Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion „#aufschrei“ mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt „#aufschreistat“ gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit „nur“ zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in „Beziehungsgespräche“ investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich „angekommen“ zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

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