Geschlechtsneutrale Sprache als Chance betrachten statt als Zwang
- March 22nd, 2012
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Es ist ja nicht unüblich, einen Blogpost über einen Zeitungsartikel zu schreiben. In der Süddeutschen gab es kürzlich einen, der sich thematisch dazu anböte. Wirklich gut finde ich den Artikel nicht. Eigentlich reicht der erste Absatz, den ich mir hier zu zitieren erlaube:
Ende Januar ist in Schweden das erste Kinderbuch in geschlechtsneutraler Sprache erschienen. “Kivi” heißt das Kind, um das es in diesem kleinen Werk von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson geht (Olika Verlag, Stockholm 2012), und weil “Kivi” sich einen Hund wünscht, aber nicht sofort bekommt, entsteht eine kleine Geschichte in Reimen. Das alles ist sehr heiter und angemessen skurril, hätte aber nie die große Aufmerksamkeit erreicht, die es jetzt erhielt, wäre in diesem Buch nicht konsequent das neue Personalpronomen “hen” verwendet worden. In ihm sollen “hon” (“sie”) und “han” (“er”) zusammenfallen, wobei selbstverständlich auch die konjungierten Formen “hens” für den Genitiv und “henom” für die Objektform dazugehören. Seitdem geht eine öffentliche Auseinandersetzung um die Sprache als Medium sexistischer Vorurteile durch das Land.
Weitere Beispiele
Übrigens gibt es noch mehr solcher schönen Kinderbücher. Eine gute Freundin zeigte mir vor kurzem “No Matter What” von Debi Gliori. Nicht nur ist es wunderschön gezeichnet und überbringt eine ebenso schöne Botschaft, es verzichtet auch sowohl sprachlich als auch grafisch komplett darauf, dem Elternteil und dem Kind ein Geschlecht zuzuordnen. Damit kann sich dann jeder Junge, jedes Mädchen und jedes andere Kind identifizieren, egal ob es bei Mutter, Vater, beiden oder was auch immer für Elternteilen aufwächst. Da man hier ohne Wortneuschöpfungen ausgekommen ist, gab es auch keinen großen Aufschrei. (Es gibt übrigens auch eine deutsche Übersetzung “So wie du bist”, welche angeblich ein wenig sprachlichen Charme verloren hat und dafür auch mehr als doppelt so viel kostet – aber vermutlich wurde auch hier kein Geschlecht festgesetzt.)
Diskussion um das Buch
Aber zurück nach Schweden und zum SZ-Artikel – oder auch nicht, denn der restliche Text ergeht sich dann in Hintergrundinfos auf die ich auch hätte verzichten können. Und die Anschließende Diskussion auf der Seite der Süddeutschen ist auch nicht weiter lesenswert (Anzeichen für die Ignoranz und Denkfaulheit des durchschnittlichen Internetnutzers, wenn man sie denn wirklich braucht, lassen sich anderswo auch noch kompakter finden).
Durchaus lesenswert fand ich aber diese Diskussion im Forum des Onlinewörterbuchs LEO. Dort geht u.A. darum, ob man sprachliche Veränderungen denn erzwingen sollte bzw. ob das überhaupt möglich ist und ob man denn durch anderen Sprachgebrauch eine reale Gleichstellung erreichen könnte. Ob man es denn verbieten müsste, das Geschlecht einer Person zu nennen, und ob man nicht genauso auch verbieten müsste, irgendein anderes Merkmal einer Person zu erwähnen (Rasse, Hautfarbe, Nationalität, Name, Größe, Haarfarbe und -länge…). Auch gibt es ein bisschen unbedacht eingesetzte Heteronormativität die ruhig als solche Aufgedeckt und in ihrer gewünschten Argumentationswirkung ausgehebelt wird.
Doch auch wenn die Unterhaltung dort lesenswert sein mag, all diese Fragestellungen gehen letztlich an der Problematik vorbei. Das in Schweden zu debattierende “hen” ist ja kein Zwang, sondern eine Möglichkeit.
Was ohne “hen” nicht möglich ist
Bei all den anderen Attributen einer Person (siehe vorletzter Absatz) habe ich die sprachliche Freiheit, sie zu spezifizieren oder offen zu lassen. Das Geschlecht einer Person anzugeben kann man jedoch kaum vermeiden. Natürlich kann ich darauf verzichten, “Mann” oder “Frau” als Hauptbezeichner zu wählen. Hebe ich ein anderes Attribut auf den ersten Platz, indem ich etwa von “dem Schweden” oder “der Schwarzen” spreche, stellt sich einerseits gleich die Frage, warum ich denn nun gerade diese Eigenschaft so wichtig finde, und außerdem hab ich da auch gleich wieder ein grammatisches Geschlecht welches eindeutig das soziale Geschlecht angibt. Ich selbst erwische mich dabei, “der Mensch” zu schreiben, wenn es sich um einen Mann handelt und “die Person” wenn es eine Frau ist. Dabei sind ja beide Begriffe geschlechtsneutral verwendbar.
Das Geschlecht außen vor zu lassen ist schwierig. Oft will und soll man das ja auch gar nicht, denn wenn eine Person eindeutig und gerne Frau ist und sich als solche versteht, und auch sonst keine besonderen Umstände es erfordern, sehe ich keinen Grund, das Geschlecht zu verschweigen.
Aber es gibt Momente, da halte ich es für angebracht, geschlechtsneutral zu schreiben oder gar zu sprechen:
- Wenn ich potentiell jeden Menschen meine, egal welches Geschlecht.
- Wenn ich das konkrete Geschlecht einer Person kenne, aber es in dem Moment für ungünstig halte, es zu erwähnen.
- Wenn die Person kein männliches oder weibliches Geschlecht hat.
- Wenn die Person sich mir mal als Mann und mal als Frau gezeigt hat und ich nicht sicher bin, mit welchem Geschlecht ich mich auf sie beziehen soll (also insbesondere, wenn ich nicht weiß, wie die Person sich selbst bezeichnet).
- Wenn ich über eine Person spreche, über deren Geschlecht im Kreis der Zuhörer und Diskutierenden Uneinigkeit herrscht und ich mich nicht voreilig festlegen möchte.
- Wenn es sich um eine Person handelt, die vermutlich eindeutig männlich oder eindeutig weiblich ist, aber ich es nicht weiß (ich z.B. einen Bericht nacherzählen möchte, der in einer geschlechsneutralen Sprache geschrieben war, oder weil ich es einfach vergessen habe)
- Wenn ich Zuhörer bewusst im Unklaren über das Geschlecht einer Person lassen möchte, um die Vermutung zu prüfen, dass sie aufgrund anderer Informationen ein bestimmtes Geschlecht annehmen, und dann zu schauen wie verdutzt sie sind wenn ich plötzlich das (von ihnen nicht erwartete) Geschlecht nenne.
- Wenn ich auch mal ein Kinderbuch schreiben wollte bei dem es dem Leser bzw. Zuhörer überlassen ist, ob er sich einen Mann, eine Frau oder sonst irgendwen vorstellt.
Klingt konstruiert? Bis auf den letzten Punkt sind das alles Situationen, in denen ich auch wirklich schon einmal war.
Lösungen im Deutschen, die mich nicht befriedigen
Möglichkeiten, geschlechtsneutral zu schreiben, gibt es an sich viele:
- Immer beides Nennen (“der Gärtner bzw. die Gärtnerin mit seiner bzw. ihrer Heckenschere “)
- Binnen-I (GärtnerIn)
- Gender-Gap (Gärtner_in)
- Sternchen (Gärtner*in oder einfach Gärtner*)
Ersteres macht lange, unschöne Sätze und lässt keinen Platz für Menschen außer Mann und Frau. Die drei anderen Varianten sehen typographisch furchtbar aus und lassen sich kaum angemessen vorlesen. All das kann man trotz dieser Probleme praktisch anwenden, und ich werde bestimmt nie jemanden dafür kritisieren dass er es tut. Aber ich selbst möchte zwar gerne hier und da geschlechtsneutral sprechen, aber bitte mit Sahne, also so, dass es geschmeidig klingt. Nicht mit künstlichen Zusatzstoffen die beim Sprechen zwischen den Zähnen knirschen.
Und das Hauptproblem sind so oder so nicht die Substantive selbst, sondern die vielen anderen Worte im Satz, die entsprechend dekliniert werden müssen. Da helfen die vier Varianten von oben auch nicht weiter.
Wohl aber das “hen”, welches die Schweden wohl noch nicht so recht ins Herz geschlossen haben, bzw. dessen Vorbild “hän” welches im Finnischen seit jeher geschlechtsneutrales Sprechen ermöglicht. In einigen wenigen deutschen Blogs wird auch schon “hän” verwendet, und ich finde, es macht Texte nicht länger, strukturell nicht komplexer, ist typographisch völlig akzeptabel… was will man mehr? Ich finde, auch wir können ein hän gebrauchen.
Das böse Neutrum
Es gibt zwar im Deutschen schon das grammatische Neutrum, aber mit dessen Verwendung richtet man auch mehr Schaden an als es hilft. Eine Person als “es” bzw. “das” zu bezeichnen gilt als tiefe Beleidigung, das Neutrum positiv neu zu besetzen halte ich für ausgesprochen schwierig.
Aber warum ist “es” eigentlich so abwertend? Ich denke, wenn man eine Person als “es” bezeichnet, löst das beim Hörer nicht primär das Verständnis hervor, es würde ich um einen Menschen ohne männliches oder weibliches Geschlecht handeln, sondern viel mehr, dass es sich um gar keinen Menschen handelt, sondern ein seelenloses Ding. Oder ein grausames Monster. Dinge können auch männlich oder weiblich sein, Menschen aber nie “sachlich”. Diese Konnotation des Genus ist meiner Meinung nach in erster Linie keine Abscheu vor Menschen ohne Geschlecht, sondern “nur” die Ignoranz dessen, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Aber letztens führt da auch das eine zum anderen.
Und gleich noch ein fünftes
Reicht denn ein “hän” aus? Nicht unbedingt. Nein, denn es gibt Menschen, die weder weiblich noch männlich sind und die (völlig zu recht) ihr Geschlecht dennoch als etwas eigenständiges ansehen. Wie dieses “dritte” Geschlecht zu nennen wäre ist noch völlig unklar, und da diese weiteren Geschlechter untereinander auch alles andere als gleich sind, muss man wohl von mehreren “anderen” Geschlechtern sprechen. Ich vermute aber mal (auch wenn ich mich damit weit aus dem Fenster lehne), dass diese Menschen dennoch gut mit einer Zusammenfassung in einem weiteren Genus leben könnten. Eine Unterordnung ins männliche oder weibliche würde die Eigenständigkeit des Geschlechts nicht anerkennen. Wenn diese Menschen das Bedürfnis haben, ihr “anderes” Geschlecht explizit zu nennen, ist auch ein generisches “Hän”-Geschlecht keine Lösung, da es doch gerade der Nichtnennung von Geschlechtern dient. Und das Neutrum wird vermutlich immer mit dem nicht-Menschsein assoziiert bleiben.
Somit sehe ich dann Bedarf für folgende fünf grammatikalischen Geschlechter:
- Maskulinum für Männer und Sachen
- Feminunum für Frauen und Sachen
- “Anderum” (ich kann kein Latein… ginge vielleicht “Alium”?) für Menschen mit “anderen” Geschlechtern
- “Generikum” für Menschen deren Geschlecht nicht explizit genannt werden soll oder kann
- Neutrum für Sachen
Und wenn man schon mal dabei ist, könnte man auch gleich alle Gegenstände zum Neutrum machen: das Messer, das Gabel und das Löffel. Ich könnte mich auch daran gewöhnen. In diesem Sinne: Gutes Nacht!