Abschied vom eigenen Leben, auch ohne dass man sterben will

Eine Art Trigger(ent?)warnung: Ich denke, von all dem, was man zu Suizid schreiben kann, ist das her wohl eher weniger triggernd, aber genau einschätzen ich es nicht. Im Zweifelsfall vielleicht lieber die Finger von diesem Text lassen. Viel gefährlicher ist da ein unten verlinktes Video, das hat aber vor Ort nochmal seine eigene Warnung.

Kurzzusammenfassung: Suizid ist bei Trans*menschen extrem häufig. Ich bin da quasi eine Ausnahme, denn ich wollte mich noch nie töten. Ich dachte aber damals trotzdem, dass ich mich von meinem Leben verabschieden müsste, um glücklich zu werden. Es kam dann zum Glück anders, jetzt suche ich Zusammenhänge.

Ich habe noch nie ernsthaft erwogen, Suizid zu begehen. Der Gedanke liegt mir so fern, dass ich mir immer völlig bewusst war, dass ich mich in Menschen mit Suizidabsicht absolut nicht hinein versetzen kann. Auch jetzt habe ich absolut keine Suizidabsicht, aber mir wurde heute klar, dass ich mich vor 1,5 Jahren durch mein bevorstehendes Coming Out vielleicht doch in einer grob vergleichbaren Lage befunden habe. Wie kommt die Erkenntnis nun?

Ein Film löst Gedanken aus

Ich habe gestern einen sehr packenden Dokumentarfilm über Jugendliche mit Suizidgedanken gesehen, in erster Linie über eine junge Frau, die nach sieben „missglückten“ Suizidversuchen zurück zur Freude am Leben gefunden hat und nun selbst Beratung für akut gefährdete Jugendliche anbietet. Zu der Doku möchte ich gar nicht viel sagen, außer, dass sie sehr sehenswert ist, aber auch sehr bedrückend sein kann und mit Erzählungen und bildlichen Darstellungen, die triggern können, nicht geizt. Also eine ausdrücklich Triggerwarnung für das folgend verlinkte Video! Und nun der Link zum Video. Jene Sendung hat bei mir gestern und heute Gedanken in Gang gesetzt, also zurück zu mir.

Transition als Risikofaktor

Ich befinde mich nun seit etwa 1,5 Jahren in der Transition, quasi auf dem Weg zum Frausein. Vom ersten Tag an war da dieser Gegensatz: Einerseits lebe ich nun zu 100% als Frau. Was soll da noch groß kommen? So gesehen bin ich fertig. Und doch ist da so unglaublich viel, das noch nicht passt, und wo nur medizinische (genauer: somatische) Maßnahmen helfen. Da ist noch so viel zu tun. Vor 1,5 Jahren ist noch nichts davon geschehen. Und heute? Ist genau so wenig geschehen. Nichts. Nada. Medizinisch betrachtet bin ich immer noch vor meiner Transition. Ich bin in der Wartephase.

Diese Lebensphase ist für viele transsexuelle Menschen die letzte ihres Lebens. Es gibt in dieser Phase die höchste erfasste Suizidrate. Wie man in der rechts stehenden Grafik (Klick vergrößert, hoffentlich) eindrucksvoll sehen kann, geht die Suizidrate nach der Transition quasi auf 0 herunter, oder zumindest auf einen so niedrigen Wert, wie er vermutlich auch im (zumeist cissexuellen) Bevölkerungsdurchschnitt zu erwarten ist. Davor sind die Zahlen aber erschreckend hoch. Oft wird gesagt, eine Transition dauere so um die 6 Jahre bis man sich wirklich komplett angekommen fühlt. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 23% Korrektur: 27% pro Jahr, einen Suizid zu versuchen, beträgt die Chance, nach 6 Jahren mindestens einen Versuch hinter sich zu haben, 85%. (Die Grafik kursierte übrigens ohne genauen Quellenbezug auf Twitter, ich habe da nur ein bisschen Farb- und Perspektivkorrektur für die Leserlichkeit hinzugefügt.)

Und dann ist da noch die Dunkelziffer jener Trans*menschen, die nicht mal die offizielle Phase des Wartens erreichen, da sie ihrem Leben ein Ende setzen, noch bevor jemals jemand anderes von ihrer Transsexualität erfahren hat. Oftmals haben sie vielleicht selbst noch nicht mal die konkrete Einsicht, dass nun genau *das* das Problem ist. So oder so, sie tauchen in Trans*spezifischen Statistiken natürlich nicht auf.

Die genaue Größe von Dunkelziffern ist natürlich nie bekannt, sind ja schließlich Dunkelziffern. Ich denke aber, in diesem Fall gibt es relativ zuverlässige Weisen, das abzuschätzen, und wenn ich das im Kopf mal durchgehe, komme ich zur Vermutung, dass es mehr deutlich mehr tote als lebendige Trans*menschen gibt. Wie ich dazu komme, verblogge ich vielleicht später einmal, aber vorerst soll hier die bloße Vermutung reichen.

Die Zeiten, über die ich bisher nicht viel geschrieben habe

Ich habe nach meinem Coming-Out begonnen, sehr persönliches aus der Zeit vor dem Coming-Out zu bloggen. Kindheit, Jugend, frühes Erwachsen sein… und dann kamen Posts über aktuelles, wie es mir als Frau so geht. Die eigentliche Coming-Out-Phase habe ich ausgespart, insbesondere das innere Coming-Out, also das mir-bewusst-werden. Und darüber möchte ich nun langsam mal beginnen, zu schreiben.

Denn genau dazu ist mir heute etwas bewusst geworden. Ich bin an die Transition mit völlig falschen Vorstellungen heran gegangen. Ich hatte fast mein Leben lang eine so negative Erwartungshaltung dazu, dass ich gar keine Lust hatte, mich mit dem Thema überhaupt auseinander zu setzen. Und selbst, als ich das dann doch tat, war meine Erwartung düster. Ich habe recherchiert, wie es anderen dabei so ergangen ist. Auch das war meist niederschmetternd und bedrückend. Viele haben den Kontakt zu ihre gesamten Familie verloren, zum Großteil des Freundeskreises, zu Bekannten und Arbeitskollegen. Haben Job und Wohnung verloren, mussten in eine andere Stadt ziehen, haben ein komplett neues Leben begonnen. Manchmal war dieses „neue Leben“ ebenso bedrückend und einsam, manchmal ist es alles besser geworden. Aber unabhängig davon, was das neue Leben bringen würde, das alte Leben haben sie zunächst hinter sich gelassen.

Als ich mir also die Frage stellte: „Will ich diesen Weg gehen?“, habe ich mich auch ganz bewusst damit auseinander gesetzt, ob ich all diese Verluste ertragen könnte. Ob ich es dafür riskieren würde, mein „altes Leben“ komplett hinter mir zu lassen.

Statistische Abwägungen

Ich gehe auch an solche emotionalen Sachen sehr nüchtern ran, wenn es mir sinnvoll erscheint. Also habe ich Statistik betrieben. Habe geschaut, welchen Anteil der Familie andere verloren haben. Die Werte haben da bei anderen extrem gestreut. Und ich habe nur einen sehr kleinen Familienkreis, der mir wirklich extrem am Herzen liegt, so etwa 3 bis 5 Menschen. Bei solch kleinen Zahlen kann man keine genauen statistischen Vorhersagen machen. Anders beim Freundeskreis: Da konnte ich ermitteln, dass andere so oft bis zu 85% verloren haben, dass ich das auch bei mir nicht ausschließen könnte. Zu dem Zeitpunkt habe ich praktisch keine extrem engen Freunde gehabt, aber vergleichsweise viele Menschen, die ich zu sehr mochte, um sie nur „Bekannte“ zu nennen. Alles in allem waren da also 20 bis 30 Freunde, die mir damals alle etwa gleich wichtig waren. Davon würden im schlimmsten Fall noch 3 bis 4 übrig bleiben, vermutlich sogar mehr. Ich habe das wirklich mehrere Tage lang durchdacht, ob ich damit leben kann.

Und indem ich zum Schluss gekommen bin „ja, ich kann das und wenn nötig, tu ich das“ habe ich mich eigentlich von all dem, was ich hatte, innerlich verabschiedet. Es gab wirklich einen Tag, da habe ich vorsorglich zu all dem innerlich, aber deutlich „Tschüss, es war schön mit euch!“ gesagt. Und mir wurde auch klar, dass es in meinem Leben andere Zeiten gab, wo mein Freundeskreis deutlich anders strukturiert war, also viel weniger Freunde, und die lagen mir dafür noch mehr am Herzen. Davon 85% zu verlieren – praktisch konnte das also heißen, alle, denn man behält keine 0,4 Freund übrig – hätte ich wohl nicht riskiert. So gesehen waren es schon besondere Umstände, die jetzt den Schritt möglich machten.

Auch sonst stand Wandel bevor: Studium fast fertig, Beziehung im Arsch, ich wollte ein Unternehmen gründen und dafür vielleicht in eine andere Stadt ziehen, vermutlich Berlin… so oder so hätte ich in Kürze vielleicht ein mehr oder weniger neues Leben angefangen und vieles hinter mir gelassen. Auch das hat es mir deutlich leichter gemacht, vielleicht alles zu verlieren.

Ernüchterung im postiven Sinn

Ich habe das damals maßlos überdramatisiert. Nicht von all dem ist passiert. Ich habe meine Freunde behalten, meine Familie, meine Bekannten, meinen Job, meine Wohnung, mein Studium… alles. Und habe so viel neues dazu gewonnen. Doch die Vorbereitung auf den Verlust war sicher nicht so verkehrt, denn in vielerlei Hinsicht lag es nicht in meinem Einfluss, ob ich all das verlieren würde.  Ich habe einfach verdammt viel Glück gehabt. Wenn ich mich daran erinnere, wie meine Coming-Out-Mail formuliert war, so war ich zu dem Zeitpunkt wohl auch schon längst nicht mehr so pessimistisch. Immerhin habe ich darin Tipps gegeben, wie man in Zukunft mit mir umgehen könnte, und nicht dazu, wie man mir in Zukunft aus dem Weg gehen kann.

Die Dinge, über deren Verabschiedung ich in den letzten Absätzen geschrieben habe, sind allesamt wertvolle Aspekte, deren Wichtigkeit ich gar nicht in Worte fassen kann. Aber letztlich sind das alles Äußerlichkeit, im Sinne von „außerhalb von mir selbst“. Habe ich irgendetwas in mir selbst verloren? Nein, hab ich nicht, aber dennoch habe ich mich sogar darauf vorbereitet. Und das war nun wahrlich überflüssig, denn was in mir selbst passiert, war ja nun mal weniger von außen beeinflusst, sondern lag in meiner Hand. Niemand kann mich dazu zwingen, mich selbst zu verlieren, außer vielleicht ich selbst. Aber die Selbstentfremdung war ja nicht mal etwas, was ich als mögliches Risiko gesehen habe, sondern vielmehr als unumgänglichen Preis den ich nun mal zahlen muss. Ich fand mich selbst – mal vom körperlichen abgesehen – ja gar nicht schlecht, aber dennoch dachte ich: diese Identität, dieses „ich“ muss ich jetzt hinter mir lassen.

„Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“

Dieser merkwürdige Satz ging mir tagelang in genau der Weise im Kopf herum. „Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.“ Mal hat er mich traurig gemacht, mal habe ich das nüchtern gesehen. Manchmal sehr abstrakt, aber manchmal habe ich da auch einen Sarg gesehen, in dem mein altes Ich liegt, drumherum ein Friedhof, und mein neues Ich steht am Rand des Grabes und lässt den Sarg langsam herab. Außer meinen beiden Ichs ist niemand da, der dem Begräbnis beiwohnt. Ja, ziemlich bescheuert diese Vorstellung, ich weiß.

Dass dieser Gedanke des Sich-Selbst-Abschaffens ebenso unsinnig ist wie dessen malerische Ausgestaltung auf dem Friedhof wurde mir dann auch sehr schnell klar, wohl auch vor dem öffentlichen Coming Out. Ich bin immer noch ich, und wie man so schön sagt: jetzt noch viel mehr als zuvor. Den komischen Spruch hatte ich trotzdem noch ein paar Monate im Ohr.

Gab es vielleicht trotzdem Teile von mir, die ich hinter mir gelassen habe? Vielleicht das Gefühl, ein Mann zu sein? Nein, so sehr ich auch danach gesucht habe, eigentlich war so ein Gefühl nie dar, da gibt’s nichts zu begraben. Mit meinem alten Namen hatte ich mich immer sehr stark identifiziert, hatte z.B. nie den Bedarf gesehen, mir einen „Nickname“ zu geben. Ich hab ja gar nichts gegen den Namen, er passt nur nicht zu mir. Ansonsten ist er ja schön und gut, ich könnte mir auch vorstellen, mein eigenes Kind so zu… nee, das nun nicht gerade, das wäre doch etwas freaky 😉 Den Name habe ich dann also wirklich langsam zu Grabe getragen, denn auch wenn ich ihn seit 1,5 Jahren nicht mehr benutze, ist es doch immer noch mein amtlicher Name und steht auf ca. 50% der Briefe, die mich erreichen. Aber nicht mehr lange, theoretisch wird meine Vornamensänderung morgen endlich rechtskräftig. Bis alle Papiere und Datensätze umgestellt sind wird es sicher noch mehrere Monate dauern.

Was mich von Menschen mit Suizid(gedanken)erfahrung unterscheidet

Aber fasse ich mal zusammen: ich war offenbar schon mal an dem Punkt, an dem ich bereit war, nicht nur die äußerlichen Aspekte meines Lebens, sondern auch mich selbst komplett aufzugeben. Und ich denke, diese Bereitschaft braucht es auch zum Suizid. Es ist natürlich vollkommen klar, dass dazu auch noch vieles andere gehört, dass ich in meinem Leben noch nie erfahren habe und hoffentlich auch nie erfahren werden. So ist z.B. die Sicht auf die Zeit danach eine völlig andere.

Ich habe mein damaliges „Leben“ – nicht im biologischen Sinn – aufs Spiel gesetzt, um die Chance zu erhalten, danach ein besseres leben zu können. Hätte ich über Suizid nachgedacht, dann doch mit der Gewissheit, dass danach absolut nichts mehr kommt. Wobei es ja durchaus Menschen gibt, die an ein nicht-irdisches Leben nach dem Tod glauben, oder an eine irdische Wiedergeburt. Da mag die Hoffnung auf eine zweite Chance vielleicht sogar ganz ähnlich gelagert sein wie bei mir. Womit man aber beim Suizid wohl kaum zu rechnen braucht: dass man sein altes Leben behält und gleichzeitig trotzdem alles besser wird. Und genau das habe ich mir – trotz schlimmerer Befürchtungen – die ganze Zeit erhofft und genau das ist passiert.

Ich kann und will mich also, aus diesem und weiteren Gründen, keinesfalls irgendwie „gleichsetzten“ mit Menschen, die echte Suiziderfahrungen haben, das wäre überheblich und respektlos von mir. Ich kann mir nur eingestehen, dass ich in gewissen Teilen dieser Thematik schon viel näher gekommen bin, als ich bisher bewusst zugegeben habe.

Und jetzt nochmal mit Zusammenhang

Ich habe also geschrieben, dass Trans*menschen sehr oft Suizid begehen oder zumindest ernsthaft darüber nachdenken, und wie ich damals eine kurze Phase der Selbstentfremdung hatte, die irgendwie so ganz entfernt Ähnlichhkeit mit Suizidgedanken hatte. Wo ist jetzt der Zusammenhang, den ich suchte? Nun, ich glaube, dass die Gesellschaft diese schlechten Signale verstärkt, die einem sagen, dass Coming Out und Transition das Leben zerstören können. Das führt dann dazu, dass viele mit diesem Schritt so lange warten, bis sie nichts mehr zu verlieren habe, bis sie also akzeptieren können, alles zu verlieren. Und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele gleich den finalen Schritt zur Selbsttötung gehen. Wäre es bekannter, dass eine Transition gar nicht so eine wilde Sache ist, dann würden vielleicht mehr Menschen den Schritt schon gehen, wenn sie noch weit von Suizidgedanken entfernt sind.

Und dann frage ich mich nochmal:

Warum schreibe ich das nun eigentlich? Es musste irgendwie raus. Ich habe direkt nach dem Coming Out mit den meisten meiner Freunde über die bevorstehende Zeit gesprochen, aber eigentlich nie mit jemandem über die Zeit kurz davor. Der Fakt, dass es seit 1,5 Jahren nicht weiter geht, dass ich immer noch am Anfang stehe, macht es mir aber schwerer,  mich von diesen Anfangszeiten komplett zu lösen und nicht mehr daran zu denken. Der zu Beginn erwähnte Film hat mich dann auch nochmal nachdenklich gemacht.