Nachtrag

Ups, das kommt davon wenn ich mit leichtem Fieber Texte schreibe: Die werden noch unstrukturierter als sonst :(

Laut Überschrift sollte es ja darum gehen, was zur Realisierung noch fehlt, aber das worauf ich damit hinaus wollte, fehlt auch hier. Es ging mir eigentlich um nötigen sämtliche Strukturen zur freiwilligen Bezahlung von Kultur (technische, gesellschaftliche, gesetzliche, kommerzielle), darum, warum die aktell verfügbaren Strukturen mir nicht genug sind. Ein späterer Blogpost wird’s richten…

Dank der Piratenpartei ist das Urheberrecht derzeit in der allgemeinen Diskussion – oder ist es anders herum? Dass es einen Meinungskonflikt zwischen Piraten, manchen Urhebern und praktisch allen Verwertern gibt, verwundert mich nicht. Meine eigene Meinung dazu ist geteilt, und ich will sie nun mal in Worte fassen. Dabei werde ich mich in diesem Beitrag überwiegend auf die Musikindustrie bzw. -Branche beschränken. Diese ist jetzt schon in der Debatte am meisten vertreten und scheint mir auch eines der interessantesten Beispiele zu sein. Auf andere Medienformen möchte ich in einem späteren Beitrag nochmal genauer eingehen.

Den Piraten geht es nicht um eine reine “Kostenloskultur”, aber es scheint mir, dass das Wort “Freiwilligkeitskultur” die angestrebte Lösung ganz gut beschreiben könnte. Soll heißen: Jeder hätte das Recht, sich eine Kopie jeden Werkes kostenlos zu beschaffen, zu nutzen und weiter zu verbreiten. Er könnte sich dann entscheiden, den Urheber dafür zu entlohnen. Dies geschähe freiwillig, eine Pflicht bestünde (wenn überhaupt) nur moralisch und nicht rechtlich.

Konsum ohne Bezahlung ist schon im aktuellen System akzeptiert

Unabhängig davon, wie viele freiwillige Zahlungen dabei geschehen würden und ob die Urheber davon gut leben könnten, kann man sich erst mal fragen, ob darin nicht ein grundlegendes moralisches Problem liegt: Da kann ein Konsument einen Nutzen erzielen, indem er sich an einem Werk erfreut, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen. Hat der Urheber vielleicht ein grundlegendes, also “natürliches” Recht darauf, sein Werk all jenen vorzuenthalten, die ihn und das Werk nicht mit einer Gegenleistung würdigen?

Falls ein solches  Naturrecht bestünde, würde es aber schon jetzt – auch im legalen Rahmen – permanent missachtet werden. Schon jetzt bezahlt nicht jeder Mensch explizit für genau die Werke die er konsumiert oder konsumieren möchte. Einige Gegenbeispiele sind Radio, Fernsehen, Film, Gast- und Einkaufsstätten, etc. Dort werden wir mit Musik beschallt, die wir uns weder selbst aussuchen, noch bezahlen wir diese direkt oder auch nur indirekt. Die Beschallung in Läden wird natürlich über die Verkaufspreise umgelagert, aber wenn ich einen Laden mit Beschallung besuche und dann verlasse, ohne etwas zu kaufen, beteilige ich mich nicht. Ohne noch mehr Beispiele aufzuführen: Urheber haben schon jetzt keine Möglichkeit mehr, nur jene zu versorgen, die dafür zahlen.

Aber es wurden Wege – teils sehr umständliche Wege – dafür gefunden, dass die meisten Menschen für ihren Konsum zahlen und die Urheber anteilsmäßig entlohnt werden. Diese Maßnahmen greifen dort ein, wo eine direkte Zahlung gar nicht machbar wäre – wie bei den oben genannten Beispielen. Urheber hätten ohne Verwertungsgesellschaften, Plattenfirmen und andere Teile der Content-Industrie kaum eine Chance, einen Anteil daraus zu ziehen. Es ist auch verständlich, dass diese Umverteilungen zu Aufwand führen, der ebenfalls entlohnt werden muss, und dass sie niemals zu 100% gerecht sein können.

Daran zeigt sich, dass man derzeit den Urhebern ein Anrecht auf Vergütung von solchen Nutzungen zuspricht, auch unabhängig davon, dass sich die exakte Nutzung durch Einzelpersonen weder regulieren noch erfassen lässt. Dass jemand ein Werk konsumieren kann, ohne dafür zu zahlen, kann somit per se nicht unmoralisch oder illegal sein und es werden derzeit lediglich die genauen Umstände, unter denen das passiert, legalisiert oder kriminalisiert.

Die neue Kultur der Freiwilligkeit ist bereits im Beta-Test

Damit wäre die wichtigste Frage dann wohl, ob die Urheber durch die Erträge einer solchen Freiwilligkeitskultur angemessen entlohnt werden. Das ist auf den ersten Blick nicht leicht vorherzusagen. Würde diese Frage ohne eine vorherige Abschätzung per globalem Experiment ermittelt werden, würde man dabei scheinbar die Existenz der Künstler aufs Spiel setzen und – überspitzt gesagt – auch als Möglichen Ausgang in Kauf nehmen: “83% der Musikschaffenden können nun ihren Lebensunterhalt nicht mehr mit Musik bestreiten und müssen Harz 4 beantragen.”

Dazu muss man aber wohl bedenken, dass dieses “Experiment” der Freiwilligkeitskultur schon lange läuft, nur eben ohne gesetzliche Legitimation. Sehr viele Menschen konsumieren Musik schon heute so: alles, was interessant sein könnte, illegal erwerben, und das was davon wirklich interessant ist, nochmals legal erwerben.

Eine Legalisierung dieses Status Quo würde natürlich ein Stück weit dazu führen, dass diese Mentalität weiter zunehmen würde. Wie weit genau, das ist die spannende und schwer zu klärende Frage, die ich hier nicht beantworten kann. Ob die Piraten Recht haben, oder die Urheber, oder keiner von beiden, hängt aber auch davon mit ab und wird sich leider erst im Nachhinein feststellen lassen.

Wie viele müssen freiwillig Zahlen?

Das angestrebte System funktioniert aber auch nur unter der Voraussetzung, dass genügend Menschen den Anstand haben, auch ohne rechtlichen Zwang für die konsumierten Medien zu zahlen. Ohne Zweifel gäbe es Menschen, die trotz ausreichender Finanzmittel nur noch kostenlos konsumieren würden. Auch hier kann ich nicht vorhersagen, wie viele das konkret wären.

Ich kann aber überschlagen, wie viele es maximal sein dürften, ohne das System zu gefährden. Wenn man den kursierenden Zahlen glaubt, so gehen derzeit nur ca. 4% der Einnahmen beim Verkauf einer CD an die Urheber, d.h. an die Künstler. Das gilt natürlich gleichermaßen für all die CDs, die auf Verdacht gekauft werden wie auch für die, welche im Nachhinein gekauft werden, nachdem der Inhalt schon kostenlos aus dem Netz bezogen wurde. Sinken die CD-Verkäufe um einen bestimmten Anteil, so sinkt das Einkommen der Künstler in etwa dem gleichen Maß.

Bei der Diskussion neuer Vergütungsmodelle wird meist vorausgesetzt, dass andere Wege gefunden würden, mit denen der Konsument mehr als nur 4% seiner Ausgaben an den Künstler übermitteln kann – im Idealfall also 100%. Solange mindestens 4% der Musikhörer ihre freiwillige Zahlung tätigen, ist das Einkommen des Künstlers gesichert. Na ja, fast.

Denn ein paar andere Faktoren gehen in die Rechnung mit ein:

  • Es reicht nicht wenn 4% der Nutzer den Gedanken der freiwilligen Zahlung prinzipiell befürworten – sie müssen dies auch einigermaßen regelmäßig und konsequent umsetzen. Wenn z.B. jedes 2. Lied, dass man prinzipiell “bezahlwürdig” findet, auch bezahlt wird, müssen dies schon doppelt so viele Nutzer tun, damit der Betrag wieder stimmt.
  • Auch bei bzw. gerade bei digitalen Geldtransaktionen kommen nicht 100% des Betrages an. Zahlungsdienstleister verlangen meist zwischen 2% und 10% Gebühr. Manche Micropayment-Anbieter bauen auf andere auf, so dass mehrfache Gebühren pro Zahlung anfallen. Spenden bei z.B. Flattr werden nochmals mit einem Aufschlag von 10% belastet und Verkaufsplattformen im Internet streichen sogar bis zu 30% ein, obwohl ihnen praktisch keine nennenswerten Aufwände oder Kosten entstehen.
  • Viele Nutzer beklagen sich über die hohen Preise von z.B. 15 Euro pro Album – können diese aber derzeit nur ganz oder gar nicht zahlen. Bei freiwilliger Zahlung würden viele Nutzer aber deutlich weniger pro Album zahlen. Der Betrag, der beim Künstler ankommt, wäre dann zwar immer noch deutlich höher als beim derzeitigen Modell, aber wiederum nicht so sehr wie oft suggeriert wird.
  • Die 96% des Kaufbetrages, die derzeit nicht an den Künstler gehen, mögen zu einem großen Teil Reingewinn von Verwertern sein – darin sind aber sicherlich auch Ausgaben enthalten, die nun der Künstler selbst tragen müsste.
  • Manche Kunden möchten nicht nur die rechtliche und moralische Erlaubnis haben, das Werk umfangreich zu nutzen, sondern erwarten für das Geld auch eine physische Gegenleistung in Form eines Datenträgers mit Hülle und Booklet. Dies verursacht reale Kosten, die ebenfalls bisher ein Teil der 96% ausmachten und auch so nicht aus der Rechnung verschwinden.

Das  heißt, der nötige Anteil der Aufrichtigen Nutzer dürfte nicht nur 4% betragen, sondern müsste wohl viel mehr in der Größenordnung von 30% bis 60% liegen, um allen Künstlern den gleichen Wohlstand zu garantieren. Ob diese Erwartung erfüllt werden kann, bezweifele ich.

Derzeit fehlt es aber auch an einem universellen und zuverlässigen System zur freiwilligen Zahlung. Der Kauf einer CD im Laden ist keine wirklich Option, denn wie gesagt, wenn ich nur einen Bruchteil der Künstler, zu deren Musik ich mir Zugang verschaffe, entlohnen will, sollte ich dies wenigstens ernsthaft und umfangreich tun. Wenn ich der Band KoЯn auf diese Weise 15 Euro zukommen lassen möchte, muss ich 25 CDs zu je 15 Euro kaufen, also 375 Euro investieren. Möchte ich unbekanntere Bands unterstützen, deren CDs nicht im Handel erhältlich sind, fällt der Weg auch weg.

Verluste in Kauf nehmen, aber abdämpfen

Aber muss denn unter dem Strich alles so bleiben, wie es ist? Wäre es denn wirklich schlimm, wenn einige Künstler deutlich weniger Einkommen hätten als jetzt, ja manche sogar einen anderen Beruf ergreifen müssen? Und an anderen Stellen Künstler, die bis jetzt nicht von ihren Werken leben können, in Zukunft in die Lage dazu versetzt werden? Und wenn neben all dieser Umverteilung zwischen den Urhebern große Teile der Verwertungsbranche überflüssig würde und dort Arbeitsplätze verloren gehen? Sicherlich, für die jeweils negativ betroffenen wäre das schlimm.

Auf der anderen Seite könnte die Vielfalt und Qualität der Werke steigen, die Freiheit der Nutzer gestärkt werden und eine bessere Beteiligung aller an der Kultur geschaffen werden. Vielleicht führt es auch dazu, dass die Künstler mehr Kunst und weniger Kommerz machen? Oder tritt das Gegenteil ein?

Eine globale Verbesserung der Gesellschaft bringt oft auch Nachteile für einzelne. Diese gilt es im Hinblick auf die Gesamtheit einerseits hinzunehmen, im Hinblick auf den einzelnen andererseits abzudämpfen. Wenn von einer Umstrukturierung des Urheberrechts die Gesellschaft insgesamt profitiert, dann könnte diese Gesellschaft im Ausgleich auch für die Einspringen, die darunter leiden. Wie das genau aussehen sollte weiß ich nicht. Wer derzeit auch ohne besonderes Talent von seinen Werken leben kann, hat meiner Meinung nach kein uneingeschränktes Anrecht darauf, auch bis in alle Ewigkeit so weiter machen zu können. Ebenso wenig würde ich diese Menschen aber von heute auf morgen vor den finanziellen Ruin stellen wollen. Was hilft also? Öffentlich finanzierte Umschulungen für Künstler, die in einem derart befreiten Markt nicht mehr von ihrer Kunst leben können? Ich weiß es nicht. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte eine Lösung sein. Eventuell gibt es hier ernste Probleme, für die es Lösungen braucht. Aber für die man sicher auch Lösungen finden kann.

Die Proteste derer, die von den Umstrukturierungen verlieren würden, kann ich also ein Stück weit nachvollziehen. Nicht angebracht finde ich aber das Gejammere all jener, die von den neuen Möglichkeiten profitieren könnten, aber nur zu faul sind, umzudenken. Wenn das noch damit gepaart ist, die Machenschaften der Verwerter keine Sekunde lang zu hinterfragen, dann zweifele ich an, dass sich derjenige wirklich mal Gedanken gemacht hat. Sich an die Entwicklungen des Marktes und der Gesellschaft anzupassen wird auch von anderen gefordert, ohne dass diese sich ständig beschweren.

Und außerdem frage ich mich: Wenn der neue System, das die Piraten derzeit diskutieren, schon immer bestehen würde, fände es dann jemand ungerecht und würde sich dann stattdessen jetzt eine Urheber-Partei gründen, die für die Einführung des sogenannten “geistigen Eigentums” und eine stärkere Beschränkung der Nutzerrechte eintreten würde? Oder wären vielleicht einfach alle zufrieden mit dem System und was wir derzeit hören sind nur die Wachstumsschmerzen einer Branche, die erwachsen wird?