Geschlechtliche Normierung von Freund*innenschaften

Ich hab’s ja kürzlich in meinem Poly-Coming-Out schon angekündigt: ich muss mal reflektieren, was Freund*innenschaften und Partner*innenschaften für mich bedeuten und wie weit da überhaupt eine Unterscheidung sinnvoll ist. Und ich merke, das ist nicht nur für mich ein Thema. In meinem Umfeld beschäftigt das viele Menschen, unabhängig davon, ob diese sich als Poly einordnen oder nicht. Daher denke ich, das Thema lässt sich auch ein Stück weit getrennt von Polyamorie betrachten, auch wenn ich – natürlich 🙂 – am Ende der „Serie“ wieder den Bogen dazu schlagen werde.

Fortsetzung einer Serie

Im letzten Post lag der Fokus etwas mehr auf dem, was gemeinhin als Partner*innenschaft angesehen wird, und nun soll’s bei etwas mehr um die freundschaftliche Seite gehen – stets unter der Einschränkung, dass ich da ja eh keine undurchdringliche Grenze sehe. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass daraus noch mindestens drei Blogposts werden:

  • Den eher trocken-theoretischen dazu, welche (geschlechtlichen) Normierungen von Freund*innenschaften ich wahrnehme – das ist also genau dieser Post hier.
  • Der zu meinen konkreten vergangenen Erlebnissen mit Freund*innenschaften und Partner*innenschaften und all dem, was da so dazwischen liegt aber scheinbar nicht liegen durfte – folgt später.
  • Und dann den locker-hoffnungsvollen dazu, was ich mir für meine Freund*innenschaften in Zukunft wünsche, aber auch dazu, was mir da gerade noch alles im Wege steht – folgt auch später.

Kurz vorweg: das mit den Stern*chen

Ich benutze generell kein Sternchen im Zusammenhang mit Frau* oder Männern*, etc. Kürzlich gab’s eine interessante Twitterdebatte dazu, wie dieses Sternchen, das eigentlich nicht-cis- oder nicht-binäre Personen einschließen soll, diese doch eher ausschließt. Keine endgültig geklärte Sache, aber hier erst mal egal, denn:

Bei den Worten „Freund*innenschaft“ und „Partner*innenschaft“ steht das Sternchen – meiner Meinung nach – dafür, sämtliche Kombinationen aus weiblichen, männlichen und ggf. sonstigen Teilnehmer_innen zu bezeichnen. Wo ich ausdrücklich nur solche zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern meine, erübrigt sich damit auch dieser Begriff und „Freundschaft“ oder „Freundinnenschaft“ reicht aus.

Freund*innenschaften unterliegen Normen

Mir wurde bei den Überlegungen der letzten Tage klar, dass nicht nur Partner*innenschaften normiert sind, sondern genauso auch Freund*innenschaften. In aller erster Linie richten sich diese Normierungen nach dem (sozialen) Geschlecht, und so widmet sich ein Großteil dieses Textes den bestehenden Normierungen, so wie ich sie wahrnehme. Das ist jetzt nicht gerade das wichtigste, und spannendste, was mir zu all dem einfallen könnte, aber irgendwie muss es gesagt werden, entstand zumindest als nicht-enden-wollendes Vorwort zu etwas anderem, was ich unbedingt sagen möchte.

Manches davon ist überspitzt, fast nichts davon ist in Beton gegossen. Das heißt, auch bevor irgendwer emanzipatorische Texte darüber schrieb war das immer schon möglich, viele dieser Normen zu ignorieren. Aber dennoch spreche ich ihnen Wirkung zu. Ich hoffe, ich kann das alles jetzt hier benennen, ohne damit selbst total verbohrt und altmodisch zu wirken…

Die (beste) Freundin

Es gibt so ein gesellschaftlich geprägtes Bild davon, wie Mädchen / Frauen mit ihrer jeweils besten Freundin umgehen. Das ist ein tolles Bild, denn es enthält so viel Nähe, Vertrauen, gegenseitige Stärkung und Offenheit, Verlässlichkeit. Viele Sprichworte und Erzählungen legen nahe, dass diese Verbindung sogar noch stärker und bedeutsamer ist als die zwischen (heterosexuellen) Liebespartnern. Gerade für Mädchen und junge Frauen ist das auch empowering: Männer sind nicht zwingend der Mittelpunkt der (weiblichen) Welt. Einer der Gründe, weshalb ich „My Little Pony: Friendship is Magic“ so liebe.

Natürlich ist auch das Bild der besten Freundinnen teilweise problematisch: Es geht oft von Symmetrie aus (wenn A die beste Freundin von B ist, muss B auch die beste Freundin von A sein), und das beschränkt sowohl die Freiheit von A und B untereinander, als auch die möglichen Freund*innenschaften zu dritten. Das heißt, obwohl Sexualität keine Rolle spielt, werden pärchennormative Vorstellungen von Exklusivität und Eifersucht auch auf beste Freundinnen projiziert. Insofern diese Vorstellungen natürlich und angeboren sind, ist es nur richtig, sie auch dort zu thematisieren, aber wer sagt schon, dass sie es immer sind? Ich denke, sowohl in Partner*innenschaften als auch in Freund*innenschaften ist vieles davon anerzogen.

Immerhin können Mädchen ja nicht nur „beste Freundinnen“ sein sondern auch einfach „nur Freundinnen“, und das hebt viele dieser Probleme vielleicht wieder auf, insofern da nicht wieder äußere Umstände eine zwangsweise Zuordnung in eine dieser Kategorien erzwingen.

Kumpels, Bros und Freunde

Die Freundschaften zwischen Jungen / Männern sind generell anders normiert. Soweit ich das überblicke, sind hier (sowohl im gesellschaftlichen Idealbild, als auch in der Lebensrealität) Exklusivität und Symmetrie weniger erzwungen, auf den ersten Blick ist alles viel lockerer. Aber ich glaube auch, es bestehen hier sehr enge Schranken dessen, wie viel Nähe (insbesondere körperlich) „erlaubt“ ist, um nicht als schwul zu gelten – wobei schwul „natürlich“ gleich als schlimmste denkbare Abwertung her hält. Das ist vielleicht in den letzten Jahren auch lockerer geworden, seit so Begriffe wie „Bro-Love“ kursieren. Ähnlich wie bei „besten Freundinnen“ findet hier „empowerment“ (etwas schwieriger Begriff bei einer privilegieren Gruppe) und Abgrenzung statt, z.B. in Form von „Bros before Hoes„. So gerne ich auch Konzepte loben würde, die Freundschaften gegenüber Partner*innenschaften aufwerten… über die Kackscheiße, die dieser plakativen misogynen Abwertung und Sexualisierung von Frauen durch den Begriff anhaftet, brauchen wir ja wohl nicht diskutieren. (Kennt eine_r einen unproblematischen Begriff für das selbe Konzept?)

The radical notion of Cross-Gender-Friendship

Und dann ist da noch das mit den „Cross-Gender-Friendships“, also Freund*innenschaften zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts. Ich muss mich ja fast schon freuen, dass diese inzwischen überhaupt als existent angesehen werden und breite Akzeptanz finden – laut der Wissenschaft ist dies ein extrem junges soziales Phänomen, also erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt so möglich (siehe dazu z.B. diese Studie zu „Attraction in cross-sex friendship“, die interessante Aussagen enthält, die ich aber nicht unbedingt alle unterstützen würde). Für mich ein komischer Gedanke, der Mitleid mit meiner Eltern- bzw. Großeltern-Generation aufkommen lässt. Die haben viel verpasst. Doch was auch heute noch an Normierung in diesen Freund*innenschaften vorherrscht stößt mich ab.

Da ist dieses gesamte Friendzone-Konzept, das darauf abzielt, dass eine Freund*innenschaft zwischen Mann und Frau keinen eigenen Wert hat, außer die Vorstufe eine späteren Partner*innenschaft zu sein – bzw. in dem Fall, dass so eine Partner*innenschaft seitens der Frau unerwünscht ist, sogar einen negativen Wert haben könnte. Für mich ein völlig verquastes Denken, von dem ich nicht weiß, wie viele oder weniger Männer tatsächlich so denken und fühlen. Aber egal wie viele es sind, ich habe die Auswirkungen dieses Mindsets auf meine eigenen Freund*innenschaften gespürt. Sätze wie „Männer und Frauen können nicht einfach nur Freunde sein“ sind außerdem auch im Jahr 2013 noch an der Tagesordnung. Das wertet nicht nur Freund*innenschaften gegenüber Partner*innenschaften ab, es ist außerdem total heterosexistisch. Was sollten ein schwuler Mann und eine Lesbische Frau denn sonst (primär) aneinander finden als  eine Freund*innenschaft?

Dabei ist das – auf einer ganz bestimmten Ebene – gar nicht so weit weg von meiner Herangehensweise daran. Insofern ich denn zwischen Freund*innenschaft und Partner*innenschaft unterschieden habe, war Partner*innenschaft sowieso eine Erweiterung davon, und insofern war es für mich völlig normal, dass sich irgendwann eine Partnerin in der Menge meiner Freundinnen hervortun würde. Aber unabhängig davon hat doch jede Freund*innenschaft ihren ganz eigenen Wert, der doch auch sehr nah am Wert einer Partner*innenschaft liegen kann.

Cross-Gender-Friendships in unfreiwilliger Konkurrenz zu Partner*innenschaften

Hinzu kommt, dass diese Cross-Gender-Friendships auch dahingehend begrenzt sind, wie intensiv sie werden können, ohne zur Partner*innenschaft gelabelt zu werden (haha, wie egal mir das ist!) oder als Gefahr für die RZBs der beteiligten gesehen werden (Ups, doch nicht egal!). Für letzteres liegt die Schwelle doch erstaunlich niedrig, was gerade denn bewusst wird, wenn (mindestens) eine_r von zwei Freund_innen plötzlich in einer RZB mit wemanders ist:

  • Zusammen auf der selben Couch liegen und einen Film schauen? Dürft ihr nicht mehr!
  • Euch regelmäßig zu zwei treffen? Mööp! Sollt ich auch nicht!
  • Über Dinge sprechen, über die nicht auch mit der Partnerin gesprochen wird? Geht natürlich nicht!

Viel bleibt da nicht mehr von der Freund*innenschaft. So unterliegen dann Freund*innenschaften plötzlich ganz konkreten Beschränkungen, die aus Parner*innenschaften entspringen, und damit sogar Menschen betreffen, die selbst Single sind. Und ich habe das Gefühl, dass diese Beschränkungen – zumindest im üblichen heteronormativen Kontext – nur Cross-Gender-Friendships betreffen und somit benachteiligen.

Sind geschlechtlich normierte Freund*innenschaften nun gut oder schlecht?

Für mich war es die meiste Zeit meines Lebens ein großes Problem, wie Freund*innenschaften gegendert sind, weil ich eben falsch gegendert wurde. Wenn ich mich nun mal nach „typischen“ Mädchen-zu-Mädchen-Freundinnenschaften gesehnt habe, war es wenig hilfreich, als Junge gelesen zu werden. Natürlich war das unglaublich frustrierend zu spüren: die Art von Freund*innenschaft, die du suchst, kannst du nicht haben, weil das nur für Mädchen erlaubt ist und du gerade keins bist.

Problematisch daran ist ja auch, dass ich es keiner einzelnen Person übel nehmen kann, wenn sie mit mir nicht befreundet sein will. Das Prinzip ist mir sehr wichtig, aber somit fehlte mir auch irgendwo die Projektionsfläche für daraus resultierende Wut und Frustration.

Interessanterweise hat das mit der „Mädchen-Freundinnenschaft“ zwischendurch trotz aller unerfreulicher Geschlechtszuweisung ab und zu geklappt, aber das ist Thema für einen eigenen – zu Beginn bereits angekündigten – Eintrag.

Und letztlich ist da ja auch ein Unterschied ob ich sage „ich wünsche diese und jene Form von gegenderter Freund*innenschaft, einfach, weil ich so fühle“ oder ob eine ganze Gesellschaft diese Normen quasi-verbindlich mit der Gießkanne über alle ausschüttet, ob sie nun wollen oder nicht.

Ob wir nun insgesamt die Defintionen der Geschlechter lockern (so dass Jungen sich auch mal mädchenhaft verhalten, und Mädchen auch mal jungenhaft, um es mal ganz „vorsichtig“ zu formulieren) oder die Defintionen der Freund*innenschaften (so dass z.B. die enge Verbindung, die derzeit nur zwischen besten Freundinnen geduldet wird, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten akzeptiert wird) sind wohl letztlich nur verschiedene Sichtweisen des gleichen Lösungsansatz. Denn ich glaube ja (auch wenn ich das wohl nie zuvor so konkret geäußert hatte) dass bestimmte „Geschlechterunterschiede“ eine nicht-konstruierte Basis haben, deren Auslöschung ich weder für möglich noch erstrebenswert halte. Vielmehr würde es wohl reichen, auf Fremdzuschreibungen und (scheinbar) harte Regeln zu verzichten und jeden Menschen primär entsprechend seinen Gefühlen und Wünschen handeln zu lassen.

Das musste ja kommen: Mein Coming Out als Poly

Wer mir auf Twitter folgt, hat in den letzten Wochen u.a. mitbekommen, wie die Anzahl meiner Tweets zu Polyamorie schlagartig von „0“ auf „ungewöhnlich viel“ gestiegen ist. Meine einzige Stellungnahme dazu, wie sehr mich das selbst betrifft, war bisher:

Ich habe also, eher unfreiwillig, die letzten Tage dafür genutzt, darüber intensiv nachzudenken. Bin nicht zu viel anderem gekommen. Selbst mein/unser wichtiges Projekt Aufschreistat liegt seit dem auf Eis, was mir sehr (!) Leid tut. 100% meiner Freizeit für die Selbstfindung zu verbraten kommt mir sehr egoistisch vor, aber mein Unterbewusstsein lässt da gerade nicht wirklich mit sich darüber diskutieren, was sonst gerade wichtig ist. Es tut halt, was es glaubt, tun zu müssen.

Also versuche ich jetzt mal, was aufzuschreiben. Auf dass Kopf und Herz für ein paar Tage Ruhe geben, was das Thema angeht, und mir wieder Raum für anderes lassen.

Das wird jetzt so eine Mischung aus Coming Out, Definitionsversuch, Vergangenheitsverarbeitung (nein, die Vergangenheit wurde in einen zukünftigen Blogpost ausgelagert), Zukunftsträumen und einem Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber allem, was konservative Einstellungen uns sonst zu denken und fühlen verbieten.

Und es wird der Versuch, mein Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen positiv zu interpretieren, nachdem ich Jahrzehntelang nur eigene Defizite darin gesehen habe. Fakt ist, ich schreibe seit etwa Weihnachten 2012 an einem langen, schwierigen Blogpost, in dem ich meine Unfähigkeiten im Zwischenmenschlichen miteinander thematisiere. Dieser hier könnte jenen dort überflüssig machen. Achtet mal drauf, wie oft in diesem Blogpost steht „Ich kann“ oder „Ich könnte“ steht. In dem anderen, unveröffentlichten Text steht ähnlich oft, was ich alles nicht kann. Positive Thinking FTW!

Und es wird lang. Auch das tut mir Leid, aber gerade muss ganz viel raus. Ich habe mich aber sehr bemüht, es dennoch in eine verständliche Struktur zu bringen.

Was ist Polyamorie?

Ich bin nicht geeignet, da eine exakte Definition zu geben. Fuck, ich hab bis jetzt nicht mal den gleichnamigen Wikipedia-Artikel gelesen! (Vorsicht, der ist noch länger als mein Blogpost hier.) Was soll ich also dazu sagen? Ich habe natürlich eine eigene Vorstellung davon, was das für mich bedeutet, aber die kann ich schlecht hier vorweg nehmen, die baut sich durch den Artikel hindurch nach und nach auf.

Aber ich probiere es mal so ganz grob mit einer höchst persönlichen Definition ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

Polyamorie umfasst eine Menge von Beziehungsformen, Einstellungen und Handlungsweisen, die darauf abzielen, intime Kontakte zu mehr als einer anderen Person gleichzeitig zu führen. Intimität kann sich hier sowohl sexuell, als auch in nicht-sexuellem Körperkontakt oder gänzlich ohne Körperkontakt ausdrücken, und natürlich vielfältige emotionale Verbindungen enthalten. All diese Kontakte finden im Konsens und Wissen aller beteiligten statt.

Aber prinzipiell schwebt mir gerade etwas anderes vor, als allgemeingültige Definitionen. Ich will zeigen, was das für mich selbst bedeutet.

Die Grenze zwischen Freundschaft und Partnerschaft…

…war für mich immer schon schwierig. Aber ich hatte die Vorstellung, die Grenze wäre nunmal da und müsste von mir auch akzeptiert werden.

Zunächst hat beides für mich die selbe Zielgruppe: Die Charaktereigenschaften, die jemanden für mich als gute Freund_in interessant machen, sind die selben, die ich auch von einer potentiellen Partnerin erwarte. Und aus irgendwelchen Gründen – sorry, Jungs – kann ich mir wirklich enge und erfüllende Freundschaften fast nur mit Frauen vorstellen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Partnerschaften passieren für mich also so: Ich treffe eine Frau, verstehe mich gut mit ihr, wir werden gute Freundinnen. Es folgt einige Zeit, in der wir viel Spaß miteinander haben. Und dann wird plötzlich „mehr“ daraus. Vielleicht auch nie, das ist für mich auch o.k. (Das ist übrigens der Punkt, wo ich mich schon immer von „friendzone-critical nice guys“ unterschieden habe.)

Das war schon immer ein universelles Muster meiner Beziehungs-Anbahnung, und ich denke, vom Ablauf her ändert sich auch jetzt nichts daran.

Und dann wird „mehr“ daraus?

Was aber nun ins Wanken gerät, weil es eigentlich nie auf einem festen Sockel stand: Worin besteht eigentlich dieses „mehr“?

  • Es könnte sexuelle Anziehung sein.
    • Aber die passiert im Kopf, und bei mir bleibt sie u. U. auch da. Ich kann eine Frau sehr sexy finden, aber trotzdem „ganz normal“ mit ihr umgehen, so dass sie sich niemals objektifiziert fühlen muss
    • Und ich kann eine glückliche (auch sexuelle) Beziehung zu einer Frau aufbauen, die gar keine besonders große optische Anziehung auf mich hat.
  • Es könnten sexuelle Handlungen sein.
    • Aber ich kann auch eine sehr innige Beziehung führen, die dauerhaft ohne Sexualität auskommt. Das schaffen asexuelle Personen, und ich als demisexuelle schaffe das ebenso.
    • Genauso gut könnte ich sexuelle Kontakte zu Menschen haben, zu denen ich keine Beziehung führe.
  • Es könnte Zärtlichkeit sein, wie z.B. Umarmen, Küssen, Kuscheln.
    • Aber ich finde, das können teilweise auch wichtige Elemente in einer Freundschaft sein.
    • Und ich kann eine Art Beziehung zu einer Person führen, die nichts von alledem enthält, und auf einer seelischen Ebene dennoch inniger ist als so machne sexuelle Beziehung anderer Menschen.
  • Es könnte die seelische Verbundenheit sein.
    • Aber die kann auch im Rahmen einer Freundschaft beliebig groß sein. Ich bin in der Lage, mit einer anderen Person komplett zu verschmelzen, und kann es dennoch Freundschaft nennen.
    • Ich kann auch in einer Partnerschaft sein, in der die seelische Verbundenheit (zeitweise?) relativ gering ist, aber sie dennoch aufrecht erhalten, weil sie sich für uns beide trotzdem gut anfühlt.
  • Es könnte der gemeinsame Haushalt sein.
    • Aber ich kann auch in einer WG mit Freund_innen wohnen.
    • Oder eine romantische Beziehung führen, bei der alle ihre eigenen Wohnung haben.
  • Es könnte die Exklusivität sein.
    • Aber auch in reinen Freundschaften gibt es ab und zu Eifersucht und Anspruchsdenken, und auch ich kann mich nicht davon freisprechen.
    • Und auch in einer Beziehung, gerade wenn ich die andere Person liebe, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute. Wir könnte ich von einer Person, die ich liebe, verlangen, dass sie sowohl im Geben als auch im Nehmen auf Nähe zu anderen Menschen verzichtet? Wie kann eine Person, die mich liebt, mit das nehmen wollen?

Fazit: Mein Konzept davon, was Freundschaften sind, und was Partnerschaften, ist am Boden zerschellt und in 1000 Teile zersprungen. Und das ist toll!

Denn dieses Konzept hat eh noch nie zu meinen Gefühlen gepasst. Wie meine Partnerschaften entstanden sind, und wie sie wieder geendet haben, kam mir komisch vor, und in einem offeneren Begriffsraster kann ich sowohl das, was war besser erklären, als auch mir alternative Anfänge, Mitten und Enden vorstellen, die besser gewesen wären.

Hab ich gerade „meine Partnerschaften“ geschrieben, im Plural? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gesagt, ich hatte bisher nur eine Partnerschaft gehabt. Aber es gab da eine intensive Freundschaft in meinem Leben, die für mich immer schon ein bisschen wie eine Beziehung war, und nun weiß ich: wenn ich das schon sprachlich entweder als Freundschaft oder als Beziehung/Partnerschaft einordnen muss, dann doch lieber letzteres. Zumindest ein paar intensive Wochen innerhalb dieser vielen Jahre haben diese Bezeichnung verdient und damit fühle ich mich wohler. (Auch wenn meine „erste Partnerin“ das vielleicht ganz anders sehen würde. Das sei ihr unbenommen.) (Nachtrag vom 25.2.2013: Nein, solange ich da einteilen *muss*, fühle ich mich eigentilch gar nicht mehr wohl. Das, was wir zwei damals miteinander hatten, lässt sich einfach nicht mit diesen alten Worten beschreiben.)

Wie zukünftige Beziehungen für mich aussehen könnten

Für die Zukunft gab es immer schon widerstrebende Ziele, zwischen denen ich mich scheinbar entscheiden müsste. Jetzt kommen mehr Möglichkeiten dazu, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf weniger davon verzichten zu müssen.

Ich kann jetzt, ganz plötzlich, Dinge denken, die früher undenkbar waren. Nicht nur das: Ich kann sie träumen. Sie fühlen. Die Vorstellung genießen.

Ich kann mir nun vorstellen…

  • … dass ich zwei nette Frauen kennenlerne, und wir eine absolut gleichberechtigte Dreierbeziehung aufbauen. Vielleicht „ganz klassisch“ einen gemeinsamen Haushalt führen, Kinder bekommen, eine Familie sind, und wir uns dazu entscheiden, dass diese Beziehung nach außen ziemlich geschlossen ist. Wenn das Gesetz das irgendwann erlaubt, heiraten wir drei vielleicht auch.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer einzigen Frau führe, die ein bisschen offener ist, und uns beiden emotional und sexuell mehr Freiheiten lässt.
  • … dass ich viele Freundschaften führe, von denen mehrere auch zärtliche, romantische oder sexuelle Elemente haben, ohne dass diese dadurch einen formellen Beziehungsstatus haben.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer Frau führe, und diese jemand anderes kennenlernt, der ihr_e neue Hauptpartner_in wird. Unsere Beziehung wird zu einer Freundschaft „zurück gebaut“, aber diese Freundschaft bleibt sehr innig und ich bleibe ein wichtiger Teil ihres Alltags, und wenn wir Lust haben, „alte Zeiten“ wieder kurzzeitig aufleben zu lassen, dann ist das für alle o.k.
  • … dass ich zusammen mit einer bisexuellen Frau Teil einer dauerhaften Konstellation mit einem Mann bin. Dabei würde ich wohl nur mit ihr Sexualität teilen, da Männer für mich sexuell sehr uninteressant sind. Aber es könnte zwischen ihm und mir eine enge emotionale Verbindung und gegenseitige Verantwortung bestehen, vermutlich auch Kuscheln.
  • … dass ich eine extrem intensive Beziehung zu einer Frau führe, in der es trotzdem keine Sexualtität gibt. Vielleicht wollen wir beide das nicht, vielleicht nur eine von uns. Und vielleicht lebt die andere von uns ihre Sexualität woanders aus. Vielleicht liegt das daran, dass ich und/oder sie nocht nicht damit klarkommen, wie mein Körper derzeit beschaffen ist, und ändert sich später einmal, wenn sich auch mein Körper geändert hat.
  • … dass ich eine monogame, treue Beziehung zu einer Frau führe, und mein Leben in der Zeit keine polyamoren Elemente hat, und das „besondere“ ist nur, dass wir uns ganz freiwillig und im Bewusstsein aller Alternativen genau dafür entscheiden. Nicht, weil das eben so sein muss.
  • … dass ich über Jahrzehnte Teil einer „durchgehenden“ Beziehung bin, in der alle paar Jahre mal jemand dazu kommt oder jemand ausscheidet, wie in einer WG oder einer Rockband, die ja auch ein Stück weit ihre Identität behält, selbst wenn keines der Gründungsmitglieder mehr dabei ist.
  • … dass für mich die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Beziehung noch weiter zerspringt, so dass ich (anders als bei den Vorherigen Beispielen) gar nicht mehr in der Lage bin, mein Verhältnis zu anderen Menschen mit diesen Begriffen zu umreißen. Oder es kommen viele neue, evtl. scharf abgegrenzte Kategorien hinzu.

Und es könnte, gleichzeitig, zeitlich überschneidend oder auch einfach nacheinander vieles von dem da oben eintreten, nicht nur eines.

Was aber nicht mehr sein kann:

  • … dass ich eine Beziehung führe, bei der von Seiten meiner Partnerin_nen die Erwartung besteht, dass meine Freundschaften emotional sehr oberflächlich bleiben und es keinerlei Körperkontakt gibt. Das ist eine Mindestanforderung an Freieheit, die auch für Mono-Beziehungen gelten sollte, aber das war bei mir leider nicht immer so.
  • 1000 andere legitime Formen der Beziehung, die ebenfalls unter den Begriff „Polyamorie“ fallen, aber für mich nicht interessant oder denkbar sind. Mir fehlt da gerade die Kreativtät, um mir solche Negativbeispiele auszudenken, aber es gibt da sicher einiges.

Was fehlt?

Jeder Mensch ist anders. Ich auch.

Ich kann mich daher nur sehr oberflächlich da hinein versetzen, wie mein Artikel bisher auf Leser_innen wirkt, für die Polyamorie ein eher entferntes Konzept ist. Überraschung? Überforderung? Erkenntnis? Sorge? Ekel? Das Gefühl moralischer Überlegenheit? Ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick fehlt vielleicht vieles, was eine „normale“ Zweier-Beziehung so schön macht. Nähe. Verantwortung. Dauerhaftigkeit. Romantik. Aufopferung. Sicherheit. Liebe. Magie. Ich genieße all diese Dinge, möchte das meiste davon nicht missen. Ich liebe und lebe diese „klassischen Werte“. Meine letzte Partnerin und ich hatten das alles damals sehr zelebriert. Für die meisten waren wir „Das Traumpaar“ oder „Der Beweis, dass die wahre Liebe doch noch existiert“. Kritischere Menschen hätte – wenn ich damals welche gekannt hätte – das als „übelstes Rumheten“ bezeichnet, immerhin waren wir damals noch als Mann und Frau identifiziert. („Rumheten“ kenne ich übrigens aus diesem Blogpost von Khaos.kind, wo ich mich im November 2012 in den Kommentaren auch erstmals zu Poly-Konzepten äußerte) Es ist nicht so, als wenn ich all das bewährte nun wegwerfe und eine Liebe abseits dessen suche. Ich rücke es nur in einen neuen, erweiterten Kontext.

Von den meisten Beispielen, die ich oben kurz angerissen habe, lassen sich „defizitäre“ Ausprägungen bilden. Das heißt, mensch kann sich jeweils vorstellen, dass sowas komplett daneben gehen kann, oder dass es für mindestens eine der Beteiligten sehr unzufriedenstellend verläuft. Aber das gleiche gilt für monogame Beziehungen, auch die verlaufen oft suboptimal oder sogar schädlich. Polyamorie ist sicher nicht das Allheilmittel, aber auch keine per se problematische Sache. Es bieten sich einfach viel mehr Gestaltungsfreiheiten, die sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen lassen.

Auch ist es bei vielen der Beispielen leicht möglich, sich eine egoistische Variante vorzustellen, bei der zwar für mich alles toll läuft, besser als in einer Mono-Beziehung, aber die anderen Partner_innen darunter leiden. Aber nichts läge mir ferner. Ich denke, ich bin sogar recht weit bereit, andersherum meine eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es meinen Herzensmenschen dadurch gut geht. (Allerdings auch nur, solange das freiwillig geschieht, ich stehe gar nicht drauf, unterdrückt zu werden.)

Ich gehe derzeit davon aus, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, mehrere Menschen gleichzeitig von ganzem Herzen zu lieben. Eine Zeit lang dachte ich, damit fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für Polyamorie jeder Art, so dass mich das ganze Konzept nicht sonderlich angesprochen hat. Jetzt weiß ich, dass nicht alle polyamoren Beziehungsformen diese Grundvoraussetzung haben. Durch diese eine Unfähigkeit fallen manche (aber längst nicht alle) der Zukunftsvisionen von oben für mich weg, z.B. die oberste. Das heißt, ich kann mir das als angenehme Vision vorstellen, aber fürchte, das diese Variante in der Praxis nicht für mich funktionieren würde.

Wenn ich in einer Beziehung bin, brauche ich eher viel Zuneigung, nicht alle oben aufgelisteten Alternativen können das bieten. Daher sind nicht alle auf Dauer für mich geeignet, aber zwischendurch für ein paar Monate oder Jahre vielleicht eine schöne Sache und besser, als komplett allein zu sein. Oder parallel zu anderen Konstellationen, die mir die nötige Zuneigung bieten. Aber ich brauche eben nicht alle Zuneigung, vermutlich nicht mal das allergrößte Stück. Ich kann teilen.

Ich suche nach Wegen, bei denen prinzipiell nichts fehlt, sondern mehr drin ist.

Normale Freundschaften

Ich habe oben mehrfach betont, dass auch relativ „gewöhnliche“ Partnerschaften Teil meines weiteren Lebensentwurfs sein können, da mir das erwähnenswert erschien. Im Bereich der Freundschaften ist das für mich so selbstverständlich, dass ich es fast vergaß, auszuschreiben:

Ich respektiere natürlich nach wie vor, dass für viele andere Menschen eine ganz klare Trennung zwischen Freundschaft und Partnerschaft besteht. Wer mit mir befreundet ist, braucht sich keine Sorgen machen. Persönliche Freiheitsräume, Konsens, Respektieren von Grenzen… all das ist mir wichtiger als je zuvor. Für alle, die nicht plötzlich das dringende Bedürfnis entwickelt haben, mit mir zu kuscheln, ändert sich nichts 🙂

Ansonsten hoffe ich durchaus, dass auch meine Freundschaften sich in gewissen Weisen positiv verändern. Das hängt für mich ganz persönlich auch mit dieser ganzen Poly-Sache zusammen, aber jener Zusammenhang wird aus diesem Blogpost nicht ersichtlich, wie ich das meine. Das konkretisiere ich ein andern mal.

Warum so plakativ?

Warum schreibe ich das alles? Posaune es im Netz heraus? Mache mich damit ggf. angreifbar?

Wie gesagt, ganz zu Beginn war das für mich schwer, mich dazu zu positionieren. Aber eigentlich habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit Coming Outs. Das erste, als Transsexuelle, war noch schwierig. Das zweite, als Lesbe, ging gleich damit einher und nichts hätte einfacher sein können als das.

Beides hat mir gezeigt: es tut gut, sich nicht mehr zu verstecken. Es macht keinen Sinn, etwas anderes darzustellen, als eins ist. Durch die Positionierung verliert eins ggf. einige Menschen, die nicht damit klar kommen, aber gewinnt sehr viele neu dazu, die genauso fühlen. Oder die vielleicht ganz anders fühlen, aber Diversity für sich als etwas positives entdeckt haben und einen vielfältigen Freundeskreis schätzen.

Meine Poly-Einstellung ist vermutlich genauso grundlegend für meine Identität wie meine Geschlechtsidentität als Frau oder meine sexuelle Orientierung als Lesbe. Vielleicht noch wichtiger. Jetzt, wo mir das alles bewusst ist, käme es mir unehrlich vor, es zu verschweigen.

Ich schäme mich kein bisschen, weil ich glaube, dass niemand sich dafür schämen muss. Ich halte meine Einstellung für nicht mehr oder weniger ethisch als die allgemein übliche monogame Einstellung. Nur eben etwas anders, und wohl auch etwas anspruchsvoller. Nichts, dass ich jedem uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen würde, wohl aber zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Sicher wird es Menschen geben, die mich dafür kritisieren. Aufgrund meiner abstrakten Erklärung hier halte ich das für unangebracht – ich werde in meinem restlichen Leben noch genug Fehler in solchen Poly-Beziehungen machen, um dann konkrete Kritik anzunehmen.

Ich werde wohl keine große „Ich bin auch Poly“-Outing-Welle nach mir ziehen. Aber wenn ich mit meinem offenen Umgang ein Stück weit Vorbildfunktion für irgendwen habe, ist das toll.

Vielleicht ist das auch alles leicht übertrieben, und nachdem das in meinem Kopf alles etwas runter gekühlt ist, könnte es sein, dass das Thema wieder uninteressanter für mich wird und mein Leben überwiegend monogam verläuft. Wer weiß. Solange ich in einer Welt lebe, in der die große Mehrheit der Menschen monogam geprägt sind, ist das wohl sogar das wahrscheinlichste. Aber selbst dann wird es eine positive Auswirkung darauf haben, wie ich diese Partnerschaften mitgestalte.

Und jetzt für den Moment fühlt es sich großartig an, frei darüber zu denken, zu träumen, zu planen, zu hoffen, zu schreiben und zu sprechen. Der Gedanke an all die Möglichkeiten, zu lieben, macht mich total high. Ich teile das gerne und würde platzen, wenn ich das alles weiter für mich behalten müsste! Freut euch gefälligst alle ein bisschen für mich mit! 🙂

PS:

Der Blogpost ist lang geworden. Alle, die bis hier durchgehalten haben, habe ich besonders lieb! Aber natürlich auch die, denen es zu lang war.

Und dabei ist es nur die Hälfte von dem, was ich sagen wollte. Es gibt eine andere Hälfte, in der es um mein bisheriges Leben geht, und wie mich die Verweigerung von Poly-Gedanken darin behindert hat. Das folgt demnächst als einzelner Blogpost, da dieser ja doch ganz gut allein für sich stehen kann.