Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von „Alex“ aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall „Alex“ aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.

Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz „geteilt“ und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.

Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.

Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.

Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie „das Kind“, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer „das Mädchen“ schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.

Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.

Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.

So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.

Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.

Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.

In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.

Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.

Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst „nur“ aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?

Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.

Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.

Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine „Diagnose“ generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

Geschlechtsneutrale Sprache als Chance betrachten statt als Zwang

Es ist ja nicht unüblich, einen Blogpost über einen Zeitungsartikel zu schreiben. In der Süddeutschen gab es kürzlich einen, der sich thematisch dazu anböte. Wirklich gut finde ich den Artikel nicht. Eigentlich reicht der erste Absatz, den ich mir hier zu zitieren erlaube:

Ende Januar ist in Schweden das erste Kinderbuch in geschlechtsneutraler Sprache erschienen. „Kivi“ heißt das Kind, um das es in diesem kleinen Werk von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson geht (Olika Verlag, Stockholm 2012), und weil „Kivi“ sich einen Hund wünscht, aber nicht sofort bekommt, entsteht eine kleine Geschichte in Reimen. Das alles ist sehr heiter und angemessen skurril, hätte aber nie die große Aufmerksamkeit erreicht, die es jetzt erhielt, wäre in diesem Buch nicht konsequent das neue Personalpronomen „hen“ verwendet worden. In ihm sollen „hon“ („sie“) und „han“ („er“) zusammenfallen, wobei selbstverständlich auch die konjungierten Formen „hens“ für den Genitiv und „henom“ für die Objektform dazugehören. Seitdem geht eine öffentliche Auseinandersetzung um die Sprache als Medium sexistischer Vorurteile durch das Land.

Weitere Beispiele

Übrigens gibt es noch mehr solcher schönen Kinderbücher. Eine gute Freundin zeigte mir vor kurzem „No Matter What“ von Debi Gliori. Nicht nur ist es wunderschön gezeichnet und überbringt eine ebenso schöne Botschaft, es verzichtet auch sowohl sprachlich als auch grafisch komplett darauf, dem Elternteil und dem Kind ein Geschlecht zuzuordnen. Damit kann sich dann jeder Junge, jedes Mädchen und jedes andere Kind identifizieren, egal ob es bei Mutter, Vater, beiden oder was auch immer für Elternteilen aufwächst. Da man hier ohne Wortneuschöpfungen ausgekommen ist, gab es auch keinen großen Aufschrei. (Es gibt übrigens auch eine deutsche Übersetzung „So wie du bist“, welche angeblich ein wenig sprachlichen Charme verloren hat und dafür auch mehr als doppelt so viel kostet – aber vermutlich wurde auch hier kein Geschlecht festgesetzt.)

Diskussion um das Buch

Aber zurück nach Schweden und zum SZ-Artikel – oder auch nicht, denn der restliche Text ergeht sich dann in Hintergrundinfos auf die ich auch hätte verzichten können. Und die Anschließende Diskussion auf der Seite der Süddeutschen ist auch nicht weiter lesenswert (Anzeichen für die Ignoranz und Denkfaulheit des durchschnittlichen Internetnutzers, wenn man sie denn wirklich braucht, lassen sich anderswo auch noch kompakter finden).

Durchaus lesenswert fand ich aber diese Diskussion im Forum des Onlinewörterbuchs LEO. Dort geht u.A. darum, ob man sprachliche Veränderungen denn erzwingen sollte bzw. ob das überhaupt möglich ist und ob man denn durch anderen Sprachgebrauch eine reale Gleichstellung erreichen könnte. Ob man es denn verbieten müsste, das Geschlecht einer Person zu nennen, und ob man nicht genauso auch verbieten müsste, irgendein anderes Merkmal einer Person zu erwähnen (Rasse, Hautfarbe, Nationalität, Name, Größe, Haarfarbe und -länge…). Auch gibt es ein bisschen unbedacht eingesetzte Heteronormativität die ruhig als solche Aufgedeckt und in ihrer gewünschten Argumentationswirkung ausgehebelt wird.

Doch auch wenn die Unterhaltung dort lesenswert sein mag, all diese Fragestellungen gehen letztlich an der Problematik vorbei. Das in Schweden zu debattierende „hen“ ist ja kein Zwang, sondern eine Möglichkeit.

Was ohne „hen“ nicht möglich ist

Bei all den anderen Attributen einer Person (siehe vorletzter Absatz) habe ich die sprachliche Freiheit, sie zu spezifizieren oder offen zu lassen. Das Geschlecht einer Person anzugeben kann man jedoch kaum vermeiden. Natürlich kann ich darauf verzichten, „Mann“ oder „Frau“ als Hauptbezeichner zu wählen. Hebe ich ein anderes Attribut auf den ersten Platz, indem ich etwa von „dem Schweden“ oder „der Schwarzen“ spreche, stellt sich einerseits gleich die Frage, warum ich denn nun gerade diese Eigenschaft so wichtig finde, und außerdem hab ich da auch gleich wieder ein grammatisches Geschlecht welches eindeutig das soziale Geschlecht angibt. Ich selbst erwische mich dabei, „der Mensch“ zu schreiben, wenn es sich um einen Mann handelt und „die Person“ wenn es eine Frau ist. Dabei sind ja beide Begriffe geschlechtsneutral verwendbar.

Das Geschlecht außen vor zu lassen ist schwierig. Oft will und soll man das ja auch gar nicht, denn wenn eine Person eindeutig und gerne Frau ist und sich als solche versteht, und auch sonst keine besonderen Umstände es erfordern, sehe ich keinen Grund, das Geschlecht zu verschweigen.

Aber es gibt Momente, da halte ich es für angebracht, geschlechtsneutral zu schreiben oder gar zu sprechen:

  • Wenn ich potentiell jeden Menschen meine, egal welches Geschlecht.
  • Wenn ich das konkrete Geschlecht einer Person kenne, aber es in dem Moment für ungünstig halte, es zu erwähnen.
  • Wenn die Person kein männliches oder weibliches Geschlecht hat.
  • Wenn die Person sich mir mal als Mann und mal als Frau gezeigt hat und ich nicht sicher bin, mit welchem Geschlecht ich mich auf sie beziehen soll (also insbesondere, wenn ich nicht weiß, wie die Person sich selbst bezeichnet).
  • Wenn ich über eine Person spreche, über deren Geschlecht im Kreis der Zuhörer und Diskutierenden Uneinigkeit herrscht und ich mich nicht voreilig festlegen möchte.
  • Wenn es sich um eine Person handelt, die vermutlich eindeutig männlich oder eindeutig weiblich ist, aber ich es nicht weiß (ich z.B. einen Bericht nacherzählen möchte, der in einer geschlechsneutralen Sprache geschrieben war, oder weil ich es einfach vergessen habe)
  • Wenn ich Zuhörer bewusst im Unklaren über das Geschlecht einer Person lassen möchte, um die Vermutung zu prüfen, dass sie aufgrund anderer Informationen ein bestimmtes Geschlecht annehmen, und dann zu schauen wie verdutzt sie sind wenn ich plötzlich das (von ihnen nicht erwartete) Geschlecht nenne.
  • Wenn ich auch mal ein Kinderbuch schreiben wollte bei dem es dem Leser bzw. Zuhörer überlassen ist, ob er sich einen Mann, eine Frau oder sonst irgendwen vorstellt.

Klingt konstruiert? Bis auf den letzten Punkt sind das alles Situationen, in denen ich auch wirklich schon einmal war.

Lösungen im Deutschen, die mich nicht befriedigen

Möglichkeiten, geschlechtsneutral zu schreiben, gibt es an sich viele:

  • Immer beides Nennen („der Gärtner bzw. die Gärtnerin mit seiner bzw. ihrer Heckenschere „)
  • Binnen-I (GärtnerIn)
  • Gender-Gap (Gärtner_in)
  • Sternchen (Gärtner*in oder einfach Gärtner*)

Ersteres macht lange, unschöne Sätze und lässt keinen Platz für Menschen außer Mann und Frau. Die drei anderen Varianten sehen typographisch furchtbar aus und lassen sich kaum angemessen vorlesen. All das kann man trotz dieser Probleme praktisch anwenden, und ich werde bestimmt nie jemanden dafür kritisieren dass er es tut. Aber ich selbst möchte zwar gerne hier und da geschlechtsneutral sprechen, aber bitte mit Sahne, also so, dass es geschmeidig klingt. Nicht mit künstlichen Zusatzstoffen die beim Sprechen zwischen den Zähnen knirschen.

Und das Hauptproblem sind so oder so nicht die Substantive selbst, sondern die vielen anderen Worte im Satz, die entsprechend dekliniert werden müssen. Da helfen die vier Varianten von oben auch nicht weiter.

Wohl aber das „hen“, welches die Schweden wohl noch nicht so recht ins Herz geschlossen haben, bzw. dessen Vorbild „hän“ welches im Finnischen seit jeher geschlechtsneutrales Sprechen ermöglicht. In einigen wenigen deutschen Blogs wird auch schon „hän“ verwendet, und ich finde, es macht Texte nicht länger, strukturell nicht komplexer, ist typographisch völlig akzeptabel… was will man mehr? Ich finde, auch wir können ein hän gebrauchen.

Das böse Neutrum

Es gibt zwar im Deutschen schon das grammatische Neutrum, aber mit dessen Verwendung richtet man auch mehr Schaden an als es hilft. Eine Person als „es“ bzw. „das“ zu bezeichnen gilt als tiefe Beleidigung, das Neutrum positiv neu zu besetzen halte ich für ausgesprochen schwierig.

Aber warum ist „es“ eigentlich so abwertend? Ich denke, wenn man eine Person als „es“ bezeichnet, löst das beim Hörer nicht primär das Verständnis hervor, es würde ich um einen Menschen ohne männliches oder weibliches Geschlecht handeln, sondern viel mehr, dass es sich um gar keinen Menschen handelt, sondern ein seelenloses Ding. Oder ein grausames Monster. Dinge können auch männlich oder weiblich sein, Menschen aber nie „sachlich“. Diese Konnotation des Genus ist meiner Meinung nach in erster Linie keine Abscheu vor Menschen ohne Geschlecht, sondern „nur“ die Ignoranz dessen, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Aber letztens führt da auch das eine zum anderen.

Und gleich noch ein fünftes

Reicht denn ein „hän“ aus? Nicht unbedingt. Nein, denn es gibt Menschen, die weder weiblich noch männlich sind und die (völlig zu recht) ihr Geschlecht dennoch als etwas eigenständiges ansehen. Wie dieses „dritte“ Geschlecht zu nennen wäre ist noch völlig unklar, und da diese weiteren Geschlechter untereinander auch alles andere als gleich sind, muss man wohl von mehreren „anderen“ Geschlechtern sprechen. Ich vermute aber mal (auch wenn ich mich damit weit aus dem Fenster lehne), dass diese Menschen dennoch gut mit einer Zusammenfassung in einem weiteren Genus leben könnten. Eine Unterordnung ins männliche oder weibliche würde die Eigenständigkeit des Geschlechts nicht anerkennen. Wenn diese Menschen das Bedürfnis haben, ihr „anderes“ Geschlecht explizit zu nennen, ist auch ein generisches „Hän“-Geschlecht keine Lösung, da es doch gerade der Nichtnennung von Geschlechtern dient. Und das Neutrum wird vermutlich immer mit dem nicht-Menschsein assoziiert bleiben.

Somit sehe ich dann Bedarf für folgende fünf grammatikalischen Geschlechter:

  • Maskulinum für Männer und Sachen
  • Feminunum für Frauen und Sachen
  • „Anderum“ (ich kann kein Latein… ginge vielleicht „Alium“?) für Menschen mit „anderen“ Geschlechtern
  • „Generikum“ für Menschen deren Geschlecht nicht explizit genannt werden soll oder kann
  • Neutrum für Sachen

Und wenn man schon mal dabei ist, könnte man auch gleich alle Gegenstände zum Neutrum machen: das Messer, das Gabel und das Löffel. Ich könnte mich auch daran gewöhnen. In diesem Sinne: Gutes Nacht!

Jetzt neu und nur hier: Online-Geschlechtsumwandlung mit nur einem Mausklick

Der folgende Kommentar in einem feministischen Blog hat mich dazu inspiriert, etwas zu programmieren:

(…) wenn man in Ihrem Artikel mal die worte Mann und Frau vertauscht, liest sich das etwas mittelalterlich (…)

Auf dem männlichen Auge blind?

Dabei geht es wohl um diese Thesen, die ich mal etwas überzogen darstelle:

Feminist_innen sind sehr geübt darin, Frauenfeindlichkeit aufzuspüren aber blind für Männerfeindlichkeit. Wenn man in feministischen Texten alle Geschlechter tauscht, wird Männerfeindlichkeit im Ausgangstext zu Frauenfeindlichkeit und dadurch auch für Feminist_innen sichtbar.

Ich könnte mich nun darüber ergießen ob diese Thesen zutreffen, oder ob unsere patriarchale Gesellschaft die Geschlechter zu unsymmetrisch behandelt um basierend auf solchen Symmetrien zu argumentieren…

Probieren geht über Studieren. Und Programmieren geht sowieso über alles.

Aber das lasse ich und erprobe es dafür im Experiment, indem ich demnächst alle feministischen Texte mit getauschten Geschlechtern lese. Das spontan im Kopf zu tun ist mir zu anstrengend, und eine einfache Suchen-und-Ersetzen-Funktion hilft auch nicht, abgesehen davon dass Browser so was auch gar nicht haben da sie nicht zur Bearbeitung gedacht sind.

Ich habe mir daher ein Bookmarklet gebastelt, das in der aktuellen Webseite (fast) alle Geschlechterzuschreibungen ändert. Das Bookmarklet stelle ich hier bereit, damit jeder es nutzen kann. Dazu einfach diesen Link bookmarken bzw. per Drag & Drop in die Lesezeichenleiste ziehen. Dann auf eine andere (z.B. feministischte) Webseite surfen und den Button/Link in der Lesezeichenleiste ankliken. Tadaa! (Wer noch nie ein Bookmarklet gesehen hat hält das jetzt vermutlich für Hexerei…)

Online-Geschlechtsumwandlung

Oder für einen schnellen Test einfach mal direkt hier anklicken, um es auf dieser Seite auszuprobieren.

Known issues

Das ganze ist natürlich nicht allumfassend. Zum einen wäre es extrem anspruchsvoll, die Ersetzungen grammatisch korrekt durchzuführen. Das versuche ich erst gar nicht. Aber wenn man schnell über die Texte drüber liest, fallen die sprachlichen Fehler kaum noch auf.

Zum anderen basiert das ganze auf einer Wortliste, die natürlich nie vollständig sein kann, und in manchen Fällen Begriffe als Gegensatzpaar verwendet, die nicht wirklich zusammen passen. Das ganze ist also nur eine kleine Spielerei oder ein Proof of Concept und nicht zu ernst zu nehmen.

Im Übrigen erlaube ich mir ganz bewusst, hier mal das böse Wort „Geschlechtsumwandlung“ zu benutzen. Denn was bei Menschen nicht geht bzw. keine adäquate Beschreibung des tatsächlichen Vorgangs ist, ist in diesem Fall genau das, was mit den Wörtern einer Webseite gemacht wird: ihr Geschlecht wird umgewandelt. Und es erlaubt einen extrem reißerischen Titel für diesen Blogpost, das war es mir heute einfach mal wert.

Was ist unter der Haube?

Der darin enthaltene Code ist folgender (kann man sicher noch schöner machen, aber Perfektion war hier kein Maßstab):

function symmetrize(dict)
{
    var dictSym = {};
    for(key in dict)
    {
        dictSym[dict[key]] = key;
        dictSym[key] = dict[key];
        var keyLc = key.toLowerCase();
        if(keyLc != key)
        {
            var valLc = dict[key].toLowerCase();
            dictSym[valLc] = keyLc;
            dictSym[keyLc] = valLc;
        }
    }
    return dictSym;
}

// Hier Wörter eintragen, die nur im ganzen ersetzt werden
// sollen und nicht als Wortbestandteil.
var dictWhole = symmetrize({
"Er" : "Sie",
"Ihm" : "Ihr",
"Ihn" : "Sie",
"Sein" : "Ihr",
"Seine" : "Ihre",

// Diese Regeln stehen hier und in den Wortteilen, um darum herum
// zu arbeiten, dass "Frau" ein Teil von "Frauen" ist und somit
// sonst "Frauen" zu "Mannen" ersetzt wird.

"Frauen" : "Männern",
"Frauen" : "Männer"
});

// alle wörter / Wortteile groß schreiben, daraus wird
//automatisch auch die kleine variante erzeugt, umgekehrt nicht

var dictPart = symmetrize({
"Männer" : "Frauen",
"Mann" : "Frau",
"Männlich" : "Weiblich",
"Kerl" : "Weib",
"Kerle" : "Weiber",
"Macho" : "Emanze",
"Machos" : "Emanzen",
"Maskulin" : "Feminin",
"Maskulinis" : "Feminis",
"Jungs" : "Mädchen",
"Jungen" : "Mädchen",
"Junge" : "Mädchen",
"Damen" : "Herren",
"Dame" : "Herr",
"Vater" : "Mutter",
"Väter" : "Mütter",
"Sohn" : "Tocher",
"Söhne" : "Töchter",
"Schwuler" : "Lesbe",
"Schwul" : "Lesbisch"
});

function ersetzung(matchedSubstring, Index, OriginalString)
{
   if(dictWhole[matchedSubstring])
        return dictWhole[matchedSubstring];
   for(key in dictPart)
       if(matchedSubstring.indexOf(key) != -1)
           return matchedSubstring.replace(key, dictPart[key]);
   return matchedSubstring;
}

// Erkennt einzelne Worte
var word = new RegExp("\b\S+\b","gi");

function htmlreplace(element) {    
    if (!element) element = document.body;    
    var nodes = element.childNodes;
    for (var n=0; n<nodes.length; n++) {
        if (nodes[n].nodeType == Node.TEXT_NODE) {
            var oldText = nodes[n].textContent;
            // komplizierte, aber nachweislich effizienteste
            // Weise, um Strings zu erkennen, die nur aus
            // Whitespace bestehen (was ca. 50% aller Strings
            // einer Website ausmacht)
            if(oldText.replace(/^ss*/, '')
                           .replace(/ss*$/, '').length > 0)
                nodes[n].textContent =
                             oldText.replace(word,ersetzung);
        } else {
            htmlreplace(nodes[n]);
        }
    }
}

htmlreplace();

Es gibt gar keine Männer und Frauen, aber ich bin eine Frau. (K)ein Widerspruch?

Ich selbst kann sehr gut mit der klaren Einordnung in die Kategorie „Frau“ leben, ja ich erwarte von meinen Mitmenschen quasi diese Einordnung. Gleichzeitig kämpfe ich gegen Geschlechter-Binarismen, also dafür, die strenge Kategorisierung zwischen Mann und Frau aufzuheben. Das scheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht unbedingt.

Mehrdimensionalität

Diesen Aspekt kann ich am besten an mir selbst illustrieren. Wenn ich mein Geschlecht mal genau betrachte: Genital bin ich sehr eindeutig männlich. Meine Identität sehe ich an sich wieder als vielschichtiges Gebilde an, aber wenn ich es denn vereinfacht ausdrücken müsste, dann würde ich meine Identität am ehesten als eindeutig weiblich bezeichnen.

Dieser Gegensatz zwischen Genitalien und Identität macht mich zur Transfrau. Er beweist quasi per Fallbeispiel, dass Geschlecht mehrdimensional ist, also Genital- und Identitätsgeschlecht nicht identisch ausgeprägt sein müssen.

Ich habe, wie jeder Mensch, sogar noch mehr Geschlechter, z.B. mein chromosomales und mein hormonelles Geschlecht, die bisher beide unbekannt sind und über die auch ich selbst nur Mutmaßungen anstellen könnte. Aber auch die sind nicht fest an die Genitalien oder die Identität oder gegenseitig aneinander gebunden.

Nicht-Binarität

Aber mit der Mehrdimensionalität sagt mein Einzelfall noch nichts über die Binarität oder Kontinuität dieser Dimensionen aus. Da muss ich also von anderen Menschen sprechen – spezifisch oder allgemein.

Es ist ein trivialer Fakt, dass genitales, chromosomales und hormonelles Geschlecht nicht binär sind, also dass es Zwischenformen zwischen männlich und weiblich gibt, bzw. weitere Formen neben diesen beiden. Darüber braucht man mit mir nicht zu diskutieren.

Was die Identität von Menschen angeht, so kann man durchaus verschiedener Meinung sein, ob und wie sich diese einem Geschlecht zuordnen lassen. Ganz klar ausschließen kann ich jedoch, dass eine Identität nur komplett männlich oder komplett weiblich sein kann. Ich selbst sehe mich nicht als gutes Gegenbeispiel, aber ich kenne gute Gegenbeispiele.

Variabilität

Bei all diesen Dimensionen kommt noch hinzu, dass sie nicht unbedingt über die Zeit konstant sind.

Zugegeben: im gesamten Körper die Chromosomen auszutauschen wir schwierig, aber im Rahmen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten eben theoretisch nicht unmöglich.

Hormone und Genitalien lassen sich anpassen. Dafür werde ich z.B. in Zukunft auch als lebendes Beispiel fungieren.

Und die Identität? Das ist wieder ein schwieriges Thema. Ich bin mir nicht zu 100% sicher ob die geschlechtliche Identität jedes Menschen komplett konstant ist. Ich vertraue in erster Linie auf das, was ein Mensch selbst dazu äußert. Käme nun jemand, der von sich behauptet, einen Wechsel der Geschlechtsidentität durchlebt zu haben, würde ich es ihm glauben. Bis zu jenem Zeitpunkt gehe ich aber erst mal von einer relativen Unveränderbarkeit aus. Ich habe auch das Gefühl, davon auszugehen reduziert die Chance, durch Äußerungen und Handlungen die Selbstbestimmung anderer zu verletzen, da mir viele Verletzungen bekannt sind, die darauf basieren, eine vermeintliche Veränderbarkeit auszunutzen.

Fazit

Ich würde also nie ernsthaft behaupten „Es gibt gar keine Männer und Frauen“ – es gibt eben Menschen, die sich gerne so ein Label aufdrücken (wozu auch ich mich zähle) und welche, die das nicht wollen. Viel mehr würde ich also daher sagen „Es gibt nicht nur Männer und Frauen“.

Mit meiner „Aufklärungsarbeit“ arbeite ich also an zwei oder drei verschiedenen Ecken, da ich glaube, dass man Mehrdimensionalität, Nicht-Binarität und Variabilität der Geschlechter zwar auch einzeln betrachten kann, aber man sie zusammen besser versteht. Und mit einem Grundverständnis für diese Konzepte erschließen sich dann viele weitere Themenkomplexe fast von selbst.

Ich muss nur aufpassen, dass ich allesamt nicht in unklarer Weise vermische – wogegen dieser Blogpost aber Abhilfe schaffen sollte.

Mehr Infos

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch der Artikel „Billions of Sexes (Part 1)“ interessant. Er vertieft manche meiner Aussagen von oben, stellt noch viele weitere auf, und ist generell besser als alles was ich bisher zu dem Thema geschrieben habe. Ich habe den Artikel gestern bei FB geteilt, und meine Gedanken zur Rezeption dieser Aktion brachten mich letztlich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Womit sich der Kreis nun schließt.

Der gefühlte Unterschied zwischen „Mir geht’s gerade nicht so gut“ und „Ich bin psychisch krank“

Man kann manche Krisen nicht abwenden

Im Januar wurde mir bewusst, dass das nun beginnende Jahr für mich nicht leicht wird, und dass ich mich auf einige seelische Schwankungen und Tiefpunkte gefasst machen muss. Ich habe seitdem versucht, mich für aufkommende Krisen zu wappnen. Ich habe mir bewusst viel Gutes getan und Ablenkung gesucht, um eine Notreserve an guter Laune aufzubauen. Ich habe danach ein paar glückliche Woche gehabt, dann ein paar zwanghaft-nachdenkliche, dann war wieder etwas Ruhe in meinem Kopf eingekehrt.

In den letzten 1 bis 2 Wochen ging es mir dann mal wieder reichlich beschissen. Es fiel mir diesmal schwer, Ursachen und Wirkungen zu erkennen und voneinander zu trennen. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich unglücklich bin, weil ich einen konkreten Grund habe, oder ob sich meine Verfassung nur noch durch Depressivität erklären lässt.

(Depression ist übrigens einer dieser Begriffe, bei denen jeder unsicher ist wie er zu verwenden ist und den dennoch jeder irgendwie benutzt. Wobei jeder etwas leicht unterschiedliches meint. Ich meine damit weder die Schwere noch die Dauer einer Verstimmung, sondern die Ursächlichkeit.)

Überlastung bei geringer Last

Ein Zusammenhang zwischen meinen Verpflichtungen und meiner schlechten Laune war festzustellen, wenn auch unklar. Es fühlte sich in etwa wie ein Burn-Out an. Bei rationaler und objektiver Betrachtung meiner Arbeitsbelastung war aber schnell klar, dass ich ganz klar unterhalb von dem liege, was ein Mensch normalerweise locker ertragen kann. Meine Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es normalerweise mindestens doppelt so viel Stress braucht, um mich durch Überlastung zum Zusammenbruch zu treiben.

So oder so war klar, dass ich vielen meiner (meist freiwillig auferlegten) Verpflichtungen derzeit nicht mehr nach kommen kann. Ich habe mich aus der Arbeit für die Fachgruppe Informatik und für die Studierendengruppe der Gesellschaft für Informatik erst mal heraus gezogen. Ich habe die Zeit, die ich in der Firma arbeite, zeitweise noch mehr gesenkt.

Letztlich musste sogar eines meiner Hobbys zeitweise dran glauben: Ich spielte bisher einmal je Woche zu einem festen Termin das Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ und allein schon durch diese Regelmäßigkeit hat sich das für mich mehr und mehr auch wie eine Verpflichtung angefühlt. Also so leid es mir tut: Weg damit!

All diese Schritte sind mir nicht leicht gefallen. Denn ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, was all diese Aufgaben bisher so angenehm gemacht hat. Mir machen die Tätigkeiten an sich Spaß, und wo sie ein Ziel haben, ist mir die Erreichung genau dieser Ziele extrem wichtig. Manche Menschen (und ein paar Elfen und Zwerge) haben sich ein Stück weit darauf verlassen, dass ich gewisse Aufgaben erfülle und ich musste meine Zusage dazu zurück ziehen. Das tut ein Stück weit weh. Und jede akute Maßnahme, die ich zur Verbesserung meiner Laune getroffen habe, drohte auch gleichzeitig, meine Laune zu verschlechtern. Das machte es mir teils sehr schwer, diese Schritte zu gehen.

Psychisch krank?

Ich musste zu meinen Schwächen stehen. Außerdem musste ich aber nach außen hin zugeben – und es mir dazu zuallererst selbst eingestehen: Ich bin psychisch krank. Wow. Wenn man diesen Satz so konkret geschrieben sieht, hat er etwas extrem schwergewichtiges. „Ich bin psychisch krank.“, wie das schon klingt…

Zum einen haben wir in unserer Gesellschaft eine unglaubliche Stigmatisierung von Menschen mir schweren psychischen Problemen. Ich glaube, die Gesellschaft sieht einen Menschen mit psychischen Krankheiten nicht als einen Menschen, der zeitweise ein gesundheitliches Problem hat, sondern nur noch als wandelnde Verkörperung einer Störung. Die Krankheit wird in der Außensicht zum bestimmenden Merkmal der Person. Es mag gewisse Krankheiten geben, die so schwer wiegen, dass die eigentliche Persönlichkeit ein Stück weit zurück tritt, aber auch diese Menschen haben Würde und Achtung verdient. Und ich fürchte, die Gesellschaft differenziert da nicht viel, denn „verrückt ist verrückt“. Das Buch „Irre! Wir behandeln die falschen“ von Manfred Lütz ist eine gute, massentauglich-unterhaltsame Einführung in ein differenzierteres Denken über psychisch (schwer-)kranke Menschen.

Kleine Wehwehchen

Aber damit habe ich eh nur einen kleinen Exkurs zu schweren psychischen Leiden gemacht, der mit mir und meiner Lage wenig zu tun hat. Wenn ich selbst sage: „Ich bin psychisch krank.“ meine ich das in einem Ausmaß, wie ein Mensch mit einer durchschnittlichen Erkältung von sich sagt „Ich bin krank.“ Bei dem Satz denkt man ja auch nicht sofort an unheilbare Gebrechen und tödliche Seuchen.

Aber laufende Nase, Hustenreiz, Gelenkschmerzen und leichtes Fieber kann einen für ein paar Tage oder sogar Wochen völlig aus der Bahn werfen. Ich finde übrigens, jedem Mensch mit Schnupfen steht das volle Recht zu, zu quengeln und sich bemitleiden zu lassen.

Wenn ich also eine Über-Dramatisierung meines aktuellen Zustandes vermeiden möchte, sollte ich vielleicht eher sagen „Ich hab nen ziemlich bösen Schnupfen. Also, seelisch, meine ich, nicht körperlich.“ Das trifft es eigenlich ganz gut. Wie auch beim Schnupfen tun verschiedene Sachen gut: Im Bett liegen, lange schlafen, sich nicht allzu sehr anstrengen, aber ab und zu auch mal frische Luft und Bewegung. Und wie bei einem Schnupfen kann es passieren, dass ich mich zu früh wieder fit fühle und ins Büro fahre.

Und dann da mit ’nem Taschentuch vor dem Monitor sitze, mir verschiedene Sekrete aus Nase und Auge wegwischen muss und daher meinen Programmcode nicht mehr lesen kann. Also fahre ich nach Hause und kuriere mich noch etwas im Bett aus. So läuft das eben.

Ich glaube Psychische Verstimmungen werden allgemein entweder unterbewertet („Soll sich mal nicht so haben, ist doch kerngesund und kann arbeiten!“) oder überbewertet („Oh mein Gott! Psychisch krank! Ob er/sie wohl je wieder aus der Klapse heraus darf?“). Ein bisschen Mittelmaß tut manchmal ganz gut, auch in der Bewertung von Problemen.

Ich möchte damit übrigens weder Depressionen noch Erkältungen in absoluter Weise verharmlosen: Beides kann unter bestimmten Umständen tödlich enden. Muss aber eben nicht.

Antrainierte Abwehreflexe

Jetzt, wo ich mir das alles klar gemacht habe, ist es ein leichtes, zu sagen „Ich bin psychisch krank“. Es sagt nicht mehr oder weniger über mich als Person aus als „Ich hab Schnupfen“. So einfach ist das. Aber vor einer Woche, wo es für mich akut war, mir meines Zustandes bewusst zu werden, war ich noch nicht an der Stelle. Da fiel mir das noch schwer, was auch absolut kein Wunder ist.

Denn meine eigene Abwehr gegen die Formulierung „psychisch krank“ wird dadurch genährt, dass man als transsexueller Mensch ständig mit der (Zwangs-)Einordnung als „psychisch krank“ konfrontiert wird. Vor einigen Jahrzehnten waren sich praktisch alle einig, dass Transsexuelle psychisch krank sind – also durchaus auch in den „Bedeutungen“: verrückt, bescheuert, pervers. Heutzutage ist die Gesellschaft – zumindest die westlich-aufgeklärte – viel weiter. Die Medizin hingegen verstrickt sich auch jetzt noch in Widersprüche: Transsexualität ist als psychische Krankheit einkategoriesiert, die Diagnose und Indikation von Behandlungen obliegt demnach ganz klar Psychiatern, und obwohl man weiß dass eine psychiartische Heilung praktisch unmöglich ist, ist es in Deutschland nach wie vor vorgeschrieben, eine solche zu versuchen bevor eines somatische (auf den Körper gerichtete) Behandlung erfolgen kann.

Gleichzeitig wird jede „richtige“ psychische Erkrankung genutzt, um einer Person ihre Transsexualität – oder zumindest das Recht auf deren Behandlung – abzustreiten. „Wer depressiv ist, kann nicht transsexuell sein – oder kann zumindest keine Aussage darüber treffen, ob er transsexuell ist.“ Das klingt für mich ähnlich sinnvoll wie „Wer Schnupfen hat, kann kein gebrochenes Bein haben, oder kann zumindest nicht wissen, ob er ein gebrochenes Bein hat.“ Und deshalb bekommen verschnupfte Leute am besten auch keine Verbände, Krücken oder Beinschienen.

Ursachenforschung

Und auch wenn ein Schnupfen nichts schlimmes ist, so sollte er einem doch zu denken geben: Hab ich zu dünne Socken angehabt? War zu lange draußen im Kalten? Hab den nassen Pulli nach dem Regen zu spät ausgezogen? Oder esse ich einfach zu wenig frisches Obst?

Meine seelische Verstimmung war kurz und relativ unspektakulär. Wie nach einer Erkältung fühle ich mich nun nach 1-2 Wochen wieder fast fit, nur noch leicht geschwächt. Dass ich es überhaupt als psychisches Problem einstufe liegt daran, dass ich es keiner konkreten Ursache genau zuordnen konnte. Aber das heißt für mich nicht, dass ich die Augen komplett vor möglichen Ursachen oder Begünstigern verschließen möchte. Ich möchte etwas dafür tun, dass sich solche Probleme in Zukunft nicht häufen. Und dazu heißt es: Ursachen suchen und beseitigen.

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen „genau so“. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu „verbieten“ würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien „Transsexuell“ (TS) und „Intersexuell“ (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien „Mann“ und „Frau“ darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen „TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden“, „TS und IS haben nichts miteinander zu tun“ oder „IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS“. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und „ca. 2000“ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher „Abweichungen“. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt „das Geschlecht“ braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach „durchs Raster“ gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur „männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“ sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe „männliche Zuordnung“ mit „männlicher Identität“ gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem „anderen“ Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine „andere“ Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit „?“ gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände („männlich“, „weiblich“ oder „uneindeutig“) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage „Wann?“ erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt „zur Frau umoperiert“ wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als „intersexuelle Frau“ zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja „ihr Bestes“ getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als „Frau“ bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als „Lesbe“ und/oder „Mannsweib“ bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als „intersexuellen Mann“ bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern „eine Frau die zum Mann werden will“, oder diplomatischer ausgedrückt ein „Trans-Mann“. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für „Mann-zu-Mann-Transsexuelle“ würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem „Cis-Mann“ sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau „umoperiert“ wurde, und somit eine „Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch“ ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als „Transident“ oder „Transgender“ bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem „Mann mit Scheide“ sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie „andere“ und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als „Mann“ bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar „im Raster“ läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten „Cis-Mann“ oder „Cis-Frau“.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue „Ausnahmeregelungen“ zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der „Fachleute“, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in „männlich, weiblich, andere“ einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung „Gesichtsgeschlecht“ hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, „Identitätsgeschlecht“ oder „Psychisches Geschlecht“ wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über „Geschlechtliche Abweichungen“ spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?

Von der Schwierigkeit, über Geschlechtskonzepte zu schreiben

Ich möchte eigentlich schon lange ein paar Artikel veröffentlichen, die sich kritisch mit „Geschlecht“ auseinander setzen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entschwindet mir die Sprache. Das hat mich in ein unfreiwilliges Schweigen zu dem Thema versetzt, das ich nun brechen möchte.

Die Bedeutung des Begriffs „Geschlecht“ habe ich im vergangenen Jahr gründlich hinterfragt. Noch heute ist es die vorherrschende Meinung, dass ein Mensch Mann oder Frau ist, und dass diese beiden Geschlechtspole in sich klar definiert seien. Das glaubt die Mehrheit der Deutschen, das vermittelt die Gesellschaft auf allen Kanälen und wird auch den jüngsten Generationen durch Erziehung und Schulbildung vorgegeben.

Geschlechtsmodelle – an Vielfalt mangelt es nicht

Kritik an klassischen Geschlechtskonzepten ist nichts neues. So kommen mindestens seit den 1950er Jahren verschiedene Strömungen auf, die eine bipolare Geschlechterordnung und/oder die Reduktion des Geschlechtes auf eine einzelne Dimension in Frage stellen oder komplett ablehnen. Diese Ablehnung eint die verschiedenen Richtungen untereinander und somit auch mich. Aus Sicht der meisten Menschen handelt es sich also um eine einheitliche Menge von Andersdenkenden.

Seit ich mich kritisch mit Geschlecht auseinandersetze – zugegebener Maßen also erst seit einem Jahr – werden mir aber nicht nur die Gegensätze zwischen dem landläufigen Geschlechtsbegriff und jenen neuen Denkweisen klar, sondern vor allem auch die Widersprüche zwischen verschiedenen neuen Ansätzen. Die Mitbegründer und Helden der einen Teilgruppe sind da oft die größten Feinde der anderen.

Sich mit der Thematik auseinander zu setzen ist ein anstrengender Prozess. Zunächst muss man einiges hinter sich lassen, was ein Leben lang als universelle Wahrheit galt. Anstelle dessen treten aber keine neuen Wahrheiten, sondern eine Vielzahl von Theorien von denen jede einzelne vergleichsweise komplex ist und dennoch keine sofort den alten Platz einer unumstößlichen Richtigkeit einnehmen kann. Ich habe bisher in jeder dieser gedanklichen Schulen interessante Ansätze gefunden, aber keine einzige, deren Lehren ich uneingeschränkt vertreten wollen würde. Ich sehe viele Ansätze auch nur als mögliches Modell der Wirklichkeit, und ein realistisches Modell der Wirklichkeit als eine vielschichtige Mischung jener einfachen Modelle, die jeweils zu kurz greifen.

Sagen, was sich nicht sagen lässt

Gerne würde ich also nun auf den Punkt bringen, was denn nun meine Meinung und Schlussfolgerung ist. Doch das ist nicht so leicht. Denn in der Sprache liegt eine besondere Schwierigkeit: neue Geschlechtsbilder brauchen neue Worte und Begrifflichkeiten. Um diese so zu definieren und zu erklären dass auch „Neulinge“ sie verstehen, muss man sie aber „mit alten Worten“ beschreiben und verorten. So kann man z.B. versuchen, Intersexualität zu beschreiben indem man Wörter wie „männliche“ und „weiblich“ benutzt. Ein Mensch mit einem klassischen Geschlechtsbild wird das zumindest gut verstehen. Spricht man aber mit anderen, die für sich schon zum Schluss gekommen sind, dass es Konzepte wie „männlich“ und „weiblich“ gar nicht gibt, kann man diese auch nicht mehr zur Beschreibung des eigenen Begriffsraums benutzen ohne Kritik zu ernten. Bei einer gemischten Leserschaft muss ich mich sprachlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Und klassische, binäre Geschlechterrollen mögen von manchen abgelehnt werden – aber immerhin kennt und versteht sie vermutlich jeder.

Neben dem Risiko, gar nicht verstanden zu werden, besteht auch noch das Problem, falsch verstanden zu werden. Oder aber, allein durch die Benutzung eines Begriffs beschuldigt zu werden, eine bestimmte Ideologie voranzutreiben, selbst wenn man die Begriffe eigentlich nur in den Mund nimmt um sich später von ihnen zu distanzieren oder in einer Weise zu definieren, die anders ist als die Definitionsweise die einem sofort unterstellt wird. Es gibt insbesondere unter Transsexuellen viele, die meinen, die Aussprache oder das Aufschreiben bestimmter einzelner Worte wäre unabhängig vom Kontext eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung – außer vielleicht im Satz „Das Wort Xyz ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung“.

Die Sache mit dem „Gendern“

Es existieren vielfältige Möglichkeiten, Sprache „geschlechtergerecht“ zu machen. Ich finde es begrüßenswert, wenn Menschen sie die Mühe machen, bewusst mit ihren Worten umzugehen und gegen alte Konventionen angehen indem sie selbst Hand an die Sprache anlegen. Ein Text, der mit Sternen und/oder Unterstrichen durchtränkt ist, spricht zwar nicht meinen Sinn für typographische Schönheit an, aber ich gehe zumindest gleich mit der guten Erwartung ans Lesen, dass der Schreibende ein Mensch mit Problembewusstsein für Geschlechterthemen ist.

Ich selbst habe vor kurzem hier und da begonnen, einzelne Gender-Maßnahmen in meine Schriftsprache einzubauen. Und komme nun zum zwischenzeitlichen Ergebnis, dass ich damit erst mal wieder aufhöre oder es zumindest stark einschränke. Ich denke, jeder Mensch kann und soll dort für Gerechtigkeit helfen und kämpfen, wo er es am besten kann. Ich habe gemerkt, dass das Schreiben von gegenderter Sprache mich bremst und ablenkt, und somit von Tätigkeiten abhält, die letztlich dem gleichen guten Ziel dienen sollen.

Wo es sich anbietet und mir leicht fällt, achte ich weiterhin darauf. Aber ansonsten hoffe ich, meinen Texten auf anderem (also inhaltlichem) Wege den Geist der Geschlechtergerechtigkeit einzuhauchen.

Entschuldigung und Rechtfertigung

Warum schreibe ich diesen Artikel? Weil ich mich von all diesen Beschränkungen frei machen muss, bevor ich beginne, zum eigentlichen Thema zu schreiben. Ich weiß, dass meine künftigen Posts Kritik aufgrund bestimmter Formulierungen ernten werden. Und ich möchte hiermit kundtun, dass mir das  zu einem bestimmten Grad Leid tut. Gerne würde ich eine Sprache verwenden, die jedem gefällt und die dennoch jeder versteht. Ich bedaure sehr, wenn das nicht gelingt.

Aber andererseits finde ich es viel schlimmer, zu schweigen, nur weil man etwas falsches sagen könnte. Damit überlässt man das Reden anderen, die sich vermutlich noch weniger Gedanken gemacht haben. Ich habe eine Meinung, die ich inhaltlich wohl überdacht habe und die ich nun äußern möchte. Ich werde nicht länger warten, sie zu formulieren. Denn ob ich jemals den Punkt erreicht, wo ich das tun kann ohne mit sprachlichen Problemen in Konflikt zu geraden, weiß ich nicht. Wenn jemandem meine Formulierungen nicht gefallen, dann bin ich jetzt bereit, das als unvermeidbare Nebenwirkung zu akzeptieren. Gerne lasse ich mir Vorschläge machen, wie ich den gleichen Inhalt besser formulieren kann. Aber den Mund lasse ich mir nicht verbieten.