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Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

“I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.”

- Elliot Rodger, zitiert von hier

“Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.”

- Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

“Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.”

- Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: “ich bin eine Frau”, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich “eine Frau bekomme”, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie “den Verstand verlieren” (wobei damit einerseits gemeint sein kann “eine psychische Erkrankung entwickeln” und andererseits “die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun”, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen “in der Natur der Frauen” liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: “sympathy” ist das Englische Wort für “Mitleid”, die Überschrift bedeutet somit “Mitleid mit dem Teufel” und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für “wirklich” nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene “Nice Guy”, “Friendzone” und “Male Tears”, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung “Analyse” weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein “Nice Guy”, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen “Friendzoning” vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und “Male Tears” geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen “die Frauen” zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere “Ratschläge” bekommen als “selbst schuld”, “du Weichei” und “wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.” Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: “Zeigt kein Mitleid für den Täter!” oder “In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!” Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: “Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.” Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion “#aufschrei” mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt “#aufschreistat” gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit “nur” zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in “Beziehungsgespräche” investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich “angekommen” zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Das musste ja kommen: Mein Coming Out als Poly

Wer mir auf Twitter folgt, hat in den letzten Wochen u.a. mitbekommen, wie die Anzahl meiner Tweets zu Polyamorie schlagartig von “0″ auf “ungewöhnlich viel” gestiegen ist. Meine einzige Stellungnahme dazu, wie sehr mich das selbst betrifft, war bisher:

Ich habe also, eher unfreiwillig, die letzten Tage dafür genutzt, darüber intensiv nachzudenken. Bin nicht zu viel anderem gekommen. Selbst mein/unser wichtiges Projekt Aufschreistat liegt seit dem auf Eis, was mir sehr (!) Leid tut. 100% meiner Freizeit für die Selbstfindung zu verbraten kommt mir sehr egoistisch vor, aber mein Unterbewusstsein lässt da gerade nicht wirklich mit sich darüber diskutieren, was sonst gerade wichtig ist. Es tut halt, was es glaubt, tun zu müssen.

Also versuche ich jetzt mal, was aufzuschreiben. Auf dass Kopf und Herz für ein paar Tage Ruhe geben, was das Thema angeht, und mir wieder Raum für anderes lassen.

Das wird jetzt so eine Mischung aus Coming Out, Definitionsversuch, Vergangenheitsverarbeitung (nein, die Vergangenheit wurde in einen zukünftigen Blogpost ausgelagert), Zukunftsträumen und einem Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber allem, was konservative Einstellungen uns sonst zu denken und fühlen verbieten.

Und es wird der Versuch, mein Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen positiv zu interpretieren, nachdem ich Jahrzehntelang nur eigene Defizite darin gesehen habe. Fakt ist, ich schreibe seit etwa Weihnachten 2012 an einem langen, schwierigen Blogpost, in dem ich meine Unfähigkeiten im Zwischenmenschlichen miteinander thematisiere. Dieser hier könnte jenen dort überflüssig machen. Achtet mal drauf, wie oft in diesem Blogpost steht “Ich kann” oder “Ich könnte” steht. In dem anderen, unveröffentlichten Text steht ähnlich oft, was ich alles nicht kann. Positive Thinking FTW!

Und es wird lang. Auch das tut mir Leid, aber gerade muss ganz viel raus. Ich habe mich aber sehr bemüht, es dennoch in eine verständliche Struktur zu bringen.

Was ist Polyamorie?

Ich bin nicht geeignet, da eine exakte Definition zu geben. Fuck, ich hab bis jetzt nicht mal den gleichnamigen Wikipedia-Artikel gelesen! (Vorsicht, der ist noch länger als mein Blogpost hier.) Was soll ich also dazu sagen? Ich habe natürlich eine eigene Vorstellung davon, was das für mich bedeutet, aber die kann ich schlecht hier vorweg nehmen, die baut sich durch den Artikel hindurch nach und nach auf.

Aber ich probiere es mal so ganz grob mit einer höchst persönlichen Definition ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

Polyamorie umfasst eine Menge von Beziehungsformen, Einstellungen und Handlungsweisen, die darauf abzielen, intime Kontakte zu mehr als einer anderen Person gleichzeitig zu führen. Intimität kann sich hier sowohl sexuell, als auch in nicht-sexuellem Körperkontakt oder gänzlich ohne Körperkontakt ausdrücken, und natürlich vielfältige emotionale Verbindungen enthalten. All diese Kontakte finden im Konsens und Wissen aller beteiligten statt.

Aber prinzipiell schwebt mir gerade etwas anderes vor, als allgemeingültige Definitionen. Ich will zeigen, was das für mich selbst bedeutet.

Die Grenze zwischen Freundschaft und Partnerschaft…

…war für mich immer schon schwierig. Aber ich hatte die Vorstellung, die Grenze wäre nunmal da und müsste von mir auch akzeptiert werden.

Zunächst hat beides für mich die selbe Zielgruppe: Die Charaktereigenschaften, die jemanden für mich als gute Freund_in interessant machen, sind die selben, die ich auch von einer potentiellen Partnerin erwarte. Und aus irgendwelchen Gründen – sorry, Jungs – kann ich mir wirklich enge und erfüllende Freundschaften fast nur mit Frauen vorstellen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Partnerschaften passieren für mich also so: Ich treffe eine Frau, verstehe mich gut mit ihr, wir werden gute Freundinnen. Es folgt einige Zeit, in der wir viel Spaß miteinander haben. Und dann wird plötzlich “mehr” daraus. Vielleicht auch nie, das ist für mich auch o.k. (Das ist übrigens der Punkt, wo ich mich schon immer von “friendzone-critical nice guys” unterschieden habe.)

Das war schon immer ein universelles Muster meiner Beziehungs-Anbahnung, und ich denke, vom Ablauf her ändert sich auch jetzt nichts daran.

Und dann wird “mehr” daraus?

Was aber nun ins Wanken gerät, weil es eigentlich nie auf einem festen Sockel stand: Worin besteht eigentlich dieses “mehr”?

  • Es könnte sexuelle Anziehung sein.
    • Aber die passiert im Kopf, und bei mir bleibt sie u. U. auch da. Ich kann eine Frau sehr sexy finden, aber trotzdem “ganz normal” mit ihr umgehen, so dass sie sich niemals objektifiziert fühlen muss
    • Und ich kann eine glückliche (auch sexuelle) Beziehung zu einer Frau aufbauen, die gar keine besonders große optische Anziehung auf mich hat.
  • Es könnten sexuelle Handlungen sein.
    • Aber ich kann auch eine sehr innige Beziehung führen, die dauerhaft ohne Sexualität auskommt. Das schaffen asexuelle Personen, und ich als demisexuelle schaffe das ebenso.
    • Genauso gut könnte ich sexuelle Kontakte zu Menschen haben, zu denen ich keine Beziehung führe.
  • Es könnte Zärtlichkeit sein, wie z.B. Umarmen, Küssen, Kuscheln.
    • Aber ich finde, das können teilweise auch wichtige Elemente in einer Freundschaft sein.
    • Und ich kann eine Art Beziehung zu einer Person führen, die nichts von alledem enthält, und auf einer seelischen Ebene dennoch inniger ist als so machne sexuelle Beziehung anderer Menschen.
  • Es könnte die seelische Verbundenheit sein.
    • Aber die kann auch im Rahmen einer Freundschaft beliebig groß sein. Ich bin in der Lage, mit einer anderen Person komplett zu verschmelzen, und kann es dennoch Freundschaft nennen.
    • Ich kann auch in einer Partnerschaft sein, in der die seelische Verbundenheit (zeitweise?) relativ gering ist, aber sie dennoch aufrecht erhalten, weil sie sich für uns beide trotzdem gut anfühlt.
  • Es könnte der gemeinsame Haushalt sein.
    • Aber ich kann auch in einer WG mit Freund_innen wohnen.
    • Oder eine romantische Beziehung führen, bei der alle ihre eigenen Wohnung haben.
  • Es könnte die Exklusivität sein.
    • Aber auch in reinen Freundschaften gibt es ab und zu Eifersucht und Anspruchsdenken, und auch ich kann mich nicht davon freisprechen.
    • Und auch in einer Beziehung, gerade wenn ich die andere Person liebe, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute. Wir könnte ich von einer Person, die ich liebe, verlangen, dass sie sowohl im Geben als auch im Nehmen auf Nähe zu anderen Menschen verzichtet? Wie kann eine Person, die mich liebt, mit das nehmen wollen?

Fazit: Mein Konzept davon, was Freundschaften sind, und was Partnerschaften, ist am Boden zerschellt und in 1000 Teile zersprungen. Und das ist toll!

Denn dieses Konzept hat eh noch nie zu meinen Gefühlen gepasst. Wie meine Partnerschaften entstanden sind, und wie sie wieder geendet haben, kam mir komisch vor, und in einem offeneren Begriffsraster kann ich sowohl das, was war besser erklären, als auch mir alternative Anfänge, Mitten und Enden vorstellen, die besser gewesen wären.

Hab ich gerade “meine Partnerschaften” geschrieben, im Plural? Bis zum heutigen Tage habe ich immer gesagt, ich hatte bisher nur eine Partnerschaft gehabt. Aber es gab da eine intensive Freundschaft in meinem Leben, die für mich immer schon ein bisschen wie eine Beziehung war, und nun weiß ich: wenn ich das schon sprachlich entweder als Freundschaft oder als Beziehung/Partnerschaft einordnen muss, dann doch lieber letzteres. Zumindest ein paar intensive Wochen innerhalb dieser vielen Jahre haben diese Bezeichnung verdient und damit fühle ich mich wohler. (Auch wenn meine “erste Partnerin” das vielleicht ganz anders sehen würde. Das sei ihr unbenommen.) (Nachtrag vom 25.2.2013: Nein, solange ich da einteilen *muss*, fühle ich mich eigentilch gar nicht mehr wohl. Das, was wir zwei damals miteinander hatten, lässt sich einfach nicht mit diesen alten Worten beschreiben.)

Wie zukünftige Beziehungen für mich aussehen könnten

Für die Zukunft gab es immer schon widerstrebende Ziele, zwischen denen ich mich scheinbar entscheiden müsste. Jetzt kommen mehr Möglichkeiten dazu, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf weniger davon verzichten zu müssen.

Ich kann jetzt, ganz plötzlich, Dinge denken, die früher undenkbar waren. Nicht nur das: Ich kann sie träumen. Sie fühlen. Die Vorstellung genießen.

Ich kann mir nun vorstellen…

  • … dass ich zwei nette Frauen kennenlerne, und wir eine absolut gleichberechtigte Dreierbeziehung aufbauen. Vielleicht “ganz klassisch” einen gemeinsamen Haushalt führen, Kinder bekommen, eine Familie sind, und wir uns dazu entscheiden, dass diese Beziehung nach außen ziemlich geschlossen ist. Wenn das Gesetz das irgendwann erlaubt, heiraten wir drei vielleicht auch.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer einzigen Frau führe, die ein bisschen offener ist, und uns beiden emotional und sexuell mehr Freiheiten lässt.
  • … dass ich viele Freundschaften führe, von denen mehrere auch zärtliche, romantische oder sexuelle Elemente haben, ohne dass diese dadurch einen formellen Beziehungsstatus haben.
  • … dass ich eine Beziehung zu einer Frau führe, und diese jemand anderes kennenlernt, der ihr_e neue Hauptpartner_in wird. Unsere Beziehung wird zu einer Freundschaft “zurück gebaut”, aber diese Freundschaft bleibt sehr innig und ich bleibe ein wichtiger Teil ihres Alltags, und wenn wir Lust haben, “alte Zeiten” wieder kurzzeitig aufleben zu lassen, dann ist das für alle o.k.
  • … dass ich zusammen mit einer bisexuellen Frau Teil einer dauerhaften Konstellation mit einem Mann bin. Dabei würde ich wohl nur mit ihr Sexualität teilen, da Männer für mich sexuell sehr uninteressant sind. Aber es könnte zwischen ihm und mir eine enge emotionale Verbindung und gegenseitige Verantwortung bestehen, vermutlich auch Kuscheln.
  • … dass ich eine extrem intensive Beziehung zu einer Frau führe, in der es trotzdem keine Sexualtität gibt. Vielleicht wollen wir beide das nicht, vielleicht nur eine von uns. Und vielleicht lebt die andere von uns ihre Sexualität woanders aus. Vielleicht liegt das daran, dass ich und/oder sie nocht nicht damit klarkommen, wie mein Körper derzeit beschaffen ist, und ändert sich später einmal, wenn sich auch mein Körper geändert hat.
  • … dass ich eine monogame, treue Beziehung zu einer Frau führe, und mein Leben in der Zeit keine polyamoren Elemente hat, und das “besondere” ist nur, dass wir uns ganz freiwillig und im Bewusstsein aller Alternativen genau dafür entscheiden. Nicht, weil das eben so sein muss.
  • … dass ich über Jahrzehnte Teil einer “durchgehenden” Beziehung bin, in der alle paar Jahre mal jemand dazu kommt oder jemand ausscheidet, wie in einer WG oder einer Rockband, die ja auch ein Stück weit ihre Identität behält, selbst wenn keines der Gründungsmitglieder mehr dabei ist.
  • … dass für mich die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Beziehung noch weiter zerspringt, so dass ich (anders als bei den Vorherigen Beispielen) gar nicht mehr in der Lage bin, mein Verhältnis zu anderen Menschen mit diesen Begriffen zu umreißen. Oder es kommen viele neue, evtl. scharf abgegrenzte Kategorien hinzu.

Und es könnte, gleichzeitig, zeitlich überschneidend oder auch einfach nacheinander vieles von dem da oben eintreten, nicht nur eines.

Was aber nicht mehr sein kann:

  • … dass ich eine Beziehung führe, bei der von Seiten meiner Partnerin_nen die Erwartung besteht, dass meine Freundschaften emotional sehr oberflächlich bleiben und es keinerlei Körperkontakt gibt. Das ist eine Mindestanforderung an Freieheit, die auch für Mono-Beziehungen gelten sollte, aber das war bei mir leider nicht immer so.
  • 1000 andere legitime Formen der Beziehung, die ebenfalls unter den Begriff “Polyamorie” fallen, aber für mich nicht interessant oder denkbar sind. Mir fehlt da gerade die Kreativtät, um mir solche Negativbeispiele auszudenken, aber es gibt da sicher einiges.

Was fehlt?

Jeder Mensch ist anders. Ich auch.

Ich kann mich daher nur sehr oberflächlich da hinein versetzen, wie mein Artikel bisher auf Leser_innen wirkt, für die Polyamorie ein eher entferntes Konzept ist. Überraschung? Überforderung? Erkenntnis? Sorge? Ekel? Das Gefühl moralischer Überlegenheit? Ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick fehlt vielleicht vieles, was eine “normale” Zweier-Beziehung so schön macht. Nähe. Verantwortung. Dauerhaftigkeit. Romantik. Aufopferung. Sicherheit. Liebe. Magie. Ich genieße all diese Dinge, möchte das meiste davon nicht missen. Ich liebe und lebe diese “klassischen Werte”. Meine letzte Partnerin und ich hatten das alles damals sehr zelebriert. Für die meisten waren wir “Das Traumpaar” oder “Der Beweis, dass die wahre Liebe doch noch existiert”. Kritischere Menschen hätte – wenn ich damals welche gekannt hätte – das als “übelstes Rumheten” bezeichnet, immerhin waren wir damals noch als Mann und Frau identifiziert. (“Rumheten” kenne ich übrigens aus diesem Blogpost von Khaos.kind, wo ich mich im November 2012 in den Kommentaren auch erstmals zu Poly-Konzepten äußerte) Es ist nicht so, als wenn ich all das bewährte nun wegwerfe und eine Liebe abseits dessen suche. Ich rücke es nur in einen neuen, erweiterten Kontext.

Von den meisten Beispielen, die ich oben kurz angerissen habe, lassen sich “defizitäre” Ausprägungen bilden. Das heißt, mensch kann sich jeweils vorstellen, dass sowas komplett daneben gehen kann, oder dass es für mindestens eine der Beteiligten sehr unzufriedenstellend verläuft. Aber das gleiche gilt für monogame Beziehungen, auch die verlaufen oft suboptimal oder sogar schädlich. Polyamorie ist sicher nicht das Allheilmittel, aber auch keine per se problematische Sache. Es bieten sich einfach viel mehr Gestaltungsfreiheiten, die sich zum Guten wie zum Schlechten nutzen lassen.

Auch ist es bei vielen der Beispielen leicht möglich, sich eine egoistische Variante vorzustellen, bei der zwar für mich alles toll läuft, besser als in einer Mono-Beziehung, aber die anderen Partner_innen darunter leiden. Aber nichts läge mir ferner. Ich denke, ich bin sogar recht weit bereit, andersherum meine eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es meinen Herzensmenschen dadurch gut geht. (Allerdings auch nur, solange das freiwillig geschieht, ich stehe gar nicht drauf, unterdrückt zu werden.)

Ich gehe derzeit davon aus, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, mehrere Menschen gleichzeitig von ganzem Herzen zu lieben. Eine Zeit lang dachte ich, damit fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für Polyamorie jeder Art, so dass mich das ganze Konzept nicht sonderlich angesprochen hat. Jetzt weiß ich, dass nicht alle polyamoren Beziehungsformen diese Grundvoraussetzung haben. Durch diese eine Unfähigkeit fallen manche (aber längst nicht alle) der Zukunftsvisionen von oben für mich weg, z.B. die oberste. Das heißt, ich kann mir das als angenehme Vision vorstellen, aber fürchte, das diese Variante in der Praxis nicht für mich funktionieren würde.

Wenn ich in einer Beziehung bin, brauche ich eher viel Zuneigung, nicht alle oben aufgelisteten Alternativen können das bieten. Daher sind nicht alle auf Dauer für mich geeignet, aber zwischendurch für ein paar Monate oder Jahre vielleicht eine schöne Sache und besser, als komplett allein zu sein. Oder parallel zu anderen Konstellationen, die mir die nötige Zuneigung bieten. Aber ich brauche eben nicht alle Zuneigung, vermutlich nicht mal das allergrößte Stück. Ich kann teilen.

Ich suche nach Wegen, bei denen prinzipiell nichts fehlt, sondern mehr drin ist.

Normale Freundschaften

Ich habe oben mehrfach betont, dass auch relativ “gewöhnliche” Partnerschaften Teil meines weiteren Lebensentwurfs sein können, da mir das erwähnenswert erschien. Im Bereich der Freundschaften ist das für mich so selbstverständlich, dass ich es fast vergaß, auszuschreiben:

Ich respektiere natürlich nach wie vor, dass für viele andere Menschen eine ganz klare Trennung zwischen Freundschaft und Partnerschaft besteht. Wer mit mir befreundet ist, braucht sich keine Sorgen machen. Persönliche Freiheitsräume, Konsens, Respektieren von Grenzen… all das ist mir wichtiger als je zuvor. Für alle, die nicht plötzlich das dringende Bedürfnis entwickelt haben, mit mir zu kuscheln, ändert sich nichts :)

Ansonsten hoffe ich durchaus, dass auch meine Freundschaften sich in gewissen Weisen positiv verändern. Das hängt für mich ganz persönlich auch mit dieser ganzen Poly-Sache zusammen, aber jener Zusammenhang wird aus diesem Blogpost nicht ersichtlich, wie ich das meine. Das konkretisiere ich ein andern mal.

Warum so plakativ?

Warum schreibe ich das alles? Posaune es im Netz heraus? Mache mich damit ggf. angreifbar?

Wie gesagt, ganz zu Beginn war das für mich schwer, mich dazu zu positionieren. Aber eigentlich habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit Coming Outs. Das erste, als Transsexuelle, war noch schwierig. Das zweite, als Lesbe, ging gleich damit einher und nichts hätte einfacher sein können als das.

Beides hat mir gezeigt: es tut gut, sich nicht mehr zu verstecken. Es macht keinen Sinn, etwas anderes darzustellen, als eins ist. Durch die Positionierung verliert eins ggf. einige Menschen, die nicht damit klar kommen, aber gewinnt sehr viele neu dazu, die genauso fühlen. Oder die vielleicht ganz anders fühlen, aber Diversity für sich als etwas positives entdeckt haben und einen vielfältigen Freundeskreis schätzen.

Meine Poly-Einstellung ist vermutlich genauso grundlegend für meine Identität wie meine Geschlechtsidentität als Frau oder meine sexuelle Orientierung als Lesbe. Vielleicht noch wichtiger. Jetzt, wo mir das alles bewusst ist, käme es mir unehrlich vor, es zu verschweigen.

Ich schäme mich kein bisschen, weil ich glaube, dass niemand sich dafür schämen muss. Ich halte meine Einstellung für nicht mehr oder weniger ethisch als die allgemein übliche monogame Einstellung. Nur eben etwas anders, und wohl auch etwas anspruchsvoller. Nichts, dass ich jedem uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen würde, wohl aber zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Sicher wird es Menschen geben, die mich dafür kritisieren. Aufgrund meiner abstrakten Erklärung hier halte ich das für unangebracht – ich werde in meinem restlichen Leben noch genug Fehler in solchen Poly-Beziehungen machen, um dann konkrete Kritik anzunehmen.

Ich werde wohl keine große “Ich bin auch Poly”-Outing-Welle nach mir ziehen. Aber wenn ich mit meinem offenen Umgang ein Stück weit Vorbildfunktion für irgendwen habe, ist das toll.

Vielleicht ist das auch alles leicht übertrieben, und nachdem das in meinem Kopf alles etwas runter gekühlt ist, könnte es sein, dass das Thema wieder uninteressanter für mich wird und mein Leben überwiegend monogam verläuft. Wer weiß. Solange ich in einer Welt lebe, in der die große Mehrheit der Menschen monogam geprägt sind, ist das wohl sogar das wahrscheinlichste. Aber selbst dann wird es eine positive Auswirkung darauf haben, wie ich diese Partnerschaften mitgestalte.

Und jetzt für den Moment fühlt es sich großartig an, frei darüber zu denken, zu träumen, zu planen, zu hoffen, zu schreiben und zu sprechen. Der Gedanke an all die Möglichkeiten, zu lieben, macht mich total high. Ich teile das gerne und würde platzen, wenn ich das alles weiter für mich behalten müsste! Freut euch gefälligst alle ein bisschen für mich mit! :)

PS:

Der Blogpost ist lang geworden. Alle, die bis hier durchgehalten haben, habe ich besonders lieb! Aber natürlich auch die, denen es zu lang war.

Und dabei ist es nur die Hälfte von dem, was ich sagen wollte. Es gibt eine andere Hälfte, in der es um mein bisheriges Leben geht, und wie mich die Verweigerung von Poly-Gedanken darin behindert hat. Das folgt demnächst als einzelner Blogpost, da dieser ja doch ganz gut allein für sich stehen kann.

#aufschreistat – Statistische Analyse des Aufschreis

Wichtig: Projektkoordination

Trotz der frühen Phase gab es jetzt schon mehr Hilfsangebote, als ich im Kopf behalten kann, und die Kommunikation über Twitter ist, nunja, schwierig. Hier ein paar Links:

Ich selbst komme vor 20 Uhr (Dienstag) nicht dazu, weiter zu koordinieren, etc. – habt bitte etwas Geduld, oder – noch besser – organisiert euch ein wenig untereinander. Danke!

Warum überhaupt auswerten?

Zur Hashtag-Aktion #aufschrei ist viel wahres, kluges und vor allem emotionales geschrieben worden – siehe dazu z.B. die Blogposts, deren Verlinkungen ich in den letzten Tagen retweetet habe (für eine ordentliche Linksammlung hier fehlt mir gerade Zeit und Kraft). Ich stimme all dem nicht nur sachlich zu, sondern kann auch die darin beschriebenen Gefühle nachvollzielen, habe vieles davon in den letzten Tagen selbst so gespürt. Emotion gehört dazu und ist wichtig. Auch Emotionen stoßen Debatten an.

Aber diese Debatten kommen dadurch nicht unbedingt weiter. Dies ist keine Kritik an Emotionen, es ist der Versuch, diese durch sachliche Fakten und Analysen zu ergänzen, zu stützen und rational begreifbar zu machen.

Ich habe in den ersten 70 Stunden seit dem Beginn von #aufschrei mehr als die Hälfte jener Zeit mit dem Lesen der #aufschrei-Tweets verbracht und nur sehr viel weniger mit Schlafen. Soweit ich das abschätzen kann, habe ich fast alle #aufschrei-Tweets, die seit dem direkt in meiner TL landeten, gelesen. Das dürften etwa 1000 solcher Tweets gewesen sein, somit aber deutlich weniger als 2% aller #aufschrei-Tweets überhaupt. Damit habe ich keinen repräsentativen Überblick über alles, was aufgeschie(b)en wurde. Vermutlich hat kein Mensch auf der Welt das in diesem Moment.

Diverse klassische Medien haben #aufschrei-Tweets zitiert, und die jeweilige Auswahl schien zufällig (was ja immerhin repräsentativ ist) oder aus einem sehr kleinen Sample bewusst ausgewählt. Die Medien haben es damit nicht geschafft, die Menge, Vielfalt und Intensität des #aufschrei zu vermitteln.

Neben der Ursprungs-Aussageform – des Kurzberichtes über ein konkretes sexistisches Erlebnis – entstanden schon bald Meta-Aussagen, die versuchten, Verallgemeinerungen zu treffen. Auch ich habe mich darin versucht, erhielt Zustimmung durch Retweets und Kritik in Form von Antworten durch Menschen, die meine Aussage (wohl meist absichtlich) missverstanden. Aber letztlich waren das sowieso immer Aussagen über Momentaufnahmen meiner Filterbubble und somit ohne globale Bedeutung.

Nun möchte ich dazu beitragen, die Debatte auf das nächste Level zu erheben: den Blick auf die Gesamtproblematik, das Abwägen verschiedener Teildimensionen des Problems oder auch der Teilprobleme, und auf die neuartigen Erkenntnisse die nur durch eine solche Gesamtbetrachtung gewonnen werden können.

Ich denke nicht, dass der Erfolg der Aktion nach der folgenden Formel funktioniert: Tweeten -> sammeln -> statistisch anlysieren -> Erkenntnisse -> bessere Welt. Aber ich bin überzeugt, statistisch fundierte Erkenntnisse helfen dazu, dass die Aktion insgesamt erster genommen wird, dass die Debatte intensiver geführt wird, und letztlich, dass sie konstruktiver abläuft und konkretere Ergebnisse hat.

Technisches

Eine bedeutungsvolle Analyse geht nur mit technischen Hilfsmitteln, aber die allein reichen nicht. Vorausgesetzt, die mehr als 60.000 #aufschrei-Tweets lägen mir gebündelt vor – und das wird vermutlich bald der Fall sein – wären vollautomatische Auswertungen nur auf Wortebene praktikabel, z.B.: Wie oft kommt das Wort “Sportlehrer” vor? (Vermutung auf Basis des bisher manuell gelesenen: extrem oft.) Allein die Einteilung in zustimmende Tweets vs. Versuche, die Aktion zu kritisieren, relativieren, ins Lächerliche zu ziehen oder einfach nur zu trollen, halte ich für so gut wie gar nicht automatisierbar. Und selbst damit würden wir nur an der Oberfläche der darin verborgenen Erkenntnisse kratzen.

Ich halte es für nötig, die Informationen aus den Tweets in eine “maschinenlesbare” Form zu bringen. Das kann prinzipbedingt nicht von Maschinen erledigt werden. Mir schwebt dabei vor, den Tweets per Hand Tags zuzuordnen, welche sich danach auswerten lassen. Tags sind dabei semi-strukturierte Informationen, die einem losen Schema folgen. Dieses legt nahe, dass bereits vorhanden Tags identisch weiter benutzt werden, aber erzwingt dies nicht. Das ist wichtig, damit einerseits ähnliche Tweets mit gleichem Tag versehen werden, aber andererseits neu- bzw. andersartige Tweets, die neue Aspekte betreffen, nicht in ein starres, vorgefertigtes Raster gepresst werden.

Dazu braucht es Menschen, die das tun. Menschen, die all diese (teils schmerzvollen) Tweets nochmal aufmerksam lesen und kategorisieren. Das klappt nur, wenn viele Mitmachen. Und es brauch die Software, um diesen verteilten Aufwand zu koordinieren. Ich werde diese Software schreiben.

Ich möchte hier nicht zu technisch werden. Dies geschieht stattdessen auf der Projekthomepage “aufschreistat” bei GitHub. Viel gibt es dort noch nicht zu sehen, die aktuelle Version kann nichts, außer Tweets in die Datenbank schreiben. Updates zur Aktuellen Entwicklung twittere ich außerdem unter dem Hashtag #aufschreistat.

Die eigentliche Auswertung gilt es dann noch zu klären. Vieles lässt sich direlt als SQL-Abfrage schreiben, vorallem da in der Datenbank fast alle Spalten indiziert sind, incl. Volltext-Index auf den Tweet-Inhalten. Für manche Auswertungen wird spezieller Java-Code nötig sein. Und dann könnte es auch noch Exporte der angereicherten Daten geben, die dann in professionelle Statistik-Software einfließen könnte.

Datenquellen

Die Daten direkt von Twitter zu erhalten ist nicht einfach. Derzeit sieht der Datenbestand wie folgt aus:

  • Freitag 00:00 bis Freitag 11:00 – fehlt
  • Freitag 11:00 bis Montag 11:00 – vollständig durch den Datensatz von Soviet.tv
  • Montag 11:00 bis Dienstag 01:26 – fehlt
  • Dienstag 01:26 bis Dienstag 03:27 – teilweise vorhanden
  • Dienstag 3:27 und danach – vollständig dank eigener Sammlung

Es gibt technisch die Möglichkeit, von Twitter bis zu 150.000 vergangene Tweets zu einem Suchkriterium zu erhalten, was allerdings eine spezielle Genehmigung durch einen hochrangigen Twitter-Mitarbeiter erfordert. Diese habe ich bereits per Mail angefordert, wobei ich versucht habe, die gesellschaftliche Bedeutung von #aufschrei zu erläutern. Hoffen wir mal, dass ein positiver Bescheid kommt, noch bevor die Anzahl der #aufschrei-Tweets 150.000 überschreitet.

Mitmachen

Im Moment ist mir bei der Software-Entwicklung kaum zu helfen – die Software ist noch in einem so embryonalen Zustand, dass eine kooperative Arbeit am Code praktisch nicht möglich ist. Aber das wird sich hoffentlich in 1 bis 2 Tagen ändern. Wie das dann genau aufläuft, wird sich zeigen – dies ist zugegebenermaßen das erste Mal, dass ich ein Open-Source-Projekt auf github leite.

Nachtrag 6:41: Wozu aber jetzt schon jede_r herzlich eingeladen ist: Vorschläge machen, welche Fragestellungen wichtig und interessant sind, die sich evtl. aus den Daten herausziehen lassen. Konkrete Vorschläge, welche Arten von Inhalten getaggt werden könnten. Weitere Wünsche, welche Funktionen die Software erfüllen sollte oder könnte. Alles, was dabei hilft, das grobe Konzept was mir derzeit vorschwebt so zu erweitern, dass nicht nur mein Wissensdurst durch die Ergebnisse befriedigt wird, sondern alle den Erkenntnisgewinn bekommen, den sie sich davon erhoffen.

Sobald die Software Form angenommen hat und nutzbar ist, braucht es viele viele fleißige, mutige Helferlein, die sich durch die Tweets durcharbeiten, sie lesen und mit Tags versehen. Um alle Tweets zu zu verarbeiten, bräuchten wir etwa 1000 Stunden an gespendeter Zeit, des entspricht 125 vollen Arbeitstagen. Ich weiß, so viel werden wir nicht bekommen. Aber damit die Ergebnisse repräsentativ werden, reicht es, wenn wir einen signifikanten Anteil davon verarbeiten – das Programm wird die Tweets in zufälliger Reihenfolge anzeigen, um einen repräsentativen Querschnitt abzubilden. Und das können wir schaffen.

Damit das möglich wird, muss das Projekt bekannt werden. Jetzt wäre es zu früh dafür, noch ist es ein Luftschloss. Aber in 1 bis 2 Tagen hoffe ich auch eine Menge Retweets und ähnliches.

Abschließendes

Mich hat die ganze Sache in den letzten Tagen sehr mitgenommen. Ich musste mich zwar nicht erbrechen und habe auch nicht im nennenswerten Maß geweint, aber das war’s auch schon, was ich positives über meinen Zustand sagen kann. Prinzipiell könnte ich viel anderes, nicht-technisches zu diesem Thema schreiben. Aber momentan versuche ich, meine Energie dahin zu kanalisieren, wo es nützlich ist und wo der Aktivismus derzeit unterrepräsentiert ist. Und das ist nun mal gerade #aufschreistat.

Ich hoffe, dass diese Aktion, zusammen mit all dem was andere im Rahmen von #aufschrei leisten, dazu beiträgt, dass die Debatte nicht vorschnell wieder abebbt. Ich wünsche mir einen Protest, der um ein vielfaches größer ist als das, was wir jetzt haben. Das mediale Echo der letzten Tage hat gezeigt, wer die Massengesellschaft repräsentiert und was diese angeblich denkt. Für mich war das schockierender als die durch #aufschrei aufgedeckten Übergriffe selbst, denn bis dahin konnte ich noch glauben, dass nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland offen sexistisch ist. Nun scheint es mir, als ob entweder eine absolute Mehrheit sexistisch motiviert ist – das schließt ausdrücklich auch Frauen mit ein – oder als wenn eine sexistische Minderheit es erfolgreich schafft, sich als Mehrheit zu präsentieren. So oder so ist das ein Zustand, den ich nicht kampflos hinnehmen werde.

Kämpfen, hieß in den letzten Tagen: lesen, hören und fernsehen schauen. Gelegentlich twittern. Kämpfen, das heißt jetzt gerade, Code schreiben und technische Blogposts verfassen. Kämpfen, das wird in den nächsten Tagen heißen, statistische Analysen durchzuführen und Aussagen abzuleiten, um damit viele zu überzeugen, die den #aufschrei noch für einen unnötigen und nervigen Kurzzeittrend halten.

Und dann wird Kämpfen hoffentlich für mich und tausende andere heißen: raus auf die Straßen, einen lauten und sichtbaren Protest veranstalten, der sich mit den monatelangen Studierendenprotesten von 2009 messen kann.

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der “Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen”. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur “kurz” anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei “Abwehrmechanismen”, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon “Frau” macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop “Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt” auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf “die anderen” zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text “Täter” extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie “Informatiker” demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von “Männergewalt gegen Frauen” einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie “männliche Opfer” anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff “rape culture” zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise “einvernehmlichen Versöhnungssex” überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren “Surprise Sex” freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung “tarnen” muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und “nachzuprüfen”. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche “Vergewaltigungs-Rollenspiele”. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht “rape fantasy”, sondern nur bei “actual rape” klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch “in der Mitte der Gesellschaft”, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die “üblichen” Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort “Triggerwarnung” oder die Abkürzung “TW” benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept “TW” findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der “political correctness” – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes “Hey Süße!” von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff “sexuelle Gewalt” zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei “Die komische Olle”. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst “Hey Süße!” in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt “aus versehen vergewaltigen”? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine “versehentlichen” Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung “ohne böse Absicht” ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem “ersten Mal” erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für “normal” gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung “legal”, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur “unschön”. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte “juristisch wurde da korrekt geurteilt” wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit “der findet das moralisch total in Ordnung” und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht “erlaubt” ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht “keine Vergewaltigung”), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der “Notwehr” auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept “Nothilfe“, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst “wie üblich” angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. “Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.” dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Lesben und Kinderwunsch – ein Grund für mich als Transfrau mal einen “echten” Safe Space aufzusuchen

Ich hab ja kürzlich über meine Erfahrungen und Nachdenklichkeiten bei der Nutzung von “impliziten Safe Spaces” erzählt, also Räumen, in denen sich nur Frauen aufhalten und sich daher eventuell sicherer fühlen als in ihrem Alltag. Vor einer Woche habe ich auch erstmals einen “richtigen” Safe Space für Frauen besucht, worüber ich kurz berichten möchte.

In Braunschweig findet vom 3. bis 23. Februar der “warme Winter” statt. Da dieser Zeitraum mit ca. -14 Grad begonnen hat, ist offenbar nicht die Außentemperatur gemeint, sondern erst geht um Veranstaltungen im LGBT-Kontext. Dazu gehörte z.B. auch der Gesprächs- und Informationsabend “Lesben und Kinderwunsch” (PDF) in der Frauenberatungsstelle Braunschweig.

Für mich ist ein sehr interessantes Thema, das mich natürlich auch persönlich betrifft. Schließlich ist für mich schon lange klar, dass ich irgendwann Kinder haben möchte. Mein Coming-Out als Transfrau und Lesbe ändert nichts daran, macht die Sache höchstens etwas komplizierter. Wenn und falls ich in einigen Jahren die Frau meines Lebens kennen gerlernt habe, die mit mir eine Familie gründen möchte, dann werde ich bereits rechtlich als Frau anerkannt sein und auch körperlich mehr Frau als Mann – aber damit auch absolut und unumkehrbar unfruchtbar sein. Uns werden dann praktisch alle Probleme betreffen, die auch andere lesbische Paare haben.

Hinzu kommen natürlich noch weitere Probleme, allen voran eine gesellschaftliche Ablehnung die noch weit über die hinausgeht, die Homosexuelle Eltern bereits erleiden. Wie weit das – selbst im Schwullesbischen Umfeld – geht, sieht man an diesem Artikel über schwangere Transmänner und an den zahlreichen verachtenden Kommentaren dazu.

Nur für Frauen

Die oben genannte Veranstaltung war ausdrücklich nur für Frauen bestimmt und fand in Räumen statt, die generell nur durch Frauen genutzt werden, insbesondere auch durch lesbische Frauen und weibliche Gewaltopfer. Das ist so ziemlich der Inbegriff eines typischen Safe Space. Was ich also zuvor zu meinem Umgang mit “impliziten Safe Spaces” geschrieben hatte gilt hier umso mehr. Ich muss mir Gedanken machen ob ich hier willkommen bin und wie meine Anwesenheit ggf. auf andere wirkt.

Im feministischen oder anderen gender-kritischen Kreisen ist es durchaus üblich, besondere Formulierungen zu verwenden um Menschen und ihr Geschlecht zu bezeichnen. Das geht meist weit über das “gendern” mit Binnen-I hinaus. So wird oft nicht von “Frauen”, sondern von “Frauen*” gesprochen, um damit auch Transfrauen (und ggf. weitere Menschen mit weiblicher Identität) einzuschließen. Teilweise kann “Frauen*” auch Transmänner einschließen, da auch diese durch ihren Körper und ihre Lebenserfahrungen typisch weiblichen Problemen ausgesetzt waren oder immer noch sind.

Dass die Frauenberatungsstelle aber in der Ankündigung einfach nur von “Frauen” sprachen, konnte somit zwei Dinge bedeuten: Entweder achtet man hier nicht sonderlich auf derartige Sprachkonzepte, oder man möchte sich wirklich nur an Cisfrauen richten (also Frauen, die nicht Transsexuell sind).

Fragen kostet nichts

Anstatt lange rumzurätseln habe ich einfach kurz eine Email geschrieben und mich darin als transsexuell zu erkennen gegeben und gefragt, ob meine Teilnahme gestattet bzw. gewünscht ist. Aus der Schriftkommunikation wurde schnell ein Telefonat. Die Veranstalterin war sichtlich überrascht von meiner Anfrage und meiner Offenheit. Mit Transfrauen hatte sie schlichtweg nicht gerechnet und keine Erfahrung. Davon war ich dann wiederum verwundert. Ich konnte ihr bzw. ihren Mitarbeiterinnen natürlich nicht anlasten, vielmehr deutet das wohl darauf hin, dass andere Transfrauen die Angebote der Frauenberatungsstellen nie wahrnehmen. Merkwürdig.

Alles in allem war es gut, dass ich vorher dieses Telefonat geführt habe. Denn dabei konnte ich meine persönliche Situation schon vorweg erklären, konnte gewisse Bedenken ausräumen, und erfuhr auch etwas über den geplanten Ablauf. Ich dachte nämlich, dass es eher ein Vortragsähnliches Format wäre, bei dem viele Zuhörerinnen eher anonym und passiv teilnehmen. Stattdessen war es eine sehr kleine Gruppe im Sitzkreis, die mit einer Vorstellungsrunde eröffnet wurde. Dank des Vorgesprächs konnte ich mich darauf schon mal etwas vorbereiten und mir überlegen, ob und wie ich in der Vorstellung meine Transsexualität thematisiere.

Ein netter Abend

Der eigentliche Infoabend selbst war sehr informativ. Ich war die letzte der fünf Frauen die sich vorstellte, und kam schnell zum Punkt dass ich TS bin und glaube, dass meine Situation dennoch viele Gemeinsamkeiten mit der der anderen Teilnehmerinnen hat. Ich habe mir natürlich keine TS-spezifischen Erkenntnisse von dem Abend erhofft und habe mich auch weitestgehend zurück gehalten, meine speziellen Problemchen in den  Vordergrund zu stellen. Es ging um diverse Themen: (Stiefkind-)Adoption, Pflegeelternschaft, Samenspende, Insemination, Sorgerecht… Aber da ich mich in den letzten Monaten selbst schon gut zu der Thematik belesen hatte, konnte ich mich doch in den meisten Bereichen recht gut einbringen und ein paar Infos beisteuern, die sicher für alle hilfreich waren. Und vor allem habe ich auch sehr viel von den Recherchen und Erfahrungen  der andere Frauen profitiert. Rein sachlich war es in jedem Fall lohnend.

Und gefühlsmäßig? Ich habe mich in der kleinen Runde wohlgefühlt und hatte auch das Gefühl, dass keine der anderen Frauen ein Problem mit meiner Anwesenheit hatte. Ich hoffe natürlich, dass diese Einschätzung richtig ist und es täte mir schon Leid, wenn eine der Frauen sich wegen mir irgendwie unwohl gefühlt hätte oder sich zurückgehalten hätte. Überwiegend hatte ich also auch den Eindruck, ich gehöre genau hier her.

Nur zum Schluss schwenkte das Thema in Bereiche, zu denen ich definitiv nicht in der Lage war etwas zu sagen und auch nie in diese Lage kommen werde, da ich selbst nie Eierstöcke und eine Gebärmutter haben werden. Den anderen Frauen dort zuzuhören hat mich schon mit einer gewissen Ehrfurcht erfüllt. Vor allem konnte ich mir aber auch ausmalen, wie schwer ein sein muss, in der Gegenwart von Männern darüber zu sprechen, die sich diese Erfahrungen weder vorstellen können noch wollen. Ich glaube, ich selbst bin da schon mit einer gewissen Vorstellungskraft ausgestattet, die aber sicher auch ihre Grenzen hat. Aber ich werde mich daran gewöhnen, mit anderen Frauen darüber zu sprechen. Und andere Frauen werden sich daran gewöhnen, dass ich dabei nicht so richtig mitreden kann, aber mich dennoch nicht komplett aus solchen Gesprächen ausschließen lassen möchte.

Offenheit lohnt sich

Ich kann zumindest schon mal das Fazit ziehen, dass es sich doch meistens lohnt offen, ehrlich, rücksichtsvoll und optimistisch durchs Leben zu gehen. Es wäre sicher dumm gewesen, nicht zu dem Abend zu erscheinen nur weil ich TS bin. Ohne spezielle Ankündigung zu erscheinen hätte aber auch zu komischen Situationen führen können. Ich finde ja, für die Sichtbarkeit und das Bewusstsein von Transsexuellen sind in erster Linie Transsexuelle verantwortlich. Dass die Frauenberatungsstelle bisher nicht von Transfrauen genutzt wurde ist schon schade, aber ich habe da einen ersten Schritt getan den hoffentlich auch noch viele nach mir tun werden.

Ach so: Zum eigentlichen Thema Kinderwunsch habe ich ja nun relativ wenig geschrieben. Das ist durchaus so beabsichtigt und wird auch später noch durch einen gesonderten Text konkretisiert werden.

Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese “Ausnahme” meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter “safe space”.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den “Feinden” der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum “Onkel Emma” in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere “Frauenräume” sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt “implizit” sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie “implizite safe spaces” gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum “safe space für Frauen” steht oder “Damenumkleide”. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. “Männer in Kleidern” Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie “Jungenaugen” hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: “Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!” Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.