Eine genaue Analyse von PeTA’s frauenfeindlicher Fail-Werbung

Ich habe gestern über die Mädchenmannschaft einen deutschen Betrag und auf Feministing einen englsichen zur BWVAKTBOOM-Kampagne der Tierrechts-Organisation PeTA gefunden. Hier erst mal der englisch-sprachige Spot:

Wer Probleme mit dem Verstehen von gesprochenen Englisch hat, findet hier die Transkription von feministing:

This is Jessica and she suffers from BWVAKTBOOM: Boyfriend Went Vegan And Knocked The Bottom Out Of Me. A painful condition when Boyfriends go Vegan and suddenly can bring it like a tantric pornstar. For Jessica it’s to late.

Boyfriend: You’re back. You feeling better?

Zunächst muss ich wohl sagen, dass der Spot technisch gut gemacht ist, eine innovative und interessante Idee umsetzt, also dass hier sicherlich Profis am Werk waren, die sich etwas dabei gedacht haben. Die Geschichte wirkt auf mehreren Ebenen, hält trotz ihrer Kürze mehrere WTF- und Aha-Momente bereit, und präsentiert ihre Kernaussage nicht plump auf dem Servier-Teller sondern mehrfach verkapselt, so dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

Soweit so gut. Aber wo ein kurzer Werbespot mehrere Denkschritte braucht, um seine Botschaft zu entschlüsseln, da können je nach Betrachter verschiedene Ergebnisse herauskommen. Wer das als werbetreibender provoziert, ist auch für sämtliche so entstehenden Botschaften verantwortlich. Insbesondere dann, wenn bewusst ein so großes Risiko eingegangen wird, dass die Werbung missverstanden wird, dass der Fehler des Missverständnisses nicht mehr beim Betrachter zu suchen ist sondern beim Werbenden.

Was genau wird im Spot gezeigt?

Ich möchte daher den Spot mal von Anfang bis Ende durchanalysieren und für die einzelnen Bestandteile aufführen, wie sie jeweils auf mich wirken und ggf. wie sie auf andere wirken könnten. Wer das Video selbst schon mehrfach gesehen hat und sich sicher ist, dass er jedes Detail wahrgenommen hat, kann diesen Langen Abschnitt ggf. auch überspringen, oder nur die fett hervorgehobenen Abschnitte lesen!

Es beginnt mit dem Portrait einer jungen Frau, deren Blick leidvoll ist. Sie geht durch eine menschenleere Straße und trägt eine medizinische Stütze am Hals (gibt sicher auch einen Fachbegriff dafür). Obwohl man nur ihren Oberkörper sieht, merkt man, dass ihr das Gehen schwer fällt. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Schwanken und dem Gesichtsausdruck legt nahe, dass ihr die Gangbewegung starke Schmerzen bereitet. Sie hält sich ihre dicke Jacke zu, eventuell friert sie auch.

Das ganze ist von ruhiger, eher trauriger Musik unterlegt. Der Erzähler bzw. Sprecher gibt ihr als erstes einen Namen – Jessica – und schafft somit eine Grundlage dafür, sie als konkrete Person zu sehen, mit der man sich ggf. identifizieren kann. Als nächstes erläutert er, sie leide unter BWVAKTBBOM leidet. Während eben dieses Leiden weiter bildlich dargestellt wird, ist dem Zuschauer kurzzeitig unklar, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt. Aus dem Kontext kann man sich erschließen, dass es sich hier im eine Krankheit, ein Syndrom oder ähnliches handeln muss. Die Behauptung, dass es dafür eine Bezeichnung gibt, legt außerdem nahe dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt dass mehrere Menschen betrifft.

An dieser Stelle – wir befinden uns in der siebten Sekunde des Spots – kann eigentlich kaum noch Zweifel daran bestehen, dass es sich hier um ein bemitleidenswertes Wesen handelt und dass es sich um eine typische Betroffenheits-Kampagne handelt.

Es folgt ein Umschnitt, man sieht Jessica vor einer heruntergekommenen Mülltonne und einer nicht weniger verschandelten Mauer, sie trägt irgendeine Tüte in der Hand. Aus dieser Perspektive sieht man erstmals, dass sie zwar obenrum eine dicke Jacke trägt, aber an den Beinen nicht viel Kleidung. Man könnte hinter ihrer Tüte z.B. einen Minirock vermuten.

Währenddessen ergänzt der Spreche, dass ihr leidbringendes Kürzel für „Boyfriend went vegan an knocked the bottom out of me“ steht. Zu deutsch wäre das, würde man es wörtlich übersetzen, also etwa „Mein Freund wurde vegan und hat mir den Boden raus geschlagen.“ Es handelt sich im Englischen um eine relativ feststehende Formulierung für heterosexuellen vaginalen Geschlechtsverkehr. Es war mir in der kürze nicht möglich, von hier aus herauszufinden wie verbreitet der Begriff ist und welche Konnotation er für englischsprachige Menschen hat. Laut dem Collins Englisch Dictionaly bedeutet „knock the bottom out of“ zwar „to destroy or eliminate„, aber Einträge im Urban Dictionary deuten darauf hin, dass dieser (ursprünglich eben gewaltsam besetzte) Begriff ganz generell für Sex verwendet wird, ohne dessen gewaltsame Komponente speziell betonen zu wollen. Wenn es solch eine Bedeutungsverschiebung tatsächlich gegeben hat, dann sagt allein das schon einiges über die Gesellschaft aus…Zudem wird auch ein Zusammenhang zu „to beat it up“ hergestellt, dessen beiden Hauptbedeutungen laut ebendiesem Urban Dictionary sind: „1) To injure physically in a fist fight.
2) To have sex with (a woman)„.  Da soll noch irgendwer sagen, die Verbindung zwischen Sex und Gewalt würde fern liegen.

Der Sprecher lässt zunächst keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Problematik, bezeichnet er doch die Angelegenheit als „painfull condition“, also als scherzhaften Zustand. Währenddessen sehen wir, wie sich die Betroffene mühsam eine Treffe herauf quält. Nach einem Umschnitt fallen drei Dinge auf, in absteigender Reihenfolge der Offensichtlichkeit:

  • Jessica trägt untenrum nur eine ausgeleierte rosa-farbene Unterhose
  • In ihrer transparenten Einkaufstüte befindet sich roter Paprika, etwas Grünes und außerhalb der Tüte noch irgendein blätteriges Gemüse
  • Die Sonne kommt nun von Vorne und hat damit ihre Position seit dem Umschnitt um ziemlich genau 90° verändert. In Wirklichkeit würde das 6 Stunden dauern.

Der Erzähler fährt fort, indem er erklärt, dass der nun vegane Freund es plötzlich wie ein tantrischer Porno-Star bringt. Moment, was ist das? Der Porno-Star bedarf wohl keiner Erklärung. Tantra ist eine alte religiöse und philosophische Strömung aus Indien, die zahlreiche spirituelle Rituale enthält. Sexuelle Praktiken sind nur ein winziger Bestandteil darin, werden aber durch unsere westliche „Kultur“ (wie auch schon beim kāmasūtra) auf den sexuellen Aspekt reduziert. Wenn hier schon vom tantrischen Porno-Star die Rede ist, wird wohl genau dieser Sexuelle Aspekt gemeint sein. Auch dieser ist natürlich vielschichtig, enthält z.B. rituelle Übertragungen von Körperflüssigkeiten der Sexualpartner aber auch des Gurus, die sexuelle Balance zwischen Mann und Frau aber auch der verschiedengeschlechtlichen Anteile in jedem einzelnen Menschen, die sprituelle Vereinigung, das Zurückstellen des eigenen Egos, etc. Was sich davon in unserer Mainstreamkultur festgesetzt hat sind aber eher der (stunden-)lange Geschlechtsverkehr und ggf. sehr langsame Bewegungen oder sogar statische Positionen, in denen die Partner ineinander verweilen. Von Schmerzen, Rücksichtslosigkeit und körperlichen Schäden kann ich aber weder im klassichen Tantra noch in der westlich-reduzierten Sicht etwas finden. Ich habe aber auch noch keine Pornos angeschaut, die als tantrisch beworben wurden. Sollte ich vielleicht mal nachholen.

Damit der Zuschauer sich all diese Gedanken nicht machen muss wird nun ein Sekundenbruchteil des Geschlechtsverkehrs in den Spot geschnitten. Jessica, hier ohne ihre dicke Jacke und medizinisches Equipment, liegt auf dem Bauch oder kniet im Bett, wird von hinten genommen und stützt sich mit ihren Händen gegen die dunkelrote Wand, vermutlich um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ekstatisch und glücklich, während sie ihren Kopf in Richtung des Partners dreht.

Als nächstes sehen wir Jessica wieder in voller Montur – Halsstüze, Winterjacke, Unterhose und Einkaufstüte – in einer bunt und geschmackvoll gestalteten Wohnung. Die Rote Wand aus der Sex-Szene würde hier gut hinein passen. Auch wäre nicht auszuschließen dass die Bewohner dieser Wohnung sich mit indischen Traditionen auskennen. Ihr nachdenkliches durch-die-Wohnung-Schleichen legt zusammen mit der Schnittfolge außerdem die Vermutung nahe, dass sie beim Betreten der Wohnung an eben jenen Geschlechtsverkehr denken musste.

Der Sprecher fährt fort: „Für Jessica ist es zu spät.“ Sie zieht sich die Jacke aus, blickt dabei müde und enttäuscht. Darunter kommt außer ihrem medizinischen Accessoir nur ein gemusterter BH zum Vorschein.

Umschnitt. Jemand schmiert weiße Pampe – Quark, Kuchenteig, oder vielleicht Gips? – auf ein Loch in der rot gestrichenen Wand. Das Loch hat etwa 25cm Durchmesser. Hier muss irgendwas massiven Schaden angerichtet haben.

Nun betritt Jessica, in Unterwäsche und mit dem Einkauf, das Schlafzimmer. Ein Mann, ebenfalls in Unterwäsche, hört auf die Wand zu verputzen, wendet sich ihr zu und meint „Hey, du bist zurück. Geht es dir besser?“ Sie wirft ihm trotzig den Einkauf zu.

Erneuter Umschnitt, man sieht ihr Gesicht. Aus einem anfangs kritischen Ausdruck wird ein Lächeln, das vielleicht auch etwas freches und herausforderndes in sich trägt. Gleichzeitig wird das Bild in Richtung Schwarz ausgeblendet.

Abschließend bittet der Sprecher den Zuschauer, sich auf der angegebenen Internetseite darüber zu informieren, wie man vegan wird – und zwar auf sicherem Weg. Der Spot ist zu Ende.

Die sachliche Aussage zusammengefasst

Fasse ich doch erst nochmal zusammen: Der Spot zeigt eine Frau, die beim Geschlechtsverkehr körperlich verletzt wurde, weil sie mit dem Kopf gegen die Wand gevögelt wurde. Sehr fest, sehr oft, oder beides. Sie hat sich eine Verletzung der Halswirbelsäule und vermutlich auch des Gehapparates (Bein, Fuß, Hüfte) zugezogen. Sie leidet unter Schmerzen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Dennoch ist sie, mangelhaft bekleidet, unterwegs um Gemüse für ihren Freund zu kaufen. Vordergründig baut der Spot, insbesondere durch den Sprecher, Mitleid und Betroffenheit auf. Die Schuld wird dem Freund gegeben, der beim Sex zu hart ran gegangen ist, auch wenn die Schuld gleich auf seine Ernährung weiter verlagert wird. Der Freund macht sich auch Sorgen um ihr Befinden. Sie scheint ihm aufgrund der Vorfälle noch etwas böse zu sein, andererseits kann man in ihr Lächeln vielleicht hinein interpretieren, dass sie ihm gegenüber dennoch freundlich gesinnt ist. Man könnte sogar so weit gehen, dass sie damit erneute Lust an Sex ausdrückt.

Frage nach der Botschaft

Nun stellen sich Fragen. Wo ist hier eine ernst gemeinte Botschaft, wo wird mit Ironie gespielt? Wo sind stellen, die sowohl bei ernster als auch ironischer Betrachtung grenzwertig sind?

Diverse Menschen haben sich nun darüber beschwert, dass der Spot sexuelle Gewalt positiv darstellen würde. Zum einen werden die Konsequenzen ja negativ dargestellt und nirgendwo ausdrücklich schön geredet. Zum anderen kann man durchaus sagen, dass es sich hier um einen unbeabsichtigten Unfall beim Sex handelt, der ohne böse Absicht geschehen ist und somit keine Gewalt darstellt. Beide Argumente wurden schon mehrfach angebracht.

Dennoch bin auch ich einer dieser Menschen, die hier Gewaltverherrlichung sehen und anprangern. Die Kampagne muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass PeTA natürlich dafür ist, dass Menschen sich vegan ernähren sollten. Die Behauptung, dass Männer durch vegane Ernährung kräftiger, sexuell potenter, oder sonst wie aktiver werden, war mir neu. Aber wie ich aus den Kommentaren anderer lesen konnte, ist diese Idee wohl schon recht weit verbreitet.

Wenn man von Ironie ausgeht – wird die Aussage nicht besser

Eine Argumentationslinie sagt nun, dass der Spot eigentlich folgende Aussage machen wolle: „Wer vegan isst, hat heftigeren Sex, und heftiger Sex ist gut. Daher sollte man sich vegan ernähren. Heftiger Sex kann zu Verletzungen führen, und eben dass stellen wir nun ganz übertrieben dar, heucheln eine übermäßige Betroffenheit vor und ziehen die Sache somit ins Lächerliche. Denn eigentlich ist ja allen klar, dass die Frau sich freuen sollte dass ihr Freund jetzt abgeht wie eine Rakete.“

Ob man das nun darein interpretieren kann, möchte oder soll, ist schwer zu sagen. Ich kann keinen logischen „Beweis“ dafür erbringen, dass PeTA genau das sagen wollte, oder dass sie es wissentlich provozieren dass man es so interpretieren könnte. Aber mein Gefühl gibt mir da trotzdem 100%ige Sicherheit. Genau so sicher bin ich jedenfalls, dass sie „nette“ Kernaussage („Bitte Jungs, seid vorsichtig wie ihr mit euren Freundinnen umgeht!“) auf gar keinen Fall ernst gemeint ist. Und eine dritte Interpretationsweise erschließt sich mir auch nach längerer Beschäftigung nicht.

Etwas zwischen Ironie und Ernst?

Das Hauptgestaltungselement ist hier eine auf Maximum überspitzte Darstellung des Leidens. Solche Extreme können nur in zwei Richtungen wirken: Entweder man meint es todernst und will auf ein massives reales Problem ansprechen. Oder man meint das Gegenteil, möchte das Problem komplett ins Lächerliche ziehen und aufzeigen dass es kein Problem ist. Sondern nur ein Witz. Man kann diese Extreme Darstellung einfach nicht für eine ausgewogene Botschaft nutzen. „Es gibt da wirklich gewisse Vorfälle von sehr intensivem Sex durch Veganismus, das in den meisten Fällen gut so und macht beiden einfach nur Spaß, aber in manchen Fällen führt es zu Schäden die man dann sehr ernst nehmen muss“ ist keine Interpretationsmöglichkeit für einen derart überzogenen Spot.

Und wenn es doch ernst gemeint ist?

Wenn ich mal ganz kurz versuche mir vorzustellen, dass PeTA hier wirkliche, echte Betroffenheit für ein reales Problem erzeugen wollen würde: Würden sie dann der gewaltverherrlichenden Begriff „to knock the Bottom out of someone“ benutzen? Zumal in einem Zusammenhang, in dem sowohl die sexuelle als auch die zerstörerische Bedeutung offen sichtbar sind? Würde man das Oper eines Sexunfalls oder gar sexueller Gewalt beim Einkaufen in Unterwäsche zeigen, wenn man hier über ein ernstes Problem berichten wollen würde? Würde man es unkritisch zeigen, wie die Geschädigte die (angebliche) Ursache des Vorfalls berkräftigt indem sie mehr Gemüse kauft? Würde man es ernsthaft riskieren, es so wirken zu lassen als würde sich das Opfer freiwillig einem erneuten Vorfall hingeben? Nein, nein und noch ein paar Mal nein.

Warum die Erklärung mittels einer Unfall-Theorie schlimmer ist als der Spot selbst

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die Unfall-Theorie eingehen. Immerhin lässt der Spot ja an keiner Stelle erahnen, dass der junge Mann seine Freundin absichtlich verletzt hätte. Egal ob man den Spot todernst oder sehr ironisch interpretiert, es scheint doch absolut offensichtlich, dass es sich hier um einen harmlosen Unfall handelt. Oder?

Gerade in dieser Annahme liegt eine grundlegende Fehleinschätzung. Dass man so geneigt ist, die Situation so zu interpretieren, sagt eigentlich nichts über den Spot oder über PeTA aus, sondern um das generelle Problem unserer Gesellschaft um Umgang mit sexueller Gewalt. Die Dissonanz dazwischen wie Sexualität eigentlich ablaufen sollte und wie massive Abweichungen davon gesellschaftlich schön geredet werden ist einfach nur erschütternd und abstoßend.

Rekonstruktion des Ungezeigten

Rekonstuieren wir doch mal den Ablauf dieses „Unfalls“. Die beiden Partner haben sich einvernehmlich zum Sex eingefunden. Irgendwann im Verlauf des Aktes wechseln sie in eine Position bei der sie auf dem Baum oder den Knien von hinten penetriert wird. Auch das geschieht unter Konsens und bereitet beiden Partnern freude. Für den Verlauf bis hier haben wir einen einsekündigen „Beweis“ im Video. Nach dem Verkehr befindet sich ein großes Loch im Putz der Wand, die Frau hat eine Halsverletzung. Auch das ist „belegt“. Was muss dazwischen abgelaufen sein?

Klar: der Mann hat seinen Körper mit so viel Wucht gegen bzw. in die Frau geschleudert, dass sie trotz Abstüzen an der Wand nicht mehr gegenhalten konnte und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen ist. Dabei hat sie sich verletzt und die Wand wurde beschädigt. Das Ausmaß der Beschädigung der Wand lässt nun aber Rückschlüsse darauf zu, wie stark bzw. wie oft es zu diesem Zusammenstoß gekommen sein muss. Und es ist so groß, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Wucht sehr stark in dem Bereich gelegen haben muss, bei dem ihm bewusst sein musste dass er seiner Freundin akut Schmerzen zufügt, und dass er eine Verletzung ihres Körpers ermöglicht oder sogar erzwingt. Alternativ war es nicht die einmalige Wucht, sondern ein leichteres aber dafür vielfach wiederholtes Stoßen ihres Kopfes gegen die Wand. In dem Fall hat er in gleicher Weise ihren Schmerz und ihre körperliche Schädigung in Kauf genommen. Man weiß nicht, wie sie sich dabei verhalten hat. Sie mag „Jaaaa, mehr, weiter, jaaaaaaaaaa!“ geschrien haben, zumindet bis zum Moment der Verletzung. Sie mag schon vorher „Stopp, nicht so feste, au, hör auf!“ gerufen haben. Vielleicht war sie auch eher still und das dominierende Geräusch war das wiederholte Aufschlagen ihres Kopfes an der Wand. Egal was es ist, der Mann wäre dafür verantwortlich, diesen „Unfall“ zu verhindern. Und wenn er das nicht kann, sollte er die nötige Reue zeigen, dazu weiter unten noch mehr.

Ich vermute also, dass hier eine Situation passiert sein müsste, die zwar allgemein von der Gesellschaft als Unfall bezeichnet werden würde, die aber bei genauerer Betrachtung kein Unfall ist, sondern eals Unfall getarnte Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Ich kann aus den Informationen, die mir vorliegen, nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob dort ein Unfall oder eine innerpartnerschaftliche Vergewaltigung stattgefunden hat (Muss ich eingentlich an der Stelle explizit erwähnen, dass einvernehmlicher Sex, der fortgeführt wird wenn einer der Partner es nicht mehr möchte, eine Vergewaltigung darstellt?). Es ist nicht sicher, aber zumindest sehr wahrscheinlich dass hier mehr als nur ein Unfall vorlag. Wäre dies ein realer Fall, dann würde ich auf Basis dieser Informationen nicht verlangen, dass der Mann für seine Handlung bestraft wird. Aber ich würde hoffen, dass man von den beiden Beteiligten mehr Informationen herausbekommen könnte. Würde natürlich auch hoffen, dass es sich wirklich nur um einen einmaligen Unfall handelte. Aber wenn es anzeichen dafür gäbe, dass der Mann bewusst Verletzungen seiner Partnerin in Kauf nimmt, doer dass er sich und seinen Körper so wenig unter Kontrolle hat, dass er erneute Unfälle nicht verhindern kann, dann würde ich die Frau ermuntern aus dieser schädlichen Beziehung ausbrechen, ggf. Anzeige zu erstatten. Auch würde ich mir Sorgen machen dass künftige Freundinnen dieses Mannes Opfer von Gewalt werden. Und sollte es wirklich die vegane Ernährung sein die ihn zum gefährlichen Sexmonster macht, dann würde ich im etwas tierisches Eiweiß verordnen.

Aber das hier ist kein realer Fall. Es ist ein von PeTA konstuierter Werbespot. Und bei dessen Konstruktion hätte man vorsichtiger vorgehen können – nein, müssen. Es wäre sicher möglich gewesen, klarer darzustellen, dass es sich wirklich ein richtiger Unfall war. Dazu hätten vielleicht Kleinigkeiten gerreicht, z.B. ein weniger extremes Loch an der Wand, eine nicht ganz so starke Verletzung der Frau. Oder ein Mann, der mehr Reue zeigt.

Und überhaupt, was geschah danach?

Denn was ist nach dem Sex passiert? Die Frau war vermutlich bei einem Arzt. Denn so ein Hals-Dings hat sie sicher nicht einfach so daheim rum liegen – außer wenn dieser „Unfall“ regelmäßig passiert, aber das stützt dann wieder eine andere These. Und sie war einkaufen. Wenn es ihr doch solche Schmerzen bereitet, zu Laufen, warum muss sie dann das Gemüse für ihren Freund kaufen? Und er, was hat er nach dem Sex getan? Er hat Putz angerührt um die Wand zu reparieren. Hier wäre es vielleicht sogar glaubwürdig, dass er den Putz bereits daheim vorrätig hatte.

Und die Freundin geht in Unterwäsche einkaufen. Obwohl es kalt draußen ist und obwohl es in unserer Kultur eine zweifelhafte Aussage hat, in Unterwäsche vor die Tür zu treten. Was wollte man uns damit sagen? Dass das gezeigt direkt nach dem Sex passiert ist, und sie keine Zeit hatte, sich vorher anzuziehen? Weil der Freund sie sofort zum Einkaufen schickt, bevor er sich um sie kümmert? Oder hat man einen Weg gesucht, die Frau schon sexualisiert darzustellen während sie doch eigentlich noch auf der Außentreppe still vor sich hin leidet? Oder wollte man einfach ein Element einbauen das dem ernsten Thema jeden Ernst nimmt und damit zeigen wie lächerlich man das eigentlich machen möchte? Egal, an dieser Stelle setzt jede Logik aus. Es ist nicht so, dass mir erst jetzt beim Schreiben auffallen würde wie sinnfrei das alles ist. Aber hätte ich diesen Punkt schon eher erwähnt, wäre vermutlich jede weitere ernsthafte Betrachtung in sich zusammen gebrochen.

Ja, ich kann diesen Spot so interpretieren dass er lustig und humorvoll und gut gemacht ist. Ich müsste lügen wenn ich nicht zugeben würde, dass er sogar mir selbst kurz ein Lächeln über die Lippen gejagt hat.

Aber ich kann ihn nicht so interpretieren, dass sich nicht nicht gleich auch eine ganze Reihe von alternativen Interpretationen aufzwingen, die sexuelle Gewalt verharmlosen oder soger befürworten. Und das macht diesen Spot zu einem No-Go.

Reproduktive Rechte – eine Einführung und viele Fragen

Ich will mich heute mal langsam an ein großes Thema heran machen: Reproduktive Rechte und Familienplanung. Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema „Ehe“ hatte ich sowieso schon angekündigt, und auch der Infoabend „Lesben und Kinderwunsch“ vor einer Woche  hat mir gezeigt wie viel da gesellschaftlich und politisch noch zu tun ist.

Was für  Rechte sind das?

In den USA sorgen anhaltende Debatten zur Abtreibung dafür, dass „reproduktive Rechte“ mitunter gleichbedeutend mit „Recht auf Abtreibung“ verstanden wird. Aber natürlich gibt es eine Vielzahl anderer reproduktiver Rechte:

  • auf freie Wahl der Anzahl der Kinder, inkl. der Wahl keine Kinder zu bekommen
  • auf freie Wahl des Zeitpunktes der Zeugung
  • auf Zugang zu (Empfängnis- und Infektions-)Verhütungsmitteln
  • auf freiwillige Abtreibung
  • auf freiwillige Maßnahmen zur assistierten bzw. künstlichen Befruchtung bzw. auf Erhalt von Samenspenden
  • auf medizinische Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt
  • auf Sexualität unabhängig von einer Zeugungsabsicht
  • auf sexuelle Aufklärung
  • auf Unversehrtheit der Zeugungsorgane
  • auf freiwillige zeitweise oder dauerhafte Sterisilisierung und medizinische Maßnahmen, die selbiges prinzipiell beinhalten (nachgetragen am 22.01.2013)
  • auf Entnahme und Konservierung von Keimzellen (Eizellen, Spermien, befruchteten Eizellen) und Geweben (Hoden, Eierstöcken), sowie den späteren Zugriff auf selbige (nachgetragen am 22.01.2013)

Dabei steht der Zusatz „freiwillig“ jeweils dafür dass zwar die Möglichkeit dieser Maßnahmen bestehen soll, aber niemals der Zwang diese über sich ergehen zu lassen.

Und natürlich gibt es fließende Übergänge zu allgemeinen Menschenrechten, Gesundheitsrechten, sozialen und wirtschaftlichen Rechten, sexuellen Rechten, Identitätsrechten, etc. Diese habe ich aber hier ausgelassen damit die Liste nicht länger als breit wird.

Es geht nicht nur um die Menge der Rechte, sondern…

Verschiedene internationale Organisationen haben diverse Definitionen ausgearbeitet die mal mehr und mal weniger der oben erwähnten Rechte umfassen. Der Artikel „Reproductive rights“ in der englischen Wikipedia gibt eine gute Übersicht darüber.

Aber nicht nur die Zusammenstellung der Rechte ist unterschiedlich, sondern vor allem auch, wem diese Rechte zugesprochen werden. Mal stehen sie allen (Ehe-)paaren zu, mal allen Menschen, und manchmal allen Frauen. Manchmal wird dieses „allen“ sogar noch dadurch konkretisiert, dass keine Diskriminierung stattfinden soll, indem manchen diese Rechte dennoch vorenthalten werden. Formulierungen wie „allen Frauen“ führen natürlich direkt zur Frage wie hier das Frau-sein definiert ist, und wenn ein Recht allen Frauen und allen Männern zusteht, was ist dann mit jenen Menschen die weder Frau noch Mann sind? Steht das, was allen Paaren zusteht, auch solchen „Paaren“ zu, die nur lose zusammen leben? Die aus mehr als zwei Menschen bestehen? Auch gleichgeschlechtlichen Paaren? Auch zwei Menschen, die mal ein Paar waren? Und auch gesellschaftlich geächteten Paaren wie z.B. einem Paar aus Bruder und Schwester?

Egal wie man es nun definiert, es handelt sich dabei nicht direkt um geltendes Recht sondern allenfalls um Richtlinien, welchen den Staaten nahe gelegt werden und zu deren Umsetzung sich manche Staaten verpflichtet haben. Wie viel von diesem Recht dann auch wirklich Recht im rechtlichen Sinn ist, weicht natürlich von Staat zu Staat stark ab.

Was ist schon ein Recht, wenn man kein Recht darauf hat? Fragen über Fragen…

Und letztlich ist auch relativ unklar, was es nun heißt, ein Recht zu haben, oder welche hindernden Umstände hingenommen werden müssen oder als unerlaubte Verletzung dieser Rechte gelten. Hier einige beispielhafte Fragen:

  • Wenn jemand Recht auf eine Maßnahme hat, steht sie ihm dann kostenfrei zu? Oder müssen die Kosten zumindest von der Krankenversicherung getragen werden? Oder ist ein Eigenanteil gerechtfertigt? Darf oder muss dieser einkommensabhängig sein?
  • Gibt es für solche Maßnahmen ein Gebot der vernünftigen Preise oder dürfen die Anbieter beliebige Phantasie-Preise verlangen? Dürfen diese Preise auch noch extrem variieren, je nachdem wer diese Leistung wahrnehmen will?
  • Dürfen die Anbieter dieser Leistungen selbst entscheiden, welchen Personen sie diese vorenthalten? Dürfen sich die Anbieter dieser Maßnahmen untereinander so absprechen, dass gewissen Menschengruppen von allen Anbietern einheitlich die Leistung verweigert wird?
  • Schränkt es die Wahlfreiheit ein, wenn die Nutzung oder der Verzicht gewisser Maßnahmen mit wirtschaftlichen oder sozialen Vor- bzw. Nachteilen verknüpft wird?
  • Wie stark darf ein solches Recht an Bedingungen geknüpft werden? Was, wenn diese Bedingungen nicht im Ermessen der Person selbst liegen und für sie unerfüllbar sind? Darf für die Inanspruchnahme eines solchen Rechtes die Bedingung gestellt werden, auf ein anderes dieser Rechte zu verzichten?
  • Kann von einem freien Recht die Rede sein wenn zuvor eine Beratung, Untersuchung oder Begutachtung durch Fachleute stattfinden muss?
  • Wie kritisch dürfen oder müssen solche Beratungen sein?
  • Dürfen Einzelpersonen oder die Gesellschaft insgesamt Menschen dafür kritisieren, dass sie ihre Rechte nutzen oder nutzen möchten?
  • Wenn es Paare sind, welche diese Rechte haben, wie verhält es sich dann mit den Rechten wenn sich die beiden Personen uneins sind?
  • Gelten diese Rechte auch für Minderjährige und wie weit dürfen ihre Erziehungsberechtigten ihnen die Wahrnehmung dieser Rechte untersagen? Kann die Wahrnehmung solcher Rechte für Minderjährige gesetzlich generell untersagt werden, selbst wenn alle Erziehungsberechtigen zustimmen würden?

Wo sind die Antworten?

Die vorstehenden Fragen mögen konstruiert und rhetorisch wirken. Bei vielen stellt sich (hoffentlich) beim Lesen spontan eine Antwort im Sinne von „Natürlich!“ oder „Natürlich nicht!“ ein. Ich bin mir aber sicher, zu praktisch jeder solchen Frage kann ich ein Beispiel dafür liefern, dass die rechtliche Situation in Deutschland vom wünschenswerten Zustand abweicht. Aber das würde jeweils zu einem längeren Text ausarten.

Und dann sind bei obiger Auflistung freilich auch solche Fragen vorhanden, bei denen die „richtige“ Antwort nicht offensichtlich ist, was umso mehr erfordert, sich im Detail damit auseinander zu setzen.

Ich möchte es also auch hier erst mal dabei bewenden lassen, viele Fragen zu stellen und keine Antworten zu geben. Damit wollte ich zumindest ein bisschen konkretisieren, was ich damit meine, wenn ich sage „ich denke in letzter Zeit viel über die reproduktiven Rechte nach.“ Und einen thematischen Rahmen geben, indem ich in naher Zukunft über spezielle Rechte oder über Verletzungen dieser Rechte schreiben kann. Wenn ich dann erwähne, dass „das natürlich auch im Zusammenhang mit anderen reproduktiven Rechten gesehen werden muss“, dürfte dann klar sein, was ich meine.

Von der grauen Maus zur sportlichmusikalischen Linuxnutzerin mit feministischen Politikambitionen

Das hier ist ein sehr gemischter Beitrag, denn es geht um (fast) alles, was mich interessiert. Einen Zusammenhang gibt es dennoch, nämlich dass ich mich für das meiste davon eben lange Zeit nicht interessiert habe. Deshalb frage ich mich manchmal, ob ich die letzten Jahrzehnte unter einem Stein gelebt habe. Da draußen gab es all die Jahre unzählige andere spaßbringende, nützliche oder interessante Dinge und Themen, die ich ignoriert habe:

  • Ich singe so gerne, aber hab erst 2006 damit angefangen – und mache das nach wie vor heimlich wenn mich (vermutlich) niemand hört.
  • Ich klettere so gerne, weiß das aber erst seit ein paar Monaten.
  • Ich liebe inzwischen Linux, aber benutze es erst seit 2009 auf meinen Desktops und Laptops.
  • Ich engagiere mich gerne in der Hochschulpolitik, aber bin da auch erst seit 2009 aktiv.
  • Ich finde fast sämtliche Bereiche des Feminismus extrem spannend, aber beschäftige mich auch damit erst seit einigen Monaten.
  • Und von den unzähligen schönen Aspekten des Frauseins brauche ich gar nicht erst anzufangen (und schreibe daher unten auch nichts dazu)…

Jeder Mensch entwickelt sich sein Leben lang weiter und findet neue Interessen und Betätigungen. Wer mit 70 ein neues Hobby findet fragt sich vielleicht auch warum er/sie das nicht schon 60 Jahre eher entdeckt hat. Aber wenn ich mir die Zeit von 1995 bis 2006 betrachte, dann frage ich mich, wo meine kreative Selbstgestaltungs-Leistung in der Zeit wohl gewesen ist. Was sagt das über einen Menschen aus, sich fast 12 Jahre lang nicht zu entwickeln? Oder gab es da Entwicklungen die sich nicht in Hobbys und Interessen abgezeichnet haben, sondern anderswo? Und was habe ich überhaupt in der ganzen Zeit gemacht? Das ist, wie so oft, ein eigenes Thema für sich das den Rahmen sprengen würde, ich aber teilweise auch schon anderswo thematisiert habe. Sagen wir mal, ich war lange Zeit sehr in mich gekehrt und habe viel nachgedacht.

Aber ich kann kurz für die oben genannten Themen erklären, was mich jeweils solange zurück gehalten hat:

Die Gemeinsamkeit von Singen und Sport

Meine Mutter hat mir recht früh klar gemacht, dass ich im Singen und im Sport eine Null bin. Ich muss gleich hinterher schieben dass sie für mich generell ermunternd und ermutigend war und mir sehr geholfen hat meine Stärken zu erkennen und zu mögen – nur in den beiden Bereichen war sie da anderer Meinung. Ich weiß auch gar nicht, wie sie überhaupt dazu kam, ich glaube sie hat mir meine sportlichen und musikalischen Fähigkeiten schon abgesprochen bevor ich das jemals ernsthaft ausprobiert habe.

Unsere Wohnung war hellhörig, es gab keinen Raum in dem ich hätte Singen können ohne dass man es in jedem anderen Raum hört. Und es war praktisch immer irgendwer zuhause. Irgendwie hatte ich mich damals generell nicht so für Musik interessiert, also auch nicht fürs hören, und Musik zu kennen wäre ja schon mal eine Grundvoraussetzung um zu Singen. Die einzige Musik die ich damals mochte hatte zwar insgesamt ihren Reiz, aber zeichnete sich prinzipiell nicht durch den Wohlklang ihres Gesangs aus.

Sportlich war von zuhause keine Anregung zu erwarten. Die Einstellung meiner Mutter ist ja nun bekannt, und auch wenn mein Vater damals (wie auch noch heute) täglich abwechelnd joggte und Krafttraining betrieb, hat er nie versucht mich da heranzuführen. Als Jugendlicher wird man ja zwangsweise durch die Schule an den Sport herangeführt. Das hat teilweise sehr viel Spaß gemacht, konnte aber auch niederschmetternd demotivieren. Meine Leistungen waren in fast allen Disziplinen, die sich auf einer Skala messen lassen, schlecht. Im 800m-Lauf war ich im vorderen Viertel der Frauen – und hätte als solche die Note 2+ erhalten. Aber ich hätte ja die männer-typischen Leistungen erbringen müssen, und an der Skala gemessen ging ich mit einer 4 aus dem Rennen. Außerdem hatte ich damals Angst davor, durch zu viel Sport Muskeln aufzubauen und eine generell breitere Statur zu bekommen und mir dadurch dauerhaft die Figur zu versauen. Einmal hat mich sogar meine Mutter zum Sport antreiben wollen: „Mach doch mal etwas Krafttraining, dann bekommst du vielleicht mal ein breites männliches Kreuz davon!“ – spätestens da war das Thema für mich gegessen.

Linux, das verkannte Wunder

Was Linux angeht, kann ich vorallem meiner Mutter nicht den geringsten Vorwurf machen. Sie hatte mir damals mal eine Box mit Lanthan-Linux geschenkt. Laut Tecchannel.de wurde die Entwicklung 2001 eingestellt, ich denke, etwa zu der Zeit mag das auch gewesen sein. Irgendwie wollte das ganze nicht so recht laufen – ist beim booten hängen geblieben – und da ich absolut niemanden kannte der davon Ahnung hat war das Thema für mich dann gegessen. Meine Freundin hat mich dann ca. 2007 davon überzeugt, wie toll Ubuntu Linux ist, aber wirklich darauf umzusteigen habe ich mich dann trotzdem erst getraut, als 2009 der Peer Preasure von den anderen Informatikstudenten in Braunschweig überhand nahm.

Hochschulpolitik, wo sie denn überhaupt möglich ist

Dass ich mich erst seit dem Zeitpunkt mit Hochschulpolitik befasse ist auch kein Wunder. In meinem Bachelor an der Hochschule Harz gab es nur ein politisches Gremium, den StuRa, und das zeigte sich nach außen gänzlich unpolitisch. Dort wo es nötig gewesen wäre – bei der Verbesserung der Studierbarkeit – gab es keinerlei Möglichkeit studentischer Mitbestimmung. Ich habe mein möglichstes versucht und dann enttäuscht aufgegeben. Als ich dann an die TU-Braunschweig kam waren die Zeiten denkbar günstig: Der Bildungsstreik 2009 lief gerade an und hat ein großes Potential gehabt Politikmuffel wie ich inzwischen einer war aufzurütteln – was zwar auch nur bei erschreckend wenigen Wirkung zeigte, aber immerhin. Ich war damals überwiegend auf dem Bilderungsstreik-Blog tätig, der inzwischen nicht mehr existiert. Aber auch in meinem Blog hat das Spuren hinterlassen.

Von der kleinen zur großen Politik

Die Hochschulpolitk ist, zumindest bei uns in der Informatik in Braunschweig, kaum Parteipolitisch geprägt. Es fehlen einige Eigenschaften die man sonst von der Bundes- und Landespolitik kennt, und das ist vermutlich auch gut so. Ich wäre eigentlich nie auf die Idee gekommen mich jemals in die „große“ Politik zu stürzen, aber Unipolitische Erfahrungen sind eine wunderbare Vorbereitung, die ich sicher irgendwann einmal für den Einstieg in andere Bereiche nutzen werde. Aber auch wenn ich derzeit in keiner Partei Mitglied bin und mich auch sonst nicht aktiv politisch einsetze, bin ich immerhin seit einiger Zeit politisch interessiert. Das ist mehr als ich noch vor einigen Jahren von mir behaupten konnte. Und ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass daraus auch bald noch mehr wird.

Dabei waren meine Voraussetzungen eigentlich auch hier gut, um mich eher damit zu beschäftigen: Meine Eltern sind zwar insofern Politikverdrossen dass sie wohl kaum erwarten, dass irgendeine der etablierten Parteien auch nur halbwegs das Richtige tun könnte oder würde. Aber beide haben durchaus ein Interesse und eine Einstellung, über die sie auch mit mir gesprochen haben. Insbesondere mit meinem Vater hatte ich schon seit der Grundschulzeit intensive Debatten über Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Mir ist eigentlich seit damals bewusst, dass in diesen Bereichen massive Änderungen nötig und möglich wären, wenn man gewisse Konventionen über Bord wirft – was natürlich keine der großen Parteien tun würde.

Insofern kommt auch der massive Aufstieg der Piratenpartei zeitlich günstig für meine persönliche Entwicklung. Wenn es inden letzten Jahren jemals Grund zur Hoffnung gab, dass frischer Wind in die Politik kommt und dass Bürger einen direkten Einfluss darauf nehmen können, dann jetzt. Dass ich ein durch-und-durch Technik- und Netzaffiner Mensch bin erleichtert mir natürlich noch weiter die Identifikation mit den Piraten. Computer, Software und Internet waren bis vor kurzem in der Politik weitestehend unbeachtete Themen, und so wundert es mich nicht, dass ich mich all die Jahre mit all diesen Themen aber eben nicht mit deren politischer Dimension befasst habe. Als ich begann, mein Cubenet zu entwerfen, sind mir dann aber (etwa um 2006 herum) schlagartig die Gesellschaftlichen Auswirkungen von vernetzter Technologie bewusst geworden. Die Gedanken dazu lassen mich natürlich auch heutzutage nicht los.

Netze, Frauen, und Frauen im Netz

Aber Netzpolitik ist natürlich nicht alles – das wissen auch die Menschen bei der Piratenpartei – und ich finde bestimmte Bereiche auch noch deutlich wichtiger und/oder interessanter als eben die Netzpolitik. Allen voran wären da vermutlich Familien-, Frauen- und Antidiskiminierungspolitik zu nennen – allesamt Themen mit denen ich im feministischen Kontext in Kontakt gekommen bin. Und nebenbei Themen, für die eben genannte Partei nicht gerade berühmt ist, sondern sogar etwa jede Woche dafür in den Medien zerrissen wird, dass sie diese Themen ignoriert oder sogar den Fortschritt in diesen Bereichen sabotieren würde. Auch das muss man differenzierter sehen, und auch das hat nicht jetzt und hier seien Platz. Aber ich sehe mit Freude, wie in letzter Zeit Feminismus und Nerdkultur näher zusammen wachsen und mir damit einen optimalen Entfaltungsraum geben.

Bleibt zum Schluss die Frage, warum ich mich nicht schon eher mit Feminismus auseinander gesetzt habe. Die Antwort darauf fällt definitiv länger aus – und ist vermutlich auch interessanter als die Hindernisgründe bei den oben genannten Themen – also schließe ich mal wieder mit einem Cliffhanger und vertröste auf einen der nächsten Blogbeiträge…

Positive Wendungen

Alles in allem bin ich nun glücklich, dass in meinem Kopf keine Monokultur mehr herrscht. Ich bin mehr denn je offen für neue Einflüsse und Anregungen, und der begrenzende Faktor ist nur die Zeit. Viele Aspekte habe ich noch gar nicht erwähnt, sei es das Stricken oder Rollenspiele…

Je mehr ich darüber nachdenke, desto gruseliger finde ich den Gedanken, dass ich in meiner Jugend so ein beschränktes Interessenfeld hatte. Andererseits bin ich mir dennoch sicher, dass ich auch damals ein vielseitig interessierter und interessanter Mensch war. Aber im Nachhinein fällt es mir unglaublich schwer, diese Vielseitigkeit zu konkretisieren.

Lesben und Kinderwunsch – ein Grund für mich als Transfrau mal einen „echten“ Safe Space aufzusuchen

Ich hab ja kürzlich über meine Erfahrungen und Nachdenklichkeiten bei der Nutzung von „impliziten Safe Spaces“ erzählt, also Räumen, in denen sich nur Frauen aufhalten und sich daher eventuell sicherer fühlen als in ihrem Alltag. Vor einer Woche habe ich auch erstmals einen „richtigen“ Safe Space für Frauen besucht, worüber ich kurz berichten möchte.

In Braunschweig findet vom 3. bis 23. Februar der „warme Winter“ statt. Da dieser Zeitraum mit ca. -14 Grad begonnen hat, ist offenbar nicht die Außentemperatur gemeint, sondern erst geht um Veranstaltungen im LGBT-Kontext. Dazu gehörte z.B. auch der Gesprächs- und Informationsabend „Lesben und Kinderwunsch“ (PDF) in der Frauenberatungsstelle Braunschweig.

Für mich ist ein sehr interessantes Thema, das mich natürlich auch persönlich betrifft. Schließlich ist für mich schon lange klar, dass ich irgendwann Kinder haben möchte. Mein Coming-Out als Transfrau und Lesbe ändert nichts daran, macht die Sache höchstens etwas komplizierter. Wenn und falls ich in einigen Jahren die Frau meines Lebens kennen gerlernt habe, die mit mir eine Familie gründen möchte, dann werde ich bereits rechtlich als Frau anerkannt sein und auch körperlich mehr Frau als Mann – aber damit auch absolut und unumkehrbar unfruchtbar sein. Uns werden dann praktisch alle Probleme betreffen, die auch andere lesbische Paare haben.

Hinzu kommen natürlich noch weitere Probleme, allen voran eine gesellschaftliche Ablehnung die noch weit über die hinausgeht, die Homosexuelle Eltern bereits erleiden. Wie weit das – selbst im Schwullesbischen Umfeld – geht, sieht man an diesem Artikel über schwangere Transmänner und an den zahlreichen verachtenden Kommentaren dazu.

Nur für Frauen

Die oben genannte Veranstaltung war ausdrücklich nur für Frauen bestimmt und fand in Räumen statt, die generell nur durch Frauen genutzt werden, insbesondere auch durch lesbische Frauen und weibliche Gewaltopfer. Das ist so ziemlich der Inbegriff eines typischen Safe Space. Was ich also zuvor zu meinem Umgang mit „impliziten Safe Spaces“ geschrieben hatte gilt hier umso mehr. Ich muss mir Gedanken machen ob ich hier willkommen bin und wie meine Anwesenheit ggf. auf andere wirkt.

Im feministischen oder anderen gender-kritischen Kreisen ist es durchaus üblich, besondere Formulierungen zu verwenden um Menschen und ihr Geschlecht zu bezeichnen. Das geht meist weit über das „gendern“ mit Binnen-I hinaus. So wird oft nicht von „Frauen“, sondern von „Frauen*“ gesprochen, um damit auch Transfrauen (und ggf. weitere Menschen mit weiblicher Identität) einzuschließen. Teilweise kann „Frauen*“ auch Transmänner einschließen, da auch diese durch ihren Körper und ihre Lebenserfahrungen typisch weiblichen Problemen ausgesetzt waren oder immer noch sind.

Dass die Frauenberatungsstelle aber in der Ankündigung einfach nur von „Frauen“ sprachen, konnte somit zwei Dinge bedeuten: Entweder achtet man hier nicht sonderlich auf derartige Sprachkonzepte, oder man möchte sich wirklich nur an Cisfrauen richten (also Frauen, die nicht Transsexuell sind).

Fragen kostet nichts

Anstatt lange rumzurätseln habe ich einfach kurz eine Email geschrieben und mich darin als transsexuell zu erkennen gegeben und gefragt, ob meine Teilnahme gestattet bzw. gewünscht ist. Aus der Schriftkommunikation wurde schnell ein Telefonat. Die Veranstalterin war sichtlich überrascht von meiner Anfrage und meiner Offenheit. Mit Transfrauen hatte sie schlichtweg nicht gerechnet und keine Erfahrung. Davon war ich dann wiederum verwundert. Ich konnte ihr bzw. ihren Mitarbeiterinnen natürlich nicht anlasten, vielmehr deutet das wohl darauf hin, dass andere Transfrauen die Angebote der Frauenberatungsstellen nie wahrnehmen. Merkwürdig.

Alles in allem war es gut, dass ich vorher dieses Telefonat geführt habe. Denn dabei konnte ich meine persönliche Situation schon vorweg erklären, konnte gewisse Bedenken ausräumen, und erfuhr auch etwas über den geplanten Ablauf. Ich dachte nämlich, dass es eher ein Vortragsähnliches Format wäre, bei dem viele Zuhörerinnen eher anonym und passiv teilnehmen. Stattdessen war es eine sehr kleine Gruppe im Sitzkreis, die mit einer Vorstellungsrunde eröffnet wurde. Dank des Vorgesprächs konnte ich mich darauf schon mal etwas vorbereiten und mir überlegen, ob und wie ich in der Vorstellung meine Transsexualität thematisiere.

Ein netter Abend

Der eigentliche Infoabend selbst war sehr informativ. Ich war die letzte der fünf Frauen die sich vorstellte, und kam schnell zum Punkt dass ich TS bin und glaube, dass meine Situation dennoch viele Gemeinsamkeiten mit der der anderen Teilnehmerinnen hat. Ich habe mir natürlich keine TS-spezifischen Erkenntnisse von dem Abend erhofft und habe mich auch weitestgehend zurück gehalten, meine speziellen Problemchen in den  Vordergrund zu stellen. Es ging um diverse Themen: (Stiefkind-)Adoption, Pflegeelternschaft, Samenspende, Insemination, Sorgerecht… Aber da ich mich in den letzten Monaten selbst schon gut zu der Thematik belesen hatte, konnte ich mich doch in den meisten Bereichen recht gut einbringen und ein paar Infos beisteuern, die sicher für alle hilfreich waren. Und vor allem habe ich auch sehr viel von den Recherchen und Erfahrungen  der andere Frauen profitiert. Rein sachlich war es in jedem Fall lohnend.

Und gefühlsmäßig? Ich habe mich in der kleinen Runde wohlgefühlt und hatte auch das Gefühl, dass keine der anderen Frauen ein Problem mit meiner Anwesenheit hatte. Ich hoffe natürlich, dass diese Einschätzung richtig ist und es täte mir schon Leid, wenn eine der Frauen sich wegen mir irgendwie unwohl gefühlt hätte oder sich zurückgehalten hätte. Überwiegend hatte ich also auch den Eindruck, ich gehöre genau hier her.

Nur zum Schluss schwenkte das Thema in Bereiche, zu denen ich definitiv nicht in der Lage war etwas zu sagen und auch nie in diese Lage kommen werde, da ich selbst nie Eierstöcke und eine Gebärmutter haben werden. Den anderen Frauen dort zuzuhören hat mich schon mit einer gewissen Ehrfurcht erfüllt. Vor allem konnte ich mir aber auch ausmalen, wie schwer ein sein muss, in der Gegenwart von Männern darüber zu sprechen, die sich diese Erfahrungen weder vorstellen können noch wollen. Ich glaube, ich selbst bin da schon mit einer gewissen Vorstellungskraft ausgestattet, die aber sicher auch ihre Grenzen hat. Aber ich werde mich daran gewöhnen, mit anderen Frauen darüber zu sprechen. Und andere Frauen werden sich daran gewöhnen, dass ich dabei nicht so richtig mitreden kann, aber mich dennoch nicht komplett aus solchen Gesprächen ausschließen lassen möchte.

Offenheit lohnt sich

Ich kann zumindest schon mal das Fazit ziehen, dass es sich doch meistens lohnt offen, ehrlich, rücksichtsvoll und optimistisch durchs Leben zu gehen. Es wäre sicher dumm gewesen, nicht zu dem Abend zu erscheinen nur weil ich TS bin. Ohne spezielle Ankündigung zu erscheinen hätte aber auch zu komischen Situationen führen können. Ich finde ja, für die Sichtbarkeit und das Bewusstsein von Transsexuellen sind in erster Linie Transsexuelle verantwortlich. Dass die Frauenberatungsstelle bisher nicht von Transfrauen genutzt wurde ist schon schade, aber ich habe da einen ersten Schritt getan den hoffentlich auch noch viele nach mir tun werden.

Ach so: Zum eigentlichen Thema Kinderwunsch habe ich ja nun relativ wenig geschrieben. Das ist durchaus so beabsichtigt und wird auch später noch durch einen gesonderten Text konkretisiert werden.

Wie das alles vielleicht einmal begonnen haben könnte…

In Zukunft kommen vielleicht auch mal Menschen auf meine Seite, die mich nicht persönlich kennen und dennoch meine Geschichte nachvollziehen möchte. Blogs von transsexuellen Menschen können natürlich so verschieden sein wie die Menschen selbst. Aber wenn es sowas wie den archetypischen Transblog gäbe, dann wäre das wohl eine chronologische Dokumentation der Transition. Mein Blog ist da ja eher mittendrin eingestiegen, und daher möchte ich nun wirklich mal ganz am Anfang ansetzen. Vom ersten Tag an – wenn es denn einen solchen „ersten Tag“ überhaupt gibt…

Es war einmal im Jahr 1963…

Das Leben beginnt ja bekanntlich mit – ja womit eigentlich? Geburt? Befruchtung der Eizelle? Eine bestimmte Schwangerschaftswoche? Die Frage ist wohl nach wie vor ungeklärt, und Abtreibungsgegner und -Befürworter sind da offensichtlich noch zu keiner Einigung gekommen. Das Thema „Abtreibung“ werde ich zwar sicher auch irgendwann einmal bearbeiten, aber ist für meinen Lebensbeginn nicht weiter relevant. Denn ich war zwar kein Wunschkind, aber eine Abtreibung wurde bei mir wohl nie erwogen.

Aber zurück zum Thema: Wann begann meine Transsexualität? Die Ursachen sind generell noch ungeklärt. Es könnte genetische Ursachen geben, dann wäre der Beginn meiner Transsexualität quasi bei der Befruchtung der Eizelle anzusetzen, also im Frühjahr 1984. Oder sogar noch davor, wenn man davon ausgeht dass der Chromosomensatz der Keimzellen bei deren Meiose festgelegt wird. Für die Eizelle, aus der ich entstanden bin, war das irgendwann im Frühjahr 1963, denn Frauen bilden alle ihre Primärfollikel in den ersten Wochen nach ihrer Geburt. Ob vielleicht schon hier die Ursache zu finden ist, wird sich ggf. sogar noch zeigen. Im Rahmen meiner Diagnosestellung wird auch mein Chromosomensatz bestimmt werden, was aber bisher bei mir noch nie durchgeführt wurde. Gewisse genetische Abweichungen, die sich auf die Geschlechtsentwicklung auswirken können, sind dabei bereits bestimmbar. Ich bin ein wenig gespannt.

Andere Theorien gehen von einer hormonellen Schwankung während der Schwangerschaft aus, welche eine spätere Transsexualität gegünstigt oder auslöst. Das wird sich nun im Nachhinein kaum mehr prüfen lassen, deshalb überspringe ich den Punkt gleich mal – was nicht heißen soll, dass ich diese Möglichkeit ausschließe.

…oder doch in den späten 80ern?

Noch andere Ansätze erwarten eine Auslöser durch die frühkindliche Erziehung und das soziale Umfeld. Manche davon sind sehr konkret und gehen so weit, dass bestimmte Konstellationen quasi zwingend zu bestimmten transsexuellen Entwicklungen führen würden. All jene Ansätze, die ich bisher gelesen habe, trafen entweder nicht auf meine Kindheit zu oder waren so allgemein, dass sie auf gut 20% der Kinder zutreffen dürften. Warum dann nur jeder tausendste, zehntausendste oder gar hunderttausendste Mensch transsexuell ist (Die Angaben variieren dort extrem), bleibt dann aber unklar. Was die erziehungsbasierten Erklärungsversuche angeht, so geht es bei manchen direkt um die geschlechtsspezifische Erziehung. Also z.B. darum, dass Eltern ihr Kind bewusst zum „falschen“ Geschlecht hin erziehen. Oder aber auch, dass sie nicht vehement genug einschreiten wenn das Kind von sich aus zum „falschen“ Geschlecht tendiert. Dann sind da noch Erklärungen über traumatische Erlebnisse in der Kindheit – welche es aber bei mir nie gab. Wieder andere Ansätze gehen von abwesenden Vätern oder übermäßig dominanten Müttern aus, was sich ja immer gut als Vorwand für alles und nichts macht.

Wie sah das also bei mir und meinen Eltern aus? Mein Vater hatte sich vermutlich erst mal gar kein Kind gewünscht, aber als dann schon eins unterwegs war, hat er doch sehr auf ein Mädchen gehofft. Ich glaube, meiner Mutter war das egal. Beide hielten wohl nicht viel von übermäßig geschlechtsbetonter Babykleidung und -Zubehör, das heißt, meine frühe Kindheit war nicht rosa oder blau sondern einfach bunt.

Als ich fünf war kam „Arielle die Meerjungfrau“ in die Kinos. Ich fand den Film und insbesondere Arielle total toll. Ich habe vor einem Jahr gehört, dass alle transsexuellen Kinder Meerjungfrauen toll finden, aber ich glaube, das ist bei mir nur ein Zufall und ich mochte Arielle „einfach nur so“. Ich hatte mir dann eine Jacke mit Arielle-Motiv gewünscht. Meine Mutter, die gerne Kleidung für mich nähte, hat mich wohl auch darauf hingewiesen dass andere das vielleicht bei einem Jungen komisch finden. Das war mir aber egal, ich wollte meine Ariellejacke und bekam sie. Das war, soweit ich weiß, das einzige Mal in meiner Kindheit, dass ich auf eine Abweichung von geschlechtlichen Konventionen hingewiesen wurde.

Mein Denken und Fühlen als Kind

Ich wurde also insgesamt sehr geschlechtsneutral erzogen, und habe mich eigentlich auch immer genau so gefühlt. Mir war schon ab einem gewissen Alter bewusst, dass ich ein Junge war, aber das war in erster Linie so ein Begriff ohne viel Inhalt. Ich habe mich dadurch nicht verpflichtet gefühlt, irgendwelche vorgegebenen Anforderungen zu erfüllen. Äußerlich war nicht allen immer klar „was“ ich denn nun bin, und auf Nachfrage, oder wenn mich jemand als Mädchen angesprochen hat, habe ich dann sachlich erwähnt, dass ich ein Junge bin. Dabei war ich weder stolz noch beschämt, ein Junge zu sein, und die Bezeichnung als Mädchen fand ich auch nicht schlimm sondern einfach nur faktisch falsch. (Ich habe gerade eine Erzählung im Ohr, laut der ich auch mal etwas beleidigt auf so eine „Falschzuordnung“ reagiert hätte. Keine Ahnung, ob da was dran ist.)

Was meine kindlichen Ideen von der Zukunft angeht, so hatte ich eigentlich immer schon großes vor, aber ich kann mich nicht erinnern dass ich mich in diesen Vorstellungen als Mann, als Frau oder sonst irgendwas geschlechtlich konkretes gesehen habe. Ich hatte einfach nur ein gesundes Selbstvertrauen darin dass ich nun mal ich bin und dass ich voll o.k. bin. Das war also diese Zeit vor der Einschulung.

Ich weiß bis heute nicht, ob dieses neutrale empfinden „normal“ ist, also in wie fern Kinder unter 6 Jahren üblicherweise ein Geschlechtsempfinden haben. Irgendwo wird es vermutlich schon ein Grund geben dass das Wort „Kind“ geschlechtsneutral ist und so oft benutzt wird. Zwar ist „Erwachsener“ auch recht neutral, aber einzelne Erwachsene bezeichnet man ja selten so sondern eher als Mann oder als Frau. Bei einer „typischen“ Erziehung, welche stereotype Geschlechterrollen vorlebt und forciert wäre das sicher nicht so verlaufen. Entweder hätte man mir dann männliches Verhalten und männliche Selbstidentifikation anerzogen, oder ich hätte diese nicht angenommen und wäre dafür irgendwie negativ sanktioniert worden. Keine Ahnung, wie sich das auf mein restliches Leben ausgewirkt hätte. Ich denke, viele andere Kinder in dem Alter haben einen deutlich stärkeren Bezug zu ihrem Geschlecht, sei er nun aus sich selbst heraus gefühlt oder anerzogen. Aber das ist auch wieder ein Thema für sich.

Eltern sind ja auch Vorbilder und Rollenmuster

Sind meine Eltern denn gute Vorbilder als Mann und Frau gewesen? Zunächst muss man sagen, dass ich eher ein Papa-Kind war, aber eben nicht nur. Meine Eltern hatten gemeinsame Hobbys (Handwerken, Gartenpflege) – vielleicht müsste man eher sagen „gleiche Hobbys“, denn wirklich gemeinsam haben sie das trotzdem nicht getan. Aber beide hatten auch ihre jeweils eigenen, die dann ziemlich geschlechtstypisch waren: Mein Vater hat mit Elektronik und Computer herum gespielt und meine Mutter hat Schmuck und Deko-Objekte gebastelt. Ich hab das alles mal ausprobiert, alles hat irgendwie Spaß gemacht, und mir wurde auch nicht vorgelebt dass diese Beschäftigungen nur für Männer oder nur für Frauen geeignet wären.  Trotzdem haben mich die technischen Interessen mehr gepackt. Was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau angeht, gab es da nicht viel Verteilung bei den beiden. Obwohl wir alle in der selben Wohnung gelebt haben, haben beide quasi ihren eigenen Parallelhaushalt darin geführt, d.h. alle Haushaltstätigkeiten waren beidgeschlechtlich belegt. Phasen der Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit haben sich auch bei beiden irgendwie abgewechselt, auch hier haben sich bei mir keine Geschlechterrollen eingeprägt.

Charakterliche Unterschiede gab es zwischen den beiden trotzdem viele, vor allem was den Umgang mit anderen Menschen angeht. In diesem Bereich habe ich dann wohl einige Verallgemeinerungen gebildet und mir ein Bild davon gemacht, wie Männer bzw. wie Frauen generell so sind. Das wurde sicher auch dadurch verstärkt, dass die beiden viel miteinander stritten und dabei oft auch selbst solche Verallgemeinerungen genutzt haben. Nicht alles davon habe ich einfach so geglaubt, schließlich widersprachen sich die Geschlechtsbilder die meine Eltern jeweils konstruierten. Soweit ich mich erinnere habe ich mich davon all die Jahre nicht angesprochen gefühlt. Egal ob etwas über „die Männer“ oder „die Frauen“ gesagt wurde, ich war nicht in der Lage oder gewillt, das irgendwie auf mich zu beziehen. Ich war schließlich ein Kind. War mir denn überhaupt bewusst dass ich in wenigen Jahren selbst ein Mann – oder eben eine Frau – sein würde?

Kommt meine Kindheit dann noch als Auslöser in Frage?

Alles in allem glaube ich nicht, dass die Haltung meiner Eltern meine Transsexualität „ausgelöst“ hat. Sie hat allenfalls dazu geführt, dass gewisse Konflikte erst sehr spät aufgetreten sind. Somit bin ich jetzt eigentlich mit der Kindheit durch, und glaube nicht, dass es dort einen direkten Auslöser gab. Und selbst wenn der Grund meiner Transsexualität schon vor der Kindheit gelegen hat, so gab es auch in all den Jahren keinen deutlichen Hinweis auf diese Entwicklung. Wenn ein Kind zunächst keine deutliche Geschlechtszugehörigkeit hat, dann könnte man ja vermuten dass es das in der Pubertät nachholt, und dann natürlich zu dem Geschlecht tendiert, das körperlich und hormonell vorliegt. Oder die Person fühlt sich weiterhin „neutral“. Aber wer würde schon damit rechnen, dass sich eine Identität zeigt, die im Gegensatz zum Körper steht?

Man spricht bei Kindern in medizinischen Kreisen meist nicht von Transsexualität, sondern von Geschlechtsidentitätsstörungen (Gender Identity Disorder = GID). Und es heißt, dass nur ein kleiner Bruchteil der Kinder mit GID im Erwachsenenalter transsexuell sind. Ich frage mich manchmal, ob meine geschlechtsneutrale Kindheit schon das ist, was diese sogenannten Spezialisten unter GID verstehen. Falls ja, dann wundert es mich nicht, dass die meisten davon später mal eine „normale“ Geschlechtsentwicklung durchleben. Die Diagnosekriterien für GID im Kindesalter entsprechen aber schon weitestgehend dem, was man sich gemeinhin unter Transsexualität vorstellt. Demnach hatte ich als Kind nichtmal diese Kriterien erfüllt.

Damit stellt sich die Frage, ob ich erst in der Jugend transsexuell geworden bin. Bis vor wenigen Monaten habe ich mir das genau so erklärt. Wenn ich meine Jugend genauer betrachte, dann komme ich aber zum Schluss, dass zu Beginn meiner Pubertät die Transsexualität eigentlich schon voll ausgebildet war. Und dennoch war mir das bis ins hohe Alter von *hust* 26 Jahren so richtig nicht bewusst. Aber das ist eine komplexe Geschichte für sich, die in einem oder mehreren der nächsten Blogbeiträge erzählt wird…

Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese „Ausnahme“ meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter „safe space“.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den „Feinden“ der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum „Onkel Emma“ in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere „Frauenräume“ sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt „implizit“ sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie „implizite safe spaces“ gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum „safe space für Frauen“ steht oder „Damenumkleide“. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. „Männer in Kleidern“ Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie „Jungenaugen“ hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: „Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!“ Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.

Ich bin, also denke ich – von zwanghaften Denkschleifen und Metadenken

Ich befinde mich in einer Denkschleife. Das ist so eine Sache, für die ich immer schon anfällig war. Wenn mich ein Gedanke gepackt hat, dann kann es passieren, dass er mich längere Zeit nicht loslässt und mich rund um die Uhr an jeden Ort verfolgt. Es gibt dann Tageszeiten, zu denen ist denken nicht angebracht, da habe ich dann auch meine Ruhe vor dem jeweiligen Thema. Aber zu jedem Zeitpunkt, zu dem ich denken kann, denke ich dann an diese eine Sache, und habe keine Kapazitäten mehr, um über etwas anderes nachzudenken.

Beispiele aus der fernen Vergangenheit

Meine Denkschleifen können verschiedenste Themen haben, aber nur selten etwas angenehmes. Es kann um andere Menschen gehen, oder um mich, oder um die Beziehung zwischen mir und anderen Menschen, oder um technisches… einige Beispiele:

Eine meiner ersten langandauernden Denkschleifen handelte von einer Schulkollegin. Sie war mir schon längere Zeit recht sympathisch, aber eigentlich kannten wir uns kaum und hatten privat nichts miteinander zu tun. Einige Zufälle (darunter auch Alkohol) führten dazu, dass sie mir eine Reihe von schwerwiegenden Sorgen und Problemen anvertraute, über die sie zuvor noch nie mit jemandem gesprochen hatte, und vielleicht auch nie wieder von sich aus ansprechen würde. Von da an hätte ich ihr gerne dauerhaft mit einem offenen Ohr und mit Hilfe und Unterstützung zur Seite gestanden, aber leider gab es noch am Abend unseres Gespräches ein paar Vorfälle, die uns beiden später peinlich waren. So war es danach schwierig, wieder miteinander in den Dialog zu kommen. Ich dachte lange darüber nach, wie es ihr wohl geht, wie ich am besten das Vertrauen wieder aufbauen sollte und was ich danach für ihr Wohlergehen beitragen könnte. Ich hatte auch Angst, dass es ihr unangenehm ist, wenn ich sie darauf anspreche. Diese Fragen waren alles, was mir durch den Kopf ging. Ich versuchte, die Sache aus ihrer Perspektive zu verstehen und versetzte mich nach und nach so umfassend in ihre Lage hinein, dass mein eigenes Leben für mich sekundär wurde. Und zwar mehr als ein ganzes Jahr lang! Dabei fiel mir auch nicht auf, dass ihre jämmerlichen Lebensumstände sich inzwischen gebessert hatten und es ihr nun bestens ging. Kein Wunder, schließlich hatte ich in diesem Jahr nur nachgedacht und nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Was solls, dachte ich, Hauptsache ich lerne aus diesem Fehler und beiße mich nie wieder so an einem Gedanken fest.

Aber weit gefehlt. Zwei weitere Male hatte eine gute Freundin (nicht beides mal die gleiche) recht plötzlich die Freundschaft beendet, ohne dass sie einen Grund genannt hätte oder ein Grund offensichtlich gewesen wäre. Also genau genommen ist sowas ziemlich oft passiert, aber zwei mal hat es mich in der Weise erwischt, dass ich mit meinen Tagen nichts anderes mehr anfangen konnte, als darüber nachzudenken, warum das passiert ist. Vielleicht hätte mir die Kenntnis der Gründe geholfen, die Freundschaft wieder aufzubauen. Vielleicht hätte es auch dazu geführt, dass ich es einfach verstehe und mich damit abfinden kann, dass es wohl so kommen musste. Und die größte Hoffnung, nachdem sowas schon unzählige Male passiert war, bestand darin, es in Zukunft zu verhindern. Das könnte bedeuten, Freundschaften zu Mädchedn bzw. Frauen über mehrere Jahre stabil halten zu können. Oder einfach Personen zu erkennen, mit denen Freundschaften instabil wären, und sich gleich von ihnen fernzuhalten. Zwei mal hat mich dieser Gedankenstrom für mehrere Jahre gepackt, hat mich blind für alle anderen Vorgänge um mich herum gemacht. In diesen Fällen war es sogar durchaus angebracht, mich so auf das Thema zu fixieren. Denn intensive Kontakte zu gleichaltrigen Mädchen bzw. Frauen waren bzw. sind in meinem Leben das einzige, was mich wirklich bis in mein innerstes hinein mit Glück und Zufriedenheit erfüllen kann. Die Instabilität dieser Freunschaften hat meine Chance, ein erfülltes Leben zu führen, massiv gefährtet. Was liegt näher, als sich mit den Ursachen und Möglichen Lösungen zu befassen? Das Problem war nun aber, dass mir recht bald die Grundlagen ausgingen, auf denen ich diese Gedanken aufbauen konnte. Jede Idee, jeder Zusammenhang, jeder Erklärungsversuch war bereits mehrfach gedacht, und ich konnte dennoch nicht aufhören. Ich weiß nicht, wie viele Jahre meines Lebens von diesen Gedanken erfüllt waren. Vielleicht waren es zwei, vielleicht fünf…

Sowas passiert mir nun nicht mehr…

Die vorherigen Beispiele finde ich jeweils recht schockierend. Ich muss offen zugeben, dass ich sie krankhaft abnormal finde. Aber selbst wenn, sie sind ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit, und ich schäme mich für meine früheren Verhaltensweisen nicht. Ich weiß auch, dass sich mein Geist und meine Psyche seit dem weiter entwickelt haben, und dass ich seit einigen Jahren genug Kontrolle über mein Denken und Fühlen habe, um mich nicht derart sinnlos in endlosen Gedanken zu verlieren. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Gedanken mehr gäbe, die mich längere Zeit beschäftigen.

Eine angenehmere und weniger krankhafte Denkschleife ergab sich im Jahr 2005. Diesmal war es eine technische Idee, die recht bald zu meinem Hirngespinnst „Cubenet“ wurde. Über diese Software nachzudenken war nicht zwanghaft, vielmehr habe ich freiwillig jede verfügbare Minute genutzt, das Konzept weiter auszuarbeiten. Inzwischen bin ich von der Nützlichkeit dieser Idee so überzeugt, dass sich dennoch eine zwanghafte Komponente eingestellt hat: Bei jeder nicht-trivialen Aufgabe, eine bestimmte Anwendung zu programmieren oder auch nur zu spezifizieren ist der erste Gedanke: „Wäre Cubenet schon fertig und könnte ich darauf aufbauen, dann wäre die Lösung ganz einfach.“ Seit nun 7 Jahren ist Cubenet eine bestimmende Komponente in meinen Denkweise und sogar für meine Lebensplanung: Mein Masterstudium habe ich danach ausgewählt, meine Entscheidung gegen den Mainstream-Arbeitsmarkt und für die Gründung eines Startups kam aus dem Wunsch, günstige Rahmenbedingungen für „Cubenet“ zu schaffen, und auch wenn ich letzlich in einem Startup gelandet bin, das nicht mit dem Zweck gegründet wurde, Cubenet zu verwirklichen, prägt diese Idee meinen täglichen Arbeitsablauf und teilweise auch die gesamtge Unternehmensausrichtung. Ich finde, das ist eine Denkschleife im positivsten Sinne, auch wenn ich mir ab und zu mal wünschen würde, unvoreingenommen an Softwareentwicklung gehen zu können, so wie „normale Programmierer“ es tun.

…oder doch?

Aber meine aktuellste Denkschleife bezieht sich – und damit überrasche ich vermutlich niemanden – auf meine Transsexualität. Etwa vom Februar bis August des letzten Jahres war es schon so, dass sich in meinem Hirn kaum andere Themen tummelten. Das war völlig verständlich und ok, schließlich hatte ich eine Menge verdrängter Gedanken aufzuarbeiten und musste Entscheidungen treffen, die mein gesamtes Leben in allen Bereichen und vorallem bis an dessen Ende beeinflussen würden. Es handelt sich um ein unglaublich komplexes Thema, allein schon die nötigen Infos zu finden, zu lesen und sich zu merken hat was-weiß-ich-wie-viele hunderte oder tausende Stunden gedauert. Dass nochmal soviel für nachdenken und hinterfragen hinzukommt, ist auch klar. Aber etwa im August war dann eigentlich alles geklärt und ich habe mich darauf gefreut, einfach nur noch zu leben und glücklich zu sein. Und das hat geklappt.

Zumindest bis vor kurzem. Seit Ende Dezember spüre ich, wie sich das Thema bei mir wieder in den Vordergrund drängt. Während es im letzten Jahr offensichtlich angebracht war, meinen Kopf darüber zu zerbrechen, bin ich mir momentan mit mir selbst uneins, ob das den nun sein müsse. Lebenszeit, die ich in so einer Denkschleife verbringe, ist relativ vergäudete Lebenszeit. Somit wäre es wünschenswert, diese Gedanken jetzt sofort abzustellen und sich auf das eigentliche Leben zu konzentrieren. Das ist erstens leicher gesagt als getan, und zweitens vielleicht sogar diesmal der falsche Weg. Diese Schleife hat vielleich eine Daseinsberechtigung. Denn ihr thematischer Inhalt ist nicht bloß „die Transsexualität an sich“ sondern vielmehr die konkrete Frage:

„Ob es angebracht ist, dass ich noch ein Jahr auf die Hormongabe warte, und falls es nicht richtig ist, wie ich diese Zeit verkürzen kann.“

Es ist nun so, dass ich auch über vieles andere nachdenke – aber in den letzten Wochen gab es keinen Abend, wo ich nicht auch mindestens eine Stunde diese Frage beackert hätte. Muss denn sowas sein?

Sein oder Denken, das ist hier die Frage

Mein Leben ist doch wunderbar, so wie es nun ist. Ich….

  • habe seit meiner Transition viele neue Freunde gefunden, kaum alte verloren, und viele dieser Freundschafen haben eine ganz neue Intensität bekommen
  • habe diverse neue Hobbys entdeckt
  • bin mit meinem Charakter und meinem Äußeren zufriedener als je zuvor
  • insbesondere damit, dass beide nun im inneren Gefühl und in der äußeren Präsentation übereinstimmen
  • kann endlich durch die Straßen gehen ohne neidisch auf andere Frauen zu sein
  • und habe nebenbei den Übergang vom Studium in einen erfüllenden Beruf geschafft

Es ist alles so gut geworden, dass es schade wäre, diese Zeit durch Nachdenklichkeit zu vergäuden. Stattdessen sollte ich einfach leben!

Aber so gut es mir auch jetzt gehen mag, ich bin mir sicher, ab dem Beginn der Hormontherapie wird es mir noch viel besser gehen. Es gibt jeden Tag noch unzählige Details, die mich nerven, stören, bedrücken, verunsichern… und die meisten davon werden sich früher oder später durch die Einnahme auflösen. Vieles davon sind Kleinigkeiten, die nur in der Summe groß sind. Aber auch bedeutende Dinge werden sich ändern. So sehne ich mich sehr nach Liebe, Zärtlichkeit und Partnerschaft, was aber für mich mit meinem aktuellen Körperzustand absolut undenkbar ist. Jeder Tag, den ich länger auf den Beginn der Hormongabe warte, warte ich auch länger auf die Grundvorauassetzung für ein Beziehungsleben.

Aus der Perspektive betrachtet sind meine jetzigen Tage suboptimal, sie einfach nur zu leben, ist Vergäudung. Sie mit Nachdenken zu verbringen wäre hingegen keine Vergäudung sondern eine sinnvolle Investition in meine Zukunft.

Ein Fazit? Als ob mein Hirn sich an ein Fazit halten würde!

Ich habe jetzt rationale Gründe für und wieder das unbeschwerte dahinleben bzw. das angestrengte Nachdenken geliefert. Und die sind alle vollkommen egal, weil mein Kopf sowieso nachdenkt, ob es nun aus rationaler Sichtweise angebracht sein mag oder nicht. Es ändert nicht, ob ich denke, es ändert allenfalls, ob dieses Denken krankhaft-zwanghaft zu bewerten ist oder eben eine selbstvertändliche Notwendigkeit darstellt. Und all das ändert nichts daran, dass ich in näherer Zukunft eben über dieses eine Thema bloggen werden.

Und egal ob krankhaft oder sinnvoll, der Gedankenstrom wird spätestens dann sein Ende haben, wenn die Hormone verordnet werden, was in ca. 1 Jahr der Fall sein sollte. Mehr als ein Jahr kann ich also nicht damit verplämpern. Da kann man sich nun fast schon fragen, ob Denkschleifen von weniger als einem Jahr Dauer es überhaupt Wert sind, erwähnt zu werden…

Ich bin gar nicht so negativ und einseitig wie mein Blog! Oder?

Es gibt so unglaublich viel zu sagen. Leider findet immer nur ein Bruchteil seinen Weg in den Blog. Und ab und zu zweifel ich sogar, ob’s der richtige Bruchteil ist.

Ein Grund ist auf jeden Fall übertriebener Perfektionismus. Jana vertritt im Wolkenkuckucksblog, welcher sich um das (Nicht-)Bloggen von bloginteressierten Frauen dreht, die These, dass Frauen von einem besonders hochen Anspruch an ihr Geschriebenes gehindert werden. Und in der Tat, da scheint etwas dran zu sein. Ich habe diverse Entwürfe für Posts, die nur deshalb noch nicht online sind, weil sie noch nicht perfekt sind.

Dann ist da die thematische Ausrichtung: Mein Blog ist derzeit extrem Trans-spezifisch, und wenn ich mir anschaue, was alles noch in der Pipeline steckt und darauf wartet, veröffentlicht zu werden, dann wird das eher noch mehr als weniger. Wirklich verwunderlich ist das natürlich nicht. Ich könnte über 1000 andere Dinge schreiben, die mich ausmachen und interssieren, aber das tun auch schon 100.000 andere Blogger. Transsexualität ist nach wie vor ein massiv unterrepräsentiertes Thema im Netz und in der Gesellschaft – und wird damit bei mir zwangsweise überrepräsentiert.

Das ergibt natürlich das falsche Bild, dass ich eben in erster Linie transsexuell (TS) wäre und mich das als Mensch ausmacht. Ich glaube, es ist so: Betrachtet man mich allein betrachtet und schaut, was mich ausmacht, ist TS nur eine kleine Facette. Aber wenn man die Gewichtung der Themen, die mich ausmachen nimmt und sie normiert, indem man sie teilt durch die Gewichtung der Themen, die alle anderen ausmachen – dann bleibt nicht viel übrig außer die TS.

Früher habe ich nur über Computerkram geschrieben. Dabei war ich damals doch sicher mehr als nur ein Computernerd. Aber es hat mich am meisten vom Durchschnittsbürger und seinen Tätigkeiten unterschieden. Also war das meine ökologische Nische in der ich mich eingenistet hatte.

Dann ist mir kürzlich noch aufgefallen, dass mein Blog eine negative Grundstimmung hat. Ich schreibe über das, was mich bedrückt. Das macht den Eindruck, dass es mir schlecht ginge, und das stimmt so nicht. Die meiste Zeit geht es mir gut, und in den letzten Monaten ging es mir so gut dass ich mich schon fast dafür schämen musste. Aber Fröhlichkeit hinterfrage ich nicht. Ich nehme sie hin, freue mich drüber, und lebe weiter. Dinge, die mich runter ziehen, durchdenke ich bis ins letzte Eckchen. Das macht ja auch Sinn, denn hier besteht Verbesserungspotential, und Verbesserung beginnt mit Analyse. Das Schreiben in meinem Blog ist eine Verlängerung meiner Gedanken, also landet all das dort, was verbesserungswürdig ist.

Ich weiß, dass das auch anders geht. Man kann über seine schönen Momente schreiben, und zwar nicht nur so abstrakt wie ich es hier tu, sondern ganz konkret. So detailliert, das sich die Leser_innen hinein fühlen können und sich beim Lesen selbst ein wenig freuen. Eigentlich will ich ja, dass andere sich wohl fühlen, und gönnen allen die hier lesen, dass sie dabei nicht nur meine Tiefen und Rückschläge mit durchleben, sondern auch an meinem ganzen Glück teilhaben. Meinen Blog zu lesen soll eigentlich auch Spaß machen.

Aber schaffe ich das wirklich? Kann ich mich morgen vielleicht mal hinsetzen und in schöne Worte fassen, wie glücklich mich das Klettern macht? Wie genial es sich anfühlt, mal wieder was cooles programmiert zu haben? Wie lecker die selbstgemachte Champignon-Käse-Pfanne war? Wie sehr ich beim Performen der Gitarrenriffs auf meiner Tastatur mit den aufgeklebten Blasenpflastern zu diesen Songs von Tool und Metallica gerockt habe?

Vielleicht sollte ich das. Bestimmt sogar. Aber solange noch so viel Scheiß in der Welt geschieht, egal ob er ich persönlich betrifft oder ich mich freuen kann, dass er an mir vorbei gezogen ist, ist das schwierig. Sich trotz all dieses Scheißes am Leben zu erfreuen ist schon eine hohe Kunst, und ich kann es manchmal selbst kaum glauben, dass ich die beherrsche. Aber die Zeit, die ich mir zum Bloggen nehme… da kann ich mich irgendwie mehr daran erfreuen, über die unerfreulichen Dinge zu schreiben. Da kann ich einfach mal kompliziert und nervig und negativ sein, ohne damit irgendwem konkreten auf den Wecker zu gehen.

Übrigens ist dies der erste Post, den ich hier jemals freigeschaltet habe, ohne ihn vorher noch mehrmals probe zu lesen und stundenlang umzuformulieren. Und wohl auch der erste, den ich überhaupt angefangen habe zu schreiben, ohne vorher darüber nachzudenken und mir eine Struktur zu überlegen. Was hat mich dazu ermuntert? Waren es die ermutigenden Worte  im Wolkenkuckucksblog und dessen Kommentaren? Oder ist es der Alkohol aus dem großen Glas mit heißem Eierpunsch, das ich gerade in Rekordzeit geleert habe?

Was auch immer, nehmt euch demnächst beim Lesen meines Blogs einfach auch was super-leckeres zu Trinken (kann ja auch alkoholfrei sein), und vielleicht machen damit auch alle meine Schlechte-Laune-Themen ein wenig mehr Spaß 🙂