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Wie Unfickbarkeit ein ansonsten wunderschönes Leben unerträglich machen kann

Ich habe mir vorgenommen, heute etwas Privates zu bloggen. In den Morgenstunden bin ich in ein tiefes emotionales Loch gestiegen (ja, das geschah relativ bewusst), und kam da einige Stunden nicht mehr raus (das war nicht so geplant). Was ich in der Zeit geschrieben habe möchte ich jetzt nicht veröffentlichen. Es liest sich ein wenig wie ein Abschiedsbrief einer suizidalen Person. Ja, manchmal geht es mir so schlecht, und vielleicht wäre es auch richtig, dazu zu stehen und auch mal etwas derartiges zu veröffentlichen, aber jetzt möchte ich es mit einer etwas neutraleren Sicht versuchen. Ein Zwischenfazit über die Entwicklung der letzten Monate und Jahre.

Ich habe mich weiter entwickelt, habe meine Äste ausgestreckt, und zwar in Richtungen, die ich prinzipiell gut finde. Im Wesentlichen habe ich mich für die Bereiche Freundschaft, Liebe, Partnerschaft und Sexualität geöffnet. Das ist eine Entwicklung, die ich in meiner ersten Pubertät verpasst habe, und ich weiß nicht genau, ob es mehr daran lag, dass ich in der falschen Geschlechterrolle gesteckt habe, oder daran, dass ich nicht auf die Widersprüchlichkeit meiner Umwelt klar kam, also auf die (leider) übliche Bigotterie aus Verklemmtheit und Sexualisierung.

Wie auch immer, die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Meine eigenen Hemmungen, Menschen zu berühren, zu streicheln, mich an sie zu drücken und an ihnen zu reiben, waren erstaunlich schnell überwunden. Ebenso überraschend und schön: dass auch andere Menschen mir gegenüber auf dieser Ebene keine Hemmungen hatten. Die Kuscheligkeit in meinem Leben ist im Mai 2013 von 0 auf 100 geschnellt, mit schöneren Empfindungen als ich davon je erwartet habe.

Ebenfalls positiv: Ich habe mir Anfang 2013 “erlaubt” mich endlich mal wieder zu verlieben, mehr noch, ich gab mir gleich die Erlaubnis, mich in mehrere Menschen zu verlieben. Innerhalb eines halben Jahres habe ich mich in 6 Frauen verliebt, dabei war dieses schöne Gefühl zwischenzeitlich zu vier Seiten hin gleichzeitig spürbar, mit all den kleinen Differenzen in der Art und Intensität des Gefühls. Ich habe mir mehr Gedanken über Beziehungsführung als je zuvor gemacht, und bin inzwischen sicher, dass ich die nötigen Grundsätze habe, die emotionale Stärke, ausreichend viel Liebe in mir, und die kommunikativen Fähigkeiten, um nicht nur eine, sondern sogar mehrere Beziehungen zu führen.

Ich habe in der Zeit innige, stabile, wichtige, schöne Freundschaften geschlossen. Oft zu den Menschen, in die ich mich verliebt habe, sowie zu deren Partnern und Partnerinnen. In gewisser Weise waren auch meine Freundschaften früher mehr “mono”, denn meist hatte ich nur eine (wenn überhaupt eine) Person, mit der ich über wirklich persönliches sprechen konnte, inzwischen sind es mehr als ich an einer Hand abzählen kann. Es ist ein gutes, sicheres Gefühl, dass so viele Schultern mich tragen, wenn ich das mal brauche, aber noch schöner finde ich es eigentlich, dass auch ich für meine Freunde da sein kann und dass meine Nähe und Unterstützung angenommen wird.

Beruflich ist es etwas langweiliger geworden, aber auch stabiler und vor allem effektiver: meine eigene Firma musste mehr oder minder aufgelöst werden – ein paar letzte Aufträge werden natürlich noch zu Ende geführt, aber Neues können wir schon lange nicht mehr annehmen, aber dafür verdiene ich nun anderswo als Angestellte mehr Geld in viel weniger Arbeitszeit und vor allem mit weniger Ausfallrisiko.

Unser Schulaufklärungsprojekt SchLAu-Braunschweig wächst und gedeiht, und während wir vor wenigen Monaten ständig kurz vor der Auflösung wegen Unterbesetzung standen, sind wir inzwischen 10 Ehrenamtliche mit steigender Tendenz, und werden regelmäßig in Schulen eingeladen.

Eigentlich doch alles toll, oder?

Leider hat all das einen Nebeneffekt, dessen Tragweite mir zu Beginn dieser Veränderungen ganz und gar nicht bewusst war: Mein Bedürfnis nach Nähe ist noch viel schneller und stärker gewachsen als die tatsächliche Nähe die ich bekomme. Obwohl ich mit mehr Menschen verbunden bin als je zuvor, bin ich auch so einsam wie nie zuvor. Das ist auf keinen Fall ein allgemeines Problem, das der “Poly-Lebensstil” so mit sich bringt. Viel mehr ist es eine schwer vermeidliche Folge dessen, zwischen all den glücklichen Polys zu leben und selbst Single zu bleiben.

Zum einen war für mich nicht absehbar, dass das so bleiben würde, zum anderen nicht, wie hart mich das treffen und belasten würde. Und ebenso habe ich nicht geahnt, dass ich auch nach über einem Jahr keine Strategie für mich gefunden habe, um damit gelassener umzugehen.

Ich selbst sehe Partnerschaft als eine sehr vielfältige Mischung aus Gefühlen, Gesprächen, Tätigkeiten, Pflichten, Rechten und Traditionen, und auch wenn es gewisse “Standardpakete” gibt, bin ich ein großer Fan davon, all das individuell auszuhandeln und sich auf das zu einigen, was alle beteiligten wirklich wollen. Partnerschaften erfüllen viele verschiedene Bedürfnisse, und im Moment weiß ich nicht genau, welche dieser Bedürfnisse ich grundsätzlich, aus mir selbst heraus schon immer hatte, und welche Bedürfnisse ich im Moment nur spüre, weil mein Umfeld mir es so vorlebt und mir damit Appetit macht.

Ich spüre aber ganz genau, dass ich so viele Bedürfnisse wie nie zu vor habe, in bisher ungeahnter Intensität. Meine Freundschaften können diese bei Weitem nicht erfüllen, auch wenn einiges zumindest in Teilen gestillt wird, auf jeden Fall weit mehr als “Freundschaft” das gewöhnlicherweise. Unterm Strich bleiben aber riesige Lücken, und es ist ein naheliegender Gedanke, dass eine Partnerschaft genau das richtige wäre, um diese zu stillen.

Ich habe inzwischen gelernt, Bedürftigkeit nicht als etwas schlimmes anzusehen, dennoch erscheint es mir komisch, Beziehungspartner quasi als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung darzustellen. Viele dieser Bedürfnisse beruhen ja (im Idealfall) auf Gegenseitigkeit, das heißt etwa, wenn ich mit einer Partnerin knutsche, befriedigt das gleichermaßen in ihr und in mir ein Bedürfnis. Zudem habe ich einige “Gebe-Bedürfnisse”, bei denen also der eigentliche Fluss von von mir weg gerichtet ist, aber es mir dennoch ein inneres Bedürfnis ist, gewisse Dinge für meine Partnerin_nen zu tun.

Bei all meinen akuten Bedürfnissen ist es also wirklich unschön, dass ich keine Partnerin habe. Als Übergangszustand wäre es aber zu verkraften.

Was mich wirklich fertig macht, also bis hin zu dem Zustand der Verzweiflung in dem ich letztlich alles an mir und meinem Leben anzweifle, ist die ständige Angst, dass ich für immer allein bleiben werde. Von der grundlegenden Aussage her ist das für mich nichts neues: von meinem 11. bis zum 23. Lebensjahr und dann nochmal die letzten 3 Jahre lang war ich Single, also über 15 Jahre. (In meinem 1. bis 10. Lebensjahr hatte ich natürlich auch keine Partnerin, aber auch kein Verlangen danach). Und die meiste Zeit davon dachte ich, dass das wohl immer so bleiben würde. Das hat mich mal mehr und mal weniger belastet, aber so schlimm wie im letzten Jahr war es noch nie.

Es ist schon komisch: die Menge der Menschen, die mit mir emotional sehr eng verbunden sind, und die Menge derer, die wirklich gern mit mir kuscheln, sind jeweils groß und haben sogar weite Überschneidungen untereinander und auch mit der Menge jener, in die ich mich verliebt habe. Aber weder dort, noch anderswo, gibt es Menschen für dich ich sexuell oder partnerschaftlich attraktiv bin. Ja, Sexualität ist ein großes, klaffendes Loch in meinem Leben. Aber neben Sex, Kuscheln und Emotionaler Nähe ist Partnerschaft noch mehr, und auch dieses “mehr” fehlt mir unheimlich. Nennen wir es der Einfachheit halber mal “Verbindlichkeit”, auch wenn es das unzureichend beschreibt. Aus meinem innersten heraus, frei von äußerer Beeinflussung, ist mir diese Verbindlichkeit sogar wichtiger als Sexualität.

Aber andererseits stört es mich weniger, darauf zu verzichten, denn Verbindlichkeit gilt noch als etwas wertvolles, erhabenes, seltenes. Als etwas, das vielen Menschen fehlt, egal ob sie Partnerschaften haben oder nicht.

Sexualität hingegen erscheint allgegenwärtig, selbstverständlich, alltäglich, für jeden zu haben. Wer nicht das Zeug mitbringt, eine Beziehung zu führen (und ja, das ist auch nicht einfach und sicher nicht für jeden das richtige), dem stehen trotzdem alle Wege offen, rumzuvögeln. Singles haben mehr Sex als Menschen in einer Beziehung, haben sie damals gesagt, und ich habe diese Statistik als Kind noch nicht verstanden, sie erschien mir paradox. Inzwischen ist das Teil der Normalität, die ich um mich herum wahrnehme. Dass ich Single bin und keinen Sex habe, ist vielleicht gar kein Widerspruch, denn “Single” steht ja im Allgemeinen für Menschen, die sexuell verfügbar sind. Ich bin vermutlich nicht mal das, ich bin einfach nicht da, wenn es ums Thema Sex geht, nicht Teil irgendeiner Statistik.

Dass dieser Teil des menschlichen Miteinanders mir komplett verwehrt ist, fühlt sich an fast jedem Tag an wie ein Schlag ins Gesicht, und während ich geschlagen werde, brüllt man mich an: “Du bist es nicht wert! Du bist ein Untermensch! Du kannst nicht sein wie die anderen!” Und all das ist noch zu sanft ausgedrückt. Es beraubt mich wirklich meinem Gefühl, Mensch zu sein. Und nicht, weil ich mein Menschsein darüber definiere, dass ich ein Verlangen nach Sex hätte, sondern weil es mir nun mal so aufgeprägt ist, das Menschen Sex haben.

Es hat sich nun schon mehrfach wiederholt gezeigt: am meisten triggert es mich, davon zu erfahren, dass andere Menschen ein ganz spezifisches sexuelles Bedürfnis entwickeln können, und damit die Erfüllung des selbigen gleich einhergeht. “Ich fuhr zu ihr und dachte: wäre schon cool, wenn wir zwei mal Sex hätten. Und ja, es war richtig cool.” “Ich hatte Lust, Dobule Penetration auszuprobieren, also fragte ich meinen Mann und meinen besten Freund und wir haben es am selben Abend gemacht.” All diese Erzählungen, die alles zwischen Bedürfnis und Befriedigung auslassen, während bei mir ganze Universen dazwischen liegen, machen mich fertig. Manchmal lese ich sowas und bin für ein paar Stunden zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich nicht mehr aufhören kann zu hinterfragen, warum alle anderen Menschen in einer gänzlich anderen Realität leben als ich.

Aber damit nicht genug, es scheint auch noch einen starken Zusammenhang zu geben: wer wie ich als unfickbar gilt, hat eben nicht nur keinen Sex, sondern auch keine Beziehung und somit auch nicht die damit einhergehende Verbindlichkeit und alles andere, was damit einher geht.

Selbst meine Aufklärungsarbeit wird davon überschattet. Kinder fragen mich in der Schule: “Du bist lesbisch, das heißt, du bist mit einer Frau zusammen?” oder “Du hast gesagt, du bist po- äh, pulimös? Wie heißt das nochmal? Also das mit den mehreren Beziehungen. Wie viele Freundinnen hast du denn?” und ich sage immer “im Moment gar keine”. Aber eigentlich will ich manchmal sagen “Gar keine, also ich habe noch nie mehrere Freundinnen gleichzeitig gehabt und ich bin seit drei Jahren allein und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich für immer allein bleiben werde, und eigentlich sage ich am Anfang nur dass ich lesbisch und polyamourös bin, weil ich mir manchmal vorstelle, ich wäre ein ganz normaler Mensch, und wenn ich ein normaler Mensch wäre, der überhaupt jemanden abbekommen kann, dann wäre ich sicher auch lesbisch und polyamourös.” Nein, das will ich natürlich nicht sagen, weil ich ein positives Beispiel sein will, ein “Role model” für Kinder die selbst an sich zweifeln. Ich will zeigen: “Auch wenn du transsexuell bist, heißt das nicht, dass dich dann keiner mehr lieb hat” aber so sehr ich es auch versuche, ich bin kein gutes Beispiel.  Oft denke ich, ich sollte nicht in Schulen gehen und die Aufklärung denen überlassen, die wirklich etwas positives erzählen können.

Und an sich weiß ich auch, dass meine Unattraktivität nichts mit meiner Transsexualität zu tun hat. Ich war als Mann schon scheiße. Ich habe mich äußerlich verändert. Ich kann inzwischen in den Spiegel schauen und gern hinsehen. Ich denke, ich bin hübsch, erfülle sogar eine ganze Reihe von weiblichen Schönheitsstandards. Aber “hübsch” heißt nicht gleich “attraktiv”. Letzteres nämlich heißt “anziehend”, und ich ziehe Menschen nicht an. In meinem ganzen Leben gab es nur eine kurze Phase, in der sich sexuell attraktiv war: kurz nach dem Coming Out, noch vor der Hormontherapie, als ich durch Kleidung und Styling eindeutig weiblich war, aber meine Gesichtszüge noch deutlich männlicher als jetzt. Zu den Zeitpunkt haben sich eine Menge von Männern für mich interessiert, sie haben mir sehr eindeutige sexuelle Avancen gemacht und gingen grundsätzlich davon aus, dass ich eine Prostituierte “im Dienst” wäre. Die Zeiten sind vorbei, und ich kann nicht wirklich sagen, dass ich deshalb traurig wäre. Es gibt mir lediglich einen Referenzpunkt zu dem ich jeden den Kontrast sehen kann, den es bedeutet, jetzt für niemanden mehr attraktiv zu sein.

Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht anders als andere Menschen, und dass ich sexuell nicht existent bin, ist einfach ein Zufall und macht keine Aussage über meine Menschlichkeit. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich ja auch offenbar nichts an mir ändern kann. Vielleicht sind es die Pheromone, die über die Anziehung zwischen Menschen entscheiden, und ich habe halt keine, oder meine sind einfach scheiße. Dann erscheint mir alles ausweglos, weil ich kann’s ja nicht beeinflussen.

Ein andern mal denke ich, ich habe tatsächlich Eigenschaften an mir, die mich für Sexualität und Partnerschaft unbrauchbar machen, die ich aber auch ändern könnte. Vermutlich müsste ich vieles an mir ändern, vielleicht alles. Dann geht es mir auch schlecht, und ich bekomme riesige Angst vor den offenbar notwendigen Veränderungen. Denn ich mag mich eigentlich, wie ich bin, und auf den nicht-sexuellen und nicht-partnerschaftlichen Ebenen mögen auch andere mich. Vielleicht kann ich mich auf eine Weise verändern, auf die ich zwar als Sexobjekt tauge, aber bin dann kein Mensch mehr, der sich selbst mag.

Am häufigsten fürchte ich, die einzige Veränderung, die mir mir einen sexuellen Wert geben könnte, wäre, dass ich meine Skrupel ablege und zu einem aufdringlichen, übergriffigen Menschen werde, der die Grenzen anderer nicht wahrnimmt, oder sogar ganz bewusst überschreitet. 90% der sexuellen Anbahnungen die dich sehe, höre oder lese, sei es nun in der Fiktion oder in realen Begebenheiten in meinem Umfeld, kann ich nicht von Grenzüberschreitungen unterscheiden, die restlichen 10% sind romantische Magie, die mir nie widerfährt. Nein, das kann ich so auch nicht sagen. Zweimal dachte ich, es ereignete sich bei mir eben so ein magischer Moment der konsensualen Sexualität. Das eine mal wurde ich kurz später vergewaltigt, das andere mal hatte ich vier Monate lang das Gefühl, ich hätte jemanden vergewaltigt. Und ich darf euch mitteilen: beides fühlt sich beschissen an, aber letzteres war 100 mal schlimmer. (Inzwischen weiß ich, dass ich wohl nichts falsch gemacht habe, und es der anderen Person damit nicht schlecht ging, aber der Schrecken bleibt.) Zumindest kann man sich nun vorstellen, warum es für mich ganz und gar nicht in die Tüte kommt, mich charakterlich so zu verändern, dass ich aggressiv und grenzüberschreitend auf andere Frauen zugehe und emotionalen Widerstand körperlich breche.

Der andere Ausweg wäre also, mich mit meiner Situation als ewiger Single abzufinden, und dafür zum Selbstschutz alle Einflüsse zu meiden, die mir vor Augen führen, dass ein normaler Mensch mehr verdient hat. Das hieße z.B., keine BDSM-Playparties mehr zu besuchen, mein Konto bei FetLife zu löschen, am besten auch das bei Lesarion und OkCupid, mir keine Serien und Filme mit sexuellen Inhalten mehr anzuschauen, die ganzen spannenden Bücher aus der Frauenbibliothek nicht mehr zu lesen, nicht mehr zum Polystammtisch zu gehen und in letzter Konsequenz, meinen gesamten Freundeskreis zu verlassen. Absolut indiskutabel.

Die am ehesten erst gemeinte Alternative, über die ich manchmal nachdenke: ich denke, ich werde irgendwann bald einmal eine Psychotherapie beginnen, die mich hoffentlich lehrt, wie ich auch als ewiger Single halbwegs glücklich sein kann, selbst wenn um mich herum Pärchen und Mehrchen sind.

Abschließend möchte ich sagen: ja, das verfolgt mich schon länger und ich habe mich bisher nie getraut, das so direkt im Blog anzusprechen, denn “Unzufriedenheit mit dem Single-Sein” ist eines der letzten großen Tabu-Themen. Die, die darüber berichten, sind oft ganz besonderem Spott und Hohn ausgesetzt, insbesondere, wenn es Männer sind. Würde ich zu diesem Zeitpunkt noch als Mann leben, dann würde ich mich auch nicht trauen, das hier zu veröffentlichen, auch wenn mir nicht wirklich klar ist, wie meine weibliche Geschlechtsrolle das jetzt irgendwie besser macht.

Ein verfrühter Jahresrückblick

Es ist an der Zeit für einen Jahresrückblick. Klar, es ist Anfang Novermber und das Jahr noch nicht rum. Aber ich wünschte, es wäre schon vorbei, zumindest hoffe ich sehr, dass dieses Jahr nichts mehr passiert. Denn mein Maß für Veränderung und Unsicherheit ist voll. Also kann ich auch jetzt schon eine Zusammenfassung schreiben. Ich versuche es mal in Stichpunkten.

Seit Anfang des Jahres habe ich:

  • so viel erlebt, dass ich seit 6 Monaten nicht mehr zum bloggen kam
  • den Kontakt zu meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis zu 95% verloren oder einschlafen lassen
  • mich bei der Online-Protestaktion “#aufschrei” mit Tweets beteiligt, in einen Strudel von Betroffenheit und Aktivismus ziehen lassen und das Projekt “#aufschreistat” gestartet
  • im Rahmen dessen zum ersten Mal in meinem Leben Interviews für Zeitungen und das Radio gegeben
  • mich wegen persönlicher Überlastung ganz schnell wieder aus dem Projekt #aufschreistat zurück gezogen und beobachtet, wie es trotz ca. 40 Unterstützer_innen leider zum Erliegen kam
  • über einen Monat hinweg jemand suizidales betreut und dafür gesorgt, dass es in der Zeit “nur” zwei Suizidversuche waren
  • besagte Person zwei mal in eine geschlossene Psychiatrie gebracht und beim zweiten Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mich selbst auch gleich einweisen zu lassen
  • erkannt, wie schlecht ich darin bin, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen Zuneigung zu zeigen und bewusst mitzugestalten, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht
  • genau diese Defizite bearbeitet und gelernt, sie zu überkommen
  • einen neuen Freundeskreis aus 10 bis 15 Menschen aufgebaut, die sich ziemlich grundlegend von den Menschen unterscheiden, die ich vorher kannte
  • zu vielen dieser Menschen extrem intensive Freundschaften aufgebaut, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr hatte
  • mir überhaupt wieder erlaubt, über Liebe, Partnerschaft und Sex nachzudenken, alles Themen, die ich für mich als komplett unerreichbar aufgegeben hatte
  • mein inneres und äußeres Coming Out als polyamourös gehabt, ohne zu dem Zeitpunkt überhaupt zu wissen, ob ich mich tatsächlich in mehrere Menschen gleichzeitig verlieben kann
  • mich in 5 Frauen verliebt, zwischenzeitlich in 4 gleichzeitig, und in einige weitere verguckt
  • einer davon sehr ausführlich meine Liebe gestanden und drei anderen in verschiedenen Graden soweit angedeutet, dass sie darauf hin klar gemacht haben, dass sie nicht in mich verliebt sind
  • von 3 Frauen gesagt bekommen, dass sie sich in mich verliebt haben – etwas, wovon ich dachte, dass es mir wohl nie wieder passieren würde. Leider keine Überschneidung mit denen, in die ich mich verliebt hatte
  • Sex mit zwei Frauen gehabt – immerhin doppelt so viel wie in den 27 Jahren davor insgesamt
  • erlebt, wie ich von einer dieser Frauen vergewaltigt wurde – was in jeder Hinsicht scheiße war, aber auch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte
  • den Kontakt zu einer weiteren Person abgebrochen, unter anderem weil diese Person wiederholt Vergewaltigungen begangen hat
  • zeitweise das Gefühl gehabt, ich müsste so schnell wie möglich weg aus Braunschweig (und nach Berlin, Hamburg, Köln oder Leipzig), mich dann hier so wohl gefühlt, dass ich mich locker dazu entschieden hätte, noch viele Jahre hier zu bleiben, und bin inzwischen ziemlich indifferent diesbezüglich
  • für mich persönlich die kategorische Abgrenzung von Freundschaft und Partnerschaft erst abgelegt, und mir dann wieder angewöhnt, weil die Auflösung dieser Grenzen nicht praktikabel ist, solange das engere Umfeld das nicht auch tut
  • übers Kuscheln nachgedacht, mich erstmals gewagt, mit jemand anderem als meiner derzeitigen Partnerin zu kuscheln und seitdem mit ca. 20 verschiedenen Menschen gekuschelt, davon mit ca. 8 intensiver und/oder regelmäßiger, und habe dabei wunderschöne Dynamiken erlebt, die sich nur beim Kuscheln mit mehr als 2 Personen ergeben können
  • mit mindestens 5 verschiedenen Menschen deutlich direkter, intensiver und umfangreicher über Sex gesprochen als damals in 3,5 Jahren Partnerschaft mit meiner Partnerin
  • mich der Thematik BDSM in Theorie, Allyship, Selbstversuch, halbem Coming Out, ganzem Coming Out, Vernetzung on- und offline sowie per Workshopbesuch genähert
  • dank Hormontherapie endlich ein nennenswertes Brustwachstum erreicht, für einige Wochen ein unglaublich schönes und bisher unbekannt-weibliches Körpergefühl gehabt, und dann wieder verloren
  • ebenfalls durch die Hormone ein paar subtile Veränderungen der Gesichtszüge durchlebt, womit ich das erste mal seit Jahren in den Spiegel schauen kann ohne das, was ich dort sehe, zu hassen
  • mit Parkour, Schwimmen, Ballett, Modern Dance und Klettern (wieder) angefangen und bisher nur Parkour wieder aufgegeben
  • mich von zwei Trans-Stammtischen zurück gezogen, einen BDSM-Stammtisch und zwei verschiedene Polystammtische besucht und mich im Braunschweiger Polystammtisch sehr gut eingelebt
  • viele hunderte Stunden in “Beziehungsgespräche” investiert, ohne wirklich in einer Beziehung gewesen zu sein
  • mir große Hoffnungen ein- und wieder ausgeredet
  • einer Hand voll Menschen mehrmals längere Emails geschrieben, als es der Anstand gebietet
  • vermutlich mehr SMS gesendet und empfangen als in meinem ganzen Leben zuvor
  • in meiner eigenen Firma miterlebt, wie ein einzelner katastrophal laufender Auftrag das Unternehmen ruinieren kann
  • im Rahmen dieses Auftrags ein Maß an Beleidigungen, psychischer Druckausübung und Ausnutzung erlebt, das ich in einem Geschäftsverhältnis nicht für möglich gehalten hatte
  • ein Softwareframework geschaffen, das prinzipiell einen riesigen wirtschaftlichen Wert darstellen müsste
  • und miterlebt, wie sich die Software nicht vermarkten ließ
  • in Folge dessen das vor 2,5 Jahren von mir mitaufgebaute Unternehmen praktisch eingestellt
  • und dann mitbekommen, wie das totgeglaubte Unternehmen gerade jetzt wieder aus den Ruinen aufersteht
  • hormonell bedingt tagelang geweint
  • auch abgesehen davon mehr geweint als in den Jahren zuvor
  • monatelang Wohnungen und Häuser gesucht und besichtigt, und die Suche letzlich aufgegeben
  • seit 8 Monaten auf Fleisch verzichtet
  • wegen einem anhaltenden Defekt am Fahrrad ca. 20 mal mit großer Wucht auf die Mittelstange geknallt und dabei enorme Schmerzen ertragen
  • mich nach Jahren endlich nennenswert bei den Piraten aktiv eingesetzt, aber das nach wenigen Monaten aus Zeitgründen wieder eingestellt
  • zwei kleine Workshops beim bundesweiten Polytreffen und zwei weitere bei der QueerKon gehalten
  • nach Jahren endlich wieder beim Zahnarzt gewesen und diese Pause mehr als bereut
  • Freundschaften, die mir unglaublich wichtig sind, angezweifelt und teilweise reduziert, weil sie auf Dauer mir und/oder der anderen Person nicht gut taten
  • genug ungeklärte Fragen angesammelt, um die nächsten paar Jahre darüber nachzudenken
  • zwischendurch das Gefühl gehabt, endlich “angekommen” zu sein, und inzwischen wieder zum Schluss gekommen, dass ich noch zu einer deutlich anderen Person werden muss, als ich derzeit bin, um liebenswert zu sein und glücklich zu werden

Zusammenfassend standen also die Themen Freundschaft, Liebe und Sexualität im Vordergrund. Bei den beiden letzteren hat sich zwar für meine Verhältnisse sehr viel getan, aber in Relation zu dem, was andere in ihrem Leben haben, sind Liebe und Sexualität für mich nach wie vor unerreicht und unerreichbar, und es ist für mich noch nicht abschätzbar, ob sich das jemals ändern wird.

Aber das bloße Maß an neuen Erlebnissen, Eindrücken, Gedanken, Perspektiven und Sorgen war überwältigend. Ich bin ausgelaugt, vorerst am Ende. Ich will im Moment nur noch meine Ruhe haben, mich nicht mehr verlieben, mir keine Hoffnungen mehr machen, ja am besten nicht mal neue Freund_innen finden. Einfach nur Frieden und ein Mindestmaß an Zufriedenheit. Etwas Wärme und Nähe, aber nicht mehr dieses stürmische, leidenschaftliche.

Für den Rest des Jahres wünsche ich mir in erster Linie Nichts. Ganz, ganz viel Nichts.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir mehr positive Veränderung. Mehr geistiges und charakterliches Wachstum. Mehr erwiederte Liebe. Sorgenfreies Kuscheln. Mehr Sex. Und trotzdem auch ganz viel Ruhe.

Ich hab das Rezept!!! Die Hormontheraphie geht los!!!

Ja, die Überschrift sagt ja eigentlich schon alles. Nach den letzten beiden Blogposts stellt sich natürlich die Frage, wie das jetzt möglich war, immerhin sah ja alles eher düster aus. Bis vor wenigen Minuten habe ich mit nichts gutem gerechnet, hatte Schätzungen angestellt, nach denen es evtl. noch 1,5 weitere Jahre dauern könnte…

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen – genau das hatte ich nämlich in den letzte Tagen selbst mehr als genug – mal ganz unchronologisch zuerst, wie das Gespräch lief, und danach erst, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte, und ein bisschen Analyse dazu, was ich daraus nun lerne, und was nicht. Und ganz zum Schluss dann noch der Grund, warum ich so einen langen Blogpost schreibe, bevor ich irgendwem mal kurz Bescheid gebe, das alles gut ist…

Also: Ich kam ins Sprechzimmer rein, und als ich freundlich gefragt wurde, wie es mir geht, habe ich ganz offen und direkt gesagt, dass die Anspannung und Nervosität mich gerade sehr fertig macht, da ich gerade nichts gutes erwarte. Meine Ärztin war sichtlich verwundert. Ich fasste kurz zusammen, dass ich ja vor zwei Monaten mit einem Indikationsschreiben da war, welches sie jedoch nicht akzepziert hat, und mich bat, heute mit den “richtigen” Indikationsschreiben wieder zu kommen, das von meinem dauerhaft begleitenden Psych* ausgestellt ist. Und da ich dieses Schreiben nicht dabei habe, und auch später nicht haben werde, weiß ich nun nicht, wie es weitergehen soll.

Sie wollte natürlich schon gerne wissen, warum das so ist, so dass ich ihr erkläre, dass ich die Theraphie damals schon “pausiert” und inzwischen komplett abgebrochen habe, da ich mit dem Psych* nicht gut klarkam, und ich mit ihm nicht gut über die Thematik allgemein sprechen konnte, und erst recht über das Unwohlsein mit der Theraphie selbst. Dafür hatte sie volles Verständnis, obwohl sie viele andere trans* Menschen kennt, die mit ihm sehr zufrieden sind. Ich stimmte ihr zu, dass auch ich viele kenne die sehr gerne bei ihm sind, und ja auch gerade aus dem Grund ihn gewählt hatte, aber das in meinem Fall offenbar nichts brachte.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie das vorhandene Indikationsschreiben des anderen Psych* beim letzten mal abgelehnt hat oder was da überhaupt drin stand. Das wunderte mich nicht, schließlich hatte sie es ja nichtmal gelesen oder kopiert. Als ich ihr das entgegnete, konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie beim letzten Mal so gehandelt hatte. Ob ich es denn heute nochmal bei mir hätte? Aber klar doch, und so machte sie sich dann auch Augenblicklich ans Lesen.

“Na bitte, da steht doch alles drin, was ich brauche. Da habe ich doch gar keinen Grund, irgendwie auf ein schreiben des anderen Psychologen fixiert zu sein.” Das sind natürlich diese Momente, wo ich mir denke “Warum denn nicht gleich so?!”, aber Zeit verloren hatte ich ja dadurch nicht. Denn die letzten Laborergebnisse waren ja heute erst zur Besprechung verfügbar, eher hätte es also eh nicht losgehen können – außer natürlich, wenn ich mich schon vor mehr als einem halben Jahr um einen Termin bei der Endokrinologie gekümmert hätte, und ihr dürft dreimal raten – ach Quatsch, einmal muss reichen – wer mir das nicht angeraten hat.

Die Laborergebnisse waren unspektakulär, so dass keinerlei Einschränkungen bei den möglichen Präparaten bestehen und keine ungewöhnlichen Risiken, über die ich nicht schon zuvor aufgeklärt war. So sprachen wir dann noch über Dosierungen, Vor- und Nachteile verschiedener Darreichungsformen, Nebenwirkungen und den weiteren Verlauf. Schwuppdiwupp, Rezept in der Hand.

Und nun? Geht’s mir natürlich gut, unglaublich gut. Ich hatte mich vorher so auf negative Dinge eingestellt, dass ich immer noch nicht so ganz realisiert habe, wie gut doch jetzt alles ist. Das kommt vermutlich in den nächsten Stunden noch. Aber gerade zu der Miesen Stimmung der letzten Tage, die auch vor einigen Stunden noch bestand, ist das schon jetzt ein irrer Kontrast.

Ich war gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Ich hätte viel “wichtigeres” zu tun gehabt, sowohl beruflich als auch ehrenamtlich, aber sowohl ich als auch eine meiner Freundinnen brauchten gestern dringend Ablenkung. Danach war ich noch bis um 3 Uhr nachts im Stratum 0, unserem lokalen Hackspace, um mich abzulenken.

Ich habe heute nach dann nur 1,5 Stunden geschlafen, beim Erwachen hab ich Verwirrtheitszustände durchlebt, die sich in keiner mir bekanntne Sprache oder Notation wiedergeben lassen. Ein oder zwei Snooze-Durchgänge später war ich dann plötzlich in der Realität angekommen. Habe beim Anziehen noch wilde Pläne geschmiedet, was ich noch alles an Dokumenten auf einen USB-Stick ziehe um sie dann in der Stadt, in der die Arztpraxis ist, im Copyshop auszudrucken und der Ärztin vorzulegen. Völlig unnötige Überlegungen ohne irgendeinen Sinn. Habe dann noch so lange getrödelt, bis ich den RE verpasst habe und auf einen IC umsteigen musste. Habe mich auf der Radfahrt zum Bahnhof ausnahmesweise mal nicht über die blöden Autofahrer und Ampeln und schlecht gebauten Radwege und merkbefreite Fußgänger geärgert, weil die anders als sonst heute mal egal waren.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Wollte eigentlich nochmal verschiedene Szenarien durchgehen, innere Monologe zur Aussprache bereitlegen. Ging nicht. Habe zwar die ganze Zeit an das bevorstehende Arztgespräch gedacht, aber nicht an den Verlauf oder daran, was herauskommt. Sondern nur daran, wie ich mit dem umgehen soll, was wohl herauskommen wird.

Im Wartezimmer war ich äußerlich ruhig. Kein Zittern, kein Herzklopfen, wirkte wohl fast so, als würde ich gleich einschlafen. Innen drin hat mich die Angst zerfressen, ich habe ernsthaft befürchtet, auf diesem Wartestuhl bewusstlos zu werden noch bevor ich aufgerufen werde, oder auch in genau dem Moment. Und wenn ich es doch bis ins Sprechzimmer schaffe, war immernoch fraglich ob ich es schaffen würde, ein Wort heraus zu bekommen, oder ob ich die Ärztin unfreiwillig anschweigen würde.

Na gut, dann kam halt doch alles besser. Aber das wusste ich ja vorher nicht, und auch im Nachinein finde ich meine Befürchtungen angemessen. Ist ja nicht so, dass ich vor jedem Termin oder Gespräch so wäre. Das letzte Mal, dass ich vor einem “Gespräch” solche Angst hatte war in der 12. oder 13. Klasse. Damals stand ich unter dem Verdacht, Geld aus der Jahrgangskasse veruntreut zu haben, und obwohl es nur um ca. 2% des Kassenstandes ging herrschte generelle Weltuntergangsstimmung, mehrere meiner Schulkolleg_innen hatten sogar deswegen geweint. Einer meiner Freunde, der bei der (in Wirklichkeit legitimierten) “Veruntreuungs”-Aktion geholfen hatte, wurde deswegen sogar von mehreren Schülern auf dem Hof mit Steinen beworfen. Von den 87 Schüler_innen haben etwa 82 eine ganze Woche nicht mehr mit uns gesprochen, bis ich mir anmaßte, eine Stufenvollversammlung einzuberufen, mich ans Specherpult zustellen und vor der gesammten Menge den Fall aufzuklären. Das war damals alles nicht leicht für mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich selbst da deutlich weniger nervös war. (An die Sache musste ich übrigens auch öfter bei den kürzlichen Shitstorms in der Piratenpartei denken, aber ich komme zu sehr vom Thema ab…)

Auf die Unsicherheit und Verzweiflung der letzten Tage hätte ich gut und gerne verzichten können. Klar, die Wut und das Schreiben und Nachdenken haben mir in gewisser Weise geholfen, und zwar dazu, dass ich heute zwar ängstlich und nervös in die Praxis ging, aber für viele mögliche Gesprächsverläufe in etwa gewusst hätte, was ich dazu zu sagen habe. Und es hat mir geholfen, viel Wut umzuverteilen, mehr auf die Psych* und das System im ganzen, und weniger auf die Endokrinologin, so dass ich ihr eine zweite Chance geben konnte. In den letzten Tagen viel rumgebrüllt zu haben(wenn auch überwiegend lautlos, da schriftlich) half, heute in freundlichem Ton zu sprechen. Angesichtsdessen, wie das Gespräch verlaufen ist, wäre es wohl sehr unpassend (wenn auch vielleicht verständlich) gewesen, wenn ich da laut brüllend ins Sprechzimmer gestürmt wäre.

Aber langfristig? Während ich nach der Aktion damals in der Schule deutlich gestärkt aus der Sacher herausgeangen bin, und seit dem viel selbstsicherer vor größeren Mengen meine Position vertreten kann, konnte ich den Höhen und Tiefen meiner medizinischen Trans*geschichte noch kaum einen positiven Aspekt abgewinnen. Klar, ich bin jetzt besser darin “geschult” meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu definieren und zu erkennen, ob medizinisches Personal dazu gewillt ist, mir dabei zu helfen oder mich zu bremsen. Aber für die Praxis habe ich nichts gelernt, nicht, wie man sowas verhindert, nicht, wie ich meine Rechte einfordern kann. Denn diese Situationen haben ein Machtgefälle, das ich nicht durch eigene Kraft oder Vorbereitung brechen kann. Eine einzelne Frau, die ruhig und freundlich hinter ihrem Schreibtisch sitzt und mir helfen möchte hat mehr Einschüchterungspotential als ein aufgebrachter Mob der evtl. nicht davor zurückschrecken würde, mich zu steinigen.

Auch in Sachen Optimismus / Pessismus kann ich keine Lehre daraus ziehen. Der Termin vor zwei Monaten begann mit großer Hoffnung und endete sehr enttäuschend, hat mich bis heute hin noch stark belastet. Und der Besuch heute war vorweg nur von Verzweiflung und negativen Erwartungen geprägt, und lief durchweg super. Als “Lehre” zeigt mir das nur, wie unvorhersehbar und unkontrollierbar das Leben ist, eigentlich keine erfreuliche Erkenntnis.

Aber das Ergebnis als solches ist sehr erfreulich. Ich hoffe, ich bekomme das in den nächsten Tagen noch so im Kopf sortiert, dass ich mich auch so richtig drüber freuen kann. Noch hab ich das Gefühl, gleich klingelt der Wecker und ich habe den realen Arztbesuch noch direkt vor mir.

Denn noch etwas, das sehr traumhaft lief: ich kam gerade wieder in Braunschweig an und fuhr direkt zu einer Apotheke um das Rezept einzulösen. Mir war natürlich klar, dass diese Medikamente nicht vorrätig sind und bestellt werden müssen, sowie dass es in den letzten Wochen große Lieferengpässe gab. Nicht klar war mir, dass die Apotheke schon seit 6 Minuten Mittagspause hatte. Da ich aber noch hinein kam und sehr freundlich bedient wurde, kann ich die Tabletten heute abend um 18:15 schon abholen. Wow, wer hätte das gedacht?! Ja, das muss ein Traum sein…

Der einzige Wehrmutstropfen, mit dem ich mich schon abgefunden hatte: ich hatte offenbar unterwegs mein Smartphone verloren, konnte daher niemandem per Telefon oder Mail oder Twitter bescheid geben, sondern “nur” auf dem Laptop diesen Blogpost vorforumulieren (außer natürlich diese letzten paar Absätze hier). Mit dem Verlust hätte ich an einem Tag wie heute gut umgehen können, aber siehe da: ich hatte ein Loch in der Handtasche, durch welches das Handy doch nur zwischen Innnen- und Außenfutter gerutscht war. (Heißt bestimmt anders, aber ihr wisst was ich meine.)

Letztlich wird eben doch noch alles gut!

Wenn man nichts nettes zu sagen hat…

Nun, nachdem ich hier vor wenigen Stunden die Vorgeschichte einigermaßen knapp und sachlich zusammen gefasst habe – knapp und sachlich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten eben – nun zu dem, was mich bedrückt.

Was passieren wird

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mir aus diesem Grund die Hormontherapie verweigern. Wird mir vielleicht erklären, dass ich es auf ganzer Linie verkackt habe und ich jetzt eine neue “Therapie” anfangen muss, wieder 12 Monate lang, wieder 3-6 Monate Wartezeit vorher. Dann werde ich wütend sein, und traurig, und verzweifelt. Ich werde mir dann Vorwürfe machen, dass ich es verkackt habe. Und dann werde ich mich darauf besinnen, dass ich alles richtig gemacht habe, und dieses ganze System einfach nur für den Arsch ist.

Dann werde ich versuchen, mir wenigstens die medizinischen Befunde aushändigen zu lassen, so dass ich bei einem anderen Endokrinologe oder sonstigem Arzt eine Hormontherapie beginnen könnte, ohne dass die Untersuchungen nochmal gemacht werden müssen, denn die dauern auch ein paar Monate.

Und dann gehe ich zurück in diese Welt, in der nicht nur “das System” glaubt, das müsse so sein, sondern die gesamte Welt dem System recht gibt. Wo es vereinzelte Kritik an Details gibt, aber wo die Gesamtheit gerechtfertigt wird. Wo ich mit meiner umfassenden Kritik daran recht allein dastehe, allenfalls mit ein paar anderen Transaktivist_innen, die ich nicht mal persönlich kenne.

Erklärungsversuche

Ich habe heute Mittag mit einer Freundin gechattet. Sie selbst ist ja transsexuell und erträgt das alles mit Geduld und Würde. Sie hat das versucht, was bisher weder die diversen Psych*, noch die Krankenkasse, noch die Endokrinologin oder sonst ein Teil des Systems versucht hat: nämlich mir den Sinn dahinter zu erklären. Eigentlich finde ich das total super, und es ist ein Armutszeugnis für die Beteiligten des Systems, dass sie ihr handeln als so selbstverständlich richtig ansehen, dass sie sich zu fein sind, es zu rechtfertigen und zu begründen.

Und zeitweise dachte ich fast schon, die hätte es geschafft. Ihre Erläuterungen waren in sich stimmig. Sie bauen auf Annahmen auf, die allesamt sinnvoll sind und die ich nicht widerlegen kann. Meine anfänglichen Erwiderungen waren ein Stück weit dadurch getrieben, dass ich nun mal aus Überzeugung über einem Jahr gegen dieses System bin und meine Überzeugungen sich nicht in Sekunden ändern. Ich habe eine ganze Weile lang mit ihr geschrieben, und hab das Gespräch letztlich sinngemäß mit “ich muss jetzt nachdenken” verlassen. Es gab in der Unterhaltung nichts, auf das ich noch etwas erwidern könnte. Einen Moment lang hat nämlich alles Sinn gemacht für mich.

Das beste Argument, das mich quasi überzeugt hatte: Vor praktisch jeder Art von medizinischer Behandlung müssen viele Differentialdiagnosen und Kontra-Indikationen ausgeschlossen werden, so auch bei Transsexualtität. Darunter sind hormonelle, genetische, organische und auch psychische Faktoren die geprüft werden müssen. Während man die körperlichen Faktoren vergleichsweise einfach und schnell ausschließen kann, sind psychische Probleme eben aufwändiger zu diagnostizieren. Zu prüfen, ob bei mir ein psychisches Ausschlusskriterium vorliegt, ist ja ebenso wenig ein Vorwurf, wie eine Prüfung auf Blutgerinnungsstörungen.

Eine persönliche Entwarnung

(An dieser Stelle der Hinweis an besagte Freundin, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auch hier mitliest und weiß, dass sie gemeint ist: Keine Sorge. Ich bin dir nicht böse für deine Erläuterungen, eigentlich sogar dankbar. Es freut mich für dich, dass sie für dich Sinn machen und passen, aber für mich tun sie es leider nicht. Die Wut in den folgenden Absätzen richtet sich nicht gegen dich persönlich.)

Die Realität holt mich ein

Ja, das klingt völlig sinnvoll, was will ich dagegen schon sagen. Aber dann habe ich an meine Situation und mein Leben gedacht, und versucht, mein Weltbild auch darauf einzustimmen. Und nichts hat gepasst. Wie ich es drehe und wende, Warten erfüllt keinen Sinn für mich. Mich mit psych* abzugeben, die nach kurzer Zeit meinen, ich sei völlig o.k., aber sie müssten mich noch ein Jahr anschweigen damit sie sich sicher sein können macht für mich keinen Sinn. Mir jetzt einen anderen Psych* zu suchen, der ein Jahr lang sehr aktiv mit mir interagiert, um irgendwas zu finden, was nicht da ist, macht für mich keinen Sinn. Dass es Richtlinien gibt, die von “6 bis 12 Monate, in Ausnahmefällen auch weniger” enthalten, und dass Ärzte und Psych* daraus ein “Gesetz” machen, dass 12 Monate erzwingt, macht für mich keinen Sinn. Und ich könnte ewig so weiter auflisten, was für mich alles sinnentleert ist.

Untersuchungen wie jede andere auch

Was ist mit dem Argument meiner Bekannten, dass es doch nur eine nötige Untersuchung wie viele andere ist? Ich weiß, dass ich selbst nicht wissen kann, wie meine Hormone, meine Chromosomen, einzelne Gene oder Organe beschaffen sind. Wenn dieses Wissen nötig wird, muss es durch Fachpersonal untersucht werden. Was meine Psyche angeht, so denke ich da anders. Ich glaube, ich kann sehr wohl abschätzen, ob ich psychisch gesund bin, oder schwer gestört, oder vielleicht auch gerade mal einen kleinen Durchhänger habe, wie ich ihn hier als Seelenschnupfen bezeichnet habe.

Die Realität ganz weit weg

Damit das allgegenwärtige System dessen, wie mit Transsexuellen umgegangen wird, nach meiner Denkweise Sinn ergibt, braucht es die folgende Grundthese: dass manche Menschen auf Grund psychischer Krankheiten so weit in ihrem Urteilsvermögen eingeschränkt sind, dass sie die unsinnigsten und falschesten Dinge als wahr und gegeben und sinnvoll erachten können, und dabei selbst keine Widersprüche erkennen können, und auch für das persönliche Umfeld nichts derartiges sichtbar ist. Einzig und allein Psych* hätten die Fähigkeit, das festzustellen, und das tun sie, indem sie 12 Monate lang irgendwas tun, egal was, Hauptsache es dauert 12 Monate.

Und genau hier weigere ich mich, die Sache zu glauben, und weigere mich auch, noch weiter argumentativ ins Detail zu gehen. Wenn ich so verwirrt wäre, dass ich keinerlei Gespür mehr für Sinnhaftigkeit und Realität hätte, keine Entscheidungen mehr für mich treffen könnte, jedes Gefühl und jeder Gedanke von mir prinzipiell angezweifelt werden müsste, tja, dann hätte so oder so nichts in meinem Leben mehr Sinn und ich müsste auch diese beknackten medizinischen Regeln nicht mehr verstehen. Aber egal.

Nachtrag: Für mich macht es nur einen sehr kleinen Unterschied, welche der folgenden Aussagen benutzt wird:

  • Transsexuelle sind immer psychisch schwer krank, die Frage ist nur, in wie vielen Weisen.
  • Transsexuelle sind so häufig psychisch schwer krank, dass man erstmal davon ausgehen muss, bis das Gegenteil bewiesen ist.
  • Transsexuelle müssen psychisch abgecheckt werden, damit nich ab und zu mal jemand psychisch schwer krankes falsch behandelt wird.

Natürlich erkenne ich darin den großen Unterschied in der Wertung und Differenziertheit und Zielsetzung. Aber in der Praxis haben alle drei Varianten die Konsequenz: wenn du transsexuell bist und meinst, du seinst psychisch nicht schwer krank, dann glauben wir dir nicht und suchen uns beliebig unsinnige Hürden aus, die du nehmen musst, damit wir dir doch glauben.

Helfen Verboten. Ärzte haften für ihre Patienten.

Dann gibt es noch das Haftungsargument: Ein Arzt, der mich ohne diese 12-Monats-Therapie mit Hormonen behandelt, könnte ja für die negativen Folgen belangt werden. Es mag sein, dass das unsere derzeitige juristische Realität ist: dass Ärzte für jede Behandlung belangt werden können, und die Nicht-Behandlung immer der sichere Weg ist, außer vielleicht, wenn ein Leben in Gefahr ist.

Und wisst ihr was? Bei der Nichtbehandlung von Transsexuellen sind Leben ein Gefahr. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich bin nicht suizidgefährdet, aber das ist eher Zufall als alles andere. In meiner aktuellen Lage wäre es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass ich suizidgefährdet wäre. Und mein toller Psych* hat sich mit seinen Analysen so oberflächlich bewegt, dass er es wohl nicht wüsste, wenn ich suizidal wäre. Das ganze System ist so beschaffen, dass ich jegliche Suizidabsichten sowieso verschwiegen hätte, wenn ich denn welche gehabt hätte. Denn Transsexuelle, die suizidal sind, bekommen meist keine Hormone, da ist es den Herren und Damen in den weißen Kitteln völlig egal, ob diese Hormone das einzige sind, was diese Menschen von ihren Suizidgedanken abbringen kann. Eines Tages wurde mir bewusst, dass mein Psych* mich mit seinem Verhalten nicht nur verärgert, sondern implizit auch akzeptiert, mich damit in den Selbstmord treiben zu können. Dass ich anspreche, dass es mir durch ihn schlecht geht, und er das Thema sofort abblockt, war für mich ein absolut eindeutiger Beweis, wie egal mein Wohl ihm ist. Das war der Tag an dem ich beschlossen habe: ich gehe da nie wieder hin, wenn ich nicht muss. Und dank des Indikationsschreibens eines anderen Psych* dachte ich auch, ich müsste es nicht mehr.

Bin ich taub? Ich kann’s nämlich nicht mehr hören!

Diese ganze Rethorik von den möglichen Schäden einer voreiligen Behandlung, von der Irreversibilität und den schwerwiegenden Entscheidungen, die ein Mensch nicht für sich selbst treffen kann: ich kann es nicht mehr hören! Was bitteschön sind denn das für Folgen, Schäden, Entscheidungen? Was ist denn der absolute Worst Case?

Irreversibel ist doch umkehrbar: lebisreverrI

Genau, der Worst Case ist eine Person, die durch eine Hormontherapie mit körperlichen Merkmalen des “anderen” Geschlecht leben muss. Ja, was zum aktuellen Fick? Das macht für mich etwa so viel Sinn, wie ein brennendes Haus Hallenbad nicht zu löschen, weil es dabei nass werden könnte. Ich lebe mein ganzes verdammtes Leben lang schon mit Körpermerkmalen, die mich rund um die Uhr ankotzen. Und ich habe eine unglaubliche Angst davor, dass es mit jedem weiteren Jahr, in dem mein Körper einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt ist, schlimmer wird und irreversibler und es schwieriger bis unmöglicher wird diesen Scheiß wieder loszuwerden.

Bei einer transsexuellen Person davon auszugehen, dass sie eigentlich cissexuell ist, also mit den angeborenen Körpermerkmalen zufriedener sein wird als mit den anderen, ist genau so widerwärtig unsinnig, als würde ich jedem Cis-Menschen unterstellen, er wäre eigentlich transsexuell und es wäre ja für ihn total schlimm und irreversibel wenn er weiter mit seinen cis-Hormen leben müsste und ich ihm daher erstmal eine gegengeschlechtliche Hormonersatztherapie verpassen würde.

Was ist denn das für ein Argument mit der Irreversibilität? Eine Hormontherapie zu beginnen, und dann wieder abzubrechen, mag nicht die beste Handlungsalternative sein, aber es gibt sooooooooooooooooooo viel Panikmache davor, wie schrecklich sowas wäre, und keine handfesten Aussagen, was genau dann passiert. Es ist mir, so ganz persönlich, völlig egal was dann passiert. Ich *weiß*, dass ich nicht zurück will. Aber da ich es niemandem beweisen kann, dass ich bestimmt niemals zurück will, werde ich auf Umwegen gezwungen, mich damit auseinander zu setzen. Und dieser ganzen Panikmache kann ich nichts entgegensetzen außer “ich glaub, das stimmt nicht”.

Ich habe mir daher den Film “Ångrarna” gekauft und angeschaut. Vorweg, das ist ein merkwürdiger “Film”. Da gibt es zwei Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, und viele Jahrzehnte so gelebt haben, bevor sie eine Angleichung zur Frau durchlaufen haben. Beide haben dann einige Jahre als Frau gelebt, und haben dann eine Rückangleichung vornehmen lassen. Diese beiden Menschen wurden befragt, und dann von einem Regisseur ein fiktiver Dialog zwischen denen geschrieben, der von Schauspielern auf einer Bühne im Theater aufgeführt wurde. Und später wurden diese beiden realen Menschen, auf denen die Rollen basieren, engagiert, um vor einer laufenden Kamera sich selbst zu spielen, wobei dieser “Film” entsteht. Und dabei sitzen sie die ganze Zeit nur nebeneinander und erzählen ihre Geschichte. Wie authentisch dieser Dialog dann noch ist… ich weiß es nicht.

Aber bei all dem Oh-nooooes was um hin- und zurück-transitionierenden Menschen kursiert, war das die beste Näherung an “Fakten” die ich auftreiben konnte. Und es schockiert mich kein bisschen. Die wussten, was sie tun, und tragen es mit Fassung. Wenn *das* der Worst Case ist, den alle verhindern wollen, und zu diesem Zweck diese ganze Gatekeeping-Maschinerie und den Begutachtungswahnsinn aufgebaut wird: am Arsch.

Schwerwiegende Entscheidungen

Und das mit den schwerwiegenden Entscheidungen? Wer bitteschön definiert das, dass diese “Entscheidung” so schwerwiegend ist, dass sie nur unter komplexen Auflagen und mit dem o.k. außenstehender Personen getroffen werden darf? Warum darf ich so vieles anderes eigenverantwortlich tun, nur das nicht? Es gibt meiner Meinung nach nichts objektives daran, eine körperliche Angleichung an das Identitätsgeschlecht als schwerwiegendste legale Tat eines Menschen zu stilisieren. Das können eigentlich nur ideologische Verbohrtheiten sein. Bzw. ich habe schon oft gehört, dass Männer eine angeborene Kastrationsangst hätten. Keine Ahnung, wie sich diese Angst anfühlen soll, aber ich verbitte es mir, dass irgendwelche Männer ihre persönliche Kastrationsangst auf mich und meinen Penis projizieren.

Wo wir hier gerade von “Entscheidungen” sprechen: Es ist keine – zumindest nicht in dem Sinne, wie man das Wort “Entscheidung” normalerweise benutzt.  Aber selbst wenn es eine wäre: Na und? Wenn ein Cis-Mann (körperlich Mann, Identität Mann) sich bewusst dafür entscheiden würde, einen Frauenkörper haben zu wollen… ich weiß nicht ob das möglich ist, ob ein Mann so etwas wollen kann, aber wenn… wo wäre das Problem? Das wäre eine Entscheidung, er würde sie treffen, er würde sich damit gut fühlen oder sich damit beschissen fühlen, und fertig ist die Kiste. Letzteres nennt man persönliches Pech, und ich finde ja: es gibt ein Grundrecht auf persönliches Pech. Was hier passiert ist aber, dass das Grundrecht auf persönliches Pech beschränkt wird, und das Grundrecht auf persönliches Glück dabei vorsorglich gleich mit.

In wie fern ist es denn bei mir eine “Entscheidung”? Ich glaube nicht, dass es in den Möglichkeiten eines Menschen liegt, sich für seine Identität zu entscheiden. Eine Zeit lang dachte ich selbst ja sogar, ich hätte mich mit 11 dazu entschieden, charakterlich (eher) ein Mädchen zu sein. Im Nachhinein denke ich, das war eher eine Feststellung von Tatsachen, die zu dem Zeitpunkt schon lange feststanden. Spätestens seit dem war aber daran nichts mehr zu rütteln. Wenn das damals eine Entscheidung gewesen sein sollte, wo waren denn da die schlauen Psych* um mich davon abzubringen?

Das ist eine rein rethorische Frage, ich hätte das damals schon nicht gewollt. Trotz des damaligen Glaubens, den Rest meines Lebens in einem Männerkörper verbringen zu müssen, wäre die Aussicht für mich schon mit 11 nicht attraktiv gewesen, irgendwas an meinem Wesen zu verändern, das meine Seele männlicher macht. Das ist etwas, was ich mir nie gewünscht habe und nie hätte wünschen können.

Aber ja, Coming Out und Rollenwechsel und Hormontherapie und OP, all das sind in gewisser Weise doch auch Entscheidungen. Und zwar zwingende Entscheidungen, im Sinne von: mach das, oder bleibe unglücklich. Mach das jetzt, oder mach es in 10 Jahren, aber machen wirst du es sowieso. Mach das, oder stirb. Das sind Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe, nach allen Regeln der Kunst, die bei Entscheidungen zu beachten sind. Ich bin mir sicher, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Menschen, die mich jetzt noch davon abbringen wollen, sagen mir: Werde wieder unglücklich! Verschwende wichtige Zeit deines Lebens! Bring dich um! Vielleicht wollen sie mir auch sagen: “Werde ein glücklicher, zufriederner Mann!” aber das ist einfach keine Option.

Und nu?

So, jetzt hab ich ein paar Absätze lang Rage gemacht, und nun? Mein eigentliches Problem im Moment ist folgendes:

Ich kann sehr nett und freundlich sein zu Menschen, die mich unterdrücken, belügen, für dumm verkaufen, mir Schaden zufügen mit dem Vorwand, Schaden von mir abwenden zu wollen und sich an meinem Leid bereichern.

Und ich kann ihnen vielleicht auch offen und ehrlich sagen, wie beschissen ich das alles finde, wie sehr mich ihre Überheblichkeit ankotzt, wie unreflektiert sie Macht über andere ausüben, wie wenig doch von ihrem hippokratischen Eid übrig geblieben ist, wie fern sie doch davon sind, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu führen, wie sehr sie sich schämen sollten und wie gering meine moralische Hemmschwelle ist, mich über diesen Mist hinwegzusetzen.

Was ich aber nicht kann: einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden. Für meine Rechte einstehen und dabei die Kooperation suchen mit Menschen, die sie mir nur widerwillig einräumen. Selbstbewusst meine legitimen Ansprüche aussprechen, ohne laut zu werden. Ein Bewusstsein dafür schaffen, dass viele Menschen auf meinem bisherigen Behandlungsweg falsch gehandelt haben, ohne diesen Menschen jegliche Kompetenz und guten Willen abzusprechen.

Let’s go back to the start

In vier Tagen bin ich also wieder bei der Endokrinologin. Davon, dass sie mir ein Rezept für meine erste Dosis Hormone überreicht trennt mich nur noch ein Indikationsschreiben, dass ich ihr überreichen muss. Und auf diesem Schreiben wird nicht der Name des Psych* stehen, der mich immerhin 8 oder 9 Monate begleitet hat, sondern der Namen eines anderen Psych* der schon nach deutlich kürzerer Zeit davon überzeugt war, dass die Hormontherapie bei mir angebracht ist.

Und sie wird mich fragen, warum ich die Therapie abgebrochen habe. Und entweder, ich brülle/weine/kotze ihr das entgegeben, was oben in diesem Blogpost steht, und noch viel mehr.

Oder ich sage nur ganz freundlich und leicht grinsend: “Ach, wissen Sie… das verstehen sie eh nicht.”

Und hebe mir das Brüllen/Weinen/Kotzen für später auf, wenn ich aus der Praxis raus bin. Wie immer.

Klopfer sagt…

Die letzten 1,5 Jahre meiner “Krankheitsgeschichte”

Ich bin mal wieder gezwungen, mich sehr ausführlich mit dem “transsexuellen System” zu beschäftigen. Deshalb entstand heute ein sehr langer, konfuser Text, den ich nun in mehreren Einzelteilen nach und nach veröffentliche. Dieser erste Teil fasst zusammen, was ich in den letzten Jahren durchlaufen habe.

Inneres Coming-Out

Zuallererst waren da diese Wochen und Monate, in denen ich im stillen Kämmerchen in mich selbst hinein gehorcht habe bis ich mir absolut sicher war: Ich bin eine Frau und es gibt keinen anderen Ausweg als in Zukunft auch genau so zu handeln. Zu dieser Phase findet ihr in einigen meiner älteren Blogposts Erzählungen, auch wenn viele wichtige Teile des Erkenntnisprozesses noch nicht verschriftlicht sind. (Eigentlich ist dieser Post aus dem August der einzige, der sich direkt darum dreht.) Diese Wochen waren teilweise “harte Kost”, weil da einfach sehr intensive Gedanken und Gefühle sehr viel Raum eingenommen haben.

Die Suche nach einem Psych*

Aber es ging mir inzwischen sehr gut, ich hatte nicht das Gefühl, psychische Probleme zu haben. Trotzdem würde ich mich nach einem Psych* umsehen müssen.

(Ich benutze in all meinen Texten “Psych*” als Oberbegriff für Psycholog_innen, Psychiater_innen und Psychotherpeut_innen. Es mag wichtige Unterschiede zwischen diesen  dreien geben, aber all die, mit denen ich zu tun hatte, haben sich so verhalten, dass diese Unterschiede nicht relevant waren. Gelegentlich steht psych* auch für Mengen von Adjektiven wie z.B. “psychologisch/psychiatrisch”)

Denn es gibt Behandlungsrichtlinien, die sagen, ein transsexueller Patient muss erst zu einem Psych* bevor eine Hormontherapie stattfinden kann. Manche Richtlinien sehen eine 6- bis 12-montagie Begleitung/Betreuung/Begutachtung vor, die sehr ergebnisoffen sein soll. Andere Richtlinien machen keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um eine Therapie handeln soll, deren Ziel es ist, “den Transsexuellen Wunsch” zu heilen.

Als ich zu meiner Krankenkasse ging um dort zu fragen, was ich nun tun kann, gab es also keine Frage nach dem “ob” sondern nur noch eine Frage nach dem “wie” für mich. Ich hatte da ja schon die Entscheidung, das Coming-Out und den öffentlichen “Rollenwechseln” hinter mir, habe schon mit vielen Bekannten über einiges gesprochen, aber nun mussten konkrete Handlungen folgen. Die Sachbearbeiterin dort sagte mir, ich müsste 1 Jahr Psych*Theraphie machen und könnte dann Hormone verordnet bekommen. Konkret hat sie mich zu einer bestimmten Psych* geschickt, da sie mir ansonsten keine Psych* dafür empfehlen könnte. Anschließend habe ich gut 4 Monate auf einen Termin bei besagter Psych* gewartet.

Kurze Psych*-Begleitung beim Studentenwerk

Zwischendurch habe ich auch eine andere Psych* aufgesucht, die über das Studentenwerk angestellt ist, um Studierende zu betreuen. Hier hatte ich nur zwei Wochen Wartezeit. Mit ihr sprach ich sehr offen über meine Transsexualität und meine Erfahrungen. Denn trotz der vielen tollen Gespräche im Bekanntenkreis wollte gerne mal mit einer außenstehenden und psych* fachkundigen Person sprechen. Ich war 3 oder 4 Mal zu einer Sitzung dort, und ich bin sehr gerne dorthin gegangen. Beim letzten Mal hatten wir aber beide das Gefühl, dass alles wichtige gesagt ist und ich eigentlich keine “Hilfe” mehr brauchen kann. Eine langjährige Betreuung und Indikationsstellung kam bei der Art ihrer Anstellung und (Nicht-)Zulassung sowieso nicht in Frage. Also beließen wir es dabei.

Meta-Gatekeeping

Jene von der Kasse empfohlene Psych* hat mich 1 Stunde befragt. All das, um mir dann sinngemäß zu sagen: “Sie sind transsexuell, sie brauchen Behandlung, aber nicht von mir. Hier haben sie eine Liste von Psych* die sich damit auskennen. Holen sie sich einen Termin bei einem davon.” Als ich fragte, wozu diese Stunde Gespräch war, sagte sie mir in etwa: “Ich habe geprüft, ob sie verrückt sind. Hätte ich dabei festgestellt, dass sie verrückt sind, hätte ich sie ohne die Liste nach Hause geschickt. Ich beschütze meine Psych*-Kollegen vor einer Flut von Verrückten.” Ich weiß nicht mehr, ob sie “verrückt” oder “bescheuert” oder “durchgeknallt” sagte, aber es war definitiv ein Begriff aus dieser abwertenden Kategorie.

(Zur Überschrift: Als “Gattekeeper”, also “Türsteher” werden gelegentlich Psych* bezeichnet, die den Zugang zu Hormonen und OPs beschränken. Diese Psych* hat den Zugang zu jenen Gatekeepern beschränkt.)

Die “Therapie”

Ich habe dann bei einem Psych* eine “Therapie” (Das Wort muss in in Anführungszeichen setzen, da ja hoch mehrdeutig ist, ob das eigentlich eine Therapie sein soll, und wenn ja, was da therapiert wird) begonnen, um letztlich die Indikation für Hormone und OP zu bekommen. Das war natürlich wieder einige Monate später, da Psych* ja lange Wartelisten haben. Es war übrigens niemand von der tollen Liste, da mir vier andere Transfrauen einheitlich einen bestimmten Psych* empfahlen, der eben nicht darauf stand.

Er erklärte mir zu Beginn, welche Regeln da bestünden, also im Wesentlichen mindestens 12 Monate Behandlung. Er machte von Anfang an klar, dass er diese Regeln selbst unmenschlich findet, es ihm Leid tut, dass er mich diesen Regeln unterwerfen muss, und dass er versuchen wird, das ganze so wenig nervig wie nötig zu machen, z.B. indem ich in diesem Jahr nur recht selten und kurz dorthin muss. Das klingt ja alles in allen sehr positiv, ganz so als täte dieser tolle Mensch alles ihm Mögliche, um es mir recht zu machen.

Diesen Glauben konnte ich aber leider kein ganzes Jahr aufrecht erhalten. Wenn er mich zu Beginn einer Sitzung fragte, warum ich heute hier sei, und ich in meiner Antwort irgendetwas von Hormonen erwähnte, wurde er wütend. Aber warum sollte ich auch sonst hier sein? Wenn ich genaueres zu dieser Richtlinie wissen wollte, die mich zu einem ganzen Jahr Therapie verpflichtet, wich er aus oder speiste mich mit unklaren Halbwahrheiten ab. Die meiste Zeit ging es mir generell gut, aber zwischenzeitlich hat mich das Warten auf die Hormone ziemlich zermürbt. Auf die Frage “Wie geht es ihnen?” antwortete ich zuvor immer ehrlich mit “Sehr gut.” Als ich einmal mit “Nicht so gut.” antwortete, sagte ich auf weitere Nachfrage nach den Gründen: “Mich beschäftigt es sehr, auf den Beginn der Hormontherapie warten zu müssen. Und der Gedanke, dass es noch so lange bis dahin dauert, und es keinen Weg gibt, es zu verkürzen, bedrückt micht.” Darauf hin meinte er nur “Darüber brauchen wir hier gar nicht reden.” und beendete kurz später unsere Sitzung. Dabei ist diese Unzufriedenheit mit dem Warten schon lange da, wie dieser Text von Januar 2012 belegt. Die “Therapie” fing ja erst im Dezember davor an.

Viele würden nun sagen: “Nu lass den guten Mann doch mal in Ruhe seine Diagnose machen, und dränge ihn nicht voreilig dazu, eine Stellung zu beziehen oder sogar schon Hormone zu verschreiben.” Das Problem ist: nach der zweiten Sitzung war die Sache für ihn schon geklärt: Transsexualität, keine weiteren psychischen Auffälligkeiten. Er hat noch ein paar biografische Standard-Daten abgefragt, aber ist nie sonderlich in die Tiefe gegangen. Hätte ich schwerwiegende Psychische Krankheiten, so würde er es nicht wissen. Er hat sich weder bemüht, diese aus mir heraus zu fragen, noch hat er mir einen Rahmen gegeben, in dem ich von mir aus etwas hätte äußern können, was darauf hindeutet. Gleiches auch für die Transsexualität: ich hatte zwar kein extrem ausgeprägtes Bedürfnis danach, über intimste Details zu sprechen, aber immerhin eine große Bereitschaft. Aber er wollte alles nur ganz oberflächlich wissen, nichts im Vergleich zu den Gesprächen mit der Psych* des Studentenwerks. Aber bei meinem “betreuenden” Psych* haben nach ein paar Sitzungen eigentlich über gar nichts mehr gesprochen.  Ob das alles Teil dessen war, es mir so angenehm wir möglich zu machen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mir diese ganze Therapie, die ich von Beginn an für nicht sehr sinnvoll hielt, immer sinnloser erschien. Für diese 10 Minuten unpersönlichen Smalltalk, bei dem es das ungeschriebene Gesetz gab, bloß nicht über Transsexualität zu sprechen, war ich oft 4 bis 5 Stunden außer Haus, was auch noch so im Tageslauf lag, dass ich weder davor noch danach viel geschafft habe. Es war einfach nur nervig und hat mich wütend gemacht. Aber was tut man nicht alles für einen blöden Zettel, der einen bescheinigt, transsexuell aber nicht verrückt zu sein?

Vornamensänderung

Vornamensänderung als Graph

Zwischendurch habe ich die Vornamensänderung beantragt. Auch davon hatte mir mein betreuender Psych* abgeraten, auch wenn ich nicht verstanden habe, warum. Aber zum Glück sind die Vorgänge voneinander unabhängig und ich brauchte sein o.k. nicht. Der ganze Prozess war zwar auch langwierig, wie die nebenstehende Grafik zeigt. Und wie ich hier schonmal schrieb, hatte ich auch genug Gründe, Angst davor zu haben. Aber es lief alles weniger schlimm als erwartet, und vor allem nach klaren Regeln, die ich nachlesen konnte, und die ich als gültiges Gesetzt auch irgendwie akzeptieren konnte, selbst wenn ich sie ungerecht fand. Womit ich natürlich gar nicht gerechnet hatte: einer der beiden Psych*, welche die beiden psychologische Gutachten für die Namensänderung angefertigt haben, bot mir gleich noch eine weiteres Gutachten bzw. Indikationsschreiben für eine Hormontherapie. Er selbst hält nichts von dem 6- bzw. 12-Monatszwand und hat keinerlei Verständnis für Psych*, die das ohne Ausnahme strikt durchziehen.

Für mich fehlte von da an jede Motivation, diese “Therapie” weiter aufrecht zu erhalten. Da ich eh keine ausstehenden Termine mehr hatte und mich um neue Termine hätte kümmern müssen, war das Thema für mich erledigt.

Vorbereitung der Hormontherapie

Inzwischen bin ich bei einer Endokrinologin, die auch schon sämtliche körperlichen Voruntersuchungen bei mir durchgeführt hat: diverse Blutwerte inkl. Hormonspiegel, Chromosomenanalyse zur Geschlechtsbestimmung, Genetische Untersuchung auf Faktor 5 Leiden, Hodenabtastung und -Größenbestimmung. Die letzten Ergebnisse erfahre ich in 4 Tagen, und bekäme dann wohl auch endlich eine Hormontherapie verschrieben. Ja, das Leben könnte so schön sein.

Aber daraus wird nichts, zumindest nicht ohne Probleme. Denn mein Indikationsschreiben, das ich letztes Mal schon bei mir hatte, akzeptiert sie nicht. Ohne auch nur einmal einen Blick hinein geworfen zu haben, ohne sich eine Kopie angefertigt zu haben. Allein meine Aussage, dass ich bei diesem Arzt nicht in einer 12-Monatigen Behandlung war reicht ihr aus, es als komplett irrelevant abzubügeln. Als ich sie auf die Richtlinie Ansprach, meinte sie nur “Das ist keine Richtlinie, das ist ein Gesetz.” Sie geht davon aus, dass ich in 4 Tagen ein weiteres Indikationsschreiben von meinem anderen Psych* mitbringe, bei dem ich dann schon über 12 Monate gewesen wäre. Dass ich dort schon seit Monaten nicht mehr bin, und somit auch kein Schreiben erhalten werde, weiß sie noch nicht. Das ist eigentlich der einzige Fakt, den ich ihr verschwiegen habe, da ich Angst hatte, dass sie sonst sofort die Untersuchung abbrechen würde. Und das würde mich wieder um 3 weitere Monate zurückwerfen, da es in etwa so lange dauern kann, woanders einen Termin für eine Untersuchung zu erhalten. Kurzfristig war es also sicher richtig, so zu tun, als wäre ich noch in “Therapie”, aber das lässt sich nun nicht mehr aufrecht erhalten.

Damit ist die Basis meines Problems umrissen. Aber eigentlich ist da noch so viel mehr, weshalb hier schon bald der nächste Blogeintrag folgen wird…

Gewalt gegen Frauen – ein großer Blogpost zu einem großen Problem

Am 25.11. war der “Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen”. Mit etwas Verspätung kommt hier ein Blogpost, der schon seit ein paar Wochen entsteht, und sich mit diesem unangenehmen Themenkomplex auseinandersetzt: Sexismus, Sexuelle und/oder häusliche Gewalt inkl. Vergewaltigungen, rape culture. Der Hauptaktionstag ist schon vorbei, aber es gibt eine Aktionswoche mit einigen weiteren Veranstaltungen (via Mädchenmannschaft). Am 14. Februar 2013 ist nicht nur Valentinstag, sondern mit One Billion Rising auch ein weiterer wichtiger Aktionstag.

Vorweg zum Stil und Aufbau: Das hier wird wieder so eine Art Überblicks-Eintrag, wo ich viele verschiedene Punkte und Sichtweisen nur “kurz” anschneide, in der Hoffnung, manches davon später nochmal in einem dedizierten Blogbeitrag zu würdigen, wo dann auch das Thema klarer abgesteckt ist. (Dieses Vorgehen hat zwar schon mit dem Überblicksartikel zu reproduktiven Rechten bisher nicht geklappt, aber die Hoffnung lebt ja länger als manch anderes.) Trotzdem ist das einer meiner längsten Beiträge bisher, weil das Thema einfach so vielfältig ist. Vielleicht ist er ja auch für euch, meine lieben Leser_innen, ein guter allgemeiner Themeneinstieg, falls ihr euch dazu bisher noch eher wenig Gedanken gemacht habt. Trotz allem, natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, etc. Und noch ein Disclaimer: Ich nenne hier Zahlen, die nicht mit Belegen verlinkt sind, weil ich sie aus einigermaßen verlässlicher Quelle habe, und dieser Text endlich online gehen soll. Wenn ihr exakte, verlässliche Zahlen mit Quelle haben wollt: sorry, nicht bei mir, zumindest nicht jetzt. Ihr habt alle selber ein Google.

Warum steht hier so viel Text? Weil Gewalt gegen Frauen ein großes, vielschichtiges Thema ist, bei dem alles irgendwie zusammenhängt. Weil ich all das im Kopf habe. Weil hunderte Millionen oder gar einige Milliarden Frauen mit all diesem Mist belastet sind, und es die gesamte Gesellschaft durchdringt. Kurze, bündige Texte sind toll, aber das erscheint mir hier nicht angemessen.

Nun bin ich es, Lena, die hier zu diesem Thema schreibt. Da stellt sich zunächst die Frage: Warum tu ich das? Betrifft mich das Thema?

Übrigens ist es wichtig, dass eine Frau über Gewalt sprechen kann, unabhängig davon, wie sehr sie bisher direkt betroffen ist, und unabhängig ob sie das bekannt geben möchte. Denn es ist ihr gutes Recht, nicht über ihre eigenen Erfahrungen sprechen zu wollen, und dennoch eine Meinung zu haben. Ich entschließe mich dazu, ganz klar zu sagen: Ich war zwar nie selbst von tätlicher (sexueller) Gewalt betroffen, aber trotzdem betrifft mich das Thema in vielfacher Weise. Falls ihr zu denen gehört, die sich damit nicht so sehr auseinandergesetzt haben, macht euch das bitte mal kurz bewusst, wie sehr mich als nicht-betroffene das beschäftigt, und nun extrapoliert daraus mal, was das für manch eine betroffene bedeutet.

Wenn ich mal ganz ichbezogen weitermache (keine Sorge, das geht nicht die ganze Zeit so weiter): Ich gehöre zu mehreren Gruppen, die jeweils einem hohen Risiko ausgesetzt sind, und in Kombination nochmal ungleich höher (das Prinzip nennt sich Intersektionalität):

  • Frau
  • Trans
  • Lesbisch
  • Feministin

Gewalt gegen Transfrauen ist so ein riesen Thema für sich, zu dem ich auch noch etwas schreiben sollte, oder schon am Transgender Day of Remembrance hätte schreiben sollen. In gewisser Weise zwingt mich das schon zu einer Auseinandersetzung mit dem Risiko, die Alternative wäre allenfalls Verdrängung und Verharmlosung – zwei “Abwehrmechanismen”, die mir bisher auch mehr geschadet als genutzt haben.

Aber machen wir uns doch mal nichts vor: allein schon “Frau” macht mich – macht die Mehrheit der Bevölkerung – zur Hochrisikogruppe. Bis vor kurzer Zeit hab ich noch dem Mythos aufgesessen, meine Lebenssituation und mein Umfeld wären vergleichsweise geschützt und die erschreckend hohen Quoten von Betroffenen würden hier ausnahmsweise nicht gelten. Seit dem Workshop “Do we hollaback @home? Sexismus, sexualisierte und häusliche Gewalt” auf dem 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft weiß ich: Akademikerinnen meines Alters sind von häuslicher Gewalt sogar etwas stärker betroffen als Frauen allgemein. Die Chance, in meinem Alter und meiner Lebenssituation bereits solche Taten erlitten zu haben, beträgt demnach etwa 25%.

Bei der heutigen Veranstaltung an der TU-Braunschweig ging es nicht um häusliche Gewalt, sondern Sexismus und Sexualisierte Gewalt im Uni-Alltag. Ca. 55% der Frauen erfahren an Hochschulen sexuelle Belästigung und 3,3% werden dort Opfer einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen bewegen letztlich 6% der Studentinnen zum Abbruch des Studiums. Mehr zu der Veranstaltung schreibt hanhaiwen in ihrem Blog. (Bonus: in den von ihr verlinkten Dokumenten finden sich Quellen für viele dieser Zahlen. Sorry, ich bin hier gerade nicht vorbildlich und fleißig was Quellenarbeit angeht.)

Diese beängstigend hohen Zahlen zeigen aber nicht nur die ständige Bedrohung für mich selbst auf. Noch erschreckender war für  mich die Erkenntnis: Statistisch ist  jede vierte oder gar zweite Frau in meinem Bekanntenkreis – die sich nämlich überwiegend in einem ähnlichen Alter und einer ähnlichen sozialen / edukativen Situation Befinden – bereits von häuslicher Gewalt oder ernsthafter Belästigung betroffen. Und diejenigen, die es nicht sind, schweben in relativ hoher Gefahr es zu werden. Das sind Dinge, die kann ich nicht einerseits wissen und andererseits weiterhin an die schöne heile Welt glauben. Dass nur ein deutlich kleinere Anteil meiner Freundinnen mir schon mal von solchen Erlebnissen erzählt hat, überzeugt mich inzwischen auch nicht mehr davon, dass um mich herum zufälligerweise alles töfte ist.

Auch schon bevor mir bewusst war, wie nah das Thema an mir und meinem Freund_innenkreis ist, fand ich die Thematik schon packend und erhellend. Es gibt viele unvorstellbar erschütternde Berichte aus fernen, fremden Ländern zu lesen. Wenn irgendjemand meinte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau wäre doch schon weltweit real (ja, sowas wird durchaus ab und zu behauptet) war es immer recht einfach und effektiv, als Gegenbeweis auf die häufigen Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen in anderen Ländern zu zeigen.

Inzwischen weiß ich, dass die Situation hierzulande schlimm genug ist, um sich den abfälligen Verweis auf “die anderen” zu sparen. Die Lage von Frauen in Deutschland reicht völlig aus als Gegenbeweis zur global verwirklichten Gleichheit. Zwar bleibe ich fest überzeugt, dass es Gegenden gibt, in denen die Gesamtsituation deutlich katastrophaler ist als in Deutschland. Aber hier nichts zu tun, weil es anderswo schlimmer ist? Nur wenn wir es schaffen, in unserer ach-so-tollen westlichen Zivilisation die krassen Missstände zu beheben, kann ich auch ernsthaft hoffen, dass wir irgendwas an der Lage auf dem Rest der Welt verbessern können – und ganz bestimmt nicht durch beschämendes Finger-Zeigen.

Bei all dem was man sonst so liest – und auch bei dem, was ich bis hier her geschrieben habe – könnte man schon den Eindruck bekommen, die Betroffenen seien immer weiblich und die Täter(_innen) immer männlich. Statistisch ist das die häufigste Konstellation, es sind zwischen 96% und 98% der Täter männlich. Klar ist es trotzdem eine starke Vereinfachung, immer nur von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Auch wenn andere Konstellationen quantitativ kaum ins Gewicht fallen, ist das Erleben für die einzelnen Betroffenen qualitativ gesehen immer furchtbar. In einem ansonsten durchgängig gegenderten Text “Täter” extra nicht zu gendern, finde ich daher etwa so konstruktiv wie “Informatiker” demonstrativ nicht zu gendern, weil das ja auch meistens Männer sind. Wenigstens ab und zu mal über nicht-männliche Täter_innen und/oder nicht-weibliche  Betroffene zu sprechen halte ich dafür für sehr wichtig. Erhellend fand ich z.B. diesen englischen Text über Vergewaltigungen zwischen lesbischen Frauen. Wie ihr vielleicht wisst, werden die allermeisten Vergewaltigungen von (Ex-)Partner_innen verübt, und nur sehr wenige von Fremden. So selten lesbische Vergewaltigungen auch absolut sein mögen, für ich als lesbische Frau ist auch das nicht so wunderbar weit weg von meiner Lebensrealität. Denn selbst wenn’s hoffentlich nicht mich erwischt, werde ich sicherlich im Laufe der Zeit noch andere lesbische Frauen kennenlernen, die genau davon betroffen sind. Wie könnte ich da ruhig sein, wenn andere meinen, das Thema sei irrelevant?

Schnell wird aber auch klar, dass die Ablenkung der Debatte auf weibliche Täterinnen sehr oft gezielt ausgenutzt wird, um die nötige Diskussion von “Männergewalt gegen Frauen” einfach nur zu stören. So vorzugehen, hilft weder männlichen, noch weiblichen, noch anderen Betroffenen weiter und macht eine sachliche Debatte vorerst unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, greifen diese Typen auch noch Personen direkt an, wie in diesem Fall mal wieder hanheiwen. Um mich nicht irgendwie mit der Position solcher Typen in Verbindung zu bringen, trau mich ja schon meist nicht mehr, Themen wie “männliche Opfer” anzusprechen, trotz guter Absichten und des Vorsatzes, das sensibel anzugehen.

Apropos sensibel: Ich war schon vor meiner bewussten Auseinandersetzung mit der Thematik vergleichsweise sensibel für Darstellungen sexueller Gewalt – eigentlich sollte ich besser sagen: die restliche Gesellschaft war und ist vergleichsweise unsensibel. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen Phenomänen wird unter dem Begriff “rape culture” zusammen gefasst. Inzwischen habe ich praktisch alle Facetten davon mehr oder weniger direkt im realen Leben vorgefunden. Das erste, was mir schon lange auffiel, ist die – positiv dargestellte – Verknüpfung von Sexualität und Gewalt. Typisches Muster in Filmen und Serien: Mann erzwingt mehr oder weniger gewaltsam Sex mit Frau, die das zunächst nicht möchte, sich ggf. auch noch zur Wehr setzt, und im späteren Verlauf doch noch die Lust dazu bekommt, so dass beide ihren Spaß daran haben. Tausendmal in verschiedenen Variationen gesehen. Tausendmal hat es mich angekotzt. Tausendmal war mir klar, dass das so nicht realistisch ist, und dass andere es aber als realistisch und normal einstufen könnten und somit – quasi mit gutem Gewissen – zu Vergewaltigern werden.

Besonders ist mir aber eine Szene aus Queer as Folk im Gedächtnis geblieben. Zur Erinnerung: diese Serie über überwiegend schwule Männer und vereinzelte lesbische Frauen sprüht zwar vor Sex und Spaß, aber schneidet ständig auch Problemthemen kritisch an. Als es in einer der späteren Staffeln zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Melany und Lindsey kommt, berührt mich das natürlich erst mal negativ (da ich beide Charaktere mag), auf der Metaebene denke ich aber sofort: Gut, endlich wird mal thematisiert, dass häusliche Gewalt auch in lesbischen Beziehungen vorkommt. Wenig später kippt die Situation ins sexuelle, also zu sexueller Gewalt, sprich: einer Vergewaltigung, um dann fließend in harten, aber dann plötzlicherweise “einvernehmlichen Versöhnungssex” überzugehen. WTF. So viel Unsensibilität hätte ich gerade hier nicht erwartet. Gerade habe ich noch mitgefühlt mit einer (fiktiven, mir aber dennoch ans Herz gewachsenen) Frau die vergewaltigt wird, und jetzt soll ich mich plötzlich für ihren “Surprise Sex” freuen und mich ggf. beim Betrachten daran aufgeilen, weil es ja doch keine Vergewaltigung ist?

Aber wer sagt denn, dass man es als Nicht-Vergewaltigung “tarnen” muss, um sich daran aufzugeilen? Als ich den etwas weiter oben angegebenen Link zu Vergewaltigungen unter Lesben einfügen wollte, habe ich die Adresse nicht mehr in meinen Bookmarks gefunden. Da ich mich noch an viele Details erinnern konnte, sollte das doch leicht zu googlen sein. Und siehe da: die ersten ca. 12 Treffer sind Pornos, die dafür gemacht wurden, dass sich jemand an einer (gestellten?) Vergewaltigung aufgeilen kann. Manche der Beschreibungstexte ließen sogar vermuten, dass die Szenen vielleicht nicht mal gestellt waren. Da ist dann aber auch meine Grenze erreicht, wo ich es nicht mehr über mich bringe, mir das en Detail durchzulesen und “nachzuprüfen”. Sowas finde ich einfach nur abartig. Klar, es gibt BSDM und es gibt einvernehmliche “Vergewaltigungs-Rollenspiele”. Wer das mag, bitteschön. Aber wer einen solchen Porno nicht genießen kann, wenn in der Beschreibung steht “rape fantasy”, sondern nur bei “actual rape” klickt, gehe doch bitte einfach sterben. Danke.

Klar, Rape-Porn ist eher eine gesellschaftliche Randerscheinung. Rape culture zeigt sich vor allem aber auch “in der Mitte der Gesellschaft”, z.B. daran, dass Vergewaltigungswitze fast überall akzeptiert sind. Sie zu kritisieren gilt meist als spießig und spielverderberisch. Ich kenne Kreise, in denen ist das so, und ich halte mich so gut es geht aus diesen Kreisen heraus. Das geht nicht immer, und die ständige Abwägung zwischen still bleiben und Frust runterschlucken einerseits, und Menschen die ich kaum kenne öffentlich zurechtzuweisen andererseits, ist nicht leicht. Meistens bin ich aber unter Menschen, bei denen all das kein Problem ist. Frauen, die sich in der Hinsicht arg daneben benehmen, sind mir interessanterweise noch nie untergekommen, und wenn doch mal eine etwas leicht grenzwertiges sagt, finde ich es recht leicht, das angemessen zu kommentieren. Kein Drama.

Und es gibt auch Männer – erfreulich viele davon – in deren Umfeld ich mich sicher fühle. Nicht nur sicher vor harten körperlichen Übergriffen, sondern auch vor den nervigen kleinen Alltagssexismen. Der Fachgruppenrat Informatik war viele Jahre lang so ein Umfeld, und dass er es nicht mehr so richtig ist, ist nur einer von vielen kleinen Gründen, aus denen ich da nicht mehr aktiv bin. Mein geliebter Hackspace, das Stratum 0, ist eigentlich auch so ein löbliches Umfeld. Kürzlich kam es dort zu drei kleinen Vorfällen – ja, so klein, dass ich erst dachte, ich brauche sie gar nicht erst anzusprechen. Ich hab’s dann aber auf der Mailingliste doch getan, und was da an Ausflüchten und Rechtfertigungen kam, hat mir vor allem eins gezeigt: dass die Awareness dort längst nicht so groß ist wie ich im letzten Jahr dachte, und auch bei sehr wenigen vergangenen Vorfällen eine gewisse Präventionsarbeit nötig ist. Ich hatte nur in den letzten Wochen nicht die Kraft, mich diesem bisher unsichtbaren Problem entgegenzustellen, denn mir ging’s irgendwie wie vor 8 Monaten. Aber die Auseinandersetzung kommt noch.

Der Fakt, dass Hackspaces keine sexismusfreien Zonen sind, hat auch der c-base in Berlin in den letzten Tagen zweifelhafte Onlinepräsenz verschafft. Dort befand sich auf der Frauentoilette eine Abbildung, die eine Frau zeigte und von einer Frau angefertigt wurde, und dazu führte, dass andere Frauen sich dort sehr unwohl fühlten. Eine dieser Frauen hat dann über Twitter andere Frauen dazu angestiftet, die Zeichnung zu zerstören, mit Erfolg. Großer Streit seitdem über Sexismus, rape-culture und Kunstfreiheit. Und nebenbei hätte das der eindeutige Beweis dafür sein können, dass Sexismus auch mit nur einem Geschlecht allein möglich ist. Aber diese Anekdote wäre einfach zu bildhaft, wenn nicht doch auch noch die Männer der c-base sich mit völlig unpassenden Äußerungen eingemischt hätten. Ich finde das gut, dass das Thema mit viel Nachdruck angegangen wird, aber mitunter trieb die Diskussion solche Blüten, dass ich mich zum Trollen hinreißen ließ. Verwirrt? Das Internet hat mehr Infos zu dieser Klotür als man sich vorstellen kann.

Einer meinte dazu, Frauen müssen damit klarkommen, sich manchmal eben nicht wohl zu fühlen, damit müsse schließlich jeder klarkommen. Und ähnliches wurde auch bzgl. unseres Braunschweiger Hackspaces geäußert. Aber ist ein Umfeld, dass sexuelle Gewalt verharmlost, denn wirklich nur ein kleines Ärgernis, oder nicht vielmehr ein Alarmsignal für echte Gefahr? Ich habe mal gelesen, dass etwa jeder 7. Mann schon mal vergewaltigt hat oder es tun in seinem Leben noch tun wird. Ich würde auch schätzen, dass etwa jeder 7. Mann gerne Vergewaltigungswitze macht. Wie abwegig ist denn da die These, dass es sich um die selbe Menge von Männern handelt? Sprich: das praktisch jeder Mann, das solche Witze erzählt, ein Vergewaltiger ist? Das ist alles andere als ein Beweis, aber reicht mir völlig aus, um mich mehr als nur ein bisschen unwohl zu fühlen. Aber ich bekomme auch in meinem Umfeld mit, wie Frauen sagen: ach quatsch, der ist doch ganz lieb, das sind doch schließlich nur Witze und keine ernsten Aussagen.

Womit wir wieder bei meinem Umfeld sind, in dem sexuelle und häusliche Gewalt praktisch nie ein ernsthaftes Gesprächsthema ist. Ich denke, das sollte es sein. Einerseits aus präventiven Gründen. Und Prävention ist ja so eine Sache: natürlich ist die einzig akzeptable Situation, dass Täter_innen aufhören, Täter_innen zu sein, und von potentiellen Opfern nichts besonderes erwartet wird, weil es dann eben keine potentiellen Opfer mehr gibt. Prävention ist daher nicht die Aufgabe oder gar Pflicht von potentiell Betroffenen, zumal keine derartige Prävention 100%-ige Sicherheit bietet. Und einer betroffenen Person nachher vorzuwerfen, sie hätte sich schützen sollen, geht doch ganz steil in Richtung victim blaming und daher sowieso das Letzte! Aber solange diese Art der (teilweisen!) Prävention möglich ist, halte ich sie für legitim und Informationen dazu für notwendig.

Und andererseits halte ich eine Enttabuisierung für wichtig, damit von Gewalt Betroffene die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen. Dass es schwer ist, über persönliches, traumatisierendes zu sprechen, liegt in der Sache selbst, ebenso auch, dass sich das Thema schlecht für größere Runden und lockere Zusammenkünfte eignet. Aber man muss es nicht schwerer machen als es schon ist, und genau das passiert durch Tabuisierung. In meinem Freundeskreis gibt es nur eine Frau, die offen mit mir und anderen darüber gesprochen hat, dass sie von häuslicher sexueller Gewalt betroffen war. Die ersten drei oder vier Versuche, darüber zu sprechen, wurden von den jeweils Zuhörenden mit Ignoranz, Anschuldigungen, Unglaube und Hohn erwidert. Und leider wird dieses konkrete Erleben durch vieles bestätigt, was ich anderswo gelesen habe. Das sind wohl die “üblichen” Reaktionen. Häufig wird sogar die betroffene Person aus dem Freundeskreis ausgestoßen, um den/die Täter_in zu schützen. Ich möchte gerne öffentlich machen: ich verspreche, verantwortungsvoller mit solchen Dingen umzugehen. Mir war lange Zeit unklar, wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche nach wie vor nach Wegen, das für mich öffentlicher zu machen. (EDIT: Mir ist aber auch klar geworden, dass die Gesellschaft mich so geprägt hat, dass es mir trotz absoluter Überzeugung passieren kann, dass ich mich anders als in jenem Eid beschrieben verhalte. Das tut mir Leid, ich arbeite so gut wie möglich dagegen an, aber garantieren kann ich leider nicht alles.)

Nächstes Problem: während ich eine Enttabuisierung für dringend nötig halte, ist auch klar, dass es ein verdammt sensibles Thema ist, dass für viele Betroffene triggernd / retraumatisierend sein kann. Auch wer nicht persönlich betroffen ist, möchte vielleicht nicht immer, überall und unvorbereitet damit konfrontiert werden, was ja wohl für jedes unangenehme Thema gilt.  Hier eine Balance zu finden, finde ich schwierig. Im (Online-)Schriftgebrauch haben sich Trigger-Warnungen etabliert, also zu Beginn eines Textes und/oder an entsprechenden Textstellen die ausdrückliche Warnung, dass nun schwere Kost folgen wird. Gewöhnlich wird dazu das Wort “Triggerwarnung” oder die Abkürzung “TW” benutzt. Ich finde das einerseits gut, denn es zeugt von Rücksichtnahme auf andere. Paula Puzzlestücke hat einen guten Beitrag pro Triggerwarnungen, dem ich damals voll und ganz zugestimmt habe. Andererseits habe ich so einige Zweifel an der tatsächlichen Notwendigkeit und vor allem Wirksamkeit. Eine gut gelungene Kritik an dem Konzept “TW” findet ihr beim Steinmädchen. Ich habe zumindest vorerst wieder darauf verzichtet, TWs anzubringen, da ich im Moment finde, Blog-Post-Titel können auch für sich sprechen. Meine Meinung dazu mag sich in Zukunft wieder ändern, und vor ein paar Tagen habe ich sogar begonnen, ein Firefox-Plugin für bessere TWs zu basteln. Da tut sich noch was.

Noch so eine Frage der “political correctness” – was ja inzwischen eher ein Schimpfwort ist – bzw. des zwischenmenschlichen Respekts beim Formulieren: ich schreibe hier über sehr viele verschiedene Phänomene, die in ihrer Schwere extrem unterschiedlich sind. Ein hinterhergerufenes “Hey Süße!” von einem Fremden ist eben was völlig anderes als eine brutale Gruppen-Vergewaltigung mit versuchtem Mord. Beides unter den Begriff “sexuelle Gewalt” zusammenzufassen finden viele völlig daneben. Und sie haben natürlich recht. (Und ich finde den Blogpost nicht wieder, den ich hier ziteren wollte. War eine Antwort auf diesen Post von Bäumchen. Ist aber jetzt auch nicht so wichtig. EDIT: Wiedergefunden, und zwar hier bei “Die komische Olle”. Ist nicht nur eine Antwort auf den ersten Post, aber auch. Und ich finde übrigens beide Posts gut.) Andererseits stehen zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele Zwischenstufen von übergriffigem Verhalten. Und ich denke, dazwischen gibt es keine großen Abstände, keine klare Trennung, anhand derer man all die leichten und all die schweren Fälle in getrennte Mengen werfen kann. Daher würde ich sagen: man kann keine zwei Dinge gleichsetzen, aber alles miteinander in Verbindung bringen. Wer erst mal verstanden hat, dass selbst “Hey Süße!” in vielen Fällen nicht o.k. ist, wird auch nicht aus versehen jemanden vergewaltigen, weil er denkt, das wäre o.k.

Was? Kann man denn überhaupt “aus versehen vergewaltigen”? Nicht, wenn man sich mit dem Thema jemals ernsthaft auseinander gesetzt hat und eine einfache Regel beachtet: In Ordnung ist, was du willst und dein_e Partner_in_nen auch (oder ganz konkret: was alle daran beteiligten Lebewesen) will/wollen. Interessanterweise denken die allermeisten Menschen, sie könnten die Gedanken anderer lesen und allein darauf basierend ihre sexuellen Handlungen planen und durchführen. Eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Menschen zweifelt aber ernsthaft an, dass das mit dem Gedankenlesen zuverlässig funktioniert und lebt, so gut es geht, das Konsensprinzip (go, read it!): O.k. ist, was dein_e Partner_in_nen ausdrücklich, deutlich, euphorisch und verbal geäußert haben. Niemand sagt, dass es leicht ist, dass konsequent durchzuziehen, aber viele sagen, dass es Spaß macht, zu besserem Sex hilft, und vor allem die einzige Möglichkeit ist, keine “versehentlichen” Grenzüberschreitungen zu begehen.

Doch der Alltag sieht oft anders aus und Vergewaltigung “ohne böse Absicht” ist kein Einzelfall. Mir hat vor 8 Jahren eine Frau von ihrem “ersten Mal” erzählt. Was da passiert ist, war schlichtweg nichts anderes als eine Vergewaltigung. Nur: weder sie, noch der Täter hat es als solche angesehen, beide haben das für “normal” gehalten. Jahre später haben die beiden geheiratet und ein Kind bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, ob ihr bloßer Glaube, dass das so sein müsste, sie tatsächlich vor seelischen Nachwirkungen bewahren kann. Ich weiß nur: eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen soweit normalisiert, dass selbst die direkt Betroffenen glauben, dass müsste so sein, ist grundlegend kaputt. Vermutlich war auch diese Vergewaltigung “legal”, schließlich hat sie zu Beginn noch geschlafen und sich somit sicherlich nicht von Anfang an aktiv dagegen gewehrt.

Tja, und dann war da vor einiger Zeit noch eine Vergewaltigung in Marl und ein Gericht, das befunden hat: das war ja gar keine Vergewaltigung und bleibt somit straffrei. Der Aufschrei (zumindest in der feministischen Blog-Tweeto-Sphäre) war riesig, auch darüber hinaus gab es Diskussionen. Klar, das ganze ist  viel mehr als nur “unschön”. Mindestens unschön war aber auch die Diskussionskultur: wenn jemand sagte “juristisch wurde da korrekt geurteilt” wurde dessen Aussage gleichgesetzt mit “der findet das moralisch total in Ordnung” und derjenige entsprechend behandelt. Aber auch das ist kein Wunder, denn Udo Vetter hat in seinem lawblog auch kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er das genau so meint. Und schon wurde das auch vielen anderen vorgeworfen.  Erst langsam wurde klar: Wir haben da ein gültiges Gesetz, das unter vielen Umständen Vergewaltigungen legalisiert. Wir können diesen furchtbaren juristischen Status Quo nicht kritisieren und verbessern, wenn es nicht “erlaubt” ist, ihn sachlich beim Namen zu nennen! Ähnliches beobachte ich bei vielen Themen, die Emotional stark beladen ist, siehe z.B. Kinderpornografie und Netzsperren. Natürlich lassen sich solche Themen nicht einfach nur auf das Sachliche reduzieren, ohne dass Wichtiges dabei verloren geht. Aber ernsthafte Problemanalysen und -lösungen brauchen unter anderem auch nüchterne Betrachtungen. Auch wenn sie derzeit nicht für Sachlichkeit bekannt sind: die Piraten haben sich per Liquid Feedback ausführlich mit einer konkreten Gesetzesänderung auseinandergesetzt.

Solange Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen in Deutschland legal sind, und das Recht somit keinerlei Schutz bietet, stellt sich natürlich die Frage nach alternativen Präventions- und ggf. Sanktionsmechanismen. Sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen kann dabei nicht nur für die akute Lage dienlich sein, sondern ist oft auch nötig, damit überhaupt eine Chance auf spätere juristische Hilfe besteht. Denn eine Vergewaltigung ist unter anderem dann legal (bzw.: laut gängigem Recht “keine Vergewaltigung”), wenn sich das Opfer nicht heftig wehrt. Ja: die Bewertung dessen, was ein Täter tut, hängt vom Verhalten des Opfers ab, ganz so als hätte die Tat an sich keine Substanz.

Mich hat das – nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Wut – sehr nachdenklich gemacht. Sich wehren führt ja in vielen Fällen zu einer Eskalation und somit einem schlechteren Ausgang für das Opfer, es sei denn, das Opfer kann zu Beginn des Wehrens schon absehen, dass es den Täter handlungsunfähig machen kann. Und davon kann es nur ausgehen, wenn es spezielle Werkzeuge zur Notwehr ständig bei sich trägt. Da lohnt es, sich mal genauer mit den juristischen Details der “Notwehr” auseinander zu setzen. Ich habe festgestellt, dass deutlich mehr erlaubt ist, als ich zuvor dachte. Interessant, und weitestgehend unbekannt, ist auch das Konzept “Nothilfe“, dass es jedem erlaubt, die von der Notwehr bekannten Mittel auch einzusetzen, um dritte im Notfall zu schützen. Wäre das bekannter, dann würde es vielleicht auch mehr Zivilcourage geben.

Ich war bisher in keiner Situation, die Notwehr oder Nothilfe erfordert hat. Mir fehlt damit auch die direkte Erfahrung, wie solche Situationen sich anbahnen. Kürzlich las ich diesen extrem schockierenden Bericht einer Frau, die im Zug zunächst “wie üblich” angequatscht wurde, aber der wenig später sehr glaubwürdig Mord und Vergewaltigung angedroht wurde. Mir war klar: wäre ich in jener Lage, würde ich mich selbst dafür verfluchen, keine Waffe bei mir zu tragen. Und wenige Tage später fand ich mich in einer Situation, die einerseits sehr harmlos war, und andererseits in jeder Sekunde genau in dieser Weise weiter verlaufen könnte, die den Einsatz einer Waffe nötig und gerechtfertigt machen würde. Und ich hatte natürlich keine bei mir. “Lena, diese Art des Nicht-Vorbereitet-Seins wird dich nochmal dein Leben kosten.” dachte ich mir.

Seitdem trage ich stets effektive Selbstverteidigungswaffen bei mir. Und trage die Bereitschaft, sie im Notfall einzusetzen, tief in mir. Wer mich angreift und dabei den Eindruck macht, sehr schlimme Dinge mit mir vorzuhaben, muss sich darauf gefasst machen, dass ich zur Verteidigung mindestens genauso schlimme Dinge einsetzen werde. In zwei Wochen nehme ich außerdem an einem Training zu Selbstbehauptung und -verteidigung teil, da mir bewusst ist, dass ich durch trainierte Wortwahl, Körpersprache und Stimme noch weitere Mittel haben könnte, um Situationen so zu beeinflussen, dass es gar nicht erst zum Kampf kommt. Ich bin schließlich nicht primär darauf bedacht, möglichst bald etwas möglichst brutales zu tun.

Ich denke, jetzt habe ich alle mir wichtigen Punkte einmal ganz oberflächlich angeschnitten. Es ist halt ein großer Themenbereich, der mich schon seit Längerem immer wieder mal beschäftigt. Nun habe ich – auch für mich selbst – mal ein wenig Struktur dort hinein gebracht. Und was mindestens genau so wichtig ist: einige Dinge gesagt, die ich einfach mal sagen musste. Es ist, jetzt wo ich diese abschließenden Zeilen schreibe, eine ganze Menge Druck von mir abgefallen, da ich mich bisher weitestgehend gezwungen fühlte, Tabuthemen bitte auch Tabu sein zu lassen.

Ich werde sicherlich zu dem einen oder anderen noch etwas schreiben, und habe auch schon ein paar Prioritäten für mich selbst gesetzt. Ich würde euch aber auch bitten, in den Kommentaren ein Meinungsbild dazu abzugeben, welche Punkte euch noch näher interessieren würden.

Noch was: Danke fürs Lesen, und ich freue mich über Kommentare. Gerade in den nächsten 1-3 Tagen habe ich aber viel Arbeit im RL und komme vermutlich nicht dazu, Kommentare freizuschalten und zu beantworten. Habt Geduld!

Abschied vom eigenen Leben, auch ohne dass man sterben will

Eine Art Trigger(ent?)warnung: Ich denke, von all dem, was man zu Suizid schreiben kann, ist das her wohl eher weniger triggernd, aber genau einschätzen ich es nicht. Im Zweifelsfall vielleicht lieber die Finger von diesem Text lassen. Viel gefährlicher ist da ein unten verlinktes Video, das hat aber vor Ort nochmal seine eigene Warnung.

Kurzzusammenfassung: Suizid ist bei Trans*menschen extrem häufig. Ich bin da quasi eine Ausnahme, denn ich wollte mich noch nie töten. Ich dachte aber damals trotzdem, dass ich mich von meinem Leben verabschieden müsste, um glücklich zu werden. Es kam dann zum Glück anders, jetzt suche ich Zusammenhänge.

Ich habe noch nie ernsthaft erwogen, Suizid zu begehen. Der Gedanke liegt mir so fern, dass ich mir immer völlig bewusst war, dass ich mich in Menschen mit Suizidabsicht absolut nicht hinein versetzen kann. Auch jetzt habe ich absolut keine Suizidabsicht, aber mir wurde heute klar, dass ich mich vor 1,5 Jahren durch mein bevorstehendes Coming Out vielleicht doch in einer grob vergleichbaren Lage befunden habe. Wie kommt die Erkenntnis nun?

Ein Film löst Gedanken aus

Ich habe gestern einen sehr packenden Dokumentarfilm über Jugendliche mit Suizidgedanken gesehen, in erster Linie über eine junge Frau, die nach sieben “missglückten” Suizidversuchen zurück zur Freude am Leben gefunden hat und nun selbst Beratung für akut gefährdete Jugendliche anbietet. Zu der Doku möchte ich gar nicht viel sagen, außer, dass sie sehr sehenswert ist, aber auch sehr bedrückend sein kann und mit Erzählungen und bildlichen Darstellungen, die triggern können, nicht geizt. Also eine ausdrücklich Triggerwarnung für das folgend verlinkte Video! Und nun der Link zum Video. Jene Sendung hat bei mir gestern und heute Gedanken in Gang gesetzt, also zurück zu mir.

Transition als Risikofaktor

Ich befinde mich nun seit etwa 1,5 Jahren in der Transition, quasi auf dem Weg zum Frausein. Vom ersten Tag an war da dieser Gegensatz: Einerseits lebe ich nun zu 100% als Frau. Was soll da noch groß kommen? So gesehen bin ich fertig. Und doch ist da so unglaublich viel, das noch nicht passt, und wo nur medizinische (genauer: somatische) Maßnahmen helfen. Da ist noch so viel zu tun. Vor 1,5 Jahren ist noch nichts davon geschehen. Und heute? Ist genau so wenig geschehen. Nichts. Nada. Medizinisch betrachtet bin ich immer noch vor meiner Transition. Ich bin in der Wartephase.

Diese Lebensphase ist für viele transsexuelle Menschen die letzte ihres Lebens. Es gibt in dieser Phase die höchste erfasste Suizidrate. Wie man in der rechts stehenden Grafik (Klick vergrößert, hoffentlich) eindrucksvoll sehen kann, geht die Suizidrate nach der Transition quasi auf 0 herunter, oder zumindest auf einen so niedrigen Wert, wie er vermutlich auch im (zumeist cissexuellen) Bevölkerungsdurchschnitt zu erwarten ist. Davor sind die Zahlen aber erschreckend hoch. Oft wird gesagt, eine Transition dauere so um die 6 Jahre bis man sich wirklich komplett angekommen fühlt. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 23% Korrektur: 27% pro Jahr, einen Suizid zu versuchen, beträgt die Chance, nach 6 Jahren mindestens einen Versuch hinter sich zu haben, 85%. (Die Grafik kursierte übrigens ohne genauen Quellenbezug auf Twitter, ich habe da nur ein bisschen Farb- und Perspektivkorrektur für die Leserlichkeit hinzugefügt.)

Und dann ist da noch die Dunkelziffer jener Trans*menschen, die nicht mal die offizielle Phase des Wartens erreichen, da sie ihrem Leben ein Ende setzen, noch bevor jemals jemand anderes von ihrer Transsexualität erfahren hat. Oftmals haben sie vielleicht selbst noch nicht mal die konkrete Einsicht, dass nun genau *das* das Problem ist. So oder so, sie tauchen in Trans*spezifischen Statistiken natürlich nicht auf.

Die genaue Größe von Dunkelziffern ist natürlich nie bekannt, sind ja schließlich Dunkelziffern. Ich denke aber, in diesem Fall gibt es relativ zuverlässige Weisen, das abzuschätzen, und wenn ich das im Kopf mal durchgehe, komme ich zur Vermutung, dass es mehr deutlich mehr tote als lebendige Trans*menschen gibt. Wie ich dazu komme, verblogge ich vielleicht später einmal, aber vorerst soll hier die bloße Vermutung reichen.

Die Zeiten, über die ich bisher nicht viel geschrieben habe

Ich habe nach meinem Coming-Out begonnen, sehr persönliches aus der Zeit vor dem Coming-Out zu bloggen. Kindheit, Jugend, frühes Erwachsen sein… und dann kamen Posts über aktuelles, wie es mir als Frau so geht. Die eigentliche Coming-Out-Phase habe ich ausgespart, insbesondere das innere Coming-Out, also das mir-bewusst-werden. Und darüber möchte ich nun langsam mal beginnen, zu schreiben.

Denn genau dazu ist mir heute etwas bewusst geworden. Ich bin an die Transition mit völlig falschen Vorstellungen heran gegangen. Ich hatte fast mein Leben lang eine so negative Erwartungshaltung dazu, dass ich gar keine Lust hatte, mich mit dem Thema überhaupt auseinander zu setzen. Und selbst, als ich das dann doch tat, war meine Erwartung düster. Ich habe recherchiert, wie es anderen dabei so ergangen ist. Auch das war meist niederschmetternd und bedrückend. Viele haben den Kontakt zu ihre gesamten Familie verloren, zum Großteil des Freundeskreises, zu Bekannten und Arbeitskollegen. Haben Job und Wohnung verloren, mussten in eine andere Stadt ziehen, haben ein komplett neues Leben begonnen. Manchmal war dieses “neue Leben” ebenso bedrückend und einsam, manchmal ist es alles besser geworden. Aber unabhängig davon, was das neue Leben bringen würde, das alte Leben haben sie zunächst hinter sich gelassen.

Als ich mir also die Frage stellte: “Will ich diesen Weg gehen?”, habe ich mich auch ganz bewusst damit auseinander gesetzt, ob ich all diese Verluste ertragen könnte. Ob ich es dafür riskieren würde, mein “altes Leben” komplett hinter mir zu lassen.

Statistische Abwägungen

Ich gehe auch an solche emotionalen Sachen sehr nüchtern ran, wenn es mir sinnvoll erscheint. Also habe ich Statistik betrieben. Habe geschaut, welchen Anteil der Familie andere verloren haben. Die Werte haben da bei anderen extrem gestreut. Und ich habe nur einen sehr kleinen Familienkreis, der mir wirklich extrem am Herzen liegt, so etwa 3 bis 5 Menschen. Bei solch kleinen Zahlen kann man keine genauen statistischen Vorhersagen machen. Anders beim Freundeskreis: Da konnte ich ermitteln, dass andere so oft bis zu 85% verloren haben, dass ich das auch bei mir nicht ausschließen könnte. Zu dem Zeitpunkt habe ich praktisch keine extrem engen Freunde gehabt, aber vergleichsweise viele Menschen, die ich zu sehr mochte, um sie nur “Bekannte” zu nennen. Alles in allem waren da also 20 bis 30 Freunde, die mir damals alle etwa gleich wichtig waren. Davon würden im schlimmsten Fall noch 3 bis 4 übrig bleiben, vermutlich sogar mehr. Ich habe das wirklich mehrere Tage lang durchdacht, ob ich damit leben kann.

Und indem ich zum Schluss gekommen bin “ja, ich kann das und wenn nötig, tu ich das” habe ich mich eigentlich von all dem, was ich hatte, innerlich verabschiedet. Es gab wirklich einen Tag, da habe ich vorsorglich zu all dem innerlich, aber deutlich “Tschüss, es war schön mit euch!” gesagt. Und mir wurde auch klar, dass es in meinem Leben andere Zeiten gab, wo mein Freundeskreis deutlich anders strukturiert war, also viel weniger Freunde, und die lagen mir dafür noch mehr am Herzen. Davon 85% zu verlieren – praktisch konnte das also heißen, alle, denn man behält keine 0,4 Freund übrig – hätte ich wohl nicht riskiert. So gesehen waren es schon besondere Umstände, die jetzt den Schritt möglich machten.

Auch sonst stand Wandel bevor: Studium fast fertig, Beziehung im Arsch, ich wollte ein Unternehmen gründen und dafür vielleicht in eine andere Stadt ziehen, vermutlich Berlin… so oder so hätte ich in Kürze vielleicht ein mehr oder weniger neues Leben angefangen und vieles hinter mir gelassen. Auch das hat es mir deutlich leichter gemacht, vielleicht alles zu verlieren.

Ernüchterung im postiven Sinn

Ich habe das damals maßlos überdramatisiert. Nicht von all dem ist passiert. Ich habe meine Freunde behalten, meine Familie, meine Bekannten, meinen Job, meine Wohnung, mein Studium… alles. Und habe so viel neues dazu gewonnen. Doch die Vorbereitung auf den Verlust war sicher nicht so verkehrt, denn in vielerlei Hinsicht lag es nicht in meinem Einfluss, ob ich all das verlieren würde.  Ich habe einfach verdammt viel Glück gehabt. Wenn ich mich daran erinnere, wie meine Coming-Out-Mail formuliert war, so war ich zu dem Zeitpunkt wohl auch schon längst nicht mehr so pessimistisch. Immerhin habe ich darin Tipps gegeben, wie man in Zukunft mit mir umgehen könnte, und nicht dazu, wie man mir in Zukunft aus dem Weg gehen kann.

Die Dinge, über deren Verabschiedung ich in den letzten Absätzen geschrieben habe, sind allesamt wertvolle Aspekte, deren Wichtigkeit ich gar nicht in Worte fassen kann. Aber letztlich sind das alles Äußerlichkeit, im Sinne von “außerhalb von mir selbst”. Habe ich irgendetwas in mir selbst verloren? Nein, hab ich nicht, aber dennoch habe ich mich sogar darauf vorbereitet. Und das war nun wahrlich überflüssig, denn was in mir selbst passiert, war ja nun mal weniger von außen beeinflusst, sondern lag in meiner Hand. Niemand kann mich dazu zwingen, mich selbst zu verlieren, außer vielleicht ich selbst. Aber die Selbstentfremdung war ja nicht mal etwas, was ich als mögliches Risiko gesehen habe, sondern vielmehr als unumgänglichen Preis den ich nun mal zahlen muss. Ich fand mich selbst – mal vom körperlichen abgesehen – ja gar nicht schlecht, aber dennoch dachte ich: diese Identität, dieses “ich” muss ich jetzt hinter mir lassen.

“Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.”

Dieser merkwürdige Satz ging mir tagelang in genau der Weise im Kopf herum. “Ich trage mich selbst langsam zu Grabe.” Mal hat er mich traurig gemacht, mal habe ich das nüchtern gesehen. Manchmal sehr abstrakt, aber manchmal habe ich da auch einen Sarg gesehen, in dem mein altes Ich liegt, drumherum ein Friedhof, und mein neues Ich steht am Rand des Grabes und lässt den Sarg langsam herab. Außer meinen beiden Ichs ist niemand da, der dem Begräbnis beiwohnt. Ja, ziemlich bescheuert diese Vorstellung, ich weiß.

Dass dieser Gedanke des Sich-Selbst-Abschaffens ebenso unsinnig ist wie dessen malerische Ausgestaltung auf dem Friedhof wurde mir dann auch sehr schnell klar, wohl auch vor dem öffentlichen Coming Out. Ich bin immer noch ich, und wie man so schön sagt: jetzt noch viel mehr als zuvor. Den komischen Spruch hatte ich trotzdem noch ein paar Monate im Ohr.

Gab es vielleicht trotzdem Teile von mir, die ich hinter mir gelassen habe? Vielleicht das Gefühl, ein Mann zu sein? Nein, so sehr ich auch danach gesucht habe, eigentlich war so ein Gefühl nie dar, da gibt’s nichts zu begraben. Mit meinem alten Namen hatte ich mich immer sehr stark identifiziert, hatte z.B. nie den Bedarf gesehen, mir einen “Nickname” zu geben. Ich hab ja gar nichts gegen den Namen, er passt nur nicht zu mir. Ansonsten ist er ja schön und gut, ich könnte mir auch vorstellen, mein eigenes Kind so zu… nee, das nun nicht gerade, das wäre doch etwas freaky ;) Den Name habe ich dann also wirklich langsam zu Grabe getragen, denn auch wenn ich ihn seit 1,5 Jahren nicht mehr benutze, ist es doch immer noch mein amtlicher Name und steht auf ca. 50% der Briefe, die mich erreichen. Aber nicht mehr lange, theoretisch wird meine Vornamensänderung morgen endlich rechtskräftig. Bis alle Papiere und Datensätze umgestellt sind wird es sicher noch mehrere Monate dauern.

Was mich von Menschen mit Suizid(gedanken)erfahrung unterscheidet

Aber fasse ich mal zusammen: ich war offenbar schon mal an dem Punkt, an dem ich bereit war, nicht nur die äußerlichen Aspekte meines Lebens, sondern auch mich selbst komplett aufzugeben. Und ich denke, diese Bereitschaft braucht es auch zum Suizid. Es ist natürlich vollkommen klar, dass dazu auch noch vieles andere gehört, dass ich in meinem Leben noch nie erfahren habe und hoffentlich auch nie erfahren werden. So ist z.B. die Sicht auf die Zeit danach eine völlig andere.

Ich habe mein damaliges “Leben” – nicht im biologischen Sinn – aufs Spiel gesetzt, um die Chance zu erhalten, danach ein besseres leben zu können. Hätte ich über Suizid nachgedacht, dann doch mit der Gewissheit, dass danach absolut nichts mehr kommt. Wobei es ja durchaus Menschen gibt, die an ein nicht-irdisches Leben nach dem Tod glauben, oder an eine irdische Wiedergeburt. Da mag die Hoffnung auf eine zweite Chance vielleicht sogar ganz ähnlich gelagert sein wie bei mir. Womit man aber beim Suizid wohl kaum zu rechnen braucht: dass man sein altes Leben behält und gleichzeitig trotzdem alles besser wird. Und genau das habe ich mir – trotz schlimmerer Befürchtungen – die ganze Zeit erhofft und genau das ist passiert.

Ich kann und will mich also, aus diesem und weiteren Gründen, keinesfalls irgendwie “gleichsetzten” mit Menschen, die echte Suiziderfahrungen haben, das wäre überheblich und respektlos von mir. Ich kann mir nur eingestehen, dass ich in gewissen Teilen dieser Thematik schon viel näher gekommen bin, als ich bisher bewusst zugegeben habe.

Und jetzt nochmal mit Zusammenhang

Ich habe also geschrieben, dass Trans*menschen sehr oft Suizid begehen oder zumindest ernsthaft darüber nachdenken, und wie ich damals eine kurze Phase der Selbstentfremdung hatte, die irgendwie so ganz entfernt Ähnlichhkeit mit Suizidgedanken hatte. Wo ist jetzt der Zusammenhang, den ich suchte? Nun, ich glaube, dass die Gesellschaft diese schlechten Signale verstärkt, die einem sagen, dass Coming Out und Transition das Leben zerstören können. Das führt dann dazu, dass viele mit diesem Schritt so lange warten, bis sie nichts mehr zu verlieren habe, bis sie also akzeptieren können, alles zu verlieren. Und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele gleich den finalen Schritt zur Selbsttötung gehen. Wäre es bekannter, dass eine Transition gar nicht so eine wilde Sache ist, dann würden vielleicht mehr Menschen den Schritt schon gehen, wenn sie noch weit von Suizidgedanken entfernt sind.

Und dann frage ich mich nochmal:

Warum schreibe ich das nun eigentlich? Es musste irgendwie raus. Ich habe direkt nach dem Coming Out mit den meisten meiner Freunde über die bevorstehende Zeit gesprochen, aber eigentlich nie mit jemandem über die Zeit kurz davor. Der Fakt, dass es seit 1,5 Jahren nicht weiter geht, dass ich immer noch am Anfang stehe, macht es mir aber schwerer,  mich von diesen Anfangszeiten komplett zu lösen und nicht mehr daran zu denken. Der zu Beginn erwähnte Film hat mich dann auch nochmal nachdenklich gemacht.

Rechtliche Grundlangen für die Zwangseinweisung von “Alex” aus Berlin gelegt – eine Urteilskritik

Seit einiger Zeit verfolge ich den Fall “Alex” aus Berlin. Dabei soll, grob gesagt, einer Mutter das Sorgerecht für ihr 11- bzw. inzwischen 12-jähriges Kind entzogen werden und das Kind in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, da es strittig sei, ob das Kind entsprechend seiner eigenen Aussage ein Transmädchen ist, oder stattdessen ein Junge der von seiner Mutter dazu getrieben wurde, sich als Mädchen zu präsentieren. Dabei versucht die Mutter, für das Kind eine medizinische Behandlung zu erwirken, während der (nicht mehr miterziehende) Vater strikt dagegen ist.

Auch ohne dass bisher irgendjemand anders den Begriff in den Raum gestellt hätte, wird der Mutter dabei eigentlich exakt das Münchhausen-Stellvertretersyndrom unterstellt. Unter der Voraussetzung wäre es geboten, Mutter und Kind zu trennen. Man würde dann aber die Mutter zwangseinweisen, nicht das Kind.

Medienecho

Der Fall wurde in mehreren Artikeln (1,2,3) der taz behandelt. Ein Interview, indem sowohl die Mutter als auch das Kind zur Sprache kamen, wurde nach wenigen Stunden auf Betreiben eines Anwaltes von den Seiten von ATME e.V. entfernt und durch einen allgemeinen Text ersetzt. Seitdem wird dort zudem regelmäßig in allgemeinerer Form darüber berichtet (siehe atme-ev.de, Links auf einzelne Artikel nicht möglich). Es wurde im Internet eine internationale Petition dazu gestartet. Kürzlich hat auch die Piratenpartei auf den Fall aufmerksam gemacht und es gab eine Demonstration in Berlin. Vor wenigen Stunden ist nun durch ATME ein Gerichtbeschluss dazu öffentlich geworden, auf das ich mich im Folgenden beziehe:

Beschluss Aktenzeichen: 19 UF 186/11 vom 15.3.2012 (PDF)

Es umfasst 9 Seiten im Format A4. Für meinen Eigengebrauch habe ich eine stichpunktartige Zusammenfassung (ca. 1 Seite) geschrieben. Wenn in den Kommentaren ausreichendes Interesse bekundet wird, kann ich auch diese Zusammenfassung nochmal aufbereiten und online zur Verfügung stellen.

Bisherige Zurückhaltung bei mir

Bisher habe ich allenfalls Informationen zu dem Fall im Netz “geteilt” und kurz kommentiert. Meine subjektive bzw. intuitive Meinung dazu ist seit Beginn, dass dieses Mädchen sich seiner weiblichen Identität absolut sicher ist, und in der überaus glücklichen Lage, eine Mutter an ihrer Seite zu haben, die sie nach allerbesten Möglichkeiten unterstützt. Das könnten ideale Anfänge für eine glückliche Zukunft sein, wäre nicht gefühlt die halbe Welt dagegen, und zwar eben jene Hälfte, die am längeren Hebel sitzt.

Ich habe mich aber bisher damit zurück gehalten, meine Meinung dazu umfangreich darzustellen, da mir inzwischen bewusst ist dass die Medien immer nur einen unzureichenden Ausschnitt der Realität wiedergeben. Die Lage war zu komplex und die Menge der gesicherten Informationen zu gering, um mir eine Meinung zu bilden, die ich öffentlich vertreten kann.

Jetzt kann / muss ich etwas dazu sagen

Das Bekanntwerden der Urteilsbegründung ändert dies in gewisser Weise: zwar enthält es nur in sehr begrenztem Rahmen glaubwürdige Basisfakten zum Fall. Aber die Argumentation des Gerichtes stellt an sich mehr dar als nur ein Text über bestimmte Fakten, die mir unbekannt bleiben. Der Text des Gerichtes ist ein Fakt an sich, ein Fakt, der mir und jedem anderen Interessierten zu fast 100% unverfälscht vorliegt (lediglich die Namen sind anonymisiert) und ist somit etwas, über das man reden kann und sollte. Und das tu ich nun.

Es folgt also eine umfassende Diskussion bzw. Kritik des Beschlusses oder vielmehr seiner Begründung.

Dabei versuche ich, ein Stück weit meine subjektive Überzeugung des Falls heraus zu halten. Deshalb wähle ich z.B. neutrale Formulierungen wie “das Kind”, auch wenn ich außerhalb des Urteilsdiskussion eigentlich immer “das Mädchen” schreibe, etc.

Allgemeine Bewertung

Zusammenfassend kann ich sagen, das Gericht verfolgt grundlegend Ziele, die ich befürworten kann: Schnellstmögliche Klärung dessen, was für das Kind am besten ist, unabhängig von möglichen Beeinflussungen und prinzipiell ergebnisoffen.

Leider sind die vom Gericht dazu getroffenen Maßnahmen nur begrenzt geeignet, wobei versucht wird, jede Bewertung dieser Maßnahmen im Keim zu ersticken. Zudem bemüht das Gericht zur Begründung seines Entscheides eine Reihe von fragwürdigen oder offensichtlich unhaltbaren Argumentationsweisen und unterlässt es, grundlegende Zusammenhänge zu hinterfragen oder darzustellen.

Selbstbestimmungsrecht

Zunächst wäre da die Frage des Selbstbestimmungsrechtes. Wie in den meisten Regionen der Welt sind Minderjährige in Deutschland vom generellen Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossen, stattdessen entscheiden i.d.R. die Eltern. Man könnte zu der Auffassung kommen, wenn schon das Kind kein Recht auf eigene Wünsche und Meinungen hat, dass die Eltern dann stellvertretend im selben Ausmaß das Recht oder sogar die Pflicht haben, Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes auszusprechen. Das Gericht ist aber offenbar der Ansicht, dass Eltern, die so verfahren, ihre Rolle grundsätzlich missbrauchen, und daher eine Ersatzperson bestimmt werden müsste, welche anstelle des Kindes und an Stelle der Eltern Wünsche und Meinungen im Namen des Kindes ausspricht.

Bezeichnend finde ich auch, dass es hier letztlich um den Streit dreier  Parteien geht, die mehr oder minder befugt sind das Kind zu vertreten und allesamt der jeweiligen Meinung sind, die anderen beiden Parteien seien dessen unfähig. Es hätte die Möglichkeit gegeben, das Kind zu befragen, was unterlassen wurde. Ebenso wurde nicht nur die Möglichkeit übergangen, einen Verfahrensbeistand zuzuziehen, sondern es wurde aktiv argumentiert um diese eigentlich bereits gebotene Maßnahme zu umgehen. Stattdessen wird das Vertretungsrecht im Laufe der Argumentation mehrfach willkürlich den beiden Eltern oder einem einzelnen Elternteil oder der Ergänzungspflegerin zugesprochen.

Gefährdung des Kindeswohls

Es wurde richtigerweise aufgezeigt, dass es im vorliegenden Fall um die Abwendung schwerwiegende Gefährdungen des Kindeswohles geht. Es wurde auch mehrfach darauf verwiesen, dass Gefährdungen ab einer gewissen Schwere auch dann maßgeblich sind, wenn ihre jeweilige Wahrscheinlichkeit gering ist. Auch gilt es an mehreren Stellen, Gefährdungen gegeneinander abzuwägen. Es ist damit fundamental wichtig, die Schwerer jeder möglichen Gefährdung genauestens einzuschätzen, wobei das Gericht mehrheitlich versagt hat.

So werden die Gefährdungen des Kindeswohls durch eine Trennung von der Mutter, durch das Herausreißen aus dem gesamten restlichen sozialen Umfeld sowie durch eine langfristige Freiheitsberaubung als per se unmöglich angesehen und aus diesem Grund nicht genauer betrachtet.

Stattdessen wird eine direkte Gefährdung durch andere Faktoren als offensichtlich existent angesehen:

Gefährdung #1: Konflikt zwischen den Eltern

In aller erster Linie durch den Konflikt zwischen Vater und Mutter, obwohl unklar ist, wie sehr dieser das Kind im Alltag betrifft wenn es nur Kontakt zur Mutter hat. In dem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit des Kindes, sich öffentlich in den Medien zu äußern, als Gefährdung gesehen, da ihm dadurch der Streit der Eltern bewusst würde. Wenn es doch erwünscht ist, dass das Kind sich eine eigenständige Meinung bzw. Orientierung bildet, wäre es dann nicht gerade wünschenswert, dass es verschiedene Positionen von prinzipiell gleichberechtigten Seiten erfährt und diese miteinander abwägen kann, und sind die sich widerstrebenden Meinungen der Eltern in der Hinsicht nicht sogar ein Stück weit positiv zu bewerten? Dabei schätzt das Gericht die davon ausgehende Gefahr nicht nur als ausreichend hoch ein, um die zu verhandelnden Maßnahmen damit zu begründen, es impliziert damit auch, dass zu diesem Zweck auch das Menschenrecht des Kindes auf freie Meinungsäußerung zu unterbinden sei.

Gefährdung #2: Zugang zu Informationen

Ebenfalls wird es als gefährdend angesehen, dass die Mutter dem Kind Einsicht in die es selbst betreffenden Akten gegeben hat. Auch dies bleibt komplett unbegründet.

Gefährdung #3: Hormonbehandlung

Weiterhin wird die Möglichkeit, dass in Zukunft eine hormonelle Behandlung stattfinden könnte, als massive gesundheitliche Gefährdung bzw. irreversible Schädigung des Körpers dargestellt. Meiner Ansicht nach hat ein kindlicher Körper vor Einsetzen der Pubertät kaum ausgeprägte sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale. Mit Beginn der Pubertät prägen sich diese je nach Art der überwiegenden Hormone entweder typisch männlich oder typisch weiblich aus. Beide Entwicklungsrichtungen sind in gewissem Grade irreversibel, wobei Unterschiede in den Details bestehen. Es wird offenbar stillschweigend vorausgesetzt, dass bei dem betreffenden Kind eine weibliche Entwicklung als irreversible Schädigung anzusehen sei, eine männliche hingegen wertneutral wäre. Ich kann nur vermuten welche Motive dieser Ansicht zugrunde liegen und teile die Ansicht nicht.

Zudem muss beachtet werden, dass hormonelle Behandlungen bei Minderjährigen i.d.R. nicht mit gegengeschlechtlichen Hormonen durchgeführt werden, sondern mit Hormonblockern, welche das Einsetzen der Pubertät nur verzögern und somit jegliche irreversiblen Veränderungen – in welche der beiden Richtungen auch immer – zunächst verhindern. Dem Gericht scheint dies entweder unbekannt zu sein, oder es sieht auch dies als irreversible Schädigung an, ohne diese Ansicht hinreichend zu begründen oder auch nur konkret auszusprechen.

Zirkelschlüsse und andere Ungereimtheiten

Im Großen und Ganzen unterliegt die Argumentation gegen die Mutter einem Zirkelschluss: Die Mutter sei ungeeignet für das Kind, da diese sich für eine bestimmte Behandlung des Kindes einsetze, obwohl diese Behandlung kaum die richtige sein könne, da ja (bekanntermaßen) die Mutter nicht geeignet wäre, für das Kind zu entscheiden.

In ähnlicher Weise wird vermutet, die Mutter sei die Auslöserin der Transsexualität bzw. würde eine faktisch gar nicht bestehende Transsexualität behaupten. Die Nachdrücklichkeit, mit welcher die Mutter diesen Ansatz verfolgt, wird als Beweis für die These und somit für das schuldhafte Verhalten der Mutter angesehen. Ginge man andererseits hypothetisch davon aus, das Kind sei tatsächlich transsexuell, dann würde jede Aktion der Mutter ebenso gut dazu herhalten, ihr besondere Tugendhaftigkeit im Verdienst ihres Kindes nachzuweisen. Will man die Lage unvoreingenommen bewerten und sich nicht vorschnell auf die Diagnose der Transsexualität oder dagegen festlegen, so taugt das Verhalten der Mutter aber nicht dazu, ihre Eignung zur Kindessorge als gut oder schlecht zu bewerten.

Dabei bezieht das Gericht keine explizite Stellung dazu, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, eine Transsexualität extern zu indizieren. Immerhin werden verschiedene Äußerungen anderer (teilweise fachkundifer) Stellen erwähnt, welche dies bejahen oder verneinen. Dennoch baut die Argumentation im Groben auf der Vermutung auf, dass dies der Fall sein könnte.

(Nicht-)Bewertung von Absichten

Und zuletzt unterliegt die Argumentation des mehrfachen methodischen Fehlers, die generelle Tauglichkeit der Eltern anhand der konkreten von ihnen angestrebten Maßnahmen zu bewerten, jedoch die Tauglichkeit der Ergänzungspflegerin stets explizit unabhängig von den von ihr geplanten Maßnahmen zu betrachten. In dem Zusammenhang werden die von der Mutte gewünschten Begutachtungen, Arztbesuche und Therapien durchweg als Kindesgefährdend dargestellt, während die Konsequenzen der stationären Einweisung des Kindes durch die Ergänzungspflegerin jeder Bewertung vorenthalten werden.

Gerade deshalb, da hier nur Verdächte und Möglichkeiten gegen andere Verdächte und Möglichkeiten aufgewogen werden, und der Mutter klar definierte Elternrechte entzogen werden um weniger klar definierte Gefahren abzuwenden, finde ich es zudem befremdlich dass sie auf den Prozesskosten zu tragen hat. Das ist vermutlich kein Aspekt dieses Einzelfalls sondern der ganz normale Gang bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Deutschland. Das soll mich aber nicht davon abhalten, es so oder so zu kritisieren.

Betroffene mundtot machen

Außerdem ist der Entscheid mit seiner Begründung auch ein ein perfektes Paradebeispiel für die absolute Entmündigung eines Menschen. Dabei wird dem Kind selbst “nur” aufgrund seiner Minderjährigkeit abgesprochen, in diesem Zusammenhang ein Mitspracherecht oder auch nur das Recht auf Informiertheit zu besitzen. Den Eltern, denen gewöhnlich vollumfänglich diese Rechte des Kindes zufallen, werden diese dann ebenfalls auf abenteuerliche Weise abgesprochen. Parallelen zur generellen Unmündigmachung von Transsexuellen Menschen jeglichen Alters finden sich dennoch zuhaufe.

Fazit?

Finde ich es denn nun richtig, dass das Kind der mütterlichen Obhut entzogen wird und mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird?

Ich muss ehrlich sagen, mit fehlen nach wie vor die nötigen Informationen um dies klar mit Ja oder Nein beantworten zu können. Unter ganz speziellen Umständen könnte es richtig sein. Diese halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, und die Begründung des Gerichtes gibt mit weder die Gewissheit, dass diese Bedingungen hier erfüllt sind, noch lässt es für mich den Schluss zu, dass man ernsthaft den Versuch angestellt hat, das sicher zu stellen. Daher muss ich davon ausgehen, dass die Entscheidung falsch ist.

Dies gilt umso mehr, als der begründete Verdacht besteht, dass dem Kind eine psychisch schädigende Umpolungstherapie bevorsteht, die eigentlich nur negativ enden kann.

Generell vermisse ich das Bestreben, eine gesicherte Diagnose zu finden, ohne das soziale Umfeld zu zerstören. Bzw. es wird nicht kritisch genug hinterfragt, ob denn eine “Diagnose” generell möglich ist.

Und damit komme ich zu einem echten Fazit

Dem Gericht ist sehr wohl bekannt, dass man im vorliegenden Fall je nach Wahl der Psychologen schon im voraus bestimmten kann, was diese diagnostizieren werden, d.h. dass letztlich die Diagnose prinzipbedingt keine Aussagekraft haben wird. Vor diesem Hintergrund wären jegliche Versuche einer Diagnose sofort einzustellen und die einzig zuverlässige Methode zu wählen, um das psychische Geschlecht eines Menschen festzustellen: Man frag das Kind und glaubt ihm.

Es gibt gar keine Männer und Frauen, aber ich bin eine Frau. (K)ein Widerspruch?

Ich selbst kann sehr gut mit der klaren Einordnung in die Kategorie “Frau” leben, ja ich erwarte von meinen Mitmenschen quasi diese Einordnung. Gleichzeitig kämpfe ich gegen Geschlechter-Binarismen, also dafür, die strenge Kategorisierung zwischen Mann und Frau aufzuheben. Das scheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht unbedingt.

Mehrdimensionalität

Diesen Aspekt kann ich am besten an mir selbst illustrieren. Wenn ich mein Geschlecht mal genau betrachte: Genital bin ich sehr eindeutig männlich. Meine Identität sehe ich an sich wieder als vielschichtiges Gebilde an, aber wenn ich es denn vereinfacht ausdrücken müsste, dann würde ich meine Identität am ehesten als eindeutig weiblich bezeichnen.

Dieser Gegensatz zwischen Genitalien und Identität macht mich zur Transfrau. Er beweist quasi per Fallbeispiel, dass Geschlecht mehrdimensional ist, also Genital- und Identitätsgeschlecht nicht identisch ausgeprägt sein müssen.

Ich habe, wie jeder Mensch, sogar noch mehr Geschlechter, z.B. mein chromosomales und mein hormonelles Geschlecht, die bisher beide unbekannt sind und über die auch ich selbst nur Mutmaßungen anstellen könnte. Aber auch die sind nicht fest an die Genitalien oder die Identität oder gegenseitig aneinander gebunden.

Nicht-Binarität

Aber mit der Mehrdimensionalität sagt mein Einzelfall noch nichts über die Binarität oder Kontinuität dieser Dimensionen aus. Da muss ich also von anderen Menschen sprechen – spezifisch oder allgemein.

Es ist ein trivialer Fakt, dass genitales, chromosomales und hormonelles Geschlecht nicht binär sind, also dass es Zwischenformen zwischen männlich und weiblich gibt, bzw. weitere Formen neben diesen beiden. Darüber braucht man mit mir nicht zu diskutieren.

Was die Identität von Menschen angeht, so kann man durchaus verschiedener Meinung sein, ob und wie sich diese einem Geschlecht zuordnen lassen. Ganz klar ausschließen kann ich jedoch, dass eine Identität nur komplett männlich oder komplett weiblich sein kann. Ich selbst sehe mich nicht als gutes Gegenbeispiel, aber ich kenne gute Gegenbeispiele.

Variabilität

Bei all diesen Dimensionen kommt noch hinzu, dass sie nicht unbedingt über die Zeit konstant sind.

Zugegeben: im gesamten Körper die Chromosomen auszutauschen wir schwierig, aber im Rahmen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten eben theoretisch nicht unmöglich.

Hormone und Genitalien lassen sich anpassen. Dafür werde ich z.B. in Zukunft auch als lebendes Beispiel fungieren.

Und die Identität? Das ist wieder ein schwieriges Thema. Ich bin mir nicht zu 100% sicher ob die geschlechtliche Identität jedes Menschen komplett konstant ist. Ich vertraue in erster Linie auf das, was ein Mensch selbst dazu äußert. Käme nun jemand, der von sich behauptet, einen Wechsel der Geschlechtsidentität durchlebt zu haben, würde ich es ihm glauben. Bis zu jenem Zeitpunkt gehe ich aber erst mal von einer relativen Unveränderbarkeit aus. Ich habe auch das Gefühl, davon auszugehen reduziert die Chance, durch Äußerungen und Handlungen die Selbstbestimmung anderer zu verletzen, da mir viele Verletzungen bekannt sind, die darauf basieren, eine vermeintliche Veränderbarkeit auszunutzen.

Fazit

Ich würde also nie ernsthaft behaupten “Es gibt gar keine Männer und Frauen” – es gibt eben Menschen, die sich gerne so ein Label aufdrücken (wozu auch ich mich zähle) und welche, die das nicht wollen. Viel mehr würde ich also daher sagen “Es gibt nicht nur Männer und Frauen”.

Mit meiner “Aufklärungsarbeit” arbeite ich also an zwei oder drei verschiedenen Ecken, da ich glaube, dass man Mehrdimensionalität, Nicht-Binarität und Variabilität der Geschlechter zwar auch einzeln betrachten kann, aber man sie zusammen besser versteht. Und mit einem Grundverständnis für diese Konzepte erschließen sich dann viele weitere Themenkomplexe fast von selbst.

Ich muss nur aufpassen, dass ich allesamt nicht in unklarer Weise vermische – wogegen dieser Blogpost aber Abhilfe schaffen sollte.

Mehr Infos

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch der Artikel “Billions of Sexes (Part 1)” interessant. Er vertieft manche meiner Aussagen von oben, stellt noch viele weitere auf, und ist generell besser als alles was ich bisher zu dem Thema geschrieben habe. Ich habe den Artikel gestern bei FB geteilt, und meine Gedanken zur Rezeption dieser Aktion brachten mich letztlich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Womit sich der Kreis nun schließt.

Transsexualität und Intersexualtiät in einem gemeinsamen Bezugsraster

(Dieser Text ist so gut wie fertig, aber es fehlen noch Links zu Quellen und weiteren Informationen. Ich habe ihn leider schon vorher veröffentlicht und will das aus organisatorischen Gründen nicht rückgängig machen. Verlinkungen werden bald nachgetragen…)

Ich möchte mich nun mit den Begriffen Transsexualität (TS) und Intersexualtiät (IS) beschäftigen (allerdings ohne die beiden Begriffe jeweils von Grund auf zu erklären). Ersteres betrifft mich sehr direkt, letzteres halte ich auch seit langem schon für ein bemerkenswertes Thema, das derzeit ja mehr als je zuvor in der öffentlichen Diskussion steht. Manche meinen ja, TS sei sowieso nur eine Sonderform der IS. Und im Rahmen der Diagnostik wird auch noch klar herausgestellt werden, ob ich wirklich TS oder doch IS bin, was massive Auswirkungen auf meine Zukunft haben könnte.

Für und wider Schubladendenken

Bevor ich mich Seitenlang darüber ergieße, wie man die schönsten Schubladen zimmert, sollte ich etwas vorweg schicken: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch individuell ist. Um einen Menschen zu beschreiben ist der treffendste Weg also, auf ihn zu zeigen und zu sagen “genau so”. Dass unser Denken Verallgemeinerungen braucht und unser Hirn diese ganz automatisch erzeugt ist aber auch nichts neues. Ich kann und will mich daher auch nicht komplett gegen jeden Ansatz Schubladendenken aussprechen. Das zu “verbieten” würde vermutlich so ziemlich jedes Denken überhaupt unmöglich machen.

Transsexuell und intersexuell sind zwei Schubladen, nicht mehr und nicht weniger. Mann und Frau sind zwei Schubladen. Alt und jung ebenfalls. Sie als gedankliche Konstrukte zu verwenden hat eine gewisse Nützlichkeit, aber ganz klare Grenzen der Anwendbarkeit. Für diese Schubladen muss man, damit sie überhaupt einen Sinn haben, relativ klar definieren wer hinein gehört. Und dann wird man feststellen dass manche Menschen sehr genau in das gesetzte Schema passen, und andere etwas weniger, manche auch gar nicht. Und man wird Menschen finden, die in viele Schubladen jeweils ein bisschen passen. Oder in gar keine.

Das Problem ist nun, dass unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen dazu neigt, diese Schubladen viel strenger anzuwenden als es irgendwem gut täte. Das ist um so erstaunlicher wenn man die Kategorien “Transsexuell” (TS) und “Intersexuell” (IS) betrachtet, die ja jeweils eine gewisse Aufweichung der Kategorien “Mann” und “Frau” darstellen. Kann man beim Auflösen von Trennlinien wieder komplett trennscharf vorgehen?

Eindeutige Unterschiede?

In den letzten Monaten habe in unzählige Male gelesen “TS ist eindeutig von IS zu unterscheiden”, “TS und IS haben nichts miteinander zu tun” oder “IS ist ein eindeutiges Ausschlusskriterium für TS”. Das findet sich nicht nur in Einzelmeinungen von Betroffenen oder Beobachtungen, sondern auch in medizinischen Definitionen, Diagnosekriterien, Behandlungsrichtlinien, Gesetzten, wissenschaftlichen Studien, etc.

Wie oben gesagt, ist keiner der beiden Begriffe als etwas Absolutes zu betrachten. Ein Mensch ist nicht nur entweder TS oder nicht, eben so wenig entweder IS oder nicht.

Wenn z.B. klar wäre, wann genau jemand TS ist oder nicht, dann wäre die Diagnose nicht so schwierig. Dann könnte man nicht ernsthaft behaupten wollen, dass es abolut unmöglich wäre, TS in weniger als einem Jahr zu diagnostizieren. Dann gäbe es nicht die institutionalisierte Panikmache vor Falschdignosen.

Gleiches gilt für IS: Wenn auch nur annähernd klar wäre, was IS genau ist, dann würde man auch klar sagen können, wie viele verschiedene Formen der IS bestehen. Ich habe aber in letzter Zeit die Zahlen 6, 20, 80 und “ca. 2000″ gefunden. Dann gäbe es nicht Personen, bei denen ganz klar ist, wie ihr Chromosomensatz vom Standard abweicht, aber sich keiner dazu äußern will, ob diese Abweichung eine Form von IS ist oder nicht. Dann wäre man sich wohl auch einig darüber, ob IS insgesamt existiert oder eine komplette Phantasiekonstruktion ist. Dennoch leben wir in einem Land, in denen die meisten Bürger und exakt 100% aller Gesetze davon ausgehen, dass es nur Mann und Frau gibt.

Wie will man also bei zwei so unklar definierten Schubladen behaupten, dass beide komplett Überschneidungsfrei sind? In der Theorie kann man das natürlich einfach per Definition erledigen.

Reale Überscheidungen

In der Praxis zeigt es sich aber, dass 25% aller Intersexuellen, die nach der Geburt einem Geschlecht zugeordnet werden, im späteren Verlauf ihres Lebens ein Identitätsgeschlecht besitzen dass der Zuordnung widerspricht. Sie wechseln darauf hin oft das soziale Geschlecht und/oder lassen ihr körperliches Geschlecht an ihre Identität angleichen. Diese Intersexuellen machen also genau das durch, was auch Transsexuelle durchmachen. Per Defintion sind sie aber nicht Transsexuell, somit gelten für sie nicht die TS-spezifischen Regeln und Gesetze.

Interessanterweise treten TS und IS in etwa gleich oft auf – wenn man sowas überhaupt sagen kann, denn die verschiedenen gängigen Aussagen zur Häufigkeit von TS unterscheiden sich untereinander um den Faktor 100, bei IS sieht die Genauigkeit nicht viel besser aus. Trifft man sich aber in der Mitte und nimmt beides als gleich oft an, dann kann man schließen: Wenn 25% der IS auch TS sind, dann müssen 25% der TS auch IS sein. Die Aussage, beides habe nichts miteinander zu tun ist somit kaum zu übertreffen an offensichtlichem Unsinn.

Wenn schon neue Regeln, dann wenigstens vernünftige

Mir geht es aber natürlich nicht nur darum, einzelne Aussagen zu diskreditieren, damit ist noch niemandem geholfen. Deutschland ist an einem Punkt, an dem Reformen des TSG (Transsexuellengesetz) nötig sind, denn ein Großteil der Praragraphen wurde in den letzten Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Wir haben somit ein Gesetz, dass zum größten Teil ungültig ist und dennoch unverändert im Gesetzestext steht. Im Unterschied dazu ist IS gesetzlich gar nicht verankert, aber der deutsche Ethikrat hat kürzlich klar gemacht, dass eine gesetzliche Regelung endlich nötig ist. Letztlich betrifft das nicht nur Deutschland, denn viele Länder in der Welt verzeichnen in den letzten Jahren eine immer stärkere Anerkennung geschlechtlicher “Abweichungen”. Dieser anhaltende Trend wird auch in den nächsten Jahren allerorts noch viele neue Regeulungen hervorbringen.

Es läge jetzt also nahe, die Teilprobleme in ihrer Gesamtheit zu betrachten und Regelungen zu finden, die möglichst allgemein sind. Natürlich kann man nicht IS und TS komplett in einen Topf werfen – d.h. man könnte schon, aber das wäre sicher nicht erstrebenswert. Aber ich halte es für zwingend nötig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu beachten und Regelungen zu treffen, die allen Menschen zugute kommen, egal ob IS, TS oder beides. Selbst jene, die eindeutig nur IS oder nur TS sind, würden davon profitieren.

Und so viel sich in den letzten Jahren und Monaten auch tut, es deutet absolut nichts darauf hin dass irgendwer außer mir sich über diesen Zusammenhang Gedanken macht. Also fange ich mal an mit den Gedanken…

Verschiedene Geschlechterraster für verschiedene Zwecke?

In der klassischen Denke gibt es Männer und Frauen. Punkt. Als Tabelle darstellt sähe das etwa so aus:

Männlich Weiblich
Mann Frau

Um IS und TS jeweils zu verstehen und beschreiben zu können, braucht man zwingend ein mehrdimensionales Geschlechterkonzept. Statt “das Geschlecht” braucht es mehrere Ebenene wie z.B. Chromosomen-Geschlecht, hormonelles Geschlecht, soziales Geschlecht, Identitätsgeschlecht, genitales Geschlecht, Körperbau- und Gesichtsgeschlecht, etc. Und viele dieser Dimensionen sind nicht binär, z.B. kann das hormonelle Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich sein, und ist sogar durch eine fließende, eindimensionale Skala zwischen diesen beiden Extremen nicht zureichend beschrieben.

Die bisherigen Regelungen versuchen, TS und IS ohne eine solche grundlegende Betrachtung des Geschlechtsbegriffs abzuhandeln, was natürlich nicht zufriedenstellend möglich ist. Es ist auch zu befürchten, dass zukünftige Regelungen den gleichen Fehler machen. Z.B. ist die Stellungnahme des Ethikrates zu IS nicht konsequent in der Betrachtung, obwohl Ansätze eine Differenzierung klar vorhanden sind. Doch selbst wenn beide Teilbereiche auf ein solides Fundament eines zeitgemäßgen Geschlechtsmodells gestellt werden, führt es zu Problemen wenn zwei verschiedene Modelle benutzt werden.

Derzeit ist TS im folgenden Rahmen definiert: Körper sind entweder männlich oder weiblich, Identitäten sind entweder männlich oder weiblich. Es ergeben sich somit 2×2=4 Kombinationen, von denen zwei als transsexeull bezeichnet werde, die anderen beiden als Cissexuell:


Männlicher Köper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Trans-Mann
Weibliche Identität Trans-Frau Cis-Frau

Intersexualtität wird hingegen meist so eingeordnet: Körper sind männlich, weiblich oder uneindeutig, Identitäten sind männlich oder weiblich. Da man sich ja nur mit den uneindeutigen Körpern befassen muss, denen ein Arzt nach eigenem Dafürhalten ein Geschlecht zuordnet, kommt man zu folgendem übersichtlichen Schema:


Uneindeutiger Körper
Männliche Zuordnung Intersexueller Mann
Weibliche Zuordnung Intersexeulle Frau

Was ergibt das, wenn man es zusammen steckt?

Beide Modelle decken jeweils die gesamte Fläche ab, scheinen also grob geeignet zu sein, die Realität zu beschreiben. Schon eine leichte Erweiterung zeigt neue Probleme auf, die bisher einfach “durchs Raster” gefallen sind. Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass es ein körperliches und ein Identitätsgeschlecht gibt, und dass beide jeweils nur “männlich”, “weiblich” oder “uneindeutig” sein können. Dann ergeben sich 3×3=9 mögliche Kombinationen:


Männlicher Köper Uneindeutiger Körper Weiblicher Körper
Männliche Identität Cis-Mann Intersexueller Mann Trans-Mann
Uneindeutige Identität ? Neue Kategorie “andere” ?
Weibliche Identität Trans-Frau Intersexeulle Frau Cis-Frau

Um die beiden Tabellen überhaupt vereinbar zu machen, musste ich ganz tief in die Trickkiste der Menschenrechtsverletzungen greifen: Ich habe “männliche Zuordnung” mit “männlicher Identität” gleichgesetzt, und ebenso auch beim weiblichen verfahren. Das ist das, was die Ärzte gerne glauben würden: Penis abschneiden, schon entsteht eine (glückliche, stabile) weibliche Identität. Aber selbst wenn ich so weit gehe, diesen Unsinn quasi als Fakt zu akzeptieren, zeigt sich schon wieder ein Problem:

Menschen, die mit uneindeutigem Körper zur Welt gekommen sind, soll laut den Empfehlungen des Ethikrates künftig eine neutrale, also weder männliche noch weibliche, Identität ermöglicht werden, inklusive rechtlicher Anerkennung in diesem “anderen” Geschlecht. Dass aber ein Mensch mit z.B. männlichem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche, nicht aber eine “andere” Identität haben kann, erscheint mir wenig schlüssig. Die mit “?” gekennzeichneten Felder treten angeblich nicht auf und werden weder in Texten zur IS noch in solchen zur TS angesprochen.

Kompliziert, aber noch viel zu einfach

Die Realität hält natürlich kompliziertere Möglichkeiten bereit, die sich aber nicht mehr in zweidimensionalen Tabellen darstellen lassen. Wie gesagt kann Geschlecht in mehr als nur zwei Dimensionen (Körper und Identität) aufgeteilt werden. Oben hatte ich bereits 8 Mögliche Geschlechtsdimensionen aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Sinnhaftigkeit der einzelnen Vorschläge), von denen jedes mindestens drei Zustände (“männlich”, “weiblich” oder “uneindeutig”) haben kann. Allein dadruch kommen 3^8=6561 mögliche Kombinationen zu Stande.

Wichtig ist aber auch noch die zeitliche Dimension, denn geschlechtliche Merkmale sind nicht unverändertlich. Ein Mensch kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt, der bestimmte Geschlechtsmerkmale hat. Wenn dieser Körper nicht dem Ideal von männlich oder weiblich entspricht, wird dieser oft in den ersten Tagen nach der Geburt chirurgisch verändert um einem solchen Ideal zu entsprechen. Andere Intersexeulle durchleben in der Pubertät ganz von selbst eine plötzliche Änderung ihrer geschlechtlichen Körpermerkmale, werden also z.B. körperlich plötzlich von Mädchen zum Mann. Und auch im Erwachsenenalter können medizinische Maßnahmen die körperliche Gestalt anpassen. Bei der Frage nach dem körperlichen Geschlecht einer Person muss also eigentlich stets die Gegenfrage “Wann?” erfolgen.

Ein Beispiel für eine einzige Person mit einem Dutzend verschiedener Geschlechter

Nehmen wir das (konstruierte, aber leider nicht unbedingt unrealistische) Beispiel einer Person mit männlicher Identität, die mit uneindeutigen (aber überwiegend männlichen Genitalien) zur Welt kommt und in den ersten Wochen nach der Geburt “zur Frau umoperiert” wurde. Das sowas nicht passieren sollte, ist hoffentlich klar, aber leider ist ebenso klar dass genau das mehrfach real passiert ist und vielleicht noch heute passiert. Wie kann es danach weiter gehen? Wo ist eine solche Person in den obigen Tabellen und Schemen einzuordnen?

Die bisherige Praxis innerhalb des 2×1-Tabelle der Intersexualität würde vorsehen, die Person als “intersexuelle Frau” zu bezeichnen. Denn die Ärzte haben ja “ihr Bestes” getan um die arme uneindeutige Person zu einer richtigen Frau zu machen. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, man würde diesem Menschen und den Angehörigen verschweigen, dass jemals eine Intersexualität vorlag und die Person im Rahmen der binären Geschlechterordnung einfach als “Frau” bezeichnen.

Diese Person würde wohl aufgrund ihrer männlichen Identität unzufrieden mit dieser Zuordnung sein, und vielleicht nur wenige weibliche Ideale erfüllen. Andere würden sie dann vermutlich als “Lesbe” und/oder “Mannsweib” bezeichnen – egal ob die Person sich nun wirklich zu Frauen hingezogen fühlt.

Die Person würde eventuell später einmal eine männliche soziale Rolle übernehmen und körperliche Anpassungen suchen, um sich (wieder) voll und ganz als Mann fühlen zu können. Wenn die Intersexualität bereits bekannt ist oder dabei bekannt wird, würde man die Person danach ggf. als “intersexuellen Mann” bezeichnen. Oder die IS bleibt weiterhin unbekannt oder verschwiegen, und man würde über die Person sagen, dass sie ja nicht wie zuvor vermutet eine Cis-Frau ist, sondern “eine Frau die zum Mann werden will”, oder diplomatischer ausgedrückt ein “Trans-Mann”. Oder man würde im Rahmen der Diagnostik feststellen, dass die Person ja eigentlich körperlich schon ein Mann ist. Mangels Regelungen für “Mann-zu-Mann-Transsexuelle” würde man dann vielleicht von rekonstruktiven Maßnahmen an einem “Cis-Mann” sprechen. Oder man würde sagen, dass diese Person ja schon mal von Mann zu Frau “umoperiert” wurde, und somit eine “Trans-Frau mit Rückumwandlungswunsch” ist.

Oder dieser Mensch nimmt zwar eine männliche Identität an, aber wünscht sich keine erneute genitale Angleichung ans männliche Geschlecht. Manche würden ihn dann als “Transident” oder “Transgender” bezeichnen, oder sehr bildlich und direkt von einem “Mann mit Scheide” sprechen.

Und in ein paar Jahren gibt es dann vielleicht endlich die Geschlechtskategorie “andere” und die Person kann sich dort einordnen. Oder es wird ihr vielleicht auch aufgezwungen. Oder, oder, oder…

Natürlich hat diese Person eigentlich nur ein einziges, konstantes Geschlecht, das man in diesem Fall wohl einfach als “Mann” bezeichnen könnte. Aber dieses wissen wird ihn nicht vor dem guten Dutzend Fremdzuweisungen schützen.

Was muss also rein in eine brauchbare Regelung?

Wie man die Person bezeichnet bzw. welche Selbstbezeichnung man ihr zugesteht würde sich also im Laufe des Lebens ändern und stets auch davon abhängen, an welchem Bezugsraster man das jeweils festmacht. Ich finde, dass zeigt recht anschaulich, dass man allgemeinere Bezugsraster braucht als wir sie derzeit haben, und dass diese nur dann brauchbar sind, wenn man bei jeglichen Formulierungen auch die zeitliche Dimension mit ein bezieht.

Manch einer würde vielleicht auch fragen, wozu wir überhaupt solche Einteilungen und Raster brauchen. Aber es geht ja nicht nur darum, Personen mit Worten zu belegen oder der Gesellschaft eine soziale Kategorisierung zu vereinfachen. Noch haben wir viele rechtliche Sachverhalte, die sich ausdrücklich auf das Geschlecht beziehen. Das umfasst allgemeine Gesetze und Regelungen ebenso wie jene, die speziell zum Umgang mit TS oder IS geschaffen wurden. Eine Person, die nicht in dieses Raster passt, hat keinen verlässlichen Rechtsrahmen, auf den sie sich beziehen kann. Den Verletzungen ihrer Rechte ist damit noch weiter Tür und Tor geöffnet als es sowieso schon der Fall wäre wenn sie zwar “im Raster” läge, aber darin nicht an den privilegierten Punkten “Cis-Mann” oder “Cis-Frau”.

Eine komplette Abschaffung des Geschlechts in der Gesellschaft und im Recht halte ich derzeit für kaum durchsetzbar. Wenn wir aber schon dabei sind, neue “Ausnahmeregelungen” zu finden, spricht für mich alles dafür, das wenigstens konsequent, ordentlich und umfassend zu tun. Und wie das gehen soll ohne sich mit den Geschlechtsdimensionen zu befassen, ohne die Vergangenheit, Gegenwart und (gewünschte) Zukunft eines Menschen zu beachten, ohne die komplette Trennung zwischen TS und IS abzubauen, all das ist mir unklar.

Ich bin keine Fachfrau

Ich habe für die oben genannten Definitionsprobleme keine Patentlösung. Ich bin auch noch lange nicht am Ende mit meiner eigenen Meinungsbildung, so dass dies nur ein Zwischenstand meiner Gedanken ist. Ich denke aber schon, dass viele der “Fachleute”, die sich derzeit darum kümmern, deutlich weniger Überblick über die Gesamtlage haben als ich – und das nach ein meiner vergleichsweise kurzen und oberflächlichen Betrachtung der Themen. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht genug Wissen, Erfahrung und Weitsicht habe, um hier eine abschließende Lösung vorzuschlagen. Ich bin selbst nicht IS (höchstwahrscheinlich zumindest, wer weiß das schon so genau), und selbst als TS sehe ich mich nicht in der Lage, stellvertretend für alle anderen TS zu sprechen. Aber ich nehme auch mit Sorge zur Kenntnis, dass die rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Zukunft von TS- und IS-Menschen durch Stellen geprägt werden, denen eine derartige Bescheidenheit noch besser stehen würde als mir. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr wie eine Einäugige unter den (Realitäts-)blinden und denke, meine Sicht zu diesen Themen zu äußert wird zumindest nicht schaden.

Was sprachliche Wendungen angeht, die nicht jedem gefallen, so habe ich hier schon versucht, mich weitestgehend von Schuldgefühlen frei zu machen, um überhaupt etwas aufschreiben zu können.

Neben den mir unbekannte Unvollständigkeiten dieser Argumentation, die einfach hinter meinem Denkhorizont liegen, bestehen ja sogar noch weitere Lücken und Fehler derer ich mir komplett bewusst bin, die ich aber aus Gründen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Kürze nicht behoben habe. Z.B. kann und sollte man auch mal komplett in Frage Stellen, welchen Sinn es hat, jede denkbare Geschlechtsdimension stur in “männlich, weiblich, andere” einzuteilen, ob es Dimensionen gibt, die es gar nicht wert sind, eigenständig betrachtet zu werden, da sie nur sozial konstruiert sind oder gewünschte körperliche Ideale darstellen, die nicht der körperlichen Realität entsprechen, etc. Allein für die Wortschöpfung “Gesichtsgeschlecht” hab ich mir sicherlich die eine oder andere verbale Prügel verdient, wollte aber z.B. in dem Zusammenhang andeuten, dass Form und Beschaffenheit des Gesichtes für viele Menschen ein Hauptmerkmal zur Erkennung des Geschlechtes sind. Andere meinen, “Identitätsgeschlecht” oder “Psychisches Geschlecht” wären bösartige Konstruktionen um die Exisitenz von TS zu verneinen und den Betroffenen ihr Rechte zu nehmen. Über jeder dieser Dimensionen kann und muss man vermutlich Stundenlang sprechen, aber nicht jetzt und hier.

Genauso sind TS und IS zwar zwei wichtige Punkte, wenn man schon über “Geschlechtliche Abweichungen” spricht, aber sicher nicht die einzigen.

Was meint ihr, was muss noch alles mit in die Betrachtung, wenn man ein schlüssiges Gesamtkonzept basteln will?