Gedanken zum Alter(n)

Ich habe gestern meinen 27. Geburtstag gefeiert, welcher aber eigentlich schon 3 Tage her ist. Und auch wenn der Körper an solchen Tagen nicht mehr altert als an den 364 anderen im Jahr, so macht man sich ja gerade da Gedanken zum Alter. Zum Glück hatte ich in den letzten Tagen stets liebe Leute um mich herum, so dass ich auch mit 1000 anderen Dingen beschäftigt war, aber an einem stillen Sonntag wie heute ist es eben unvermeidlich, die Denkmaschine einzuschalten.

Wann habe ich zum ersten Mal über mein Alter nachgedacht? Es gab in meiner Kindheit eine Phase, wo ich keinen Bock mehr auf’s Kindsein hatte. Da war ich gerade mal 5 oder 6, auf jeden Fall noch nicht eingeschult, und fand es so furchtbar „unproduktiv“ den ganzen Tag nur spielen zu können. Höchstwahrscheinlich habe sogar schon das Wort „unproduktiv“ dafür benutzt, das war damals genau meine Art. Ich wollte gerne einer vernünftigen Erwerbstätigkeit nachgehen. Am liebsten wäre ich Erfinder gewesen. Ich hatte damals sowieso schon ständig irgendwas „erfunden“, aber dass ich meine Zeichnungen von der Kaugummifabrik nicht beim Patentamt einreichen durfte, hat mich ernsthaft frustriert. Aber vermutlich hätte ich auch auf dem Bau gearbeitet wenn ich gedurft hätte. Schuld an allem war natürlich mein Alter, was sonst. Aber wie jede ordentliche Phase hatte auch das irgendwann sein Ende. Meine Kindheit verlief dann eigentlich soweit ganz glücklich und ich glaube, ich hatte mir weder das Ende herbeigesehnt, noch hab ich mich vor dem Ende gefürchtet.

Als ich 11 war, hatte ich kurz zur Kenntnis genommen, dass die Kindheit nun wohl zu Ende geht. Ich war mit ein paar Schulfreunden auf einem Spielplatz, und obwohl es Spaß gemacht hat, habe ich irgendwie das Gefühl gehabt, langsam zu alt für so was zu sein. Das war aber eine recht neutrale Feststellung. Und auch ohne regelmäßige Spielplatzbesuche waren die Jahre danach gar nicht so viel anders als die davor, was die Art der Freizeitgestaltung anging.

Ebenfalls mit 11 wusste ich im Grunde genommen, dass ich transsexuell bin. Das war deutlich erschütternder als das Ende der Kindheit. Ich habe mich damals mit den medizinischen Lösungsmöglichkeiten befasst, die aber damals nur Volljährigen zur Verfügung standen. Selbst heutzutage werden operative Maßnahmen erst bei 18-jährigen durchgeführt, aber Jugendliche bzw. Kinder können immerhin Hormonblocker erhalten, um nicht die für sie unpassende Pubertät erleben zu müssen. Inzwischen kann so schon zehnjährigen geholfen werden, aber als ich in dem Alter war gab es diese Möglichkeit nicht. An manchen Stellen war stattdessen zu lesen, dass man sogar bis zum 21. Lebensjahr warten muss, bis überhaupt irgendwas gemacht wird.

Theoretisch hätte das Alter von 21 Jahren also etwas absolut positives werden können, auf das ich freudig hin fiebere. Aber ich hatte damals eine sehr jugendfixierte Sicht des Lebens: Wenn man erst mal 20 ist, dann ist eh die beste Zeit des Lebens vorüber. Man muss sich bevor man 20 ist so gut amüsieren, dass man von der schönen Erinnerung daran sein restliches Leben lang zehren kann. Ob man dann danach im falschen Körper lebt oder nicht, wäre dann doch völlig egal, denn das Leben nach der Jugend ist eh für alle Menschen gleichermaßen trostlos.

Und selbst wenn ich eine positive Sicht auf die Zeit danach gehabt hätte: sollte bzw. konnte ich die nächsten 10 Jahre so leben, dass ich dabei jeden einzelnen Tag mein Schicksal bedauern würde und die 3652 Tage rückwärts zählen sollte, die ich auf die Erlösung warte? Vorfreude funktioniert für mich nur für kurze Zeitabschnitte. Zu lange auf etwas zu warten zermürbt mich komplett.

Ich habe mich dazu entschlossen, die Thematik zu verdrängen. Gedanken und Gefühle, die man bewusst verdrängt, kann man schlecht mit einem Timer versehen oder mit einem Vermerk zur Wiedervorlage. Ohne Zweifel bestand das Risiko, dass ich mit dem Verdrängen so erfolgreich wäre, dass ich meinen 21. Geburtstag verpennen würde und die Möglichkeiten, die ich dann habe, nicht nutze. Genau so ist es ja dann auch passiert. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob ich mir damals diesem konkreten Risiko bewusst war. Aber selbst wenn ich es wusste, war es mir sicher egal.

In meiner Zeit zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr ist dann nicht sonderlich viel passiert – es hätte eigentlich sogar eine ganz nette Zeit sein können – aber ich hatte immer das Gefühl dass andere da mehr erleben als ich, während meine Zeit abläuft, die ich noch habe um positive Eindrücke vom Leben zu bekommen.

Diese Angst vor der 20, wie ich sie hatte, ist wohl relativ selten – zumindest ist es kein großes Thema unter Jugendlichen und ich weiß auch nicht, ob ich jemals mit jemandem darüber gesprochen habe. Anders ist das mit dem 30. Geburtstag, um den in unsere Kultur ein großer Rummel gemacht wird, als sei da das Leben zu Ende. Und falls man die 30 überlebt, kann man gleich damit weitermachen, sich vor der 40 zu fürchten. So oder so, diese kollektive Angst betrifft auf den ersten Blick zwar viele, aber ich glaube die meisten sind doch nur sehr oberflächlich betroffen. Vielleicht hat auch inzwischen kaum noch jemand Angst vor der 30 und alles was noch davon übrig ist sind die Witze, die man darüber macht. Meine Angst, dass man das Leben mit 20 quasi ausgelebt hat, war hingegen todernst. Wie ich zu dieser abstrusen Sicht gekommen bin, ist nochmal ein Thema für sich.

Natürlich war dieser Jungendwahn totaler Quatsch, aber was weiß man schon als Kind davon, wie es ist, erwachsen zu sein? Überhaupt war das meine Meinung mit 11, die sich schon bald mäßigte, und je näher ich der 20 kam, desto weniger hatte ich Angst davor, dass sich mein Leben grundlegend ändern würde. Vielmehr wurde mir das Leben zu Hause „zu eng“ und ich sehnte mich danach, mit 18 endlich formal in der Lage zu sein, daraus auszubrechen. Auch diese Möglichkeit habe ich dann nicht sofort genutzt, aber nach der Schule fernab der Heimat auf Helgoland Zivildienst  zu leisten hat mir sicher gut getan.

Ich bin jetzt 27, und die „beste Zeit meines Lebens“ ist damit sicher noch nicht zu Ende. Natürlich bin ich nun erwachsen, d.h. führe einen eigenen Haushalt, entscheide selbst über mein Leben, bin berufstätig (wenn auch, zumindest auf dem Papier, neben dem Studium), etc. Aber das Leben hat gleichzeitig auch noch alle Elemente, die ich mit Jugend verbinde: die Art wie ich meine Freizeit verbringe, wie man mit Freunden interagiert… natürlich ist das alles in den Details irgendwie reifer geworden, aber im Grunde ist es doch das gleiche wie vor 12 Jahren. Wahrscheinlich ist man nicht erst Jugendlich und dann plötzlich Erwachsen, sondern es gibt eine lange Phase im Leben, in der man einfach beides ist. Und weil man beides zu mehr als nur 50% ist, ist man irgendwie mehr als 100% Mensch. Gerade das macht diese Zeit so toll. Und eigentlich denke ich auch nicht, dass ein Tag in meinem Leben kommen wird, an dem es heißt: So, ab jetzt bist du nur noch erwachsen und machst nichts mehr von den vielen Dingen, die schon in der Jugend Spaß gemacht haben. Zwischendurch dachte ich auch, das Ende dieses Lebensabschnitts wird nicht durch das Alter eingeleitet, sondern einfach durch das Ende des Studiums. Inzwischen sind viele meiner Freunde mit dem Studium fertig geworden, und soweit ich weiß haben sie alle den Übergang geschafft ohne dabei den jugendlichen Teil ihrer Seele zu begraben. Ich habe keine konkrete Angst vor dem 30. Geburtstag, ich werde ihn mindestens so rauschend feiern wie gestern meinen 27. Vielleicht ist es genauso wie es schon mit der 20 war: Je näher es kommt, desto mehr verliert es seinen Schrecken.

Aber ich muss zugeben, dass ein kleiner Teil dieser Haltung immer noch in mir steckt, dass diese Lebensphase irgendwann endet und ich sie dann vermissen werde. Denn egal was ich denke, tief drin spüre ich doch eine gewisse Angst. Gefühle sprechen leider nicht immer in klaren Sätzen und präzisen Zahlen, aber dieses Gefühl sagt mir doch recht eindeutig, dass der Spaß in ca. 2 bis 5 Jahren vorbei sein könnte, was den 30. Geburtstag als fiktiven Stichtag zumindest nicht ausschließt.

Meine besondere Situation als Transsexuelle macht mir die Sache natürlich auch hier nicht leichter. Ich hätte zu gerne gewusst, wie es sich anfühlt, ein 11-jähriges Mädchen zu sein, habe mich aber auch schon lange damit abgefunden, dass ich das niemals selbst erleben werde. Das gleiche gilt für das Gefühl, ein 12-jähriges Mädchen zu sein, oder ein 13-jähriges… als ich mit 26 die Entschlossenheit hatte, endlich Nägel mit Köpfen zu machen und als Frau zu leben, war ich natürlich gespannt wie sich das Leben für eine 26-jährige Frau anfühlt. Einerseits war klar, dass es nicht vom ersten Tag an genau so wäre, wie es sich für andere Frauen anfühlt, aber trotzdem glaube ich, ich bin schon recht dicht dran an dem, was andere erleben. Ich werde später mal sagen können: „Damals, als ich noch Studentin war…“.

Aber so sehr ich mich auch jetzt schon als Frau fühle, und vor allem als solche akzeptiert fühle, so sehr ist mir doch auch bewusst, dass unzählige „Kleinigkeiten“ noch fehlen. Man mag sagen, auf ein Jahr mehr oder weniger komm es jetzt auch nicht mehr an. Aber als ich vor etwas mehr als einer Woche erfuhr, dass sämtliche medizinischen Maßnahmen nochmal ein Jahr später beginnen werden als ich zunächst dachte, war sofort der Gedanke da: „Ich hab auch nicht mehr ewig Zeit, ich werde nicht jünger! Die 30 steht bald vor der Tür!“ Ich könnte kein einziges rationales Argument dafür anbringen, warum es nun wichtig sein sollte, vor der 30 mit der ganzen Transition fertig zu werden. „Fertig“ ist eh ein schwammiges Konzept bei bis zu 6 Jahren, die das Brustwachstum bis zur endgültigen Größe und Form braucht. Aber dieses blöde Jahr erfordert nun wieder Geduld von mir, was bestimmt nicht meine Stärke ist. In diesem Zwiespalt aus Warten und Altersangst ist es natürlich sowohl positiv als auch negativ, dass die Zeit im Fluge vergeht und ein Jahr schneller vorbei ist als man denkt.

Es wäre natürlich naheliegend, dass ich jetzt auch eine entsprechende Angst vor dem Älter- bzw. Altwerden generell entwickelt hätte. Aber eigentlich sehe ich das alles nun recht gelassen. Ich glaube, ich werde mit 30 ebenso glücklich sein wie mit 40 und 50 und 60. Und vielleicht auch noch länger. Sicher wird mein Leben nicht bis dahin genau so verlaufen wie jetzt, aber das ist natürlich auch gut so. So sehr ich es jetzt noch genieße, dass ich mir mit 27 eine gewisse jugendliche Seite bewahrt habe, so gut kann ich mir auch vorstellen, irgendwann einmal ohne diese aus zu kommen. Das Leben hält doch noch so viel bereit: beruflich, freundschaftlich, partnerschaftlich, familiär, freizeitlich (aus „Hobby“ konnte ich irgendwie kein Adjektiv auf „-lich“ bilden), etc. Und was sollte mich mit 60 davon abhalten, all das zu genießen? Also.

Sicher mag irgendwann der Punkt kommen, an dem es unangenehm wird. Mit hunderten von Gebrechen, gefesselt an Bett, medizinische Geräte und unzählige Medikamente, geistig und körperlich zu nichts mehr fähig… darauf freut sich vermutlich niemand. Aber das ist auch eine extreme Übertreibung des üblichen, ein Worst-Case der ja nicht in der Form eintreten muss oder zumindest kein Dauerzustand sein muss. Ich habe 8 Monate lang Parkinsonpatienten betreut und danach noch 1 Monat lang im Altenheim gearbeitet. Da bekommt man ein gewisses Gefühl dafür, wie gut oder wie schlecht es einen treffen kann. Ich hatte da ja schon eine absolut unrepräsentative Menge von Menschen vor mit, denn jene, die bis zum Schluss fit sind daheim wohnen, bis sie eines morgens nicht mehr aufwachen, habe ich da natürlich nicht zu Gesicht bekommen. Trotzdem macht mir das Alter keine Angst und erscheint mir nicht nach einer Phase, in der man Leiden muss. Und falls es mich doch so treffen sollte? Ich vertraue da auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Bis ich diesen Zustand erreiche gehen noch viele Jahrzehnte ins Land, und bis dahin gibt es dann sicher einer Alternative zur „Lebensverlängerung zu jedem Preis und zum reinen Selbstzweck“. Als die Wurzeln für unser heutiges Moralverständnis gelegt wurden, hatten wir noch keine überalterte Bevölkerung und nicht die medizinischen (Un-)Möglichkeiten die wir nun haben.

Jetzt hätte ich gerne noch einen schönen Abschluss. Als ich mich entschlossen habe, einen Artikel übers Alter(n) zu schreiben, und damit recht chronologisch begonnen habe, hätte mir eigentlich klar sein sollen, dass es mit dem Tod enden würde. Selten etwas erfreuliches, außer eben, wenn das Leben noch unerfreulicher war. Aber kein schöner Abschluss. An der Stelle sollte ich dann wohl neidisch auf gläubige Menschen sein, die können sich immer noch auf den Himmel freuen, da ist das Happy End quasi inklusive. Aber was solls, direkt vor mir liegen ja jetzt erst mal andere Dinge, und ich kann wohl mehr als je zuvor sagen, dass ich mich auf die nächsten Jahrzehnte freue!

Die Welt ist im Wandel. Ich und mein Blog auch.

Lang war’s ruhig in diesem Blog. Wie der vorherige Post vom 14. April 2011 sagt:

„If you read this text, then you’ve already been served by my new server. (…) However, I suspect that the transition might have led to a few minor problems.“

Die Transition der Webseite von einem Server auf eine andere war aber wohl das kleinere Problemchen.

And if you read this text, you’ve been served by my new self 🙂

Ich selbst habe nämlich auch eine Transition hinter mir, von Brian nach Lena, von Mann zu Frau. Weiterlesen