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Ein verkürzter Rant auf verkürzt dargestellte Intersektionalität

Nachträgliches “Vorweg”: nachdem ich diesen Text veröffentlicht habe, wurde von mindestens zwei Personen auf Twitter starke Kritik daran geäußert. Diese zu verstehen dauert ein wenig. Derzeit gehe ich davon aus, dass Teile der Kritik sehr gerechtfertigt sind und andere Teile nicht. Das zu verarbeiten und zu entscheiden, wie ich damit umgehe, habe ich in den letzten vier Stunden versucht, aber es wird noch einige weitere Stunden Arbeit für mich bedeuten. Es ist mir wichtig, das auch wirklich gewissenhaft zu tun, aber ich kann und will diesen Überlegungen auch nicht die höchste Priorität geben. Daher kann es durchaus noch mehrere Tage dauern, bis ich eine überarbeitete Fassung des Artikels veröffentliche. Bis dahin bleibt der Artikel – bis auf diesen Absatz – unverändert hier stehen. Längerfristig werde ich mich damit auseinandersetzen müssen, wie viel Rücksicht ich auf die Meinungen anderer nehmen kann, muss und will. Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen “Kritik ernst nehmen” und “sich von Kritik unterkriegen lassen” und  eine so intensive Beschäftigung mit Kritik, wie ich sie derzeit versuche, kann ich auf Dauer nicht leisten. Die Gratwanderung verschärft sich damit zu “Auf die – durchaus gerechtfertigten – Meinungen und Ansichten anderer scheißen” vs. “gar nicht mehr bloggen, da es nicht möglich ist, Fehler vollständig zu vermeiden”, und das sind beides keine Optionen, die mir zusagen.

Vorweg: ich habe mich nie wirklich intensiv mit Intersektionalität befasst, und kritisiere hier nicht den Begriff selbst oder sämtliche Forschung dazu, sondern die verkürzte Sichtweise, die bei kurzem Einblick in die Thematik entsteht. Oder auch: die Kritik geht an alle, die sich davon angesprochen fühlen und hilft hoffentlich irgendwem, weiter zu denken als zuvor.

Kurz definiert

Unter Intersektionalität versteht man das Phänomen, dass eine Person, die mehreren diskriminierten Gruppen angehört, nicht nur die typischen Diskriminierungserfahrungen der einen und der anderen Gruppe durchmacht, sondern auch spezifische Diskriminierungen, die sie nur aufgrund der gleichzeitigen Zugehörigkeit erfährt. Soweit, so theoretisch. Gilt natürlich analog für mehr als zwei gleichzeitige Zugehörigkeiten.

Zurück zu den Grundlagen

Dieses Konzept baut auf einem noch viel grundlegenderem auf: nämlich, dass es mehrere Kriterien gibt, wegen denen eine Person diskriminiert werden kann. Soweit ich weiß, gilt letzteres als so selbstverständlich, dass sich kein eigener Begriff und kein eigener Wissenschaftszweig darum gebildet hat, sondern allgemein unter den Begriff Diskriminierungstheorie fällt.

Nun wäre zu erwarten, dass die Intersektionalitätstheorie sich entweder auf eine bereits außerhalb ihrer selbst anerkannte Menge von diskriminierten Gruppen stützt, oder aber, dass sie es selbst zum Forschungsgegenstand macht, welche Gruppen von Menschen überhaupt Diskriminierung erfahren, um dann in einem zweiten Schritt zu prüfen, was an den jeweiligen Intersektionen spezifisch passiert.

Die großen Drei…

Und trotzdem zeigt sich oft eine starke Fokussierung auf drei Faktoren: Geschlecht, Rasse & Klasse. Bewusst wurde mir das kürzlich wieder, als eine Bekannte fragte: Wisst ihr ob es Fachzeitrschiften zu dem Thema [Intersektionalität] gibt? Oder zum Thema “Race, Class, Gender”?

Diesen eng gesetzten Fokus kann ich ihr in keiner Weise zum Vorwurf machen, offenbar gibt es einen Kontext um ihre Frage herum, der einigermaßen erklärt, warum sie das Thema so angeht. Ihre Frage ist nur ein weitere Indikator für das, was ich in den letzten 2 Jahren auch schon auf Twitter in den links-feministischen Teilen meiner Timeline bemerkt hatte:

Sich auf diese drei Merkmale zu konzentrieren ist nach wie vor aktuell – vielleicht mehr als je zuvor – obwohl die Grundannahme der Tripple Oppression wohl schon in den späten Siebzigern aufkam und darüber hinaus gehende Konzepte nicht viel später.

…oder doch 14

Die deutschsprachige Wikipedia listet im Artikel “Intersektionaliät“, wenn auch etwas versteckt, folgende Faktoren nach  Helma Lutz und Norbert Wenning auf:

  • Gender
  • Sexualität
  • Race/Hautfarbe
  • Ethnizität
  • Nationalität/Staat
  • Kultur
  • Klasse
  • Gesundheit
  • Alter
  • Sesshaftigkeit/Herkunft
  • Besitz
  • Geographische Lokalität (West/Rest)
  • Religion (religiös/säkular)
  • gesellschaftlicher Entwicklungsstand (modern/traditionell)

Das ist schon deutlich ausführlicher als viele andere einführende Texte und Definitionen, und mag auf den ersten Blick sogar übermäßig komplex oder kaum handhabbar wirken. Dennoch ist es unglaublich verkürzt und unvollständig. Ohne die Autor_innen speziell angehen zu wollen, nehme ich diese Liste stellvertretend für viele andere, um daran gängige Probleme aufzuzeigen. (Und dabei konzentriere mich auf ein paar, und lasse bewusst einige andere weg, die sich nebenbei auch noch zeigen ließen.)

Vom nicht-gemeint-sein…

Zum einen Fehlen gewisse Begriffe komplett, wie z.B. der Familienstand bzw. das Familiäre Umfeld. Ob jemand verheiratet, geschieden, Single, Waisenkind, ältestes Kind mit 20 jüngeren Geschwistern, etc. ist, wird durch keine der aufgelisteten Kategorien irgendwie erfasst. Hier mag man entweder entgegnen, die Liste habe ja nicht den Anspruch auf Vollständigkeit (evtl. mit Verweis auf eine andere Liste, die solches für sich beansprucht), oder sich für die Auslassung entschuldigen und sie ergänzen.

…zum mit-gemeint-sein

Zum anderen gibt es diskriminierte Gruppen, die nicht ausdrücklich genannt, sondern allenfalls mitgemeint sind. Also solche, die sich irgendwie einem der genannten Begriffe zuordnen lässt, ohne dass es wirklich zwingend ist, sie zu berücksichtigen. Das Perfide ist, dass hier meist keine Besserung in Sicht ist: Die Liste wird nicht ergänzt, denn eigentlich steht es ja schon irgendwie drin und man will ja keine Dopplungen, sich nicht zu sehr ins Detail verlieren, etc. Ob die gewählte, bereits vorhandene Formulierung geeignet ist, der jeweiligen diskriminierten Gruppe die nötige Sichtbarkeit zu geben, wird dabei meist nicht geprüft. Daher finde ich, eine Mit-Meinung ist u.U. sogar gefährlicher als eine komplette Nicht-Nennung.

Polyamores Beispiel

Beispiele gefällig? Polyamor lebende bzw. empfindende Personen werden massiv diskriminiert. In der beispielhaft zitierten Aufzählung wird Polyamorie abert nicht explizit erwähnt, auch ein Oberbegriff der nächst höheren Ebene fehlt, wie z.B. “Partnerschaftsform”, “numerische / relationale Orientierung” oder “Familienmodell”. Zu einem “Huch, das haben wir leider vergessen” würde es aber vermutlich auch nicht kommen, schließlich ist Polyamorie ja quasi eine sexuelle Orientierung und die wiederum wird ja ausreichend von “Sexualität” abgedeckt. Das wiederum ist aber auf (mindestens) dreierlei Weise problematisch:

Erstens denken die wenigsten Menschen bei “Sexualität” als Diskriminierungsmerkmal automatisch an die (speziellen) Benachteiligungen polyamorer Menschen. Selbst mit dem Zwischenschritt der Konkretisierung “Sexuelle Orientierung” wird vermutlich erst an Schwule und Lesben, und dann vielleicht noch an Bisexuelle gedacht.

Zweitens umfasst polyamores Leben viele Aspekte, die nichts mit Sexualität zu tun haben – wenn z.B. drei Erwachsene Menschen sich das Sorgerecht für ein Kind teilen wollen, hat Sex (hoffentlich) kaum etwas damit zu tun. Eine Menge asxeueller Menschen, die in einem Partnerschaftsnetzwerk leben und einen Anspruch auf gemeinsames Wohnen erklagen wollen, wird sich ebenfalls damit schwer tun, dass das nun ein sexueller Akt sein soll oder überhaupt etwas mit Sexualität zu tun hat.

Drittens, und da beißt sich die Theorie der Intersektionalität selbst in den Schwanz, sind Menschen ja nicht nur dies oder das, also z.B. entweder lesbisch oder polyamor. Indem beide Identitäten unter “Sexualität” zusammengefasst werden, entsteht aber dieser Eindruck. Damit wird verdeckt, dass Menschen sowohl als Lesbe als auch als Poly diskriminiert werden können, und… Trommelwirbel bitte hierfür: spezifische Diskriminierung als lesbische Polyamore bzw. als polyamore Lesbe erfahren, sei es nun in der Mehrheitsgesellschaft, unter Lesben oder unter Polys. Dies ist eine wirklich relevante Erkenntnis, die aber in ihrer vereinfachten Form geradezu lächerlich klingt: da wird jemand nicht nur wegen seiner Sexualität diskriminiert, sondern auch wegen seiner Sexualität, und als wäre das nicht schlimm genug, darüber hinaus sogar noch wegen seiner Sexualität und seiner gleichzeitigen Sexualität!

Schwule und Lesben haben es auch nicht leicht

Und bevor es nun so wirkt, als wären Schwule und Lesben dadurch privilegiert, dass ihre Diskriminierung allgemein anerkannt ist und bekämpft wird, sei hier noch das Beispiel des Artikel 3 GG genannt. Weder die sexuelle Orientierung/Identität/Ausrichtung im allgemeinen noch das Schwul- oder Lesbischsein im Speziellen sind in Artikel 3 Absatz 3 als Merkmale genannt, aufgrund derer nicht diskriminiert werden darf.

Doch auch wenn das Merkmal “sexuelle Identität” – und  auf diese Version der Formulierung läuft es letztlich wohl hinaus – irgendwann einmal aufgenommen wird, und Lesben und Schwule damit ganz eindeutig geschützt sind…

Wer wird dann im Nachhinein noch so genau sagen können, ob damit auch Aduld Babies, Aromantische, Asexuelle, BDSMler, Bisexuelle, Fetischisten, Genderqueere, Heterosexuelle, Homokuschelige, Intersexuelle, Kuschelsexfans, Objektophile, Otherkins, Pädophile, Pansexuelle, Polyamore, Relationship Anarchists, Transgender, Transsexuelle, Transvestiten oder Zölibatäre* mitgemeint sind, sein können, sein sollen, sein wollen, sein müssen?

Fazit

Abschließend meine ich: das (ausdrückliche!) Mitnennen und Mitdenken von diskriminierten Gruppen, die oft nicht so sehr im Fokus der Betrachtung stehen, ist sowieso wichtig. Auch oder gerade dort, wo es zunächst mal um Einfachdiskriminierung geht und intersektionale Effekte zunächst nicht bedacht werden. Aber in dem Betrachtungszweig, der sich mit Mehrfachdiskriminierung befasst, würde ich nochmal eine ganz besondere Sorgsamkeit bei der Definition von “mehrfach” erwarten.

Zum Weiterlesen: Mein Blogpost über Coming Out nennt auch noch einige Kriterien, aufgrund derer ich mehr oder weniger Diskriminierung zu befürchten habe.

* diese Liste ist nicht vollständig, dafür ist sie alphabetisch sortiert. Ob damit eine Gleichwertigkeit impliziert wird oder nicht, sei der Interpretation bzw. Meinung der Lesenden überlassen.

Was ein frauenfeindlicher Amokläufer und ich gemeinsam haben – und was nicht

(seit 22:48 Uhr mit Nachtrag am Ende)

Heute morgen wachte ich auf, hörte von Elliot Rodgers gestrigem Amoklauf, der vermutlich 6 Menschen tötete und 13 weitere verletze, und las am Frühstückstisch, noch halb schlafend, Teile seines ca. 140-seitigen Hass-und-Rache-Manifests. Und fand darin Aussagen, die ich selbst fast wortgleich in meinem letzten Blogpost vom 5. Mai getätigt habe.

Heißt das, ein bisschen Serienkiller oder Amokläufer steckt auch in mir? Vielleicht in jedem Menschen?

Es geschieht etwas überstürzt, aber ich fühle, dass ich mich damit auseinandersetzen sollte, auch öffentlich, hier. Ich lerne hierbei einiges über mich selbst, aber auch über die gesellschaftlichen Umstände, die zu solchen Gewaltakten führen, und mindestens letzteres könnte ja auch für euch wissenswert sein. Es sollte klar sein, dass es riesige Unterschiede zwischen meiner Weltsicht und der von Elliot Rodger gibt, aber die Gemeinsamkeiten und die Stellen, wo diese enden, möchte ich genauer beleuchten.

Das wird ein schwieriger Blogpost, und ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen, ein paar nicht-triviale und (zumindest scheinbar) widersprüchliche Aussagen verständlich rüber zu bringen.

Das hier ist außerdem eine Sicht auf die Problematik von vielen. Aus persönlichen Gründen ist das gerade die Sicht, die mich derzeit am meisten beschäftigt, und ich möchte damit nicht implizieren, dass dies die wichtigste mögliche Sicht wäre.

Grundlegendes

Beginnen möchte ich mit ein paar Links zu Quellen und anderen Analysen, insbesondere für all jene, die vom oben genannten Amoklauf bisher nichts mitbekommen haben:

Gemeinsamkeiten

“I am not part of the human race. Humanity has rejected me. The females of the human species have never wanted to mate with me, so how could I possibly consider myself part of humanity? Humanity has never accepted me among them, and now I know why.”

- Elliot Rodger, zitiert von hier

“Ich bin kein Teil der Menschlichen Rasse. Die Menschheit hat mich abgelehnt. Die Weibchen der menschlichen Spezies waren nie gewillt, sich mit mir zu paaren, also wie könnte ich mich dann als Teil der Menschheit ansehen? Die Menschheit hat mich nie in sich akzeptiert, und ich weiß jetzt, warum.”

- Elliot Rodger, übersetzt von Lena Schimmel

“Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik. Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.”

- Lena Schimmel, zitiert von hier

Es wäre zwecklos, nun abstreiten zu wollen, dass es eindeutige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Formulierungen gibt. Und auch darüber hinaus gibt es Textstellen im Manifest, die auch ich exakt so hätte schreiben können. Die Frustration, das Leid, die Hoffnungslosigkeit. Das Unverständnis dafür, warum es anderen besser ergeht als einem selbst. Der Neid, die schreiende Ungerechtigkeit, die Machtlosigkeit, irgendetwas daran zu ändern. Ich kenne das. Zu gut.

Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es für mich oder für Elliot Rodger schlimmer war, unter anderem auch deshalb, weil ich sehr erfolgreich verdrängt habe, wie sehr ich in meiner Jugend wirklich unter Ablehnung litt. Vermutlich liegt es in einer ähnlichen Größenordnung. Ich könnte Teile meines digitalen Tagebuchs von damals heraussuchen und zitieren, wenn ich mich denn trauen würde, da nochmal herein zu schauen und die damalige Zeit nochmal gedanklich zu durchleben. Wenn ich das täte, würde man vielleicht ähnlich drastisches Leid finde, aber ich lasse es lieber.

Unterschiede

Ok, wo fange ich da an? Unterschiede gibt es sichtlich mehr als Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Endergebnis ist ein anderes:

Elliot Rodger wurde zu einem wuterfüllten, frauenhassenden (oder eigentlich so ziemlich jeden hassenden), verbitterten, mordenden Amokläufer. Seine Minderwertigkeitsgefühle kehrte er in göttliche Selbstaufwertung um, und wurde damit und mit seinen grausamen Taten zum Repräsentant des Bösen im Allgemeinen, sowie zum Held für einige wenige, die auch so empfinden.

Ich wurde zwischenzeitlich zu einem schüchternen heterosexuellen Jungen, der andere Jungs und Männer hasste, ebenso das Patriarchat und die Heterosexualtiät im Allgemeinen, und der froh war, wenn er mit ein paar Mädchen befreundet sein konnte. Jetzt bin ich eine junge, lesbische Frau, die zwar ob ihres Singledaseins zuweilen in Selbstmitleid zerfließt, aber inzwischen mit Männern und Frauen befreundet sein kann, feministische Grundansichten vertritt obwohl sie kürzlich dem Feminismus e.V. kündigte und Gewalt (insbesondere, aber nicht nur, gegen Frauen) nach wie vor verurteilt.

Wo sich die Wege trennen

Zwei ähnliche Ausgangspositionen und sehr verschiedene Wege. Ich glaube, das liegt im Wesentlichen an zwei Grundeinstellungen, die mich geprägt haben: Gewaltfreiheit und die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wobei letzteres wohl für sich schon so eine mächtige Wirkung hatte, dass meine gewaltfreie Einstellung als eigenständige Überzeugung vielleicht unbedeutend dafür war. Denn letztlich folgt aus der Einsicht, dass alle Menschen gleiche Würde, gleiche Rechte und gleiche Eigenständigkeit haben, dass ein friedliches Miteinander möglich und nötig ist.

Auch wenn ich mich nicht immer getraut habe, zu sagen: “ich bin eine Frau”, so war mir doch immer klar, dass ich nicht prinzipiell mehr Wert sein kann als eine Frau, und das auch Männer im Allgemeinen das nicht sein können. Auch wenn ich mich zuweilen schlecht gefühlt habe, da ich keine Beziehung zu einer Frau hatte, so war der angestrebte Zustand ja nie, dass ich “eine Frau bekomme”, quasi als Besitz und Belohnung dafür, dass ich in besser bin als irgendwer anderes, sondern vielmehr, dass eine andere Frau und ich einander finden, weil wir uns beide lieben und als gleichwertige Partnerinnen auf Augenhöhe beglücken. Auch wenn ich es oft schade fand, dass eine bestimmte Frau mich nicht begehrt, und in dem Muster, dass gar keine Frau mich begehrt, eine gewisse Ungerechtigkeit ausgemacht habe, so wäre ich praktisch nie auf den Gedanken gekommen, dass diese spezifische Frau und/oder die Frauen im Allgemeinen die Pflicht hätten, das zu ändern. Wenn ich irgendwem böse sein könnte, dann vielleicht Gott oder einer anderen, allgemeinen Schicksalsentität, oder in Ermangelung von Gläubigkeit eben mir selbst. Vielleicht auch der Gesellschaft, die Maßstäbe prägt, die ich nicht erfüllen kann oder will.

Gleichwertigkeit der Geschlechter als (Teil-)Lösung

In einer Welt, in der die Gleichwertigkeit der Geschlechter allgemein anerkannt wäre, wird es immer noch junge Männer geben, die Zurückweisung erfahren, sich minderwertig fühlen, ewige Einsamkeit befürchten, am Sinn ihres Lebens zweifeln. Vermutlich werden sie genauso viel leiden wie sie es jetzt tun. Vielleicht werden auch sie “den Verstand verlieren” (wobei damit einerseits gemeint sein kann “eine psychische Erkrankung entwickeln” und andererseits “die Fähigkeit verlieren, rational zu entscheiden, was das Richtige ist, und in Folge dessen das Falsche tun”, und ich will beides nicht gleichsetzen). Vielleicht kommt ihnen jegliche Hoffnung abhanden und sie beenden ihr Leben. Aber dass sie in solch einer gleichberechtigten Welt eine Tat wie diese planen und umsetzen, das kann ich mir schwerlich vorstellen.

Im Übrigen weiß ich, dass Frauen und Mädchen ebenfalls von Zurückweisung, Abwertung und Minderwertigkeitsgefühlen betroffen sind. Die Ausprägungen und Folgen mögen anders sein als beim männlichen Geschlecht, was zum einen “in der Natur der Frauen” liegen könnte, zum anderen an der gesellschaftlichen Prägung, und ich persönlich glaube, dass beide Faktoren zusammen spielen. Auch bei Frauen führt das Gefühl von Minderwertigkeit zu Gewalt, nur eben öfter gegen sich selbst gerichtet, was weniger öffentliches Aufsehen erregt. Die unterschiedlichen Formen der Verzweiflung und von deren Bewältigung machen es mir schwierig, ein klares Bild davon zu bekommen, ob Jungen/Männer oder Mädchen/Frauen stärker von diesen Gefühlen betroffen sind.

Doch eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sämtlichen Hass, mit dem sie erfüllt werden, nur noch gegen sich selbst wenden ist vielleicht auch nur marginal besser als unsere Welt. Mein Traum ist eine Welt in der Menschen sich nicht zurückgewiesen fühlen, bzw. mit der erlebten Zurückweisung gut zurecht kommen. Eine Welt in der sowohl Menschen wie ich, als auch Menschen wie Elliot Roger weder sich selbst noch andere hassen. Ich weiß leider nicht genau, wie das erreicht werden kann.

Sympathy for the devil

(Hinweis für die nicht- oder wenig-englisch-sprechenden: “sympathy” ist das Englische Wort für “Mitleid”, die Überschrift bedeutet somit “Mitleid mit dem Teufel” und ist der Titel eines Liedes der Rolling Stones.)

Ich erwarte keine Sympathie, also Zuneigung, für Menschen wie Elliot Roger. Nach dem, was er getan hat, mag es auch vielen schwer Fallen, Mitleid mit ihm als ganz konkretem Menschen zu haben. Auf den konkreten Fall bezogen verdienen unser Mitleid wohl am ehesten die getöteten und verletzten, deren Angehörigen und Freunde, all jene, die das Grauen miterlebt haben und selbst nur knapp schlimmerem entgangen sind.

Aber losgelöst davon habe ich das Gefühl, Menschen, die unter stetiger Zurückweisung leiden, haben Mitleid verdient. Manche von ihnen werden (Serien-)Mörder werden, manche werden Vergewaltiger werden, einige werden Arschlöcher im kleineren Stil sein, und ganz viele von denen werden einen anständigen und aufrichtigen Weg finden, um ihr Leben zu leben. Wer unter Zurückweisung leidet, läuft ganz konkret Gefahr, in Zukunft eine Menge beschissener Verhaltensweisen zu entwickeln, aber bis dahin hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen und ist kein schlechter Mensch. Wer seine Gefühle dann in Worte fasst, wird fast unweigerlich Dinge sagen, die auch ein frauenhassender Massenmörder sagen würde, weil sie zu Beginn ihrer Wege den gleichen Schmerz gespürt haben. Schmerz ist ein universelles menschliches Gefühl, er fühlt sich für Männer und Frauen gleichermaßen schlecht an, für Feminist_innen genauso wie für Frauenhasser, für Nice Guys ebenso wie für “wirklich” nette Typen.

Indem ich mich in den letzten Jahren mit feministischen Positionen auseinander gesetzt habe, habe ich viel wichtiges und richtiges gelernt. Feminist_innen sind auf einem guten Weg, die Welt zu verbessern. Feministische Grundansichten haben mich (soweit ich das beurteilen kann) davor bewahrt, ein riesiges Arschloch zu werden. Aber feministische Analysen der Phänomene “Nice Guy”, “Friendzone” und “Male Tears”, insbesondere die undifferenzierteren davon, welche die Bezeichnung “Analyse” weniger verdienen, haben mich auch verunsichert. Bin ich durch den Schmerz, den ich erfahren habe, ein “Nice Guy”, also ein Arschloch, dass Frauen verachten und über kurz oder lang vergewaltigen wird? Kann ich mit Frauen befreundet sein, die ich sexuell anziehend finde und/oder die ich liebe, ohne ihnen “Friendzoning” vorzuwerfen? Kann ich nach dem, was ich gefühlt habe und “Male Tears” geweint habe, jemals wieder ein anständiger Mensch werden? Macht mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl mich aus feministischer Sicht zu jemand wirklich minderwertigem? Diese Verunsicherung hat mich dazu gebracht, mich und mein Verhalten noch mehr zu hinterfragen und hoffentlich zu verbessern, aber es hätte leicht auch dazu führen können, mich und den Feminusmus als gegensätzliche Feindbilder aufzufassen und gegen “die Frauen” zu kämpfen.

Ich möchte, dass es kein Tabu mehr ist, über die Gefühle von Verletztheit, Zurückweisung, Einsamkeit und Minderwertigkeit zu sprechen. Ich möchte, dass Menschen, egal welchen Geschlechts, ihren Schmerz offen zeigen können, und dafür weder Spott und Hohn erfahren, dass sie bessere “Ratschläge” bekommen als “selbst schuld”, “du Weichei” und “wenn du so fühlst, dann hast du es auch nicht besser verdient.” Ich möchte, dass sie darüber sprechen können, ohne dass sie gleich in einen Topf mit jenen geworfen werden, die infolge ihrer Gefühle unangemessen reagiert haben. Ich glaube, dann ginge es denen besser, die so oder so niemals Amok laufen würden, und vielleicht gäbe es dann sogar weniger solcher Amokläufe.

Gewaltfreiheit

Zum Schluss möchte ich doch noch etwas zur gewaltfreien Grundeinstellung sagen. Sie schützt nicht davor, das falsche zu glauben, zu denken, zu fühlen, die falschen Menschen aus den falschen Gründen zu hassen… aber sie schützt davor, das falsche zu tun.

Ab und zu höre ich, dass Gewaltphantasien und gewalthafte Äußerungen nicht schlimm wären, wenn sie von einer unterdrückten Person oder aus einer unterdrückten Gruppe kommen. Da kann man sich nun endlos drüber streiten, ob das überhaupt Gewalt ist, und ob sie in dem Fall ok ist, ob das verbale Notwehr oder gerechtfertigte Rache oder sonst was darstellt… und auf diese Debatte habe ich keinen Bock und habe mich daher bisher heraus gehalten.

Fakt ist aber: wenn wir Gewalt durch unterdrückte Menschen legitimieren, dass kann sich jeder Mensch, der sich unterdrückt fühlt, damit seine eigene Gewalt legitimieren. Selbst wenn diese Legitimation nur gegenüber sich selbst funktioniert, das reicht, um aktiv zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer im Allgemeinen keine unterdrückte Gruppe von Menschen sind, aber das Gefühl einzelner Männer, unterdrückt zu sein, ist ein sehr reales Gefühl. Elliot Roger fühlte sich unterdrückt, er glaubte, das Recht zu haben, sich durch Gewalt zu rächen. Er tat es.

Verurteilen wir Gewalt. Nicht die Gefühle, die auf lange Sicht mal zu Gewalt führen könnten.

Nachtrag, etwa 2,5 Stunden nach Erstveröffentlichung

Ich hatte erst nochmal ein wenig über das nachgedacht, was ich da geschrieben habe, dann etwas Twitter gelesen, und dabei einiges gesehen, was in die Richtung ging: “Zeigt kein Mitleid für den Täter!” oder “In solchen Momenten dürfen Diskussionen über die verletzten Gefühle von Männern keinen Raum bekommen!” Ich verstehe das, irgendwie zumindest, und es tut mir Leid, dass ich mit meinem Blogpost das Gegenteil dessen tu.

Es fühlt sich komisch an, für mich als Frau, als Lesbe, als Feministin (ob ich mir das Label anhängen möchte oder nicht, schwankt derzeit oft bei mir, jetzt gerade möchte ich), als grundlegend friedliche Person, wenn ich merke, dass ich mich besser in die Lage des Täters hinein versetzen kann, zumindest in gewisse Teile seiner Gefühlswelt, als in die Lage von tatsächlichen oder potentiellen Opfern. Es ist eine ziemlich beschissene Position.

Gleichzeitig trägt mein Text eine Menge unterschwelliges Selbstlob in sich, als wollte ich sagen: “Schaut mal her wie überaus nett das von mir ist, dass ich nicht auch Amok gelaufen bin, obwohl ich auch Zurückweisung erfahren habe.” Und das ist nicht meine Intention, denn keine Menschen zu töten ist keine Heldentat, für die man gelobt werden kann. Das ist das absolute Mindestmaß dass von jedem zu erwarten ist.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich kann (meistens, und in gewissen Grenzen) entscheiden, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ich kann aber nicht entscheiden, was ich fühle.

Ich war nie wirklich auf der Täterseite, weil ich nie Täter_in sexueller oder sexuell motivierter Übergriffe war, aber ich war da, wo ich manche Gefühle von Tätern nachvollziehen kann. Ich war mehr als fucking 10 Jahre da, und ich bin auch jetzt da. Ich habe das verinnerlicht. Das hat mich geprägt, es belastet mich auch heutzutage noch in meinem Alltag, und ich weiß noch nicht, ob ich das je wieder los werden werde. Ich habe in der Zeit nichts gefühlt, was mich zu einem schlechten Menschen macht oder das mir nun Leid tun müsste, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, allein schon weil ich weiß, wie viele Menschen aufgrund derartiger Gefühle schlechtes getan haben.

Hingegen war ich die meiste Zeit meines Lebens nie Opfer solcher Taten geworden. Ich habe ein paar unangenehme oder furchterregende Situationen erlebt, die ich vor etwas über einem Jahr unter dem Hashtag #aufschrei getwittert habe, ich wurde ein paar Monate später von einer Frau missbraucht. Ich kann und will nicht herunterspielen, was derartige Erlebnisse mit anderen Menschen anrichten, aber an mir ist das zum Glück vergleichsweise spurlos vorbei gegangen. Ich habe nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, wie sich Menschen fühlen, die durch erlittene Gewalt traumatisiert sind und/oder in alltäglicher Angst vor solcher Gewalt leben.

Dies ist der Blogpost, den ich dazu schreiben kann. Kein anderer. Wenn er nicht in das Muster dessen passt, was nun angemessenerweise geschrieben werden sollte, dann kann ich leider nichts angemessenes beitragen.

Meine Haltung zur Religion

Eigentlich könnte ich das hier ganz kurz halten: Ich bin Atheistin.

Oder etwas ausführlicher: Ich bin nicht getauft, glaube an keine Form von Göttlichkeit, stehe der Kirche kritisch gegenüber und konnte kürzlich endlich feststellen lassen, dass ich nie Kirchenmitglied war und anders lautende Angaben lediglich Verwaltungsfehler waren. Ansonsten kann jede_r glauben, was er_sie will.

Aber so einfach ist das alles nicht. In Deutschland besteht Religionsfreiheit im positiven und negativen Sinne: ich kann frei wählen, welcher Religion ich angehöre, und ebenso, keiner Religion anzugehören. Was ich aber nicht kann: mein Leben führen, ohne ständig von Religion beeinflusst zu werden.

Ich finde den ganzen Themenkomplex schwierig. Auf einer politischen Ebene kann ich sagen: wir brauchen eine noch klarere Trennung zwischen Staat und Kirche. Vom Staat kann ich erwarten, nicht religiös zu sein.

Aber wie ist das mit einzelnen Personen? Ich kann mich absolut nicht darin hinein versetzen, wie es ist, religiös zu sein. Ich habe ein Stück weit verstanden, dass es für religiöse Menschen verletzend sein kann, in bestimmten Weisen über ihre Religion, ihren Gott oder ihre Glaubensgrundsätze zu schreiben, und es liegt mir eigentlich fern, Menschen zu verletzen.

Aber die beiden Themenbereiche (institutionelle und persönliche Religion) gehören zusammen. Der Staat ist religiös beeinflusst, da er von Menschen regiert wird, die ihre Politik durch religiöse Überzeugungen beeinflussen lassen. Auf der Ebene dazwischen gibt es auch noch Parteien, die einen direkten Religionsbezug sogar im Namen tragen. Da wird die Sache für mich problematisch.

Nüchtern betrachtet sind religiöse Überzeugungen genauso Überzeugungen wie jede andere auch. Ich werde in meinem Handeln – politisch wie unpolitisch – durch Überzeugungen beeinflusst. Überzeugungen können aus einer selbst heraus entstehen, oder angelernt sein, und meist gibt es da ziemlich viel Kontext der komplex auf eine einwirkt.

Mangels eigener Religiosität muss ich zur Veranschaulichung auf einen anderen Bereich ausweichen. Ich bin z.B. vom Feminismus beeinflusst, und obwohl es “den” Feminismus als komplett einheitliche Bewegung nicht gibt, gibt es doch so ein gewisses Standardmodell dessen, was da alles mit drin steckt. Manche Überzeugungen hatte ich schon früher, und habe erst später im Feminismus wieder entdeckt. An anderen Stellen ist meine Überzeugung auch konträr zur gängigen feministischen Meinung. Teilweise wird es schwer abzugrenzen, ob ich eine bestimmte These vertrete weil ich Feministin bin, oder ob ich Feministin bin weil ich diese These vertrete. Aber viele “Glaubensgrundsätze” habe ich auch einfach übernommen. Manches davon hätte ich auch kritischer hinterfragen können/sollen, teilweise bin ich gerade dabei. Kritik innerhalb der feministischen Szene und von außen wirkt indirekt auch auf mich ein. Somit vertrete ich meine ganz persönliche Variation des Feminismus, und das tut jede_r andere Feminist_in für sich genommen auch.

Und ich glaube, das ist in der Religion nicht viel anders. Da gibt es nicht “die Religion”, “das Christentum” oder “die evangelische Kirche” als homogene Glaubensgemeinschaft die in jeder Hinsicht gleich denkt, fühlt und entscheidet. Jeder gläubige Mensch hat seinen ganz eigenen Glauben.

Ich wüsste nicht, wie ich eine Politik betreiben könnte, bei der ich meine feministischen Überzeugungen komplett außen vor lasse, denn wie gesagt, kann ich die nicht klar von meinen “restlichen” Überzeugungen abtrennen. Und letztlich sind ja alles “meine” Überzeugungen, wenn ich mal das Label weglasse. Von einem Politiker, der außerdem auch religiös ist, eine Trennung seiner Politik von seiner Religion zu verlangen ist vermutlich ähnlich schwierig.

Letztlich erwarte ich von jedem Mensch aber, die ihm gegebenen Kräfte des Verstandes und der Empathie einzusetzen und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Grundsätze sind nach Möglichkeit zu hinterfragen und zu prüfen und nötigenfalls abzulegen. Ich kann nicht herum laufen und mir-nichts-dir-nichts Menschen schaden und hinterher sagen “Ich bin unschuldig! Der Feminismus hat mich dazu gebracht, ich musste es tun!” Und gleiches gilt für religiöse Menschen. Wer aus religiösen Gründen Schlechtes tut, ist dafür verantwortlich.

Der Vergleich zwischen Religion und Femismus trägt ein Stück weit, aber hat sicher auch seine Grenzen. In keinem Fall möchte ich hier eine Gleich(wertig)heit oder Austauschbarkeit behaupten. (Nicht zu vergessen sind auch die vielen religiösen Feminist_innen, die beides miteinander vereinbaren können, noch ein spannendes Thema…)

Religion besitzt aber in unserem Staat eine besonderen Schutz, den keine andere Überzeugung für sich beanspruchen kann. Ich kann Dinge tun, die objektiv gesehen falsch sind, und das Argument bringen, dass sie aus religiöser Sicht richtig waren, ohne mich durch diese Argumentation sofort lächerlich zu machen. Dieses Privileg genieße ich bei nicht-religiösen Anschauungen nicht. Auch die negative Religionsfreiheit kann ich so nicht anbringen. Das Gebimmel der Kirchenglocken verletzt meine nicht-religiösen Gefühle? Die Argumentation bringt mich nicht weit. Ich möchte etwas tun, das nach allgemeiner Rechtslage illegal wäre, und dafür straffrei bleiben, da ich nach meinen nicht-religiösen Gefühlen gehandelt habe? Auch das wird nicht funktionieren. Die Anerkennung von explizit nicht-religiösen Gefühlen gibt es nicht.

Den letzten Absatz könnte ich gut benutzen, um weiteres Feuer in die Beschneidungsdebatte zu gießen. Oh, diese Redewendung gibt es gar nicht? Aber ihr wisst, was ich meine, und darum geht es mir gerade sowieso nicht.

Es geht mir jetzt gerade einzig und allein darum, dass mir als nicht-religiösem Menschen ein Leben lang eingeimpft wurde, dass ich Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer haben müsste. Ich betreibe daher eine ganze Menge Selbstzensur. Als ich gestern twitterte:

hatte ich ein leicht ungutes Gefühl. Nicht, weil ich den Zorn des Papstes oder gar Gottes fürchtete. Auch negative Antworten von anderen, fremden Twitter-Nutzer_innen waren mir in dem Moment egal. Ich hatte Angst, die Gefühle von (katholisch-)gläubigen Menschen in meiner Timeline zu verletzen und somit letztlich Menschen zu verletzen, die mir wichtig sind. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten innerlich daran gearbeitet hatte, diese Sorgen hinter mir zu lassen.

Der Sonderstatus, den religiöse Menschen und Überzeugungen in diesem Staat erfahren, werde ich auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht abschaffen können. Aber in meinem Kopf, meinem Denken, Schreiben, Sprechen und Handeln, da kann ich das. Es geht mir nicht darum, Menschen wegen ihrem Glauben zu diffamieren. Aber ich will endlich sagen können, was ich denke, ohne mir selbst im Weg zu stehen.

Ich denke zum Beispiel, dass der Papst eine tatsächliche Gefahr für den Weltfrieden und die Menschheit ist. Es hat sich nicht nur angeboten, das nach seiner Steilvorlage aus weniger als 140 Zeichen so zu twittern. Nein, das ist meine Überzeugung. Der Papst vertritt Standpunkte, die nicht nur überholt und realitätsfern sind, sondern gefährlich und menschenfeindlich. Der Papst hat die Macht, Grundsätze zu postulieren, die viele Millionen von Menschen relativ ungefragt übernehmen. Er nutzt diese Macht nicht nur, um bösartiges Gedankengut zu verbreiten, sondern tarnt es auch noch mehr oder weniger geschickt als (positiven!) Beitrag zum Weltfrieden. Ich kenne kaum Personen, die für ihr Handeln schärfer zu verurteilen und zu hassen sind als er. Als “Tarnung” reicht dabei oft schon, dass die Worte von ihm kommen, denn für viele Menschen gelten er und seine Worte als Inbegriff des Guten, welches nicht hinterfragt werden braucht. Er besitzt zu viel Vertrauen bei zu vielen Menschen, um ihn einfach zu ignorieren. Zu postulieren “Not my Pope” reicht eben nicht, damit seine Aussagen für mein Leben irrelevant werden.

(Und ja, der Tweet wäre noch viel cooler gewesen, wenn ich das “stellt” nicht selbst davor geschrieben hätte, sondern einfach mitzitiert hätte, immerhin stand das Wort ja schon genau da im Originaltext.)

Wie kann ich aber nun mit den gläubigen Menschen in meinem Umfeld umgehen? Zunächst mal weiß ich von den allerwenigsten Menschen in meinem Umfeld, ob sie gläubig sind. Und auch wenn, ich versuche einfach, diesen Fakt möglichst weit zu ignorieren. Ich habe extreme Formen des Christenhasses gelesen, besonders oft ist mir das auf schwul-lesbischen Webseiten und in der inoffiziellen Online-Kommunikation der Piratenpartei aufgefallen. Ich sehe keinen Grund dazu, Menschen generell wegen ihres Glaubens zu beleidigen und distanziere mich davon. Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit abzuwerten oder sogar direkt anzugreifen halte ich immer für falsch, aber gleichzeitig halte ich es für möglich und sogar nötig, einzelne Aspekte einer Religion kritisch bewerten zu können.

Ich werde daher von nun an viel offener damit umgehen, dass gewisse Glaubensgrundsätze gefährliche Kackscheiße sind. Ich werde nicht weiter zusehen, wie mir und anderen Menschenrechte vorenthalten werden mit der Berufung auf religiöse Begründungen oder das “Menschenrecht” der Religionsfreiheit. Ich halte es einfach genauso wie mit anderen “Gruppierungen”, die sich Kritik gefallen lassen müssen. Wenn die Kritik sachlich gerechtfertigt ist, aber ein Mensch sich davon persönlich angegriffen fühlt, fällt das in die Kategorie “persönliches Pech”.

Ich verlange von niemandem, sich zwischen mir und seinem kompletten Glauben zu entscheiden. Um das an einem Beispiel festzumachen: Ich finde, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist zwingend geboten und religiöse Gegenargumente dürfen kein besonderes Gewicht in der Debatte haben, nur weil sie religiös sind. Somit sehe ich den wiederholten Versuch, hier religiös dagegen zu argumentieren, als absolut lächerlich an. Jede gläubige Person kann für sich ausmachen, ob sie für oder gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist. Sollte sie dagegen sein, so kann sie meine Haltung und Argumentationsweise ggf. als verletzend ansehen. Das nehme ich dann gerne und mit gutem Gewissen im Kauf, schließlich hat ihre Haltung mich zuerst verletzt.

Vermutlich ist es sogar ein Stück weit vereinfachend und sogar diskriminierend von mir, bei gläubigen Personen eher von einer kackscheißigen Einstellung auszugehen als bei nichtgläubigen. An dieser Stelle bin ich noch unsicher, ob das mein Fehler ist, oder ob es im Aufgabenbereich der Gläubigen selbst liegt, sich von kackscheißigen Positionen ihrer Religionsgemeinschaft aktiv zu distanzieren. Ich denke, solange das unterschwellige Strömungen in einer Gemeinschaft sind, darf ich daraus nicht verallgemeinern. Aber die Homonegativtät des Papstes ist komplett öffentlich, und soweit ich die katholische Religion verstehe, vertritt jeder ihrer Anhänger_innen diese Positionen erst mal, soweit nichts anderes bekannt gegeben wird. Damit ist der Ball nicht in meinem Spielfeld.

Ich habe sicherlich in meinem Umfeld Menschen, die keine menschenfeindlichen Positionen vertreten, und trotzdem Anhänger_innen einer Religion sind, die das tut. Und sich nie davon distanziert haben. (Oder ich habe diese Distanzierung nicht mitbekommen.) Manche dieser Menschen habe ich vielleicht mit diesem Text verwirrt oder vor den Kopf gestoßen. Ich habe nichts gegen euch, wenn ihr nichts gegen mich habt. Aber ich habe da ggf. gerade auf ein Problem hingewiesen, und das ist zum Glück nicht mein Problem. Macht daraus, was ihr für richtig haltet.

Es ist jetzt nicht so, dass in meinem Kopf noch 157 weitere Entwürfe für religionskritische Blogposts schlummern oder ich jetzt jeden Tag etwas derartiges sagen oder twittern werde. Ohne genauere Betrachtung werden meine Äußerungen gar nicht deutlich anders sein als zuvor. Aber ich fühle mich ein bisschen freier als zuvor, da ich eine (selbst?) auferlegte Tabuisierung hinter mir gelassen habe. Ich über nun die negative Religionsfreiheit voll aus. Die Menge der Menschenrechte, die ich bisher nicht genossen habe, sinkt damit wieder ein Stück weiter Richtung Null.

Die Frage, die jetzt noch bleibt, muss daher nicht sein “warum jetzt plötzlich dieser Text” sondern nur “warum all die 10228 Tage zuvor nicht?”

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der “Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen”. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur “kurz” anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei “Abwehrmechanismen”, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon “Frau” macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop “Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt” auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf “die anderen” zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text “Täter” extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie “Informatiker” demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von “Männergewalt gegen Frauen” einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie “männliche Opfer” anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff “rape culture” zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise “einvernehmlichen Versöhnungssex” überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren “Surprise Sex” freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung “tarnen” muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und “nachzuprüfen”. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche “Vergewaltigungs-Rollenspiele”. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht “rape fantasy”, sondern nur bei “actual rape” klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch “in der Mitte der Gesellschaft”, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die “üblichen” Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort “Triggerwarnung” oder die Abkürzung “TW” benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept “TW” findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der “political correctness” – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes “Hey Süße!” von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff “sexuelle Gewalt” zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei “Die komische Olle”. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst “Hey Süße!” in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt “aus versehen vergewaltigen”? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine “versehentlichen” Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung “ohne böse Absicht” ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem “ersten Mal” erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für “normal” gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung “legal”, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur “unschön”. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte “juristisch wurde da korrekt geurteilt” wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit “der findet das moralisch total in Ordnung” und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht “erlaubt” ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht “keine Vergewaltigung”), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der “Notwehr” auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept “Nothilfe“, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst “wie üblich” angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. “Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.” dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Jetzt neu und nur hier: Online-Geschlechtsumwandlung mit nur einem Mausklick

Der folgende Kommentar in einem feministischen Blog hat mich dazu inspiriert, etwas zu programmieren:

(…) wenn man in Ihrem Artikel mal die worte Mann und Frau vertauscht, liest sich das etwas mittelalterlich (…)

Auf dem männlichen Auge blind?

Dabei geht es wohl um diese Thesen, die ich mal etwas überzogen darstelle:

Feminist_innen sind sehr geübt darin, Frauenfeindlichkeit aufzuspüren aber blind für Männerfeindlichkeit. Wenn man in feministischen Texten alle Geschlechter tauscht, wird Männerfeindlichkeit im Ausgangstext zu Frauenfeindlichkeit und dadurch auch für Feminist_innen sichtbar.

Ich könnte mich nun darüber ergießen ob diese Thesen zutreffen, oder ob unsere patriarchale Gesellschaft die Geschlechter zu unsymmetrisch behandelt um basierend auf solchen Symmetrien zu argumentieren…

Probieren geht über Studieren. Und Programmieren geht sowieso über alles.

Aber das lasse ich und erprobe es dafür im Experiment, indem ich demnächst alle feministischen Texte mit getauschten Geschlechtern lese. Das spontan im Kopf zu tun ist mir zu anstrengend, und eine einfache Suchen-und-Ersetzen-Funktion hilft auch nicht, abgesehen davon dass Browser so was auch gar nicht haben da sie nicht zur Bearbeitung gedacht sind.

Ich habe mir daher ein Bookmarklet gebastelt, das in der aktuellen Webseite (fast) alle Geschlechterzuschreibungen ändert. Das Bookmarklet stelle ich hier bereit, damit jeder es nutzen kann. Dazu einfach diesen Link bookmarken bzw. per Drag & Drop in die Lesezeichenleiste ziehen. Dann auf eine andere (z.B. feministischte) Webseite surfen und den Button/Link in der Lesezeichenleiste ankliken. Tadaa! (Wer noch nie ein Bookmarklet gesehen hat hält das jetzt vermutlich für Hexerei…)

Online-Geschlechtsumwandlung

Oder für einen schnellen Test einfach mal direkt hier anklicken, um es auf dieser Seite auszuprobieren.

Known issues

Das ganze ist natürlich nicht allumfassend. Zum einen wäre es extrem anspruchsvoll, die Ersetzungen grammatisch korrekt durchzuführen. Das versuche ich erst gar nicht. Aber wenn man schnell über die Texte drüber liest, fallen die sprachlichen Fehler kaum noch auf.

Zum anderen basiert das ganze auf einer Wortliste, die natürlich nie vollständig sein kann, und in manchen Fällen Begriffe als Gegensatzpaar verwendet, die nicht wirklich zusammen passen. Das ganze ist also nur eine kleine Spielerei oder ein Proof of Concept und nicht zu ernst zu nehmen.

Im Übrigen erlaube ich mir ganz bewusst, hier mal das böse Wort “Geschlechtsumwandlung” zu benutzen. Denn was bei Menschen nicht geht bzw. keine adäquate Beschreibung des tatsächlichen Vorgangs ist, ist in diesem Fall genau das, was mit den Wörtern einer Webseite gemacht wird: ihr Geschlecht wird umgewandelt. Und es erlaubt einen extrem reißerischen Titel für diesen Blogpost, das war es mir heute einfach mal wert.

Was ist unter der Haube?

Der darin enthaltene Code ist folgender (kann man sicher noch schöner machen, aber Perfektion war hier kein Maßstab):

function symmetrize(dict)
{
    var dictSym = {};
    for(key in dict)
    {
        dictSym[dict[key]] = key;
        dictSym[key] = dict[key];
        var keyLc = key.toLowerCase();
        if(keyLc != key)
        {
            var valLc = dict[key].toLowerCase();
            dictSym[valLc] = keyLc;
            dictSym[keyLc] = valLc;
        }
    }
    return dictSym;
}

// Hier Wörter eintragen, die nur im ganzen ersetzt werden
// sollen und nicht als Wortbestandteil.
var dictWhole = symmetrize({
"Er" : "Sie",
"Ihm" : "Ihr",
"Ihn" : "Sie",
"Sein" : "Ihr",
"Seine" : "Ihre",

// Diese Regeln stehen hier und in den Wortteilen, um darum herum
// zu arbeiten, dass "Frau" ein Teil von "Frauen" ist und somit
// sonst "Frauen" zu "Mannen" ersetzt wird.

"Frauen" : "Männern",
"Frauen" : "Männer"
});

// alle wörter / Wortteile groß schreiben, daraus wird
//automatisch auch die kleine variante erzeugt, umgekehrt nicht

var dictPart = symmetrize({
"Männer" : "Frauen",
"Mann" : "Frau",
"Männlich" : "Weiblich",
"Kerl" : "Weib",
"Kerle" : "Weiber",
"Macho" : "Emanze",
"Machos" : "Emanzen",
"Maskulin" : "Feminin",
"Maskulinis" : "Feminis",
"Jungs" : "Mädchen",
"Jungen" : "Mädchen",
"Junge" : "Mädchen",
"Damen" : "Herren",
"Dame" : "Herr",
"Vater" : "Mutter",
"Väter" : "Mütter",
"Sohn" : "Tocher",
"Söhne" : "Töchter",
"Schwuler" : "Lesbe",
"Schwul" : "Lesbisch"
});

function ersetzung(matchedSubstring, Index, OriginalString)
{
   if(dictWhole[matchedSubstring])
        return dictWhole[matchedSubstring];
   for(key in dictPart)
       if(matchedSubstring.indexOf(key) != -1)
           return matchedSubstring.replace(key, dictPart[key]);
   return matchedSubstring;
}

// Erkennt einzelne Worte
var word = new RegExp("\\b\\S+\\b","gi");

function htmlreplace(element) {    
    if (!element) element = document.body;    
    var nodes = element.childNodes;
    for (var n=0; n<nodes.length; n++) {
        if (nodes[n].nodeType == Node.TEXT_NODE) {
            var oldText = nodes[n].textContent;
            // komplizierte, aber nachweislich effizienteste
            // Weise, um Strings zu erkennen, die nur aus
            // Whitespace bestehen (was ca. 50% aller Strings
            // einer Website ausmacht)
            if(oldText.replace(/^\s\s*/, '')
                           .replace(/\s\s*$/, '').length > 0)
                nodes[n].textContent =
                             oldText.replace(word,ersetzung);
        } else {
            htmlreplace(nodes[n]);
        }
    }
}

htmlreplace();

Es gibt gar keine Männer und Frauen, aber ich bin eine Frau. (K)ein Widerspruch?

Ich selbst kann sehr gut mit der klaren Einordnung in die Kategorie “Frau” leben, ja ich erwarte von meinen Mitmenschen quasi diese Einordnung. Gleichzeitig kämpfe ich gegen Geschlechter-Binarismen, also dafür, die strenge Kategorisierung zwischen Mann und Frau aufzuheben. Das scheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht unbedingt.

Mehrdimensionalität

Diesen Aspekt kann ich am besten an mir selbst illustrieren. Wenn ich mein Geschlecht mal genau betrachte: Genital bin ich sehr eindeutig männlich. Meine Identität sehe ich an sich wieder als vielschichtiges Gebilde an, aber wenn ich es denn vereinfacht ausdrücken müsste, dann würde ich meine Identität am ehesten als eindeutig weiblich bezeichnen.

Dieser Gegensatz zwischen Genitalien und Identität macht mich zur Transfrau. Er beweist quasi per Fallbeispiel, dass Geschlecht mehrdimensional ist, also Genital- und Identitätsgeschlecht nicht identisch ausgeprägt sein müssen.

Ich habe, wie jeder Mensch, sogar noch mehr Geschlechter, z.B. mein chromosomales und mein hormonelles Geschlecht, die bisher beide unbekannt sind und über die auch ich selbst nur Mutmaßungen anstellen könnte. Aber auch die sind nicht fest an die Genitalien oder die Identität oder gegenseitig aneinander gebunden.

Nicht-Binarität

Aber mit der Mehrdimensionalität sagt mein Einzelfall noch nichts über die Binarität oder Kontinuität dieser Dimensionen aus. Da muss ich also von anderen Menschen sprechen – spezifisch oder allgemein.

Es ist ein trivialer Fakt, dass genitales, chromosomales und hormonelles Geschlecht nicht binär sind, also dass es Zwischenformen zwischen männlich und weiblich gibt, bzw. weitere Formen neben diesen beiden. Darüber braucht man mit mir nicht zu diskutieren.

Was die Identität von Menschen angeht, so kann man durchaus verschiedener Meinung sein, ob und wie sich diese einem Geschlecht zuordnen lassen. Ganz klar ausschließen kann ich jedoch, dass eine Identität nur komplett männlich oder komplett weiblich sein kann. Ich selbst sehe mich nicht als gutes Gegenbeispiel, aber ich kenne gute Gegenbeispiele.

Variabilität

Bei all diesen Dimensionen kommt noch hinzu, dass sie nicht unbedingt über die Zeit konstant sind.

Zugegeben: im gesamten Körper die Chromosomen auszutauschen wir schwierig, aber im Rahmen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten eben theoretisch nicht unmöglich.

Hormone und Genitalien lassen sich anpassen. Dafür werde ich z.B. in Zukunft auch als lebendes Beispiel fungieren.

Und die Identität? Das ist wieder ein schwieriges Thema. Ich bin mir nicht zu 100% sicher ob die geschlechtliche Identität jedes Menschen komplett konstant ist. Ich vertraue in erster Linie auf das, was ein Mensch selbst dazu äußert. Käme nun jemand, der von sich behauptet, einen Wechsel der Geschlechtsidentität durchlebt zu haben, würde ich es ihm glauben. Bis zu jenem Zeitpunkt gehe ich aber erst mal von einer relativen Unveränderbarkeit aus. Ich habe auch das Gefühl, davon auszugehen reduziert die Chance, durch Äußerungen und Handlungen die Selbstbestimmung anderer zu verletzen, da mir viele Verletzungen bekannt sind, die darauf basieren, eine vermeintliche Veränderbarkeit auszunutzen.

Fazit

Ich würde also nie ernsthaft behaupten “Es gibt gar keine Männer und Frauen” – es gibt eben Menschen, die sich gerne so ein Label aufdrücken (wozu auch ich mich zähle) und welche, die das nicht wollen. Viel mehr würde ich also daher sagen “Es gibt nicht nur Männer und Frauen”.

Mit meiner “Aufklärungsarbeit” arbeite ich also an zwei oder drei verschiedenen Ecken, da ich glaube, dass man Mehrdimensionalität, Nicht-Binarität und Variabilität der Geschlechter zwar auch einzeln betrachten kann, aber man sie zusammen besser versteht. Und mit einem Grundverständnis für diese Konzepte erschließen sich dann viele weitere Themenkomplexe fast von selbst.

Ich muss nur aufpassen, dass ich allesamt nicht in unklarer Weise vermische – wogegen dieser Blogpost aber Abhilfe schaffen sollte.

Mehr Infos

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch der Artikel “Billions of Sexes (Part 1)” interessant. Er vertieft manche meiner Aussagen von oben, stellt noch viele weitere auf, und ist generell besser als alles was ich bisher zu dem Thema geschrieben habe. Ich habe den Artikel gestern bei FB geteilt, und meine Gedanken zur Rezeption dieser Aktion brachten mich letztlich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Womit sich der Kreis nun schließt.

Eine genaue Analyse von PeTA’s frauenfeindlicher Fail-Werbung

Ich habe gestern über die Mädchenmannschaft einen deutschen Betrag und auf Feministing einen englsichen zur BWVAKTBOOM-Kampagne der Tierrechts-Organisation PeTA gefunden. Hier erst mal der englisch-sprachige Spot:

Wer Probleme mit dem Verstehen von gesprochenen Englisch hat, findet hier die Transkription von feministing:

This is Jessica and she suffers from BWVAKTBOOM: Boyfriend Went Vegan And Knocked The Bottom Out Of Me. A painful condition when Boyfriends go Vegan and suddenly can bring it like a tantric pornstar. For Jessica it’s to late.

Boyfriend: You’re back. You feeling better?

Zunächst muss ich wohl sagen, dass der Spot technisch gut gemacht ist, eine innovative und interessante Idee umsetzt, also dass hier sicherlich Profis am Werk waren, die sich etwas dabei gedacht haben. Die Geschichte wirkt auf mehreren Ebenen, hält trotz ihrer Kürze mehrere WTF- und Aha-Momente bereit, und präsentiert ihre Kernaussage nicht plump auf dem Servier-Teller sondern mehrfach verkapselt, so dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

Soweit so gut. Aber wo ein kurzer Werbespot mehrere Denkschritte braucht, um seine Botschaft zu entschlüsseln, da können je nach Betrachter verschiedene Ergebnisse herauskommen. Wer das als werbetreibender provoziert, ist auch für sämtliche so entstehenden Botschaften verantwortlich. Insbesondere dann, wenn bewusst ein so großes Risiko eingegangen wird, dass die Werbung missverstanden wird, dass der Fehler des Missverständnisses nicht mehr beim Betrachter zu suchen ist sondern beim Werbenden.

Was genau wird im Spot gezeigt?

Ich möchte daher den Spot mal von Anfang bis Ende durchanalysieren und für die einzelnen Bestandteile aufführen, wie sie jeweils auf mich wirken und ggf. wie sie auf andere wirken könnten. Wer das Video selbst schon mehrfach gesehen hat und sich sicher ist, dass er jedes Detail wahrgenommen hat, kann diesen Langen Abschnitt ggf. auch überspringen, oder nur die fett hervorgehobenen Abschnitte lesen!

Es beginnt mit dem Portrait einer jungen Frau, deren Blick leidvoll ist. Sie geht durch eine menschenleere Straße und trägt eine medizinische Stütze am Hals (gibt sicher auch einen Fachbegriff dafür). Obwohl man nur ihren Oberkörper sieht, merkt man, dass ihr das Gehen schwer fällt. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Schwanken und dem Gesichtsausdruck legt nahe, dass ihr die Gangbewegung starke Schmerzen bereitet. Sie hält sich ihre dicke Jacke zu, eventuell friert sie auch.

Das ganze ist von ruhiger, eher trauriger Musik unterlegt. Der Erzähler bzw. Sprecher gibt ihr als erstes einen Namen – Jessica – und schafft somit eine Grundlage dafür, sie als konkrete Person zu sehen, mit der man sich ggf. identifizieren kann. Als nächstes erläutert er, sie leide unter BWVAKTBBOM leidet. Während eben dieses Leiden weiter bildlich dargestellt wird, ist dem Zuschauer kurzzeitig unklar, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt. Aus dem Kontext kann man sich erschließen, dass es sich hier im eine Krankheit, ein Syndrom oder ähnliches handeln muss. Die Behauptung, dass es dafür eine Bezeichnung gibt, legt außerdem nahe dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt dass mehrere Menschen betrifft.

An dieser Stelle – wir befinden uns in der siebten Sekunde des Spots – kann eigentlich kaum noch Zweifel daran bestehen, dass es sich hier um ein bemitleidenswertes Wesen handelt und dass es sich um eine typische Betroffenheits-Kampagne handelt.

Es folgt ein Umschnitt, man sieht Jessica vor einer heruntergekommenen Mülltonne und einer nicht weniger verschandelten Mauer, sie trägt irgendeine Tüte in der Hand. Aus dieser Perspektive sieht man erstmals, dass sie zwar obenrum eine dicke Jacke trägt, aber an den Beinen nicht viel Kleidung. Man könnte hinter ihrer Tüte z.B. einen Minirock vermuten.

Währenddessen ergänzt der Spreche, dass ihr leidbringendes Kürzel für “Boyfriend went vegan an knocked the bottom out of me” steht. Zu deutsch wäre das, würde man es wörtlich übersetzen, also etwa “Mein Freund wurde vegan und hat mir den Boden raus geschlagen.” Es handelt sich im Englischen um eine relativ feststehende Formulierung für heterosexuellen vaginalen Geschlechtsverkehr. Es war mir in der kürze nicht möglich, von hier aus herauszufinden wie verbreitet der Begriff ist und welche Konnotation er für englischsprachige Menschen hat. Laut dem Collins Englisch Dictionaly bedeutet “knock the bottom out of” zwar “to destroy or eliminate“, aber Einträge im Urban Dictionary deuten darauf hin, dass dieser (ursprünglich eben gewaltsam besetzte) Begriff ganz generell für Sex verwendet wird, ohne dessen gewaltsame Komponente speziell betonen zu wollen. Wenn es solch eine Bedeutungsverschiebung tatsächlich gegeben hat, dann sagt allein das schon einiges über die Gesellschaft aus…Zudem wird auch ein Zusammenhang zu “to beat it up” hergestellt, dessen beiden Hauptbedeutungen laut ebendiesem Urban Dictionary sind: “1) To injure physically in a fist fight.
2) To have sex with (a woman)“.  Da soll noch irgendwer sagen, die Verbindung zwischen Sex und Gewalt würde fern liegen.

Der Sprecher lässt zunächst keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Problematik, bezeichnet er doch die Angelegenheit als “painfull condition”, also als scherzhaften Zustand. Währenddessen sehen wir, wie sich die Betroffene mühsam eine Treffe herauf quält. Nach einem Umschnitt fallen drei Dinge auf, in absteigender Reihenfolge der Offensichtlichkeit:

  • Jessica trägt untenrum nur eine ausgeleierte rosa-farbene Unterhose
  • In ihrer transparenten Einkaufstüte befindet sich roter Paprika, etwas Grünes und außerhalb der Tüte noch irgendein blätteriges Gemüse
  • Die Sonne kommt nun von Vorne und hat damit ihre Position seit dem Umschnitt um ziemlich genau 90° verändert. In Wirklichkeit würde das 6 Stunden dauern.

Der Erzähler fährt fort, indem er erklärt, dass der nun vegane Freund es plötzlich wie ein tantrischer Porno-Star bringt. Moment, was ist das? Der Porno-Star bedarf wohl keiner Erklärung. Tantra ist eine alte religiöse und philosophische Strömung aus Indien, die zahlreiche spirituelle Rituale enthält. Sexuelle Praktiken sind nur ein winziger Bestandteil darin, werden aber durch unsere westliche “Kultur” (wie auch schon beim kāmasūtra) auf den sexuellen Aspekt reduziert. Wenn hier schon vom tantrischen Porno-Star die Rede ist, wird wohl genau dieser Sexuelle Aspekt gemeint sein. Auch dieser ist natürlich vielschichtig, enthält z.B. rituelle Übertragungen von Körperflüssigkeiten der Sexualpartner aber auch des Gurus, die sexuelle Balance zwischen Mann und Frau aber auch der verschiedengeschlechtlichen Anteile in jedem einzelnen Menschen, die sprituelle Vereinigung, das Zurückstellen des eigenen Egos, etc. Was sich davon in unserer Mainstreamkultur festgesetzt hat sind aber eher der (stunden-)lange Geschlechtsverkehr und ggf. sehr langsame Bewegungen oder sogar statische Positionen, in denen die Partner ineinander verweilen. Von Schmerzen, Rücksichtslosigkeit und körperlichen Schäden kann ich aber weder im klassichen Tantra noch in der westlich-reduzierten Sicht etwas finden. Ich habe aber auch noch keine Pornos angeschaut, die als tantrisch beworben wurden. Sollte ich vielleicht mal nachholen.

Damit der Zuschauer sich all diese Gedanken nicht machen muss wird nun ein Sekundenbruchteil des Geschlechtsverkehrs in den Spot geschnitten. Jessica, hier ohne ihre dicke Jacke und medizinisches Equipment, liegt auf dem Bauch oder kniet im Bett, wird von hinten genommen und stützt sich mit ihren Händen gegen die dunkelrote Wand, vermutlich um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ekstatisch und glücklich, während sie ihren Kopf in Richtung des Partners dreht.

Als nächstes sehen wir Jessica wieder in voller Montur – Halsstüze, Winterjacke, Unterhose und Einkaufstüte – in einer bunt und geschmackvoll gestalteten Wohnung. Die Rote Wand aus der Sex-Szene würde hier gut hinein passen. Auch wäre nicht auszuschließen dass die Bewohner dieser Wohnung sich mit indischen Traditionen auskennen. Ihr nachdenkliches durch-die-Wohnung-Schleichen legt zusammen mit der Schnittfolge außerdem die Vermutung nahe, dass sie beim Betreten der Wohnung an eben jenen Geschlechtsverkehr denken musste.

Der Sprecher fährt fort: “Für Jessica ist es zu spät.” Sie zieht sich die Jacke aus, blickt dabei müde und enttäuscht. Darunter kommt außer ihrem medizinischen Accessoir nur ein gemusterter BH zum Vorschein.

Umschnitt. Jemand schmiert weiße Pampe – Quark, Kuchenteig, oder vielleicht Gips? – auf ein Loch in der rot gestrichenen Wand. Das Loch hat etwa 25cm Durchmesser. Hier muss irgendwas massiven Schaden angerichtet haben.

Nun betritt Jessica, in Unterwäsche und mit dem Einkauf, das Schlafzimmer. Ein Mann, ebenfalls in Unterwäsche, hört auf die Wand zu verputzen, wendet sich ihr zu und meint “Hey, du bist zurück. Geht es dir besser?” Sie wirft ihm trotzig den Einkauf zu.

Erneuter Umschnitt, man sieht ihr Gesicht. Aus einem anfangs kritischen Ausdruck wird ein Lächeln, das vielleicht auch etwas freches und herausforderndes in sich trägt. Gleichzeitig wird das Bild in Richtung Schwarz ausgeblendet.

Abschließend bittet der Sprecher den Zuschauer, sich auf der angegebenen Internetseite darüber zu informieren, wie man vegan wird – und zwar auf sicherem Weg. Der Spot ist zu Ende.

Die sachliche Aussage zusammengefasst

Fasse ich doch erst nochmal zusammen: Der Spot zeigt eine Frau, die beim Geschlechtsverkehr körperlich verletzt wurde, weil sie mit dem Kopf gegen die Wand gevögelt wurde. Sehr fest, sehr oft, oder beides. Sie hat sich eine Verletzung der Halswirbelsäule und vermutlich auch des Gehapparates (Bein, Fuß, Hüfte) zugezogen. Sie leidet unter Schmerzen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Dennoch ist sie, mangelhaft bekleidet, unterwegs um Gemüse für ihren Freund zu kaufen. Vordergründig baut der Spot, insbesondere durch den Sprecher, Mitleid und Betroffenheit auf. Die Schuld wird dem Freund gegeben, der beim Sex zu hart ran gegangen ist, auch wenn die Schuld gleich auf seine Ernährung weiter verlagert wird. Der Freund macht sich auch Sorgen um ihr Befinden. Sie scheint ihm aufgrund der Vorfälle noch etwas böse zu sein, andererseits kann man in ihr Lächeln vielleicht hinein interpretieren, dass sie ihm gegenüber dennoch freundlich gesinnt ist. Man könnte sogar so weit gehen, dass sie damit erneute Lust an Sex ausdrückt.

Frage nach der Botschaft

Nun stellen sich Fragen. Wo ist hier eine ernst gemeinte Botschaft, wo wird mit Ironie gespielt? Wo sind stellen, die sowohl bei ernster als auch ironischer Betrachtung grenzwertig sind?

Diverse Menschen haben sich nun darüber beschwert, dass der Spot sexuelle Gewalt positiv darstellen würde. Zum einen werden die Konsequenzen ja negativ dargestellt und nirgendwo ausdrücklich schön geredet. Zum anderen kann man durchaus sagen, dass es sich hier um einen unbeabsichtigten Unfall beim Sex handelt, der ohne böse Absicht geschehen ist und somit keine Gewalt darstellt. Beide Argumente wurden schon mehrfach angebracht.

Dennoch bin auch ich einer dieser Menschen, die hier Gewaltverherrlichung sehen und anprangern. Die Kampagne muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass PeTA natürlich dafür ist, dass Menschen sich vegan ernähren sollten. Die Behauptung, dass Männer durch vegane Ernährung kräftiger, sexuell potenter, oder sonst wie aktiver werden, war mir neu. Aber wie ich aus den Kommentaren anderer lesen konnte, ist diese Idee wohl schon recht weit verbreitet.

Wenn man von Ironie ausgeht – wird die Aussage nicht besser

Eine Argumentationslinie sagt nun, dass der Spot eigentlich folgende Aussage machen wolle: “Wer vegan isst, hat heftigeren Sex, und heftiger Sex ist gut. Daher sollte man sich vegan ernähren. Heftiger Sex kann zu Verletzungen führen, und eben dass stellen wir nun ganz übertrieben dar, heucheln eine übermäßige Betroffenheit vor und ziehen die Sache somit ins Lächerliche. Denn eigentlich ist ja allen klar, dass die Frau sich freuen sollte dass ihr Freund jetzt abgeht wie eine Rakete.”

Ob man das nun darein interpretieren kann, möchte oder soll, ist schwer zu sagen. Ich kann keinen logischen “Beweis” dafür erbringen, dass PeTA genau das sagen wollte, oder dass sie es wissentlich provozieren dass man es so interpretieren könnte. Aber mein Gefühl gibt mir da trotzdem 100%ige Sicherheit. Genau so sicher bin ich jedenfalls, dass sie “nette” Kernaussage (“Bitte Jungs, seid vorsichtig wie ihr mit euren Freundinnen umgeht!”) auf gar keinen Fall ernst gemeint ist. Und eine dritte Interpretationsweise erschließt sich mir auch nach längerer Beschäftigung nicht.

Etwas zwischen Ironie und Ernst?

Das Hauptgestaltungselement ist hier eine auf Maximum überspitzte Darstellung des Leidens. Solche Extreme können nur in zwei Richtungen wirken: Entweder man meint es todernst und will auf ein massives reales Problem ansprechen. Oder man meint das Gegenteil, möchte das Problem komplett ins Lächerliche ziehen und aufzeigen dass es kein Problem ist. Sondern nur ein Witz. Man kann diese Extreme Darstellung einfach nicht für eine ausgewogene Botschaft nutzen. “Es gibt da wirklich gewisse Vorfälle von sehr intensivem Sex durch Veganismus, das in den meisten Fällen gut so und macht beiden einfach nur Spaß, aber in manchen Fällen führt es zu Schäden die man dann sehr ernst nehmen muss” ist keine Interpretationsmöglichkeit für einen derart überzogenen Spot.

Und wenn es doch ernst gemeint ist?

Wenn ich mal ganz kurz versuche mir vorzustellen, dass PeTA hier wirkliche, echte Betroffenheit für ein reales Problem erzeugen wollen würde: Würden sie dann der gewaltverherrlichenden Begriff “to knock the Bottom out of someone” benutzen? Zumal in einem Zusammenhang, in dem sowohl die sexuelle als auch die zerstörerische Bedeutung offen sichtbar sind? Würde man das Oper eines Sexunfalls oder gar sexueller Gewalt beim Einkaufen in Unterwäsche zeigen, wenn man hier über ein ernstes Problem berichten wollen würde? Würde man es unkritisch zeigen, wie die Geschädigte die (angebliche) Ursache des Vorfalls berkräftigt indem sie mehr Gemüse kauft? Würde man es ernsthaft riskieren, es so wirken zu lassen als würde sich das Opfer freiwillig einem erneuten Vorfall hingeben? Nein, nein und noch ein paar Mal nein.

Warum die Erklärung mittels einer Unfall-Theorie schlimmer ist als der Spot selbst

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die Unfall-Theorie eingehen. Immerhin lässt der Spot ja an keiner Stelle erahnen, dass der junge Mann seine Freundin absichtlich verletzt hätte. Egal ob man den Spot todernst oder sehr ironisch interpretiert, es scheint doch absolut offensichtlich, dass es sich hier um einen harmlosen Unfall handelt. Oder?

Gerade in dieser Annahme liegt eine grundlegende Fehleinschätzung. Dass man so geneigt ist, die Situation so zu interpretieren, sagt eigentlich nichts über den Spot oder über PeTA aus, sondern um das generelle Problem unserer Gesellschaft um Umgang mit sexueller Gewalt. Die Dissonanz dazwischen wie Sexualität eigentlich ablaufen sollte und wie massive Abweichungen davon gesellschaftlich schön geredet werden ist einfach nur erschütternd und abstoßend.

Rekonstruktion des Ungezeigten

Rekonstuieren wir doch mal den Ablauf dieses “Unfalls”. Die beiden Partner haben sich einvernehmlich zum Sex eingefunden. Irgendwann im Verlauf des Aktes wechseln sie in eine Position bei der sie auf dem Baum oder den Knien von hinten penetriert wird. Auch das geschieht unter Konsens und bereitet beiden Partnern freude. Für den Verlauf bis hier haben wir einen einsekündigen “Beweis” im Video. Nach dem Verkehr befindet sich ein großes Loch im Putz der Wand, die Frau hat eine Halsverletzung. Auch das ist “belegt”. Was muss dazwischen abgelaufen sein?

Klar: der Mann hat seinen Körper mit so viel Wucht gegen bzw. in die Frau geschleudert, dass sie trotz Abstüzen an der Wand nicht mehr gegenhalten konnte und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen ist. Dabei hat sie sich verletzt und die Wand wurde beschädigt. Das Ausmaß der Beschädigung der Wand lässt nun aber Rückschlüsse darauf zu, wie stark bzw. wie oft es zu diesem Zusammenstoß gekommen sein muss. Und es ist so groß, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Wucht sehr stark in dem Bereich gelegen haben muss, bei dem ihm bewusst sein musste dass er seiner Freundin akut Schmerzen zufügt, und dass er eine Verletzung ihres Körpers ermöglicht oder sogar erzwingt. Alternativ war es nicht die einmalige Wucht, sondern ein leichteres aber dafür vielfach wiederholtes Stoßen ihres Kopfes gegen die Wand. In dem Fall hat er in gleicher Weise ihren Schmerz und ihre körperliche Schädigung in Kauf genommen. Man weiß nicht, wie sie sich dabei verhalten hat. Sie mag “Jaaaa, mehr, weiter, jaaaaaaaaaa!” geschrien haben, zumindet bis zum Moment der Verletzung. Sie mag schon vorher “Stopp, nicht so feste, au, hör auf!” gerufen haben. Vielleicht war sie auch eher still und das dominierende Geräusch war das wiederholte Aufschlagen ihres Kopfes an der Wand. Egal was es ist, der Mann wäre dafür verantwortlich, diesen “Unfall” zu verhindern. Und wenn er das nicht kann, sollte er die nötige Reue zeigen, dazu weiter unten noch mehr.

Ich vermute also, dass hier eine Situation passiert sein müsste, die zwar allgemein von der Gesellschaft als Unfall bezeichnet werden würde, die aber bei genauerer Betrachtung kein Unfall ist, sondern eals Unfall getarnte Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Ich kann aus den Informationen, die mir vorliegen, nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob dort ein Unfall oder eine innerpartnerschaftliche Vergewaltigung stattgefunden hat (Muss ich eingentlich an der Stelle explizit erwähnen, dass einvernehmlicher Sex, der fortgeführt wird wenn einer der Partner es nicht mehr möchte, eine Vergewaltigung darstellt?). Es ist nicht sicher, aber zumindest sehr wahrscheinlich dass hier mehr als nur ein Unfall vorlag. Wäre dies ein realer Fall, dann würde ich auf Basis dieser Informationen nicht verlangen, dass der Mann für seine Handlung bestraft wird. Aber ich würde hoffen, dass man von den beiden Beteiligten mehr Informationen herausbekommen könnte. Würde natürlich auch hoffen, dass es sich wirklich nur um einen einmaligen Unfall handelte. Aber wenn es anzeichen dafür gäbe, dass der Mann bewusst Verletzungen seiner Partnerin in Kauf nimmt, doer dass er sich und seinen Körper so wenig unter Kontrolle hat, dass er erneute Unfälle nicht verhindern kann, dann würde ich die Frau ermuntern aus dieser schädlichen Beziehung ausbrechen, ggf. Anzeige zu erstatten. Auch würde ich mir Sorgen machen dass künftige Freundinnen dieses Mannes Opfer von Gewalt werden. Und sollte es wirklich die vegane Ernährung sein die ihn zum gefährlichen Sexmonster macht, dann würde ich im etwas tierisches Eiweiß verordnen.

Aber das hier ist kein realer Fall. Es ist ein von PeTA konstuierter Werbespot. Und bei dessen Konstruktion hätte man vorsichtiger vorgehen können – nein, müssen. Es wäre sicher möglich gewesen, klarer darzustellen, dass es sich wirklich ein richtiger Unfall war. Dazu hätten vielleicht Kleinigkeiten gerreicht, z.B. ein weniger extremes Loch an der Wand, eine nicht ganz so starke Verletzung der Frau. Oder ein Mann, der mehr Reue zeigt.

Und überhaupt, was geschah danach?

Denn was ist nach dem Sex passiert? Die Frau war vermutlich bei einem Arzt. Denn so ein Hals-Dings hat sie sicher nicht einfach so daheim rum liegen – außer wenn dieser “Unfall” regelmäßig passiert, aber das stützt dann wieder eine andere These. Und sie war einkaufen. Wenn es ihr doch solche Schmerzen bereitet, zu Laufen, warum muss sie dann das Gemüse für ihren Freund kaufen? Und er, was hat er nach dem Sex getan? Er hat Putz angerührt um die Wand zu reparieren. Hier wäre es vielleicht sogar glaubwürdig, dass er den Putz bereits daheim vorrätig hatte.

Und die Freundin geht in Unterwäsche einkaufen. Obwohl es kalt draußen ist und obwohl es in unserer Kultur eine zweifelhafte Aussage hat, in Unterwäsche vor die Tür zu treten. Was wollte man uns damit sagen? Dass das gezeigt direkt nach dem Sex passiert ist, und sie keine Zeit hatte, sich vorher anzuziehen? Weil der Freund sie sofort zum Einkaufen schickt, bevor er sich um sie kümmert? Oder hat man einen Weg gesucht, die Frau schon sexualisiert darzustellen während sie doch eigentlich noch auf der Außentreppe still vor sich hin leidet? Oder wollte man einfach ein Element einbauen das dem ernsten Thema jeden Ernst nimmt und damit zeigen wie lächerlich man das eigentlich machen möchte? Egal, an dieser Stelle setzt jede Logik aus. Es ist nicht so, dass mir erst jetzt beim Schreiben auffallen würde wie sinnfrei das alles ist. Aber hätte ich diesen Punkt schon eher erwähnt, wäre vermutlich jede weitere ernsthafte Betrachtung in sich zusammen gebrochen.

Ja, ich kann diesen Spot so interpretieren dass er lustig und humorvoll und gut gemacht ist. Ich müsste lügen wenn ich nicht zugeben würde, dass er sogar mir selbst kurz ein Lächeln über die Lippen gejagt hat.

Aber ich kann ihn nicht so interpretieren, dass sich nicht nicht gleich auch eine ganze Reihe von alternativen Interpretationen aufzwingen, die sexuelle Gewalt verharmlosen oder soger befürworten. Und das macht diesen Spot zu einem No-Go.

Reproduktive Rechte – eine Einführung und viele Fragen

Ich will mich heute mal langsam an ein großes Thema heran machen: Reproduktive Rechte und Familienplanung. Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema “Ehe” hatte ich sowieso schon angekündigt, und auch der Infoabend “Lesben und Kinderwunsch” vor einer Woche  hat mir gezeigt wie viel da gesellschaftlich und politisch noch zu tun ist.

Was für  Rechte sind das?

In den USA sorgen anhaltende Debatten zur Abtreibung dafür, dass “reproduktive Rechte” mitunter gleichbedeutend mit “Recht auf Abtreibung” verstanden wird. Aber natürlich gibt es eine Vielzahl anderer reproduktiver Rechte:

  • auf freie Wahl der Anzahl der Kinder, inkl. der Wahl keine Kinder zu bekommen
  • auf freie Wahl des Zeitpunktes der Zeugung
  • auf Zugang zu (Empfängnis- und Infektions-)Verhütungsmitteln
  • auf freiwillige Abtreibung
  • auf freiwillige Maßnahmen zur assistierten bzw. künstlichen Befruchtung bzw. auf Erhalt von Samenspenden
  • auf medizinische Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt
  • auf Sexualität unabhängig von einer Zeugungsabsicht
  • auf sexuelle Aufklärung
  • auf Unversehrtheit der Zeugungsorgane
  • auf freiwillige zeitweise oder dauerhafte Sterisilisierung und medizinische Maßnahmen, die selbiges prinzipiell beinhalten (nachgetragen am 22.01.2013)
  • auf Entnahme und Konservierung von Keimzellen (Eizellen, Spermien, befruchteten Eizellen) und Geweben (Hoden, Eierstöcken), sowie den späteren Zugriff auf selbige (nachgetragen am 22.01.2013)

Dabei steht der Zusatz “freiwillig” jeweils dafür dass zwar die Möglichkeit dieser Maßnahmen bestehen soll, aber niemals der Zwang diese über sich ergehen zu lassen.

Und natürlich gibt es fließende Übergänge zu allgemeinen Menschenrechten, Gesundheitsrechten, sozialen und wirtschaftlichen Rechten, sexuellen Rechten, Identitätsrechten, etc. Diese habe ich aber hier ausgelassen damit die Liste nicht länger als breit wird.

Es geht nicht nur um die Menge der Rechte, sondern…

Verschiedene internationale Organisationen haben diverse Definitionen ausgearbeitet die mal mehr und mal weniger der oben erwähnten Rechte umfassen. Der Artikel “Reproductive rights” in der englischen Wikipedia gibt eine gute Übersicht darüber.

Aber nicht nur die Zusammenstellung der Rechte ist unterschiedlich, sondern vor allem auch, wem diese Rechte zugesprochen werden. Mal stehen sie allen (Ehe-)paaren zu, mal allen Menschen, und manchmal allen Frauen. Manchmal wird dieses “allen” sogar noch dadurch konkretisiert, dass keine Diskriminierung stattfinden soll, indem manchen diese Rechte dennoch vorenthalten werden. Formulierungen wie “allen Frauen” führen natürlich direkt zur Frage wie hier das Frau-sein definiert ist, und wenn ein Recht allen Frauen und allen Männern zusteht, was ist dann mit jenen Menschen die weder Frau noch Mann sind? Steht das, was allen Paaren zusteht, auch solchen “Paaren” zu, die nur lose zusammen leben? Die aus mehr als zwei Menschen bestehen? Auch gleichgeschlechtlichen Paaren? Auch zwei Menschen, die mal ein Paar waren? Und auch gesellschaftlich geächteten Paaren wie z.B. einem Paar aus Bruder und Schwester?

Egal wie man es nun definiert, es handelt sich dabei nicht direkt um geltendes Recht sondern allenfalls um Richtlinien, welchen den Staaten nahe gelegt werden und zu deren Umsetzung sich manche Staaten verpflichtet haben. Wie viel von diesem Recht dann auch wirklich Recht im rechtlichen Sinn ist, weicht natürlich von Staat zu Staat stark ab.

Was ist schon ein Recht, wenn man kein Recht darauf hat? Fragen über Fragen…

Und letztlich ist auch relativ unklar, was es nun heißt, ein Recht zu haben, oder welche hindernden Umstände hingenommen werden müssen oder als unerlaubte Verletzung dieser Rechte gelten. Hier einige beispielhafte Fragen:

  • Wenn jemand Recht auf eine Maßnahme hat, steht sie ihm dann kostenfrei zu? Oder müssen die Kosten zumindest von der Krankenversicherung getragen werden? Oder ist ein Eigenanteil gerechtfertigt? Darf oder muss dieser einkommensabhängig sein?
  • Gibt es für solche Maßnahmen ein Gebot der vernünftigen Preise oder dürfen die Anbieter beliebige Phantasie-Preise verlangen? Dürfen diese Preise auch noch extrem variieren, je nachdem wer diese Leistung wahrnehmen will?
  • Dürfen die Anbieter dieser Leistungen selbst entscheiden, welchen Personen sie diese vorenthalten? Dürfen sich die Anbieter dieser Maßnahmen untereinander so absprechen, dass gewissen Menschengruppen von allen Anbietern einheitlich die Leistung verweigert wird?
  • Schränkt es die Wahlfreiheit ein, wenn die Nutzung oder der Verzicht gewisser Maßnahmen mit wirtschaftlichen oder sozialen Vor- bzw. Nachteilen verknüpft wird?
  • Wie stark darf ein solches Recht an Bedingungen geknüpft werden? Was, wenn diese Bedingungen nicht im Ermessen der Person selbst liegen und für sie unerfüllbar sind? Darf für die Inanspruchnahme eines solchen Rechtes die Bedingung gestellt werden, auf ein anderes dieser Rechte zu verzichten?
  • Kann von einem freien Recht die Rede sein wenn zuvor eine Beratung, Untersuchung oder Begutachtung durch Fachleute stattfinden muss?
  • Wie kritisch dürfen oder müssen solche Beratungen sein?
  • Dürfen Einzelpersonen oder die Gesellschaft insgesamt Menschen dafür kritisieren, dass sie ihre Rechte nutzen oder nutzen möchten?
  • Wenn es Paare sind, welche diese Rechte haben, wie verhält es sich dann mit den Rechten wenn sich die beiden Personen uneins sind?
  • Gelten diese Rechte auch für Minderjährige und wie weit dürfen ihre Erziehungsberechtigten ihnen die Wahrnehmung dieser Rechte untersagen? Kann die Wahrnehmung solcher Rechte für Minderjährige gesetzlich generell untersagt werden, selbst wenn alle Erziehungsberechtigen zustimmen würden?

Wo sind die Antworten?

Die vorstehenden Fragen mögen konstruiert und rhetorisch wirken. Bei vielen stellt sich (hoffentlich) beim Lesen spontan eine Antwort im Sinne von “Natürlich!” oder “Natürlich nicht!” ein. Ich bin mir aber sicher, zu praktisch jeder solchen Frage kann ich ein Beispiel dafür liefern, dass die rechtliche Situation in Deutschland vom wünschenswerten Zustand abweicht. Aber das würde jeweils zu einem längeren Text ausarten.

Und dann sind bei obiger Auflistung freilich auch solche Fragen vorhanden, bei denen die “richtige” Antwort nicht offensichtlich ist, was umso mehr erfordert, sich im Detail damit auseinander zu setzen.

Ich möchte es also auch hier erst mal dabei bewenden lassen, viele Fragen zu stellen und keine Antworten zu geben. Damit wollte ich zumindest ein bisschen konkretisieren, was ich damit meine, wenn ich sage “ich denke in letzter Zeit viel über die reproduktiven Rechte nach.” Und einen thematischen Rahmen geben, indem ich in naher Zukunft über spezielle Rechte oder über Verletzungen dieser Rechte schreiben kann. Wenn ich dann erwähne, dass “das natürlich auch im Zusammenhang mit anderen reproduktiven Rechten gesehen werden muss”, dürfte dann klar sein, was ich meine.

Von der grauen Maus zur sportlichmusikalischen Linuxnutzerin mit feministischen Politikambitionen

Das hier ist ein sehr gemischter Beitrag, denn es geht um (fast) alles, was mich interessiert. Einen Zusammenhang gibt es dennoch, nämlich dass ich mich für das meiste davon eben lange Zeit nicht interessiert habe. Deshalb frage ich mich manchmal, ob ich die letzten Jahrzehnte unter einem Stein gelebt habe. Da draußen gab es all die Jahre unzählige andere spaßbringende, nützliche oder interessante Dinge und Themen, die ich ignoriert habe:

  • Ich singe so gerne, aber hab erst 2006 damit angefangen – und mache das nach wie vor heimlich wenn mich (vermutlich) niemand hört.
  • Ich klettere so gerne, weiß das aber erst seit ein paar Monaten.
  • Ich liebe inzwischen Linux, aber benutze es erst seit 2009 auf meinen Desktops und Laptops.
  • Ich engagiere mich gerne in der Hochschulpolitik, aber bin da auch erst seit 2009 aktiv.
  • Ich finde fast sämtliche Bereiche des Feminismus extrem spannend, aber beschäftige mich auch damit erst seit einigen Monaten.
  • Und von den unzähligen schönen Aspekten des Frauseins brauche ich gar nicht erst anzufangen (und schreibe daher unten auch nichts dazu)…

Jeder Mensch entwickelt sich sein Leben lang weiter und findet neue Interessen und Betätigungen. Wer mit 70 ein neues Hobby findet fragt sich vielleicht auch warum er/sie das nicht schon 60 Jahre eher entdeckt hat. Aber wenn ich mir die Zeit von 1995 bis 2006 betrachte, dann frage ich mich, wo meine kreative Selbstgestaltungs-Leistung in der Zeit wohl gewesen ist. Was sagt das über einen Menschen aus, sich fast 12 Jahre lang nicht zu entwickeln? Oder gab es da Entwicklungen die sich nicht in Hobbys und Interessen abgezeichnet haben, sondern anderswo? Und was habe ich überhaupt in der ganzen Zeit gemacht? Das ist, wie so oft, ein eigenes Thema für sich das den Rahmen sprengen würde, ich aber teilweise auch schon anderswo thematisiert habe. Sagen wir mal, ich war lange Zeit sehr in mich gekehrt und habe viel nachgedacht.

Aber ich kann kurz für die oben genannten Themen erklären, was mich jeweils solange zurück gehalten hat:

Die Gemeinsamkeit von Singen und Sport

Meine Mutter hat mir recht früh klar gemacht, dass ich im Singen und im Sport eine Null bin. Ich muss gleich hinterher schieben dass sie für mich generell ermunternd und ermutigend war und mir sehr geholfen hat meine Stärken zu erkennen und zu mögen – nur in den beiden Bereichen war sie da anderer Meinung. Ich weiß auch gar nicht, wie sie überhaupt dazu kam, ich glaube sie hat mir meine sportlichen und musikalischen Fähigkeiten schon abgesprochen bevor ich das jemals ernsthaft ausprobiert habe.

Unsere Wohnung war hellhörig, es gab keinen Raum in dem ich hätte Singen können ohne dass man es in jedem anderen Raum hört. Und es war praktisch immer irgendwer zuhause. Irgendwie hatte ich mich damals generell nicht so für Musik interessiert, also auch nicht fürs hören, und Musik zu kennen wäre ja schon mal eine Grundvoraussetzung um zu Singen. Die einzige Musik die ich damals mochte hatte zwar insgesamt ihren Reiz, aber zeichnete sich prinzipiell nicht durch den Wohlklang ihres Gesangs aus.

Sportlich war von zuhause keine Anregung zu erwarten. Die Einstellung meiner Mutter ist ja nun bekannt, und auch wenn mein Vater damals (wie auch noch heute) täglich abwechelnd joggte und Krafttraining betrieb, hat er nie versucht mich da heranzuführen. Als Jugendlicher wird man ja zwangsweise durch die Schule an den Sport herangeführt. Das hat teilweise sehr viel Spaß gemacht, konnte aber auch niederschmetternd demotivieren. Meine Leistungen waren in fast allen Disziplinen, die sich auf einer Skala messen lassen, schlecht. Im 800m-Lauf war ich im vorderen Viertel der Frauen – und hätte als solche die Note 2+ erhalten. Aber ich hätte ja die männer-typischen Leistungen erbringen müssen, und an der Skala gemessen ging ich mit einer 4 aus dem Rennen. Außerdem hatte ich damals Angst davor, durch zu viel Sport Muskeln aufzubauen und eine generell breitere Statur zu bekommen und mir dadurch dauerhaft die Figur zu versauen. Einmal hat mich sogar meine Mutter zum Sport antreiben wollen: “Mach doch mal etwas Krafttraining, dann bekommst du vielleicht mal ein breites männliches Kreuz davon!” – spätestens da war das Thema für mich gegessen.

Linux, das verkannte Wunder

Was Linux angeht, kann ich vorallem meiner Mutter nicht den geringsten Vorwurf machen. Sie hatte mir damals mal eine Box mit Lanthan-Linux geschenkt. Laut Tecchannel.de wurde die Entwicklung 2001 eingestellt, ich denke, etwa zu der Zeit mag das auch gewesen sein. Irgendwie wollte das ganze nicht so recht laufen – ist beim booten hängen geblieben – und da ich absolut niemanden kannte der davon Ahnung hat war das Thema für mich dann gegessen. Meine Freundin hat mich dann ca. 2007 davon überzeugt, wie toll Ubuntu Linux ist, aber wirklich darauf umzusteigen habe ich mich dann trotzdem erst getraut, als 2009 der Peer Preasure von den anderen Informatikstudenten in Braunschweig überhand nahm.

Hochschulpolitik, wo sie denn überhaupt möglich ist

Dass ich mich erst seit dem Zeitpunkt mit Hochschulpolitik befasse ist auch kein Wunder. In meinem Bachelor an der Hochschule Harz gab es nur ein politisches Gremium, den StuRa, und das zeigte sich nach außen gänzlich unpolitisch. Dort wo es nötig gewesen wäre – bei der Verbesserung der Studierbarkeit – gab es keinerlei Möglichkeit studentischer Mitbestimmung. Ich habe mein möglichstes versucht und dann enttäuscht aufgegeben. Als ich dann an die TU-Braunschweig kam waren die Zeiten denkbar günstig: Der Bildungsstreik 2009 lief gerade an und hat ein großes Potential gehabt Politikmuffel wie ich inzwischen einer war aufzurütteln – was zwar auch nur bei erschreckend wenigen Wirkung zeigte, aber immerhin. Ich war damals überwiegend auf dem Bilderungsstreik-Blog tätig, der inzwischen nicht mehr existiert. Aber auch in meinem Blog hat das Spuren hinterlassen.

Von der kleinen zur großen Politik

Die Hochschulpolitk ist, zumindest bei uns in der Informatik in Braunschweig, kaum Parteipolitisch geprägt. Es fehlen einige Eigenschaften die man sonst von der Bundes- und Landespolitik kennt, und das ist vermutlich auch gut so. Ich wäre eigentlich nie auf die Idee gekommen mich jemals in die “große” Politik zu stürzen, aber Unipolitische Erfahrungen sind eine wunderbare Vorbereitung, die ich sicher irgendwann einmal für den Einstieg in andere Bereiche nutzen werde. Aber auch wenn ich derzeit in keiner Partei Mitglied bin und mich auch sonst nicht aktiv politisch einsetze, bin ich immerhin seit einiger Zeit politisch interessiert. Das ist mehr als ich noch vor einigen Jahren von mir behaupten konnte. Und ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass daraus auch bald noch mehr wird.

Dabei waren meine Voraussetzungen eigentlich auch hier gut, um mich eher damit zu beschäftigen: Meine Eltern sind zwar insofern Politikverdrossen dass sie wohl kaum erwarten, dass irgendeine der etablierten Parteien auch nur halbwegs das Richtige tun könnte oder würde. Aber beide haben durchaus ein Interesse und eine Einstellung, über die sie auch mit mir gesprochen haben. Insbesondere mit meinem Vater hatte ich schon seit der Grundschulzeit intensive Debatten über Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Mir ist eigentlich seit damals bewusst, dass in diesen Bereichen massive Änderungen nötig und möglich wären, wenn man gewisse Konventionen über Bord wirft – was natürlich keine der großen Parteien tun würde.

Insofern kommt auch der massive Aufstieg der Piratenpartei zeitlich günstig für meine persönliche Entwicklung. Wenn es inden letzten Jahren jemals Grund zur Hoffnung gab, dass frischer Wind in die Politik kommt und dass Bürger einen direkten Einfluss darauf nehmen können, dann jetzt. Dass ich ein durch-und-durch Technik- und Netzaffiner Mensch bin erleichtert mir natürlich noch weiter die Identifikation mit den Piraten. Computer, Software und Internet waren bis vor kurzem in der Politik weitestehend unbeachtete Themen, und so wundert es mich nicht, dass ich mich all die Jahre mit all diesen Themen aber eben nicht mit deren politischer Dimension befasst habe. Als ich begann, mein Cubenet zu entwerfen, sind mir dann aber (etwa um 2006 herum) schlagartig die Gesellschaftlichen Auswirkungen von vernetzter Technologie bewusst geworden. Die Gedanken dazu lassen mich natürlich auch heutzutage nicht los.

Netze, Frauen, und Frauen im Netz

Aber Netzpolitik ist natürlich nicht alles – das wissen auch die Menschen bei der Piratenpartei – und ich finde bestimmte Bereiche auch noch deutlich wichtiger und/oder interessanter als eben die Netzpolitik. Allen voran wären da vermutlich Familien-, Frauen- und Antidiskiminierungspolitik zu nennen – allesamt Themen mit denen ich im feministischen Kontext in Kontakt gekommen bin. Und nebenbei Themen, für die eben genannte Partei nicht gerade berühmt ist, sondern sogar etwa jede Woche dafür in den Medien zerrissen wird, dass sie diese Themen ignoriert oder sogar den Fortschritt in diesen Bereichen sabotieren würde. Auch das muss man differenzierter sehen, und auch das hat nicht jetzt und hier seien Platz. Aber ich sehe mit Freude, wie in letzter Zeit Feminismus und Nerdkultur näher zusammen wachsen und mir damit einen optimalen Entfaltungsraum geben.

Bleibt zum Schluss die Frage, warum ich mich nicht schon eher mit Feminismus auseinander gesetzt habe. Die Antwort darauf fällt definitiv länger aus – und ist vermutlich auch interessanter als die Hindernisgründe bei den oben genannten Themen – also schließe ich mal wieder mit einem Cliffhanger und vertröste auf einen der nächsten Blogbeiträge…

Positive Wendungen

Alles in allem bin ich nun glücklich, dass in meinem Kopf keine Monokultur mehr herrscht. Ich bin mehr denn je offen für neue Einflüsse und Anregungen, und der begrenzende Faktor ist nur die Zeit. Viele Aspekte habe ich noch gar nicht erwähnt, sei es das Stricken oder Rollenspiele…

Je mehr ich darüber nachdenke, desto gruseliger finde ich den Gedanken, dass ich in meiner Jugend so ein beschränktes Interessenfeld hatte. Andererseits bin ich mir dennoch sicher, dass ich auch damals ein vielseitig interessierter und interessanter Mensch war. Aber im Nachhinein fällt es mir unglaublich schwer, diese Vielseitigkeit zu konkretisieren.

Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese “Ausnahme” meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter “safe space”.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den “Feinden” der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum “Onkel Emma” in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere “Frauenräume” sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt “implizit” sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie “implizite safe spaces” gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum “safe space für Frauen” steht oder “Damenumkleide”. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. “Männer in Kleidern” Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie “Jungenaugen” hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: “Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!” Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.