dieser Normen zu ignorieren. Aber dennoch spreche ich ihnen Wirkung zu. Ich hoffe, ich kann das alles jetzt hier benennen, ohne damit selbst total verbohrt und altmodisch zu wirken…

Die (beste) Freundin

Es gibt so ein gesellschaftlich geprägtes Bild davon, wie Mädchen / Frauen mit ihrer jeweils besten Freundin umgehen. Das ist ein tolles Bild, denn es enthält so viel Nähe, Vertrauen, gegenseitige Stärkung und Offenheit, Verlässlichkeit. Viele Sprichworte und Erzählungen legen nahe, dass diese Verbindung sogar noch stärker und bedeutsamer ist als die zwischen (heterosexuellen) Liebespartnern. Gerade für Mädchen und junge Frauen ist das auch empowering: Männer sind nicht zwingend der Mittelpunkt der (weiblichen) Welt. Einer der Gründe, weshalb ich „My Little Pony: Friendship is Magic“ so liebe.

Natürlich ist auch das Bild der besten Freundinnen teilweise problematisch: Es geht oft von Symmetrie aus (wenn A die beste Freundin von B ist, muss B auch die beste Freundin von A sein), und das beschränkt sowohl die Freiheit von A und B untereinander, als auch die möglichen Freund*innenschaften zu dritten. Das heißt, obwohl Sexualität keine Rolle spielt, werden pärchennormative Vorstellungen von Exklusivität und Eifersucht auch auf beste Freundinnen projiziert. Insofern diese Vorstellungen natürlich und angeboren sind, ist es nur richtig, sie auch dort zu thematisieren, aber wer sagt schon, dass sie es immer sind? Ich denke, sowohl in Partner*innenschaften als auch in Freund*innenschaften ist vieles davon anerzogen.

Immerhin können Mädchen ja nicht nur „beste Freundinnen“ sein sondern auch einfach „nur Freundinnen“, und das hebt viele dieser Probleme vielleicht wieder auf, insofern da nicht wieder äußere Umstände eine zwangsweise Zuordnung in eine dieser Kategorien erzwingen.

Kumpels, Bros und Freunde

Die Freundschaften zwischen Jungen / Männern sind generell anders normiert. Soweit ich das überblicke, sind hier (sowohl im gesellschaftlichen Idealbild, als auch in der Lebensrealität) Exklusivität und Symmetrie weniger erzwungen, auf den ersten Blick ist alles viel lockerer. Aber ich glaube auch, es bestehen hier sehr enge Schranken dessen, wie viel Nähe (insbesondere körperlich) „erlaubt“ ist, um nicht als schwul zu gelten – wobei schwul „natürlich“ gleich als schlimmste denkbare Abwertung her hält. Das ist vielleicht in den letzten Jahren auch lockerer geworden, seit so Begriffe wie „Bro-Love“ kursieren. Ähnlich wie bei „besten Freundinnen“ findet hier „empowerment“ (etwas schwieriger Begriff bei einer privilegieren Gruppe) und Abgrenzung statt, z.B. in Form von „Bros before Hoes„. So gerne ich auch Konzepte loben würde, die Freundschaften gegenüber Partner*innenschaften aufwerten… über die Kackscheiße, die dieser plakativen misogynen Abwertung und Sexualisierung von Frauen durch den Begriff anhaftet, brauchen wir ja wohl nicht diskutieren. (Kennt eine_r einen unproblematischen Begriff für das selbe Konzept?)

The radical notion of Cross-Gender-Friendship

Und dann ist da noch das mit den „Cross-Gender-Friendships“, also Freund*innenschaften zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts. Ich muss mich ja fast schon freuen, dass diese inzwischen überhaupt als existent angesehen werden und breite Akzeptanz finden – laut der Wissenschaft ist dies ein extrem junges soziales Phänomen, also erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt so möglich (siehe dazu z.B. diese Studie zu „Attraction in cross-sex friendship“, die interessante Aussagen enthält, die ich aber nicht unbedingt alle unterstützen würde). Für mich ein komischer Gedanke, der Mitleid mit meiner Eltern- bzw. Großeltern-Generation aufkommen lässt. Die haben viel verpasst. Doch was auch heute noch an Normierung in diesen Freund*innenschaften vorherrscht stößt mich ab.

Da ist dieses gesamte Friendzone-Konzept, das darauf abzielt, dass eine Freund*innenschaft zwischen Mann und Frau keinen eigenen Wert hat, außer die Vorstufe eine späteren Partner*innenschaft zu sein – bzw. in dem Fall, dass so eine Partner*innenschaft seitens der Frau unerwünscht ist, sogar einen negativen Wert haben könnte. Für mich ein völlig verquastes Denken, von dem ich nicht weiß, wie viele oder weniger Männer tatsächlich so denken und fühlen. Aber egal wie viele es sind, ich habe die Auswirkungen dieses Mindsets auf meine eigenen Freund*innenschaften gespürt. Sätze wie „Männer und Frauen können nicht einfach nur Freunde sein“ sind außerdem auch im Jahr 2013 noch an der Tagesordnung. Das wertet nicht nur Freund*innenschaften gegenüber Partner*innenschaften ab, es ist außerdem total heterosexistisch. Was sollten ein schwuler Mann und eine Lesbische Frau denn sonst (primär) aneinander finden als  eine Freund*innenschaft?

Dabei ist das – auf einer ganz bestimmten Ebene – gar nicht so weit weg von meiner Herangehensweise daran. Insofern ich denn zwischen Freund*innenschaft und Partner*innenschaft unterschieden habe, war Partner*innenschaft sowieso eine Erweiterung davon, und insofern war es für mich völlig normal, dass sich irgendwann eine Partnerin in der Menge meiner Freundinnen hervortun würde. Aber unabhängig davon hat doch jede Freund*innenschaft ihren ganz eigenen Wert, der doch auch sehr nah am Wert einer Partner*innenschaft liegen kann.

Cross-Gender-Friendships in unfreiwilliger Konkurrenz zu Partner*innenschaften

Hinzu kommt, dass diese Cross-Gender-Friendships auch dahingehend begrenzt sind, wie intensiv sie werden können, ohne zur Partner*innenschaft gelabelt zu werden (haha, wie egal mir das ist!) oder als Gefahr für die RZBs der beteiligten gesehen werden (Ups, doch nicht egal!). Für letzteres liegt die Schwelle doch erstaunlich niedrig, was gerade denn bewusst wird, wenn (mindestens) eine_r von zwei Freund_innen plötzlich in einer RZB mit wemanders ist:

  • Zusammen auf der selben Couch liegen und einen Film schauen? Dürft ihr nicht mehr!
  • Euch regelmäßig zu zwei treffen? Mööp! Sollt ich auch nicht!
  • Über Dinge sprechen, über die nicht auch mit der Partnerin gesprochen wird? Geht natürlich nicht!

Viel bleibt da nicht mehr von der Freund*innenschaft. So unterliegen dann Freund*innenschaften plötzlich ganz konkreten Beschränkungen, die aus Parner*innenschaften entspringen, und damit sogar Menschen betreffen, die selbst Single sind. Und ich habe das Gefühl, dass diese Beschränkungen – zumindest im üblichen heteronormativen Kontext – nur Cross-Gender-Friendships betreffen und somit benachteiligen.

Sind geschlechtlich normierte Freund*innenschaften nun gut oder schlecht?

Für mich war es die meiste Zeit meines Lebens ein großes Problem, wie Freund*innenschaften gegendert sind, weil ich eben falsch gegendert wurde. Wenn ich mich nun mal nach „typischen“ Mädchen-zu-Mädchen-Freundinnenschaften gesehnt habe, war es wenig hilfreich, als Junge gelesen zu werden. Natürlich war das unglaublich frustrierend zu spüren: die Art von Freund*innenschaft, die du suchst, kannst du nicht haben, weil das nur für Mädchen erlaubt ist und du gerade keins bist.

Problematisch daran ist ja auch, dass ich es keiner einzelnen Person übel nehmen kann, wenn sie mit mir nicht befreundet sein will. Das Prinzip ist mir sehr wichtig, aber somit fehlte mir auch irgendwo die Projektionsfläche für daraus resultierende Wut und Frustration.

Interessanterweise hat das mit der „Mädchen-Freundinnenschaft“ zwischendurch trotz aller unerfreulicher Geschlechtszuweisung ab und zu geklappt, aber das ist Thema für einen eigenen – zu Beginn bereits angekündigten – Eintrag.

Und letztlich ist da ja auch ein Unterschied ob ich sage „ich wünsche diese und jene Form von gegenderter Freund*innenschaft, einfach, weil ich so fühle“ oder ob eine ganze Gesellschaft diese Normen quasi-verbindlich mit der Gießkanne über alle ausschüttet, ob sie nun wollen oder nicht.

Ob wir nun insgesamt die Defintionen der Geschlechter lockern (so dass Jungen sich auch mal mädchenhaft verhalten, und Mädchen auch mal jungenhaft, um es mal ganz „vorsichtig“ zu formulieren) oder die Defintionen der Freund*innenschaften (so dass z.B. die enge Verbindung, die derzeit nur zwischen besten Freundinnen geduldet wird, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten akzeptiert wird) sind wohl letztlich nur verschiedene Sichtweisen des gleichen Lösungsansatz. Denn ich glaube ja (auch wenn ich das wohl nie zuvor so konkret geäußert hatte) dass bestimmte „Geschlechterunterschiede“ eine nicht-konstruierte Basis haben, deren Auslöschung ich weder für möglich noch erstrebenswert halte. Vielmehr würde es wohl reichen, auf Fremdzuschreibungen und (scheinbar) harte Regeln zu verzichten und jeden Menschen primär entsprechend seinen Gefühlen und Wünschen handeln zu lassen.

Von Datensätzen, Tweets, Objekten, Menschen, Gefühlen, Verletzungen und Schicksalen

In den letzten 20 Stunden habe ich mich in einer Weise mit #aufschrei beschäftigt, die mir nun mit etwas Distanz merkwürdig vorkommt. Ich möchte gerne etwas richtig bzw. klar stellen.

Wer mir oder dem Hashtag #aufschreistat folgt, oder auf der Mailingliste mit liest, hat sowohl von mir als auch von anderen in dem Zusammenhang Worte wie cool, geil, juhu, Spaß, ect. gelesen. Wir waren damit beschäftigt, die Tweets geordnet zu sammeln, und jeder Tweet, der unsere Sammlung vervollständigt hat, war somit ein Erfolg.

Doch bei #aufschrei geht es in jeder Hinsicht um Negatives. Entweder erzählen Menschen von Ungerechtigkeit, Leid, Demütigung und Gewalt, die sie erfahren haben.  Oder Menschen teilen ihre Empathie, ihre Schuldgefühle, ihre Scham oder ihre Hilflosigkeit demgegenüber mit. Noch andere ignorieren dies, rechtfertigen es, machen sich darüber Lustig oder üben ganz direkte verbale Gewalt aus. Was auch immer davon der Inhalt sein mag, ein #aufschrei-Tweet ist per Definition niemals erfreulich.

Die Arbeitsweise hat es bedingt, dass wir hier mit Programmcode arbeiten, mit Datenbankschemata, API-Aufrufen, Objekten, etc. Die Inhalte der Tweets waren zwar sichtbar, aber liefen zu hunderten pro Sekunden über meinen Bildschirm. Da gab es für mich – ausnahmsweise – mal keine Inhalte, keine Emotionen, keine Menschen und Schicksale.

Wenn es so weitergeht wie es uns derzeit vorschwebt, kommen am Ende viele Ergebnisse heraus. Zuallererst fallen da Zahlen ein, nicht nur die Gesamtzahl der Tweets, sondern auch, dass in über 620 davon das Wort „Lehrer“ vorkommt, aber nur in 23 das Wort „Pfarrer“ oder „Priester“. Prozentsätze, Durchschnittswerte, Alterscluster, was weiß ich..?

Dann kommen Kategorien heraus. Alle Berichte über nicht-einvernehmliches Küssen auf einmal. Alle über das Absprechen von Fähigkeiten. Alle über Missbrauch innerhalb der Familie. Diese Kategorien lassen sich zählen und stellen somit wiederum harte, numerische Fakten dar. Aber die zugehörigen Berichte lassen sich dann auch einsehen, die Inhalt wird dann in ganz besonderer Wucht wahrnehmbar werden. Ohne die umgebenden „eher harmlosen“ Tweets, ohne die Diskussions- und Dabattiertweets, ohne die Meta-Aussagen, ohne Trollerei und Verneinung können diese Mengen an Texten eine Intensität erreichen, die für viele Leser_innen vermutlich nicht mehr erträglich ist. Aber gleichzeitig können Sie evtl. einige Menschen erweichen, die #aufschrei jetzt noch für einen Witz oder Hysterie halten.

Letztlich erhoffe ich mir von diesem Projekt also, zwei entgegengesetzte Auswirkungen: mehr geballte Fakten und mehr geballtes Gefühl. Für jeden Rezipienten, für jede Situation, für jede Verwendung in den Medien jeweils das, was gebraucht wird.

Ich denke, es wird daraus klar, dass die Distanzierte, ja geradezu euphemistische Betrachtung der Tweets als bloße Datenpakete nicht darauf hindeutet, dass ich oder sonst jemand die Lage nicht ernst genug nimmt. In den nächsten Tagen werde ich mich wieder sehr vermehrt den Inhalten, den dahinter stehenden Erfahrungen und Empfindungen beschäftigen. Mein Sprachgebrauch wird dabei sicher weniger euphorisch sein.

Erstaunlicherweise hat auch noch niemand diese potentielle Problematik beanstandet, aber es war mich wichtig, das am besten schon zuvorkommend klarzustellen. Damit ich jetzt endlich auch beruhigt zu Bett gehen kann.

#aufschreistat – Statistische Analyse des Aufschreis

Wichtig: Projektkoordination

Trotz der frühen Phase gab es jetzt schon mehr Hilfsangebote, als ich im Kopf behalten kann, und die Kommunikation über Twitter ist, nunja, schwierig. Hier ein paar Links:

Ich selbst komme vor 20 Uhr (Dienstag) nicht dazu, weiter zu koordinieren, etc. – habt bitte etwas Geduld, oder – noch besser – organisiert euch ein wenig untereinander. Danke!

Warum überhaupt auswerten?

Zur Hashtag-Aktion #aufschrei ist viel wahres, kluges und vor allem emotionales geschrieben worden – siehe dazu z.B. die Blogposts, deren Verlinkungen ich in den letzten Tagen retweetet habe (für eine ordentliche Linksammlung hier fehlt mir gerade Zeit und Kraft). Ich stimme all dem nicht nur sachlich zu, sondern kann auch die darin beschriebenen Gefühle nachvollzielen, habe vieles davon in den letzten Tagen selbst so gespürt. Emotion gehört dazu und ist wichtig. Auch Emotionen stoßen Debatten an.

Aber diese Debatten kommen dadurch nicht unbedingt weiter. Dies ist keine Kritik an Emotionen, es ist der Versuch, diese durch sachliche Fakten und Analysen zu ergänzen, zu stützen und rational begreifbar zu machen.

Ich habe in den ersten 70 Stunden seit dem Beginn von #aufschrei mehr als die Hälfte jener Zeit mit dem Lesen der #aufschrei-Tweets verbracht und nur sehr viel weniger mit Schlafen. Soweit ich das abschätzen kann, habe ich fast alle #aufschrei-Tweets, die seit dem direkt in meiner TL landeten, gelesen. Das dürften etwa 1000 solcher Tweets gewesen sein, somit aber deutlich weniger als 2% aller #aufschrei-Tweets überhaupt. Damit habe ich keinen repräsentativen Überblick über alles, was aufgeschie(b)en wurde. Vermutlich hat kein Mensch auf der Welt das in diesem Moment.

Diverse klassische Medien haben #aufschrei-Tweets zitiert, und die jeweilige Auswahl schien zufällig (was ja immerhin repräsentativ ist) oder aus einem sehr kleinen Sample bewusst ausgewählt. Die Medien haben es damit nicht geschafft, die Menge, Vielfalt und Intensität des #aufschrei zu vermitteln.

Neben der Ursprungs-Aussageform – des Kurzberichtes über ein konkretes sexistisches Erlebnis – entstanden schon bald Meta-Aussagen, die versuchten, Verallgemeinerungen zu treffen. Auch ich habe mich darin versucht, erhielt Zustimmung durch Retweets und Kritik in Form von Antworten durch Menschen, die meine Aussage (wohl meist absichtlich) missverstanden. Aber letztlich waren das sowieso immer Aussagen über Momentaufnahmen meiner Filterbubble und somit ohne globale Bedeutung.

Nun möchte ich dazu beitragen, die Debatte auf das nächste Level zu erheben: den Blick auf die Gesamtproblematik, das Abwägen verschiedener Teildimensionen des Problems oder auch der Teilprobleme, und auf die neuartigen Erkenntnisse die nur durch eine solche Gesamtbetrachtung gewonnen werden können.

Ich denke nicht, dass der Erfolg der Aktion nach der folgenden Formel funktioniert: Tweeten -> sammeln -> statistisch anlysieren -> Erkenntnisse -> bessere Welt. Aber ich bin überzeugt, statistisch fundierte Erkenntnisse helfen dazu, dass die Aktion insgesamt erster genommen wird, dass die Debatte intensiver geführt wird, und letztlich, dass sie konstruktiver abläuft und konkretere Ergebnisse hat.

Technisches

Eine bedeutungsvolle Analyse geht nur mit technischen Hilfsmitteln, aber die allein reichen nicht. Vorausgesetzt, die mehr als 60.000 #aufschrei-Tweets lägen mir gebündelt vor – und das wird vermutlich bald der Fall sein – wären vollautomatische Auswertungen nur auf Wortebene praktikabel, z.B.: Wie oft kommt das Wort „Sportlehrer“ vor? (Vermutung auf Basis des bisher manuell gelesenen: extrem oft.) Allein die Einteilung in zustimmende Tweets vs. Versuche, die Aktion zu kritisieren, relativieren, ins Lächerliche zu ziehen oder einfach nur zu trollen, halte ich für so gut wie gar nicht automatisierbar. Und selbst damit würden wir nur an der Oberfläche der darin verborgenen Erkenntnisse kratzen.

Ich halte es für nötig, die Informationen aus den Tweets in eine „maschinenlesbare“ Form zu bringen. Das kann prinzipbedingt nicht von Maschinen erledigt werden. Mir schwebt dabei vor, den Tweets per Hand Tags zuzuordnen, welche sich danach auswerten lassen. Tags sind dabei semi-strukturierte Informationen, die einem losen Schema folgen. Dieses legt nahe, dass bereits vorhanden Tags identisch weiter benutzt werden, aber erzwingt dies nicht. Das ist wichtig, damit einerseits ähnliche Tweets mit gleichem Tag versehen werden, aber andererseits neu- bzw. andersartige Tweets, die neue Aspekte betreffen, nicht in ein starres, vorgefertigtes Raster gepresst werden.

Dazu braucht es Menschen, die das tun. Menschen, die all diese (teils schmerzvollen) Tweets nochmal aufmerksam lesen und kategorisieren. Das klappt nur, wenn viele Mitmachen. Und es brauch die Software, um diesen verteilten Aufwand zu koordinieren. Ich werde diese Software schreiben.

Ich möchte hier nicht zu technisch werden. Dies geschieht stattdessen auf der Projekthomepage „aufschreistat“ bei GitHub. Viel gibt es dort noch nicht zu sehen, die aktuelle Version kann nichts, außer Tweets in die Datenbank schreiben. Updates zur Aktuellen Entwicklung twittere ich außerdem unter dem Hashtag #aufschreistat.

Die eigentliche Auswertung gilt es dann noch zu klären. Vieles lässt sich direlt als SQL-Abfrage schreiben, vorallem da in der Datenbank fast alle Spalten indiziert sind, incl. Volltext-Index auf den Tweet-Inhalten. Für manche Auswertungen wird spezieller Java-Code nötig sein. Und dann könnte es auch noch Exporte der angereicherten Daten geben, die dann in professionelle Statistik-Software einfließen könnte.

Datenquellen

Die Daten direkt von Twitter zu erhalten ist nicht einfach. Derzeit sieht der Datenbestand wie folgt aus:

  • Freitag 00:00 bis Freitag 11:00 – fehlt
  • Freitag 11:00 bis Montag 11:00 – vollständig durch den Datensatz von Soviet.tv
  • Montag 11:00 bis Dienstag 01:26 – fehlt
  • Dienstag 01:26 bis Dienstag 03:27 – teilweise vorhanden
  • Dienstag 3:27 und danach – vollständig dank eigener Sammlung

Es gibt technisch die Möglichkeit, von Twitter bis zu 150.000 vergangene Tweets zu einem Suchkriterium zu erhalten, was allerdings eine spezielle Genehmigung durch einen hochrangigen Twitter-Mitarbeiter erfordert. Diese habe ich bereits per Mail angefordert, wobei ich versucht habe, die gesellschaftliche Bedeutung von #aufschrei zu erläutern. Hoffen wir mal, dass ein positiver Bescheid kommt, noch bevor die Anzahl der #aufschrei-Tweets 150.000 überschreitet.

Mitmachen

Im Moment ist mir bei der Software-Entwicklung kaum zu helfen – die Software ist noch in einem so embryonalen Zustand, dass eine kooperative Arbeit am Code praktisch nicht möglich ist. Aber das wird sich hoffentlich in 1 bis 2 Tagen ändern. Wie das dann genau aufläuft, wird sich zeigen – dies ist zugegebenermaßen das erste Mal, dass ich ein Open-Source-Projekt auf github leite.

Nachtrag 6:41: Wozu aber jetzt schon jede_r herzlich eingeladen ist: Vorschläge machen, welche Fragestellungen wichtig und interessant sind, die sich evtl. aus den Daten herausziehen lassen. Konkrete Vorschläge, welche Arten von Inhalten getaggt werden könnten. Weitere Wünsche, welche Funktionen die Software erfüllen sollte oder könnte. Alles, was dabei hilft, das grobe Konzept was mir derzeit vorschwebt so zu erweitern, dass nicht nur mein Wissensdurst durch die Ergebnisse befriedigt wird, sondern alle den Erkenntnisgewinn bekommen, den sie sich davon erhoffen.

Sobald die Software Form angenommen hat und nutzbar ist, braucht es viele viele fleißige, mutige Helferlein, die sich durch die Tweets durcharbeiten, sie lesen und mit Tags versehen. Um alle Tweets zu zu verarbeiten, bräuchten wir etwa 1000 Stunden an gespendeter Zeit, des entspricht 125 vollen Arbeitstagen. Ich weiß, so viel werden wir nicht bekommen. Aber damit die Ergebnisse repräsentativ werden, reicht es, wenn wir einen signifikanten Anteil davon verarbeiten – das Programm wird die Tweets in zufälliger Reihenfolge anzeigen, um einen repräsentativen Querschnitt abzubilden. Und das können wir schaffen.

Damit das möglich wird, muss das Projekt bekannt werden. Jetzt wäre es zu früh dafür, noch ist es ein Luftschloss. Aber in 1 bis 2 Tagen hoffe ich auch eine Menge Retweets und ähnliches.

Abschließendes

Mich hat die ganze Sache in den letzten Tagen sehr mitgenommen. Ich musste mich zwar nicht erbrechen und habe auch nicht im nennenswerten Maß geweint, aber das war’s auch schon, was ich positives über meinen Zustand sagen kann. Prinzipiell könnte ich viel anderes, nicht-technisches zu diesem Thema schreiben. Aber momentan versuche ich, meine Energie dahin zu kanalisieren, wo es nützlich ist und wo der Aktivismus derzeit unterrepräsentiert ist. Und das ist nun mal gerade #aufschreistat.

Ich hoffe, dass diese Aktion, zusammen mit all dem was andere im Rahmen von #aufschrei leisten, dazu beiträgt, dass die Debatte nicht vorschnell wieder abebbt. Ich wünsche mir einen Protest, der um ein vielfaches größer ist als das, was wir jetzt haben. Das mediale Echo der letzten Tage hat gezeigt, wer die Massengesellschaft repräsentiert und was diese angeblich denkt. Für mich war das schockierender als die durch #aufschrei aufgedeckten Übergriffe selbst, denn bis dahin konnte ich noch glauben, dass nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland offen sexistisch ist. Nun scheint es mir, als ob entweder eine absolute Mehrheit sexistisch motiviert ist – das schließt ausdrücklich auch Frauen mit ein – oder als wenn eine sexistische Minderheit es erfolgreich schafft, sich als Mehrheit zu präsentieren. So oder so ist das ein Zustand, den ich nicht kampflos hinnehmen werde.

Kämpfen, hieß in den letzten Tagen: lesen, hören und fernsehen schauen. Gelegentlich twittern. Kämpfen, das heißt jetzt gerade, Code schreiben und technische Blogposts verfassen. Kämpfen, das wird in den nächsten Tagen heißen, statistische Analysen durchzuführen und Aussagen abzuleiten, um damit viele zu überzeugen, die den #aufschrei noch für einen unnötigen und nervigen Kurzzeittrend halten.

Und dann wird Kämpfen hoffentlich für mich und tausende andere heißen: raus auf die Straßen, einen lauten und sichtbaren Protest veranstalten, der sich mit den monatelangen Studierendenprotesten von 2009 messen kann.

Meine Haltung zur Religion

Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz halten: Ich bin Atheistin.

Oder etwas ausführlicher: Ich bin nicht getauft, glaube an keine Form von Göttlichkeit, stehe der Kirche kritisch gegenüber und konnte kürzlich endlich feststellen lassen, dass ich nie Kirchenmitglied war und anders lautende Angaben lediglich Verwaltungsfehler waren. Ansonsten kann jede_r glauben, was er_sie will.

Aber so einfach ist das alles nicht. In Deutschland besteht Religionsfreiheit im positiven und negativen Sinne: ich kann frei wählen, welcher Religion ich angehöre, und ebenso, keiner Religion anzugehören. Was ich aber nicht kann: mein Leben führen, ohne ständig von Religion beeinflusst zu werden.

Ich finde den ganzen Themenkomplex schwierig. Auf einer politischen Ebene kann ich sagen: wir brauchen eine noch klarere Trennung zwischen Staat und Kirche. Vom Staat kann ich erwarten, nicht religiös zu sein.

Aber wie ist das mit einzelnen Personen? Ich kann mich absolut nicht darin hinein versetzen, wie es ist, religiös zu sein. Ich habe ein Stück weit verstanden, dass es für religiöse Menschen verletzend sein kann, in bestimmten Weisen über ihre Religion, ihren Gott oder ihre Glaubensgrundsätze zu schreiben, und es liegt mir eigentlich fern, Menschen zu verletzen.

Aber die beiden Themenbereiche (institutionelle und persönliche Religion) gehören zusammen. Der Staat ist religiös beeinflusst, da er von Menschen regiert wird, die ihre Politik durch religiöse Überzeugungen beeinflussen lassen. Auf der Ebene dazwischen gibt es auch noch Parteien, die einen direkten Religionsbezug sogar im Namen tragen. Da wird die Sache für mich problematisch.

Nüchtern betrachtet sind religiöse Überzeugungen genauso Überzeugungen wie jede andere auch. Ich werde in meinem Handeln – politisch wie unpolitisch – durch Überzeugungen beeinflusst. Überzeugungen können aus einer selbst heraus entstehen, oder angelernt sein, und meist gibt es da ziemlich viel Kontext der komplex auf eine einwirkt.

Mangels eigener Religiosität muss ich zur Veranschaulichung auf einen anderen Bereich ausweichen. Ich bin z.B. vom Feminismus beeinflusst, und obwohl es „den“ Feminismus als komplett einheitliche Bewegung nicht gibt, gibt es doch so ein gewisses Standardmodell dessen, was da alles mit drin steckt. Manche Überzeugungen hatte ich schon früher, und habe erst später im Feminismus wieder entdeckt. An anderen Stellen ist meine Überzeugung auch konträr zur gängigen feministischen Meinung. Teilweise wird es schwer abzugrenzen, ob ich eine bestimmte These vertrete weil ich Feministin bin, oder ob ich Feministin bin weil ich diese These vertrete. Aber viele „Glaubensgrundsätze“ habe ich auch einfach übernommen. Manches davon hätte ich auch kritischer hinterfragen können/sollen, teilweise bin ich gerade dabei. Kritik innerhalb der feministischen Szene und von außen wirkt indirekt auch auf mich ein. Somit vertrete ich meine ganz persönliche Variation des Feminismus, und das tut jede_r andere Feminist_in für sich genommen auch.

Und ich glaube, das ist in der Religion nicht viel anders. Da gibt es nicht „die Religion“, „das Christentum“ oder „die evangelische Kirche“ als homogene Glaubensgemeinschaft die in jeder Hinsicht gleich denkt, fühlt und entscheidet. Jeder gläubige Mensch hat seinen ganz eigenen Glauben.

Ich wüsste nicht, wie ich eine Politik betreiben könnte, bei der ich meine feministischen Überzeugungen komplett außen vor lasse, denn wie gesagt, kann ich die nicht klar von meinen „restlichen“ Überzeugungen abtrennen. Und letztlich sind ja alles „meine“ Überzeugungen, wenn ich mal das Label weglasse. Von einem Politiker, der außerdem auch religiös ist, eine Trennung seiner Politik von seiner Religion zu verlangen ist vermutlich ähnlich schwierig.

Letztlich erwarte ich von jedem Mensch aber, die ihm gegebenen Kräfte des Verstandes und der Empathie einzusetzen und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Grundsätze sind nach Möglichkeit zu hinterfragen und zu prüfen und nötigenfalls abzulegen. Ich kann nicht herum laufen und mir-nichts-dir-nichts Menschen schaden und hinterher sagen „Ich bin unschuldig! Der Feminismus hat mich dazu gebracht, ich musste es tun!“ Und gleiches gilt für religiöse Menschen. Wer aus religiösen Gründen Schlechtes tut, ist dafür verantwortlich.

Der Vergleich zwischen Religion und Femismus trägt ein Stück weit, aber hat sicher auch seine Grenzen. In keinem Fall möchte ich hier eine Gleich(wertig)heit oder Austauschbarkeit behaupten. (Nicht zu vergessen sind auch die vielen religiösen Feminist_innen, die beides miteinander vereinbaren können, noch ein spannendes Thema…)

Religion besitzt aber in unserem Staat eine besonderen Schutz, den keine andere Überzeugung für sich beanspruchen kann. Ich kann Dinge tun, die objektiv gesehen falsch sind, und das Argument bringen, dass sie aus religiöser Sicht richtig waren, ohne mich durch diese Argumentation sofort lächerlich zu machen. Dieses Privileg genieße ich bei nicht-religiösen Anschauungen nicht. Auch die negative Religionsfreiheit kann ich so nicht anbringen. Das Gebimmel der Kirchenglocken verletzt meine nicht-religiösen Gefühle? Die Argumentation bringt mich nicht weit. Ich möchte etwas tun, das nach allgemeiner Rechtslage illegal wäre, und dafür straffrei bleiben, da ich nach meinen nicht-religiösen Gefühlen gehandelt habe? Auch das wird nicht funktionieren. Die Anerkennung von explizit nicht-religiösen Gefühlen gibt es nicht.

Den letzten Absatz könnte ich gut benutzen, um weiteres Feuer in die Beschneidungsdebatte zu gießen. Oh, diese Redewendung gibt es gar nicht? Aber ihr wisst, was ich meine, und darum geht es mir gerade sowieso nicht.

Es geht mir jetzt gerade einzig und allein darum, dass mir als nicht-religiösem Menschen ein Leben lang eingeimpft wurde, dass ich Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer haben müsste. Ich betreibe daher eine ganze Menge Selbstzensur. Als ich gestern twitterte:

hatte ich ein leicht ungutes Gefühl. Nicht, weil ich den Zorn des Papstes oder gar Gottes fürchtete. Auch negative Antworten von anderen, fremden Twitter-Nutzer_innen waren mir in dem Moment egal. Ich hatte Angst, die Gefühle von (katholisch-)gläubigen Menschen in meiner Timeline zu verletzen und somit letztlich Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten innerlich daran gearbeitet hatte, diese Sorgen hinter mir zu lassen.

Der Sonderstatus, den religiöse Menschen und Überzeugungen in diesem Staat erfahren, werde ich auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht abschaffen können. Aber in meinem Kopf, meinem Denken, Schreiben, Sprechen und Handeln, da kann ich das. Es geht mir nicht darum, Menschen wegen ihrem Glauben zu diffamieren. Aber ich will endlich sagen können, was ich denke, ohne mir selbst im Weg zu stehen.

Ich denke zum Beispiel, dass der Papst eine tatsächliche Gefahr für den Weltfrieden und die Menschheit ist. Es hat sich nicht nur angeboten, das nach seiner Steilvorlage aus weniger als 140 Zeichen so zu twittern. Nein, das ist meine Überzeugung. Der Papst vertritt Standpunkte, die nicht nur überholt und realitätsfern sind, sondern gefährlich und menschenfeindlich. Der Papst hat die Macht, Grundsätze zu postulieren, die viele Millionen von Menschen relativ ungefragt übernehmen. Er nutzt diese Macht nicht nur, um bösartiges Gedankengut zu verbreiten, sondern tarnt es auch noch mehr oder weniger geschickt als (positiven!) Beitrag zum Weltfrieden. Ich kenne kaum Personen, die für ihr Handeln schärfer zu verurteilen und zu hassen sind als er. Als „Tarnung“ reicht dabei oft schon, dass die Worte von ihm kommen, denn für viele Menschen gelten er und seine Worte als Inbegriff des Guten, welches nicht hinterfragt werden braucht. Er besitzt zu viel Vertrauen bei zu vielen Menschen, um ihn einfach zu ignorieren. Zu postulieren „Not my Pope“ reicht eben nicht, damit seine Aussagen für mein Leben irrelevant werden.

(Und ja, der Tweet wäre noch viel cooler gewesen, wenn ich das „stellt“ nicht selbst davor geschrieben hätte, sondern einfach mitzitiert hätte, immerhin stand das Wort ja schon genau da im Originaltext.)

Wie kann ich aber nun mit den gläubigen Menschen in meinem Umfeld umgehen? Zunächst mal weiß ich von den allerwenigsten Menschen in meinem Umfeld, ob sie gläubig sind. Und auch wenn, ich versuche einfach, diesen Fakt möglichst weit zu ignorieren. Ich habe extreme Formen des Christenhasses gelesen, besonders oft ist mir das auf schwul-lesbischen Webseiten und in der inoffiziellen Online-Kommunikation der Piratenpartei aufgefallen. Ich sehe keinen Grund dazu, Menschen generell wegen ihres Glaubens zu beleidigen und distanziere mich davon. Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit abzuwerten oder sogar direkt anzugreifen halte ich immer für falsch, aber gleichzeitig halte ich es für möglich und sogar nötig, einzelne Aspekte einer Religion kritisch bewerten zu können.

Ich werde daher von nun an viel offener damit umgehen, dass gewisse Glaubensgrundsätze gefährliche Kackscheiße sind. Ich werde nicht weiter zusehen, wie mir und anderen Menschenrechte vorenthalten werden mit der Berufung auf religiöse Begründungen oder das „Menschenrecht“ der Religionsfreiheit. Ich halte es einfach genauso wie mit anderen „Gruppierungen“, die sich Kritik gefallen lassen müssen. Wenn die Kritik sachlich gerechtfertigt ist, aber ein Mensch sich davon persönlich angegriffen fühlt, fällt das in die Kategorie „persönliches Pech“.

Ich verlange von niemandem, sich zwischen mir und seinem kompletten Glauben zu entscheiden. Um das an einem Beispiel festzumachen: Ich finde, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist zwingend geboten und religiöse Gegenargumente dürfen kein besonderes Gewicht in der Debatte haben, nur weil sie religiös sind. Somit sehe ich den wiederholten Versuch, hier religiös dagegen zu argumentieren, als absolut lächerlich an. Jede gläubige Person kann für sich ausmachen, ob sie für oder gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist. Sollte sie dagegen sein, so kann sie meine Haltung und Argumentationsweise ggf. als verletzend ansehen. Das nehme ich dann gerne und mit gutem Gewissen im Kauf, schließlich hat ihre Haltung mich zuerst verletzt.

Vermutlich ist es sogar ein Stück weit vereinfachend und sogar diskriminierend von mir, bei gläubigen Personen eher von einer kackscheißigen Einstellung auszugehen als bei nichtgläubigen. An dieser Stelle bin ich noch unsicher, ob das mein Fehler ist, oder ob es im Aufgabenbereich der Gläubigen selbst liegt, sich von kackscheißigen Positionen ihrer Religionsgemeinschaft aktiv zu distanzieren. Ich denke, solange das unterschwellige Strömungen in einer Gemeinschaft sind, darf ich daraus nicht verallgemeinern. Aber die Homonegativtät des Papstes ist komplett öffentlich, und soweit ich die katholische Religion verstehe, vertritt jeder ihrer Anhänger_innen diese Positionen erst mal, soweit nichts anderes bekannt gegeben wird. Damit ist der Ball nicht in meinem Spielfeld.

Ich habe sicherlich in meinem Umfeld Menschen, die keine menschenfeindlichen Positionen vertreten, und trotzdem Anhänger_innen einer Religion sind, die das tut. Und sich nie davon distanziert haben. (Oder ich habe diese Distanzierung nicht mitbekommen.) Manche dieser Menschen habe ich vielleicht mit diesem Text verwirrt oder vor den Kopf gestoßen. Ich habe nichts gegen euch, wenn ihr nichts gegen mich habt. Aber ich habe da ggf. gerade auf ein Problem hingewiesen, und das ist zum Glück nicht mein Problem. Macht daraus, was ihr für richtig haltet.

Es ist jetzt nicht so, dass in meinem Kopf noch 157 weitere Entwürfe für religionskritische Blogposts schlummern oder ich jetzt jeden Tag etwas derartiges sagen oder twittern werde. Ohne genauere Betrachtung werden meine Äußerungen gar nicht deutlich anders sein als zuvor. Aber ich fühle mich ein bisschen freier als zuvor, da ich eine (selbst?) auferlegte Tabuisierung hinter mir gelassen habe. Ich über nun die negative Religionsfreiheit voll aus. Die Menge der Menschenrechte, die ich bisher nicht genossen habe, sinkt damit wieder ein Stück weiter Richtung Null.

Die Frage, die jetzt noch bleibt, muss daher nicht sein „warum jetzt plötzlich dieser Text“ sondern nur „warum all die 10228 Tage zuvor nicht?“

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur „kurz“ anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei „Abwehrmechanismen“, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon „Frau“ macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop „Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt“ auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf „die anderen“ zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text „Täter“ extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie „Informatiker“ demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von „Männergewalt gegen Frauen“ einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie „männliche Opfer“ anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff „rape culture“ zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise „einvernehmlichen Versöhnungssex“ überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren „Surprise Sex“ freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung „tarnen“ muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und „nachzuprüfen“. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche „Vergewaltigungs-Rollenspiele“. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht „rape fantasy“, sondern nur bei „actual rape“ klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch „in der Mitte der Gesellschaft“, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die „üblichen“ Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort „Triggerwarnung“ oder die Abkürzung „TW“ benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept „TW“ findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der „political correctness“ – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes „Hey Süße!“ von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff „sexuelle Gewalt“ zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei „Die komische Olle“. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst „Hey Süße!“ in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt „aus versehen vergewaltigen“? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine „versehentlichen“ Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung „ohne böse Absicht“ ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem „ersten Mal“ erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für „normal“ gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung „legal“, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur „unschön“. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte „juristisch wurde da korrekt geurteilt“ wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit „der findet das moralisch total in Ordnung“ und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht „erlaubt“ ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht „keine Vergewaltigung“), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der „Notwehr“ auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept „Nothilfe„, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst „wie üblich“ angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. „Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.“ dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Von der Kostenloskultur zur Freiwilligkeitskultur – und was dazu noch fehlt

Nachtrag

Ups, das kommt davon wenn ich mit leichtem Fieber Texte schreibe: Die werden noch unstrukturierter als sonst 🙁

Laut Überschrift sollte es ja darum gehen, was zur Realisierung noch fehlt, aber das worauf ich damit hinaus wollte, fehlt auch hier. Es ging mir eigentlich um nötigen sämtliche Strukturen zur freiwilligen Bezahlung von Kultur (technische, gesellschaftliche, gesetzliche, kommerzielle), darum, warum die aktell verfügbaren Strukturen mir nicht genug sind. Ein späterer Blogpost wird’s richten…

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