Wie Unfickbarkeit ein ansonsten wunderschönes Leben unerträglich machen kann

Ich habe mir vorgenommen, heute etwas Privates zu bloggen. In den Morgenstunden bin ich in ein tiefes emotionales Loch gestiegen (ja, das geschah relativ bewusst), und kam da einige Stunden nicht mehr raus (das war nicht so geplant). Was ich in der Zeit geschrieben habe möchte ich jetzt nicht veröffentlichen. Es liest sich ein wenig wie ein Abschiedsbrief einer suizidalen Person. Ja, manchmal geht es mir so schlecht, und vielleicht wäre es auch richtig, dazu zu stehen und auch mal etwas derartiges zu veröffentlichen, aber jetzt möchte ich es mit einer etwas neutraleren Sicht versuchen. Ein Zwischenfazit über die Entwicklung der letzten Monate und Jahre.

Ich habe mich weiter entwickelt, habe meine Äste ausgestreckt, und zwar in Richtungen, die ich prinzipiell gut finde. Im Wesentlichen habe ich mich für die Bereiche Freundschaft, Liebe, Partnerschaft und Sexualität geöffnet. Das ist eine Entwicklung, die ich in meiner ersten Pubertät verpasst habe, und ich weiß nicht genau, ob es mehr daran lag, dass ich in der falschen Geschlechterrolle gesteckt habe, oder daran, dass ich nicht auf die Widersprüchlichkeit meiner Umwelt klar kam, also auf die (leider) übliche Bigotterie aus Verklemmtheit und Sexualisierung.

Wie auch immer, die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Meine eigenen Hemmungen, Menschen zu berühren, zu streicheln, mich an sie zu drücken und an ihnen zu reiben, waren erstaunlich schnell überwunden. Ebenso überraschend und schön: dass auch andere Menschen mir gegenüber auf dieser Ebene keine Hemmungen hatten. Die Kuscheligkeit in meinem Leben ist im Mai 2013 von 0 auf 100 geschnellt, mit schöneren Empfindungen als ich davon je erwartet habe.

Ebenfalls positiv: Ich habe mir Anfang 2013 „erlaubt“ mich endlich mal wieder zu verlieben, mehr noch, ich gab mir gleich die Erlaubnis, mich in mehrere Menschen zu verlieben. Innerhalb eines halben Jahres habe ich mich in 6 Frauen verliebt, dabei war dieses schöne Gefühl zwischenzeitlich zu vier Seiten hin gleichzeitig spürbar, mit all den kleinen Differenzen in der Art und Intensität des Gefühls. Ich habe mir mehr Gedanken über Beziehungsführung als je zuvor gemacht, und bin inzwischen sicher, dass ich die nötigen Grundsätze habe, die emotionale Stärke, ausreichend viel Liebe in mir, und die kommunikativen Fähigkeiten, um nicht nur eine, sondern sogar mehrere Beziehungen zu führen.

Ich habe in der Zeit innige, stabile, wichtige, schöne Freundschaften geschlossen. Oft zu den Menschen, in die ich mich verliebt habe, sowie zu deren Partnern und Partnerinnen. In gewisser Weise waren auch meine Freundschaften früher mehr „mono“, denn meist hatte ich nur eine (wenn überhaupt eine) Person, mit der ich über wirklich persönliches sprechen konnte, inzwischen sind es mehr als ich an einer Hand abzählen kann. Es ist ein gutes, sicheres Gefühl, dass so viele Schultern mich tragen, wenn ich das mal brauche, aber noch schöner finde ich es eigentlich, dass auch ich für meine Freunde da sein kann und dass meine Nähe und Unterstützung angenommen wird.

Beruflich ist es etwas langweiliger geworden, aber auch stabiler und vor allem effektiver: meine eigene Firma musste mehr oder minder aufgelöst werden – ein paar letzte Aufträge werden natürlich noch zu Ende geführt, aber Neues können wir schon lange nicht mehr annehmen, aber dafür verdiene ich nun anderswo als Angestellte mehr Geld in viel weniger Arbeitszeit und vor allem mit weniger Ausfallrisiko.

Unser Schulaufklärungsprojekt SchLAu-Braunschweig wächst und gedeiht, und während wir vor wenigen Monaten ständig kurz vor der Auflösung wegen Unterbesetzung standen, sind wir inzwischen 10 Ehrenamtliche mit steigender Tendenz, und werden regelmäßig in Schulen eingeladen.

Eigentlich doch alles toll, oder?

Leider hat all das einen Nebeneffekt, dessen Tragweite mir zu Beginn dieser Veränderungen ganz und gar nicht bewusst war: Mein Bedürfnis nach Nähe ist noch viel schneller und stärker gewachsen als die tatsächliche Nähe die ich bekomme. Obwohl ich mit mehr Menschen verbunden bin als je zuvor, bin ich auch so einsam wie nie zuvor. Das ist auf keinen Fall ein allgemeines Problem, das der „Poly-Lebensstil“ so mit sich bringt. Viel mehr ist es eine schwer vermeidliche Folge dessen, zwischen all den glücklichen Polys zu leben und selbst Single zu bleiben.

Zum einen war für mich nicht absehbar, dass das so bleiben würde, zum anderen nicht, wie hart mich das treffen und belasten würde. Und ebenso habe ich nicht geahnt, dass ich auch nach über einem Jahr keine Strategie für mich gefunden habe, um damit gelassener umzugehen.

Ich selbst sehe Partnerschaft als eine sehr vielfältige Mischung aus Gefühlen, Gesprächen, Tätigkeiten, Pflichten, Rechten und Traditionen, und auch wenn es gewisse „Standardpakete“ gibt, bin ich ein großer Fan davon, all das individuell auszuhandeln und sich auf das zu einigen, was alle beteiligten wirklich wollen. Partnerschaften erfüllen viele verschiedene Bedürfnisse, und im Moment weiß ich nicht genau, welche dieser Bedürfnisse ich grundsätzlich, aus mir selbst heraus schon immer hatte, und welche Bedürfnisse ich im Moment nur spüre, weil mein Umfeld mir es so vorlebt und mir damit Appetit macht.

Ich spüre aber ganz genau, dass ich so viele Bedürfnisse wie nie zu vor habe, in bisher ungeahnter Intensität. Meine Freundschaften können diese bei Weitem nicht erfüllen, auch wenn einiges zumindest in Teilen gestillt wird, auf jeden Fall weit mehr als „Freundschaft“ das gewöhnlicherweise. Unterm Strich bleiben aber riesige Lücken, und es ist ein naheliegender Gedanke, dass eine Partnerschaft genau das richtige wäre, um diese zu stillen.

Ich habe inzwischen gelernt, Bedürftigkeit nicht als etwas schlimmes anzusehen, dennoch erscheint es mir komisch, Beziehungspartner quasi als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung darzustellen. Viele dieser Bedürfnisse beruhen ja (im Idealfall) auf Gegenseitigkeit, das heißt etwa, wenn ich mit einer Partnerin knutsche, befriedigt das gleichermaßen in ihr und in mir ein Bedürfnis. Zudem habe ich einige „Gebe-Bedürfnisse“, bei denen also der eigentliche Fluss von von mir weg gerichtet ist, aber es mir dennoch ein inneres Bedürfnis ist, gewisse Dinge für meine Partnerin_nen zu tun.

Bei all meinen akuten Bedürfnissen ist es also wirklich unschön, dass ich keine Partnerin habe. Als Übergangszustand wäre es aber zu verkraften.

Was mich wirklich fertig macht, also bis hin zu dem Zustand der Verzweiflung in dem ich letztlich alles an mir und meinem Leben anzweifle, ist die ständige Angst, dass ich für immer allein bleiben werde. Von der grundlegenden Aussage her ist das für mich nichts neues: von meinem 11. bis zum 23. Lebensjahr und dann nochmal die letzten 3 Jahre lang war ich Single, also über 15 Jahre. (In meinem 1. bis 10. Lebensjahr hatte ich natürlich auch keine Partnerin, aber auch kein Verlangen danach). Und die meiste Zeit davon dachte ich, dass das wohl immer so bleiben würde. Das hat mich mal mehr und mal weniger belastet, aber so schlimm wie im letzten Jahr war es noch nie.

Es ist schon komisch: die Menge der Menschen, die mit mir emotional sehr eng verbunden sind, und die Menge derer, die wirklich gern mit mir kuscheln, sind jeweils groß und haben sogar weite Überschneidungen untereinander und auch mit der Menge jener, in die ich mich verliebt habe. Aber weder dort, noch anderswo, gibt es Menschen für dich ich sexuell oder partnerschaftlich attraktiv bin. Ja, Sexualität ist ein großes, klaffendes Loch in meinem Leben. Aber neben Sex, Kuscheln und Emotionaler Nähe ist Partnerschaft noch mehr, und auch dieses „mehr“ fehlt mir unheimlich. Nennen wir es der Einfachheit halber mal „Verbindlichkeit“, auch wenn es das unzureichend beschreibt. Aus meinem innersten heraus, frei von äußerer Beeinflussung, ist mir diese Verbindlichkeit sogar wichtiger als Sexualität.

Aber andererseits stört es mich weniger, darauf zu verzichten, denn Verbindlichkeit gilt noch als etwas wertvolles, erhabenes, seltenes. Als etwas, das vielen Menschen fehlt, egal ob sie Partnerschaften haben oder nicht.

Sexualität hingegen erscheint allgegenwärtig, selbstverständlich, alltäglich, für jeden zu haben. Wer nicht das Zeug mitbringt, eine Beziehung zu führen (und ja, das ist auch nicht einfach und sicher nicht für jeden das richtige), dem stehen trotzdem alle Wege offen, rumzuvögeln. Singles haben mehr Sex als Menschen in einer Beziehung, haben sie damals gesagt, und ich habe diese Statistik als Kind noch nicht verstanden, sie erschien mir paradox. Inzwischen ist das Teil der Normalität, die ich um mich herum wahrnehme. Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn „Single“ steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik.

Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: „Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!“ Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.

Es hat sich nun schon mehrfach wiederholt gezeigt: am meisten triggert es mich, davon zu erfahren, dass andere Menschen ein ganz spezifisches sexuelles Bedürfnis entwickeln können, und damit die Erfüllung des selbigen gleich einhergeht. „Ich fuhr zu ihr und dachte: wäre schon cool, wenn wir zwei mal Sex hätten. Und ja, es war richtig cool.“ „Ich hatte Lust, Dobule Penetration auszuprobieren, also fragte ich meinen Mann und meinen besten Freund und wir haben es am selben Abend gemacht.“ All diese Erzählungen, die alles zwischen Bedürfnis und Befriedigung auslassen, während bei mir ganze Universen dazwischen liegen, machen mich fertig. Manchmal lese ich sowas und bin für ein paar Stunden zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich nicht mehr aufhören kann zu hinterfragen, warum alle anderen Menschen in einer gänzlich anderen Realität leben als ich.

Aber damit nicht genug, es scheint auch noch einen starken Zusammenhang zu geben: wer wie ich als unfickbar gilt, hat eben nicht nur keinen Sex, sondern auch keine Beziehung und somit auch nicht die damit einhergehende Verbindlichkeit und alles andere, was damit einher geht.

Selbst meine Aufklärungsarbeit wird davon überschattet. Kinder fragen mich in der Schule: „Du bist lesbisch, das heißt, du bist mit einer Frau zusammen?“ oder „Du hast gesagt, du bist po- äh, pulimös? Wie heißt das nochmal? Also das mit den mehreren Beziehungen. Wie viele Freundinnen hast du denn?“ und ich sage immer „im Moment gar keine“. Aber eigentlich will ich manchmal sagen „Gar keine, also ich habe noch nie mehrere Freundinnen gleichzeitig gehabt und ich bin seit drei Jahren allein und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich für immer allein bleiben werde, und eigentlich sage ich am Anfang nur dass ich lesbisch und polyamourös bin, weil ich mir manchmal vorstelle, ich wäre ein ganz normaler Mensch, und wenn ich ein normaler Mensch wäre, der überhaupt jemanden abbekommen kann, dann wäre ich sicher auch lesbisch und polyamourös.“ Nein, das will ich natürlich nicht sagen, weil ich ein positives Beispiel sein will, ein „Role model“ für Kinder die selbst an sich zweifeln. Ich will zeigen: „Auch wenn du transsexuell bist, heißt das nicht, dass dich dann keiner mehr lieb hat“ aber so sehr ich es auch versuche, ich bin kein gutes Beispiel.  Oft denke ich, ich sollte nicht in Schulen gehen und die Aufklärung denen überlassen, die wirklich etwas positives erzählen können.

Und an sich weiß ich auch, dass meine Unattraktivität nichts mit meiner Transsexualität zu tun hat. Ich war als Mann schon scheiße. Ich habe mich äußerlich verändert. Ich kann inzwischen in den Spiegel schauen und gern hinsehen. Ich denke, ich bin hübsch, erfülle sogar eine ganze Reihe von weiblichen Schönheitsstandards. Aber „hübsch“ heißt nicht gleich „attraktiv“. Letzteres nämlich heißt „anziehend“, und ich ziehe Menschen nicht an. In meinem ganzen Leben gab es nur eine kurze Phase, in der sich sexuell attraktiv war: kurz nach dem Coming Out, noch vor der Hormontherapie, als ich durch Kleidung und Styling eindeutig weiblich war, aber meine Gesichtszüge noch deutlich männlicher als jetzt. Zu den Zeitpunkt haben sich eine Menge von Männern für mich interessiert, sie haben mir sehr eindeutige sexuelle Avancen gemacht und gingen grundsätzlich davon aus, dass ich eine Prostituierte „im Dienst“ wäre. Die Zeiten sind vorbei, und ich kann nicht wirklich sagen, dass ich deshalb traurig wäre. Es gibt mir lediglich einen Referenzpunkt zu dem ich jeden den Kontrast sehen kann, den es bedeutet, jetzt für niemanden mehr attraktiv zu sein.

Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht anders als andere Menschen, und dass ich sexuell nicht existent bin, ist einfach ein Zufall und macht keine Aussage über meine Menschlichkeit. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich ja auch offenbar nichts an mir ändern kann. Vielleicht sind es die Pheromone, die über die Anziehung zwischen Menschen entscheiden, und ich habe halt keine, oder meine sind einfach scheiße. Dann erscheint mir alles ausweglos, weil ich kann’s ja nicht beeinflussen.

Ein andern mal denke ich, ich habe tatsächlich Eigenschaften an mir, die mich für Sexualität und Partnerschaft unbrauchbar machen, die ich aber auch ändern könnte. Vermutlich müsste ich vieles an mir ändern, vielleicht alles. Dann geht es mir auch schlecht, und ich bekomme riesige Angst vor den offenbar notwendigen Veränderungen. Denn ich mag mich eigentlich, wie ich bin, und auf den nicht-sexuellen und nicht-partnerschaftlichen Ebenen mögen auch andere mich. Vielleicht kann ich mich auf eine Weise verändern, auf die ich zwar als Sexobjekt tauge, aber bin dann kein Mensch mehr, der sich selbst mag.

Am häufigsten fürchte ich, die einzige Veränderung, die mir mir einen sexuellen Wert geben könnte, wäre, dass ich meine Skrupel ablege und zu einem aufdringlichen, übergriffigen Menschen werde, der die Grenzen anderer nicht wahrnimmt, oder sogar ganz bewusst überschreitet. 90% der sexuellen Anbahnungen die dich sehe, höre oder lese, sei es nun in der Fiktion oder in realen Begebenheiten in meinem Umfeld, kann ich nicht von Grenzüberschreitungen unterscheiden, die restlichen 10% sind romantische Magie, die mir nie widerfährt. Nein, das kann ich so auch nicht sagen. Zweimal dachte ich, es ereignete sich bei mir eben so ein magischer Moment der konsensualen Sexualität. Das eine mal wurde ich kurz später vergewaltigt, das andere mal hatte ich vier Monate lang das Gefühl, ich hätte jemanden vergewaltigt. Und ich darf euch mitteilen: beides fühlt sich beschissen an, aber letzteres war 100 mal schlimmer. (Inzwischen weiß ich, dass ich wohl nichts falsch gemacht habe, und es der anderen Person damit nicht schlecht ging, aber der Schrecken bleibt.) Zumindest kann man sich nun vorstellen, warum es für mich ganz und gar nicht in die Tüte kommt, mich charakterlich so zu verändern, dass ich aggressiv und grenzüberschreitend auf andere Frauen zugehe und emotionalen Widerstand körperlich breche.

Der andere Ausweg wäre also, mich mit meiner Situation als ewiger Single abzufinden, und dafür zum Selbstschutz alle Einflüsse zu meiden, die mir vor Augen führen, dass ein normaler Mensch mehr verdient hat. Das hieße z.B., keine BDSM-Playparties mehr zu besuchen, mein Konto bei FetLife zu löschen, am besten auch das bei Lesarion und OkCupid, mir keine Serien und Filme mit sexuellen Inhalten mehr anzuschauen, die ganzen spannenden Bücher aus der Frauenbibliothek nicht mehr zu lesen, nicht mehr zum Polystammtisch zu gehen und in letzter Konsequenz, meinen gesamten Freundeskreis zu verlassen. Absolut indiskutabel.

Die am ehesten erst gemeinte Alternative, über die ich manchmal nachdenke: ich denke, ich werde irgendwann bald einmal eine Psychotherapie beginnen, die mich hoffentlich lehrt, wie ich auch als ewiger Single halbwegs glücklich sein kann, selbst wenn um mich herum Pärchen und Mehrchen sind.

Abschließend möchte ich sagen: ja, das verfolgt mich schon länger und ich habe mich bisher nie getraut, das so direkt im Blog anzusprechen, denn „Unzufriedenheit mit dem Single-Sein“ ist eines der letzten großen Tabu-Themen. Die, die darüber berichten, sind oft ganz besonderem Spott und Hohn ausgesetzt, insbesondere, wenn es Männer sind. Würde ich zu diesem Zeitpunkt noch als Mann leben, dann würde ich mich auch nicht trauen, das hier zu veröffentlichen, auch wenn mir nicht wirklich klar ist, wie meine weibliche Geschlechtsrolle das jetzt irgendwie besser macht.

7 Gedanken zu „Wie Unfickbarkeit ein ansonsten wunderschönes Leben unerträglich machen kann“

  1. Ich schreibe das jetzt mal als offenes Statement über eine private Sache. Wenn du das hier nicht öffentlich zugänglich machen willst, finde ich das natürlich verständlich.

    Ich weiß, ich bin ein Mann und darum ist das alles für dich sicherlich nicht so wertvoll, wie wenn eine Frau es sagen würde. Aber ich finde dich begehrenswert und kein Stück unfickbar.

    Ich habe mich sehr gefreut dich beim 30C3 persönlich zu sehen, ich habe unsere Gespräche genossen. Aber mehr noch: ich finde dich körperlich attraktiv und spannend. Wenn ich dein Foto auf Fetlife sehe, dann wünsche ich mir, ich könnte auch nur halb so heiß und sexy und anziehend aussehen.

    Der einzige Grund, warum du von mir keine sexuellen Avancen bekommst, ist weil du lesbisch bist und mir das reichlich grenzüberschreitend vorkäme. Aber ich finde dich anziehend, Lena, und du liegst einfach falsch wenn du das alles als Defizit in dir verortest. Wenn du denkst, dass du „unfickbar“ bist.

    (meine Vermutung ist da eher eine starke Transphobie bei zu vielen Menschen, die diese auch gerade auf so intimer Ebene nicht abstellen können. Aber das ist jetzt reine Spekulation)

    1. Ich habe das jetzt mal so interpretiert, dass der Kommentar von deiner Seite her durchaus zum veröffentlichen gedacht ist, insofern es für mich ok ist. Sonst hättest du mich sicherlich auf einem anderen Weg kontaktiert. Ich ziehe auch meine Hut davor, dass du das so offen kommunizierst!

      Also vielen, vielen Dank dafür. Ja, positive Reaktionen von Männern sind für mich immer so eine zwiespältige Sache. Das tut schon wirklich einiges Gutes für mein Selbstwertgefühl, aber auf der anderen Seite schwingt natürlich immer mit: Na toll, und was bringt mir das jetzt, so ganz konkret? Warum empfinden Frauen das nicht so? Ich glaube ja auch, dass das Begehren von Frauen und Männern gar nicht so grundlegend verschieden ist, und dass ich, wenn ich für Männer attraktiv bin, eigentlich auch für (lesbische, bi- bzw. pansexuelle) Frauen attraktiv sein muss. Mit so einem bisschen Transferleistung kann ich dann also auch wirklich positives daraus ziehen.

      Ob, und wenn ja wie sehr, meine Transsexualität und die Transphobie anderer ein Teil der Problematik sind, kann ich selbst schlecht einschätzen. Einerseits liegt der Gedanke schon nahe, andererseits gibt es keine konkreten Indizien (wie gesagt, in meiner männlichen Vergangenheit war es nicht grundlegend anders) und letztlich kenne ich Transfrauen, die von sehr vielen Frauen begehrt werden, was dafür spricht, dass Frauen gar nicht nennenswert transphob sind.

  2. Hey lena,

    erstmal großen respekt dafür, dass du diese gedanken/sorgen mit uns teilst. Und nicht nur respekt, sondern auch ein großes dankeschön. Denn du sprichst über etwas, was glaube ich viel verbreiteter ist als du vielleicht denkst, worüber aber ein großteil der menschen nicht spricht. In unserer sexualisierten welt (das liest sich negativ, ist aber wertfreie gemeint) fühlt es sich manchmal komisch an, dass mensch selbst über einen langen/sehr langen zeitraum keinerlei sexuelle kontakte hat. Aber in gesprächen mit einigen anderen mutigen menschen in meinem umkreis höre ich immer wieder, dass es vielen so geht. Und das obwohl meine menschenblase eigentlich auch eher frei, ungezwungen und alles andere als „prüde“ ist. Vielleicht ist gerade dieser gedankengang „ich bin unfickbar“ ein riesen hindernis auf dem weg dahin, dies zu ändern?

    Die erwähnten mutigen menschen sind übrigens fast alles Cisfrauen und -männer. Ich denke deine transsexualität spielt keine rolle (es liest sich auch so, als ob du das nicht wirklich glauben würdest). Oma würde jetzt den blöden spruch von diesem einen topf und dem deckel bringen. Der rest der tisch-gesellschaft rollt mit den augen und grinst ein wenig über die naive omi. Aber vielleicht hat die omi ja auch recht?

    Du bist ein mensch (wir kennen uns nicht persöhnlich, aber du lässt uns an so viel teilhaben, dass ich mir fast einbilde dich ein wenig zu kenen) der unglaublich vielschichtig ist. Du machst dir sehr viele gedanken über dich, deine mitmenschen, unser leben und die gesellschaft in der wir leben/leben wollen. In gewisser weise macht dich das kompliziert (und sehr liebenswert). Kompliziert kann halt nicht jede*r. Das macht den kreis potentieller sexualpartner vielleicht kleiner, aber der radius ist immer noch bedeutend größer als 0.

    tl;dr:
    Wir alle fühlen uns mal unfickbar. Keiner von uns ist das. Und du erst recht nicht.

  3. Nun sind zwei Wochen vergangen, seit ich das hier gebloggt habe, und ich bin nicht zu tiefen Einsichten gekommen, die Stoff für einen weiteren Blogpost bieten würden.

    Aber es ist auch komisch, den Blogpost so stehen zu lassen, als hätte er aktuelle Gültigkeit, auch jetzt in diesem Moment. Also kommentiere ich hier selbst mal:

    Das bedrückende Gefühl hatte mich schon ein paar Tage oder vielleicht auch Wochen vor dem Blogpost heimgesucht, und ich hatte in der Zeit einige gute und hilfreiche Gespräche mit den nächsten Menschen um mich herum. Dann gab es am 5. Mai noch mal eine Art „Rückfall“, ausgelöst durch Sätze in einem Buch, die für die Handlung des Buches sehr nebensächlich waren, aber für mich eben Bedeutung hatten.

    Es folgten noch mehr gute, wichtige, schöne, intensive, aufbauende, einfühlsame Gespräche. Seitdem geht es mir wieder gut.

    Ist die Gewissheit der Unfickbarkeit etwa weg? Nein, im Wesentlichen nicht. Ich sehe Sexualität und Partnerschaft immer noch als weit entfernt und kaum erreichbar an, und die Handlungsoptionen, um das zu ändern, erscheinen mir nach wie vor inakzeptabel.

    Aber das macht mir derzeit nichts aus, genau wie es mir auch in den Monaten davor meistens nichts ausgemacht hat. Ich kann jetzt wieder besser wertschätzen, was ich habe, und solange nichts passiert, was mir die Lücken in meiner Existenz vor Augen führt, kann ich sie ganz gut ignorieren.

    Und es werden wieder Zeiten kommen, wo es mich kurzzeitig fertig macht, aber, was soll’s? Unterm Strich geht es mir doch meistens gut, und das ist, was zählt.

  4. hallo lena,

    ohne jetzt im Detail auf das Thema dieses Posts einzugehen, nehme ichs auch als Anlaß* für
    eine Sache die ich schon lange (eigentl seit ich letztes Jahr viele deiner alten Posts zu deiner Entwicklung in den letzten beiden Jahren gelesen habe), loswerden
    wollte: Danke und großen Respekt das du diese ganzen Gedanken, Erfahrungen, Überlegungen die du hier öffentlich teilst und diskutierst, verarbeitest !

    In einigen habe ich mich (oder teilw. vor mir selbst „versteckte“) Dinge wiedergefunden, die bei mir Prozesse des neu-denkens und teilw. neudefinition von mir-selbst mit ausgelöst haben, vor allem auch den Mut mit dazu gemacht haben, mich mit manchen Dingen auseinanderzusetzen !

    Viele von dir (gerade in den beiden aktuellen Posts) angesprochenen Dinge, ob teilw. eine Art innere Zerissenheit in manchen Fragen oder Zweifel über sich selbst (die von außenstehenden oft anders wahrgenommen werden- so sicher auch bei dem Thema der „Unfickbarkeit“) kann ich aus eigener Erfahrung/Empfindung nur zu gut nachvollziehen.

    Alles gute derweil 🙂

    *=und einfachster Weg der kurzen Kontaktaufnahme ;P

  5. Als ich selbst meine langjährige monogame Beziehung öffnen wollte, suchte ich nach aussagekräftigen Blogs, Beiträgen sowie Erfahrungsberichten, die sich kritisch, persönlich oder einfach ganz individuell mit Partnerschaft/Ehe außerhalb der Norm befassten. Der einzigete, auffindbare Lichtblick war deine Hompage. Deine Ausdrucksweise, Ehrlichkeit und Offenheit, ermutigte mich auch mit meinen Gedanken reinen Tisch zu machen und sie der Öffentlichkeit zu offenbaren, dies ist das Ergebnis:

    http://www.das-tagebuch-des-fraeulein-j.de/

    Ich hoffe du besuchst mich auf meiner Seite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.