Meine Haltung zur Religion

Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz halten: Ich bin Atheistin.

Oder etwas ausführlicher: Ich bin nicht getauft, glaube an keine Form von Göttlichkeit, stehe der Kirche kritisch gegenüber und konnte kürzlich endlich feststellen lassen, dass ich nie Kirchenmitglied war und anders lautende Angaben lediglich Verwaltungsfehler waren. Ansonsten kann jede_r glauben, was er_sie will.

Aber so einfach ist das alles nicht. In Deutschland besteht Religionsfreiheit im positiven und negativen Sinne: ich kann frei wählen, welcher Religion ich angehöre, und ebenso, keiner Religion anzugehören. Was ich aber nicht kann: mein Leben führen, ohne ständig von Religion beeinflusst zu werden.

Ich finde den ganzen Themenkomplex schwierig. Auf einer politischen Ebene kann ich sagen: wir brauchen eine noch klarere Trennung zwischen Staat und Kirche. Vom Staat kann ich erwarten, nicht religiös zu sein.

Aber wie ist das mit einzelnen Personen? Ich kann mich absolut nicht darin hinein versetzen, wie es ist, religiös zu sein. Ich habe ein Stück weit verstanden, dass es für religiöse Menschen verletzend sein kann, in bestimmten Weisen über ihre Religion, ihren Gott oder ihre Glaubensgrundsätze zu schreiben, und es liegt mir eigentlich fern, Menschen zu verletzen.

Aber die beiden Themenbereiche (institutionelle und persönliche Religion) gehören zusammen. Der Staat ist religiös beeinflusst, da er von Menschen regiert wird, die ihre Politik durch religiöse Überzeugungen beeinflussen lassen. Auf der Ebene dazwischen gibt es auch noch Parteien, die einen direkten Religionsbezug sogar im Namen tragen. Da wird die Sache für mich problematisch.

Nüchtern betrachtet sind religiöse Überzeugungen genauso Überzeugungen wie jede andere auch. Ich werde in meinem Handeln – politisch wie unpolitisch – durch Überzeugungen beeinflusst. Überzeugungen können aus einer selbst heraus entstehen, oder angelernt sein, und meist gibt es da ziemlich viel Kontext der komplex auf eine einwirkt.

Mangels eigener Religiosität muss ich zur Veranschaulichung auf einen anderen Bereich ausweichen. Ich bin z.B. vom Feminismus beeinflusst, und obwohl es „den“ Feminismus als komplett einheitliche Bewegung nicht gibt, gibt es doch so ein gewisses Standardmodell dessen, was da alles mit drin steckt. Manche Überzeugungen hatte ich schon früher, und habe erst später im Feminismus wieder entdeckt. An anderen Stellen ist meine Überzeugung auch konträr zur gängigen feministischen Meinung. Teilweise wird es schwer abzugrenzen, ob ich eine bestimmte These vertrete weil ich Feministin bin, oder ob ich Feministin bin weil ich diese These vertrete. Aber viele „Glaubensgrundsätze“ habe ich auch einfach übernommen. Manches davon hätte ich auch kritischer hinterfragen können/sollen, teilweise bin ich gerade dabei. Kritik innerhalb der feministischen Szene und von außen wirkt indirekt auch auf mich ein. Somit vertrete ich meine ganz persönliche Variation des Feminismus, und das tut jede_r andere Feminist_in für sich genommen auch.

Und ich glaube, das ist in der Religion nicht viel anders. Da gibt es nicht „die Religion“, „das Christentum“ oder „die evangelische Kirche“ als homogene Glaubensgemeinschaft die in jeder Hinsicht gleich denkt, fühlt und entscheidet. Jeder gläubige Mensch hat seinen ganz eigenen Glauben.

Ich wüsste nicht, wie ich eine Politik betreiben könnte, bei der ich meine feministischen Überzeugungen komplett außen vor lasse, denn wie gesagt, kann ich die nicht klar von meinen „restlichen“ Überzeugungen abtrennen. Und letztlich sind ja alles „meine“ Überzeugungen, wenn ich mal das Label weglasse. Von einem Politiker, der außerdem auch religiös ist, eine Trennung seiner Politik von seiner Religion zu verlangen ist vermutlich ähnlich schwierig.

Letztlich erwarte ich von jedem Mensch aber, die ihm gegebenen Kräfte des Verstandes und der Empathie einzusetzen und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Grundsätze sind nach Möglichkeit zu hinterfragen und zu prüfen und nötigenfalls abzulegen. Ich kann nicht herum laufen und mir-nichts-dir-nichts Menschen schaden und hinterher sagen „Ich bin unschuldig! Der Feminismus hat mich dazu gebracht, ich musste es tun!“ Und gleiches gilt für religiöse Menschen. Wer aus religiösen Gründen Schlechtes tut, ist dafür verantwortlich.

Der Vergleich zwischen Religion und Femismus trägt ein Stück weit, aber hat sicher auch seine Grenzen. In keinem Fall möchte ich hier eine Gleich(wertig)heit oder Austauschbarkeit behaupten. (Nicht zu vergessen sind auch die vielen religiösen Feminist_innen, die beides miteinander vereinbaren können, noch ein spannendes Thema…)

Religion besitzt aber in unserem Staat eine besonderen Schutz, den keine andere Überzeugung für sich beanspruchen kann. Ich kann Dinge tun, die objektiv gesehen falsch sind, und das Argument bringen, dass sie aus religiöser Sicht richtig waren, ohne mich durch diese Argumentation sofort lächerlich zu machen. Dieses Privileg genieße ich bei nicht-religiösen Anschauungen nicht. Auch die negative Religionsfreiheit kann ich so nicht anbringen. Das Gebimmel der Kirchenglocken verletzt meine nicht-religiösen Gefühle? Die Argumentation bringt mich nicht weit. Ich möchte etwas tun, das nach allgemeiner Rechtslage illegal wäre, und dafür straffrei bleiben, da ich nach meinen nicht-religiösen Gefühlen gehandelt habe? Auch das wird nicht funktionieren. Die Anerkennung von explizit nicht-religiösen Gefühlen gibt es nicht.

Den letzten Absatz könnte ich gut benutzen, um weiteres Feuer in die Beschneidungsdebatte zu gießen. Oh, diese Redewendung gibt es gar nicht? Aber ihr wisst, was ich meine, und darum geht es mir gerade sowieso nicht.

Es geht mir jetzt gerade einzig und allein darum, dass mir als nicht-religiösem Menschen ein Leben lang eingeimpft wurde, dass ich Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer haben müsste. Ich betreibe daher eine ganze Menge Selbstzensur. Als ich gestern twitterte:

hatte ich ein leicht ungutes Gefühl. Nicht, weil ich den Zorn des Papstes oder gar Gottes fürchtete. Auch negative Antworten von anderen, fremden Twitter-Nutzer_innen waren mir in dem Moment egal. Ich hatte Angst, die Gefühle von (katholisch-)gläubigen Menschen in meiner Timeline zu verletzen und somit letztlich Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten innerlich daran gearbeitet hatte, diese Sorgen hinter mir zu lassen.

Der Sonderstatus, den religiöse Menschen und Überzeugungen in diesem Staat erfahren, werde ich auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht abschaffen können. Aber in meinem Kopf, meinem Denken, Schreiben, Sprechen und Handeln, da kann ich das. Es geht mir nicht darum, Menschen wegen ihrem Glauben zu diffamieren. Aber ich will endlich sagen können, was ich denke, ohne mir selbst im Weg zu stehen.

Ich denke zum Beispiel, dass der Papst eine tatsächliche Gefahr für den Weltfrieden und die Menschheit ist. Es hat sich nicht nur angeboten, das nach seiner Steilvorlage aus weniger als 140 Zeichen so zu twittern. Nein, das ist meine Überzeugung. Der Papst vertritt Standpunkte, die nicht nur überholt und realitätsfern sind, sondern gefährlich und menschenfeindlich. Der Papst hat die Macht, Grundsätze zu postulieren, die viele Millionen von Menschen relativ ungefragt übernehmen. Er nutzt diese Macht nicht nur, um bösartiges Gedankengut zu verbreiten, sondern tarnt es auch noch mehr oder weniger geschickt als (positiven!) Beitrag zum Weltfrieden. Ich kenne kaum Personen, die für ihr Handeln schärfer zu verurteilen und zu hassen sind als er. Als „Tarnung“ reicht dabei oft schon, dass die Worte von ihm kommen, denn für viele Menschen gelten er und seine Worte als Inbegriff des Guten, welches nicht hinterfragt werden braucht. Er besitzt zu viel Vertrauen bei zu vielen Menschen, um ihn einfach zu ignorieren. Zu postulieren „Not my Pope“ reicht eben nicht, damit seine Aussagen für mein Leben irrelevant werden.

(Und ja, der Tweet wäre noch viel cooler gewesen, wenn ich das „stellt“ nicht selbst davor geschrieben hätte, sondern einfach mitzitiert hätte, immerhin stand das Wort ja schon genau da im Originaltext.)

Wie kann ich aber nun mit den gläubigen Menschen in meinem Umfeld umgehen? Zunächst mal weiß ich von den allerwenigsten Menschen in meinem Umfeld, ob sie gläubig sind. Und auch wenn, ich versuche einfach, diesen Fakt möglichst weit zu ignorieren. Ich habe extreme Formen des Christenhasses gelesen, besonders oft ist mir das auf schwul-lesbischen Webseiten und in der inoffiziellen Online-Kommunikation der Piratenpartei aufgefallen. Ich sehe keinen Grund dazu, Menschen generell wegen ihres Glaubens zu beleidigen und distanziere mich davon. Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit abzuwerten oder sogar direkt anzugreifen halte ich immer für falsch, aber gleichzeitig halte ich es für möglich und sogar nötig, einzelne Aspekte einer Religion kritisch bewerten zu können.

Ich werde daher von nun an viel offener damit umgehen, dass gewisse Glaubensgrundsätze gefährliche Kackscheiße sind. Ich werde nicht weiter zusehen, wie mir und anderen Menschenrechte vorenthalten werden mit der Berufung auf religiöse Begründungen oder das „Menschenrecht“ der Religionsfreiheit. Ich halte es einfach genauso wie mit anderen „Gruppierungen“, die sich Kritik gefallen lassen müssen. Wenn die Kritik sachlich gerechtfertigt ist, aber ein Mensch sich davon persönlich angegriffen fühlt, fällt das in die Kategorie „persönliches Pech“.

Ich verlange von niemandem, sich zwischen mir und seinem kompletten Glauben zu entscheiden. Um das an einem Beispiel festzumachen: Ich finde, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist zwingend geboten und religiöse Gegenargumente dürfen kein besonderes Gewicht in der Debatte haben, nur weil sie religiös sind. Somit sehe ich den wiederholten Versuch, hier religiös dagegen zu argumentieren, als absolut lächerlich an. Jede gläubige Person kann für sich ausmachen, ob sie für oder gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist. Sollte sie dagegen sein, so kann sie meine Haltung und Argumentationsweise ggf. als verletzend ansehen. Das nehme ich dann gerne und mit gutem Gewissen im Kauf, schließlich hat ihre Haltung mich zuerst verletzt.

Vermutlich ist es sogar ein Stück weit vereinfachend und sogar diskriminierend von mir, bei gläubigen Personen eher von einer kackscheißigen Einstellung auszugehen als bei nichtgläubigen. An dieser Stelle bin ich noch unsicher, ob das mein Fehler ist, oder ob es im Aufgabenbereich der Gläubigen selbst liegt, sich von kackscheißigen Positionen ihrer Religionsgemeinschaft aktiv zu distanzieren. Ich denke, solange das unterschwellige Strömungen in einer Gemeinschaft sind, darf ich daraus nicht verallgemeinern. Aber die Homonegativtät des Papstes ist komplett öffentlich, und soweit ich die katholische Religion verstehe, vertritt jeder ihrer Anhänger_innen diese Positionen erst mal, soweit nichts anderes bekannt gegeben wird. Damit ist der Ball nicht in meinem Spielfeld.

Ich habe sicherlich in meinem Umfeld Menschen, die keine menschenfeindlichen Positionen vertreten, und trotzdem Anhänger_innen einer Religion sind, die das tut. Und sich nie davon distanziert haben. (Oder ich habe diese Distanzierung nicht mitbekommen.) Manche dieser Menschen habe ich vielleicht mit diesem Text verwirrt oder vor den Kopf gestoßen. Ich habe nichts gegen euch, wenn ihr nichts gegen mich habt. Aber ich habe da ggf. gerade auf ein Problem hingewiesen, und das ist zum Glück nicht mein Problem. Macht daraus, was ihr für richtig haltet.

Es ist jetzt nicht so, dass in meinem Kopf noch 157 weitere Entwürfe für religionskritische Blogposts schlummern oder ich jetzt jeden Tag etwas derartiges sagen oder twittern werde. Ohne genauere Betrachtung werden meine Äußerungen gar nicht deutlich anders sein als zuvor. Aber ich fühle mich ein bisschen freier als zuvor, da ich eine (selbst?) auferlegte Tabuisierung hinter mir gelassen habe. Ich über nun die negative Religionsfreiheit voll aus. Die Menge der Menschenrechte, die ich bisher nicht genossen habe, sinkt damit wieder ein Stück weiter Richtung Null.

Die Frage, die jetzt noch bleibt, muss daher nicht sein „warum jetzt plötzlich dieser Text“ sondern nur „warum all die 10228 Tage zuvor nicht?“

Ich hab das Rezept!!! Die Hormontheraphie geht los!!!

Ja, die Überschrift sagt ja eigentlich schon alles. Nach den letzten beiden Blogposts stellt sich natürlich die Frage, wie das jetzt möglich war, immerhin sah ja alles eher düster aus. Bis vor wenigen Minuten habe ich mit nichts gutem gerechnet, hatte Schätzungen angestellt, nach denen es evtl. noch 1,5 weitere Jahre dauern könnte…

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen – genau das hatte ich nämlich in den letzte Tagen selbst mehr als genug – mal ganz unchronologisch zuerst, wie das Gespräch lief, und danach erst, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte, und ein bisschen Analyse dazu, was ich daraus nun lerne, und was nicht. Und ganz zum Schluss dann noch der Grund, warum ich so einen langen Blogpost schreibe, bevor ich irgendwem mal kurz Bescheid gebe, das alles gut ist…

Also: Ich kam ins Sprechzimmer rein, und als ich freundlich gefragt wurde, wie es mir geht, habe ich ganz offen und direkt gesagt, dass die Anspannung und Nervosität mich gerade sehr fertig macht, da ich gerade nichts gutes erwarte. Meine Ärztin war sichtlich verwundert. Ich fasste kurz zusammen, dass ich ja vor zwei Monaten mit einem Indikationsschreiben da war, welches sie jedoch nicht akzepziert hat, und mich bat, heute mit den „richtigen“ Indikationsschreiben wieder zu kommen, das von meinem dauerhaft begleitenden Psych* ausgestellt ist. Und da ich dieses Schreiben nicht dabei habe, und auch später nicht haben werde, weiß ich nun nicht, wie es weitergehen soll.

Sie wollte natürlich schon gerne wissen, warum das so ist, so dass ich ihr erkläre, dass ich die Theraphie damals schon „pausiert“ und inzwischen komplett abgebrochen habe, da ich mit dem Psych* nicht gut klarkam, und ich mit ihm nicht gut über die Thematik allgemein sprechen konnte, und erst recht über das Unwohlsein mit der Theraphie selbst. Dafür hatte sie volles Verständnis, obwohl sie viele andere trans* Menschen kennt, die mit ihm sehr zufrieden sind. Ich stimmte ihr zu, dass auch ich viele kenne die sehr gerne bei ihm sind, und ja auch gerade aus dem Grund ihn gewählt hatte, aber das in meinem Fall offenbar nichts brachte.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie das vorhandene Indikationsschreiben des anderen Psych* beim letzten mal abgelehnt hat oder was da überhaupt drin stand. Das wunderte mich nicht, schließlich hatte sie es ja nichtmal gelesen oder kopiert. Als ich ihr das entgegnete, konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie beim letzten Mal so gehandelt hatte. Ob ich es denn heute nochmal bei mir hätte? Aber klar doch, und so machte sie sich dann auch Augenblicklich ans Lesen.

„Na bitte, da steht doch alles drin, was ich brauche. Da habe ich doch gar keinen Grund, irgendwie auf ein schreiben des anderen Psychologen fixiert zu sein.“ Das sind natürlich diese Momente, wo ich mir denke „Warum denn nicht gleich so?!“, aber Zeit verloren hatte ich ja dadurch nicht. Denn die letzten Laborergebnisse waren ja heute erst zur Besprechung verfügbar, eher hätte es also eh nicht losgehen können – außer natürlich, wenn ich mich schon vor mehr als einem halben Jahr um einen Termin bei der Endokrinologie gekümmert hätte, und ihr dürft dreimal raten – ach Quatsch, einmal muss reichen – wer mir das nicht angeraten hat.

Die Laborergebnisse waren unspektakulär, so dass keinerlei Einschränkungen bei den möglichen Präparaten bestehen und keine ungewöhnlichen Risiken, über die ich nicht schon zuvor aufgeklärt war. So sprachen wir dann noch über Dosierungen, Vor- und Nachteile verschiedener Darreichungsformen, Nebenwirkungen und den weiteren Verlauf. Schwuppdiwupp, Rezept in der Hand.

Und nun? Geht’s mir natürlich gut, unglaublich gut. Ich hatte mich vorher so auf negative Dinge eingestellt, dass ich immer noch nicht so ganz realisiert habe, wie gut doch jetzt alles ist. Das kommt vermutlich in den nächsten Stunden noch. Aber gerade zu der Miesen Stimmung der letzten Tage, die auch vor einigen Stunden noch bestand, ist das schon jetzt ein irrer Kontrast.

Ich war gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Ich hätte viel „wichtigeres“ zu tun gehabt, sowohl beruflich als auch ehrenamtlich, aber sowohl ich als auch eine meiner Freundinnen brauchten gestern dringend Ablenkung. Danach war ich noch bis um 3 Uhr nachts im Stratum 0, unserem lokalen Hackspace, um mich abzulenken.

Ich habe heute nach dann nur 1,5 Stunden geschlafen, beim Erwachen hab ich Verwirrtheitszustände durchlebt, die sich in keiner mir bekanntne Sprache oder Notation wiedergeben lassen. Ein oder zwei Snooze-Durchgänge später war ich dann plötzlich in der Realität angekommen. Habe beim Anziehen noch wilde Pläne geschmiedet, was ich noch alles an Dokumenten auf einen USB-Stick ziehe um sie dann in der Stadt, in der die Arztpraxis ist, im Copyshop auszudrucken und der Ärztin vorzulegen. Völlig unnötige Überlegungen ohne irgendeinen Sinn. Habe dann noch so lange getrödelt, bis ich den RE verpasst habe und auf einen IC umsteigen musste. Habe mich auf der Radfahrt zum Bahnhof ausnahmesweise mal nicht über die blöden Autofahrer und Ampeln und schlecht gebauten Radwege und merkbefreite Fußgänger geärgert, weil die anders als sonst heute mal egal waren.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Wollte eigentlich nochmal verschiedene Szenarien durchgehen, innere Monologe zur Aussprache bereitlegen. Ging nicht. Habe zwar die ganze Zeit an das bevorstehende Arztgespräch gedacht, aber nicht an den Verlauf oder daran, was herauskommt. Sondern nur daran, wie ich mit dem umgehen soll, was wohl herauskommen wird.

Im Wartezimmer war ich äußerlich ruhig. Kein Zittern, kein Herzklopfen, wirkte wohl fast so, als würde ich gleich einschlafen. Innen drin hat mich die Angst zerfressen, ich habe ernsthaft befürchtet, auf diesem Wartestuhl bewusstlos zu werden noch bevor ich aufgerufen werde, oder auch in genau dem Moment. Und wenn ich es doch bis ins Sprechzimmer schaffe, war immernoch fraglich ob ich es schaffen würde, ein Wort heraus zu bekommen, oder ob ich die Ärztin unfreiwillig anschweigen würde.

Na gut, dann kam halt doch alles besser. Aber das wusste ich ja vorher nicht, und auch im Nachinein finde ich meine Befürchtungen angemessen. Ist ja nicht so, dass ich vor jedem Termin oder Gespräch so wäre. Das letzte Mal, dass ich vor einem „Gespräch“ solche Angst hatte war in der 12. oder 13. Klasse. Damals stand ich unter dem Verdacht, Geld aus der Jahrgangskasse veruntreut zu haben, und obwohl es nur um ca. 2% des Kassenstandes ging herrschte generelle Weltuntergangsstimmung, mehrere meiner Schulkolleg_innen hatten sogar deswegen geweint. Einer meiner Freunde, der bei der (in Wirklichkeit legitimierten) „Veruntreuungs“-Aktion geholfen hatte, wurde deswegen sogar von mehreren Schülern auf dem Hof mit Steinen beworfen. Von den 87 Schüler_innen haben etwa 82 eine ganze Woche nicht mehr mit uns gesprochen, bis ich mir anmaßte, eine Stufenvollversammlung einzuberufen, mich ans Specherpult zustellen und vor der gesammten Menge den Fall aufzuklären. Das war damals alles nicht leicht für mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich selbst da deutlich weniger nervös war. (An die Sache musste ich übrigens auch öfter bei den kürzlichen Shitstorms in der Piratenpartei denken, aber ich komme zu sehr vom Thema ab…)

Auf die Unsicherheit und Verzweiflung der letzten Tage hätte ich gut und gerne verzichten können. Klar, die Wut und das Schreiben und Nachdenken haben mir in gewisser Weise geholfen, und zwar dazu, dass ich heute zwar ängstlich und nervös in die Praxis ging, aber für viele mögliche Gesprächsverläufe in etwa gewusst hätte, was ich dazu zu sagen habe. Und es hat mir geholfen, viel Wut umzuverteilen, mehr auf die Psych* und das System im ganzen, und weniger auf die Endokrinologin, so dass ich ihr eine zweite Chance geben konnte. In den letzten Tagen viel rumgebrüllt zu haben(wenn auch überwiegend lautlos, da schriftlich) half, heute in freundlichem Ton zu sprechen. Angesichtsdessen, wie das Gespräch verlaufen ist, wäre es wohl sehr unpassend (wenn auch vielleicht verständlich) gewesen, wenn ich da laut brüllend ins Sprechzimmer gestürmt wäre.

Aber langfristig? Während ich nach der Aktion damals in der Schule deutlich gestärkt aus der Sacher herausgeangen bin, und seit dem viel selbstsicherer vor größeren Mengen meine Position vertreten kann, konnte ich den Höhen und Tiefen meiner medizinischen Trans*geschichte noch kaum einen positiven Aspekt abgewinnen. Klar, ich bin jetzt besser darin „geschult“ meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu definieren und zu erkennen, ob medizinisches Personal dazu gewillt ist, mir dabei zu helfen oder mich zu bremsen. Aber für die Praxis habe ich nichts gelernt, nicht, wie man sowas verhindert, nicht, wie ich meine Rechte einfordern kann. Denn diese Situationen haben ein Machtgefälle, das ich nicht durch eigene Kraft oder Vorbereitung brechen kann. Eine einzelne Frau, die ruhig und freundlich hinter ihrem Schreibtisch sitzt und mir helfen möchte hat mehr Einschüchterungspotential als ein aufgebrachter Mob der evtl. nicht davor zurückschrecken würde, mich zu steinigen.

Auch in Sachen Optimismus / Pessismus kann ich keine Lehre daraus ziehen. Der Termin vor zwei Monaten begann mit großer Hoffnung und endete sehr enttäuschend, hat mich bis heute hin noch stark belastet. Und der Besuch heute war vorweg nur von Verzweiflung und negativen Erwartungen geprägt, und lief durchweg super. Als „Lehre“ zeigt mir das nur, wie unvorhersehbar und unkontrollierbar das Leben ist, eigentlich keine erfreuliche Erkenntnis.

Aber das Ergebnis als solches ist sehr erfreulich. Ich hoffe, ich bekomme das in den nächsten Tagen noch so im Kopf sortiert, dass ich mich auch so richtig drüber freuen kann. Noch hab ich das Gefühl, gleich klingelt der Wecker und ich habe den realen Arztbesuch noch direkt vor mir.

Denn noch etwas, das sehr traumhaft lief: ich kam gerade wieder in Braunschweig an und fuhr direkt zu einer Apotheke um das Rezept einzulösen. Mir war natürlich klar, dass diese Medikamente nicht vorrätig sind und bestellt werden müssen, sowie dass es in den letzten Wochen große Lieferengpässe gab. Nicht klar war mir, dass die Apotheke schon seit 6 Minuten Mittagspause hatte. Da ich aber noch hinein kam und sehr freundlich bedient wurde, kann ich die Tabletten heute abend um 18:15 schon abholen. Wow, wer hätte das gedacht?! Ja, das muss ein Traum sein…

Der einzige Wehrmutstropfen, mit dem ich mich schon abgefunden hatte: ich hatte offenbar unterwegs mein Smartphone verloren, konnte daher niemandem per Telefon oder Mail oder Twitter bescheid geben, sondern „nur“ auf dem Laptop diesen Blogpost vorforumulieren (außer natürlich diese letzten paar Absätze hier). Mit dem Verlust hätte ich an einem Tag wie heute gut umgehen können, aber siehe da: ich hatte ein Loch in der Handtasche, durch welches das Handy doch nur zwischen Innnen- und Außenfutter gerutscht war. (Heißt bestimmt anders, aber ihr wisst was ich meine.)

Letztlich wird eben doch noch alles gut!

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue „Therapie“ anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur „das System“ glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit „ich muss jetzt nachdenken“ verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von „6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger“ enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein „Gesetz“ machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des „anderen“ Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer „ich glaub, das stimmt nicht“.

Ich habe mir daher den Film „Ångrarna“ gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger „Film“. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser „Film“ entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an „Fakten“ die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese „Entscheidung“ so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von „Entscheidungen“ sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort „Entscheidung“ normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine „Entscheidung“? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: „Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!“ aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: „Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.“

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Die letzten 1,5 Jahre meiner „Krankheitsgeschichte“

Ich bin mal wieder gezwungen, mich sehr ausführlich mit dem „transsexuellen System“ zu beschäftigen. Deshalb entstand heute ein sehr langer, konfuser Text, den ich nun in mehreren Einzelteilen nach und nach veröffentliche. Dieser erste Teil fasst zusammen, was ich in den letzten Jahren durchlaufen habe.

Inneres Coming-Out

Zuallererst waren da diese Wochen und Monate, in denen ich im stillen Kämmerchen in mich selbst hinein gehorcht habe bis ich mir absolut sicher war: Ich bin eine Frau und es gibt keinen anderen Ausweg als in Zukunft auch genau so zu handeln. Zu dieser Phase findet ihr in einigen meiner älteren Blogposts Erzählungen, auch wenn viele wichtige Teile des Erkenntnisprozesses noch nicht verschriftlicht sind. (Eigentlich ist dieser Post aus dem August der einzige, der sich direkt darum dreht.) Diese Wochen waren teilweise „harte Kost“, weil da einfach sehr intensive Gedanken und Gefühle sehr viel Raum eingenommen haben.

Die Suche nach einem Psych*

Aber es ging mir inzwischen sehr gut, ich hatte nicht das Gefühl, psychische Probleme zu haben. Trotzdem würde ich mich nach einem Psych* umsehen müssen.

(Ich benutze in all meinen Texten „Psych*“ als Oberbegriff für Psycholog_innen, Psychiater_innen und Psychotherpeut_innen. Es mag wichtige Unterschiede zwischen diesen  dreien geben, aber all die, mit denen ich zu tun hatte, haben sich so verhalten, dass diese Unterschiede nicht relevant waren. Gelegentlich steht psych* auch für Mengen von Adjektiven wie z.B. „psychologisch/psychiatrisch“)

Denn es gibt Behandlungsrichtlinien, die sagen, ein transsexueller Patient muss erst zu einem Psych* bevor eine Hormontherapie stattfinden kann. Manche Richtlinien sehen eine 6- bis 12-montagie Begleitung/Betreuung/Begutachtung vor, die sehr ergebnisoffen sein soll. Andere Richtlinien machen keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um eine Therapie handeln soll, deren Ziel es ist, „den Transsexuellen Wunsch“ zu heilen.

Als ich zu meiner Krankenkasse ging um dort zu fragen, was ich nun tun kann, gab es also keine Frage nach dem „ob“ sondern nur noch eine Frage nach dem „wie“ für mich. Ich hatte da ja schon die Entscheidung, das Coming-Out und den öffentlichen „Rollenwechseln“ hinter mir, habe schon mit vielen Bekannten über einiges gesprochen, aber nun mussten konkrete Handlungen folgen. Die Sachbearbeiterin dort sagte mir, ich müsste 1 Jahr Psych*Theraphie machen und könnte dann Hormone verordnet bekommen. Konkret hat sie mich zu einer bestimmten Psych* geschickt, da sie mir ansonsten keine Psych* dafür empfehlen könnte. Anschließend habe ich gut 4 Monate auf einen Termin bei besagter Psych* gewartet.

Kurze Psych*-Begleitung beim Studentenwerk

Zwischendurch habe ich auch eine andere Psych* aufgesucht, die über das Studentenwerk angestellt ist, um Studierende zu betreuen. Hier hatte ich nur zwei Wochen Wartezeit. Mit ihr sprach ich sehr offen über meine Transsexualität und meine Erfahrungen. Denn trotz der vielen tollen Gespräche im Bekanntenkreis wollte gerne mal mit einer außenstehenden und psych* fachkundigen Person sprechen. Ich war 3 oder 4 Mal zu einer Sitzung dort, und ich bin sehr gerne dorthin gegangen. Beim letzten Mal hatten wir aber beide das Gefühl, dass alles wichtige gesagt ist und ich eigentlich keine „Hilfe“ mehr brauchen kann. Eine langjährige Betreuung und Indikationsstellung kam bei der Art ihrer Anstellung und (Nicht-)Zulassung sowieso nicht in Frage. Also beließen wir es dabei.

Meta-Gatekeeping

Jene von der Kasse empfohlene Psych* hat mich 1 Stunde befragt. All das, um mir dann sinngemäß zu sagen: „Sie sind transsexuell, sie brauchen Behandlung, aber nicht von mir. Hier haben sie eine Liste von Psych* die sich damit auskennen. Holen sie sich einen Termin bei einem davon.“ Als ich fragte, wozu diese Stunde Gespräch war, sagte sie mir in etwa: „Ich habe geprüft, ob sie verrückt sind. Hätte ich dabei festgestellt, dass sie verrückt sind, hätte ich sie ohne die Liste nach Hause geschickt. Ich beschütze meine Psych*-Kollegen vor einer Flut von Verrückten.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie „verrückt“ oder „bescheuert“ oder „durchgeknallt“ sagte, aber es war definitiv ein Begriff aus dieser abwertenden Kategorie.

(Zur Überschrift: Als „Gattekeeper“, also „Türsteher“ werden gelegentlich Psych* bezeichnet, die den Zugang zu Hormonen und OPs beschränken. Diese Psych* hat den Zugang zu jenen Gatekeepern beschränkt.)

Die „Therapie“

Ich habe dann bei einem Psych* eine „Therapie“ (Das Wort muss in in Anführungszeichen setzen, da ja hoch mehrdeutig ist, ob das eigentlich eine Therapie sein soll, und wenn ja, was da therapiert wird) begonnen, um letztlich die Indikation für Hormone und OP zu bekommen. Das war natürlich wieder einige Monate später, da Psych* ja lange Wartelisten haben. Es war übrigens niemand von der tollen Liste, da mir vier andere Transfrauen einheitlich einen bestimmten Psych* empfahlen, der eben nicht darauf stand.

Er erklärte mir zu Beginn, welche Regeln da bestünden, also im Wesentlichen mindestens 12 Monate Behandlung. Er machte von Anfang an klar, dass er diese Regeln selbst unmenschlich findet, es ihm Leid tut, dass er mich diesen Regeln unterwerfen muss, und dass er versuchen wird, das ganze so wenig nervig wie nötig zu machen, z.B. indem ich in diesem Jahr nur recht selten und kurz dorthin muss. Das klingt ja alles in allen sehr positiv, ganz so als täte dieser tolle Mensch alles ihm Mögliche, um es mir recht zu machen.

Diesen Glauben konnte ich aber leider kein ganzes Jahr aufrecht erhalten. Wenn er mich zu Beginn einer Sitzung fragte, warum ich heute hier sei, und ich in meiner Antwort irgendetwas von Hormonen erwähnte, wurde er wütend. Aber warum sollte ich auch sonst hier sein? Wenn ich genaueres zu dieser Richtlinie wissen wollte, die mich zu einem ganzen Jahr Therapie verpflichtet, wich er aus oder speiste mich mit unklaren Halbwahrheiten ab. Die meiste Zeit ging es mir generell gut, aber zwischenzeitlich hat mich das Warten auf die Hormone ziemlich zermürbt. Auf die Frage „Wie geht es ihnen?“ antwortete ich zuvor immer ehrlich mit „Sehr gut.“ Als ich einmal mit „Nicht so gut.“ antwortete, sagte ich auf weitere Nachfrage nach den Gründen: „Mich beschäftigt es sehr, auf den Beginn der Hormontherapie warten zu müssen. Und der Gedanke, dass es noch so lange bis dahin dauert, und es keinen Weg gibt, es zu verkürzen, bedrückt micht.“ Darauf hin meinte er nur „Darüber brauchen wir hier gar nicht reden.“ und beendete kurz später unsere Sitzung. Dabei ist diese Unzufriedenheit mit dem Warten schon lange da, wie dieser Text von Januar 2012 belegt. Die „Therapie“ fing ja erst im Dezember davor an.

Viele würden nun sagen: „Nu lass den guten Mann doch mal in Ruhe seine Diagnose machen, und dränge ihn nicht voreilig dazu, eine Stellung zu beziehen oder sogar schon Hormone zu verschreiben.“ Das Problem ist: nach der zweiten Sitzung war die Sache für ihn schon geklärt: Transsexualität, keine weiteren psychischen Auffälligkeiten. Er hat noch ein paar biografische Standard-Daten abgefragt, aber ist nie sonderlich in die Tiefe gegangen. Hätte ich schwerwiegende Psychische Krankheiten, so würde er es nicht wissen. Er hat sich weder bemüht, diese aus mir heraus zu fragen, noch hat er mir einen Rahmen gegeben, in dem ich von mir aus etwas hätte äußern können, was darauf hindeutet. Gleiches auch für die Transsexualität: ich hatte zwar kein extrem ausgeprägtes Bedürfnis danach, über intimste Details zu sprechen, aber immerhin eine große Bereitschaft. Aber er wollte alles nur ganz oberflächlich wissen, nichts im Vergleich zu den Gesprächen mit der Psych* des Studentenwerks. Aber bei meinem „betreuenden“ Psych* haben nach ein paar Sitzungen eigentlich über gar nichts mehr gesprochen.  Ob das alles Teil dessen war, es mir so angenehm wir möglich zu machen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mir diese ganze Therapie, die ich von Beginn an für nicht sehr sinnvoll hielt, immer sinnloser erschien. Für diese 10 Minuten unpersönlichen Smalltalk, bei dem es das ungeschriebene Gesetz gab, bloß nicht über Transsexualität zu sprechen, war ich oft 4 bis 5 Stunden außer Haus, was auch noch so im Tageslauf lag, dass ich weder davor noch danach viel geschafft habe. Es war einfach nur nervig und hat mich wütend gemacht. Aber was tut man nicht alles für einen blöden Zettel, der einen bescheinigt, transsexuell aber nicht verrückt zu sein?

Vornamensänderung

Vornamensänderung als Graph

Zwischendurch habe ich die Vornamensänderung beantragt. Auch davon hatte mir mein betreuender Psych* abgeraten, auch wenn ich nicht verstanden habe, warum. Aber zum Glück sind die Vorgänge voneinander unabhängig und ich brauchte sein o.k. nicht. Der ganze Prozess war zwar auch langwierig, wie die nebenstehende Grafik zeigt. Und wie ich hier schonmal schrieb, hatte ich auch genug Gründe, Angst davor zu haben. Aber es lief alles weniger schlimm als erwartet, und vor allem nach klaren Regeln, die ich nachlesen konnte, und die ich als gültiges Gesetzt auch irgendwie akzeptieren konnte, selbst wenn ich sie ungerecht fand. Womit ich natürlich gar nicht gerechnet hatte: einer der beiden Psych*, welche die beiden psychologische Gutachten für die Namensänderung angefertigt haben, bot mir gleich noch eine weiteres Gutachten bzw. Indikationsschreiben für eine Hormontherapie. Er selbst hält nichts von dem 6- bzw. 12-Monatszwand und hat keinerlei Verständnis für Psych*, die das ohne Ausnahme strikt durchziehen.

Für mich fehlte von da an jede Motivation, diese „Therapie“ weiter aufrecht zu erhalten. Da ich eh keine ausstehenden Termine mehr hatte und mich um neue Termine hätte kümmern müssen, war das Thema für mich erledigt.

Vorbereitung der Hormontherapie

Inzwischen bin ich bei einer Endokrinologin, die auch schon sämtliche körperlichen Voruntersuchungen bei mir durchgeführt hat: diverse Blutwerte inkl. Hormonspiegel, Chromosomenanalyse zur Geschlechtsbestimmung, Genetische Untersuchung auf Faktor 5 Leiden, Hodenabtastung und -Größenbestimmung. Die letzten Ergebnisse erfahre ich in 4 Tagen, und bekäme dann wohl auch endlich eine Hormontherapie verschrieben. Ja, das Leben könnte so schön sein.

Aber daraus wird nichts, zumindest nicht ohne Probleme. Denn mein Indikationsschreiben, das ich letztes Mal schon bei mir hatte, akzeptiert sie nicht. Ohne auch nur einmal einen Blick hinein geworfen zu haben, ohne sich eine Kopie angefertigt zu haben. Allein meine Aussage, dass ich bei diesem Arzt nicht in einer 12-Monatigen Behandlung war reicht ihr aus, es als komplett irrelevant abzubügeln. Als ich sie auf die Richtlinie Ansprach, meinte sie nur „Das ist keine Richtlinie, das ist ein Gesetz.“ Sie geht davon aus, dass ich in 4 Tagen ein weiteres Indikationsschreiben von meinem anderen Psych* mitbringe, bei dem ich dann schon über 12 Monate gewesen wäre. Dass ich dort schon seit Monaten nicht mehr bin, und somit auch kein Schreiben erhalten werde, weiß sie noch nicht. Das ist eigentlich der einzige Fakt, den ich ihr verschwiegen habe, da ich Angst hatte, dass sie sonst sofort die Untersuchung abbrechen würde. Und das würde mich wieder um 3 weitere Monate zurückwerfen, da es in etwa so lange dauern kann, woanders einen Termin für eine Untersuchung zu erhalten. Kurzfristig war es also sicher richtig, so zu tun, als wäre ich noch in „Therapie“, aber das lässt sich nun nicht mehr aufrecht erhalten.

Damit ist die Basis meines Problems umrissen. Aber eigentlich ist da noch so viel mehr, weshalb hier schon bald der nächste Blogeintrag folgen wird…