Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

„I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.“

– Elliot Rodger, zitiert von hier

„Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.“

– Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

„Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.“

– Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: „ich bin eine Frau“, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich „eine Frau bekomme“, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie „den Verstand verlieren“ (wobei damit einerseits gemeint sein kann „eine psychische Erkrankung entwickeln“ und andererseits „die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun“, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen „in der Natur der Frauen“ liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: „sympathy“ ist das Englische Wort für „Mitleid“, die Überschrift bedeutet somit „Mitleid mit dem Teufel“ und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für „wirklich“ nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene „Nice Guy“, „Friendzone“ und „Male Tears“, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung „Analyse“ weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein „Nice Guy“, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen „Friendzoning“ vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und „Male Tears“ geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen „die Frauen“ zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere „Ratschläge“ bekommen als „selbst schuld“, „du Weichei“ und „wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.“ Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: „Zeigt kein Mitleid für den Täter!“ oder „In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!“ Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: „Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.“ Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Wie Unfickbarkeit ein ansonsten wunderschönes Leben unerträglich machen kann

Ich habe mir vorgenommen, heute etwas Privates zu bloggen. In den Morgenstunden bin ich in ein tiefes emotionales Loch gestiegen (ja, das geschah relativ bewusst), und kam da einige Stunden nicht mehr raus (das war nicht so geplant). Was ich in der Zeit geschrieben habe möchte ich jetzt nicht veröffentlichen. Es liest sich ein wenig wie ein Abschiedsbrief einer suizidalen Person. Ja, manchmal geht es mir so schlecht, und vielleicht wäre es auch richtig, dazu zu stehen und auch mal etwas derartiges zu veröffentlichen, aber jetzt möchte ich es mit einer etwas neutraleren Sicht versuchen. Ein Zwischenfazit über die Entwicklung der letzten Monate und Jahre.

Ich habe mich weiter entwickelt, habe meine Äste ausgestreckt, und zwar in Richtungen, die ich prinzipiell gut finde. Im Wesentlichen habe ich mich für die Bereiche Freundschaft, Liebe, Partnerschaft und Sexualität geöffnet. Das ist eine Entwicklung, die ich in meiner ersten Pubertät verpasst habe, und ich weiß nicht genau, ob es mehr daran lag, dass ich in der falschen Geschlechterrolle gesteckt habe, oder daran, dass ich nicht auf die Widersprüchlichkeit meiner Umwelt klar kam, also auf die (leider) übliche Bigotterie aus Verklemmtheit und Sexualisierung.

Wie auch immer, die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Meine eigenen Hemmungen, Menschen zu berühren, zu streicheln, mich an sie zu drücken und an ihnen zu reiben, waren erstaunlich schnell überwunden. Ebenso überraschend und schön: dass auch andere Menschen mir gegenüber auf dieser Ebene keine Hemmungen hatten. Die Kuscheligkeit in meinem Leben ist im Mai 2013 von 0 auf 100 geschnellt, mit schöneren Empfindungen als ich davon je erwartet habe.

Ebenfalls positiv: Ich habe mir Anfang 2013 „erlaubt“ mich endlich mal wieder zu verlieben, mehr noch, ich gab mir gleich die Erlaubnis, mich in mehrere Menschen zu verlieben. Innerhalb eines halben Jahres habe ich mich in 6 Frauen verliebt, dabei war dieses schöne Gefühl zwischenzeitlich zu vier Seiten hin gleichzeitig spürbar, mit all den kleinen Differenzen in der Art und Intensität des Gefühls. Ich habe mir mehr Gedanken über Beziehungsführung als je zuvor gemacht, und bin inzwischen sicher, dass ich die nötigen Grundsätze habe, die emotionale Stärke, ausreichend viel Liebe in mir, und die kommunikativen Fähigkeiten, um nicht nur eine, sondern sogar mehrere Beziehungen zu führen.

Ich habe in der Zeit innige, stabile, wichtige, schöne Freundschaften geschlossen. Oft zu den Menschen, in die ich mich verliebt habe, sowie zu deren Partnern und Partnerinnen. In gewisser Weise waren auch meine Freundschaften früher mehr „mono“, denn meist hatte ich nur eine (wenn überhaupt eine) Person, mit der ich über wirklich persönliches sprechen konnte, inzwischen sind es mehr als ich an einer Hand abzählen kann. Es ist ein gutes, sicheres Gefühl, dass so viele Schultern mich tragen, wenn ich das mal brauche, aber noch schöner finde ich es eigentlich, dass auch ich für meine Freunde da sein kann und dass meine Nähe und Unterstützung angenommen wird.

Beruflich ist es etwas langweiliger geworden, aber auch stabiler und vor allem effektiver: meine eigene Firma musste mehr oder minder aufgelöst werden – ein paar letzte Aufträge werden natürlich noch zu Ende geführt, aber Neues können wir schon lange nicht mehr annehmen, aber dafür verdiene ich nun anderswo als Angestellte mehr Geld in viel weniger Arbeitszeit und vor allem mit weniger Ausfallrisiko.

Unser Schulaufklärungsprojekt SchLAu-Braunschweig wächst und gedeiht, und während wir vor wenigen Monaten ständig kurz vor der Auflösung wegen Unterbesetzung standen, sind wir inzwischen 10 Ehrenamtliche mit steigender Tendenz, und werden regelmäßig in Schulen eingeladen.

Eigentlich doch alles toll, oder?

Leider hat all das einen Nebeneffekt, dessen Tragweite mir zu Beginn dieser Veränderungen ganz und gar nicht bewusst war: Mein Bedürfnis nach Nähe ist noch viel schneller und stärker gewachsen als die tatsächliche Nähe die ich bekomme. Obwohl ich mit mehr Menschen verbunden bin als je zuvor, bin ich auch so einsam wie nie zuvor. Das ist auf keinen Fall ein allgemeines Problem, das der „Poly-Lebensstil“ so mit sich bringt. Viel mehr ist es eine schwer vermeidliche Folge dessen, zwischen all den glücklichen Polys zu leben und selbst Single zu bleiben.

Zum einen war für mich nicht absehbar, dass das so bleiben würde, zum anderen nicht, wie hart mich das treffen und belasten würde. Und ebenso habe ich nicht geahnt, dass ich auch nach über einem Jahr keine Strategie für mich gefunden habe, um damit gelassener umzugehen.

Ich selbst sehe Partnerschaft als eine sehr vielfältige Mischung aus Gefühlen, Gesprächen, Tätigkeiten, Pflichten, Rechten und Traditionen, und auch wenn es gewisse „Standardpakete“ gibt, bin ich ein großer Fan davon, all das individuell auszuhandeln und sich auf das zu einigen, was alle beteiligten wirklich wollen. Partnerschaften erfüllen viele verschiedene Bedürfnisse, und im Moment weiß ich nicht genau, welche dieser Bedürfnisse ich grundsätzlich, aus mir selbst heraus schon immer hatte, und welche Bedürfnisse ich im Moment nur spüre, weil mein Umfeld mir es so vorlebt und mir damit Appetit macht.

Ich spüre aber ganz genau, dass ich so viele Bedürfnisse wie nie zu vor habe, in bisher ungeahnter Intensität. Meine Freundschaften können diese bei Weitem nicht erfüllen, auch wenn einiges zumindest in Teilen gestillt wird, auf jeden Fall weit mehr als „Freundschaft“ das gewöhnlicherweise. Unterm Strich bleiben aber riesige Lücken, und es ist ein naheliegender Gedanke, dass eine Partnerschaft genau das richtige wäre, um diese zu stillen.

Ich habe inzwischen gelernt, Bedürftigkeit nicht als etwas schlimmes anzusehen, dennoch erscheint es mir komisch, Beziehungspartner quasi als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung darzustellen. Viele dieser Bedürfnisse beruhen ja (im Idealfall) auf Gegenseitigkeit, das heißt etwa, wenn ich mit einer Partnerin knutsche, befriedigt das gleichermaßen in ihr und in mir ein Bedürfnis. Zudem habe ich einige „Gebe-Bedürfnisse“, bei denen also der eigentliche Fluss von von mir weg gerichtet ist, aber es mir dennoch ein inneres Bedürfnis ist, gewisse Dinge für meine Partnerin_nen zu tun.

Bei all meinen akuten Bedürfnissen ist es also wirklich unschön, dass ich keine Partnerin habe. Als Übergangszustand wäre es aber zu verkraften.

Was mich wirklich fertig macht, also bis hin zu dem Zustand der Verzweiflung in dem ich letztlich alles an mir und meinem Leben anzweifle, ist die ständige Angst, dass ich für immer allein bleiben werde. Von der grundlegenden Aussage her ist das für mich nichts neues: von meinem 11. bis zum 23. Lebensjahr und dann nochmal die letzten 3 Jahre lang war ich Single, also über 15 Jahre. (In meinem 1. bis 10. Lebensjahr hatte ich natürlich auch keine Partnerin, aber auch kein Verlangen danach). Und die meiste Zeit davon dachte ich, dass das wohl immer so bleiben würde. Das hat mich mal mehr und mal weniger belastet, aber so schlimm wie im letzten Jahr war es noch nie.

Es ist schon komisch: die Menge der Menschen, die mit mir emotional sehr eng verbunden sind, und die Menge derer, die wirklich gern mit mir kuscheln, sind jeweils groß und haben sogar weite Überschneidungen untereinander und auch mit der Menge jener, in die ich mich verliebt habe. Aber weder dort, noch anderswo, gibt es Menschen für dich ich sexuell oder partnerschaftlich attraktiv bin. Ja, Sexualität ist ein großes, klaffendes Loch in meinem Leben. Aber neben Sex, Kuscheln und Emotionaler Nähe ist Partnerschaft noch mehr, und auch dieses „mehr“ fehlt mir unheimlich. Nennen wir es der Einfachheit halber mal „Verbindlichkeit“, auch wenn es das unzureichend beschreibt. Aus meinem innersten heraus, frei von äußerer Beeinflussung, ist mir diese Verbindlichkeit sogar wichtiger als Sexualität.

Aber andererseits stört es mich weniger, darauf zu verzichten, denn Verbindlichkeit gilt noch als etwas wertvolles, erhabenes, seltenes. Als etwas, das vielen Menschen fehlt, egal ob sie Partnerschaften haben oder nicht.

Sexualität hingegen erscheint allgegenwärtig, selbstverständlich, alltäglich, für jeden zu haben. Wer nicht das Zeug mitbringt, eine Beziehung zu führen (und ja, das ist auch nicht einfach und sicher nicht für jeden das richtige), dem stehen trotzdem alle Wege offen, rumzuvögeln. Singles haben mehr Sex als Menschen in einer Beziehung, haben sie damals gesagt, und ich habe diese Statistik als Kind noch nicht verstanden, sie erschien mir paradox. Inzwischen ist das Teil der Normalität, die ich um mich herum wahrnehme. Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn „Single“ steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik.

Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: „Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!“ Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.

Es hat sich nun schon mehrfach wiederholt gezeigt: am meisten triggert es mich, davon zu erfahren, dass andere Menschen ein ganz spezifisches sexuelles Bedürfnis entwickeln können, und damit die Erfüllung des selbigen gleich einhergeht. „Ich fuhr zu ihr und dachte: wäre schon cool, wenn wir zwei mal Sex hätten. Und ja, es war richtig cool.“ „Ich hatte Lust, Dobule Penetration auszuprobieren, also fragte ich meinen Mann und meinen besten Freund und wir haben es am selben Abend gemacht.“ All diese Erzählungen, die alles zwischen Bedürfnis und Befriedigung auslassen, während bei mir ganze Universen dazwischen liegen, machen mich fertig. Manchmal lese ich sowas und bin für ein paar Stunden zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich nicht mehr aufhören kann zu hinterfragen, warum alle anderen Menschen in einer gänzlich anderen Realität leben als ich.

Aber damit nicht genug, es scheint auch noch einen starken Zusammenhang zu geben: wer wie ich als unfickbar gilt, hat eben nicht nur keinen Sex, sondern auch keine Beziehung und somit auch nicht die damit einhergehende Verbindlichkeit und alles andere, was damit einher geht.

Selbst meine Aufklärungsarbeit wird davon überschattet. Kinder fragen mich in der Schule: „Du bist lesbisch, das heißt, du bist mit einer Frau zusammen?“ oder „Du hast gesagt, du bist po- äh, pulimös? Wie heißt das nochmal? Also das mit den mehreren Beziehungen. Wie viele Freundinnen hast du denn?“ und ich sage immer „im Moment gar keine“. Aber eigentlich will ich manchmal sagen „Gar keine, also ich habe noch nie mehrere Freundinnen gleichzeitig gehabt und ich bin seit drei Jahren allein und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich für immer allein bleiben werde, und eigentlich sage ich am Anfang nur dass ich lesbisch und polyamourös bin, weil ich mir manchmal vorstelle, ich wäre ein ganz normaler Mensch, und wenn ich ein normaler Mensch wäre, der überhaupt jemanden abbekommen kann, dann wäre ich sicher auch lesbisch und polyamourös.“ Nein, das will ich natürlich nicht sagen, weil ich ein positives Beispiel sein will, ein „Role model“ für Kinder die selbst an sich zweifeln. Ich will zeigen: „Auch wenn du transsexuell bist, heißt das nicht, dass dich dann keiner mehr lieb hat“ aber so sehr ich es auch versuche, ich bin kein gutes Beispiel.  Oft denke ich, ich sollte nicht in Schulen gehen und die Aufklärung denen überlassen, die wirklich etwas positives erzählen können.

Und an sich weiß ich auch, dass meine Unattraktivität nichts mit meiner Transsexualität zu tun hat. Ich war als Mann schon scheiße. Ich habe mich äußerlich verändert. Ich kann inzwischen in den Spiegel schauen und gern hinsehen. Ich denke, ich bin hübsch, erfülle sogar eine ganze Reihe von weiblichen Schönheitsstandards. Aber „hübsch“ heißt nicht gleich „attraktiv“. Letzteres nämlich heißt „anziehend“, und ich ziehe Menschen nicht an. In meinem ganzen Leben gab es nur eine kurze Phase, in der sich sexuell attraktiv war: kurz nach dem Coming Out, noch vor der Hormontherapie, als ich durch Kleidung und Styling eindeutig weiblich war, aber meine Gesichtszüge noch deutlich männlicher als jetzt. Zu den Zeitpunkt haben sich eine Menge von Männern für mich interessiert, sie haben mir sehr eindeutige sexuelle Avancen gemacht und gingen grundsätzlich davon aus, dass ich eine Prostituierte „im Dienst“ wäre. Die Zeiten sind vorbei, und ich kann nicht wirklich sagen, dass ich deshalb traurig wäre. Es gibt mir lediglich einen Referenzpunkt zu dem ich jeden den Kontrast sehen kann, den es bedeutet, jetzt für niemanden mehr attraktiv zu sein.

Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht anders als andere Menschen, und dass ich sexuell nicht existent bin, ist einfach ein Zufall und macht keine Aussage über meine Menschlichkeit. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich ja auch offenbar nichts an mir ändern kann. Vielleicht sind es die Pheromone, die über die Anziehung zwischen Menschen entscheiden, und ich habe halt keine, oder meine sind einfach scheiße. Dann erscheint mir alles ausweglos, weil ich kann’s ja nicht beeinflussen.

Ein andern mal denke ich, ich habe tatsächlich Eigenschaften an mir, die mich für Sexualität und Partnerschaft unbrauchbar machen, die ich aber auch ändern könnte. Vermutlich müsste ich vieles an mir ändern, vielleicht alles. Dann geht es mir auch schlecht, und ich bekomme riesige Angst vor den offenbar notwendigen Veränderungen. Denn ich mag mich eigentlich, wie ich bin, und auf den nicht-sexuellen und nicht-partnerschaftlichen Ebenen mögen auch andere mich. Vielleicht kann ich mich auf eine Weise verändern, auf die ich zwar als Sexobjekt tauge, aber bin dann kein Mensch mehr, der sich selbst mag.

Am häufigsten fürchte ich, die einzige Veränderung, die mir mir einen sexuellen Wert geben könnte, wäre, dass ich meine Skrupel ablege und zu einem aufdringlichen, übergriffigen Menschen werde, der die Grenzen anderer nicht wahrnimmt, oder sogar ganz bewusst überschreitet. 90% der sexuellen Anbahnungen die dich sehe, höre oder lese, sei es nun in der Fiktion oder in realen Begebenheiten in meinem Umfeld, kann ich nicht von Grenzüberschreitungen unterscheiden, die restlichen 10% sind romantische Magie, die mir nie widerfährt. Nein, das kann ich so auch nicht sagen. Zweimal dachte ich, es ereignete sich bei mir eben so ein magischer Moment der konsensualen Sexualität. Das eine mal wurde ich kurz später vergewaltigt, das andere mal hatte ich vier Monate lang das Gefühl, ich hätte jemanden vergewaltigt. Und ich darf euch mitteilen: beides fühlt sich beschissen an, aber letzteres war 100 mal schlimmer. (Inzwischen weiß ich, dass ich wohl nichts falsch gemacht habe, und es der anderen Person damit nicht schlecht ging, aber der Schrecken bleibt.) Zumindest kann man sich nun vorstellen, warum es für mich ganz und gar nicht in die Tüte kommt, mich charakterlich so zu verändern, dass ich aggressiv und grenzüberschreitend auf andere Frauen zugehe und emotionalen Widerstand körperlich breche.

Der andere Ausweg wäre also, mich mit meiner Situation als ewiger Single abzufinden, und dafür zum Selbstschutz alle Einflüsse zu meiden, die mir vor Augen führen, dass ein normaler Mensch mehr verdient hat. Das hieße z.B., keine BDSM-Playparties mehr zu besuchen, mein Konto bei FetLife zu löschen, am besten auch das bei Lesarion und OkCupid, mir keine Serien und Filme mit sexuellen Inhalten mehr anzuschauen, die ganzen spannenden Bücher aus der Frauenbibliothek nicht mehr zu lesen, nicht mehr zum Polystammtisch zu gehen und in letzter Konsequenz, meinen gesamten Freundeskreis zu verlassen. Absolut indiskutabel.

Die am ehesten erst gemeinte Alternative, über die ich manchmal nachdenke: ich denke, ich werde irgendwann bald einmal eine Psychotherapie beginnen, die mich hoffentlich lehrt, wie ich auch als ewiger Single halbwegs glücklich sein kann, selbst wenn um mich herum Pärchen und Mehrchen sind.

Abschließend möchte ich sagen: ja, das verfolgt mich schon länger und ich habe mich bisher nie getraut, das so direkt im Blog anzusprechen, denn „Unzufriedenheit mit dem Single-Sein“ ist eines der letzten großen Tabu-Themen. Die, die darüber berichten, sind oft ganz besonderem Spott und Hohn ausgesetzt, insbesondere, wenn es Männer sind. Würde ich zu diesem Zeitpunkt noch als Mann leben, dann würde ich mich auch nicht trauen, das hier zu veröffentlichen, auch wenn mir nicht wirklich klar ist, wie meine weibliche Geschlechtsrolle das jetzt irgendwie besser macht.