Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? „Nicht nötig!“ heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, „homonormativen“ Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der „Richtung“ nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie „bisexuell und asexuell“ gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als „biromantisch und asexuell“ oder eben „bisexuell und aromantisch“ bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. „Nein, nur demisexuell.“ war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan „Das ist bei mir aber auch so“. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht „In the closet“.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich „Gleichgesinnte“ finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das „Recht“ dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das „Recht“ haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie „normaler“ Sex und „normale“ Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Selbstfürsorge ist für alle gut

Bloggen wird in letzter Zeit immer schwieriger, und das nicht nur *obwohl* so viel spannende Dinge passieren, sondern gerade deswegen. Ich wollte nun eigentlich einen Gesamtüberblick über diese Themen geben und auch 3-4 davon kurz eingehen.

Stattdessen ist ein Text über Selbstfürsorge und persönliche Beziehungen entstanden. Das wird schon seine Gründe haben, auch wenn ich selbst gerade noch nicht weiß, warum gerade das nun dabei raus gekommen ist, schließlich war das ursprünglich nicht mal Teil der langen Themenliste.

Vernetztheit von Themen und Gedanken

Ich habe derzeit 17 Einträge in meiner Blog-Todo-Liste. Das ist gar nicht so viel mehr als sonst. Normalerweise liegen diese Themen da einfach herum, warten darauf, dass ich mir eins aussuche, um es zu bearbeiten, und dann gibt es einen neuen Blogpost.

Derzeit warten diese Themen aber nicht. Sie schwirren in meinem Kopf herum, in meinem Herzen, in meinen Alltagsgesprächen, in meinen Träumen. Die Bereiche sind vernetzt und wollen gar nicht getrennt werden, sondern alle zusammen in irgendeinem größeren Kontext bleiben.

Das Private ist politisch

Dass ich viel Nachdenke und Ist-Zustände kritisch hinterfrage ist nicht ja nun schon seit einiger Zeit so. Manche der aktuell heißen Themen wirken sehr privat und persönlich, andere haben auf den ersten Blick eine eher politische oder gesellschaftliche Dimension. Aber trennen lässt sich das eh nicht. Fast schon zu platt, jetzt „das Private ist politisch“ zu zitieren, oder?

Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen

Es gibt aber bei mir derzeit gewisse egozentrische Tendenzen. Viele Fragen betrachte ich aus einer sehr ich-bezogenen Perspektive. Dabei ist Egozentrik nicht gleich egoistisch. So verschiebt sich mein Denken von „Was kann die Gesellschaft tun, damit es allen Teilen der Gesellschaft gut geht.“ mehr zu „Was kann ich tun, damit es mir und den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.“ Vom Makroskopischen zum Mikroskopischen. Ich will nicht sagen, dass der eine Ansatz besser ist als der Andere, und letztlich glaube ich, beide müssen Hand in Hand arbeiten für eine bessere Welt.

Ich glaube inzwischen, wir Menschen haben kollektive, soziale und individuelle Verantwortungen, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Das heißt für mich, mein Handeln muss das Ziel haben, dass es allen gut geht, insbesondere aber denen, die mir nahe sind, und mir selbst. Es ist nicht immer leicht, alles drei zu erreichen, und je größer der Fokus, desto kleiner die reale Veränderung, die eins bewirken kann.

Die Unsichtbarkeit globaler Handlungen

Wenn ich mich für ein Thema einsetze, meine Stimme bei einer politischen Wahl oder parteiinternen Abstimmung gebe, mein Konsumverhalten bewusst anpasse, etc. kann ich nicht erwarten, die Konsequenzen direkt zu sehen, messen zu können, einen Dank oder einen Vorteil davon zu erhalten. Ich brauche einiges an Abstraktionsvermögen und Gedankenspielen, um mich davon zu überzeugen, dass das nun notwendig und zweckmäßig fürs Gesamtwohl war. Aber dennoch glaube ich, wenn wir alle in unserem globalen Handeln bewusster vorgehen, hat das globale, sichtbare, weitreichende Konsequenzen.

Ich bewundere Menschen, die rund um die Uhr enthusiastisch und mit voller Power auf diesem Level operieren. Individuell kann das auch mal ganz kur in Vergötterung, Ehrfurcht, und Mindwertigkeitskomplexe eskalieren, aber auch in Sorge und Mitleid, weil ich mich frage, ob diese Altruist_innen wirklich glücklich sein können, ohne sich mal Zeit für sich selbst zu nehmen.

Für mich habe ich herausgefunden, dass mein Altruismus – und vorallem meine Frustrationstoleranz – nicht ausreicht, um vorwiegend auf dem Level zu arbeiten. Vielleicht muss es auch heißen „noch nicht“, denn ich denke ja, dass ich permanent im persönlichen Wachstum bin und nur weil ich etwas jetzt nicht kann, heißt das nicht, dass ich es nicht immer mal wieder probieren sollte.

Die Grenzen der Fremdfürsorge

Von der Erzählweise her müsste jetzt ein Abschnitt folgen, indem ich darüber berichte, ob bzw. wie ich mich stattdessen um Menschen in meinem Umfeld kümmere, wenn schon das gesamtgesellschaftliche Engagement nicht mein Ding ist. Auch das ist aber nicht so einfach.

In den letzten Monaten habe ich eine sehr schwierige, schmerzhafte Erfahrung gemacht. Nämlich, dass das positive Engagement für eine Person im nahen persönlichen Umfeld negative Gesamteffekte haben kann. Wenn’s schief läuft, geht es der anderen Person danach immer noch schlecht, aber zusätzlich auch mir so schlecht, dass ich anderen zur Last falle und es denen aus lauter Sorge um mich auch noch schlecht geht.

Und es lief sehr schief. Ich war in einer Lose-Lose-Situation, in der jede Handlungsoption schlecht war, und ich glaube, ich habe die gewählt, die am wenigsten schlecht war. Konkreter möchte ich hier gar nicht werden, was die eigentliche Situation angeht. (Wer mich persönlich kennt, weiß entweder schon, wovon ich rede, oder wird das beizeiten noch erfahren.)

Aber ich habe daraus die Lehre gezogen: Jede_r ist in aller erster Linie für’s eigene Wohl verantwortlich. Und jede_r ist Spezialist dafür, was er_sie gerade braucht.

Besser, A kümmert sich erfolgreich um A und B kümmert sich erfolgreich um B, als dass A und B sich erfolglos gegenseitig umeinander kümmern.

Zeit für Selbstfürsorge

Sich selbst zu lieben, zu mögen, wertzuschätzen, und eine grundlegende Zufriedenheit mit sich zu haben, ist nicht leicht, aber es ist wichtig. Wenn ihr ihn nicht schon sowieso kennt, muss ich an der Stelle unbedingt auf den Text „Von der Liebe, der Gesellschaft und der Monoagapanie“ bei dontdegradedebsdarling verweisen. Los, lesen! 🙂

Es gibt dieses Sprichwort „Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben / kann von anderen geliebt werden.“ sowie diverse Abwandlungen davon. Ich würde das gerne verallgemeinern zu

„Nur wer (mit) sich X, kann anderen Menschen dabei behilflich sein,  X zu tun.“

Und für X lässt sich dann einiges einsetzen, z.B. (die kursiven Einträge habe ich erst nachträglich eingefügt):

  • lieben
  • verstehen
  • zufrieden sein
  • sich entwickeln
  • klarkommen
  • Verantwortung übernehmen
  • ehrlich sein
  • guten Sex haben

Ich beschäftige mich wieder sehr viel mehr mit meinen ganz persönlichen Wünschen, Ängsten, Gefühlen, Grenzen, Gedanken.

Aber die Beschäftigung allein ist nicht alles. Der erste, grundlegende Schritt ist, diese Emotionen überhaupt zuzulassen. Beispielsweise habe ich mir in den letzten Jahren mehr oder weniger verboten, mich zu verlieben, und entsprechend lieblos war mein Leben.

Gefühle wieder zuzulassen, kann zu Beginn ein sehr rationaler Prozess sein. Ab einem gewissen Punkt ist es dann nötig, die Rationalität in den Hintergrund treten zu lassen.

Das Negative ist positiv

Da geht es nicht nur um flauschig-fröhliche Glückseligkeit und unbegrenzte Fröhlichkeit. Ich habe in der letzten Zeit auch (aber nicht nur!):

  • geweint
  • vermisst
  • (mit)gelitten
  • mich für Fehler verurteilt
  • mich verletzt gefühlt
  • Unsicherheiten durchlebt
  • mir Sorgen gemacht

Aber ich habe endlich wieder Wege gefunden, mit diesen (sogenannten) negativen Gefühlen positiv umzugehen. Ich sehe das derzeit als Zeichen dafür, dass ich lebe, dass ich fühle und ein Mensch bin. Das sind Dinge, die ich leider nicht immer in meinem Leben von mir sagen konnte.

Das Persönliche ist inter-persönlich

Und ich kenne tolle Menschen, die das ähnlich sehen, die sich freuen, wenn ich meine Gefühle – egal ob positiv oder negativ (oder beides in einem) – mit ihnen teile. Mit denen ich zusammen Mensch sein darf.

Indem ich mich öffne, zeige ich anderen auch, dass sie sich mir gegenüber öffnen können. Und das wirkt.

Endlich wieder engere Beziehungen zu anderen aufzubauen sehe ich als direkt verknüpft damit, wieder eine enge Beziehung zu mir selbst zu führen. Die Zeit, die ich derzeit darein stecke, mich mit mir selbst zu beschäftigen und an meiner eigenen Zufriedenheit zu „arbeiten“, kommt auf Dauer nicht nur mir zugute.

Gefühle und Gedanken im Einklang

Am besten läuft’s für mich, wenn weder meine Emotionen noch meine Gedanken ein Monopol oder gar eine Diktatur über mein Handeln haben. Ich lege viel Wert darauf, dass beides im Einklang miteinander liegt.

Das hat mehrere positive Auswirkungen:

  • Es hilft mir, meine Gefühle in Worte zu fassen, und mir selbst erklären zu können, wo sie herkommen und wo sie hinführen mögen.
  • Das hilft mir wiederum, tiefgründige Gespräche mit anderen darüber führen zu können.
  • Sowohl Gedanken als auch Gefühle können sich manchmal „verhaken“, das heißt, an einem bestimmten Punkt nicht weiter komme, obwohl eigentlich noch eine bestimmte Entwicklung bevorstehen würde. Der Austausch zwischen beiden kann Bewegung darein bringen.
  • Ich bin anderen Gegenüber verpflichtet, mit meinen Gefühlen verantwortungsvoll umzugehen. Das kann nur klappen, wenn ich meine Gefühle verstehe. Dazu ganz toll: diese Textserie (Teil eins, zwei und drei) von Esme Grünwald.
  • Es trainiert auch, die Gefühle anderer besser zu verstehen.

Nur eine Phase?

Gefühle und Emotionen beschäftigen mich derzeit sehr, und das nimmt Zeit und Raum ein, welche ich vielleicht anderswo einsetzen sollte / wollte. Aber ich sehe das auch als eine befristete Phase der Umgewöhnung. Es ist ja nicht so, dass diese Emotionalität etwas komplett neues, unbekanntes für mich wäre. Es ist nur eine Weile her, dass ich das letzte „so“ war. Diese Meta-Beschäftigung damit wird vorüber gehen. Das heißt nicht, dass ich in naher Zukunft keine Gefühle mehr haben werde oder nicht mehr darüber sprechen werde, aber die Tatsache, dass es so ist, wird mich dann nicht mehr so verwundern.

In meinem Kopf wird wieder etwas mehr Ordnung eintreten. Themen und Gedanken werden sich wieder trennen lassen, so dass ich einzelne Punkte aus meiner Blog-Todo-List abarbeiten kann. Und es wird mehr Zeit bleiben, um mich mit anderen und mit der Gesamtgesellschaft zu beschäftigen.

Fazit: die Fürsorgepyramide

Für mich besteht eine gewisse Fürsorgepyramide. Mich um mich selbst zu kümmern ist Grundvoraussetzung dafür, bedeutungsvolle Bindungen zu den Menschen in meinem Umfeld zu haben. Und diese Bindungen wiederum können eine gute Basis für größere Vorhaben sein.

Jeder Mensch ist anders, und ich möchte nicht sagen, dass diese Pyramide für jeden gültig, richtig und zwingend ist. Aber ich glaube, wer sie gleich als egoistisch und unethisch abtut, läuft Gefahr, die Selbstfürsorge zu vernachlässigen und damit letztlich das Potential zu verlieren, für Freund_innen und den Rest der Welt da zu sein