Warten auf die Hormone

Ich möchte meinen heutigen Post mit einem Gedicht beginnen. Es reimt sich nicht, und es hat wohl auch kein Metrum. Ich habe es geschrieben, kurz nachdem ich in der Schule gelernt habe, dass ein Gedicht sich gar nicht immer reimen muss, da war ich wohl etwa 14 Jahre jung. Somit konnte ich zum ersten mal meine Gefühle (die sich nun mal meist nicht reimen) in ein Gedicht fassen. Natürlich finde ich das Blatt mit dem Text jetzt nicht und muss versuchen, es aus dem Kopf aufzuschreiben:

Mein ganzes Leben ist:
Warten.

Ich warte passiv darauf, aktiv zu werden.
Und warte still darauf, dass jemand mit mir spricht.

[füge hier noch 4 oder 6 Zeilen wie die beiden vorherigen ein]

Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten glücklichen Augenblick.
Und erwarte ängstlich sein schnelles Ende.

Mein ganzes Leben lang warte ich darauf,
dass das Warten endlich ein Ende hat.

Gescheiterte Zeitplanung

Damit mein Leben als Frau eine glückliche Zukunft hat, benötige ich medizinische Maßnahmen, allen voran eine Hormontherapie. Ich habe das getan, was man im allgemeinen so tut, um diese Hormontherapie zu bekommen. Zu Beginn meiner Transition hatte ich mir einen ungefähren Zeitplan ausgemalt, laut dem ich jetzt schon längst in dieser Therapie wäre. Dass sich das etwas verzögern würde, war mir zwischendurch schon klar geworden. Schon vor einem Monat erfuhr ich, dass ich wohl noch ein ganzes Jahr auf den Beginn warten soll. Das war schon keine gute Nachricht, aber ich habe dieser Aussage damals keine absolute Bedeutung beigemessen – es würde ja sicher noch Wege geben, das zu beschleunigen.

Heute habe ich mir dann erklären lassen, dass es sich nicht beschleunigen lässt. Ernüchterung macht sich breit. Insbesondere, da dies eine Mindestspanne ist. Es können noch Dinge passieren, die den Beginn beliebig nach hinten verschieben. Das macht mir jetzt erst mal schlechte Laune, aber dass ich jetzt sofort keine Hormone bekommen würde, war ja klar. Für den Moment ändert sich also gar nicht so viel.

Krise im Anflug

Aber ich zweifele daran, ob ich die nötige Kraft und Ausdauer habe, dieses Jahr abzuwarten, bzw. diese undefinierbare Zeitspanne über die man nicht viel weiß, außer dass sie eben mindestens ein Jahr dauern wird. Ich bin schlichtweg nicht in der Lage, meine Fähigkeit dazu einzuschätzen. Nun fürchte ich mich davor, dass mir eine größere Krise bevorstehen könnte. Die bisher größten Krisen meines Lebens kamen stets recht unerwartet, also bin ich mir noch unsicher, was ich jetzt mit dieser Vorwarnung anfangen soll. Ich könnte abwarten, was passiert. Ich könnte mich vielleicht währenddessen irgendwie für die Überwindung der Krise stärken. Das sind die beiden Dinge, die man mir in meiner Lage wohl raten würde.

Das natürlichste beim Aufziehen einer Krise sollte aber doch sein, sie von vorne herein verhindern zu wollen. Das sollte wohl die primäre Strategie aller vernunftbegabgten Wesen sein und schlägt sich im geflügelten Wort wieder: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wenn meine Krise darin besteht, keine Hormone zu bekommen, dann würde die Verhinderung eben bedeuten, sie doch schon zu bekommen. Im Fall von Transsexualutät wird diese Option aber eben nicht als vernünftig angesehen. Es ist absolut nicht “chic” oder “in” etwas an den Dingen zu ändern, die einen als Transsexuelle belasten.

Andere schaffen es ja auch – oder eben nicht

Es haben schon andere vor mir diese Wartezeiten überstanden. Zehntausende haben das geschafft. Viele von ihnen hatten längere Zeiten, vielfach längere sogar, zu überstehen. Sie waren stark. Sie haben mit Kraft und Geduld und Ausdauer die Lage gemeistert. Wäre es nicht stark von mir, das gleiche zu tun? Spräche das nicht von wahrer Gelassenheit und innerer Größe?

Man darf aber auch nicht vergessen wie viele sich in diesen Zeiten gequält haben, in Depressionen versunken sind, psychische Folgeschäden davon getragen haben, sich den Lebensmut nehmen ließen und sich kurz vor dem Ziel getötet haben. Mich der Wartezeit zu stellen heißt gleichzeitig auch, mich dem Risiko auszusetzen, dass es auch mit mir so endet. Ich würde gerne von mir behaupten, ich stünde darüber, ich bin stärker, ich lasse mich nicht unterkriegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft das alles sogar zu. Aber will ich das wirklich in der Praxis erproben? Die Alternativen sind auch nicht nur glücklich leben oder sterben. Beides sind unwahrscheinliche Extreme, der Erwartungsfall ist doch eher, mich durch das nächste Jahr hindurch zu quälen. Kann man sich denn gesunden Geistes für etwas entscheiden, das einem erwartungsmäßig Leid bereiten wird?

Ein Vierzigstel Suizid

Glücklich leben, leiden, sich das Leben nehmen. Das sind nicht nur drei Alternativen, zwischen denen man irgendwie abwägen kann, man kann sie in einen direkten logisch-mathematischen Zusammenhang bringen: Wenn die Menge an Leid, die einen noch erwartet, größer ist als die Menge an Glück, dann ist Suizid die richtige Lösung, und ansonsten ist es die falsche. Das ist, zugegebenermaßen, nur eine Meinung bzw. Einstellung, man kann das nicht beweisen oder widerlegen. Von mir kommen daher auch solche Aussagen wir “Ich würde 10 Jahre Leid auf mich nehmen, wenn ich wüsste, dass mir danach noch mindestens 11 Jahre Glück bevorstehen!” Sowas ist immer schnell gesagt, aber bisher stand mir so eine Zukunft nie direkt bevor. Die Zahlen sprechen hier in sehr beruhigender Weise: 1 bis 2 Jahre, im schlimmsten Fall vielleicht auch 3, die ich warten muss, und dann stehen mir etwa 40 erfüllte Jahre bevor. Da gehe ich doch in jedem Fall mit einem Plus raus.

Wenn es mir mal richtig dreckig ging, dann konnte ich mir damit immer vor Augen führen, wie weit ich noch vom Suizid entfernt bin: “Es müsste noch etwas 40 mal schlimmer kommen, dann kann sollte ich mir mal nähere Gedanken dazu machen.” So war das immer, und auch jetzt bzw. in den nächsten 1 bis 3 Jahren rechne ich nicht damit, dass es so schlimm wird, dass ich überhaupt an Suizid denken bräuchte. Wäre die Wahl also nur eine zwischen Warten und Suizid – ich würde mir Freude warten. Ich könnte mich damit abfinden.

Alternativen zur Alternativlosigkeit

Nur bin ich schon immer eine gewesen, die hinter die Kulissen schaut. Wenn man mich gefragt hat ob A oder B, wollte ich schon immer erst einen Blick auf C, D und E werfen. Wie zuvor gesagt: Dass andere die Zeit überstanden haben, und das ich sie vermutlich auch überstehen kann, heißt ja nicht dass ich mir das nun auferlegen sollte.

Transsexualität erfordert eine gewisse Rebellion gegen das übliche. Es ist natürlich keine Wahl, transsexuell zu sein. Aber es ist sehr wohl teilweise eine Wahl, wie man damit umgeht. Ich wusste im Prinzip mit 11 dass ich eine Frau bin, andere erkennen ihre Transsexualität noch deutlich eher, aber es gibt Kräfte die einen davon abhalten, sich sofort zu Outen. Manchmal sind diese Kräfte 40 Jahre oder länger stärker als der eigene Drang, man selbst zu sein. Aber je weniger man darauf bedacht ist, was andere denken, was üblich ist, was die Gesellschaft von einem erwartet, desto eher kann man zu seinen Gefühlen und seiner Identität stehen. Die Transition ist eine persönliche Notwendigkeit und nur in zweiter Linie ein politisches Statement – aber insofern ist sie ein kraftvoller Schlag ins Gesicht der konservativen Rollenbilder, Geschlechterstereorypen und Erwartungshaltungen. Das kann andere abstoßen, es kann einen selbst verletzen, aber immer zeigt es: Mein Wohl, meine Chance auf ein erfülltes Leben ist mir wichtiger als die Konventionen unserer Gesellschaft.

Wie passt es denn da, sich beim Bruch dieser Konventionen an Konventionen zu halten? Die Behandlungsrichtlinen und Rahmenvorgaben der Krankenkasse zu erfüllen, ist letztlich eine Konvention. Nicht jede Konvention ist schlecht, und ich möchte niemanden dazu drängen, Konventionen zum Selbstzweck zu brechen, unabhängig davon wie (un-)konventionell der Lebensweg ansonsten schon war. Und ich weiß, dass diese Konvention ausreichend stark in Gesetze, Regelungen und durchsetzungsfähige Institutionen gegossen ist, um es vielen unmöglich zu machen, sich dagegen zu stellen. Und, und, und… aber all das macht diese Konventionen nicht zu Naturgesetzen oder Gottes Geboten.

Wenn ich nicht jede Alternative, um mein Warten – und damit mein Leiden – zu verkürzen ins Auge fassen würde, hätte ich dann noch irgendein Recht, mich zu hinterher zu beklagen? Will ich wirklich passiv darauf warten, dass jemand für mich aktiv wird? Dass jemand mir erlaubt, nun auch körperlich ich zu sein?

Es gibt Alternativen, viele sogar. Sie haben alle ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Aber allen außer dem Standardweg nach Krankenkassenschema ist eines gemeinsam: Ich muss nicht warten. Ich muss nur aktiv werden. Das macht diese Alternativen verdammt interessant.

 

PS: Ich fände es auch verdammt interessant, den Text hier enden zu lassen. Ist ein schöner Schluss-Satz und ein guter Cliff-Hanger. Wenn ich mal einen Roman schreiben sollte, mache ich das so, aber damit niemand sich Sorgen machen muss: Ich plane keinen Suizid, plane auch sonst nichts unglaublich dummes, und werde über die konkreten Alternativen noch nachdenken und mindestens einen Blogpost schreiben, sowie mit mehreren Menschen darüber sprechen, bevor ich irgendwas unerwartetes tu. Versprochen!

Aber im Moment musste ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben und mich dazu motivieren, Alternativen zu suchen und zu bewerten. Mission completed. Diese Alternativen jetzt noch blogreif aus zu formulieren wird noch einige Stunden dauern, die derzeit fürs Schlafen eingeplant sind, und eine Entscheidung liegt noch Tage oder Wochen von mir entfernt.

Email-Funktionen funtionieren jetzt (wahrscheinlich)

Wer kein RSS mag, kann meinen Blog ja eigentlich schon immer auch per Mail abonnieren -  nur dass der Mailversand seit einigen Monaten kaputt war.

Zudem hatte ich mich eigentlich dran gewöhnt, bei neuen Kommentaren zu meinen Posts per Mail benachrichtigt zu werden. Auch das klappte offenbar nicht mehr.

Beide Probleme sollten jetzt gelöst sein. Indem ich dies schreibe, teste ich zugleich auch, ob es wirklich geht. Falls nicht, wird es ja eh keiner merken, dass es hier steht…

PS: Das Problem war, dass mein neuer Server nicht als eigenständiger Mailversender konfiguriert ist, und die Standard-mail-Funtion von PHP nur mit SMTP ohne Authentifizierung funktioniert. Einen derart unsicheren Service nutze ich natürlich nicht. Es war gar nicht so einfach, eine Lösung dafür zu finden, aber hier gibt es eine, die innerhalb von WordPress funktionieren sollte.

Doppelt so schnell booten durch 93 mal schnelleren Festplattenzugriff?

Da ich mein Linux daheim ja nur alle paar Tage/Wochen neu boote, und der Rechner sonst rund um die Uhr läuft (ich darf das, ich hab 100% Ökostrom!), könnte mit die Zeit zum Booten ja eigentlich egal sein. Aber ich bin nun mal optimierungswütig, vor allem, wenn zwischen dem Ist-Zustand und dem, was ich für möglich halte, ein sehr hoher Faktor liegt. In diesem Fall denke ich, ich könnte die Geschwindigkeit der Festplattenzugriffe um einen zweistelligen Faktor erhöhen und damit den Gesamtbootvorang immerhin um 77% beschleunigen. Das motiviert, also habe ich gestern und heute ein paar Nachforschungen und Versuche angestellt. Ich möchte hier schonmal von den Ergebnissen berichten, aber auch von dem Weg dorthin, denn die offensichtlichsten Verfahren zur Messung stellten sich oft als falsch heraus.

Ausgangszustand: Normaler Bootvorgang mit ureadahead in 114 Sekunden

Mein Ubuntu bootet in 114 Sekunden. Gemessen habe ich von der Auswahl im GRUB Menü bis sich auf dem Desktop das Fenster zur Schlüsselbundentsperrung öffnet. Dies ist das letzte sichtbare Ereignis nach beim Hochfahren, so dass es sich zur Zeitnahme eignet.

Beim gesamten Bootvorgang höre ich permanent die Festplatte “knattern”, es finden scheinbar viele Lesezugriffe an verschiedenen Stellen statt. Das wollte ich genauer wissen. Mittels ureadahead konnte ich das genauer untersuchen. Dieses Programm nutzt eine Kernelerweiterung, um beim Booten alle Lesezugriffe zu protokollieren. Ich vertraue darauf, dass dies prinzipiell korrekt abläuft und habe als Ergebnis erhalten: Ubuntu liest beim Starten 226MB aus 3140 Dateien. Angeblich liegen diese an nur 3113 verschiedenen Stellen der HDD. Komisch, aber eine Abweichung, die ich akzeptieren kann.

Wie viel dieser Zeit wird zum Lesen benötigt?

Meine Platte braucht im Schnitt 20ms für eine Neupositionierung des Kopfes, für 3113 davon also rechnerisch etwa 65 Sekunden. Die Zeit, die das eigentliche Lesen braucht, ist im Vergleich dazu zu vernachlässigen: rechnerisch 2,8 Sekunden auf dieser Partition, oder sogar nur 1,4 Sekunden wenn ich die erste Partition verwenden würde, da diese doppelt so schnell liest. (Liegt daran, dass sich die Platte am äußeren Rand schneller unter dem Lesekopf bewegt als innen.)

Aber wie viel ist dran an dieser Rechnung? Kann ich die Lesezeiten nicht auch direkt messen? Ja, ich kann. Mittels “ureadahead –dump” kann ich mir eine Liste der Dateien ausgeben. Zugegebermaßen, diese Dateien sind in der Summe 300 MB groß, beim booten werden aber nur 226 MB gelesen, da nicht alle Dateien komplett gebraucht werden. Bei den weiteren Messungen verwende ich stets diese 300MB Dateien komplett.

Mit ein bisschen Textersetzung erhalte ich aus der Dateiliste ein Skript, das nacheinander jede dieser Dateien nach /dev/null kopiert. Ich messe also mittels “time” die Ausführungszeit. 13,5 Sekunden? Da stimmt was nicht, das geht zu schnell. Ich messe nochmal: Diesmal nur noch 4,5 Sekunden!

Aber klar doch, die Dateien sind noch im Lesecache. Also diesen mal schnell mit

sync && echo 3 > /proc/sys/vm/drop_caches

leeren und nochmal messen. Ergebnis: 63,44 Sekunden. Das stimmt doch erstaunlich gut mit den berechneten 65 Sekunden überein.

Kann ich das auf 2,6 Sekunden reduzieren?

Die Frage ist jetzt: Wie kann ich das Lesen dieser Dateien auf die 2,6 Sekunden beschleunigen, die es dauern würde, wenn diese am Stück hintereinander stehen würden? Die Lösung: ich schreibe sie am Stück hintereinander :) Also kopiere ich all diese Dateien in ein neu angelegtes Verzeichnis. Anschließend leere ich wieder den Cache und lese all diese Dateien nacheinander ein. Statt 63,44 Sekunden braucht dies nur noch 31,49 Sekunden. Aber immer noch deutlich länger als erwartet. Dummerweise habe ich die Dateien in einer anderen Reihenfolge geschrieben, als ich sie nun gelesen habe. Also ein neuer Versuch, diesmal in gleicher Reihung geschrieben und dann gelesen, dazwischen natürlich wieder den Cache geleert. Und siehe da: 16,8 Sekunden. Eine Beschleunigung von 74% allein dadurch, dass die Dateien in der richtigen Reihenfolge hintereinander auf der Platte stehen.

Was aber, wenn ich sie mittels tar komplett zu einer Datei vereinige? Dann kann ich sie in 7,69 Sekunden einlesen. Und gepackt als .tar.gz dauert es sogar nur noch 1,8 Sekunden. Aber auch diese Datei liegt nun am langsamen Ende meiner Festplatte, am schnellen Ende wäre ich somit bei 0,9 Sekunden.Mir ist dabei übrigens total unklar, warum die .tar.gz 4,2 mal so schnell gelesen wird obwohl sie nur um den Faktor 2,7 kleiner ist. Wiederholte Messungen haben das aber bestätigt.

Was nützt schnelles Lesen, wenn die Daten dann gepackt sind?

Aber die Daten müssen ja nach bzw. während des Lesens noch entpackt werden, und zwar in den Arbeitsspeicher. Das dauert auf die naive Art und Weise 3,1 Sekunden, also deutlich länger, als die Daten ungezippt zu lesen. Dabei wird aber nur ein Kern benutzt. Es wäre aber einfach möglich, alle Kerne damit auszulasten. In meinem Fall mit zwei Kernen würde der Lesevorgang auf 1,55 Sekunden verkürzt, mit vier Kernen wäre das Entpacken schneller als das Lesen, so dass das theoretische Optimum von 0,9 Sekunden erreicht wird. Bekanntlich lese ich dabei ja komprimierte Dateien ein, die entpackt 300 MB ergeben, von denen ich aber nur 226 MB wirklich verwende. Ich war zu faul, für die Messung die richtigen 226MB zu extrahieren, aber wenn man hochrechnet, kommt man auf 0,678 Sekunden für das Lesen der benötigten Daten, immerhin ein Faktor von 93.

Fazit

Ich weiß, wie ich das Lesen der zum Booten benötigten Dateien von 63,44 Sekunden auf 0,678 Sekunden beschleunigen könnte, was den Bootvorgang vermutlich von auf die Hälfte verkürzen würde. Die nötigen Operationen habe ich im laufenden System getestet. Jetzt müsste ich “nur noch” herausfinden, wie ich das praktisch in den Bootvorgang einbinden kann… Das wird sehr wahrscheinlich meine Fähigkeiten und Kenntnisse übersteigen – aber vielleicht können meine Messungen ja jemand schlaueres dazu motivieren, sich des Themas anzunehmen. Offenbar ist ja noch einiges herauszuholen.

Toiletten und Umkleiden – verschiedene Schwierigkeitsgrade bei der Integration als Frau

Viele Transsexuelle berichten von Problemen bei der Benutzung von öffentlichen Toiletten. Diese sind ja in Deutschland fast immer nach (zwei!) Geschlechtern getrennt, und die “richtige” zu benutzen gilt als zwingendes Gebot. Ich weiß gar nicht, welches Gesetz das konkret regelt und welche Strafe auf die Benutzung der falschen Toilette steht, aber die meisten Menschen sind wohl geneigt, es auch nicht am praktischen Beispiel zu erfahren. Als präoperative Transsexuelle kann man sich einreden (lassen) dass nun keine der beiden Toiletten die passende sei. Viele trauen sich selbst nach mehreren Jahren im Wunschgeschlecht noch nicht auf öffentliche Toiletten!

Ich bin da immer schon sehr unkompliziert herangegangen. Seit meiner Transition im Mai 2011 habe ich erst ein einziges Mal eine Herrentoilette betreten, und auch das nur versehentlich. Im öffentlichen Raum Damentoiletten zu benutzen war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit für mich. Von der Gleichstellungsbeauftragten der TU-Braunschweig habe ich sogar ein – wenn auch nur mündliches – o.k. dafür, aber auch ohne dieses würde ich mich wohl genauso verhalten.

Damentoiletten haben schon Tradition bei mir

Das ist auch gar nicht so verwunderlich. Damentoiletten kenne ich schon seit vielen Jahren von innen. Zu meiner Schulzeit trug ich meist Mäntel. An meinem Gymnasium gab es jedoch auf den Herrentoiletten keine Haken, an denen man diese aufhängen konnte. Sitzpinkeln ohne zuvor den Mantel auszuziehen und aufzuhängen – wir reden hier von bodenlangen Exemplaren – geht aber nicht, und ich hätte es auch im Leben nicht eingesehen, mich deswegen dabei hinzustellen. Schnell konnte ich meinen Verdacht bestätigen: Auf den Damentoiletten war jede Kabine mit einem solchen Haken ausgestattet. Auf Dauer wollte ich aber auch keinen Ärger provozieren, deshalb habe ich kurzerhand selbst einen solchen Haken in der Herrentoilette angebracht.

Aber auch später, in meinem Bachelorstudium in Wernigerode, war mir die Damentoilette nicht fremd. Obwohl ich mich damals noch als Mann bezeichnet und präsentiert habe (über den Erfolg jener Präsentation lässt sich natürlich streiten), gab es schon dort ein paar schöne Momente in denen ich mich von den anderen Frauen nicht nur toleriert, sondern als gute Freundin akzeptiert gefühlt habe. Wenn wir da in einem netten Plausch vertieft waren und gleichzeitig den Drang zur Entwässerung verspürten, ließen wir uns manchmal durch die getrennten Toiletten nicht das Gespräch unterbrechen. Ich ging ganz selbstverständlich mit auf die Damentoilette, natürlich in eine einzelne Kabine ;) und die Unterhaltung ging weiter. Das kam zwar wirklich sehr selten vor, fühlte sich für mich aber schon damals absolut selbstverständlich an und schien auch die anderen Frauen nicht zu stören.

Damals auf die Herrentoilette zu gehen war auch nicht sonderlich schlimm, schließlich gibt es auch da getrennte Kabinen. Komischerweise war ich da nie ein Fan davon, mich mit meinen “Nachbarn” zu unterhalten.

Jetzt wo ich meine weibliche Identität endlich voll auslebe, ist das natürlich nicht anders. Nur Männer fragen ab und zu noch, auf welche Toilette ich denn jetzt gehen würde, für Frauen scheint das keine Frage zu sein.

Bereit für die nächste Stufe?

Als ich also davon hörte, dass die Toilettenfrage für andere Transmenschen scheinbar die letzte soziale Hürde ist, dachte ich, mich kann nichts mehr aufhalten. Bis ich eines Tages dem Klettern im Unisport beiwohnte. Ich hatte mich schon mehrere Tage vorher für den Kurs angemeldet, aber bis zu dem Moment, an dem ich 2m vom Eingang der Frauenumkleide entfernt stand, hatte ich mir nie Gedanken ums Umziehen gemacht. Als ich die Frauenumkleide betrat, war diese wie erwartet leer, denn ich war gleich zum ersten Termin 17 Minuten zu spät. Meine Straßenkleidung ließ ich wie vorgesehen im abschließbaren Spind. Problematisch wurde es erst, als ich nach dem 3-stündigen Kurs wieder zurück in diesem Raum musste, um wieder ins Straßenoutfit zu gelangen. Denn jetzt war der Raum nicht mehr leer, sondern gefüllt mit mindestens vier weiteren Frauen. Und ohne dass ich das auch nur Sekunden zuvor geahnt hätte, kam plötzlich ein komisches Gefühl in mir auf. Ich kann es kaum näher beschreiben, als mit dem Begriff “Fehl am Platz”. Ich glaube, so schnell hatte ich mich noch nie zuvor umgezogen, war nach gefühlten 5 Sekunden aus der misslichen Lage entkommen und bin dabei wohl sichtlich panisch dem Raum entflohen.

Was war da passiert?

Ich konnte es nicht genau nachvollziehen, warum ich mich dort unwohl fühlte. Schließlich gehöre ich doch dort hin, bzw. wohin könnte ich sonst gehören? Die Männerumkleide war inzwischen so undenkbar geworden, dass ich eben das tat: Gar nicht erst daran denken.

Wo war also das Problem? Auf der Toilette geht es doch auch! Aber dort hat ja auch jede ihre eigene Kabine, außerhalb derer man sich komplett bekleidet begegnet. Doch auch für die Umkleide gilt: Die Frauen in diesem Raum ziehen sich doch schließlich nicht nackt aus, meist nicht mal unbedingt bis auf die Unterwäsche (Denn Klettern ist ein Sport, bei dem man nicht unbedingt schwitzt, wenn man das ganze mit viel Technik angeht und nicht zu sehr zum Schweiß neigt).

Man sollte dazu wohl wissen, dass ich zu dem Zeitpunkt im Kletterkurs nicht als transsexuell geoutet war – es ja auch jetzt nicht ausdrücklich bin – und es mit auch äußert schleierhaft ist, ob andere es mir ansehen oder nicht. Ich bin mir zumindest recht sicher, dass es in dem Kurs sicher schon nach dem ersten Termin welche gab, die es ganz sicher wussten, andere, die gar nichts ahnten, und ein paar, die zweifelten.

Neue Woche, neue Runde

Eine Woche später würde ich wieder hier sein, müsste mich wieder umziehen. Bis dahin sollte ich eine Lösung finden – oder zumindest das Problem! Vielleicht könnte ich es ja lösen, indem ich offener damit umgehe. Der Trainer hat eine Liste mit allen Emailadressen, ihn könnte ich anschreiben und ihn bitten, einen Text an alle Teilnehmer – am besten nur an alle weiblichen Teilnehmer, denn den Männern kann es ja egal sein – weiterzuleiten. Ich hatte sogar schon so einen Text formuliert, aber dann doch nicht abgeschickt.

“Als Transsexuelle habe ich keine Pflicht, mich zu rechtfertigen!”, sagte ich mir. “Ich lebe jetzt endlich als Frau, und wem das nicht passt, der kann ja woanders hin gehen. Ich bin und bleibe hier.” Soweit die Theorie.

Eine neue Woche kam, und ich war wieder zu spät zum Klettern. Das hatte den Vorteil, dass die Umkleide vermutlich wieder leer wäre. Das gab mir die nötige Sicherheit, mit großen Schritten hinein zu stürmen. Innen angekommen befand sich dann nur eine weitere Frau. Und sie stand splitterfasernackt vor mir. Offenbar werden die Duschen hier wirklich benutzt. Das war für mich in der Tat unerwartet, denn damals in der Schule kam nie jemand auf die Idee, nach dem Sport zu duschen, die Duschräume wirkten völlig deplatziert. Und nur weil mein Kurs schon vor 15 Minuten anfing, hieß das ja auch gerade nicht, dass kein anderer Kurs nun gerade zuende ist.

Panik vor der Panik

Es ging mir diesmal nicht besser als beim letzten Mal in der Umkleide. Ich drehte mich so, dass ich die andere nicht sah und sie mich nicht erkennen konnte. So war es eigentlich ausgeschlossen, dass sie an mir irgendetwas ungewöhnliches, etwas unweibliches, sehen konnte. Und wenn schon, was sollte sie tun? Ganz unterbewusst dachte ich: “Sie ist ja nun nicht in der idealen Position, um mich jetzt irgendwie zu attackieren, was soll mir schon passieren?”

Aber nun verstand ich endlich, warum diese Situation Panik in mir verursacht: Ich habe nicht Angst um mich, sondern Angst davor, dass ich den anderen Frauen Angst und Unwohlsein bereiten könnte. Nicht mehr und nicht weniger.

Um die Erzählung dieser konkreten Situation schon mal zu einem Happy End zu führen: Nachdem ich mich umgezogen und sie sich abgetrocknet hatte, trafen sich unsere Blicke und nach minutenlanger Stiller erkannten wir uns dann sofort: Sie war eine Bekannte, die zwar nicht in meinem Kletterkurs ist, die ich aber aus dem Studium kenne. Meine Transsexualität ist ihr wohl bekannt und stellt wohl für sie kein Problem dar, und auch diese Begegnung hat ihr scheinbar nicht das Geringste ausgemacht. Wir quatschten noch ein paar Minuten, dann verließ ich mit deutlich beruhigtem Gemüt den Raum.

Problem dennoch ungelöst

Von da an habe ich mich erst mal nicht mehr in die Gruppenumkleide “getraut” und mich mehrere Monate lang in einer Kabine der Damentoilette umgezogen. Wie gesagt, Damentoiletten zu betreten ist für mich absolute Normalität, und das lässt sich auch für andere Zwecke nutzen – zumal die Kabinen in der Sporthalle schön groß und sauber sind, und genug Kapazitäten vorhanden sind. Hier störe ich wohl niemanden. Aber kann das so weiter gehen? Muss ich mich so aus dem typischen Leben einer Frau ausschließen?

Das Thema ist für mich noch nicht abgeschlossen, wohl aber mein Bedürfnis, von meinen bisherigen persönlichen Erlebnissen zu berichten, die damit zusammen hängen. Das Dilemma hat mich (mal wieder) auf zugrunde liegende gesellschaftliche Zusammenhänge gebracht, die ich in einem meiner nächsten Blog-Posts näher beleuchten möchte. Mit etwas feministischer Theorie schaffe ich es vielleicht, die Freiheiten und Ängste von mir uns anderen Frauen in ein gerechtes Gleichgewicht zu bringen. Bis dahin… vielleicht triftt man sich ja mal auf der Toilette ;)

Wie die Ehe mir seit 9 Monaten den Kopf zerbricht

Eigentlich weiß doch jedes Kind, was eine Ehe ist. Mir ging das vielleicht ähnlich, auch wenn Ehe eigentlich nie ein Thema für mich war. Meine Eltern waren stets unverheiratet, meine Großeltern geschieden, und in meiner Generation ist es ja fast schon selbstverständlich, die Ehe abzulehnen.

Aber seit etwa einem dreiviertel Jahr versuche ich, die Ehe zu verstehen. Ich mache ich mir seitdem intensive Gedanken, nicht nur über die Ehe im engsten Sinn, sondern auch über  Familie und Elternschaft. Damit meine ich nicht nur die üblichen Gedanken, die viele zwischen 20 und 30 bekommen: “Wann finde ich den Partner für’s Leben? Werden wir heiraten? Werden wir Kinder bekommen und wenn ja, wie viele?” Ich gehe an das Thema eher im großen Stil und in abstrakter Weise heran.

Ich möchte hiermit einen Überblick über meine Gedanken und deren Entwicklung geben, und darüber, was meine daraus geschlussfolgerte Meinung ist. Spätere Blogeinträge werden Teilaspekte davon im Detail beleuchten.

Warum gerade jetzt?

Ich weiß nicht genau, was der konkrete Auslöser war, denn es gab viele Faktoren, die etwa gleichzeitig einsetzten (oder mir zu dem Zeitpunkt bekannt und bewusst wurden):

  • Meine erste Partnerin hat unsere langjährige Beziehung beendet und somit meine (unsere?) familiären Zukunftspläne durcheinander gebracht.
  • Zwei meiner Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten. Offenbar lieben sie sich, so wird das wohl auch der Grund für die Heirat sein.
  • Zwei andere Freunde gaben bekannt, bald zu heiraten, obwohl sie sich nicht lieben – zumindest nicht in dem Sinn, der sonst für eine Ehe üblich wäre. Vielmehr wollen sie damit die Absurdität der Ehe in Zeiten wie diesen aufzeigen.
  • Ich habe mich zu meiner Transsexualität und meiner lesbischen Orientierung bekannt und somit auch nach außen hin meine Aussichten auf Ehe und “eigene” Kinder (also genetische Nachfahren) deutlich verändert.
  • Dadurch setze ich mich auch endlich intensiver mit der Akzeptanz Homosexueller auseinander. (Ja, traurig dass ich damit erst anfange wo es mich selbst offensichtlich betrifft…)
  • Dabei erfahre ich: Mehr und mehr Länder haben die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, was vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.
  • Obwohl die “eingetragene Lebenspartnerschaft” in Deutschland ja angeblich fast identisch mit der Ehe ist, werden mir die riesigen Unterschiede im Adoptions- und Zeugungsrecht bewusst, und die teils absurden Begründungen dafür.
  • Die christliche (katholische) Kirche hat die allgegenwärtigen Veränderungen erkannt und sich im steigenden Ausmaß für die Ehe und gegen andere Familienformen ausgesprochen.
  • Ich setzte mich erstmals mit feministischen Theorien und Positionen auseinander und hinterfragte geschlechtliche Rollenmuster mehr als zu vor – was natürlich auch die Rollen in Ehen und Familien betraf.
  • Erneute Unterhaltungen mit meinem Vater über die (Un-)Gerechtigkeit von Sorgerechts- und Unterhaltsverteilungen zwischen Vater, Mutter und Kindern stimmten mich nachdenklich.

Ganz klar also, dass nicht ein einzelner dieser Faktoren mein Interesse genährt hat, sonder die Kombination all dieser.

Wenn nötig, lese ich sogar die Bibel

Normalerweise verstehe ich Zusammenhänge schnell, auch wenn sie neu für mich sind. Ich habe mich auch schon zu sehr daran gewöhnt, das Lesen des betreffenden Wikipedia-Artikels als Garant für das Verstehen des Zusammenhangs zu sehen. Die Ehe ist nun wirklich kein neuartiges Konzept, aber sie zu verstehen war gar nicht leicht für mich. Man kann sie nicht für sich allein betrachtet erfassen. Sie ist eng mit Familie, Elternschaft, Geschlechterrollen, Ansehen, sozialer Absicherung und so ziemlich jedem anderen gesellschaftlichen Thema verbunden. Heutzutage gibt es auch diverse Ausprägungen dieser Phänomene, die ohne Ehe funktionieren, aber meist nur so wirken wie eine geduldete Ausnahme zum Regelfall “Ehe”. Um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, komme ich wohl nicht umhin, die Ehe zu verstehen. Und umgekehrt gilt dies mindestens genau so sehr.

Dass ich zu einem so komplexen Thema, das so zentrale Wichtigkeit hat, kaum vernünftige Einstiegsliteratur gefunden habe, kann wohl nur daran liegen, dass es als bekannt voraus gesetzt wird. In meinem Wissensdurst habe ich sogar begonnen, in den aktuellen Veröffentlichungen der Kirche(n) und in der Bibel selbst zu recherchieren – vielleicht das erste Mal das ich freiwillig einen Blick dort hinein werfe. Es ist nicht so, dass Religiosität mir persönlich etwas bedeuten würde, aber die Ehe ist eben meist auch mit der Kirche verbunden, und wo sie es nicht ist, dort versucht die Kirche dennoch ihren Standpunkt einzubringen. Um die Ehe zu verstehen, werde ich also auch den kirchlichen Glauben und die darauf fußenden Argumente nachvollziehen müssen.

Respekt vor der Ehe heißt nicht, sie nicht zu kritisieren

Während meiner Recherche überkam mich schon bald die Überzeugung, dass unser althergebrachtes Ehe-, Familien- und Elternschaftsverständnis nicht mehr zeitgemäß und somit reformbedürftig ist. Damit meine ich nicht die Abschaffung! Aber zwischenzeitlich nahm mir das die Motivation, mich weiter mit dem Ist-zustand zu beschäftigen, lieber hätte ich gleich Kritikpunkte formuliert, und auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Aber es ist gar nicht so leicht, sich spontan etwas einfallen zu lassen, was besser ist als dieses uralte System, erst recht nicht, wenn man nicht mal jenes System komplett verstanden hat. Auch wenn vieles aus heutiger Sicht unpassend und ärgerlich erscheint, so ist es doch ein System von ausgesprochen durchdachter Perfektion. Daher hat sich auch in mir als angehende Ehekritikerin eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution aufgebaut. Aus informatischer Sicht ist die Ehe und das sie umgebende System quasi ein sehr effizienter, dezentraler Algorithmus, der die Gesellschaft global in eine feine, regelmäßige geordnete Struktur bringt. Das ist schon auf der formalen Ebene faszinierend.

Momente der Erkenntnis

Es hat also Monate gedauert, aber ich denke, ich bin nun so weit und habe es im Großen und Ganzen verstanden. Ich weiß nun, was die Ehe derzeit bedeutet, bzw. wie verschieden heutzutage die Bedeutung sein kann, die jeder einzelne Mensch hat, je nach Staatsangehörtigkeit oder Wohnort, nach Religion, nach Alter, nach sexueller Orientierung, nach politischer Einstellung, nach Erziehung und persönlichem Umfeld, nach Zugehörigkeit zu Interessengruppen, nach der persönlichen Einstellung zu und Erfahrung mit Beziehungen, etc. Jeder Mensch hat seine Sicht davon, und so hat es jede Gruppierung von Menschen und jedes Rechtssystem. Es gibt nicht die eine Definition von Ehe, die faktische Richtigkeit und/oder allgemeine, weltweite rechtliche Gültigkeit hätte. Es gibt vielleicht so was wie eine winzige Schnittmenge, ein quasi-globaler Konsens über die Bedeutung von Ehe.

Ich habe mir außerdem eine Theorie dazu gebildet, wie das Ehekonzept geschichtlich entstanden sein mag, welche Bedeutung es für die Entwicklung der Gesellschaft hatte und was von dieser Bedeutung noch übrig geblieben ist – und was nicht. Sicherlich gibt es dazu fundiertere Theorien als meine, nachlesbare Fakten und wissenschaftliche Analysen, etc. Wenn ich wirklich wissen wollte, wie das Konzept “Ehe” entstanden ist, hätte ich mich anders informieren müssen. Aber ich merke, wie im aktuellen Diskurs auf die Bedeutung der Ehe in der Vergangenheit Bezug genommen wird und wie oberflächlich dabei das Wissen ist, das die Sprecher haben und welches sie bei ihren Rezipienten voraussetzen. Ich habe das Gefühl, meine persönliche Theorie dazu ist detaillierter und realistischer als diese allgemeine Diskussionsgrundlage, und damit genügt sie mir zunächst.

Die Ehe, Randgruppen und ich

Und ich habe sogar eine gewisse Vorstellung davon, wie ich in dieses Konzept hinein passen könnte und möchte, bzw. wie sehr ich in das aktuelle Konzept eben nicht passe. Präoperative lesbische Transfrauen mit männlichem Personenstand und ausgeprägtem Kinderwunsch bilden eine wenig beachtete Minderheit.  Die derzeitige Gesetzeslage grenzt mich komplett aus dem “Kern unserer Gesellschaft” aus, was natürlich für mich einer der Hauptmotivatoren ist, um von einem besseren  System zu träumen.

Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich nun also endlich eine eine Meinung dazu gebildet, ob und wie dieses Konzept überarbeitet werden könnte und sollte. Nun, wo es schon jetzt viel zu viele Ausnahmen explizit behandelt, möchte ich natürlich nicht dafür eintreten, auch für Menschen in meiner Lage noch eine weitere Ausnahme einzuführen und dann gleich noch 523 weitere Regelungen für 523 andere Gruppierungen. Stattdessen müsste eine neue Denkweise her, eine die flexibel und allgemeingültig ist, und inklusiv für Menschen und Familien, die derzeit noch explizit excludiert und/oder benachteiligt werden. Diese Überlegungen stelle ich nicht nur aus eigensinnigem Zweck an, ich bin tief davon überzeugt dass ein Überdenken der Strukturen uns allen gut tun würde. Und nicht zuletzt ist es auch eine anspruchsvolle Herausforderung, mal auf dieser großspurigen Ebene kreativ zu gestalten.

Wie es weitergeht

So werde ich also in Zukunft in loser Folge zu Ehe- und Famlienrelevanten Themen bloggen. Ich hoffe, meine abstrakte Einleitung konnte den einen oder die andere neugierig machen auf das, was bald noch kommt, und erlaubt mir dann jeweils gleich zum Punkt zu kommen und für die einleitenden Worte einfach nach hier zu verweisen.

Die Vornamensänderung und ihre kaum zumutbaren Umstände

Worum es geht – kurz gefasst:

  • Warum ich eine Vornamensänderung dringend brauche.
  • Was dazu zu tun ist, insbesondere das Gutachterverfahren.
  • Was an diesem Verfahren alles dumm, gefährlich, demütigend, überflüssig und skandalös ist.
  • Wie es außerdem die teils dringend nötige psychologische Betreuung von Transsexuellen untergräbt.
  • In welchen Konflikt mich das nun bringt.

Die aktuelle Lage

Ich bin Lena Schimmel. Ich bin Mitglied der Gesellschaft für Informatik und Sprecherin von deren Studierendengruppe Braunschweig, bin Kundin bei Amazon und Ebay, habe Profile bei Facebook, Xing und Last.fm, bin zur Nutzung von Packstationen berechtigt, habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag und mir gehören sogar ein paar Prozente des Unternehmens das mich beschäftigt. Offenbar stehe ich mitten im Leben.

Aber man findet mich in keinem Melderegister, ich habe keinen Personalausweis, es gibt mich nicht in den Unterlagen der Universität an der ich studiere, so dass sie mir auch keinen Studentenausweis mit Semesterticket ausstellt, ich habe kein Girokonto, keine Wohnung, keine Geburtsurkunde, keine Bahncard, und habe keine Zeugnisse. Die gehören alle meinem alten Ich. So ähnlich geht es vielleicht auch “illegalen Einwanderern” die ebenfalls keine Papiere haben – wobei das ein ungerechter Vergleich ist, denen geht es mit Sicherheit noch um ein Vielfaches schlimmer. Trotzdem.

Zum Glück habe ich den Ergänzungsausweis der DGTI, der mir bescheinigt, dass mein altes und mein neues Ich sich all diese schönen Dinge teilen dürfen, weil wir die selbe Person sind. Dieses Dokument sieht nicht schön aus, es ist kein offizielles Ausweisdokument, es ist relativ unbekannt, und wer es überhaupt akzeptiert tut dies entweder aus gutem Willen oder weil er denkt, er wäre dazu verpflichtet. So oder so ist das Teil unbeschreiblich hilfreich im Alltag, es gibt einem das gute Gefühl, wirklich zu existieren. Von den Errungenschaften, die ich als Lena inzwischen als “mein” bezeichnen kann, wäre gut die Hälfte ohne dieses Dokument gar nicht möglich gewesen. Aber es hat offensichtlich seine Grenzen. Wenn es jemand nicht akzeptiert, bleibt mir nur zu sagen: “Na dann eben nicht. Ich komm dann in ein paar Jahren nochmal vorbei.”

Der nächste Schritt

Natürlich wäre es schön, von allen Seiten her rechtlich als Lena Schimmel akzeptiert zu werden. In Deutschland besteht diese Möglichkeit durch eine Vornamensänderung. Andere Menschen zahlen für so etwas – abhängig von ihrem Wohnort – ein paar hundert Euro oder weniger, und müssen relativ wenig Aufwand dafür aufbringen. Natürlich fällt ein wenig formaler Papierkram an, aber wo kämen wir denn ohne das auch hin in unserer Bürokratie?

Von Transsexuellen wird jedoch noch mehr verlangt. Da wären zum einen Kosten für die Gutachten, die sich auf mehrere Tausend Euro belaufen können. Die jucken mich derzeit wenig, mein Verdienst ist gering genug um diese Kosten per Prozesskostenhilfe zu decken. Sprich: der Staat bzw. der Steuerzahler kommt dafür auf. Sicherlich eine Steuerverschwendung, für die ich aber kein schlechtes Gewissen haben muss, sondern jene, die sich dieses komplexe Verfahren ausgedacht haben.

Aber selbst wenn ich das selbst zahlen müsse: Was sind schon ein paar Tausend Euro im Vergleich zur Aufgabe der persönlichen Würde? Und die ist durch das Gutachterverfahren ernsthaft gefährdet.

Was ist das Ziel?

Bevor ich nun den Sinn oder Unsinn der Gutachten bespreche, muss man sich doch erst mal fragen: Worum geht es eigentlich?

Es geht hier nur darum, ob eine Person ihren Vornamen ins andere Geschlecht ändern darf und von da an rechtlich in jenem Geschlecht anerkannt ist. Das mag zwar eine große Sache sein, aber immerhin ist dies komplett unabhängig von medizinischen Maßnahmen. Die Frage, ob eine Person eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operation erhalten soll/darf/muss ist nicht Thema dieses Gesetzes. (Bis Januar 2011 bestand allerdings noch ein Sterilisationszwang, der nun zum Glück passé ist.) Die Trennung von rechtlichen und medizinischen Maßnahmen ist ein hohes Gut – wenn auch leider immer noch kein real vorhandenes, wie man später sehen wird.

Das Risiko einer fälschlicherweise zugestandenen Vornamensänderung ist gut kalkulierbar: Wenn der Antragsteller nach einigen Jahren bemerkt, dass ihm der alte Vorname besser gefiel, dann würde er einen erneuten Antrag stellen. Bei diesem Risiko könnte man es wohl vertreten, das Begutachtungsverfahren entfallen zu lassen – und damit würden im Worst-Case der zweifachen Änderung jeweils wenige hundert Euro an Kosten entstehen, und somit immer noch weniger als nun zur Verhinderung jenes Worst-Case aufgewendet wird.

Die rechtliche Grundlage für die Begutachtung ist dünn bzw. unkonkret, denn das “Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG)” sagt in §4 Absatz 3 dazu nur:

“Das Gericht darf einem Antrag nach § 1 nur stattgeben, nachdem es die Gutachten von zwei Sachverständigen eingeholt hat, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrung mit den besonderen Problemen des Transsexualismus ausreichend vertraut sind. Die Sachverständigen müssen unabhängig voneinander tätig werden; in ihren Gutachten haben sie auch dazu Stellung zu nehmen, ob sich nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird.”

Es besagt also, was sie auch begutachten sollen. Der Hauptzweck der Begutachtung wird nicht explizit mit der Begutachtung in Verbindung gebracht, aber mit etwas Verstand lässt sich schließen, dass es wohl um die Sicherstellung der Bedingungen in §1 Absatz 1 Punkt 1 und 2 gehen muss:

(1) Die Vornamen einer Person sind auf ihren Antrag vom Gericht zu ändern, wenn
1.    sie sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben,
2.    mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird [, und]

Was passiert im Begutachtungsverfahren?

Was die Gutachter nun genau tun, um dies sicherzustellen, lässt das Gesetz offen. Ich habe das ja alles noch vor mir, kann daher nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber man hat ja so seine Quellen. Ich muss zugeben, dass ich mich hier sehr selektiv auf Negativbeispiele stütze, die nicht ganz repräsentativ sind. Andererseits handelt es sich auch nicht um seltene Einzelfälle, sondern durchaus um einen Teil des Üblichen.

In der Praxis üblich ist dabei mehr als nur ein Seelen-Striptease (und auch das wäre ja schon viel verlangt):

  • Der Gutachter prüft und notiert was der Antragsteller für Kleidung trägt und ob diese seinem persönlichen (Klischee-)Bild eines Mannes oder einer Frau entspricht.
  • Der Antragsteller soll den Gutachtern Auskunft über sein gesamtes Leben geben, und dabei jedes Detail erwähnen, das irgendetwas mit (Trans-)Sexualität zu tun hat. Dass man “Sexualität” und “Transsexualität” überhaupt in einen Topf werfen kann, ist dabei rein sprachlicher Natur, da die sexuelle Identität bekanntlich nichts mit der sexuellen Orientierung oder sexuellen Vorlieben zu tun hat. Dennoch sind sehr detaillierte Fragen zur Selbstbefriedigung, zum Geschlechtsverkehr mit anderen, zu sexuellen Phantasien und Abweichungen von der sexuellen Norm sehr üblich. Für die meisten Menschen dürfte dies der privateste Teil ihres ganzen Leben sein, den sie nun offenlegen müssen.
  • Es muss eine schriftliche Antragsbegründung vom Antragsteller abgegeben werden. Obwohl das Gesetz nur eine Rechenschaft über die letzten drei Jahre verlangt (oben zitierte §1 Absatz 1 Punkte 1 und 2), fordern die Gerichte ebenfalls einen kompletten Bericht inklusive der Kindheit, in dem auf die psychosexuelle Entwicklung eingegangen wird. Es wird vom Gericht explizit auch nach der Bedeutung von Eltern und Geschwistern gefragt.
  • Der Antragsteller wird bei der Begutachtung gebeten, sich zu entkleiden und körperlich begutachtet. Dabei sind die bestellten Sachverständigen praktisch immer psychogisch ausgebildete Personen, deren Fähigkeit zur körperlichen Überprüfung zweifelhaft ist. Was die Beschaffenheit des nackten Körpers darüber aussagt, ob der Antragsteller sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, ist auch schleierhaft.
  •  Während es für viele Menschen relativ normal ist, sich bei einem Arzt zu entkleiden, muss man bedenken, dass die meisten Transsexuellen ihren Körper in seiner falschen Geschlechtsform hassen. Und die Begutachtung findet in vielen Fällen noch vor medizinischen Maßnahmen statt, die dem Abhilfe schaffen. Die Abneigung geht häufig so weit, dass seit vielen Jahren kein anderer Mensch mehr einen Blick auf die nackte Haut bekommen hat, sogar die Betroffenen selbst können oft nicht mehr in den Spiegel schauen oder duschen z.B. im Dunkeln. Sich nun nackt zu präsentieren ist extremer Stress, kurz davor, kurz danach oder sogar gleichzeitig über Details des Sexuallebens sprechen zu müssen verschärft die Lage.
  • Die oben geschilderte Situation stellt also für den Antragsteller evtl. schon ein missbrauchsähnliches Erlebnis dar. Doch damit nicht genug, tätlicher sexueller Missbrauch, mal mehr und mal weniger gut als “notwendiger Schritt zur Diagnose” getarnt, ist angeblich in dieser Situation nicht selten. Wer einen starken Magen hat, kann sich hier Berichte über solchen Missbrauch durchlesen.
  • Die beiden Psych* (von hier an verwende ich die Abkürzung “Psych*” als Oberbegriff für Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater und für die daraus zu bildenden Adjektive), welche die Gutachten erstellen, dürfen ausdrücklich nicht jene sein, welche den Antragsteller dauerhaft psych* betreuen. Und auch wenn das “Gesetz über die Änderung der Vornamen…” nichts über eine dauerhafte Betreuung sagt, gibt es andere Regeln die jeden Transsexuellen zur Dauerbetreuung zwingen, ob er diese nun will bzw. braucht oder nicht. Die Trennung zwischen Betreuern und Gutachtern ist extrem sinnvoll – wird aber dadurch zunichte gemacht, dass die Gerichte verlangen, dass der Antragsteller alle betreuenden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbindet. Auch das wird durch das Gesetz nicht gerechtfertigt. (Mehr dazu im nächsten Textabschnitt)
  • Es sind auch Fälle bekannt, in denen die Gutachter (teilweise auch erfolgreich) versucht haben, den Antragsteller zu unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen zu zwingen, welcher dieser nicht wollte. (Ich glaube, darum geht es in diesem langen Text, den ich aber wegen der Länger, Formulierungsweise und unübersichtlichen Formatierung nicht in seiner Gänze gelesen und verstanden habe.)
  • Gesetzt den Fall, dass dem Antrag zugestimmt wird und der Vorname geändert wird, erhält der Antragsteller einen Gerichtsbeschluss, den er von da an bei unzähligen weiteren Ämtern, Firmen und ggf. Privatpersonen vorlegen muss, um seine Namensänderung zu belegen. Doch auf genau diesem Beschluss werden oft sehr private Details aus dem Begutachtungsverfahren aufgeführt. Wer also z.B. den Name auf seinem Führerschein aktualisieren lassen möchte, muss dann der Fahrerlaubnisbehörde ein Dokument übermitteln, welches über seine sexuelle Vorlieben und (sexuell) einschneidende Erlebnisse in der Kindheit berichtet.

Meine Meinung zur Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht

Ich konnte mir es an vielen stellen nicht verkneifen, schon während der Aufzählung auszudrücken, wie wenig ich von den gängigen Methoden halte. Manche Punkt stehen schon ohne Kommentar als abschreckendes Beispiel da. Aber einen Punkt möchte ich nochmal gesondert hervorheben, da er auf den ersten Blick harmloser erscheint, als er ist: die Entbindung der betreuenden Psych* von der ärztlichen Schweigepflicht.

Transsexualität ist kein psychisches Leiden, insbesondere kann sie niemals auf psych* Wege geheilt werden. Die beste Näherung an eine Heilung ist durch medizinische Maßnahmen möglich, die den Körper an das Identitätsgeschlecht angleichen. Dennoch gibt es viele Gründe für Transsexuelle, um sich einem Psych* anzuvertrauen, denen man sich bewusst sein muss, um die Problematik zu verstehen:

  • Theoretisch können andere psychische Leiden sich ähnlich wie eine Transsexualität bemerkbar machen. Diese sind dann aber psychisch und nicht körperverändernd zu beheben.
  • Durch die lange Zeit im falschen Körper und die Probleme, die erwartete Geschlechterrolle zu erfüllen, kann über die Jahre viel Leid auf die Betroffenen einwirken und somit psychische Probleme verursachen.
  • Die Umstellung des gelebten Geschlechtes im Alltag führt oft zu Ablehnung durch Familie, Bekannte und das Arbeitsumfeld. Dadurch entstehen besondere psychische Belastungen, bei denen ein Psych* hilfreich sein kann.
  • Im Rahmen der Hormonumstellung kommt es oft zu Veränderungen des Gefühlshaushaltes, die mit professioneller Begleitung besser überstanden werden können.
  • Auch kann der Erfolg der körperlichen Maßnahmen schlechter ausfallen als man sich das zunächst erhofft hatte, was wiederum zu Krisen führen kann.
  • Um die Hormontherapie und/oder angleichenden Operationen zu erhalten ist eine Diagnose eines Psych* notwendig. Behandlungsrichtlinien erzwingen hier eine längerfristige Betreuung mit Hinweis auf die eben genannten Vorteile – allerdings auch für die Patienten, welche auch gut ohne diese auskommen würden.
  • Der oben erläuterte Prozess der Vornamensänderung erfordert Zwingend die Gutachten zweiter Psych*.

Der Bedarf von transsexuellen Menschen an psych* Hilfe wird einem vielleicht klar, wenn man sich bewusst macht, dass bis zu 70% jener, die angleichende Maßnahmen erhalten, zuvor mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Wer weiß, wie hoch die Anzhal jener ist, die sich wegen ihrer Transsexualität umgebracht haben, noch bevor diese Ursache diagnostiziert wurde? Man kann es nur erahnen… aber all das macht klar, dass mit dem tatsächlichen Hilfebedarf dieser Menschen nicht zu scherzen ist und dass man nichts unternehmen sollte, was die Erfolgschancen dieser Hilfen mindert.

Hier also endlich die Kernaussage dieses Posts:

Ein Patient, der sich vom Psych* seines Vertrauens ernsthafte Hilfe bei der Bewältigung seiner Probleme erhofft, sollte die volle Freiheit darüber haben, was er diesem anvertraut und was nicht. Normalerweise wäre das auch erfüllt. Durch die Begutachtungspraxis der Vornamensänderung weiß der Patient aber: jedes Problem, von dem er seinem betreuenden Psych* berichtet, wird später einmal den Gutachtern und dem Gericht bekannt, und wird über das Gerichtsurteil vielleicht noch weiter in die Welt gestreut. Das ist schon unangenehm genug, aber vor allem muss der Patient damit rechnen, dass mit Bekanntwerden der Thematik der Gutachter einen Grund findet, um der Vornamensänderung zu widersprechen.

Oft kommt es dann zur Umkehr von Ursache und Wirkung: Ein Patient ist transsexuell, wird deswegen vom Umfeld abgelehnt, leidet psychisch darunter, und letztlich wird ihm seine Transsexualität abgesprochen, weil sie angeblich nur ein Ergebnis seiner psychischen Probleme wäre. Auch wenn der Gutachter, der einem später vielleicht einmal zugeteilt wird, diesen Fehlschluss nicht tun wird: schon bei Beginn des  Gesprächs mit dem betreuenden Psych* muss der Patient Angst davor haben. Somit werden nur noch Symptome preisgegeben, die eindeutig auf die Transsexualität hinweisen. Alles, was mit viel Phantasie dagegen sprechen könnte, wird verschwiegen und bleibt unbehandelt.

Was soll ich nun ganz konkret tun?

Für mich ist diese Frage hochgradig akut. Ich werde in wenigen Tagen den Antrag auf Vornamensänderung stellen.

Wenn ich das tu, und dabei die Anforderungen einhalten muss, muss auch ich drei Psych* von ihrer Schweigepflicht entbinden. Ich weiß noch in etwa, was ich diesen bisher über mich erzählt habe. An jedes Detail kann ich mich natürlich nicht erinnern. Da ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass diese Schweigepflichtentbindung auf mich zukommen würde, habe ich vermutlich Dinge gesagt, die zwar Wahrheitsgemäß sind, aber eigentlich nichts in der Entscheidung über meine Vornamensänderung verloren haben. Und vor allem weiß ich nicht, was ich in zukünftigen Sitzungen noch bereden werde. Ich fühle mich derzeit psychisch absolut gesund, den “Behandlungserfolg” meiner Sitzungen zu gefährden ist leichtes Spiel für mich, da es nichts zu behandeln gibt. Aber ich kann nicht wissen, welche psychischen Probleme sich in den nächsten Monaten noch ergeben. Wenn ich jetzt die Entbindung unterzeichne, setze ich die Freiheit und Qualität meiner Behandlung in Zukunft aufs Spiel.

Ihr wisst ja, was ich von meiner Privatsphäre allgemein halte, und wie sehr ich mich davon verabschiedet habe, seit ich transsexuell bin und mich dazu berufen sehe, eine öffentliche Referenz für andere zu sein. Aber unabhängig davon, was dieses irsinnige Gutachterverfahren für mich konkret bedeutet, unterwerfe ich mich einer Regelung, die in keinem Gesetz steht, und stimme ihr somit zu. Ich sage “Ist o.k., ihr könnt meine gesamte psychische Krankengeschichte lesen, denn ich bin ja gar nicht psychisch krank.” und bedeute damit ein Stück weit auch, dass es generell o.k. wäre, so zu verfahren.

  • Ich könnte die Schweigepflicht aufrecht erhalten. Wenn ich keine Entbindung davon beilege, würde sie wohl nach gefordert werden, so als hätte ich sie ganz versehentlich vergessen. Ich könnte auch explizit hineinschreiben, dass ich keine derartige Freistellung wünsche, und abwarten, was passiert. Schlimmstenfalls wird mir wegen mangelnder Mitwirkung der Antrag abgelehnt und Lena Schimmel bleibt nach wie vor eine Phantombürgerin. Das will ich natürlich nicht.
  • Ich könnte dem Gericht schreiben “Ich entbinde die Ärzte X, Y und Z von ihrer Schweigepflicht” und nebenbei mit denen private Nebenabreden vertraglich schließen, die besagen “Die Fakten A,B und C bleiben geheim, auch wenn eine generelle Entbindung von der Schweigepflicht stattgefunden hat.” Ob die sich auf so ein Heckmeck einlassen, ist natürlich eine andere Frage. Keine realistische Alternative.
  • Ich könnte Klage erheben um zu erwirken, dass das Gericht nie wieder solche Entbindungen von der ärztlichen Schweigepflicht für Vornamensänderungen verlangt. Das würde Jahre dauern, vielleicht würde mein Antrag die ganze Zeit ruhen und ich verbaue mir selbst das Ziel, möglichst schnell rechtlich anerkannt zu werden.
  • Vielleicht könnte ich auch gute Miene zum bösen Spiel machen, mein recht auf informationelle Selbstbestimmung zum Teufel schicken weil es mir selbst eigentlich gar nicht so viel ausmacht und der Vorteil überwiegt, und mich nachher immer noch gegen diesen Mist einsetzen. Aber mal ehrlich, habe ich dann wirklich noch den nötigen Antrieb dazu?

Wie ich es auch mache, ich mache es falsch. Aber das ist eine der Erkenntnisse der letzten Jahre, mit denen ich mich abgefunden habe. Es wird mich nie wieder davon abhalten, das zu machen, was gemacht werden muss. Und ansonsten weiß ich ja auch, dass es im Schnitt alles nicht ganz so schlimm läuft, ich bin ja nach wie vor Optimistin. Aber vor jedem Schritt muss man ja wissen, was alles passieren kann und sich fragen, ob man mit den Konzigwensen umgehen kann. Ich kann.

Die Öffentlichkeit des Privaten: die Konsequenz für mich als Transsexuelle

Als ich begann, diesen Text zu schreiben, fing ich mit einem Vorwort über die gesellschaftliche Situation an, das sich zu einem eigenen Beitrag entwickelt hat, der nun hier zu finden ist. Irgendwie habe ich darin noch über ein paar technische Überleungen den thematischen Bogen zu meinem (unfertigen) Lebenswerk Cubenet geschafft. Man sieht, alles in meinem Leben hängt irgendwie grob zusammen. Nun aber zum privaten Aspekt, und warum ich den nicht mehr privat halte:

Stufen der Geheimhaltung

Gewöhnlich hat man wohl verschiedene Kreise der Privatheit. Ich nummeriere diese mal kurz durch, um mich anschließend einfacher darauf beziehen zu können:

  1. Worüber man öffentlich, z.B. im WWW oder im Fernsehen, berichtet
  2. Worüber man mit jedem offen redet
  3. Worüber man mit Freunden spricht
  4. Worüber man nur mit den aller vertrautesten Personen spricht
  5. Worüber man mit niemandem spricht
  6. Worüber man nicht mal bewusst nachdenkt

Meine Transsexualität, die mir irgendwie schon seit 16 Jahren bewusst ist, war trotzdem die gesamte Zeit über auf “Geheimhaltungsstufe 6″. Ich wusste, das da etwas ist, aber dieses Wissen hat es mit sehr wenigen Ausnahmen nicht mal in Selbstgespräche oder mein Tagebuch geschafft. Viel privater und geheimer kann etwas nicht sein. Der Gedanke, dass irgendwer davon erfährt, war an sich schon undenkbar. Es hätte das Ende bedeutet, was auch immer das bedeuten mag…

Im kurzen Zeitraum von April bis Mai 2011 hat sich dieses Thema zügig von “Stufe 6″ auf “Stufe 1,5″ hochgearbeitet. Sobald ich mich wagte, darüber aktiv nachzudenken, habe ich etwas in Gang gesetzt, das zur Umsetzung führen würde, also zur öffentlichen Transition. Jeder Mensch auf der Welt könnte mich draußen als Frau antreffen, das ist schon sehr öffentlich. Jedem, der aufmerksam genug hinsieht, würde ich auf stille Weise kommunizieren: “Ich bin transsexuell”.

Ist öffentlich gleich öffentlich?

Aber wie öffentlich ist das wirklich? “Ich bin transsexeuell” erschien mir lange als eine sehr schwergewichtige Information, ein großer Brocken, für den es gewiss viel Mut bräuchte, um ihn in die Öffentlichkeit zu zerren. Aber letztlich ist es auch eine triviale Information, die sich in ein paar Zeichen verkürzt darstellen lässt: “Ich=TS”. In 6 Byte kann schon Informationstheoretisch nicht viel Wissen drin stecken. Alle Details, all das was mich als Mensch und meinen Werdegang wirklich ausmacht, lässt sich anhand dessen nur sehr grob erahnen.

Ich habe deshalb mein Coming-Out mit einem etwas längeren Text begangen, nämlich über 12.000 Zeichen, worin auch die Aufforderung an meine Freunde enthalten war, mich nach Details zu fragen, sowie eine genaue Beschreibung dessen, wie öffentlich das nun alles sein soll:

“Ihr könnt mir jederzeit Fragen stellen, wobei folgendes Prinzip gilt: Ihr dürft mich fragen was immer ihr wollt, ich nehme keine Fragen per se übel. Ich werde die meisten Fragen offen und ehrlich beantworten, aber behalte mir natürlich auch als Transsexueller ein gewisses Maß an Privatsphäre vor. (…) Du kannst übrigens auch gerne mit jedem anderen im Raum Braunschweig über das Thema bzw. über mich sprechen. (…) Globaler als in Braunschweig möchte ich das Thema noch nicht verbreiten, also bitte ich euch alle inständig, zunächst mal keine “auffälligen” Dinge über Facebook, StudiVZ und Co. zu verbreiten. Das kommt zu gegebener Zeit noch, aber bitte nicht jetzt.”

Damit habe ich die Öffentlichkeit auf Stufe 3 oder sogar 2 gelegt, aber auch ganz klar nicht auf Stufe 1.

Eine Transfrau kann natürlich nicht ohne weiteres mit männlichen Onlineprofilen durch’s Web ziehen, und als ich nach ein paar Wochen meinen Facebook-Account und wenig später auch den bei StudiVZ umstellte, war klar, dass meine Transsexualität für immer auch online verbucht sein würde. Damit war meine Transsexualität auf Stufe 1 angelangt, aber noch lange nicht alles gesagt. Ich wusste nicht, wie sehr ich mein Facebook-Account nun mit diesem Thema “zuspammen” sollte.  Die Details waren nicht online. Und die allermeisten Menschen würden nun sagen: “Richtig so, da gehören sie ja auch nicht hin.” Wenn ich selbst die Details meiner transsexuellen Entwicklung – vielleicht das privateste was ein Mensch haben kann – online ausbreite, dann schaffe ich ja quasi meine Privatsphäre ab.

Will ich es riskieren, nichts privates mehr zu haben?

Ja, ich will, ich muss. Eigentlich wusste ich das von Anfang an.

Die Anfänge – ich meine nicht die echten Anfänge, damals als ich 11 war, sondern den April 2011 – waren eine stürmische Zeit. Ich setzte mich hin und entschloss mich, endlich über meine geschlechtliche Identität nachzudenken. Um mein jahrelang unterdrücktes und dadurch festgefahrenes Denken etwas in Schwung zu bringen, surfte ich im Netz und suchte ganz bewusst Berichte von anderen, denen es ähnlich geht oder ging. Ganz am Anfang wusste ich nicht mal genau, wo nach ich gerade suche, surfte ein wenig hier und da herum, uns stieß zunächst auf die “Teilzeitfrau” Jula und ihre Website. Von da aus dauerte es nicht lange, bis ich auf Svenjas Blog stieß.

Svenja ist transsexuell und hat ihren Weg vom ersten ersten Tag an akribisch, schonungslos offen aber auch mit viel Humor online dokumentiert. Ach, ich brauche das ganze gar nicht wortreich umschreiben, lest einfach diesen Zeitungsartikel über ihren Blog in den Kieler Nachrichten, oder schaut direkt in ihren Blog: Svenja-and-the-City. Darüber, was Svenjas Blog für mich persönlich bedeutete und möglich machte, werde ich in Kürze noch ausführlich berichten…

Solche Frauen braucht das Land!

Transsexuelle, die ihre privatesten Details nach außen kehren, leisten einen unbeschreiblichen und unbezahlbaren Dienst für andere, die ihren Weg noch vor sich haben. Vom Bewusstwerden und Akzeptieren über das Coming-Out und die Transition, nichts von alle dem erscheint auch nur annähernd machbar bevor man nicht jemanden sieht, der es getan hat. Ich hätte so gerne etwas getan, um etwas dankend an Svenja zurück zu geben. Mir wurde aber bewusst, dass ich nicht viel tun kann für Svenja, dafür aber viel für andere. Ich schrieb ihr eine lange Mail, voll von dankenden Worten, aber auch mit dem Versprechen: Auch ich werde meinen Teil beitragen, ich werde einen Teil meiner Privatheit aufgeben um anderen ein Vorbild, eine Stütze, eine Inspiration oder ein Hoffnungsschimmer zu sein.

Aber Vorsätze sind immer leichter gesprochen als umgesetzt. Ich hatte zwar schon einen lauffähigen Blog, den ich nur noch mit neuen Inhalten füllen musste, sowie mit einem neuen Banner, um den alten Namen loszuwerden. Aber irgendwas hielt mich zurück. Auch wenn doch nun praktisch alle wissen, dass ich transsexuell bin, und ich mit praktisch jedem darüber spreche: darüber zu schreiben ist schwierig. Verdammt schwierig. Vielleicht bin ich auch einfach nicht die richtige Person, um darüber zu bloggen, und sollte mich lieber anders nützlich machen?

Alternativen zum Blog

Inzwischen kannte ich auch viele amerikanische Seiten über Transsexualtiät. Manche sind ebenfalls chonologisch geordnete Blogs, andere sind klar strukturierte Webseiten mit sachlichen Informationen, manche mischen beides. Vielleicht läge mir das eher? Aber schon jetzt gibt es viel zu viele solche Seiten, jede für sich ist wertvoll und unverzichtbar, aber ihrer Gesamtheit sind sie ein heilloses Chaos, über das niemand einen Überblick bewahren kann. Und jede der Infoseiten für Transsexuelle hat ihre Themenschwerpunkte, stellt die Meinung oder Erfahrung von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen dar, und viele werden auch seit Jahren nicht mehr aktualisiert. Die Autoren und Autorinnen haben verständlicherweise irgendwann andere Lebensschwerpunkte als ihre Transsexualität.

Der einzige Weg, wie ich die Lage verbessern könnte, wäre vielleicht ein Wiki. Hier könnte es eine zentrale Informationsquelle geben, die von vielen Bearbeitet wird, wo einerseits jeder sein persönliches Wissen einbringen kann, und andererseits auch Informationen von anderen Seiten gesammelt und zusammengefasst werden können. Ein Wiki über Transsexualität und verwandte Themen aufzusetzen, mit ersten Inhalten zu füllen, und dann zu moderieren, das könnte mein Beitrag für eine bessere Welt für Transsexuelle sein…

Nun, ich war nicht untätig. Ich kann sogar wohl behaupten, schon über 100 Stunden in besagtes Wiki investiert zu haben, welches nun kurz davor ist, veröffentlicht zu werden. Dazu gibt’s dann natürlich auch die entsprechende Ankündigung hier im Blog, wenn es soweit ist. Aber ich werde mich jetzt aber nicht auf ein Datum festlegen!

Und doch wieder der Blog

Erstaunlicherweise ist aber nun doch mein Blog schneller gewesen, und enthält nun erste Beiträge von mit, die sich mit Transsexualität auseinandersetzen. Ich habe endlich wirklich Stufe 1 erreicht. Ich habe langsam auf Facebook eine Balance gefunden zwischen meinen Interessen (Programmierung, Geektum, Fotografie, Transsexualtiät, Politik, Queerness, Feminismus…) und so auch eine neue, gemischte Richtung für meinen Blog gefunden, wie ich hier berichtet habe. Bis vor wenigen Tagen ging das nicht sehr in die Tiefe, und vor allem wusste wohl niemand, dass ich nach einem Jahr Pause wieder aktiv blogge.

Vorgestern passierte es dann, dass Janet Mock über Facebook ihren neusten Blogpost ankündigte. Sie ist eine extrem sichtbare Persönlichkeit in den USA, eine Transsexuelle die ihr Leben per Blog und Podcast beschreibt, auf Konferenzen Vorträge hält, ständig in den Medien ist… ein echtes Vorbild an Öffentlichkeit. Sie ist sicher für tausende von Amerikanern das, was Svenja für mich und viele andere deutsche ist. Was ich bis vorgestern nicht wusste: Sie ist erst seit weniger als einem Jahr an der Öffentlichkeit. Davor hat sie Jahre lang “stealth” gelebt, also so, dass nur ihre engsten Vertrauten von ihrer Transsexualität wussten. Sie ist innerhalb weniger Monate zu einer kraftgebenden Leuchtgestalt für so viele Menschen geworden, wie kaum jemand anders.

Und sie hat mich daran erinnert, dass ich das auch sollte. Sie hat mich an mein “Versprechen” gegenüber der Welt erinnert, dass ich Svenja gegenüber geäußert habe. Sie hat mich daran erinnert, mal wieder in Svenjas Blog zu schauen. Dort heißt es:

“Meine Personenstandsänderung war das letzte TransThema in meinem Blog. Es gibt im Blog keine Andeutung meiner Vergangenheit mehr.”

Das Klingt so, als wird dort ein Job frei… Ich kann nicht genau das tun, was Svenja getan, weil mein Leben ein völlig anderes ist. Ich kann nicht genau das tun, was Janet tut, weil ich nicht so sein kann wie Janet ist. Aber ich kann mein bestes tun. Mein Blog mit seinen viel zu langen Texten wird nicht die Welt retten. Mein Wiki wird es nicht. Aber es sind zwei Puzzle-Stückchen, weitere werden folgen, wenn ich dazu bereit bin. Und Menschen wie Svenja, Janet, Jula, Claudia, Jeanette, Madeline, Lynn, Lannie, Balian und viele andere werden mich durch ihr Werk regelmäßig daran erinnern, mich selbst zu prüfen. Das heißt, ab und zu nachzusehen, ob ich inzwischen genug Erfahrung, Weisheit, Kraft, Motivation, Mut und Zeit gesammelt habe, um ein weiteres Puzzlestück beizutragen.

Die Öffentlichkeit des Privaten: Mein Projekt “Cubenet” in der gesellschaftlichen Perspektive

Wer online sein will, muss sich gut überlegen, wie er online sein will. Denn offline ist er nie wieder.

Zu diesem Thema könnte ich nun technisches, politisches oder persönliches Schreiben. Dies ist der erste von zwei Beiträgen dazu, und er erfasst eher den gesellschaftspolitischen und den gesellschaftlichen und technischen Aspekt. Und irgendwie kommt auch ein lange vergessenes Projekt wieder zum Vorschein…

Neue Ausmaße von Offenheit und Verschlossenheit im Netz

Die einen posten bei Facebook und anderen social networks quasi sekundenaktuell jede private Befindlichkeit, egal ob banal oder weltbewegend, und schaffen damit ein detailliertes digitales Abbild ihres Lebens, das für jeden Abrufbar ist und bleibt. Die anderen haben so viel Angst vor den Datenkraken, dass sie entweder gar nicht erst beitreten (obwohl sie ja teilweise irgendwie gerne würden…) oder aber beitreten und dann mit völlig sinnbefreiten Pseudonymen, ohne Profilfoto und ohne Inhalte einen unpersönlichen, leeren Datensatz schaffen. Natürlich gibt es löbliche Zwischenabstufungen, aber die Extreme überwiegen. Und das Thema der digitalen Privatsphäre wird thematisiert wie nie zuvor.

Ein scheinbares Paradoxon am Beispiel der Piratenpartei

Dieses digitale Dilemma hat in den letzten Jahren der Piratenpartei viel Beachtung eingebracht. Dass sich die Partei und ihre Mitglieder einerseits für politische Transparenz aber andererseits für privaten Datenschutz einsetzen, erscheint der breiten Masse nach wie vor unverständlich oder gar widersprüchlich. Wenn sich dann dennoch einzelne Mitglieder freiwillig dazu entscheiden, große Teile ihres Privatlebens im Netz zu dokumentieren, ist die Verwirrung komplett. Die politische Geschäftsführerin Marina Weisband ist ein gutes Beispiel dafür: sie bloggt, sie twittert, sie postet bei Facebook auf zwei Accounts und lässt auch in gedruckten Berichten und Fernsehtalkshows viel privates durchblicken. Dennoch traue ich ihr voll und ganz zu, Privatsphäre anderer zu verstehen und zu respektieren und sich in der Politik für eben deren Aufrechterhaltung einzusetzen. Dabei sind die letzten beiden Links jeweils sehr gute Beispiele dafür, dass die klassischen Medien genau diesen Unterschied nicht verstehen.

Ich benutze Google Mail – na und?

Ich selbst werde ja schon öfters komisch dafür angeguckt, dass ich Google Mail verwende und somit einem großen US-Konzern zugriff auf alle meine Emails gebe. Eine Form der Auswertung ist dabei allen bekannt, für die Nutzer wie mich klar sichtbar und nachweislich dazu geeignet, das Google damit seine kostenlosen Dienstleistungen monetarisiert: Passend zu Wörtern, die in der Mail vorkommen, wird mir neben der Mail textuelle Werbung angezeigt. Natürlich könnten sie in der Theorie mehr mit diesen Daten machen. Ob bzw. was genau noch damit geschieht, ist aber bloße Spekulation. Dennoch gibt es Menschen, die es nicht mit sich vereinbaren könnten, ihre Privatsphäre soweit aus der Hand zu geben. Das ist völlig o.k. und verständlich, nur eben nicht das, was ich für mich persönlich entschieden habe. Man muss stets technische Vorteile und praktischem Komfort abwägen gegen die Einbußen die man im Datenschutz macht, und ich habe in dem Fall so entschieden und kann zu einem anderen Zeitpunkt anders entscheiden.

Aber Daten, auf die Google eventuell Zugreift, vielleicht sogar an irgendwelche Firmen verkauft, sind damit ja immer noch nicht für viele oder gar jeden direkt öffentlich. Sich also über soziale Netzwerke, eigene Blogs und Webseiten oder über klassische Medien zu öffnen, geht noch einen ganzen Schritt weiter als nur einen Google-Dienst zu nutzen. Darüber schreibe ich aber ein andern mal und möchte mich jetzt eher auf etwas technisches konzentieren…

Ist Cubenet der Anfang oder das Ende des Datenschutzes…?

Ich habe mich in den letzten 7 Jahren mit nichts so intensiv befasst wie mit meiner Netzwerktechnologie “Cubenet”. Zur Erinnerung: das ist (bzw. wird vielleicht einmal) eine Programmkomponente, auf deren Basis sich vernetzte Software entwickeln lässt, vom Musikplayer über soziale Netze bis hin zu Warenwirtschaftssystemen.

(Cubenet wäre eigentlich unter http://cubenet.lenaschimmel.de ausführlich dokumentiert, diese Subdomain ist aber aus [mir bekannten] technischen Gründen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags gerade offline.)

Je nach dem, wie man diese Technologie einsetzen würde, wäre sie geeignet um die digitale Privatsphäre in nie dagewesenem Ausmaß zu zerstören, oder um sie wieder komplett herzustellen. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, was dieser (scheinbare) Widerspruch bedeutet. Zeitweise hat mich die Aussicht auf eine Technologie, die endlich jedem die Herrschaft über seine Daten zurück gibt, massiv angespornt. Dann gab es Phasen in denen der Gedanke, dass ich damit das Gegenteil bewirken könnte, so sehr bedrängt dass ich mich nicht traute, weiter zu machen. Zu groß waren meine ethischen Bedenken. Und selbst wenn ich es mit mir selbst verantworten könnte, so liegt doch darin das Potential zu einem der meistgehassten Menschen der Welt zu avancieren.

Es sind nicht nur diese Unstimmigkeiten, die dazu geführt haben, dass mein Projekt Cubenet seit längerem wieder mal pausiert ist. Es sind auch private Umstände (z.B. meine Transsexualität) und wirtschaftliche (ich stecke derzeit viel Zeit in unser Unternehmen “Greenmobile Innovations UG“), die mich derzeit davon ablenken. Aber Cubenet lebt in meinem Kopf weiter und profitiert von dem, was ich im Alltag dazu lerne.

…oder ist es beides?

Denn inzwischen fügt sich in meinem Kopf ein stimmiges Gesamtbild des Widerspruchs zusammen: Jeder Mensch wählt frei, welche Technologien er nutzt und wie er das tut. So bietet jeder noch so datenhungrige Dienst jedem Menschen die Möglichkeit, ihn nicht oder nur sehr eingeschränkt zu nutzen und so eine Daten zu schützen, bzw. sich selbst vor seinen Daten zu schützen. Wer das tut, kommt natürlich auch nicht in den Genuss aller Vorzüge dieser Dienste. Somit ermöglicht jede Technologie maximalen Datenschutz durch Nichtnutzung. Egal wie gut oder schlecht nun der Datenschutz innerhalb von Cubenet wäre: Solange dessen Ausmaß für die (potentiellen) Nutzer realistisch abschätzbar ist, hat er die zuvor genannte Wahlfreiheit.

Nur ist es immer eine unschöne Wahl, ein Kompromiss, entweder auf Komfort und Leistung oder auf Datenhoheit zu verzichten. Wie man es macht, man macht es auch immer ein bisschen falsch. Und das wäre es, was Cubenet anders machen würde, wenn ich es denn so verwirklichen kann wie ich es plane. Cubenet ließe sich theoretisch so einsetzen, dass man die volle Funktionalität genießen könnte, und gleichzeitig die Herrschaft über die eigenen Daten behielte. Das wäre ein absolutes Novum. Aber diese Möglichkeit löst nicht die derzeit vorhanden Kompromisse zwischen Funktion und Datenschutz ab. Sie wäre nur eine Ergänzung, eine zusätzliche Option. Nutzer könnten sich bei der Nutzung immer noch so zurückhalten, dass ihnen die Vorteile nicht zu gute kämen. Oder sie könnten es so unkritisch und ungeschickt nutzen, dass sie all ihre Daten unwiderruflich an alle preisgeben und eventuell nicht mal einen Vorteil davon haben.

Medienkompetenz wird zum Pflichtprogramm

Die Medienkompetenz, die man heutzutage im Internet braucht, man wird sie vermutlich immer brauchen, in jedem Fall auch für die Nutzung von Software, welche auf Cubenet basiert. Aber es kommt quasi von selbst, dass die Menschen diese Kompetenz aufbauen. Niemand kann dazu gezwungen werden, sich damit zu befassen. Aber inzwischen dürfte wohl jeder von der Problematik gehört haben. In ein paar Jahren werde ich guten Gewissens sagen können: “Wer sich nicht anstrengt, einen Dienst verantwortungsvoll zu nutzen, darf sich hinterher nicht beschweren wenn seine Daten sonst wo landen.” Vorausgesetzt natürlich, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um diese verantwortungsvolle Nutzung möglich zu machen.

Und unter diesen Voraussetzungen habe ich keinerlei Zweifel mehr daran, dass ich Cubenet weiter entwickeln und Veröffentlichen sollte.

(Ich entschuldige mich schonmal, falls dieser Beitrag – insbesondere der Teil zu Cubenet – für viele Leser zu abstrakt war. Das wird später hoffentlich alles mal klar, was ich meine…)