Ja, die Überschrift sagt ja eigentlich schon alles. Nach den letzten beiden Blogposts stellt sich natürlich die Frage, wie das jetzt möglich war, immerhin sah ja alles eher düster aus. Bis vor wenigen Minuten habe ich mit nichts gutem gerechnet, hatte Schätzungen angestellt, nach denen es evtl. noch 1,5 weitere Jahre dauern könnte…

Um niemanden lange auf die Folter zu spannen – genau das hatte ich nämlich in den letzte Tagen selbst mehr als genug – mal ganz unchronologisch zuerst, wie das Gespräch lief, und danach erst, wie ich es mir vorher vorgestellt hatte, und ein bisschen Analyse dazu, was ich daraus nun lerne, und was nicht. Und ganz zum Schluss dann noch der Grund, warum ich so einen langen Blogpost schreibe, bevor ich irgendwem mal kurz Bescheid gebe, das alles gut ist…

Also: Ich kam ins Sprechzimmer rein, und als ich freundlich gefragt wurde, wie es mir geht, habe ich ganz offen und direkt gesagt, dass die Anspannung und Nervosität mich gerade sehr fertig macht, da ich gerade nichts gutes erwarte. Meine Ärztin war sichtlich verwundert. Ich fasste kurz zusammen, dass ich ja vor zwei Monaten mit einem Indikationsschreiben da war, welches sie jedoch nicht akzepziert hat, und mich bat, heute mit den “richtigen” Indikationsschreiben wieder zu kommen, das von meinem dauerhaft begleitenden Psych* ausgestellt ist. Und da ich dieses Schreiben nicht dabei habe, und auch später nicht haben werde, weiß ich nun nicht, wie es weitergehen soll.

Sie wollte natürlich schon gerne wissen, warum das so ist, so dass ich ihr erkläre, dass ich die Theraphie damals schon “pausiert” und inzwischen komplett abgebrochen habe, da ich mit dem Psych* nicht gut klarkam, und ich mit ihm nicht gut über die Thematik allgemein sprechen konnte, und erst recht über das Unwohlsein mit der Theraphie selbst. Dafür hatte sie volles Verständnis, obwohl sie viele andere trans* Menschen kennt, die mit ihm sehr zufrieden sind. Ich stimmte ihr zu, dass auch ich viele kenne die sehr gerne bei ihm sind, und ja auch gerade aus dem Grund ihn gewählt hatte, aber das in meinem Fall offenbar nichts brachte.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie das vorhandene Indikationsschreiben des anderen Psych* beim letzten mal abgelehnt hat oder was da überhaupt drin stand. Das wunderte mich nicht, schließlich hatte sie es ja nichtmal gelesen oder kopiert. Als ich ihr das entgegnete, konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie beim letzten Mal so gehandelt hatte. Ob ich es denn heute nochmal bei mir hätte? Aber klar doch, und so machte sie sich dann auch Augenblicklich ans Lesen.

“Na bitte, da steht doch alles drin, was ich brauche. Da habe ich doch gar keinen Grund, irgendwie auf ein schreiben des anderen Psychologen fixiert zu sein.” Das sind natürlich diese Momente, wo ich mir denke “Warum denn nicht gleich so?!”, aber Zeit verloren hatte ich ja dadurch nicht. Denn die letzten Laborergebnisse waren ja heute erst zur Besprechung verfügbar, eher hätte es also eh nicht losgehen können – außer natürlich, wenn ich mich schon vor mehr als einem halben Jahr um einen Termin bei der Endokrinologie gekümmert hätte, und ihr dürft dreimal raten – ach Quatsch, einmal muss reichen – wer mir das nicht angeraten hat.

Die Laborergebnisse waren unspektakulär, so dass keinerlei Einschränkungen bei den möglichen Präparaten bestehen und keine ungewöhnlichen Risiken, über die ich nicht schon zuvor aufgeklärt war. So sprachen wir dann noch über Dosierungen, Vor- und Nachteile verschiedener Darreichungsformen, Nebenwirkungen und den weiteren Verlauf. Schwuppdiwupp, Rezept in der Hand.

Und nun? Geht’s mir natürlich gut, unglaublich gut. Ich hatte mich vorher so auf negative Dinge eingestellt, dass ich immer noch nicht so ganz realisiert habe, wie gut doch jetzt alles ist. Das kommt vermutlich in den nächsten Stunden noch. Aber gerade zu der Miesen Stimmung der letzten Tage, die auch vor einigen Stunden noch bestand, ist das schon jetzt ein irrer Kontrast.

Ich war gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Ich hätte viel “wichtigeres” zu tun gehabt, sowohl beruflich als auch ehrenamtlich, aber sowohl ich als auch eine meiner Freundinnen brauchten gestern dringend Ablenkung. Danach war ich noch bis um 3 Uhr nachts im Stratum 0, unserem lokalen Hackspace, um mich abzulenken.

Ich habe heute nach dann nur 1,5 Stunden geschlafen, beim Erwachen hab ich Verwirrtheitszustände durchlebt, die sich in keiner mir bekanntne Sprache oder Notation wiedergeben lassen. Ein oder zwei Snooze-Durchgänge später war ich dann plötzlich in der Realität angekommen. Habe beim Anziehen noch wilde Pläne geschmiedet, was ich noch alles an Dokumenten auf einen USB-Stick ziehe um sie dann in der Stadt, in der die Arztpraxis ist, im Copyshop auszudrucken und der Ärztin vorzulegen. Völlig unnötige Überlegungen ohne irgendeinen Sinn. Habe dann noch so lange getrödelt, bis ich den RE verpasst habe und auf einen IC umsteigen musste. Habe mich auf der Radfahrt zum Bahnhof ausnahmesweise mal nicht über die blöden Autofahrer und Ampeln und schlecht gebauten Radwege und merkbefreite Fußgänger geärgert, weil die anders als sonst heute mal egal waren.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Wollte eigentlich nochmal verschiedene Szenarien durchgehen, innere Monologe zur Aussprache bereitlegen. Ging nicht. Habe zwar die ganze Zeit an das bevorstehende Arztgespräch gedacht, aber nicht an den Verlauf oder daran, was herauskommt. Sondern nur daran, wie ich mit dem umgehen soll, was wohl herauskommen wird.

Im Wartezimmer war ich äußerlich ruhig. Kein Zittern, kein Herzklopfen, wirkte wohl fast so, als würde ich gleich einschlafen. Innen drin hat mich die Angst zerfressen, ich habe ernsthaft befürchtet, auf diesem Wartestuhl bewusstlos zu werden noch bevor ich aufgerufen werde, oder auch in genau dem Moment. Und wenn ich es doch bis ins Sprechzimmer schaffe, war immernoch fraglich ob ich es schaffen würde, ein Wort heraus zu bekommen, oder ob ich die Ärztin unfreiwillig anschweigen würde.

Na gut, dann kam halt doch alles besser. Aber das wusste ich ja vorher nicht, und auch im Nachinein finde ich meine Befürchtungen angemessen. Ist ja nicht so, dass ich vor jedem Termin oder Gespräch so wäre. Das letzte Mal, dass ich vor einem “Gespräch” solche Angst hatte war in der 12. oder 13. Klasse. Damals stand ich unter dem Verdacht, Geld aus der Jahrgangskasse veruntreut zu haben, und obwohl es nur um ca. 2% des Kassenstandes ging herrschte generelle Weltuntergangsstimmung, mehrere meiner Schulkolleg_innen hatten sogar deswegen geweint. Einer meiner Freunde, der bei der (in Wirklichkeit legitimierten) “Veruntreuungs”-Aktion geholfen hatte, wurde deswegen sogar von mehreren Schülern auf dem Hof mit Steinen beworfen. Von den 87 Schüler_innen haben etwa 82 eine ganze Woche nicht mehr mit uns gesprochen, bis ich mir anmaßte, eine Stufenvollversammlung einzuberufen, mich ans Specherpult zustellen und vor der gesammten Menge den Fall aufzuklären. Das war damals alles nicht leicht für mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich selbst da deutlich weniger nervös war. (An die Sache musste ich übrigens auch öfter bei den kürzlichen Shitstorms in der Piratenpartei denken, aber ich komme zu sehr vom Thema ab…)

Auf die Unsicherheit und Verzweiflung der letzten Tage hätte ich gut und gerne verzichten können. Klar, die Wut und das Schreiben und Nachdenken haben mir in gewisser Weise geholfen, und zwar dazu, dass ich heute zwar ängstlich und nervös in die Praxis ging, aber für viele mögliche Gesprächsverläufe in etwa gewusst hätte, was ich dazu zu sagen habe. Und es hat mir geholfen, viel Wut umzuverteilen, mehr auf die Psych* und das System im ganzen, und weniger auf die Endokrinologin, so dass ich ihr eine zweite Chance geben konnte. In den letzten Tagen viel rumgebrüllt zu haben(wenn auch überwiegend lautlos, da schriftlich) half, heute in freundlichem Ton zu sprechen. Angesichtsdessen, wie das Gespräch verlaufen ist, wäre es wohl sehr unpassend (wenn auch vielleicht verständlich) gewesen, wenn ich da laut brüllend ins Sprechzimmer gestürmt wäre.

Aber langfristig? Während ich nach der Aktion damals in der Schule deutlich gestärkt aus der Sacher herausgeangen bin, und seit dem viel selbstsicherer vor größeren Mengen meine Position vertreten kann, konnte ich den Höhen und Tiefen meiner medizinischen Trans*geschichte noch kaum einen positiven Aspekt abgewinnen. Klar, ich bin jetzt besser darin “geschult” meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu definieren und zu erkennen, ob medizinisches Personal dazu gewillt ist, mir dabei zu helfen oder mich zu bremsen. Aber für die Praxis habe ich nichts gelernt, nicht, wie man sowas verhindert, nicht, wie ich meine Rechte einfordern kann. Denn diese Situationen haben ein Machtgefälle, das ich nicht durch eigene Kraft oder Vorbereitung brechen kann. Eine einzelne Frau, die ruhig und freundlich hinter ihrem Schreibtisch sitzt und mir helfen möchte hat mehr Einschüchterungspotential als ein aufgebrachter Mob der evtl. nicht davor zurückschrecken würde, mich zu steinigen.

Auch in Sachen Optimismus / Pessismus kann ich keine Lehre daraus ziehen. Der Termin vor zwei Monaten begann mit großer Hoffnung und endete sehr enttäuschend, hat mich bis heute hin noch stark belastet. Und der Besuch heute war vorweg nur von Verzweiflung und negativen Erwartungen geprägt, und lief durchweg super. Als “Lehre” zeigt mir das nur, wie unvorhersehbar und unkontrollierbar das Leben ist, eigentlich keine erfreuliche Erkenntnis.

Aber das Ergebnis als solches ist sehr erfreulich. Ich hoffe, ich bekomme das in den nächsten Tagen noch so im Kopf sortiert, dass ich mich auch so richtig drüber freuen kann. Noch hab ich das Gefühl, gleich klingelt der Wecker und ich habe den realen Arztbesuch noch direkt vor mir.

Denn noch etwas, das sehr traumhaft lief: ich kam gerade wieder in Braunschweig an und fuhr direkt zu einer Apotheke um das Rezept einzulösen. Mir war natürlich klar, dass diese Medikamente nicht vorrätig sind und bestellt werden müssen, sowie dass es in den letzten Wochen große Lieferengpässe gab. Nicht klar war mir, dass die Apotheke schon seit 6 Minuten Mittagspause hatte. Da ich aber noch hinein kam und sehr freundlich bedient wurde, kann ich die Tabletten heute abend um 18:15 schon abholen. Wow, wer hätte das gedacht?! Ja, das muss ein Traum sein…

Der einzige Wehrmutstropfen, mit dem ich mich schon abgefunden hatte: ich hatte offenbar unterwegs mein Smartphone verloren, konnte daher niemandem per Telefon oder Mail oder Twitter bescheid geben, sondern “nur” auf dem Laptop diesen Blogpost vorforumulieren (außer natürlich diese letzten paar Absätze hier). Mit dem Verlust hätte ich an einem Tag wie heute gut umgehen können, aber siehe da: ich hatte ein Loch in der Handtasche, durch welches das Handy doch nur zwischen Innnen- und Außenfutter gerutscht war. (Heißt bestimmt anders, aber ihr wisst was ich meine.)

Letztlich wird eben doch noch alles gut!