Programmänderung

Eigentlich hatte ich ja vor, jetzt einfach nur noch glücklich und zufrieden zu sein. Leider musste ich feststellen, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Es gibt viel dazu zu sagen, ich möchte heute mal einen leichten Einstieg dort hinein versuchen.

Erstmal ein großes „Sorry“ an alle meine Twitter-Follower_innen, insbesondere an die, denen ich am Herzen liege. Ich habe in den letzten Tagen wieder viel rumgejammert, nicht ganz ohne Grund, aber hatte es bisher nicht geschafft, den Grund in Worte zu fassen. Manche waren sicherlich besorgt um mich, noch viel mehr einfach nur noch genervt. Ich denke, ich bin nun soweit, Klartext zu reden, zumindest in der Theorie. Rein emotional hab ich wohl endlich alles verarbeitet, was mir derzeit Angst macht. Das war ein langer, harter Weg, den ich mit Unterbrechungen seit Anfang Dezember beschreite. Seit dem ist in meinem Leben viel passiert, aber die Grundproblematik blieb bestehen – so wie schon seit 13 Jahren.

Zum Punkt kommen

Ich weiß nicht, warum es mir so unendlich schwer fällt, zum Punkt zu kommen und es beim Namen zu nennen, was mich so bedrückt. Also:

Wie vermutlich jeder Mensch habe ich diverse kleine soziale Inkompetenzen, also Bereiche, in denen mein Sozialverhalten von dem abweicht, was für mich und die Menschen um mich herum gut und erfreulich wäre. Vieles davon konnte ich in den letzten Jahren „beheben“, und einiges anderes einfach akzeptieren, denn nobody’s perfect. Eine „Kleinigkeit“ ist allerdings übrig geblieben, und in den letzten Tagen ist mir mal wieder bewusst geworden, dass das eben keine Kleinigkeit ist, sondern ein großer Brocken, der mir Angst macht. Angst, deshalb niemals glücklich werden zu können, bzw. nicht auf Dauer glücklich sein zu können, solange das so ist.

Es geht – stark vereinfacht gesagt – um Situationen, in denen ich Menschen, die ich mag, meine Zuneigung und mein Interesse an gemeinsamer Freizeit nicht zeigen kann. Ich weiß, dass das vielen Menschen nicht leicht fällt und ich da keinen Perfektionismus von mir erwarten darf, aber das Ausmaß dieses Unvermögens hat bei mir absolut krankhafte Züge. Was ich kürzlich über das Bedürfnis zu Kuscheln schrieb, ist ein kleiner, fast schon unbedeutender Teil der Gesamtproblematik, denn es betrifft eigentlich alle meinen sozialen Interaktionen. Und es betrifft fast alle meine Kontakte: von entfernten Bekannten über Freund_innen verschiedenster Art bis hin zu sehr wichtigen Herzensmenschen und potentiellen Partner_innen. Das ist für mich keine Kleinigkeit mehr, das macht mich immer wieder fertig. Ich schaffe es zwar, in Einzelfällen um das Problem herum zu arbeiten, und es immer mal wieder für ein paar Monate oder gar Jahre zu verdrängen und mir einzureden, dass es kein Problem ist. Aber damit ist jetzt Schluss, ich kann und will das nie wieder verdrängen und als gegeben und unabänderbar hinnehmen. Ich möchte dieses (hoffentlich) letzte Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben endlich aus dem Weg räumen.

Komplexitäten

Das Ganze ist eine ziemlich vertrackte Sache, bei der es mir inzwischen sehr wichtig geworden ist, die ganzen damit zusammenhängenden Umstände endlich selbst zu erkennen und zu verstehen (was ich inzwischen wohl geschafft habe) und dann aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit auch ihr eine Chance habt, mich zu verstehen, wenn ihr denn wollt. Denn nach allem, was die letzten 13 Jahre mir gezeigt haben, werde ich Hilfe dabei brauchen, dieses Verhaltesproblem in den Griff zu bekommen. Ich glaube nur sehr eingeschränkt daran, dass eine Psychotheraphie dabei der Weg zum Ziel wäre, und möchte daher nun probieren, das Problem in freier Wildbahn anzugehen, genau dort, wo es auftritt: im Umgang mit euch.

Ich sehe es also als unumgänglich an, darüber zu schreiben, was letztlich deutlich umfangreicher sein wird als dieser kleine Blogpost. Meine aktuellen Notizen und Entwürfe dazu umfassen mehr als das zehnfache eines „gewöhnlichen“ Blogposts, und ihr wisst sicherlich, dass die in aller Regel schon ziemlich lang und anstrengend sein können. Es ist meine Pflicht, das alles noch besser zu strukturieren und verständlich zu machen, ganz rigoros zu kürzen und die einzelnen Teile für sich jeweils verständlich zu machen, damit jede_r von euch die Möglichkeit hat, auch mal nur Bruchstücke davon zu lesen. Denn ich weiß, dass ich für die allermeisten von euch nicht das Zentrum der Welt bin (und nicht sein will und kann) und dass ich von nur sehr wenigen Menschen, wenn überhaupt, eine wirklich intensive Beschäftigung damit erwarten kann.

Wie es (vermutlich) weiter gehen wird

Ich werde dafür noch einiges an Zeit und Kraft brauchen. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr, das Problem unter den Teppich zu kehren, damit es dort in ein paar Jahren wieder hervor quillt und mir Sorgen und Kummer bereitet. Es sind für mich keine einfachen Zeiten, um das anzugehen, schließlich plagen mich seit ein paar Wochen sowieso des öfteren Stimmungstiefs, die vermutlich hormonell bedingt sind. Aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Phasen auch produktiv nutzen kann, um die Dinge anzugehen, die mir Angst bereiten. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, die wirklich wichtigen Probleme zu verdrängen und bei aufziehenden Tiefphasen stattdessen wegen wirklichem Kleinkram zu heulen.

Ich habe in letzter Zeit Gesprächsangebote bekommen, um über das zu sprechen, was mich bedrückt. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber bisher habe ich das Gefühl, ich bin noch gar nicht weit genug dafür. Ich mache das derzeit lieber mit mir selbst aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo ich dann wirklich Redebedarf habe. Ich werde das dann entsprechend ankündigen und dann auch gerne in Anspruch nehmen.

Bis dahin werde ich viel Zeit für mich selbst brauchen, aber zwischendurch auch immer wieder mal Zeit mit anderen, so wie bisher. Falls möglich, behandelt mich einfach so wie immer, und denkt euch nicht allzu viel dabei, wenn ich eine Einladung mittel- oder kurzfristig absagen muss. Das ist dann in dem Moment so, ich brauche dann eben wieder Alone-Time, und am nächsten Tag bin ich vermutlich wieder gut gelaunt und gesellschaftstauglich. Ich denke, in den Zeiten, wo ich mich aus dem Haus traue, brauche ich auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, dann geht’s mir ziemlich normal, sonst wäre ich nicht draußen.

Das mag nicht der übliche Weg sein, mit solchen Problemen umzugehen, aber ich bin mir derzeit ziemlich sicher, dass es *mein* Weg ist. Ich bitte euch, das zu akzeptieren. Ihr müsst ja nicht mitmachen, aber ich würde gerne auf nett gemeinte Hinweise verzichten, die mir sagen, ich solle doch stattdessen lieber in dieser-und-jener-Weise damit umgehen.

Ok, ich hoffe, das hat wenigstens ein bisschen mehr Fragen beantwortet als es neue aufwirft. In nächster Zeit kommen dann also ein paar Blogposts, die das Problem, seine Ursachen und meine Lösungsansätze jedes mal ein Stück weit konkretisieren.

Über das Bedrüfnis, zu Kuscheln

So was träume ich in letzter Zeit oft. Und ich denke viel zu viel darüber nach, um es hier im Blog weiter als Randthema zu behandeln.

Begriffsklärungen

Zunächst mal muss ich sagen: ich mag das Wort „kuscheln“, weil es so schön weich klingt wie es sich anfühlt, und die Aussprache von „kuschelig“ so schön „nuschelig“ ist. Was ich an dem Wort nicht mag, sind die romantischen Konnotationen. Also, nichts gegen romantische Gefühle, aber ich würde gern „Kuscheln“ sowohl für romantische und aromantische, sexuelle und asexuelle Berührungen benutzen, solange sie irgendwie sanft sind. Ich könnte auch „knuddeln“, „zärtlich sein“, „sich berühren“, „sich nahe sein“, etc. sagen. Aber ich bleib jetzt mal bei „kuscheln“.

Im Folgenden Umfasst „Kuscheln“ daher alles von „Eine Hand auf dem Knie der anderen Person ablegen und ganz ruhig da liegen lassen“ bis zu „Eng umschlungen & leidenschaftlich über die Wiese rollen und sich dabei gegenseitig im Rücken fest krallen“. Ja, das ist ein ziemlich weites Bedeutungsspektrum für so ein kleines, kurzes Wort.

Ich würde mich als einen sehr kuscheligen Menschen bezeichnen. „Würde“ signalisiert dabei nicht nur zufälligerweise einen Konjunktiv. Denn alle anderen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich als „kuschelig“ bezeichnen, kuscheln viel, meist mit mehreren anderen Menschen. Ich hingegen kuschle seit Jahren praktisch überhaupt nicht mit Menschen. Kuscheln ist für mich etwa so ein rein theoretisches Thema geworden wie Küssen, Sex und Partnerschaft.

Die Vergangenheit

Als kleines Kind war ich wohl auch schon sehr kuschelig, damals auch noch „in der Praxis“. Das liegt aber vor meinen ersten bewussten Erinnerungen, und im Rest meiner Kindheit war ich gar nicht mehr davon zu begeistern, mit meinen Eltern (oder sonst irgendwem) zu kuscheln. Außer natürlich Katzen (dazu später noch mehr)!

Dann kam dieser ganze vielschichtige Umschwung als ich 11 war. Die Mädchen in meinem Alter begannen mit diesen (stereo-)typischen Mädchenfreundschaften, in denen es eben auch ganz selbstverständlich sanften Körperkontakt gibt. Ich hatte auch ein Bedürfnis danach, das vermutlich nicht anders war als deren Bedürfnis. Der Unterschied war nur, dass ihres ständig erfüllt wurde, während mir das als Junge komplett verwehrt bliebe. Hier und da konnte_durfte ich „Mädchenfreundschaften“ führen, die aber nie so intensiv wurden, dass Körperkontakt dazu gehörte. Einzige Ausnahme, wenn man das so nennen mag:

Kurz nach meinem 15. Geburtstag habe ich mit ein paar Freundinnen Matrix auf VHS-Kasesste geschaut. Da kein Platz mehr auf dem Sofa war, lag ich vor dem Sofa auf dem Boden. Manche von denen stellten/legten ihre Füße auf mir ab, und waren dabei sehr vorsichtig, mir nicht weh zu tun. Das war irgendwie schön, denn die Füße waren warm und weich (und hatten zum Glück auch keinen ekligen Fußgeruch). Das war aber auch schon der Höhepunkt meines freundschaftlichen Körperkontaktes in der Dekade von meinem 11. zum 21. Lebensjahr. Ja, es war eine traurige Zeit.

Dann hatte ich eine Freundin, mit der ich zeitweise sehr oft im gleichen Bett geschlafen habe. Wir haben uns dabei praktisch nicht berührt. Nur, als wir mal nachts zu zweit an einem See übernachtet haben, und die Temperaturen in den frühen Morgenstunden gegen Null sanken, habe ich mich ganz zaghaft an sie heran gekuschelt, um nicht so sehr zu frieren. Sie hatte davon im Schlaf nichts gemerkt. Schlimm genug, dass ich nicht vorher fragte (ich wollte sie dafür aber auch nicht wecken), so muste ich doch wenigstens am nächsten Morgen erfahren, ob sie das o.k. findet oder nicht, und mich ggf. entschuldigen. Also erzählte ihr davon. Sie fand das total o.k., trotzdem verliefen alle weiteren gemeinsamen Übernachtungen wieder berührungslos.

Später gab es eine Phase, wo ich mit ein paar Freund_innen sehr viel Zeit verbrachte. Mehrmals haben wir auch zu viert auf meiner Schlafcouch übernachtet, und dass sich dabei zwangsweise alle benachbarten Körper berührt haben, war anscheinend für alle ok bzw. schön. Soweit ich mich erinnere, gab es dabei keine bewussten Umarmungen oder sonstigen konkreten „Kuschelhandlungen“. Aber auch sonst gab es da – zumindest am Anfang – keine Angst davor, sich beim nebeneinander-sitzen zu berühren, sondern eher eine gewisse Wertschätzung dafür.

Dann kam meine erste „richtige“ Partnerschaft. Neben etwas Sex (der dann auch oft sehr kuschelig und generell toll war) haben wir täglich was-weiß-ich-wie-viele Stunden mit Kuscheln verbracht. Das war vermutlich die bisher einzige Person, mit der ich Körperkontakt hatte, der alle potentiell definierenden Merkmale von „Kuscheln“ erfüllt hat. Alles davor und danach lässt sich vielleicht eher anders bezeichnen. Natürlich war das eine ganz wunderbare Zeit, nicht nur, aber eben auch, wegen des Kuschelns. Dieses Kuscheln begann eigentlich schon zu Zeiten, in denen ich selbst das gar nicht als Partnerschaft gelesen hatte, und überdauerte dann so 3,5 Jahre.

Die Gegenwart

Das ist nun 2,5 Jahre her, und in der Zeit hat sich einiges geändert. In dem Maße, in dem mein Sextrieb von „kaum feststellbar“ auf „gar nicht mehr vorhanden“ gesunken ist, habe ich eine Art „Kuscheltrieb“ entwickelt, d.h. Kuscheln ist nicht nur ein verzichtbares Nice-to-have, sondern dieses kontinuierliche Nicht-Kuscheln gibt mir zum erstem Mal in meinem Leben ein direkt spürbares Unwohlsein. Nicht nur so wie „ich finde es schade, dass mir dieser Genuss verwehrt bleibt“, sondern ein Bisschen wie Durst oder Hunger oder Müdigkeit. Vielleicht auch vergleichbar mit dem Sextrieb anderer Menschen, aber da kann ich nicht mitreden.

Aber die Sache ist seit Kurzem noch viel komplexer geworden. Ich habe inzwischen nicht nur einen Kuscheltrieb, nein, ich habe derer fünf, die sich relativ klar voneinander abgrenzen lassen, obwohl sie natürlich auch noch in Kombination auftreten können:

  • Zunächst wäre da so ein Hautgefühl. In stark schwankender Intensität ist da ein Kuschelbedürfnis direkt auf meiner Hautoberfläche, was mal nur wenige, kleine Regionen umfasst, mal praktisch den ganzen Körper. So wie sich ein Fleckchen Haut warm oder kalt anfühlen kann, oder ich spüre, dass es gerne abgetrocknet, eingecremt, gekratzt oder auch mal geschlagen werden will, so spüre ich: dieses Fleckchen will jetzt gekuschelt werden, damit es sich wieder wohlfühlt. Das lässt sich allein, ggf. unter Zuhilfenahme von Kissen und Decken, ganz gut erfüllen, und spielt sich auf der Oberfläche ab. Somit reichen da auch ganz sanfte Berührungen, komplett ohne Druck. Manchmal ist das thema nach 3 Minuten durch, aber ab und zu ist dieses Bedürfnis so stark, dass ich viele Stunden nicht aus dem Bett komme, weil ich dann ohne dieses Gefühl auf der Haut unglücklich bin. (Hierzu gäbe es noch etwas zu sagen, was aber bei Zeiten einen eigenen Blogpost verdient…)
  • Dann unterliege ich in letzter Zeit krassen Stimmungsschwankungen. Etwa einmal in der Woche liege ich für einige Stunden heulend im Bett und mache mir dabei Sorgen um alles mögliche – oft auch darum, ob ich jemals wieder in meinem Leben mit einem anderen Menschen kuscheln werde. Aber egal ob es darum geht, oder mich ein ganz anderer Weltschmerz ans Bett fesselt: dann möchte ich ganz fest gedrückt werden. Das ist eine Empfindung, die auch auf der Haut stattfindet, aber auch im ganzen restlichen Körper. Das allein zu erfüllen, ist schon etwas schwieriger, aber wenn ich mein Kissen (es ist so ein 1,5m langes Seitenschläferinnenkissen) ganz fest drücke, fühlt es sich ein bisschen so an, als ob es mich auch drückt. Aber eigentlich bräuchte es dann mindestens 3 Menschen, die mich gleichzeitig (er-)drücken.
  • Wenn es einer Person, die mir sehr wichtig ist, schlecht geht, geht mir das sehr nahe. Wenn eine meiner Freundinnen weint – egal, ob direkt vor mir, oder am Telefon oder auch nur im Chat – fange ich auch gleich an zu weinen. So sehr wie ich ihre Traurigkeit auf mich projiziere, so sehr habe ich zumindest die Vermutung, dass sie dann auch gerne fest gedrückt werden würde. Ihr hypothetisches Bedürfnis zu erfüllen wird in dem Moment zu meinem Bedürfnis. Da ich so was nie ohne Einverständnis tun würde, frage ich in solchen Fällen nach (was am Telefon und im Chat eher sinnfrei ist) und bekomme als Antwort stets etwas wie „Nein, du musst mich jetzt nicht unbedingt drücken.“ was für mich also ein „Nein“ ist und als solche respektiert wird. Insbesondere einer Person, der es eh gerade schlecht geht, möchte ich nicht noch durch ungewollte Nähe noch mehr Kummer bereiten.
  • Wenn ich mich mit einer oder mehreren Personen sehr gut unterhalte, und ich nach einigen Stunden das Gefühl habe, dass geistig und emotional keine Distanz mehr zwischen uns ist, dann würde ich am liebsten auch die körperliche Distanz abbauen. Das muss dann kein Streicheln oder Kraulen sein, sondern so nahe zusammen zu rücken, dass man sich einfach nur irgendwo berührt, erfüllt das dann schon. In so einer Situation wäre ich auch zu deutlich mehr Körperkontakt bereit, aber das ist dann völlig optional und fehlt mir dann nicht.
  • Wenn ich verliebt bin – und ja, ich bin derzeit in mehrere Personen verliebt – kann es zu den unmöglichsten Zeiten passieren, dass ich an die Person denke und dann gerne bei mir hätte und berühren möchte. Was ich dann im Kopf habe sind stets sehr „harmlose“ Berührungen, also solche, die ich mir prinzipiell auch mit anderen Personen gut vorstellen könnte, aber dass dieser Wunsch personenbezogen und einfach so zwischendurch am Tag auftritt, ist dann schon irgendwie an Verliebtheit gebunden. (Nachts im Traum hingegen, da kuschel ich auch mit anderen guten Freund_innen, in die ich nicht verliebt bin.)

Und das sind allein die Dimensionen des Wünschens, Begehrens und manchmal auch Brauchens. Dass ich, auch wenn ich gerade keines dieser fünf Bedürfnisse vorliegt, Kuscheln als eine angenehme Bereicherung empfinden würde, kommt ja noch dazu.

Ebenfalls zusätzlich zu all dem ist etwas, das ich mal „Kuschelneid“ nennen möchte. Das ist weder etwas schönes, weil ich denke, Neid ist niemals schön, noch ist es bei mir besonders ausgeprägt. Aber diese Selbstanalyse wäre nicht vollständig, würde ich den Kuschelneid gar nicht erwähnen. Konkret heißt das, wenn andere Menschen in meiner Gegenwart kuscheln, kann das die oben genannten Bedürfnisse hervorrufen und/oder verstärken. Das ist aber gar nicht mal so schlimm, und meine Freude darüber, dass diese Menschen bei mir sind und es ihnen gut geht überwiegt. Ich würde daher niemals wollen, dass Menschen „mir zuliebe“ aufs Kuscheln verzichten.

Exkurs: von Männern, Katzen & männlichen Katzen

Zwei Aspekte, die vielleicht noch zu erwähnen wären, sind Geschlecht und Spezies.

Mein Wunsch oder meine Bereitschaft, mit einer Person zu Kuscheln, hängt sehr direkt damit zusammen, wie sympathisch mit diese Person ist. Es gibt eine Gewisse Korrelation zum Geschlecht, das heißt, unter den Menschen, die mir besonders am Herzen liegen, sind meist fast nur Frauen. Aber eben nicht nur. Kuscheln hat für mich keinen zwingenden Bezug zu Partnerschaft und Liebe, und erst recht keinen zu Sexualität. Der Gedanke, mit einem Mann zu kuscheln, ist für mich trotzdem ein bisschen befremdlich. Aber in dem Maße, in dem meine Androphobie (Abneigung ggü. Männern) über die Jahre sinkt, sinkt auch diese Befremdlichkeit. Eigenlicht kann ich mir inzwischen sogar recht gut vorstellen, mit Männern zu kuscheln, auch wenn da nur sehr wenige Männer in Frage kommen und ich nicht genau sagen könnte, ob es sich dann real doch irgendwie komisch anfühlen würde. Ich denke das wird sich irgendwann in der mittleren Zukunft klären und hat sicher auch was mit Gewöhnung zu tun.

Ich bin ja gerade sowieso dabei, sexuelle Orientierungen zu zerlegen. Vielleicht könnte ich von mir sagen, ich sei homosexuell, homoromantisch und eingeschränkt bikuschelig?

Und dann ist da die Sache mit den Katzen. Wer noch nie eine Katze gesehen hat, würde vermutlich meinen, dass es doch eher schwierig sein müsste, zwischen zwei (oder mehr) Individuen so unterschiedlicher Spezies irgendeine beiderseitig-angenehme Interaktion hin zu bekommen. Ungefähr so, wie mit einem Frosch Schach zu spielen, mit einer Antilope Kuchen zu backen oder mit einem Igel Kanu zu fahren. Aber nein, das klappt ganz wunderbar, und es verwirrt mich, warum das zwischen Menschen nicht genauso einfach und schön sein kann. (Und: warum es auch zwischen zwei Katzen oft nicht klappt…)

Klar, man kann Katzen streicheln und kraulen. Aber es gibt vermutlich genauso viele Varianten, mit einer Katze zu kuscheln, wie mit einem Menschen. Vielleicht auch noch mehr.

Kürzlich habe ich eine Katze auf der Straße getroffen. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, aber in weniger als 2 Sekunden darauf geeinigt, dass wir jetzt kuscheln wollen. Das war für uns beide schön, und nach ein paar Minuten trennten sich unsere Wege wieder, vielleicht für immer. Aber es ist dennoch etwas ganz anderes, als wenn ich z.B. mit dem Kater meiner Schwester kuschel. Da ist eine ganz andere Ebene von Vertrautheit und Zärtlichkeit vorhanden, und auch mehr Ausgewogenheit. Da streichle ich nicht nur den Kater, nein, der streichelt / drückt / leckt / küsst / beißt ganz selbstverständlich auch mich. Und das kann auch mal eine ganze Stunde oder mehr ausfüllen. Leider führe ich zu diesem Kater eine Fernbeziehung, er wohnt in Bochum und ich in Braunschweig.

(Und mit diesem zärtlichen Beißen und Kratzen zeigen Katzen und Kater auch ganz selbstverständlich, dass Kuscheln und SM keine Gegensatzpaare sind, sondern ein Kontinuum von angenehmen Empfindungen. Und dass weder das eine noch das andere mit Sexualität verbunden sein muss. Auch da kann Spezien-übergreifend leicht ein Konsens gefunden werden, was für beide gerade o.k. ist. Und bevor noch jemand fragt: nein, ich beiße den Kater nicht, das wäre mir zu haarig im Mund.)

Die Zukunft

Vielleicht ist das mit Menschen ja wirklich genauso leicht, und alles, was mich noch davon abhält, sind Hemmungen, die die Gesellschaft mir auferlegt hat. Oder ich mir selbst. Die wieder loszuwerden ist für mich leider gar nicht leicht. Zwischen Menschen ist sowohl die verbale, als auch die nonverbale Kommunikation sehr mächtig, und einer der beiden Kanäle müsste bereits reichen, um einen Kuschelkonsens mit anderen zu erreichen. Und dabei lassen sich ja beide sogar kombinieren. Das müsste ich doch lernen können. Einfach so, alleine, im Alltag, oder im Gespräch mit Freund_innen schaffe ich das aber offenbar nicht.

Als ich mich vor über 2 Monaten für die (vermutlich) erste Braunschweiger Kuschelparty angemeldet hatte, hatte das vor allem zwei Motivationen: natürlich, dass das Erlebnis, mal wieder mit Menschen zu kuscheln, als solches schön sein würde, und wohl noch wichtiger: dass ich dabei Hemmungen abbaue und Kommunikationsstrategien erlerne, um danach auch mal außerhalb solcher Events kuschelige Kontakte zu haben. Die Umstände waren dann eindeutig gegen mich, so ich war an dem Abend kurzfristigerweise komplett verhindert. Meine außer-partnerschaftliche Kuschelerfahrung ist damit immer noch fast null. Doch im Laufe der nächsten 20 Tage liegen zwei bis vier Kuschelparties vor mir, vermutlich nehme ich drei davon wahr. (Nackt-Kuscheln geht mir wohl derzeit deutlich zu weit, Im-Dunkeln-Kuscheln sollte hingegen ok sein, wenn ich gewisse Dark-Room-Assoziationen unterdrücke.)

Ich gehe davon aus, dass diese zwei bis vier Events etwas mit mir tun werden, etwas hoffentlich positives und auflockerndes. Es könnte auch alles ganz fürchterlich laufen, wer weiß das schon. So oder so war es mir wichtig, diesen Text vorher aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Für den Fall, dass das irgendeine Form von Wendepunkt in meinem Leben darstellt, kann ich dann einen klaren Vorher-Nachher -Vergleich anstellen.

Ob mein Alltag danach so kuschelig wird, wie ich ihn derzeit bräuchte, um glücklich zu sein, weiß ich natürlich nicht. Das hängt ja nicht nur von mir ab, sondern auch von den Personen, die ich kenne und in näherer Zukunft kennenlernen werde. Es ist für mich sehr ungewohnt, über meine Bedürfnisse zu schreiben und sprechen, und es fühlt sich auch jetzt noch ein Stück weit falsch an. Was daran liegen mag, dass ich es nicht gewohnt bin, so starke Bedürfnisse zu haben. Und keine, die prinzipbedingt von anderen Menschen abhängen. Ich mache das jetzt erst mal auf öffentlicher, und somit unpersönlicher Ebene, was schwer genug ist. Vielleicht kann es als Basis dienen, um das später mit einzelnen Menschen konkreter auszuführen. Vor diesen Gesprächen habe ich immer noch etwas Angst.

Aber andererseits denke ich, hier und da mal in den Arm genommen zu werden, jemandem den Nacken kraulen zu dürfen und mal ohne Sicherheitsabstand nebeneinander zu sitzen ist nicht zu viel verlangt vom Leben, erst recht nicht, solange ich diese Erwartung nicht einer einzelnen konkreten Person aufdrücke. Ich komme ja schon ganz gut damit zurecht, keine Beziehung zu haben, und damit, dass das vielleicht noch Jahrelang so sein wird. Etwas mehr Alltagsnähe scheint mir da die kleinere Baustelle zu sein, und dennoch die, die mich derzeit mehr bedrückt.