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Eine genaue Analyse von PeTA’s frauenfeindlicher Fail-Werbung

Ich habe gestern über die Mädchenmannschaft einen deutschen Betrag und auf Feministing einen englsichen zur BWVAKTBOOM-Kampagne der Tierrechts-Organisation PeTA gefunden. Hier erst mal der englisch-sprachige Spot:

Wer Probleme mit dem Verstehen von gesprochenen Englisch hat, findet hier die Transkription von feministing:

This is Jessica and she suffers from BWVAKTBOOM: Boyfriend Went Vegan And Knocked The Bottom Out Of Me. A painful condition when Boyfriends go Vegan and suddenly can bring it like a tantric pornstar. For Jessica it’s to late.

Boyfriend: You’re back. You feeling better?

Zunächst muss ich wohl sagen, dass der Spot technisch gut gemacht ist, eine innovative und interessante Idee umsetzt, also dass hier sicherlich Profis am Werk waren, die sich etwas dabei gedacht haben. Die Geschichte wirkt auf mehreren Ebenen, hält trotz ihrer Kürze mehrere WTF- und Aha-Momente bereit, und präsentiert ihre Kernaussage nicht plump auf dem Servier-Teller sondern mehrfach verkapselt, so dass der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

Soweit so gut. Aber wo ein kurzer Werbespot mehrere Denkschritte braucht, um seine Botschaft zu entschlüsseln, da können je nach Betrachter verschiedene Ergebnisse herauskommen. Wer das als werbetreibender provoziert, ist auch für sämtliche so entstehenden Botschaften verantwortlich. Insbesondere dann, wenn bewusst ein so großes Risiko eingegangen wird, dass die Werbung missverstanden wird, dass der Fehler des Missverständnisses nicht mehr beim Betrachter zu suchen ist sondern beim Werbenden.

Was genau wird im Spot gezeigt?

Ich möchte daher den Spot mal von Anfang bis Ende durchanalysieren und für die einzelnen Bestandteile aufführen, wie sie jeweils auf mich wirken und ggf. wie sie auf andere wirken könnten. Wer das Video selbst schon mehrfach gesehen hat und sich sicher ist, dass er jedes Detail wahrgenommen hat, kann diesen Langen Abschnitt ggf. auch überspringen, oder nur die fett hervorgehobenen Abschnitte lesen!

Es beginnt mit dem Portrait einer jungen Frau, deren Blick leidvoll ist. Sie geht durch eine menschenleere Straße und trägt eine medizinische Stütze am Hals (gibt sicher auch einen Fachbegriff dafür). Obwohl man nur ihren Oberkörper sieht, merkt man, dass ihr das Gehen schwer fällt. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Schwanken und dem Gesichtsausdruck legt nahe, dass ihr die Gangbewegung starke Schmerzen bereitet. Sie hält sich ihre dicke Jacke zu, eventuell friert sie auch.

Das ganze ist von ruhiger, eher trauriger Musik unterlegt. Der Erzähler bzw. Sprecher gibt ihr als erstes einen Namen – Jessica – und schafft somit eine Grundlage dafür, sie als konkrete Person zu sehen, mit der man sich ggf. identifizieren kann. Als nächstes erläutert er, sie leide unter BWVAKTBBOM leidet. Während eben dieses Leiden weiter bildlich dargestellt wird, ist dem Zuschauer kurzzeitig unklar, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt. Aus dem Kontext kann man sich erschließen, dass es sich hier im eine Krankheit, ein Syndrom oder ähnliches handeln muss. Die Behauptung, dass es dafür eine Bezeichnung gibt, legt außerdem nahe dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt dass mehrere Menschen betrifft.

An dieser Stelle – wir befinden uns in der siebten Sekunde des Spots – kann eigentlich kaum noch Zweifel daran bestehen, dass es sich hier um ein bemitleidenswertes Wesen handelt und dass es sich um eine typische Betroffenheits-Kampagne handelt.

Es folgt ein Umschnitt, man sieht Jessica vor einer heruntergekommenen Mülltonne und einer nicht weniger verschandelten Mauer, sie trägt irgendeine Tüte in der Hand. Aus dieser Perspektive sieht man erstmals, dass sie zwar obenrum eine dicke Jacke trägt, aber an den Beinen nicht viel Kleidung. Man könnte hinter ihrer Tüte z.B. einen Minirock vermuten.

Währenddessen ergänzt der Spreche, dass ihr leidbringendes Kürzel für “Boyfriend went vegan an knocked the bottom out of me” steht. Zu deutsch wäre das, würde man es wörtlich übersetzen, also etwa “Mein Freund wurde vegan und hat mir den Boden raus geschlagen.” Es handelt sich im Englischen um eine relativ feststehende Formulierung für heterosexuellen vaginalen Geschlechtsverkehr. Es war mir in der kürze nicht möglich, von hier aus herauszufinden wie verbreitet der Begriff ist und welche Konnotation er für englischsprachige Menschen hat. Laut dem Collins Englisch Dictionaly bedeutet “knock the bottom out of” zwar “to destroy or eliminate“, aber Einträge im Urban Dictionary deuten darauf hin, dass dieser (ursprünglich eben gewaltsam besetzte) Begriff ganz generell für Sex verwendet wird, ohne dessen gewaltsame Komponente speziell betonen zu wollen. Wenn es solch eine Bedeutungsverschiebung tatsächlich gegeben hat, dann sagt allein das schon einiges über die Gesellschaft aus…Zudem wird auch ein Zusammenhang zu “to beat it up” hergestellt, dessen beiden Hauptbedeutungen laut ebendiesem Urban Dictionary sind: “1) To injure physically in a fist fight.
2) To have sex with (a woman)“.  Da soll noch irgendwer sagen, die Verbindung zwischen Sex und Gewalt würde fern liegen.

Der Sprecher lässt zunächst keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Problematik, bezeichnet er doch die Angelegenheit als “painfull condition”, also als scherzhaften Zustand. Währenddessen sehen wir, wie sich die Betroffene mühsam eine Treffe herauf quält. Nach einem Umschnitt fallen drei Dinge auf, in absteigender Reihenfolge der Offensichtlichkeit:

  • Jessica trägt untenrum nur eine ausgeleierte rosa-farbene Unterhose
  • In ihrer transparenten Einkaufstüte befindet sich roter Paprika, etwas Grünes und außerhalb der Tüte noch irgendein blätteriges Gemüse
  • Die Sonne kommt nun von Vorne und hat damit ihre Position seit dem Umschnitt um ziemlich genau 90° verändert. In Wirklichkeit würde das 6 Stunden dauern.

Der Erzähler fährt fort, indem er erklärt, dass der nun vegane Freund es plötzlich wie ein tantrischer Porno-Star bringt. Moment, was ist das? Der Porno-Star bedarf wohl keiner Erklärung. Tantra ist eine alte religiöse und philosophische Strömung aus Indien, die zahlreiche spirituelle Rituale enthält. Sexuelle Praktiken sind nur ein winziger Bestandteil darin, werden aber durch unsere westliche “Kultur” (wie auch schon beim kāmasūtra) auf den sexuellen Aspekt reduziert. Wenn hier schon vom tantrischen Porno-Star die Rede ist, wird wohl genau dieser Sexuelle Aspekt gemeint sein. Auch dieser ist natürlich vielschichtig, enthält z.B. rituelle Übertragungen von Körperflüssigkeiten der Sexualpartner aber auch des Gurus, die sexuelle Balance zwischen Mann und Frau aber auch der verschiedengeschlechtlichen Anteile in jedem einzelnen Menschen, die sprituelle Vereinigung, das Zurückstellen des eigenen Egos, etc. Was sich davon in unserer Mainstreamkultur festgesetzt hat sind aber eher der (stunden-)lange Geschlechtsverkehr und ggf. sehr langsame Bewegungen oder sogar statische Positionen, in denen die Partner ineinander verweilen. Von Schmerzen, Rücksichtslosigkeit und körperlichen Schäden kann ich aber weder im klassichen Tantra noch in der westlich-reduzierten Sicht etwas finden. Ich habe aber auch noch keine Pornos angeschaut, die als tantrisch beworben wurden. Sollte ich vielleicht mal nachholen.

Damit der Zuschauer sich all diese Gedanken nicht machen muss wird nun ein Sekundenbruchteil des Geschlechtsverkehrs in den Spot geschnitten. Jessica, hier ohne ihre dicke Jacke und medizinisches Equipment, liegt auf dem Bauch oder kniet im Bett, wird von hinten genommen und stützt sich mit ihren Händen gegen die dunkelrote Wand, vermutlich um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ekstatisch und glücklich, während sie ihren Kopf in Richtung des Partners dreht.

Als nächstes sehen wir Jessica wieder in voller Montur – Halsstüze, Winterjacke, Unterhose und Einkaufstüte – in einer bunt und geschmackvoll gestalteten Wohnung. Die Rote Wand aus der Sex-Szene würde hier gut hinein passen. Auch wäre nicht auszuschließen dass die Bewohner dieser Wohnung sich mit indischen Traditionen auskennen. Ihr nachdenkliches durch-die-Wohnung-Schleichen legt zusammen mit der Schnittfolge außerdem die Vermutung nahe, dass sie beim Betreten der Wohnung an eben jenen Geschlechtsverkehr denken musste.

Der Sprecher fährt fort: “Für Jessica ist es zu spät.” Sie zieht sich die Jacke aus, blickt dabei müde und enttäuscht. Darunter kommt außer ihrem medizinischen Accessoir nur ein gemusterter BH zum Vorschein.

Umschnitt. Jemand schmiert weiße Pampe – Quark, Kuchenteig, oder vielleicht Gips? – auf ein Loch in der rot gestrichenen Wand. Das Loch hat etwa 25cm Durchmesser. Hier muss irgendwas massiven Schaden angerichtet haben.

Nun betritt Jessica, in Unterwäsche und mit dem Einkauf, das Schlafzimmer. Ein Mann, ebenfalls in Unterwäsche, hört auf die Wand zu verputzen, wendet sich ihr zu und meint “Hey, du bist zurück. Geht es dir besser?” Sie wirft ihm trotzig den Einkauf zu.

Erneuter Umschnitt, man sieht ihr Gesicht. Aus einem anfangs kritischen Ausdruck wird ein Lächeln, das vielleicht auch etwas freches und herausforderndes in sich trägt. Gleichzeitig wird das Bild in Richtung Schwarz ausgeblendet.

Abschließend bittet der Sprecher den Zuschauer, sich auf der angegebenen Internetseite darüber zu informieren, wie man vegan wird – und zwar auf sicherem Weg. Der Spot ist zu Ende.

Die sachliche Aussage zusammengefasst

Fasse ich doch erst nochmal zusammen: Der Spot zeigt eine Frau, die beim Geschlechtsverkehr körperlich verletzt wurde, weil sie mit dem Kopf gegen die Wand gevögelt wurde. Sehr fest, sehr oft, oder beides. Sie hat sich eine Verletzung der Halswirbelsäule und vermutlich auch des Gehapparates (Bein, Fuß, Hüfte) zugezogen. Sie leidet unter Schmerzen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Dennoch ist sie, mangelhaft bekleidet, unterwegs um Gemüse für ihren Freund zu kaufen. Vordergründig baut der Spot, insbesondere durch den Sprecher, Mitleid und Betroffenheit auf. Die Schuld wird dem Freund gegeben, der beim Sex zu hart ran gegangen ist, auch wenn die Schuld gleich auf seine Ernährung weiter verlagert wird. Der Freund macht sich auch Sorgen um ihr Befinden. Sie scheint ihm aufgrund der Vorfälle noch etwas böse zu sein, andererseits kann man in ihr Lächeln vielleicht hinein interpretieren, dass sie ihm gegenüber dennoch freundlich gesinnt ist. Man könnte sogar so weit gehen, dass sie damit erneute Lust an Sex ausdrückt.

Frage nach der Botschaft

Nun stellen sich Fragen. Wo ist hier eine ernst gemeinte Botschaft, wo wird mit Ironie gespielt? Wo sind stellen, die sowohl bei ernster als auch ironischer Betrachtung grenzwertig sind?

Diverse Menschen haben sich nun darüber beschwert, dass der Spot sexuelle Gewalt positiv darstellen würde. Zum einen werden die Konsequenzen ja negativ dargestellt und nirgendwo ausdrücklich schön geredet. Zum anderen kann man durchaus sagen, dass es sich hier um einen unbeabsichtigten Unfall beim Sex handelt, der ohne böse Absicht geschehen ist und somit keine Gewalt darstellt. Beide Argumente wurden schon mehrfach angebracht.

Dennoch bin auch ich einer dieser Menschen, die hier Gewaltverherrlichung sehen und anprangern. Die Kampagne muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass PeTA natürlich dafür ist, dass Menschen sich vegan ernähren sollten. Die Behauptung, dass Männer durch vegane Ernährung kräftiger, sexuell potenter, oder sonst wie aktiver werden, war mir neu. Aber wie ich aus den Kommentaren anderer lesen konnte, ist diese Idee wohl schon recht weit verbreitet.

Wenn man von Ironie ausgeht – wird die Aussage nicht besser

Eine Argumentationslinie sagt nun, dass der Spot eigentlich folgende Aussage machen wolle: “Wer vegan isst, hat heftigeren Sex, und heftiger Sex ist gut. Daher sollte man sich vegan ernähren. Heftiger Sex kann zu Verletzungen führen, und eben dass stellen wir nun ganz übertrieben dar, heucheln eine übermäßige Betroffenheit vor und ziehen die Sache somit ins Lächerliche. Denn eigentlich ist ja allen klar, dass die Frau sich freuen sollte dass ihr Freund jetzt abgeht wie eine Rakete.”

Ob man das nun darein interpretieren kann, möchte oder soll, ist schwer zu sagen. Ich kann keinen logischen “Beweis” dafür erbringen, dass PeTA genau das sagen wollte, oder dass sie es wissentlich provozieren dass man es so interpretieren könnte. Aber mein Gefühl gibt mir da trotzdem 100%ige Sicherheit. Genau so sicher bin ich jedenfalls, dass sie “nette” Kernaussage (“Bitte Jungs, seid vorsichtig wie ihr mit euren Freundinnen umgeht!”) auf gar keinen Fall ernst gemeint ist. Und eine dritte Interpretationsweise erschließt sich mir auch nach längerer Beschäftigung nicht.

Etwas zwischen Ironie und Ernst?

Das Hauptgestaltungselement ist hier eine auf Maximum überspitzte Darstellung des Leidens. Solche Extreme können nur in zwei Richtungen wirken: Entweder man meint es todernst und will auf ein massives reales Problem ansprechen. Oder man meint das Gegenteil, möchte das Problem komplett ins Lächerliche ziehen und aufzeigen dass es kein Problem ist. Sondern nur ein Witz. Man kann diese Extreme Darstellung einfach nicht für eine ausgewogene Botschaft nutzen. “Es gibt da wirklich gewisse Vorfälle von sehr intensivem Sex durch Veganismus, das in den meisten Fällen gut so und macht beiden einfach nur Spaß, aber in manchen Fällen führt es zu Schäden die man dann sehr ernst nehmen muss” ist keine Interpretationsmöglichkeit für einen derart überzogenen Spot.

Und wenn es doch ernst gemeint ist?

Wenn ich mal ganz kurz versuche mir vorzustellen, dass PeTA hier wirkliche, echte Betroffenheit für ein reales Problem erzeugen wollen würde: Würden sie dann der gewaltverherrlichenden Begriff “to knock the Bottom out of someone” benutzen? Zumal in einem Zusammenhang, in dem sowohl die sexuelle als auch die zerstörerische Bedeutung offen sichtbar sind? Würde man das Oper eines Sexunfalls oder gar sexueller Gewalt beim Einkaufen in Unterwäsche zeigen, wenn man hier über ein ernstes Problem berichten wollen würde? Würde man es unkritisch zeigen, wie die Geschädigte die (angebliche) Ursache des Vorfalls berkräftigt indem sie mehr Gemüse kauft? Würde man es ernsthaft riskieren, es so wirken zu lassen als würde sich das Opfer freiwillig einem erneuten Vorfall hingeben? Nein, nein und noch ein paar Mal nein.

Warum die Erklärung mittels einer Unfall-Theorie schlimmer ist als der Spot selbst

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die Unfall-Theorie eingehen. Immerhin lässt der Spot ja an keiner Stelle erahnen, dass der junge Mann seine Freundin absichtlich verletzt hätte. Egal ob man den Spot todernst oder sehr ironisch interpretiert, es scheint doch absolut offensichtlich, dass es sich hier um einen harmlosen Unfall handelt. Oder?

Gerade in dieser Annahme liegt eine grundlegende Fehleinschätzung. Dass man so geneigt ist, die Situation so zu interpretieren, sagt eigentlich nichts über den Spot oder über PeTA aus, sondern um das generelle Problem unserer Gesellschaft um Umgang mit sexueller Gewalt. Die Dissonanz dazwischen wie Sexualität eigentlich ablaufen sollte und wie massive Abweichungen davon gesellschaftlich schön geredet werden ist einfach nur erschütternd und abstoßend.

Rekonstruktion des Ungezeigten

Rekonstuieren wir doch mal den Ablauf dieses “Unfalls”. Die beiden Partner haben sich einvernehmlich zum Sex eingefunden. Irgendwann im Verlauf des Aktes wechseln sie in eine Position bei der sie auf dem Baum oder den Knien von hinten penetriert wird. Auch das geschieht unter Konsens und bereitet beiden Partnern freude. Für den Verlauf bis hier haben wir einen einsekündigen “Beweis” im Video. Nach dem Verkehr befindet sich ein großes Loch im Putz der Wand, die Frau hat eine Halsverletzung. Auch das ist “belegt”. Was muss dazwischen abgelaufen sein?

Klar: der Mann hat seinen Körper mit so viel Wucht gegen bzw. in die Frau geschleudert, dass sie trotz Abstüzen an der Wand nicht mehr gegenhalten konnte und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen ist. Dabei hat sie sich verletzt und die Wand wurde beschädigt. Das Ausmaß der Beschädigung der Wand lässt nun aber Rückschlüsse darauf zu, wie stark bzw. wie oft es zu diesem Zusammenstoß gekommen sein muss. Und es ist so groß, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Wucht sehr stark in dem Bereich gelegen haben muss, bei dem ihm bewusst sein musste dass er seiner Freundin akut Schmerzen zufügt, und dass er eine Verletzung ihres Körpers ermöglicht oder sogar erzwingt. Alternativ war es nicht die einmalige Wucht, sondern ein leichteres aber dafür vielfach wiederholtes Stoßen ihres Kopfes gegen die Wand. In dem Fall hat er in gleicher Weise ihren Schmerz und ihre körperliche Schädigung in Kauf genommen. Man weiß nicht, wie sie sich dabei verhalten hat. Sie mag “Jaaaa, mehr, weiter, jaaaaaaaaaa!” geschrien haben, zumindet bis zum Moment der Verletzung. Sie mag schon vorher “Stopp, nicht so feste, au, hör auf!” gerufen haben. Vielleicht war sie auch eher still und das dominierende Geräusch war das wiederholte Aufschlagen ihres Kopfes an der Wand. Egal was es ist, der Mann wäre dafür verantwortlich, diesen “Unfall” zu verhindern. Und wenn er das nicht kann, sollte er die nötige Reue zeigen, dazu weiter unten noch mehr.

Ich vermute also, dass hier eine Situation passiert sein müsste, die zwar allgemein von der Gesellschaft als Unfall bezeichnet werden würde, die aber bei genauerer Betrachtung kein Unfall ist, sondern eals Unfall getarnte Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Ich kann aus den Informationen, die mir vorliegen, nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob dort ein Unfall oder eine innerpartnerschaftliche Vergewaltigung stattgefunden hat (Muss ich eingentlich an der Stelle explizit erwähnen, dass einvernehmlicher Sex, der fortgeführt wird wenn einer der Partner es nicht mehr möchte, eine Vergewaltigung darstellt?). Es ist nicht sicher, aber zumindest sehr wahrscheinlich dass hier mehr als nur ein Unfall vorlag. Wäre dies ein realer Fall, dann würde ich auf Basis dieser Informationen nicht verlangen, dass der Mann für seine Handlung bestraft wird. Aber ich würde hoffen, dass man von den beiden Beteiligten mehr Informationen herausbekommen könnte. Würde natürlich auch hoffen, dass es sich wirklich nur um einen einmaligen Unfall handelte. Aber wenn es anzeichen dafür gäbe, dass der Mann bewusst Verletzungen seiner Partnerin in Kauf nimmt, doer dass er sich und seinen Körper so wenig unter Kontrolle hat, dass er erneute Unfälle nicht verhindern kann, dann würde ich die Frau ermuntern aus dieser schädlichen Beziehung ausbrechen, ggf. Anzeige zu erstatten. Auch würde ich mir Sorgen machen dass künftige Freundinnen dieses Mannes Opfer von Gewalt werden. Und sollte es wirklich die vegane Ernährung sein die ihn zum gefährlichen Sexmonster macht, dann würde ich im etwas tierisches Eiweiß verordnen.

Aber das hier ist kein realer Fall. Es ist ein von PeTA konstuierter Werbespot. Und bei dessen Konstruktion hätte man vorsichtiger vorgehen können – nein, müssen. Es wäre sicher möglich gewesen, klarer darzustellen, dass es sich wirklich ein richtiger Unfall war. Dazu hätten vielleicht Kleinigkeiten gerreicht, z.B. ein weniger extremes Loch an der Wand, eine nicht ganz so starke Verletzung der Frau. Oder ein Mann, der mehr Reue zeigt.

Und überhaupt, was geschah danach?

Denn was ist nach dem Sex passiert? Die Frau war vermutlich bei einem Arzt. Denn so ein Hals-Dings hat sie sicher nicht einfach so daheim rum liegen – außer wenn dieser “Unfall” regelmäßig passiert, aber das stützt dann wieder eine andere These. Und sie war einkaufen. Wenn es ihr doch solche Schmerzen bereitet, zu Laufen, warum muss sie dann das Gemüse für ihren Freund kaufen? Und er, was hat er nach dem Sex getan? Er hat Putz angerührt um die Wand zu reparieren. Hier wäre es vielleicht sogar glaubwürdig, dass er den Putz bereits daheim vorrätig hatte.

Und die Freundin geht in Unterwäsche einkaufen. Obwohl es kalt draußen ist und obwohl es in unserer Kultur eine zweifelhafte Aussage hat, in Unterwäsche vor die Tür zu treten. Was wollte man uns damit sagen? Dass das gezeigt direkt nach dem Sex passiert ist, und sie keine Zeit hatte, sich vorher anzuziehen? Weil der Freund sie sofort zum Einkaufen schickt, bevor er sich um sie kümmert? Oder hat man einen Weg gesucht, die Frau schon sexualisiert darzustellen während sie doch eigentlich noch auf der Außentreppe still vor sich hin leidet? Oder wollte man einfach ein Element einbauen das dem ernsten Thema jeden Ernst nimmt und damit zeigen wie lächerlich man das eigentlich machen möchte? Egal, an dieser Stelle setzt jede Logik aus. Es ist nicht so, dass mir erst jetzt beim Schreiben auffallen würde wie sinnfrei das alles ist. Aber hätte ich diesen Punkt schon eher erwähnt, wäre vermutlich jede weitere ernsthafte Betrachtung in sich zusammen gebrochen.

Ja, ich kann diesen Spot so interpretieren dass er lustig und humorvoll und gut gemacht ist. Ich müsste lügen wenn ich nicht zugeben würde, dass er sogar mir selbst kurz ein Lächeln über die Lippen gejagt hat.

Aber ich kann ihn nicht so interpretieren, dass sich nicht nicht gleich auch eine ganze Reihe von alternativen Interpretationen aufzwingen, die sexuelle Gewalt verharmlosen oder soger befürworten. Und das macht diesen Spot zu einem No-Go.

Reproduktive Rechte – eine Einführung und viele Fragen

Ich will mich heute mal langsam an ein großes Thema heran machen: Reproduktive Rechte und Familienplanung. Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema “Ehe” hatte ich sowieso schon angekündigt, und auch der Infoabend “Lesben und Kinderwunsch” vor einer Woche  hat mir gezeigt wie viel da gesellschaftlich und politisch noch zu tun ist.

Was für  Rechte sind das?

In den USA sorgen anhaltende Debatten zur Abtreibung dafür, dass “reproduktive Rechte” mitunter gleichbedeutend mit “Recht auf Abtreibung” verstanden wird. Aber natürlich gibt es eine Vielzahl anderer reproduktiver Rechte:

  • auf freie Wahl der Anzahl der Kinder, inkl. der Wahl keine Kinder zu bekommen
  • auf freie Wahl des Zeitpunktes der Zeugung
  • auf Zugang zu (Empfängnis- und Infektions-)Verhütungsmitteln
  • auf freiwillige Abtreibung
  • auf freiwillige Maßnahmen zur assistierten bzw. künstlichen Befruchtung bzw. auf Erhalt von Samenspenden
  • auf medizinische Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt
  • auf Sexualität unabhängig von einer Zeugungsabsicht
  • auf sexuelle Aufklärung
  • auf Unversehrtheit der Zeugungsorgane

Dabei steht der Zusatz “freiwillig” jeweils dafür dass zwar die Möglichkeit dieser Maßnahmen bestehen soll, aber niemals der Zwang diese über sich ergehen zu lassen.

Und natürlich gibt es fließende Übergänge zu allgemeinen Menschenrechten, Gesundheitsrechten, sozialen und wirtschaftlichen Rechten, sexuellen Rechten, Identitätsrechten, etc. Diese habe ich aber hier ausgelassen damit die Liste nicht länger als breit wird.

Es geht nicht nur um die Menge der Rechte, sondern…

Verschiedene internationale Organisationen haben diverse Definitionen ausgearbeitet die mal mehr und mal weniger der oben erwähnten Rechte umfassen. Der Artikel “Reproductive rights” in der englischen Wikipedia gibt eine gute Übersicht darüber.

Aber nicht nur die Zusammenstellung der Rechte ist unterschiedlich, sondern vor allem auch, wem diese Rechte zugesprochen werden. Mal stehen sie allen (Ehe-)paaren zu, mal allen Menschen, und manchmal allen Frauen. Manchmal wird dieses “allen” sogar noch dadurch konkretisiert, dass keine Diskriminierung stattfinden soll, indem manchen diese Rechte dennoch vorenthalten werden. Formulierungen wie “allen Frauen” führen natürlich direkt zur Frage wie hier das Frau-sein definiert ist, und wenn ein Recht allen Frauen und allen Männern zusteht, was ist dann mit jenen Menschen die weder Frau noch Mann sind? Steht das, was allen Paaren zusteht, auch solchen “Paaren” zu, die nur lose zusammen leben? Die aus mehr als zwei Menschen bestehen? Auch gleichgeschlechtlichen Paaren? Auch zwei Menschen, die mal ein Paar waren? Und auch gesellschaftlich geächteten Paaren wie z.B. einem Paar aus Bruder und Schwester?

Egal wie man es nun definiert, es handelt sich dabei nicht direkt um geltendes Recht sondern allenfalls um Richtlinien, welchen den Staaten nahe gelegt werden und zu deren Umsetzung sich manche Staaten verpflichtet haben. Wie viel von diesem Recht dann auch wirklich Recht im rechtlichen Sinn ist, weicht natürlich von Staat zu Staat stark ab.

Was ist schon ein Recht, wenn man kein Recht darauf hat? Fragen über Fragen…

Und letztlich ist auch relativ unklar, was es nun heißt, ein Recht zu haben, oder welche hindernden Umstände hingenommen werden müssen oder als unerlaubte Verletzung dieser Rechte gelten. Hier einige beispielhafte Fragen:

  • Wenn jemand Recht auf eine Maßnahme hat, steht sie ihm dann kostenfrei zu? Oder müssen die Kosten zumindest von der Krankenversicherung getragen werden? Oder ist ein Eigenanteil gerechtfertigt? Darf oder muss dieser einkommensabhängig sein?
  • Gibt es für solche Maßnahmen ein Gebot der vernünftigen Preise oder dürfen die Anbieter beliebige Phantasie-Preise verlangen? Dürfen diese Preise auch noch extrem variieren, je nachdem wer diese Leistung wahrnehmen will?
  • Dürfen die Anbieter dieser Leistungen selbst entscheiden, welchen Personen sie diese vorenthalten? Dürfen sich die Anbieter dieser Maßnahmen untereinander so absprechen, dass gewissen Menschengruppen von allen Anbietern einheitlich die Leistung verweigert wird?
  • Schränkt es die Wahlfreiheit ein, wenn die Nutzung oder der Verzicht gewisser Maßnahmen mit wirtschaftlichen oder sozialen Vor- bzw. Nachteilen verknüpft wird?
  • Wie stark darf ein solches Recht an Bedingungen geknüpft werden? Was, wenn diese Bedingungen nicht im Ermessen der Person selbst liegen und für sie unerfüllbar sind? Darf für die Inanspruchnahme eines solchen Rechtes die Bedingung gestellt werden, auf ein anderes dieser Rechte zu verzichten?
  • Kann von einem freien Recht die Rede sein wenn zuvor eine Beratung, Untersuchung oder Begutachtung durch Fachleute stattfinden muss?
  • Wie kritisch dürfen oder müssen solche Beratungen sein?
  • Dürfen Einzelpersonen oder die Gesellschaft insgesamt Menschen dafür kritisieren, dass sie ihre Rechte nutzen oder nutzen möchten?
  • Wenn es Paare sind, welche diese Rechte haben, wie verhält es sich dann mit den Rechten wenn sich die beiden Personen uneins sind?
  • Gelten diese Rechte auch für Minderjährige und wie weit dürfen ihre Erziehungsberechtigten ihnen die Wahrnehmung dieser Rechte untersagen? Kann die Wahrnehmung solcher Rechte für Minderjährige gesetzlich generell untersagt werden, selbst wenn alle Erziehungsberechtigen zustimmen würden?

Wo sind die Antworten?

Die vorstehenden Fragen mögen konstruiert und rhetorisch wirken. Bei vielen stellt sich (hoffentlich) beim Lesen spontan eine Antwort im Sinne von “Natürlich!” oder “Natürlich nicht!” ein. Ich bin mir aber sicher, zu praktisch jeder solchen Frage kann ich ein Beispiel dafür liefern, dass die rechtliche Situation in Deutschland vom wünschenswerten Zustand abweicht. Aber das würde jeweils zu einem längeren Text ausarten.

Und dann sind bei obiger Auflistung freilich auch solche Fragen vorhanden, bei denen die “richtige” Antwort nicht offensichtlich ist, was umso mehr erfordert, sich im Detail damit auseinander zu setzen.

Ich möchte es also auch hier erst mal dabei bewenden lassen, viele Fragen zu stellen und keine Antworten zu geben. Damit wollte ich zumindest ein bisschen konkretisieren, was ich damit meine, wenn ich sage “ich denke in letzter Zeit viel über die reproduktiven Rechte nach.” Und einen thematischen Rahmen geben, indem ich in naher Zukunft über spezielle Rechte oder über Verletzungen dieser Rechte schreiben kann. Wenn ich dann erwähne, dass “das natürlich auch im Zusammenhang mit anderen reproduktiven Rechten gesehen werden muss”, dürfte dann klar sein, was ich meine.

Meine Rechte und die Rechte anderer Frauen in safe spaces – wenn es sowas denn überhaupt gibt

Ich habe vor kurzem über öffentliche Umkleiden und Toiletten geschrieben und darüber, welche Ängste mich als Transfrau teilweise plagen, wenn ich diese benutze. Ich hatte auch versprochen, dazu noch mehr zu schreiben und dabei ein wenig in feministische Argumentationsweisen einzutauchen. Hier ist nun die Erfüllung dieser Drohung Ankündigung.

Die Frage ist doch: Kann ich guten Gewissens in einen Raum gehen, in dem andere Frauen sich umziehen und duschen, und diese damit rechnen, unter sich zu sein? Ich sehe mich selbst keinesfalls als Mann, aber mit meinem Männerkörper liegt es nahe, dass andere mich als Mann sehen könnten. Und somit könnten sie mich als Bedrohung wahrnehmen.

Natürlich ist das eine Missachtung meiner weiblichen Identität. Und selbst wenn man nun darauf bestünde, dass ich ein Mann wäre, dann wäre ich doch gewiss nicht so einer, der eine Frau gefährden würde oder wollte. Es ist doch eine ziemlich miese Unterstellung, mich als potentiellen Vergewaltiger oder ähnliches darzustellen! Das ist Verleumdung, Diskriminierung, Beleidung! Ich verklage euch alle auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, ihr gemeinen Frauen! </sarkasmus>

Verständnis für die Sorgen anderer

Aber so kann und will ich natürlich nicht argumentieren. Wenn eine Frau sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt, braucht sie sich nicht zu rechtfertigen. Wenn sie Angst oder Bedenken hat, dann sind diese absolut real, egal wie real oder erdacht deren Auslöser sein mögen. Die Ängste andere Frauen, ja jedes anderen Menschen, habe ich zu respektieren, und wenn das auch mit einer Verletzung meines Stolzes oder Identitätsgefühls einhergeht. Da gibt es meinerseits keinen Anspruch auf Akzeptanz, sondern nur ein tiefes Gefühl der Reue, dass ich jemanden in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Natürlich kann ich das nicht immer und überall erfüllen, sondern muss zwischen meiner Freiheit und jener der anderen abwägen. Ich kann und werde nicht damit aufhören, Bus zu fahren, nur weil sich jemand im Bus durch meine Identität oder meinen Körper oder das Zusammenspiel geängstigt fühlen könnte. Diese “Ausnahme” meiner hohen Grundsätze gilt aber nicht nur für Busse, sondern für so ziemlich alle denkbaren Orte dieser Welt. Es stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt noch einen Ort gibt, an dem ich die Rechte anderer so bedingungslos über meine eigenen stellen muss wie ich es einen Absatz zuvor formuliert habe, oder ob das nur gänzlich leere Theorie ist. Eine solche Ausnahme von der Ausnahme, also ein Ort, wäre etwa ein so genannter “safe space”.

Safe what?

Safe spaces, zu deutsch sichere Orte, sind ein wichtiges antidiskriminatorisches Konzept. Ich würde ja zur Definition auf einen passenden Wikipedia-Artikel verlinken, aber im Deutschen gibt es keinen und der Englische ist irreführend, da er vorwiegend LGBT-Safe-Spaces behandelt, also solche für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen. Im Geek-Feminism-Wiki wird eine deutlich allgemeinere Sichtweise vorgestellt, aber eben auch auf englisch.

Daher scheint eine kurze Erläuterung angebracht. Es handelt es sich um Orte, an denen Angehörige von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen sich aufhalten können ohne Angst vor den (leider) üblichen Diskriminierungen, Anfeindungen, Angriffen, neugierigen Blicken, etc. haben zu müssen. Sie können dort Ängste und angewöhnte Abwehrmechnismen ablegen und sich frei und sicher fühlen. Dazu gehört, dass den “Feinden” der Zutritt strengstens verwehrt ist. Zu den üblichen Prinzipien gehört, dass ein Besucher im Zweifelsfall nur dann Zutritt hat, wenn ausdrücklich niemand ein Problem damit hat. Das wiederum muss ggf. geheim ermittelt werden. Das Recht, im safe space frei von (gefühlten) Bedrohungen zu sein überwiegt über das Recht, ihn zu betreten, selbst wenn man nach eigener Einschätzung keine Bedrohung darstellt. Das steht im gewollten Gegensatz zur Priorisierung im restlichen Alltag. Schwere Konflikte gibt es natürlich dann, wenn eine Person sowohl zur eigentlichen Zielgruppe des safe spaces gehört (und somit Recht auf Zuflucht hat) als auch zu den potentiellen Bedrohern anderer anwesender (und somit draußen bleiben muss).

Safe spaces für LGBT werden explizit als solche geschaffen und bezeichnet. Das Queere Zentrum “Onkel Emma” in Braunschweig dient z.B. teilweise als Safe Space für LGBT, und während zu den offenen Kneipenstunden sicher auch Heteros willkommen sind, gibt es regelmäßige Termine für spezielle Gruppen, die dann exklusiven Zutritt haben – z.B. alle zwei Wochen für Transsexuelle. Hier komme ich also ganz klar selbst in den Genuss eine safe spaces.

Safe spaces für Frauen – wo gibt’s denn sowas?

Dort wo Frauen eine ganz eindeutig unterdrückte Gruppe sind – Minderheit hin oder her – gibt es (hoffentlich!) auch explizite safe spaces für Frauen. Das betrifft also die meisten Länder der Welt. In Deutschland ist die Gleichberechtigung vielleicht nicht perfekt, aber immerhin soweit voran geschritten, dass man anzeifeln kann, ob Frauen überhaupt sowas brauchen. Was wohl auch dazu führt, dass es hier kaum explizite safe spaces für Frauen gibt. Ausnahmen sind z.B. Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer.

Doch viele andere “Frauenräume” sind inzwischen für die breite (auch männliche) Öffentlichkeit geöffnet und somit kein safe space im eigentlichen Sinne, so z.B. die Frauenbibliothek in Braunschweig. Frauen können wohl darauf vertrauen, dass hier ein generell frauenfreundliches Klima herrscht und wild herumpöbelnde Männer schneller als sonst wo vor die Tür gesetzt werden – aber gänzlich sicher vor unangenehmen Begegnungen ist man dort schon mal nicht mehr. (Ich war übrigens selbst noch nie da – *schäm* – daher sind das auch nur wilde Vermutungen dazu, wie man dort damit umgehen würde!)

Andere Maßnahmen zur Frauenförderung – z.B. der Girls Day, an dem Mädchen in männerdominierte Berufsfelder schnuppern können – sind komzeptionell mit dem Gedanken des safe-space verwandt. Gleiches gilt für die Monoedukation, also den getrenntgeschlechtlichen Schulunterricht. Letzteres gibt es kaum noch, und der Girls day wird inzwischen auch oft für Jungen bzw. Kinder jeglichen Geschlechts geöffnet.

Können safe spaces denn überhaupt “implizit” sein?

Jetzt stellt sich die Frage, ob es sowas wie “implizite safe spaces” gibt und wenn ja, ob die Regeln, die für andere safe spaces explizit aufgestellt wurden, auch hier gelten. Ich habe bisher im Netz nichts dazu gefunden, von daher bin ich vielleicht die erste, die explizit über implizite safe spaces spricht. Es erscheint mir nämlich irgendwie sinnvoll, jeden Ort, an dem nur Frauen sich aufhalten dürfen, als safe space anzusehen. Einer Frau, die Angst vor gewissen Männern hat, egal aus welchen Gründen diese Angst besteht, kann ein solcher Raum sicher dazu dienen, Ängste abzulegen, die sie sonst den ganzen Tag verfolgen. Da wird es dann keinen großen Unterschied machen, ob an dem Raum “safe space für Frauen” steht oder “Damenumkleide”. Umkleiden und Toiletten sind vermutlich die nächste Näherung eines safe spaces die einer Frau im Alltag begegnet.

Frauen in der Damenumkleide rechnen nicht damit, plötzlich einem Mann gegenüber zu stehen, und vermutlich auch nicht mit einer Person, die sich zwar weiblich gibt aber bei genauerer Betrachtung vielleicht doch ein Mann sein könnte. Dass solche Überraschungen passieren können, widerspricht der Zielsetzung solcher sicheren Räume irgendwie.

Sind Transmenschen in jenen Räumen für irgendwen ein Problem?

Gibt es tatsächlich Menschen, die sich daran stören, oder ist nicht allen klar, dass eine Transfrau in der Damenumkleide keine Gefährdung ist, und überhaupt nichts, über das man sich aufregen müsste? Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland wirklich ist. Die Medien – klassische Massenmedien ebenso wie der Onlinejournalismus – sparen diese Themen aus. Vielleicht ja, weil es einfach keine Themen mehr sind und alle Probleme gelöst sind?

Die Meldungen aus den USA zeigen leider ein anderes Bild. Unter dem Begriff Bathroom panic werden dort Befürchtungen zusammengefasst, dass Transfrauen bzw. “Männer in Kleidern” Damentoiletten aufsuchen um dort Frauen zu begaffen oder zu vergewaltigen. Ob es wirklich Frauen sind, die solche Ängste hegen, weiß ich nicht, aber es gibt Politiker – und die sind derzeit meistens männlich – die Gesetze verabschieden wollen um dem Einhalt zu gebieten. Die Kritik daran kann recht sachlich oder auch eher provokant ausfallen – ist aber in jedem Fall verständlich.

Aber nicht nur in Toiletten, sondern auch in Umkleiden bzw. Anprobekabinen sehen Männer ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Der Republikaner Richard Floyd hat in Tenessee einen Gesetzesentwurf eingebracht, der es Transmenschen verbieten würde, den passenden Umkleideraum bzw. Toilette zu benutzen. Doch damit nicht genug, er hat außerdem angekündigt, alle Transfrauen gewaltsam zu töten die es auch nur versuchen, diese Räume zu betreten, wenn seine Frau oder eine seiner Töchter diese gerade benutzen. Für jedes Problem, dass in den USA eindeutig besteht, ist der Verdacht nicht weit, dass wir in Deutschland ein ähnliches haben könnten.

Was das in der Praxis für mich bedeutet – und wo es dennoch Probleme geben kann

Um auf meine spezifische Problematik zurück zu kommen: Beim Klettern benutze ich nun seit einiger Zeit die Damenumkleide, sowohl im Unisport als auch in der Boulderhalle. Besonders wenn ich zusammen mit Bekannten hinein gehe habe ich ein gutes Gefühl. Wenn meine Freundinnen mich ganz offensichtlich als Frau akzeptieren, dann wird auch eine fremde Frau, die gerade anwesend ist, die Situation sehr entspannt wahrnehmen. Meine Begleiterinnen sind bei so einer Begegnung sowohl für mich als auch für potentielle Fremde eine Absicherung der Situation.

Aber trotzdem gibt es nach wie vor Grenzsituationen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das alles so o.k. ist. Vor ein oder zwei Wochen war ich in der Unisport-Umkleide allein mit zwei Mädchen, die vielleicht 12 gewesen sein mögen. Sie unterhielten sich – wohl rein zufällig – über Mädchen die wenig Mädchenhaft aussehen und Jungs die eher feminin wirken. Eine von beiden hatte selbst Angst, dass sie “Jungenaugen” hat und deshalb nicht wie ein Mädchen aussehen würde. Mich haben sie nicht weiter beachtet, vermutlich auch da mein Rücken nicht sonderlich spektakulär ist. Ich stelle mir vor, sie hätten mich als Transsexuell erkannt. Keine Ahnung, ob sie das als bedrohlich wahrgenommen hätten – was weiß man in dem Alter schon über Transsexualität? Selbst wenn die Begegnung mit mir für sie nur eine lustige Kuriosität  gewesen wäre, von der sie später lachend ihren Freundinnen erzählen würden… wenn die Eltern davon mitbekämen, wäre das Theater wohl groß. Ich kann mir lebhaft die Beschwerde vorstellen: “Wir schicken unsere Töchter in die Unisporthalle damit sie dort Spaß haben und sicher sind, und in der Damenumkleide sind sie allein mit einem Mann der vermutlich doppelt so alt sind wie sie!” Das wäre ein Skandal, der es locker auf die Titelseite unserer provinziellen Stadtzeitungen schaffen könnte. Ok, vielleicht übertreibe ich auch.

Für mich sind diese Räume also nun selbstverständlicher Teil meines Alltags und dennoch stets Orte, an denen ich besonders nachdenklich, vor- und umsichtig, schüchtern und besorgt bin. Diese sorgen gelten nicht nur mir selbst, sondern auch nach wie vor dem, dass ich andere in eine unangenheme Situation bringen könnte. Das liegt mir fern, aber lässt sich dann u.U. eben nicht vermeiden. Mir in solchen Situationen derart viele Gedanken zu machen und mich vorsichtig zu verhalten ist etwa das Gegenteil der Gefühle und Verhaltensweisen, die man in einem safe space eigentlich haben sollte. Aber was soll’s, ich denke die paar Minuten Unsicherheit und Angespanntheit pro Tag kann ich locker auf mich nehmen.

Toiletten und Umkleiden – verschiedene Schwierigkeitsgrade bei der Integration als Frau

Viele Transsexuelle berichten von Problemen bei der Benutzung von öffentlichen Toiletten. Diese sind ja in Deutschland fast immer nach (zwei!) Geschlechtern getrennt, und die “richtige” zu benutzen gilt als zwingendes Gebot. Ich weiß gar nicht, welches Gesetz das konkret regelt und welche Strafe auf die Benutzung der falschen Toilette steht, aber die meisten Menschen sind wohl geneigt, es auch nicht am praktischen Beispiel zu erfahren. Als präoperative Transsexuelle kann man sich einreden (lassen) dass nun keine der beiden Toiletten die passende sei. Viele trauen sich selbst nach mehreren Jahren im Wunschgeschlecht noch nicht auf öffentliche Toiletten!

Ich bin da immer schon sehr unkompliziert herangegangen. Seit meiner Transition im Mai 2011 habe ich erst ein einziges Mal eine Herrentoilette betreten, und auch das nur versehentlich. Im öffentlichen Raum Damentoiletten zu benutzen war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit für mich. Von der Gleichstellungsbeauftragten der TU-Braunschweig habe ich sogar ein – wenn auch nur mündliches – o.k. dafür, aber auch ohne dieses würde ich mich wohl genauso verhalten.

Damentoiletten haben schon Tradition bei mir

Das ist auch gar nicht so verwunderlich. Damentoiletten kenne ich schon seit vielen Jahren von innen. Zu meiner Schulzeit trug ich meist Mäntel. An meinem Gymnasium gab es jedoch auf den Herrentoiletten keine Haken, an denen man diese aufhängen konnte. Sitzpinkeln ohne zuvor den Mantel auszuziehen und aufzuhängen – wir reden hier von bodenlangen Exemplaren – geht aber nicht, und ich hätte es auch im Leben nicht eingesehen, mich deswegen dabei hinzustellen. Schnell konnte ich meinen Verdacht bestätigen: Auf den Damentoiletten war jede Kabine mit einem solchen Haken ausgestattet. Auf Dauer wollte ich aber auch keinen Ärger provozieren, deshalb habe ich kurzerhand selbst einen solchen Haken in der Herrentoilette angebracht.

Aber auch später, in meinem Bachelorstudium in Wernigerode, war mir die Damentoilette nicht fremd. Obwohl ich mich damals noch als Mann bezeichnet und präsentiert habe (über den Erfolg jener Präsentation lässt sich natürlich streiten), gab es schon dort ein paar schöne Momente in denen ich mich von den anderen Frauen nicht nur toleriert, sondern als gute Freundin akzeptiert gefühlt habe. Wenn wir da in einem netten Plausch vertieft waren und gleichzeitig den Drang zur Entwässerung verspürten, ließen wir uns manchmal durch die getrennten Toiletten nicht das Gespräch unterbrechen. Ich ging ganz selbstverständlich mit auf die Damentoilette, natürlich in eine einzelne Kabine ;) und die Unterhaltung ging weiter. Das kam zwar wirklich sehr selten vor, fühlte sich für mich aber schon damals absolut selbstverständlich an und schien auch die anderen Frauen nicht zu stören.

Damals auf die Herrentoilette zu gehen war auch nicht sonderlich schlimm, schließlich gibt es auch da getrennte Kabinen. Komischerweise war ich da nie ein Fan davon, mich mit meinen “Nachbarn” zu unterhalten.

Jetzt wo ich meine weibliche Identität endlich voll auslebe, ist das natürlich nicht anders. Nur Männer fragen ab und zu noch, auf welche Toilette ich denn jetzt gehen würde, für Frauen scheint das keine Frage zu sein.

Bereit für die nächste Stufe?

Als ich also davon hörte, dass die Toilettenfrage für andere Transmenschen scheinbar die letzte soziale Hürde ist, dachte ich, mich kann nichts mehr aufhalten. Bis ich eines Tages dem Klettern im Unisport beiwohnte. Ich hatte mich schon mehrere Tage vorher für den Kurs angemeldet, aber bis zu dem Moment, an dem ich 2m vom Eingang der Frauenumkleide entfernt stand, hatte ich mir nie Gedanken ums Umziehen gemacht. Als ich die Frauenumkleide betrat, war diese wie erwartet leer, denn ich war gleich zum ersten Termin 17 Minuten zu spät. Meine Straßenkleidung ließ ich wie vorgesehen im abschließbaren Spind. Problematisch wurde es erst, als ich nach dem 3-stündigen Kurs wieder zurück in diesem Raum musste, um wieder ins Straßenoutfit zu gelangen. Denn jetzt war der Raum nicht mehr leer, sondern gefüllt mit mindestens vier weiteren Frauen. Und ohne dass ich das auch nur Sekunden zuvor geahnt hätte, kam plötzlich ein komisches Gefühl in mir auf. Ich kann es kaum näher beschreiben, als mit dem Begriff “Fehl am Platz”. Ich glaube, so schnell hatte ich mich noch nie zuvor umgezogen, war nach gefühlten 5 Sekunden aus der misslichen Lage entkommen und bin dabei wohl sichtlich panisch dem Raum entflohen.

Was war da passiert?

Ich konnte es nicht genau nachvollziehen, warum ich mich dort unwohl fühlte. Schließlich gehöre ich doch dort hin, bzw. wohin könnte ich sonst gehören? Die Männerumkleide war inzwischen so undenkbar geworden, dass ich eben das tat: Gar nicht erst daran denken.

Wo war also das Problem? Auf der Toilette geht es doch auch! Aber dort hat ja auch jede ihre eigene Kabine, außerhalb derer man sich komplett bekleidet begegnet. Doch auch für die Umkleide gilt: Die Frauen in diesem Raum ziehen sich doch schließlich nicht nackt aus, meist nicht mal unbedingt bis auf die Unterwäsche (Denn Klettern ist ein Sport, bei dem man nicht unbedingt schwitzt, wenn man das ganze mit viel Technik angeht und nicht zu sehr zum Schweiß neigt).

Man sollte dazu wohl wissen, dass ich zu dem Zeitpunkt im Kletterkurs nicht als transsexuell geoutet war – es ja auch jetzt nicht ausdrücklich bin – und es mit auch äußert schleierhaft ist, ob andere es mir ansehen oder nicht. Ich bin mir zumindest recht sicher, dass es in dem Kurs sicher schon nach dem ersten Termin welche gab, die es ganz sicher wussten, andere, die gar nichts ahnten, und ein paar, die zweifelten.

Neue Woche, neue Runde

Eine Woche später würde ich wieder hier sein, müsste mich wieder umziehen. Bis dahin sollte ich eine Lösung finden – oder zumindest das Problem! Vielleicht könnte ich es ja lösen, indem ich offener damit umgehe. Der Trainer hat eine Liste mit allen Emailadressen, ihn könnte ich anschreiben und ihn bitten, einen Text an alle Teilnehmer – am besten nur an alle weiblichen Teilnehmer, denn den Männern kann es ja egal sein – weiterzuleiten. Ich hatte sogar schon so einen Text formuliert, aber dann doch nicht abgeschickt.

“Als Transsexuelle habe ich keine Pflicht, mich zu rechtfertigen!”, sagte ich mir. “Ich lebe jetzt endlich als Frau, und wem das nicht passt, der kann ja woanders hin gehen. Ich bin und bleibe hier.” Soweit die Theorie.

Eine neue Woche kam, und ich war wieder zu spät zum Klettern. Das hatte den Vorteil, dass die Umkleide vermutlich wieder leer wäre. Das gab mir die nötige Sicherheit, mit großen Schritten hinein zu stürmen. Innen angekommen befand sich dann nur eine weitere Frau. Und sie stand splitterfasernackt vor mir. Offenbar werden die Duschen hier wirklich benutzt. Das war für mich in der Tat unerwartet, denn damals in der Schule kam nie jemand auf die Idee, nach dem Sport zu duschen, die Duschräume wirkten völlig deplatziert. Und nur weil mein Kurs schon vor 15 Minuten anfing, hieß das ja auch gerade nicht, dass kein anderer Kurs nun gerade zuende ist.

Panik vor der Panik

Es ging mir diesmal nicht besser als beim letzten Mal in der Umkleide. Ich drehte mich so, dass ich die andere nicht sah und sie mich nicht erkennen konnte. So war es eigentlich ausgeschlossen, dass sie an mir irgendetwas ungewöhnliches, etwas unweibliches, sehen konnte. Und wenn schon, was sollte sie tun? Ganz unterbewusst dachte ich: “Sie ist ja nun nicht in der idealen Position, um mich jetzt irgendwie zu attackieren, was soll mir schon passieren?”

Aber nun verstand ich endlich, warum diese Situation Panik in mir verursacht: Ich habe nicht Angst um mich, sondern Angst davor, dass ich den anderen Frauen Angst und Unwohlsein bereiten könnte. Nicht mehr und nicht weniger.

Um die Erzählung dieser konkreten Situation schon mal zu einem Happy End zu führen: Nachdem ich mich umgezogen und sie sich abgetrocknet hatte, trafen sich unsere Blicke und nach minutenlanger Stiller erkannten wir uns dann sofort: Sie war eine Bekannte, die zwar nicht in meinem Kletterkurs ist, die ich aber aus dem Studium kenne. Meine Transsexualität ist ihr wohl bekannt und stellt wohl für sie kein Problem dar, und auch diese Begegnung hat ihr scheinbar nicht das Geringste ausgemacht. Wir quatschten noch ein paar Minuten, dann verließ ich mit deutlich beruhigtem Gemüt den Raum.

Problem dennoch ungelöst

Von da an habe ich mich erst mal nicht mehr in die Gruppenumkleide “getraut” und mich mehrere Monate lang in einer Kabine der Damentoilette umgezogen. Wie gesagt, Damentoiletten zu betreten ist für mich absolute Normalität, und das lässt sich auch für andere Zwecke nutzen – zumal die Kabinen in der Sporthalle schön groß und sauber sind, und genug Kapazitäten vorhanden sind. Hier störe ich wohl niemanden. Aber kann das so weiter gehen? Muss ich mich so aus dem typischen Leben einer Frau ausschließen?

Das Thema ist für mich noch nicht abgeschlossen, wohl aber mein Bedürfnis, von meinen bisherigen persönlichen Erlebnissen zu berichten, die damit zusammen hängen. Das Dilemma hat mich (mal wieder) auf zugrunde liegende gesellschaftliche Zusammenhänge gebracht, die ich in einem meiner nächsten Blog-Posts näher beleuchten möchte. Mit etwas feministischer Theorie schaffe ich es vielleicht, die Freiheiten und Ängste von mir uns anderen Frauen in ein gerechtes Gleichgewicht zu bringen. Bis dahin… vielleicht triftt man sich ja mal auf der Toilette ;)

Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

Eigentlich weiß doch jedes Kind, was eine Ehe ist. Mir ging das vielleicht ähnlich, auch wenn Ehe eigentlich nie ein Thema für mich war. Meine Eltern waren stets unverheiratet, meine Großeltern geschieden, und in meiner Generation ist es ja fast schon selbstverständlich, die Ehe abzulehnen.

Aber seit etwa einem dreiviertel Jahr versuche ich, die Ehe zu verstehen. Ich mache ich mir seitdem intensive Gedanken, nicht nur über die Ehe im engsten Sinn, sondern auch über  Familie und Elternschaft. Damit meine ich nicht nur die üblichen Gedanken, die viele zwischen 20 und 30 bekommen: “Wann finde ich den Partner für’s Leben? Werden wir heiraten? Werden wir Kinder bekommen und wenn ja, wie viele?” Ich gehe an das Thema eher im großen Stil und in abstrakter Weise heran.

Ich möchte hiermit einen Überblick über meine Gedanken und deren Entwicklung geben, und darüber, was meine daraus geschlussfolgerte Meinung ist. Spätere Blogeinträge werden Teilaspekte davon im Detail beleuchten.

Warum gerade jetzt?

Ich weiß nicht genau, was der konkrete Auslöser war, denn es gab viele Faktoren, die etwa gleichzeitig einsetzten (oder mir zu dem Zeitpunkt bekannt und bewusst wurden):

  • Meine erste Partnerin hat unsere langjährige Beziehung beendet und somit meine (unsere?) familiären Zukunftspläne durcheinander gebracht.
  • Zwei meiner Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten. Offenbar lieben sie sich, so wird das wohl auch der Grund für die Heirat sein.
  • Zwei andere Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten, obwohl sie sich nicht lieben – zumindest nicht in dem Sinn, der sonst für eine Ehe üblich wäre. Vielmehr wollen sie damit die Absurdität der Ehe in Zeiten wie diesen aufzeigen.
  • Ich habe mich zu meiner Transsexualität und meiner lesbischen Orientierung bekannt und somit auch nach außen hin meine Aussichten auf Ehe und “eigene” Kinder (also genetische Nachfahren) deutlich verändert.
  • Dadurch setze ich mich auch endlich intensiver mit der Akzeptanz Homosexueller auseinander. (Ja, traurig dass ich damit erst anfange wo es mich selbst offensichtlich betrifft…)
  • Dabei erfahre ich: Mehr und mehr Länder haben die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, was vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.
  • Obwohl die “eingetragene Lebenspartnerschaft” in Deutschland ja angeblich fast identisch mit der Ehe ist, werden mir die riesigen Unterschiede im Adoptions- und Zeugungsrecht bewusst, und die teils absurden Begründungen dafür.
  • Die christliche (katholische) Kirche hat die allgegenwärtigen Veränderungen erkannt und sich im steigenden Ausmaß für die Ehe und gegen andere Familienformen ausgesprochen.
  • Ich setzte mich erstmals mit feministischen Theorien und Positionen auseinander und hinterfragte geschlechtliche Rollenmuster mehr als zu vor – was natürlich auch die Rollen in Ehen und Familien betraf.
  • Erneute Unterhaltungen mit meinem Vater über die (Un-)Gerechtigkeit von Sorgerechts- und Unterhaltsverteilungen zwischen Vater, Mutter und Kindern stimmten mich nachdenklich.

Ganz klar also, dass nicht ein einzelner dieser Faktoren mein Interesse genährt hat, sonder die Kombination all dieser.

Wenn nötig, lese ich sogar die Bibel

Normalerweise verstehe ich Zusammenhänge schnell, auch wenn sie neu für mich sind. Ich habe mich auch schon zu sehr daran gewöhnt, das Lesen des betreffenden Wikipedia-Artikels als Garant für das Verstehen des Zusammenhangs zu sehen. Die Ehe ist nun wirklich kein neuartiges Konzept, aber sie zu verstehen war gar nicht leicht für mich. Man kann sie nicht für sich allein betrachtet erfassen. Sie ist eng mit Familie, Elternschaft, Geschlechterrollen, Ansehen, sozialer Absicherung und so ziemlich jedem anderen gesellschaftlichen Thema verbunden. Heutzutage gibt es auch diverse Ausprägungen dieser Phänomene, die ohne Ehe funktionieren, aber meist nur so wirken wie eine geduldete Ausnahme zum Regelfall “Ehe”. Um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, komme ich wohl nicht umhin, die Ehe zu verstehen. Und umgekehrt gilt dies mindestens genau so sehr.

Dass ich zu einem so komplexen Thema, das so zentrale Wichtigkeit hat, kaum vernünftige Einstiegsliteratur gefunden habe, kann wohl nur daran liegen, dass es als bekannt voraus gesetzt wird. In meinem Wissensdurst habe ich sogar begonnen, in den aktuellen Veröffentlichungen der Kirche(n) und in der Bibel selbst zu recherchieren – vielleicht das erste Mal das ich freiwillig einen Blick dort hinein werfe. Es ist nicht so, dass Religiosität mir persönlich etwas bedeuten würde, aber die Ehe ist eben meist auch mit der Kirche verbunden, und wo sie es nicht ist, dort versucht die Kirche dennoch ihren Standpunkt einzubringen. Um die Ehe zu verstehen, werde ich also auch den kirchlichen Glauben und die darauf fußenden Argumente nachvollziehen müssen.

Respekt vor der Ehe heißt nicht, sie nicht zu kritisieren

Während meiner Recherche überkam mich schon bald die Überzeugung, dass unser althergebrachtes Ehe-, Familien- und Elternschaftsverständnis nicht mehr zeitgemäß und somit reformbedürftig ist. Damit meine ich nicht die Abschaffung! Aber zwischenzeitlich nahm mir das die Motivation, mich weiter mit dem Ist-zustand zu beschäftigen, lieber hätte ich gleich Kritikpunkte formuliert, und auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Aber es ist gar nicht so leicht, sich spontan etwas einfallen zu lassen, was besser ist als dieses uralte System, erst recht nicht, wenn man nicht mal jenes System komplett verstanden hat. Auch wenn vieles aus heutiger Sicht unpassend und ärgerlich erscheint, so ist es doch ein System von ausgesprochen durchdachter Perfektion. Daher hat sich auch in mir als angehende Ehekritikerin eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution aufgebaut. Aus informatischer Sicht ist die Ehe und das sie umgebende System quasi ein sehr effizienter, dezentraler Algorithmus, der die Gesellschaft global in eine feine, regelmäßige geordnete Struktur bringt. Das ist schon auf der formalen Ebene faszinierend.

Momente der Erkenntnis

Es hat also Monate gedauert, aber ich denke, ich bin nun so weit und habe es im Großen und Ganzen verstanden. Ich weiß nun, was die Ehe derzeit bedeutet, bzw. wie verschieden heutzutage die Bedeutung sein kann, die jeder einzelne Mensch hat, je nach Staatsangehörtigkeit oder Wohnort, nach Religion, nach Alter, nach sexueller Orientierung, nach politischer Einstellung, nach Erziehung und persönlichem Umfeld, nach Zugehörigkeit zu Interessengruppen, nach der persönlichen Einstellung zu und Erfahrung mit Beziehungen, etc. Jeder Mensch hat seine Sicht davon, und so hat es jede Gruppierung von Menschen und jedes Rechtssystem. Es gibt nicht die eine Definition von Ehe, die faktische Richtigkeit und/oder allgemeine, weltweite rechtliche Gültigkeit hätte. Es gibt vielleicht so was wie eine winzige Schnittmenge, ein quasi-globaler Konsens über die Bedeutung von Ehe.

Ich habe mir außerdem eine Theorie dazu gebildet, wie das Ehekonzept geschichtlich entstanden sein mag, welche Bedeutung es für die Entwicklung der Gesellschaft hatte und was von dieser Bedeutung noch übrig geblieben ist – und was nicht. Sicherlich gibt es dazu fundiertere Theorien als meine, nachlesbare Fakten und wissenschaftliche Analysen, etc. Wenn ich wirklich wissen wollte, wie das Konzept “Ehe” entstanden ist, hätte ich mich anders informieren müssen. Aber ich merke, wie im aktuellen Diskurs auf die Bedeutung der Ehe in der Vergangenheit Bezug genommen wird und wie oberflächlich dabei das Wissen ist, das die Sprecher haben und welches sie bei ihren Rezipienten voraussetzen. Ich habe das Gefühl, meine persönliche Theorie dazu ist detaillierter und realistischer als diese allgemeine Diskussionsgrundlage, und damit genügt sie mir zunächst.

Die Ehe, Randgruppen und ich

Und ich habe sogar eine gewisse Vorstellung davon, wie ich in dieses Konzept hinein passen könnte und möchte, bzw. wie sehr ich in das aktuelle Konzept eben nicht passe. Präoperative lesbische Transfrauen mit männlichem Personenstand und ausgeprägtem Kinderwunsch bilden eine wenig beachtete Minderheit.  Die derzeitige Gesetzeslage grenzt mich komplett aus dem “Kern unserer Gesellschaft” aus, was natürlich für mich einer der Hauptmotivatoren ist, um von einem besseren  System zu träumen.

Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich nun also endlich eine eine Meinung dazu gebildet, ob und wie dieses Konzept überarbeitet werden könnte und sollte. Nun, wo es schon jetzt viel zu viele Ausnahmen explizit behandelt, möchte ich natürlich nicht dafür eintreten, auch für Menschen in meiner Lage noch eine weitere Ausnahme einzuführen und dann gleich noch 523 weitere Regelungen für 523 andere Gruppierungen. Stattdessen müsste eine neue Denkweise her, eine die flexibel und allgemeingültig ist, und inklusiv für Menschen und Familien, die derzeit noch explizit excludiert und/oder benachteiligt werden. Diese Überlegungen stelle ich nicht nur aus eigensinnigem Zweck an, ich bin tief davon überzeugt dass ein Überdenken der Strukturen uns allen gut tun würde. Und nicht zuletzt ist es auch eine anspruchsvolle Herausforderung, mal auf dieser großspurigen Ebene kreativ zu gestalten.

Wie es weitergeht

So werde ich also in Zukunft in loser Folge zu Ehe- und Famlienrelevanten Themen bloggen. Ich hoffe, meine abstrakte Einleitung konnte den einen oder die andere neugierig machen auf das, was bald noch kommt, und erlaubt mir dann jeweils gleich zum Punkt zu kommen und für die einleitenden Worte einfach nach hier zu verweisen.

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