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Meine Haltung zur Religion

Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz halten: Ich bin Atheistin.

Oder etwas ausführlicher: Ich bin nicht getauft, glaube an keine Form von Göttlichkeit, stehe der Kirche kritisch gegenüber und konnte kürzlich endlich feststellen lassen, dass ich nie Kirchenmitglied war und anders lautende Angaben lediglich Verwaltungsfehler waren. Ansonsten kann jede_r glauben, was er_sie will.

Aber so einfach ist das alles nicht. In Deutschland besteht Religionsfreiheit im positiven und negativen Sinne: ich kann frei wählen, welcher Religion ich angehöre, und ebenso, keiner Religion anzugehören. Was ich aber nicht kann: mein Leben führen, ohne ständig von Religion beeinflusst zu werden.

Ich finde den ganzen Themenkomplex schwierig. Auf einer politischen Ebene kann ich sagen: wir brauchen eine noch klarere Trennung zwischen Staat und Kirche. Vom Staat kann ich erwarten, nicht religiös zu sein.

Aber wie ist das mit einzelnen Personen? Ich kann mich absolut nicht darin hinein versetzen, wie es ist, religiös zu sein. Ich habe ein Stück weit verstanden, dass es für religiöse Menschen verletzend sein kann, in bestimmten Weisen über ihre Religion, ihren Gott oder ihre Glaubensgrundsätze zu schreiben, und es liegt mir eigentlich fern, Menschen zu verletzen.

Aber die beiden Themenbereiche (institutionelle und persönliche Religion) gehören zusammen. Der Staat ist religiös beeinflusst, da er von Menschen regiert wird, die ihre Politik durch religiöse Überzeugungen beeinflussen lassen. Auf der Ebene dazwischen gibt es auch noch Parteien, die einen direkten Religionsbezug sogar im Namen tragen. Da wird die Sache für mich problematisch.

Nüchtern betrachtet sind religiöse Überzeugungen genauso Überzeugungen wie jede andere auch. Ich werde in meinem Handeln – politisch wie unpolitisch – durch Überzeugungen beeinflusst. Überzeugungen können aus einer selbst heraus entstehen, oder angelernt sein, und meist gibt es da ziemlich viel Kontext der komplex auf eine einwirkt.

Mangels eigener Religiosität muss ich zur Veranschaulichung auf einen anderen Bereich ausweichen. Ich bin z.B. vom Feminismus beeinflusst, und obwohl es “den” Feminismus als komplett einheitliche Bewegung nicht gibt, gibt es doch so ein gewisses Standardmodell dessen, was da alles mit drin steckt. Manche Überzeugungen hatte ich schon früher, und habe erst später im Feminismus wieder entdeckt. An anderen Stellen ist meine Überzeugung auch konträr zur gängigen feministischen Meinung. Teilweise wird es schwer abzugrenzen, ob ich eine bestimmte These vertrete weil ich Feministin bin, oder ob ich Feministin bin weil ich diese These vertrete. Aber viele “Glaubensgrundsätze” habe ich auch einfach übernommen. Manches davon hätte ich auch kritischer hinterfragen können/sollen, teilweise bin ich gerade dabei. Kritik innerhalb der feministischen Szene und von außen wirkt indirekt auch auf mich ein. Somit vertrete ich meine ganz persönliche Variation des Feminismus, und das tut jede_r andere Feminist_in für sich genommen auch.

Und ich glaube, das ist in der Religion nicht viel anders. Da gibt es nicht “die Religion”, “das Christentum” oder “die evangelische Kirche” als homogene Glaubensgemeinschaft die in jeder Hinsicht gleich denkt, fühlt und entscheidet. Jeder gläubige Mensch hat seinen ganz eigenen Glauben.

Ich wüsste nicht, wie ich eine Politik betreiben könnte, bei der ich meine feministischen Überzeugungen komplett außen vor lasse, denn wie gesagt, kann ich die nicht klar von meinen “restlichen” Überzeugungen abtrennen. Und letztlich sind ja alles “meine” Überzeugungen, wenn ich mal das Label weglasse. Von einem Politiker, der außerdem auch religiös ist, eine Trennung seiner Politik von seiner Religion zu verlangen ist vermutlich ähnlich schwierig.

Letztlich erwarte ich von jedem Mensch aber, die ihm gegebenen Kräfte des Verstandes und der Empathie einzusetzen und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Grundsätze sind nach Möglichkeit zu hinterfragen und zu prüfen und nötigenfalls abzulegen. Ich kann nicht herum laufen und mir-nichts-dir-nichts Menschen schaden und hinterher sagen “Ich bin unschuldig! Der Feminismus hat mich dazu gebracht, ich musste es tun!” Und gleiches gilt für religiöse Menschen. Wer aus religiösen Gründen Schlechtes tut, ist dafür verantwortlich.

Der Vergleich zwischen Religion und Femismus trägt ein Stück weit, aber hat sicher auch seine Grenzen. In keinem Fall möchte ich hier eine Gleich(wertig)heit oder Austauschbarkeit behaupten. (Nicht zu vergessen sind auch die vielen religiösen Feminist_innen, die beides miteinander vereinbaren können, noch ein spannendes Thema…)

Religion besitzt aber in unserem Staat eine besonderen Schutz, den keine andere Überzeugung für sich beanspruchen kann. Ich kann Dinge tun, die objektiv gesehen falsch sind, und das Argument bringen, dass sie aus religiöser Sicht richtig waren, ohne mich durch diese Argumentation sofort lächerlich zu machen. Dieses Privileg genieße ich bei nicht-religiösen Anschauungen nicht. Auch die negative Religionsfreiheit kann ich so nicht anbringen. Das Gebimmel der Kirchenglocken verletzt meine nicht-religiösen Gefühle? Die Argumentation bringt mich nicht weit. Ich möchte etwas tun, das nach allgemeiner Rechtslage illegal wäre, und dafür straffrei bleiben, da ich nach meinen nicht-religiösen Gefühlen gehandelt habe? Auch das wird nicht funktionieren. Die Anerkennung von explizit nicht-religiösen Gefühlen gibt es nicht.

Den letzten Absatz könnte ich gut benutzen, um weiteres Feuer in die Beschneidungsdebatte zu gießen. Oh, diese Redewendung gibt es gar nicht? Aber ihr wisst, was ich meine, und darum geht es mir gerade sowieso nicht.

Es geht mir jetzt gerade einzig und allein darum, dass mir als nicht-religiösem Menschen ein Leben lang eingeimpft wurde, dass ich Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer haben müsste. Ich betreibe daher eine ganze Menge Selbstzensur. Als ich gestern twitterte:

hatte ich ein leicht ungutes Gefühl. Nicht, weil ich den Zorn des Papstes oder gar Gottes fürchtete. Auch negative Antworten von anderen, fremden Twitter-Nutzer_innen waren mir in dem Moment egal. Ich hatte Angst, die Gefühle von (katholisch-)gläubigen Menschen in meiner Timeline zu verletzen und somit letztlich Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten innerlich daran gearbeitet hatte, diese Sorgen hinter mir zu lassen.

Der Sonderstatus, den religiöse Menschen und Überzeugungen in diesem Staat erfahren, werde ich auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht abschaffen können. Aber in meinem Kopf, meinem Denken, Schreiben, Sprechen und Handeln, da kann ich das. Es geht mir nicht darum, Menschen wegen ihrem Glauben zu diffamieren. Aber ich will endlich sagen können, was ich denke, ohne mir selbst im Weg zu stehen.

Ich denke zum Beispiel, dass der Papst eine tatsächliche Gefahr für den Weltfrieden und die Menschheit ist. Es hat sich nicht nur angeboten, das nach seiner Steilvorlage aus weniger als 140 Zeichen so zu twittern. Nein, das ist meine Überzeugung. Der Papst vertritt Standpunkte, die nicht nur überholt und realitätsfern sind, sondern gefährlich und menschenfeindlich. Der Papst hat die Macht, Grundsätze zu postulieren, die viele Millionen von Menschen relativ ungefragt übernehmen. Er nutzt diese Macht nicht nur, um bösartiges Gedankengut zu verbreiten, sondern tarnt es auch noch mehr oder weniger geschickt als (positiven!) Beitrag zum Weltfrieden. Ich kenne kaum Personen, die für ihr Handeln schärfer zu verurteilen und zu hassen sind als er. Als “Tarnung” reicht dabei oft schon, dass die Worte von ihm kommen, denn für viele Menschen gelten er und seine Worte als Inbegriff des Guten, welches nicht hinterfragt werden braucht. Er besitzt zu viel Vertrauen bei zu vielen Menschen, um ihn einfach zu ignorieren. Zu postulieren “Not my Pope” reicht eben nicht, damit seine Aussagen für mein Leben irrelevant werden.

(Und ja, der Tweet wäre noch viel cooler gewesen, wenn ich das “stellt” nicht selbst davor geschrieben hätte, sondern einfach mitzitiert hätte, immerhin stand das Wort ja schon genau da im Originaltext.)

Wie kann ich aber nun mit den gläubigen Menschen in meinem Umfeld umgehen? Zunächst mal weiß ich von den allerwenigsten Menschen in meinem Umfeld, ob sie gläubig sind. Und auch wenn, ich versuche einfach, diesen Fakt möglichst weit zu ignorieren. Ich habe extreme Formen des Christenhasses gelesen, besonders oft ist mir das auf schwul-lesbischen Webseiten und in der inoffiziellen Online-Kommunikation der Piratenpartei aufgefallen. Ich sehe keinen Grund dazu, Menschen generell wegen ihres Glaubens zu beleidigen und distanziere mich davon. Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit abzuwerten oder sogar direkt anzugreifen halte ich immer für falsch, aber gleichzeitig halte ich es für möglich und sogar nötig, einzelne Aspekte einer Religion kritisch bewerten zu können.

Ich werde daher von nun an viel offener damit umgehen, dass gewisse Glaubensgrundsätze gefährliche Kackscheiße sind. Ich werde nicht weiter zusehen, wie mir und anderen Menschenrechte vorenthalten werden mit der Berufung auf religiöse Begründungen oder das “Menschenrecht” der Religionsfreiheit. Ich halte es einfach genauso wie mit anderen “Gruppierungen”, die sich Kritik gefallen lassen müssen. Wenn die Kritik sachlich gerechtfertigt ist, aber ein Mensch sich davon persönlich angegriffen fühlt, fällt das in die Kategorie “persönliches Pech”.

Ich verlange von niemandem, sich zwischen mir und seinem kompletten Glauben zu entscheiden. Um das an einem Beispiel festzumachen: Ich finde, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist zwingend geboten und religiöse Gegenargumente dürfen kein besonderes Gewicht in der Debatte haben, nur weil sie religiös sind. Somit sehe ich den wiederholten Versuch, hier religiös dagegen zu argumentieren, als absolut lächerlich an. Jede gläubige Person kann für sich ausmachen, ob sie für oder gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist. Sollte sie dagegen sein, so kann sie meine Haltung und Argumentationsweise ggf. als verletzend ansehen. Das nehme ich dann gerne und mit gutem Gewissen im Kauf, schließlich hat ihre Haltung mich zuerst verletzt.

Vermutlich ist es sogar ein Stück weit vereinfachend und sogar diskriminierend von mir, bei gläubigen Personen eher von einer kackscheißigen Einstellung auszugehen als bei nichtgläubigen. An dieser Stelle bin ich noch unsicher, ob das mein Fehler ist, oder ob es im Aufgabenbereich der Gläubigen selbst liegt, sich von kackscheißigen Positionen ihrer Religionsgemeinschaft aktiv zu distanzieren. Ich denke, solange das unterschwellige Strömungen in einer Gemeinschaft sind, darf ich daraus nicht verallgemeinern. Aber die Homonegativtät des Papstes ist komplett öffentlich, und soweit ich die katholische Religion verstehe, vertritt jeder ihrer Anhänger_innen diese Positionen erst mal, soweit nichts anderes bekannt gegeben wird. Damit ist der Ball nicht in meinem Spielfeld.

Ich habe sicherlich in meinem Umfeld Menschen, die keine menschenfeindlichen Positionen vertreten, und trotzdem Anhänger_innen einer Religion sind, die das tut. Und sich nie davon distanziert haben. (Oder ich habe diese Distanzierung nicht mitbekommen.) Manche dieser Menschen habe ich vielleicht mit diesem Text verwirrt oder vor den Kopf gestoßen. Ich habe nichts gegen euch, wenn ihr nichts gegen mich habt. Aber ich habe da ggf. gerade auf ein Problem hingewiesen, und das ist zum Glück nicht mein Problem. Macht daraus, was ihr für richtig haltet.

Es ist jetzt nicht so, dass in meinem Kopf noch 157 weitere Entwürfe für religionskritische Blogposts schlummern oder ich jetzt jeden Tag etwas derartiges sagen oder twittern werde. Ohne genauere Betrachtung werden meine Äußerungen gar nicht deutlich anders sein als zuvor. Aber ich fühle mich ein bisschen freier als zuvor, da ich eine (selbst?) auferlegte Tabuisierung hinter mir gelassen habe. Ich über nun die negative Religionsfreiheit voll aus. Die Menge der Menschenrechte, die ich bisher nicht genossen habe, sinkt damit wieder ein Stück weiter Richtung Null.

Die Frage, die jetzt noch bleibt, muss daher nicht sein “warum jetzt plötzlich dieser Text” sondern nur “warum all die 10228 Tage zuvor nicht?”

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der “Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen”. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur “kurz” anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei “Abwehrmechanismen”, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon “Frau” macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop “Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt” auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf “die anderen” zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text “Täter” extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie “Informatiker” demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von “Männergewalt gegen Frauen” einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie “männliche Opfer” anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff “rape culture” zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise “einvernehmlichen Versöhnungssex” überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren “Surprise Sex” freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung “tarnen” muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und “nachzuprüfen”. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche “Vergewaltigungs-Rollenspiele”. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht “rape fantasy”, sondern nur bei “actual rape” klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch “in der Mitte der Gesellschaft”, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die “üblichen” Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort “Triggerwarnung” oder die Abkürzung “TW” benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept “TW” findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der “political correctness” – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes “Hey Süße!” von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff “sexuelle Gewalt” zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei “Die komische Olle”. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst “Hey Süße!” in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt “aus versehen vergewaltigen”? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine “versehentlichen” Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung “ohne böse Absicht” ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem “ersten Mal” erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für “normal” gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung “legal”, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur “unschön”. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte “juristisch wurde da korrekt geurteilt” wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit “der findet das moralisch total in Ordnung” und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht “erlaubt” ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht “keine Vergewaltigung”), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der “Notwehr” auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept “Nothilfe“, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst “wie üblich” angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. “Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.” dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Von der Kostenloskultur zur Freiwilligkeitskultur – und was dazu noch fehlt

Nachtrag

Ups, das kommt davon wenn ich mit leichtem Fieber Texte schreibe: Die werden noch unstrukturierter als sonst :(

Laut Überschrift sollte es ja darum gehen, was zur Realisierung noch fehlt, aber das worauf ich damit hinaus wollte, fehlt auch hier. Es ging mir eigentlich um nötigen sämtliche Strukturen zur freiwilligen Bezahlung von Kultur (technische, gesellschaftliche, gesetzliche, kommerzielle), darum, warum die aktell verfügbaren Strukturen mir nicht genug sind. Ein späterer Blogpost wird’s richten…

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Die Vornamensänderung und ihre kaum zumutbaren Umstände

Worum es geht – kurz gefasst:

  • Warum ich eine Vornamensänderung dringend brauche.
  • Was dazu zu tun ist, insbesondere das Gutachterverfahren.
  • Was an diesem Verfahren alles dumm, gefährlich, demütigend, überflüssig und skandalös ist.
  • Wie es außerdem die teils dringend nötige psychologische Betreuung von Transsexuellen untergräbt.
  • In welchen Konflikt mich das nun bringt.

Die aktuelle Lage

Ich bin Lena Schimmel. Ich bin Mitglied der Gesellschaft für Informatik und Sprecherin von deren Studierendengruppe Braunschweig, bin Kundin bei Amazon und Ebay, habe Profile bei Facebook, Xing und Last.fm, bin zur Nutzung von Packstationen berechtigt, habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag und mir gehören sogar ein paar Prozente des Unternehmens das mich beschäftigt. Offenbar stehe ich mitten im Leben.

Aber man findet mich in keinem Melderegister, ich habe keinen Personalausweis, es gibt mich nicht in den Unterlagen der Universität an der ich studiere, so dass sie mir auch keinen Studentenausweis mit Semesterticket ausstellt, ich habe kein Girokonto, keine Wohnung, keine Geburtsurkunde, keine Bahncard, und habe keine Zeugnisse. Die gehören alle meinem alten Ich. So ähnlich geht es vielleicht auch “illegalen Einwanderern” die ebenfalls keine Papiere haben – wobei das ein ungerechter Vergleich ist, denen geht es mit Sicherheit noch um ein Vielfaches schlimmer. Trotzdem.

Zum Glück habe ich den Ergänzungsausweis der DGTI, der mir bescheinigt, dass mein altes und mein neues Ich sich all diese schönen Dinge teilen dürfen, weil wir die selbe Person sind. Dieses Dokument sieht nicht schön aus, es ist kein offizielles Ausweisdokument, es ist relativ unbekannt, und wer es überhaupt akzeptiert tut dies entweder aus gutem Willen oder weil er denkt, er wäre dazu verpflichtet. So oder so ist das Teil unbeschreiblich hilfreich im Alltag, es gibt einem das gute Gefühl, wirklich zu existieren. Von den Errungenschaften, die ich als Lena inzwischen als “mein” bezeichnen kann, wäre gut die Hälfte ohne dieses Dokument gar nicht möglich gewesen. Aber es hat offensichtlich seine Grenzen. Wenn es jemand nicht akzeptiert, bleibt mir nur zu sagen: “Na dann eben nicht. Ich komm dann in ein paar Jahren nochmal vorbei.”

Der nächste Schritt

Natürlich wäre es schön, von allen Seiten her rechtlich als Lena Schimmel akzeptiert zu werden. In Deutschland besteht diese Möglichkeit durch eine Vornamensänderung. Andere Menschen zahlen für so etwas – abhängig von ihrem Wohnort – ein paar hundert Euro oder weniger, und müssen relativ wenig Aufwand dafür aufbringen. Natürlich fällt ein wenig formaler Papierkram an, aber wo kämen wir denn ohne das auch hin in unserer Bürokratie?

Von Transsexuellen wird jedoch noch mehr verlangt. Da wären zum einen Kosten für die Gutachten, die sich auf mehrere Tausend Euro belaufen können. Die jucken mich derzeit wenig, mein Verdienst ist gering genug um diese Kosten per Prozesskostenhilfe zu decken. Sprich: der Staat bzw. der Steuerzahler kommt dafür auf. Sicherlich eine Steuerverschwendung, für die ich aber kein schlechtes Gewissen haben muss, sondern jene, die sich dieses komplexe Verfahren ausgedacht haben.

Aber selbst wenn ich das selbst zahlen müsse: Was sind schon ein paar Tausend Euro im Vergleich zur Aufgabe der persönlichen Würde? Und die ist durch das Gutachterverfahren ernsthaft gefährdet.

Was ist das Ziel?

Bevor ich nun den Sinn oder Unsinn der Gutachten bespreche, muss man sich doch erst mal fragen: Worum geht es eigentlich?

Es geht hier nur darum, ob eine Person ihren Vornamen ins andere Geschlecht ändern darf und von da an rechtlich in jenem Geschlecht anerkannt ist. Das mag zwar eine große Sache sein, aber immerhin ist dies komplett unabhängig von medizinischen Maßnahmen. Die Frage, ob eine Person eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operation erhalten soll/darf/muss ist nicht Thema dieses Gesetzes. (Bis Januar 2011 bestand allerdings noch ein Sterilisationszwang, der nun zum Glück passé ist.) Die Trennung von rechtlichen und medizinischen Maßnahmen ist ein hohes Gut – wenn auch leider immer noch kein real vorhandenes, wie man später sehen wird.

Das Risiko einer fälschlicherweise zugestandenen Vornamensänderung ist gut kalkulierbar: Wenn der Antragsteller nach einigen Jahren bemerkt, dass ihm der alte Vorname besser gefiel, dann würde er einen erneuten Antrag stellen. Bei diesem Risiko könnte man es wohl vertreten, das Begutachtungsverfahren entfallen zu lassen – und damit würden im Worst-Case der zweifachen Änderung jeweils wenige hundert Euro an Kosten entstehen, und somit immer noch weniger als nun zur Verhinderung jenes Worst-Case aufgewendet wird.

Die rechtliche Grundlage für die Begutachtung ist dünn bzw. unkonkret, denn das “Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG)” sagt in §4 Absatz 3 dazu nur:

“Das Gericht darf einem Antrag nach § 1 nur stattgeben, nachdem es die Gutachten von zwei Sachverständigen eingeholt hat, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrung mit den besonderen Problemen des Transsexualismus ausreichend vertraut sind. Die Sachverständigen müssen unabhängig voneinander tätig werden; in ihren Gutachten haben sie auch dazu Stellung zu nehmen, ob sich nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird.”

Es besagt also, was sie auch begutachten sollen. Der Hauptzweck der Begutachtung wird nicht explizit mit der Begutachtung in Verbindung gebracht, aber mit etwas Verstand lässt sich schließen, dass es wohl um die Sicherstellung der Bedingungen in §1 Absatz 1 Punkt 1 und 2 gehen muss:

(1) Die Vornamen einer Person sind auf ihren Antrag vom Gericht zu ändern, wenn
1.    sie sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben,
2.    mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird [, und]

Was passiert im Begutachtungsverfahren?

Was die Gutachter nun genau tun, um dies sicherzustellen, lässt das Gesetz offen. Ich habe das ja alles noch vor mir, kann daher nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber man hat ja so seine Quellen. Ich muss zugeben, dass ich mich hier sehr selektiv auf Negativbeispiele stütze, die nicht ganz repräsentativ sind. Andererseits handelt es sich auch nicht um seltene Einzelfälle, sondern durchaus um einen Teil des Üblichen.

In der Praxis üblich ist dabei mehr als nur ein Seelen-Striptease (und auch das wäre ja schon viel verlangt):

  • Der Gutachter prüft und notiert was der Antragsteller für Kleidung trägt und ob diese seinem persönlichen (Klischee-)Bild eines Mannes oder einer Frau entspricht.
  • Der Antragsteller soll den Gutachtern Auskunft über sein gesamtes Leben geben, und dabei jedes Detail erwähnen, das irgendetwas mit (Trans-)Sexualität zu tun hat. Dass man “Sexualität” und “Transsexualität” überhaupt in einen Topf werfen kann, ist dabei rein sprachlicher Natur, da die sexuelle Identität bekanntlich nichts mit der sexuellen Orientierung oder sexuellen Vorlieben zu tun hat. Dennoch sind sehr detaillierte Fragen zur Selbstbefriedigung, zum Geschlechtsverkehr mit anderen, zu sexuellen Phantasien und Abweichungen von der sexuellen Norm sehr üblich. Für die meisten Menschen dürfte dies der privateste Teil ihres ganzen Leben sein, den sie nun offenlegen müssen.
  • Es muss eine schriftliche Antragsbegründung vom Antragsteller abgegeben werden. Obwohl das Gesetz nur eine Rechenschaft über die letzten drei Jahre verlangt (oben zitierte §1 Absatz 1 Punkte 1 und 2), fordern die Gerichte ebenfalls einen kompletten Bericht inklusive der Kindheit, in dem auf die psychosexuelle Entwicklung eingegangen wird. Es wird vom Gericht explizit auch nach der Bedeutung von Eltern und Geschwistern gefragt.
  • Der Antragsteller wird bei der Begutachtung gebeten, sich zu entkleiden und körperlich begutachtet. Dabei sind die bestellten Sachverständigen praktisch immer psychogisch ausgebildete Personen, deren Fähigkeit zur körperlichen Überprüfung zweifelhaft ist. Was die Beschaffenheit des nackten Körpers darüber aussagt, ob der Antragsteller sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, ist auch schleierhaft.
  •  Während es für viele Menschen relativ normal ist, sich bei einem Arzt zu entkleiden, muss man bedenken, dass die meisten Transsexuellen ihren Körper in seiner falschen Geschlechtsform hassen. Und die Begutachtung findet in vielen Fällen noch vor medizinischen Maßnahmen statt, die dem Abhilfe schaffen. Die Abneigung geht häufig so weit, dass seit vielen Jahren kein anderer Mensch mehr einen Blick auf die nackte Haut bekommen hat, sogar die Betroffenen selbst können oft nicht mehr in den Spiegel schauen oder duschen z.B. im Dunkeln. Sich nun nackt zu präsentieren ist extremer Stress, kurz davor, kurz danach oder sogar gleichzeitig über Details des Sexuallebens sprechen zu müssen verschärft die Lage.
  • Die oben geschilderte Situation stellt also für den Antragsteller evtl. schon ein missbrauchsähnliches Erlebnis dar. Doch damit nicht genug, tätlicher sexueller Missbrauch, mal mehr und mal weniger gut als “notwendiger Schritt zur Diagnose” getarnt, ist angeblich in dieser Situation nicht selten. Wer einen starken Magen hat, kann sich hier Berichte über solchen Missbrauch durchlesen.
  • Die beiden Psych* (von hier an verwende ich die Abkürzung “Psych*” als Oberbegriff für Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater und für die daraus zu bildenden Adjektive), welche die Gutachten erstellen, dürfen ausdrücklich nicht jene sein, welche den Antragsteller dauerhaft psych* betreuen. Und auch wenn das “Gesetz über die Änderung der Vornamen…” nichts über eine dauerhafte Betreuung sagt, gibt es andere Regeln die jeden Transsexuellen zur Dauerbetreuung zwingen, ob er diese nun will bzw. braucht oder nicht. Die Trennung zwischen Betreuern und Gutachtern ist extrem sinnvoll – wird aber dadurch zunichte gemacht, dass die Gerichte verlangen, dass der Antragsteller alle betreuenden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbindet. Auch das wird durch das Gesetz nicht gerechtfertigt. (Mehr dazu im nächsten Textabschnitt)
  • Es sind auch Fälle bekannt, in denen die Gutachter (teilweise auch erfolgreich) versucht haben, den Antragsteller zu unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen zu zwingen, welcher dieser nicht wollte. (Ich glaube, darum geht es in diesem langen Text, den ich aber wegen der Länger, Formulierungsweise und unübersichtlichen Formatierung nicht in seiner Gänze gelesen und verstanden habe.)
  • Gesetzt den Fall, dass dem Antrag zugestimmt wird und der Vorname geändert wird, erhält der Antragsteller einen Gerichtsbeschluss, den er von da an bei unzähligen weiteren Ämtern, Firmen und ggf. Privatpersonen vorlegen muss, um seine Namensänderung zu belegen. Doch auf genau diesem Beschluss werden oft sehr private Details aus dem Begutachtungsverfahren aufgeführt. Wer also z.B. den Name auf seinem Führerschein aktualisieren lassen möchte, muss dann der Fahrerlaubnisbehörde ein Dokument übermitteln, welches über seine sexuelle Vorlieben und (sexuell) einschneidende Erlebnisse in der Kindheit berichtet.

Meine Meinung zur Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht

Ich konnte mir es an vielen stellen nicht verkneifen, schon während der Aufzählung auszudrücken, wie wenig ich von den gängigen Methoden halte. Manche Punkt stehen schon ohne Kommentar als abschreckendes Beispiel da. Aber einen Punkt möchte ich nochmal gesondert hervorheben, da er auf den ersten Blick harmloser erscheint, als er ist: die Entbindung der betreuenden Psych* von der ärztlichen Schweigepflicht.

Transsexualität ist kein psychisches Leiden, insbesondere kann sie niemals auf psych* Wege geheilt werden. Die beste Näherung an eine Heilung ist durch medizinische Maßnahmen möglich, die den Körper an das Identitätsgeschlecht angleichen. Dennoch gibt es viele Gründe für Transsexuelle, um sich einem Psych* anzuvertrauen, denen man sich bewusst sein muss, um die Problematik zu verstehen:

  • Theoretisch können andere psychische Leiden sich ähnlich wie eine Transsexualität bemerkbar machen. Diese sind dann aber psychisch und nicht körperverändernd zu beheben.
  • Durch die lange Zeit im falschen Körper und die Probleme, die erwartete Geschlechterrolle zu erfüllen, kann über die Jahre viel Leid auf die Betroffenen einwirken und somit psychische Probleme verursachen.
  • Die Umstellung des gelebten Geschlechtes im Alltag führt oft zu Ablehnung durch Familie, Bekannte und das Arbeitsumfeld. Dadurch entstehen besondere psychische Belastungen, bei denen ein Psych* hilfreich sein kann.
  • Im Rahmen der Hormonumstellung kommt es oft zu Veränderungen des Gefühlshaushaltes, die mit professioneller Begleitung besser überstanden werden können.
  • Auch kann der Erfolg der körperlichen Maßnahmen schlechter ausfallen als man sich das zunächst erhofft hatte, was wiederum zu Krisen führen kann.
  • Um die Hormontherapie und/oder angleichenden Operationen zu erhalten ist eine Diagnose eines Psych* notwendig. Behandlungsrichtlinien erzwingen hier eine längerfristige Betreuung mit Hinweis auf die eben genannten Vorteile – allerdings auch für die Patienten, welche auch gut ohne diese auskommen würden.
  • Der oben erläuterte Prozess der Vornamensänderung erfordert Zwingend die Gutachten zweiter Psych*.

Der Bedarf von transsexuellen Menschen an psych* Hilfe wird einem vielleicht klar, wenn man sich bewusst macht, dass bis zu 70% jener, die angleichende Maßnahmen erhalten, zuvor mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Wer weiß, wie hoch die Anzhal jener ist, die sich wegen ihrer Transsexualität umgebracht haben, noch bevor diese Ursache diagnostiziert wurde? Man kann es nur erahnen… aber all das macht klar, dass mit dem tatsächlichen Hilfebedarf dieser Menschen nicht zu scherzen ist und dass man nichts unternehmen sollte, was die Erfolgschancen dieser Hilfen mindert.

Hier also endlich die Kernaussage dieses Posts:

Ein Patient, der sich vom Psych* seines Vertrauens ernsthafte Hilfe bei der Bewältigung seiner Probleme erhofft, sollte die volle Freiheit darüber haben, was er diesem anvertraut und was nicht. Normalerweise wäre das auch erfüllt. Durch die Begutachtungspraxis der Vornamensänderung weiß der Patient aber: jedes Problem, von dem er seinem betreuenden Psych* berichtet, wird später einmal den Gutachtern und dem Gericht bekannt, und wird über das Gerichtsurteil vielleicht noch weiter in die Welt gestreut. Das ist schon unangenehm genug, aber vor allem muss der Patient damit rechnen, dass mit Bekanntwerden der Thematik der Gutachter einen Grund findet, um der Vornamensänderung zu widersprechen.

Oft kommt es dann zur Umkehr von Ursache und Wirkung: Ein Patient ist transsexuell, wird deswegen vom Umfeld abgelehnt, leidet psychisch darunter, und letztlich wird ihm seine Transsexualität abgesprochen, weil sie angeblich nur ein Ergebnis seiner psychischen Probleme wäre. Auch wenn der Gutachter, der einem später vielleicht einmal zugeteilt wird, diesen Fehlschluss nicht tun wird: schon bei Beginn des  Gesprächs mit dem betreuenden Psych* muss der Patient Angst davor haben. Somit werden nur noch Symptome preisgegeben, die eindeutig auf die Transsexualität hinweisen. Alles, was mit viel Phantasie dagegen sprechen könnte, wird verschwiegen und bleibt unbehandelt.

Was soll ich nun ganz konkret tun?

Für mich ist diese Frage hochgradig akut. Ich werde in wenigen Tagen den Antrag auf Vornamensänderung stellen.

Wenn ich das tu, und dabei die Anforderungen einhalten muss, muss auch ich drei Psych* von ihrer Schweigepflicht entbinden. Ich weiß noch in etwa, was ich diesen bisher über mich erzählt habe. An jedes Detail kann ich mich natürlich nicht erinnern. Da ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass diese Schweigepflichtentbindung auf mich zukommen würde, habe ich vermutlich Dinge gesagt, die zwar Wahrheitsgemäß sind, aber eigentlich nichts in der Entscheidung über meine Vornamensänderung verloren haben. Und vor allem weiß ich nicht, was ich in zukünftigen Sitzungen noch bereden werde. Ich fühle mich derzeit psychisch absolut gesund, den “Behandlungserfolg” meiner Sitzungen zu gefährden ist leichtes Spiel für mich, da es nichts zu behandeln gibt. Aber ich kann nicht wissen, welche psychischen Probleme sich in den nächsten Monaten noch ergeben. Wenn ich jetzt die Entbindung unterzeichne, setze ich die Freiheit und Qualität meiner Behandlung in Zukunft aufs Spiel.

Ihr wisst ja, was ich von meiner Privatsphäre allgemein halte, und wie sehr ich mich davon verabschiedet habe, seit ich transsexuell bin und mich dazu berufen sehe, eine öffentliche Referenz für andere zu sein. Aber unabhängig davon, was dieses irsinnige Gutachterverfahren für mich konkret bedeutet, unterwerfe ich mich einer Regelung, die in keinem Gesetz steht, und stimme ihr somit zu. Ich sage “Ist o.k., ihr könnt meine gesamte psychische Krankengeschichte lesen, denn ich bin ja gar nicht psychisch krank.” und bedeute damit ein Stück weit auch, dass es generell o.k. wäre, so zu verfahren.

  • Ich könnte die Schweigepflicht aufrecht erhalten. Wenn ich keine Entbindung davon beilege, würde sie wohl nach gefordert werden, so als hätte ich sie ganz versehentlich vergessen. Ich könnte auch explizit hineinschreiben, dass ich keine derartige Freistellung wünsche, und abwarten, was passiert. Schlimmstenfalls wird mir wegen mangelnder Mitwirkung der Antrag abgelehnt und Lena Schimmel bleibt nach wie vor eine Phantombürgerin. Das will ich natürlich nicht.
  • Ich könnte dem Gericht schreiben “Ich entbinde die Ärzte X, Y und Z von ihrer Schweigepflicht” und nebenbei mit denen private Nebenabreden vertraglich schließen, die besagen “Die Fakten A,B und C bleiben geheim, auch wenn eine generelle Entbindung von der Schweigepflicht stattgefunden hat.” Ob die sich auf so ein Heckmeck einlassen, ist natürlich eine andere Frage. Keine realistische Alternative.
  • Ich könnte Klage erheben um zu erwirken, dass das Gericht nie wieder solche Entbindungen von der ärztlichen Schweigepflicht für Vornamensänderungen verlangt. Das würde Jahre dauern, vielleicht würde mein Antrag die ganze Zeit ruhen und ich verbaue mir selbst das Ziel, möglichst schnell rechtlich anerkannt zu werden.
  • Vielleicht könnte ich auch gute Miene zum bösen Spiel machen, mein recht auf informationelle Selbstbestimmung zum Teufel schicken weil es mir selbst eigentlich gar nicht so viel ausmacht und der Vorteil überwiegt, und mich nachher immer noch gegen diesen Mist einsetzen. Aber mal ehrlich, habe ich dann wirklich noch den nötigen Antrieb dazu?

Wie ich es auch mache, ich mache es falsch. Aber das ist eine der Erkenntnisse der letzten Jahre, mit denen ich mich abgefunden habe. Es wird mich nie wieder davon abhalten, das zu machen, was gemacht werden muss. Und ansonsten weiß ich ja auch, dass es im Schnitt alles nicht ganz so schlimm läuft, ich bin ja nach wie vor Optimistin. Aber vor jedem Schritt muss man ja wissen, was alles passieren kann und sich fragen, ob man mit den Konzigwensen umgehen kann. Ich kann.

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Hallo!

Ich bin Lena und schreibe hier über alles, was mir gerade wichtig ist. In letzter Zeit also Frauenrechte, Gesellschaft, Politik, Transsexualität, Privates, Computerzeugs... Ich freue mich über konstruktive Kommentare!

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