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Coming Out – etwas allgemeiner

Coming Out.

Nicht genug, dass ich schon drei verschiedene Varianten davon hinter mir hab (Falls wer nicht mitgezählt hat: transsexuell, lesbisch, poly) und noch eine nicht ganz eindeutig bestimmbare Anzahl vor mir habe. Bei der Schulaufklärungsarbeit mit SchLAu Braunschweig ist Coming Out ein zentrales Thema, über das ich daher oft mit den anderen Aufklärer_innne, Schüler_innen und Student_innen spreche. Und das auf verschiedenen Abstraktionsstufen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freund_innen gesprochen, die teils in Bereichen geoutet sind, die mich nicht betreffen, teils noch ungeoutet sind, wo ich das schon hinter mir habe, etc. Und ich hab irre viel gelesen. Und dann gibt’s da noch was, aber dazu weiter unten mehr.

Kurz: das Thema springt mich von allen denkbaren Seiten an.

Wer kann / darf / soll / muss / will sich denn überhaupt outen?

Klassischerweise denken die meisten bei dem Begriff wohl an Schwule und Lesben. Wer sich dann beim Denken anstrengt, kommt vielleicht auch noch auf Bisexuelle. Coming Out ist also mit der sexuellen Orientierung verbunden.

Outen sich auch Heteros? “Nicht nötig!” heißt es für gewöhnlich. In der Serie Queer As Folk wurde das tatsächlich mal thematisiert (Spoiler-Alarm): Der Jugendliche Hunter wächst da in einem, nun ja, “homonormativen” Umfeld auf und outet sich eines Tages als Hetero. Alles Fiktion? Kürzlich war ich live dabei, als auf einem Event, bei dem praktisch nur LSBT-Personen erwartet wurden (bzw. laut der offiziellen Bezeichnung sogar nur Schwule und Lesben!), eine Person sich als heterosexuell outete. Ja, das gibt’s also wirklich, und es ist auch in der “Richtung” nicht unbedingt einfach und angenehm.

Mein Coming Out als Poly, schon wieder

Bei selbigem Event outete ich mich (mal wieder) als polyamourös, worauf hin mir auch gleich abgesprochen wurde, dass das eine sexuelle Orientierung wäre. Ich widersprach, aber ohne dass ich mir für diese Debatte vorher tolle Argumente überlegt hätte.

Wer welche sucht: hier gibt’s eine Studie dazu, ob Polyamorie eine sexuelle Orientierung ist, inkl. der Frage, welche Diskriminierungen polyamore Personen zu fürchten haben und wie sich ein (Nicht-)Coming Out jeweils auswirken könnte. Hat auch interessante Abschnitte dazu, warum Homosexualität so Identitässtiftend sein kann (und ignoriert leider in weiten Teilen Bi- und Pansexualität, selbst da, wo es der Argumentation sehr dienlich gewesen wäre, die zu erwähnen).

Asexuell?

Ich nutzte die Gelegenheit bei dem Event, gleich mal anzusprechen, dass ich auch Asexualität als erwähnenswerte sexuelle Orientierung ansehe. Bzw. als einen Teil davon, da es ja durchaus Orientierungen wie “bisexuell und asexuell” gibt, die ich aufgrund des offensichtlichen sprachlichen Widerspruchs und der darin liegenden Mehrdeutigkeit ja eher als “biromantisch und asexuell” oder eben “bisexuell und aromantisch” bezeichnen würde. Was ich aber letztlich eh nur empfehlen kann, da jeder pan/bi/a-sexuelle/romantsiche Mensch sich selbst aussucht, wie er sich nennt, und auf mich nichts von all dem zutrifft.

Nein, nur demisexuell

Apropos: Ob ich denn asexuell sei, wurde ich gefragt. “Nein, nur demisexuell.” war meine Antwort. Ebenso selbstverständlich wie ich das sagte, so fragend wurde ich von den anderen dann angeschaut. Also erklärte ich: ich bin ein Mensch mit Interesse, Spaß und Erfahrung an/in Sexualität, aber ich habe keinen nennenswerten Sexualtrieb und kann daher beliebig lange auch ohne Sex oder Selbstbefriedigung glücklich auskommen. Einige der bisher fragend-schauenden riefen spontan “Das ist bei mir aber auch so”. Diese Auskunft habe ich für mich persönlich auch gar nicht als Coming Out angesehen, da Demisexualität zwar als Wort total unbekannt ist, aber als Konzept und Einstellung sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Nennenswert finde ich es trotzdem allemal. Denn für gewöhnlich besteht ja die Ansicht, dass sexuelle Menschen mit sexuellen Menschen glückliche Beziehungen führen können, und asexuelle mit anderen asexuellen Menschen (also, insofern sich denn überhaupt die Erkenntnis durchsetzt, dass viele asexuelle Menschen Beziehungen führen). Dass ich mir Beziehungen zu sexuellen und asexuellen Menschen vorstellen kann (und natürlich zu demisexuellen!), ist somit nicht ohne weiteres offensichtlich. Aber damit kann ich zumindest keinen Menschen auf der Welt ernstlich verwundern bzw. schockieren, oder?

Asexualität und Aromantik hingegen wird soweit exotisiert / pathologisiert / negiert (siehe dazu z.B. hier bei der Mädchenmannschaft), dass ich schon denke, die sich so definierenden Menschen machen ein waschechtes Coming Out durch. Oder eben nicht, und sind damit ebenso waschecht “In the closet”.

BDSM und Coming Out

In den letzten Tagen las ich dann viel dazu, ob / wie / warum / wann / bei wem / mit welchen Folgen sich Menschen öffentlich zur ihrer BDSM-Neigung outen. Das ist eine durchaus spannende Frage, wenn man davon ausgeht, dass alle zuvor genannten Beispiele sich darauf beziehen, mit wem jemand Sex oder romantische Beziehungen hat, und nicht darauf, welche sexuellen / erotischen / intimen Handlungen da konkret vollzogen werden.

Ob es lohnt, auch darüber Auskunft zu geben, lässt sich natürlich ganz praktisch ergründen, etwa in Form von Pro- und Contra-Argumenten. Aber man kann auch die Frage stellen, ob BDSM – zumindest für manche Menschen – eine eigenständige sexuelle Orientierung und/oder Identität darstellt, wie z.B. hier zu lesen ist (sehr spannend insbesondere die längere Zuschrift am Ende zu BDSM in der frühen Kindheit).

Warum das ganze? Wozu all das Belesen und Reflektieren? Das würde z.B. dann Sinn ergeben, wenn ich selbst darüber nachdenken würde, ob ich mich irgendwie bzgl. BDSM outen möchte. Das ist aber eigentlich keine Option, über die ich im Moment nachdenken brauche. Ich habe da einen gewissen Hang zu, der nicht länger abzustreiten ist, aber dann gleichzeitig auch wieder so klein und nebensächlich ist, dass das weder zu einem echten Outing noch zu einer Identifikation mit der BDSM-Kultur ausreicht. Also handle ich das mal so nebenbei mitten im Text ab. Fertig.

Mein persönlicher Bezug

Aber ich habe eine Reihe sexueller Vorlieben, die so unbekannt sind, dass ich für das meiste davon nicht mal ein deutsches Wort kenne, dass ich keine Statistiken darüber finden konnte, wie viele Menschen auch so fühlen, keinen wirklichen Plan habe, wo ich “Gleichgesinnte” finden kann. Entsprechend fehlen mir die Erfahrungswerte anderer dazu, ob die sich diesbezüglich geoutet haben, was die Reaktionen sowie die Vor- und Nachteile davon waren. Ich denke, da kann ich mich am ehesten noch an den Erzählungen von BDSM-Fans orientieren. Manche dieser Vorlieben werden sogar gelegentlich als Teil von BDSM bezeichnet, aber für mich hat das alles nichts mit BD, DS oder SM zu tun, folglich auch nicht mit BDSM.

Und wie auch bei BDSM-affinen Menschen nicht unüblich, habe ich da einerseits das Gefühl, dass es die meisten Menschen nichts angeht, und ich ebenso das “Recht” dazu habe, nichts darüber zu reden, wie sie das “Recht” haben, nichts davon hören zu müssen. Und doch gibt es Alltagssituationen, in denen ich mich deswegen verstellen muss oder Dinge verschweige bzw. verstecke. Und ich schränke mich beim Ausleben meiner Wünsche mehr ein, als ich es würde, wenn ich wüsste, dass meine Vorlieben allgemein ebenso akzeptiert wären wie “normaler” Sex und “normale” Selbstbefriedigung. Die Nicht-Öffentlichkeit nimmt mir ein Stück meiner Freiheit und Lebensqualität, und das allein reicht doch, um ein Coming Out nötig zu machen, oder?

Ja, es wird irgendwann nötig werden. Ich weiß noch nicht, wann, wie, wo, in welchem Rahmen, wie detailliert, etc. Ich kann nicht sagen, ob das jemals hier im Blog passieren wird, oder nur unter den engsten Freund_innen. (Ein paar wenige wissen sogar jetzt schon jeweils kleine Teile davon, aber niemand auch nur annähernd alles.) Ich bin derzeit noch dabei, Gedanken zu sortieren. Ängste zu hinterfragen. Mir selbst wieder auszureden, dass ich anormal, krank und kaputt bin.

Langweilig?

Ob das Leben langweilig wäre, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. All das, was ich von mir preisgebe, ist ja letztlich doch nur die Spitze des Eisberges. Und ich kann ja auch Geheimnisse haben, die einfach nur so geheim sind, ohne dass irgendwelche sozialen Repressionen daran hängen. Und ich weiß vieles über andere Menschen, die mir Dinge privat anvertraut haben, auch das bleibt geheim. Aber ein Leben ohne Angst davor, dass bestimmte Dinge zufällig raus kommen, das klingt echt gut. Und kein bisschen langweilig.

(Edit: Ach ja, ich habe manchmal Spaß an gewissen mehrdeutigen Anspielungen. Der Spaß ginge mir dann verloren. Aber das ist zu verkraften und macht das Leben insgesamt auch nicht langweilig.)

Edit: Ups, vergessen…

Erst nach dem Veröffentlichen fiel mir ein, dass es sicher auch nicht-sexuelle und nicht-geschlechtliche Aspekte gibt, wegen denen sich jemand ggf. outen würde. Ich fragte auf Twitter, bisher trudelten folgende Beispiele ein:

  • Atheist_in / Gläubige_r
  • CDU-Wähler_in
  • Psychisch erkankte_r
  • Drogenabhäbgige_r
  • Klassenherkunft / Bildungshintergrund
  • Intersexuelle (ist mir zwar jetzt noch selbst eingefallen, aber zeigt, dass ich auch im geschlechtlichen Bereich nicht an alles denke, woran ich eigentlich denken müsste)

Gibt sicher viele weitere. Mal schauen, was noch kommt, oder ob mir selbst noch was einfällt.

 

Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese “Ausnahme” meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter “safe space”.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den “Feinden” der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum “Onkel Emma” in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere “Frauenräume” sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt “implizit” sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie “implizite safe spaces” gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum “safe space für Frauen” steht oder “Damenumkleide”. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. “Männer in Kleidern” Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie “Jungenaugen” hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: “Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!” Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.

Die Öffentlichkeit des Privaten: die Konsequenz für mich als Transsexuelle

Als ich begann, diesen Text zu schreiben, fing ich mit einem Vorwort über die gesellschaftliche Situation an, das sich zu einem eigenen Beitrag entwickelt hat, der nun hier zu finden ist. Irgendwie habe ich darin noch über ein paar technische Überleungen den thematischen Bogen zu meinem (unfertigen) Lebenswerk Cubenet geschafft. Man sieht, alles in meinem Leben hängt irgendwie grob zusammen. Nun aber zum privaten Aspekt, und warum ich den nicht mehr privat halte:

Stufen der Geheimhaltung

Gewöhnlich hat man wohl verschiedene Kreise der Privatheit. Ich nummeriere diese mal kurz durch, um mich anschließend einfacher darauf beziehen zu können:

  1. Worüber man öffentlich, z.B. im WWW oder im Fernsehen, berichtet
  2. Worüber man mit jedem offen redet
  3. Worüber man mit Freunden spricht
  4. Worüber man nur mit den aller vertrautesten Personen spricht
  5. Worüber man mit niemandem spricht
  6. Worüber man nicht mal bewusst nachdenkt

Meine Transsexualität, die mir irgendwie schon seit 16 Jahren bewusst ist, war trotzdem die gesamte Zeit über auf “Geheimhaltungsstufe 6″. Ich wusste, das da etwas ist, aber dieses Wissen hat es mit sehr wenigen Ausnahmen nicht mal in Selbstgespräche oder mein Tagebuch geschafft. Viel privater und geheimer kann etwas nicht sein. Der Gedanke, dass irgendwer davon erfährt, war an sich schon undenkbar. Es hätte das Ende bedeutet, was auch immer das bedeuten mag…

Im kurzen Zeitraum von April bis Mai 2011 hat sich dieses Thema zügig von “Stufe 6″ auf “Stufe 1,5″ hochgearbeitet. Sobald ich mich wagte, darüber aktiv nachzudenken, habe ich etwas in Gang gesetzt, das zur Umsetzung führen würde, also zur öffentlichen Transition. Jeder Mensch auf der Welt könnte mich draußen als Frau antreffen, das ist schon sehr öffentlich. Jedem, der aufmerksam genug hinsieht, würde ich auf stille Weise kommunizieren: “Ich bin transsexuell”.

Ist öffentlich gleich öffentlich?

Aber wie öffentlich ist das wirklich? “Ich bin transsexeuell” erschien mir lange als eine sehr schwergewichtige Information, ein großer Brocken, für den es gewiss viel Mut bräuchte, um ihn in die Öffentlichkeit zu zerren. Aber letztlich ist es auch eine triviale Information, die sich in ein paar Zeichen verkürzt darstellen lässt: “Ich=TS”. In 6 Byte kann schon Informationstheoretisch nicht viel Wissen drin stecken. Alle Details, all das was mich als Mensch und meinen Werdegang wirklich ausmacht, lässt sich anhand dessen nur sehr grob erahnen.

Ich habe deshalb mein Coming-Out mit einem etwas längeren Text begangen, nämlich über 12.000 Zeichen, worin auch die Aufforderung an meine Freunde enthalten war, mich nach Details zu fragen, sowie eine genaue Beschreibung dessen, wie öffentlich das nun alles sein soll:

“Ihr könnt mir jederzeit Fragen stellen, wobei folgendes Prinzip gilt: Ihr dürft mich fragen was immer ihr wollt, ich nehme keine Fragen per se übel. Ich werde die meisten Fragen offen und ehrlich beantworten, aber behalte mir natürlich auch als Transsexueller ein gewisses Maß an Privatsphäre vor. (…) Du kannst übrigens auch gerne mit jedem anderen im Raum Braunschweig über das Thema bzw. über mich sprechen. (…) Globaler als in Braunschweig möchte ich das Thema noch nicht verbreiten, also bitte ich euch alle inständig, zunächst mal keine “auffälligen” Dinge über Facebook, StudiVZ und Co. zu verbreiten. Das kommt zu gegebener Zeit noch, aber bitte nicht jetzt.”

Damit habe ich die Öffentlichkeit auf Stufe 3 oder sogar 2 gelegt, aber auch ganz klar nicht auf Stufe 1.

Eine Transfrau kann natürlich nicht ohne weiteres mit männlichen Onlineprofilen durch’s Web ziehen, und als ich nach ein paar Wochen meinen Facebook-Account und wenig später auch den bei StudiVZ umstellte, war klar, dass meine Transsexualität für immer auch online verbucht sein würde. Damit war meine Transsexualität auf Stufe 1 angelangt, aber noch lange nicht alles gesagt. Ich wusste nicht, wie sehr ich mein Facebook-Account nun mit diesem Thema “zuspammen” sollte.  Die Details waren nicht online. Und die allermeisten Menschen würden nun sagen: “Richtig so, da gehören sie ja auch nicht hin.” Wenn ich selbst die Details meiner transsexuellen Entwicklung – vielleicht das privateste was ein Mensch haben kann – online ausbreite, dann schaffe ich ja quasi meine Privatsphäre ab.

Will ich es riskieren, nichts privates mehr zu haben?

Ja, ich will, ich muss. Eigentlich wusste ich das von Anfang an.

Die Anfänge – ich meine nicht die echten Anfänge, damals als ich 11 war, sondern den April 2011 – waren eine stürmische Zeit. Ich setzte mich hin und entschloss mich, endlich über meine geschlechtliche Identität nachzudenken. Um mein jahrelang unterdrücktes und dadurch festgefahrenes Denken etwas in Schwung zu bringen, surfte ich im Netz und suchte ganz bewusst Berichte von anderen, denen es ähnlich geht oder ging. Ganz am Anfang wusste ich nicht mal genau, wo nach ich gerade suche, surfte ein wenig hier und da herum, uns stieß zunächst auf die “Teilzeitfrau” Jula und ihre Website. Von da aus dauerte es nicht lange, bis ich auf Svenjas Blog stieß.

Svenja ist transsexuell und hat ihren Weg vom ersten ersten Tag an akribisch, schonungslos offen aber auch mit viel Humor online dokumentiert. Ach, ich brauche das ganze gar nicht wortreich umschreiben, lest einfach diesen Zeitungsartikel über ihren Blog in den Kieler Nachrichten, oder schaut direkt in ihren Blog: Svenja-and-the-City. Darüber, was Svenjas Blog für mich persönlich bedeutete und möglich machte, werde ich in Kürze noch ausführlich berichten…

Solche Frauen braucht das Land!

Transsexuelle, die ihre privatesten Details nach außen kehren, leisten einen unbeschreiblichen und unbezahlbaren Dienst für andere, die ihren Weg noch vor sich haben. Vom Bewusstwerden und Akzeptieren über das Coming-Out und die Transition, nichts von alle dem erscheint auch nur annähernd machbar bevor man nicht jemanden sieht, der es getan hat. Ich hätte so gerne etwas getan, um etwas dankend an Svenja zurück zu geben. Mir wurde aber bewusst, dass ich nicht viel tun kann für Svenja, dafür aber viel für andere. Ich schrieb ihr eine lange Mail, voll von dankenden Worten, aber auch mit dem Versprechen: Auch ich werde meinen Teil beitragen, ich werde einen Teil meiner Privatheit aufgeben um anderen ein Vorbild, eine Stütze, eine Inspiration oder ein Hoffnungsschimmer zu sein.

Aber Vorsätze sind immer leichter gesprochen als umgesetzt. Ich hatte zwar schon einen lauffähigen Blog, den ich nur noch mit neuen Inhalten füllen musste, sowie mit einem neuen Banner, um den alten Namen loszuwerden. Aber irgendwas hielt mich zurück. Auch wenn doch nun praktisch alle wissen, dass ich transsexuell bin, und ich mit praktisch jedem darüber spreche: darüber zu schreiben ist schwierig. Verdammt schwierig. Vielleicht bin ich auch einfach nicht die richtige Person, um darüber zu bloggen, und sollte mich lieber anders nützlich machen?

Alternativen zum Blog

Inzwischen kannte ich auch viele amerikanische Seiten über Transsexualtiät. Manche sind ebenfalls chonologisch geordnete Blogs, andere sind klar strukturierte Webseiten mit sachlichen Informationen, manche mischen beides. Vielleicht läge mir das eher? Aber schon jetzt gibt es viel zu viele solche Seiten, jede für sich ist wertvoll und unverzichtbar, aber ihrer Gesamtheit sind sie ein heilloses Chaos, über das niemand einen Überblick bewahren kann. Und jede der Infoseiten für Transsexuelle hat ihre Themenschwerpunkte, stellt die Meinung oder Erfahrung von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen dar, und viele werden auch seit Jahren nicht mehr aktualisiert. Die Autoren und Autorinnen haben verständlicherweise irgendwann andere Lebensschwerpunkte als ihre Transsexualität.

Der einzige Weg, wie ich die Lage verbessern könnte, wäre vielleicht ein Wiki. Hier könnte es eine zentrale Informationsquelle geben, die von vielen Bearbeitet wird, wo einerseits jeder sein persönliches Wissen einbringen kann, und andererseits auch Informationen von anderen Seiten gesammelt und zusammengefasst werden können. Ein Wiki über Transsexualität und verwandte Themen aufzusetzen, mit ersten Inhalten zu füllen, und dann zu moderieren, das könnte mein Beitrag für eine bessere Welt für Transsexuelle sein…

Nun, ich war nicht untätig. Ich kann sogar wohl behaupten, schon über 100 Stunden in besagtes Wiki investiert zu haben, welches nun kurz davor ist, veröffentlicht zu werden. Dazu gibt’s dann natürlich auch die entsprechende Ankündigung hier im Blog, wenn es soweit ist. Aber ich werde mich jetzt aber nicht auf ein Datum festlegen!

Und doch wieder der Blog

Erstaunlicherweise ist aber nun doch mein Blog schneller gewesen, und enthält nun erste Beiträge von mit, die sich mit Transsexualität auseinandersetzen. Ich habe endlich wirklich Stufe 1 erreicht. Ich habe langsam auf Facebook eine Balance gefunden zwischen meinen Interessen (Programmierung, Geektum, Fotografie, Transsexualtiät, Politik, Queerness, Feminismus…) und so auch eine neue, gemischte Richtung für meinen Blog gefunden, wie ich hier berichtet habe. Bis vor wenigen Tagen ging das nicht sehr in die Tiefe, und vor allem wusste wohl niemand, dass ich nach einem Jahr Pause wieder aktiv blogge.

Vorgestern passierte es dann, dass Janet Mock über Facebook ihren neusten Blogpost ankündigte. Sie ist eine extrem sichtbare Persönlichkeit in den USA, eine Transsexuelle die ihr Leben per Blog und Podcast beschreibt, auf Konferenzen Vorträge hält, ständig in den Medien ist… ein echtes Vorbild an Öffentlichkeit. Sie ist sicher für tausende von Amerikanern das, was Svenja für mich und viele andere deutsche ist. Was ich bis vorgestern nicht wusste: Sie ist erst seit weniger als einem Jahr an der Öffentlichkeit. Davor hat sie Jahre lang “stealth” gelebt, also so, dass nur ihre engsten Vertrauten von ihrer Transsexualität wussten. Sie ist innerhalb weniger Monate zu einer kraftgebenden Leuchtgestalt für so viele Menschen geworden, wie kaum jemand anders.

Und sie hat mich daran erinnert, dass ich das auch sollte. Sie hat mich an mein “Versprechen” gegenüber der Welt erinnert, dass ich Svenja gegenüber geäußert habe. Sie hat mich daran erinnert, mal wieder in Svenjas Blog zu schauen. Dort heißt es:

“Meine Personenstandsänderung war das letzte TransThema in meinem Blog. Es gibt im Blog keine Andeutung meiner Vergangenheit mehr.”

Das Klingt so, als wird dort ein Job frei… Ich kann nicht genau das tun, was Svenja getan, weil mein Leben ein völlig anderes ist. Ich kann nicht genau das tun, was Janet tut, weil ich nicht so sein kann wie Janet ist. Aber ich kann mein bestes tun. Mein Blog mit seinen viel zu langen Texten wird nicht die Welt retten. Mein Wiki wird es nicht. Aber es sind zwei Puzzle-Stückchen, weitere werden folgen, wenn ich dazu bereit bin. Und Menschen wie Svenja, Janet, Jula, Claudia, Jeanette, Madeline, Lynn, Lannie, Balian und viele andere werden mich durch ihr Werk regelmäßig daran erinnern, mich selbst zu prüfen. Das heißt, ab und zu nachzusehen, ob ich inzwischen genug Erfahrung, Weisheit, Kraft, Motivation, Mut und Zeit gesammelt habe, um ein weiteres Puzzlestück beizutragen.

Die Öffentlichkeit des Privaten: Mein Projekt “Cubenet” in der gesellschaftlichen Perspektive

Wer online sein will, muss sich gut überlegen, wie er online sein will. Denn offline ist er nie wieder.

Zu diesem Thema könnte ich nun technisches, politisches oder persönliches Schreiben. Dies ist der erste von zwei Beiträgen dazu, und er erfasst eher den gesellschaftspolitischen und den gesellschaftlichen und technischen Aspekt. Und irgendwie kommt auch ein lange vergessenes Projekt wieder zum Vorschein…

Neue Ausmaße von Offenheit und Verschlossenheit im Netz

Die einen posten bei Facebook und anderen social networks quasi sekundenaktuell jede private Befindlichkeit, egal ob banal oder weltbewegend, und schaffen damit ein detailliertes digitales Abbild ihres Lebens, das für jeden Abrufbar ist und bleibt. Die anderen haben so viel Angst vor den Datenkraken, dass sie entweder gar nicht erst beitreten (obwohl sie ja teilweise irgendwie gerne würden…) oder aber beitreten und dann mit völlig sinnbefreiten Pseudonymen, ohne Profilfoto und ohne Inhalte einen unpersönlichen, leeren Datensatz schaffen. Natürlich gibt es löbliche Zwischenabstufungen, aber die Extreme überwiegen. Und das Thema der digitalen Privatsphäre wird thematisiert wie nie zuvor.

Ein scheinbares Paradoxon am Beispiel der Piratenpartei

Dieses digitale Dilemma hat in den letzten Jahren der Piratenpartei viel Beachtung eingebracht. Dass sich die Partei und ihre Mitglieder einerseits für politische Transparenz aber andererseits für privaten Datenschutz einsetzen, erscheint der breiten Masse nach wie vor unverständlich oder gar widersprüchlich. Wenn sich dann dennoch einzelne Mitglieder freiwillig dazu entscheiden, große Teile ihres Privatlebens im Netz zu dokumentieren, ist die Verwirrung komplett. Die politische Geschäftsführerin Marina Weisband ist ein gutes Beispiel dafür: sie bloggt, sie twittert, sie postet bei Facebook auf zwei Accounts und lässt auch in gedruckten Berichten und Fernsehtalkshows viel privates durchblicken. Dennoch traue ich ihr voll und ganz zu, Privatsphäre anderer zu verstehen und zu respektieren und sich in der Politik für eben deren Aufrechterhaltung einzusetzen. Dabei sind die letzten beiden Links jeweils sehr gute Beispiele dafür, dass die klassischen Medien genau diesen Unterschied nicht verstehen.

Ich benutze Google Mail – na und?

Ich selbst werde ja schon öfters komisch dafür angeguckt, dass ich Google Mail verwende und somit einem großen US-Konzern zugriff auf alle meine Emails gebe. Eine Form der Auswertung ist dabei allen bekannt, für die Nutzer wie mich klar sichtbar und nachweislich dazu geeignet, das Google damit seine kostenlosen Dienstleistungen monetarisiert: Passend zu Wörtern, die in der Mail vorkommen, wird mir neben der Mail textuelle Werbung angezeigt. Natürlich könnten sie in der Theorie mehr mit diesen Daten machen. Ob bzw. was genau noch damit geschieht, ist aber bloße Spekulation. Dennoch gibt es Menschen, die es nicht mit sich vereinbaren könnten, ihre Privatsphäre soweit aus der Hand zu geben. Das ist völlig o.k. und verständlich, nur eben nicht das, was ich für mich persönlich entschieden habe. Man muss stets technische Vorteile und praktischem Komfort abwägen gegen die Einbußen die man im Datenschutz macht, und ich habe in dem Fall so entschieden und kann zu einem anderen Zeitpunkt anders entscheiden.

Aber Daten, auf die Google eventuell Zugreift, vielleicht sogar an irgendwelche Firmen verkauft, sind damit ja immer noch nicht für viele oder gar jeden direkt öffentlich. Sich also über soziale Netzwerke, eigene Blogs und Webseiten oder über klassische Medien zu öffnen, geht noch einen ganzen Schritt weiter als nur einen Google-Dienst zu nutzen. Darüber schreibe ich aber ein andern mal und möchte mich jetzt eher auf etwas technisches konzentieren…

Ist Cubenet der Anfang oder das Ende des Datenschutzes…?

Ich habe mich in den letzten 7 Jahren mit nichts so intensiv befasst wie mit meiner Netzwerktechnologie “Cubenet”. Zur Erinnerung: das ist (bzw. wird vielleicht einmal) eine Programmkomponente, auf deren Basis sich vernetzte Software entwickeln lässt, vom Musikplayer über soziale Netze bis hin zu Warenwirtschaftssystemen.

(Cubenet wäre eigentlich unter http://cubenet.lenaschimmel.de ausführlich dokumentiert, diese Subdomain ist aber aus [mir bekannten] technischen Gründen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags gerade offline.)

Je nach dem, wie man diese Technologie einsetzen würde, wäre sie geeignet um die digitale Privatsphäre in nie dagewesenem Ausmaß zu zerstören, oder um sie wieder komplett herzustellen. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, was dieser (scheinbare) Widerspruch bedeutet. Zeitweise hat mich die Aussicht auf eine Technologie, die endlich jedem die Herrschaft über seine Daten zurück gibt, massiv angespornt. Dann gab es Phasen in denen der Gedanke, dass ich damit das Gegenteil bewirken könnte, so sehr bedrängt dass ich mich nicht traute, weiter zu machen. Zu groß waren meine ethischen Bedenken. Und selbst wenn ich es mit mir selbst verantworten könnte, so liegt doch darin das Potential zu einem der meistgehassten Menschen der Welt zu avancieren.

Es sind nicht nur diese Unstimmigkeiten, die dazu geführt haben, dass mein Projekt Cubenet seit längerem wieder mal pausiert ist. Es sind auch private Umstände (z.B. meine Transsexualität) und wirtschaftliche (ich stecke derzeit viel Zeit in unser Unternehmen “Greenmobile Innovations UG“), die mich derzeit davon ablenken. Aber Cubenet lebt in meinem Kopf weiter und profitiert von dem, was ich im Alltag dazu lerne.

…oder ist es beides?

Denn inzwischen fügt sich in meinem Kopf ein stimmiges Gesamtbild des Widerspruchs zusammen: Jeder Mensch wählt frei, welche Technologien er nutzt und wie er das tut. So bietet jeder noch so datenhungrige Dienst jedem Menschen die Möglichkeit, ihn nicht oder nur sehr eingeschränkt zu nutzen und so eine Daten zu schützen, bzw. sich selbst vor seinen Daten zu schützen. Wer das tut, kommt natürlich auch nicht in den Genuss aller Vorzüge dieser Dienste. Somit ermöglicht jede Technologie maximalen Datenschutz durch Nichtnutzung. Egal wie gut oder schlecht nun der Datenschutz innerhalb von Cubenet wäre: Solange dessen Ausmaß für die (potentiellen) Nutzer realistisch abschätzbar ist, hat er die zuvor genannte Wahlfreiheit.

Nur ist es immer eine unschöne Wahl, ein Kompromiss, entweder auf Komfort und Leistung oder auf Datenhoheit zu verzichten. Wie man es macht, man macht es auch immer ein bisschen falsch. Und das wäre es, was Cubenet anders machen würde, wenn ich es denn so verwirklichen kann wie ich es plane. Cubenet ließe sich theoretisch so einsetzen, dass man die volle Funktionalität genießen könnte, und gleichzeitig die Herrschaft über die eigenen Daten behielte. Das wäre ein absolutes Novum. Aber diese Möglichkeit löst nicht die derzeit vorhanden Kompromisse zwischen Funktion und Datenschutz ab. Sie wäre nur eine Ergänzung, eine zusätzliche Option. Nutzer könnten sich bei der Nutzung immer noch so zurückhalten, dass ihnen die Vorteile nicht zu gute kämen. Oder sie könnten es so unkritisch und ungeschickt nutzen, dass sie all ihre Daten unwiderruflich an alle preisgeben und eventuell nicht mal einen Vorteil davon haben.

Medienkompetenz wird zum Pflichtprogramm

Die Medienkompetenz, die man heutzutage im Internet braucht, man wird sie vermutlich immer brauchen, in jedem Fall auch für die Nutzung von Software, welche auf Cubenet basiert. Aber es kommt quasi von selbst, dass die Menschen diese Kompetenz aufbauen. Niemand kann dazu gezwungen werden, sich damit zu befassen. Aber inzwischen dürfte wohl jeder von der Problematik gehört haben. In ein paar Jahren werde ich guten Gewissens sagen können: “Wer sich nicht anstrengt, einen Dienst verantwortungsvoll zu nutzen, darf sich hinterher nicht beschweren wenn seine Daten sonst wo landen.” Vorausgesetzt natürlich, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um diese verantwortungsvolle Nutzung möglich zu machen.

Und unter diesen Voraussetzungen habe ich keinerlei Zweifel mehr daran, dass ich Cubenet weiter entwickeln und Veröffentlichen sollte.

(Ich entschuldige mich schonmal, falls dieser Beitrag – insbesondere der Teil zu Cubenet – für viele Leser zu abstrakt war. Das wird später hoffentlich alles mal klar, was ich meine…)

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Hallo!

Ich bin Lena und schreibe hier über alles, was mir gerade wichtig ist. In letzter Zeit also Frauenrechte, Gesellschaft, Politik, Transsexualität, Privates, Computerzeugs... Ich freue mich über konstruktive Kommentare!

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