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Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese “Ausnahme” meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter “safe space”.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den “Feinden” der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum “Onkel Emma” in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere “Frauenräume” sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt “implizit” sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie “implizite safe spaces” gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum “safe space für Frauen” steht oder “Damenumkleide”. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. “Männer in Kleidern” Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie “Jungenaugen” hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: “Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!” Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.

Toiletten und Umkleiden – verschiedene Schwierigkeitsgrade bei der Integration als Frau

Viele Transsexuelle berichten von Problemen bei der Benutzung von öffentlichen Toiletten. Diese sind ja in Deutschland fast immer nach (zwei!) Geschlechtern getrennt, und die “richtige” zu benutzen gilt als zwingendes Gebot. Ich weiß gar nicht, welches Gesetz das konkret regelt und welche Strafe auf die Benutzung der falschen Toilette steht, aber die meisten Menschen sind wohl geneigt, es auch nicht am praktischen Beispiel zu erfahren. Als präoperative Transsexuelle kann man sich einreden (lassen) dass nun keine der beiden Toiletten die passende sei. Viele trauen sich selbst nach mehreren Jahren im Wunschgeschlecht noch nicht auf öffentliche Toiletten!

Ich bin da immer schon sehr unkompliziert herangegangen. Seit meiner Transition im Mai 2011 habe ich erst ein einziges Mal eine Herrentoilette betreten, und auch das nur versehentlich. Im öffentlichen Raum Damentoiletten zu benutzen war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit für mich. Von der Gleichstellungsbeauftragten der TU-Braunschweig habe ich sogar ein – wenn auch nur mündliches – o.k. dafür, aber auch ohne dieses würde ich mich wohl genauso verhalten.

Damentoiletten haben schon Tradition bei mir

Das ist auch gar nicht so verwunderlich. Damentoiletten kenne ich schon seit vielen Jahren von innen. Zu meiner Schulzeit trug ich meist Mäntel. An meinem Gymnasium gab es jedoch auf den Herrentoiletten keine Haken, an denen man diese aufhängen konnte. Sitzpinkeln ohne zuvor den Mantel auszuziehen und aufzuhängen – wir reden hier von bodenlangen Exemplaren – geht aber nicht, und ich hätte es auch im Leben nicht eingesehen, mich deswegen dabei hinzustellen. Schnell konnte ich meinen Verdacht bestätigen: Auf den Damentoiletten war jede Kabine mit einem solchen Haken ausgestattet. Auf Dauer wollte ich aber auch keinen Ärger provozieren, deshalb habe ich kurzerhand selbst einen solchen Haken in der Herrentoilette angebracht.

Aber auch später, in meinem Bachelorstudium in Wernigerode, war mir die Damentoilette nicht fremd. Obwohl ich mich damals noch als Mann bezeichnet und präsentiert habe (über den Erfolg jener Präsentation lässt sich natürlich streiten), gab es schon dort ein paar schöne Momente in denen ich mich von den anderen Frauen nicht nur toleriert, sondern als gute Freundin akzeptiert gefühlt habe. Wenn wir da in einem netten Plausch vertieft waren und gleichzeitig den Drang zur Entwässerung verspürten, ließen wir uns manchmal durch die getrennten Toiletten nicht das Gespräch unterbrechen. Ich ging ganz selbstverständlich mit auf die Damentoilette, natürlich in eine einzelne Kabine ;) und die Unterhaltung ging weiter. Das kam zwar wirklich sehr selten vor, fühlte sich für mich aber schon damals absolut selbstverständlich an und schien auch die anderen Frauen nicht zu stören.

Damals auf die Herrentoilette zu gehen war auch nicht sonderlich schlimm, schließlich gibt es auch da getrennte Kabinen. Komischerweise war ich da nie ein Fan davon, mich mit meinen “Nachbarn” zu unterhalten.

Jetzt wo ich meine weibliche Identität endlich voll auslebe, ist das natürlich nicht anders. Nur Männer fragen ab und zu noch, auf welche Toilette ich denn jetzt gehen würde, für Frauen scheint das keine Frage zu sein.

Bereit für die nächste Stufe?

Als ich also davon hörte, dass die Toilettenfrage für andere Transmenschen scheinbar die letzte soziale Hürde ist, dachte ich, mich kann nichts mehr aufhalten. Bis ich eines Tages dem Klettern im Unisport beiwohnte. Ich hatte mich schon mehrere Tage vorher für den Kurs angemeldet, aber bis zu dem Moment, an dem ich 2m vom Eingang der Frauenumkleide entfernt stand, hatte ich mir nie Gedanken ums Umziehen gemacht. Als ich die Frauenumkleide betrat, war diese wie erwartet leer, denn ich war gleich zum ersten Termin 17 Minuten zu spät. Meine Straßenkleidung ließ ich wie vorgesehen im abschließbaren Spind. Problematisch wurde es erst, als ich nach dem 3-stündigen Kurs wieder zurück in diesem Raum musste, um wieder ins Straßenoutfit zu gelangen. Denn jetzt war der Raum nicht mehr leer, sondern gefüllt mit mindestens vier weiteren Frauen. Und ohne dass ich das auch nur Sekunden zuvor geahnt hätte, kam plötzlich ein komisches Gefühl in mir auf. Ich kann es kaum näher beschreiben, als mit dem Begriff “Fehl am Platz”. Ich glaube, so schnell hatte ich mich noch nie zuvor umgezogen, war nach gefühlten 5 Sekunden aus der misslichen Lage entkommen und bin dabei wohl sichtlich panisch dem Raum entflohen.

Was war da passiert?

Ich konnte es nicht genau nachvollziehen, warum ich mich dort unwohl fühlte. Schließlich gehöre ich doch dort hin, bzw. wohin könnte ich sonst gehören? Die Männerumkleide war inzwischen so undenkbar geworden, dass ich eben das tat: Gar nicht erst daran denken.

Wo war also das Problem? Auf der Toilette geht es doch auch! Aber dort hat ja auch jede ihre eigene Kabine, außerhalb derer man sich komplett bekleidet begegnet. Doch auch für die Umkleide gilt: Die Frauen in diesem Raum ziehen sich doch schließlich nicht nackt aus, meist nicht mal unbedingt bis auf die Unterwäsche (Denn Klettern ist ein Sport, bei dem man nicht unbedingt schwitzt, wenn man das ganze mit viel Technik angeht und nicht zu sehr zum Schweiß neigt).

Man sollte dazu wohl wissen, dass ich zu dem Zeitpunkt im Kletterkurs nicht als transsexuell geoutet war – es ja auch jetzt nicht ausdrücklich bin – und es mit auch äußert schleierhaft ist, ob andere es mir ansehen oder nicht. Ich bin mir zumindest recht sicher, dass es in dem Kurs sicher schon nach dem ersten Termin welche gab, die es ganz sicher wussten, andere, die gar nichts ahnten, und ein paar, die zweifelten.

Neue Woche, neue Runde

Eine Woche später würde ich wieder hier sein, müsste mich wieder umziehen. Bis dahin sollte ich eine Lösung finden – oder zumindest das Problem! Vielleicht könnte ich es ja lösen, indem ich offener damit umgehe. Der Trainer hat eine Liste mit allen Emailadressen, ihn könnte ich anschreiben und ihn bitten, einen Text an alle Teilnehmer – am besten nur an alle weiblichen Teilnehmer, denn den Männern kann es ja egal sein – weiterzuleiten. Ich hatte sogar schon so einen Text formuliert, aber dann doch nicht abgeschickt.

“Als Transsexuelle habe ich keine Pflicht, mich zu rechtfertigen!”, sagte ich mir. “Ich lebe jetzt endlich als Frau, und wem das nicht passt, der kann ja woanders hin gehen. Ich bin und bleibe hier.” Soweit die Theorie.

Eine neue Woche kam, und ich war wieder zu spät zum Klettern. Das hatte den Vorteil, dass die Umkleide vermutlich wieder leer wäre. Das gab mir die nötige Sicherheit, mit großen Schritten hinein zu stürmen. Innen angekommen befand sich dann nur eine weitere Frau. Und sie stand splitterfasernackt vor mir. Offenbar werden die Duschen hier wirklich benutzt. Das war für mich in der Tat unerwartet, denn damals in der Schule kam nie jemand auf die Idee, nach dem Sport zu duschen, die Duschräume wirkten völlig deplatziert. Und nur weil mein Kurs schon vor 15 Minuten anfing, hieß das ja auch gerade nicht, dass kein anderer Kurs nun gerade zuende ist.

Panik vor der Panik

Es ging mir diesmal nicht besser als beim letzten Mal in der Umkleide. Ich drehte mich so, dass ich die andere nicht sah und sie mich nicht erkennen konnte. So war es eigentlich ausgeschlossen, dass sie an mir irgendetwas ungewöhnliches, etwas unweibliches, sehen konnte. Und wenn schon, was sollte sie tun? Ganz unterbewusst dachte ich: “Sie ist ja nun nicht in der idealen Position, um mich jetzt irgendwie zu attackieren, was soll mir schon passieren?”

Aber nun verstand ich endlich, warum diese Situation Panik in mir verursacht: Ich habe nicht Angst um mich, sondern Angst davor, dass ich den anderen Frauen Angst und Unwohlsein bereiten könnte. Nicht mehr und nicht weniger.

Um die Erzählung dieser konkreten Situation schon mal zu einem Happy End zu führen: Nachdem ich mich umgezogen und sie sich abgetrocknet hatte, trafen sich unsere Blicke und nach minutenlanger Stiller erkannten wir uns dann sofort: Sie war eine Bekannte, die zwar nicht in meinem Kletterkurs ist, die ich aber aus dem Studium kenne. Meine Transsexualität ist ihr wohl bekannt und stellt wohl für sie kein Problem dar, und auch diese Begegnung hat ihr scheinbar nicht das Geringste ausgemacht. Wir quatschten noch ein paar Minuten, dann verließ ich mit deutlich beruhigtem Gemüt den Raum.

Problem dennoch ungelöst

Von da an habe ich mich erst mal nicht mehr in die Gruppenumkleide “getraut” und mich mehrere Monate lang in einer Kabine der Damentoilette umgezogen. Wie gesagt, Damentoiletten zu betreten ist für mich absolute Normalität, und das lässt sich auch für andere Zwecke nutzen – zumal die Kabinen in der Sporthalle schön groß und sauber sind, und genug Kapazitäten vorhanden sind. Hier störe ich wohl niemanden. Aber kann das so weiter gehen? Muss ich mich so aus dem typischen Leben einer Frau ausschließen?

Das Thema ist für mich noch nicht abgeschlossen, wohl aber mein Bedürfnis, von meinen bisherigen persönlichen Erlebnissen zu berichten, die damit zusammen hängen. Das Dilemma hat mich (mal wieder) auf zugrunde liegende gesellschaftliche Zusammenhänge gebracht, die ich in einem meiner nächsten Blog-Posts näher beleuchten möchte. Mit etwas feministischer Theorie schaffe ich es vielleicht, die Freiheiten und Ängste von mir uns anderen Frauen in ein gerechtes Gleichgewicht zu bringen. Bis dahin… vielleicht triftt man sich ja mal auf der Toilette ;)